Das Streben nach Mehr ist eine Überlebensstrategie der Vergangenheit

JorbergAnläss­li­ch der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “Besitz und Eigen­tum” haben wir aus­ge­wähl­te Per­so­nen um Ant­wor­ten auf die zen­tra­len Fra­gen des Inter­views gebe­ten. Hier die Ant­wor­ten von Kati Dre­scher und Dr. Ragnar K. Wil­ler, den Initia­to­ren der Slow Living Con­fe­ren­ces.

Mein Haus, mein Auto, mei­ne Yacht – viel zu besit­zen, wird heu­te über­wie­gend als etwas Posi­ti­ves ange­se­hen. Für den Phi­lo­so­phen Dio­ge­nes von Sinope bestand die rich­ti­ge Lebens­wei­se hin­ge­gen dar­in, allem Mate­ri­el­len zu ent­sa­gen. Er soll in einem Fass gewohnt und selbst noch sei­nen Becher weg­ge­wor­fen haben, als er ein Kind aus den Hän­den trin­ken sah. War er ein Spin­ner?

Grund­sätz­li­ch sind wir davon über­zeugt – und dies ist ja auch ein Motiv für die Aus­rich­tung der Slow Living Con­fe­ren­ce – dass sich der­zeit kol­lek­ti­ve und indi­vi­du­el­le Wert­vor­stel­lun­gen hin­sicht­li­ch Sta­tus und Pres­ti­ge wan­deln. Unse­re von mate­ri­el­lem Kon­sum beherrsch­te Lebens­wei­se ver­än­dert sich. Für eine wach­sen­de Zahl von Men­schen ist weni­ger die Stei­ge­rung des mate­ri­el­len Besit­zes erstre­bens­wert als die Ver­bes­se­rung der Qua­li­tät des eige­nen Lebens. Die­ser Wan­del ist gera­de auch im demons­tra­ti­ven Kon­sum sicht­bar. Das Wohl­stands­den­ken im Sin­ne von „mein Haus, mein Auto, mei­ne Yacht“ ver­än­dert sich und die Men­schen legen mehr Wert auf einen nach­hal­ti­gen Wohl­stand, der weni­ger von Kon­junk­tur­zy­klen und Bör­sen­kur­sen abhän­gig ist. Welt­weit ver­än­dern sich also die Lebens­prio­ri­tä­ten vie­ler Men­schen. Sicher­heit wird wich­ti­ger als Frei­heit, Gesund­heit wich­ti­ger als Geld, Fort­schritt wich­ti­ger als Wachs­tum, Arbeits­platz­ga­ran­tie wich­ti­ger als Ein­kom­mens­er­hö­hung, Nach­bar­schafts­hil­fe wich­ti­ger als sozia­le Amts­hil­fe, Gene­ra­tio­nen­be­zie­hun­gen wich­ti­ger als Part­ner­be­zie­hun­gen und Bestän­dig­keit wich­ti­ger als Belie­big­keit. Zugleich ver­stärkt sich die Suche nach Sinn, Halt und Hei­mat. Die Men­schen inter­es­sie­ren sich wie­der mehr für eine bes­se­re Gesell­schaft und wol­len auch mit­hel­fen, eine bes­se­re Gesell­schaft zu schaf­fen. In die­ser Gemenge­la­ge den­ken vie­le Men­schen dar­über nach, was sie in ihrem Leben wirk­li­ch benö­ti­gen und die­se Fra­ge beant­wor­ten sie heu­te wesent­li­ch dif­fe­ren­zier­ter als noch vor eini­gen Jah­ren. Vie­le von uns stel­len sich Fra­gen wie: Was brau­che ich? Was passt zu mir? Was passt zu mei­ner Iden­ti­tät und mei­nem Leben? Was tut mir gut, was tut mei­ner – unse­rer – Umwelt lang­fris­tig gut? Und man­che beant­wor­ten die Fra­ge, was sie tat­säch­li­ch brau­chen in einer radi­ka­len Wei­se wie z.B. in der Form eines neu­en, selbst­ge­wähl­ten Mini­ma­lis­mus, eines „Cult of Less“, also des Bestre­bens, mög­lichst wenig zu besit­zen und damit das eige­ne Frei­heits­ge­fühl maxi­mal zu stei­gern.

Die­ses weit­ge­hend besitz­lo­se Leben ist eigent­li­ch kein neu­es Phä­no­men, es erhält durch das Inter­net nur mehr Auf­merk­sam­keit und wird popu­lä­rer, wie die gro­ße Anhän­ger­schaft von Blog­gern wie Derek Sivers, Kel­ly Sut­ton, Leo Babau­ta und James Wall­mann beweist. Die gerin­ge­re Bedeu­tung von mate­ri­el­lem Besitz­stand ist auch vor dem Hin­ter­grund der gestie­ge­nen Mobi­li­täts- und Fle­xi­bi­li­täts­an­for­de­run­gen, die vie­le heu­te spü­ren, zu beleuch­ten. Wenn ich z.B. für mei­nen Job rela­tiv fle­xi­bel und mobil sein muss, möch­te ich nicht einen Berg von Kon­sum­gü­tern anhäu­fen, mit dem ich jedes Mal müh­sam umzie­hen muss. Es sind also Ent­wick­lun­gen in ganz unter­schied­li­chen Berei­chen, die die­sen Bewusst­seins­wan­del antrei­ben. Besitz­stand hat dem­nach für vie­le Men­schen eine gerin­ge­re Bedeu­tung. Zwei­fel­los gilt das in der aktu­el­len Situa­ti­on vor allem für mate­ri­ell rei­che Gesell­schaf­ten. Das dar­ge­stell­te Phä­no­men des teil­wei­sen Anse­hens­ver­lus­tes mate­ri­el­ler Güter wird fer­ner bestärkt durch die Evo­lu­ti­on des Kapi­ta­lis­mus in dem die gemein­sa­me Nut­zung von Gegen­stän­den eine grö­ße­re Rol­le spielt. In der Sharing Eco­no­my geht es weni­ger um den Besitz als um den Zugang zu und die Nut­zung von bestimm­ten Gütern. Ich muss also gar kein eige­nes Auto besit­zen, wenn ich indi­vi­du­ell unter­wegs sein möch­te. Ich brau­che nur den Zugang, z.B. über Car-Sharing-Ange­bo­te. Sharing ist das neue Zau­ber­wort.

In die­sem Zusam­men­hang hin­ter­fra­gen wir auch gesell­schaft­li­che Kon­ven­tio­nen, die mate­ri­el­len Besitz­stand mit Sta­tus und Pres­ti­ge gleich­set­zen, ent­schlos­se­ner. Und hier schließt sich dann der Kreis zu Dio­ge­nes. Denn Dio­ge­nes stell­te ja mit sei­nem Han­deln gesell­schaft­li­che Kon­ven­tio­nen in Fra­ge und war bestrebt sei­ner Umge­bung deut­li­ch zu machen, dass sie sich von fal­schen Idea­len und über­flüs­si­gen Bedürf­nis­sen frei machen soll­te, um sich wirk­li­ch frei zu füh­len. Bereits im anti­ken Athen mach­ten sich vie­le Bür­ger zu Skla­ven für Din­ge, die sie mög­li­cher­wei­se gar nicht brauch­ten – sie aber glaub­ten, die­se besit­zen zu müs­sen. Der Kern der Aus­sa­gen Dio­ge­nes bil­det als nicht die For­de­rung nach einem aske­ti­schen Leben, son­dern die Fra­ge, was brau­che ich wirk­li­ch? Und die­se Fra­ge ist für vie­le rele­van­ter denn je.


Wenn ich ein Haus habe, muss ich mir um die Mie­te kei­ne Sor­gen machen –, aber ande­rer­seits auch Ver­lust­ängs­te mit sich bringt. Wel­chen Tipp geben Sie Men­schen, die sich von ihrem Besitz nicht befreit, son­dern gefan­gen genom­men füh­len?

Wir glau­ben, dass vor allem Frei­heit glück­li­ch macht. Wenn wir also mit dem Besitz Frei­heit ver­bin­den, wer­den wir uns auch glück­li­ch füh­len. Ist das nicht der Fall wird der Besitz eher zur Last, zur Belas­tung. Ob Besitz glück­li­ch macht, ist also ein sehr indi­vi­du­el­les Phä­no­men und sicher­li­ch auch vom jewei­li­gen Objekt und Zeit­punkt abhän­gig. Wir stel­len fest, dass immer mehr Men­schen, das Sam­meln und Besit­zen von imma­te­ri­el­len Din­gen, wie Erfah­run­gen und Erleb­nis­sen, mit wah­rem Besitz und weni­ger mit mate­ri­el­len Gütern ver­bin­den. Der Hin­ter­grund zu unse­ren Über­le­gun­gen ist fol­gen­de Tat­sa­che: das Stre­ben nach Mehr ist eine Über­le­bens­stra­te­gie der Ver­gan­gen­heit, die sich in der Mensch­heits­ge­schich­te auch bewährt hat. Nun­mehr leben wir jedoch im 3. Jahr­tau­send und wir bezwei­feln immer stär­ker, ob ein Schnel­ler, Höher, Wei­ter – und damit auch mehr Besitz – unser Über­le­ben und damit auch unser Glück in die­sen kom­ple­xen Zei­ten wirk­li­ch sicher­stel­len wird. Mit die­ser Ein­stel­lung ändern sich auch die Lebens­prio­ri­tä­ten. Zusam­men­ge­fasst geht es dar­um, gut zu leben statt mate­ri­ell viel zu besit­zen.

Der durch­schnitt­li­che Bür­ger in Euro­pa besitzt cir­ca 10.000 Gegen­stän­de. Wahr­schein­li­ch lässt auch die­se Fül­le an Gegen­stän­den die Sehn­sucht nach dem Schlich­ten wach­sen. Zumal wir mitt­ler­wei­le so vie­le Din­ge besit­zen, dass die emo­tio­na­le Bin­dung zu vie­len von ihnen kaum gege­ben ist und sie uns dadurch nicht glück­li­ch zu machen schei­nen. Daher lau­tet unser Tipp: Ver­rin­ge­re Dei­nen Besitz stra­te­gi­sch, wer­de die Din­ge los, die Du als Bal­last emp­fin­dest und Du wirst Dich befrei­ter und glück­li­cher füh­len. Denn das Los­las­sen wird Dir Frei­heit und Ener­gie spen­den.


Dem US-ame­ri­ka­ni­schen Öko­no­men Dani­el Roth­schild zufol­ge kann mit­tels der Sharing Eco­no­my (SE) totes Kapi­tal akti­viert und gegen­sei­ti­ge Hil­fe und Zusam­men­halt in eine Ein­nah­me­quel­le umge­wan­delt wer­den. Ist das „Nut­zen statt Besit­zen“ tat­säch­li­ch die Zukunft oder sehen Sie auch Gefah­ren, die mit dem Kon­zept der SE ein­her­ge­hen?

Die Ana­ly­sen von Dani­el Roth­schild sind sehr wert­voll, da sie auf­zei­gen, wel­ches Poten­ti­al hin­ter soge­nann­tem totem, unge­nutz­tem Kapi­tal, z.B. in Form von leer­ste­hen­den Räu­men, unge­brauch­ten Haus­halts­ge­rä­ten oder par­ken­den Fahr­zeu­gen schlum­mert. Das Inter­net bie­tet die Mög­lich­kei­ten, das Leben der Men­schen z.B. durch die Sharing Eco­no­my zu ver­bes­sern, weil es Infor­ma­tio­nen, die bis­lang nur schwer oder gar nicht zu bekom­men waren, in kür­zes­ter Zeit für jeder­mann zugäng­li­ch macht und damit die Kos­ten redu­ziert. Kon­su­men­ten kön­nen in einer Sharing Eco­no­my also nicht genutz­tes Kapi­tal auf den Märk­ten anbie­ten und sich dadurch mög­li­cher­wei­se öko­no­mi­sch bes­ser stel­len. Was wir jedoch zu beden­ken geben möch­ten, ist die Tat­sa­che, dass Dani­el Roth­schild die Sharing Eco­no­my vor allem aus einer öko­no­mi­schen Sicht­wei­se betrach­tet und damit Eigen­nutz ins Zen­trum der Über­le­gun­gen stellt. Nicht jeder, der an der Sharing Eco­no­my teil­nimmt, will jedoch sei­nen Nut­zen öko­no­mi­sch maxi­mie­ren und han­delt rein ratio­nal. Es mag auch ande­re Beweg­grün­de geben, denn der Men­sch han­delt im rea­len Leben auch oft außer­halb der Maß­ga­ben öko­no­mi­scher Ver­nunft, wie dies Nico Stehr in sei­nem Werk „Die Mora­li­sie­rung der Märk­te“ aus­führ­li­ch dar­legt. Wer also die Sharing Eco­no­my tief­grün­dig ver­ste­hen will, soll­te sie nicht nur öko­no­mi­sch unter­su­chen. Wer näm­li­ch eine rein öko­no­mi­sche Sicht­wei­se auf­stellt, wird die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen nicht erken­nen kön­nen. Das Modell der Sharing Eco­no­my ist ja nicht per se gut, son­dern auch in ihr gibt es Mög­lich­kei­ten ande­re aus­zu­beu­ten, zu ver­drän­gen oder zu unter­drü­cken. Und um das zu ver­mei­den, wird sogar staat­li­che Regu­lie­rung not­wen­dig sein, etwas was Dani­el Rot­schild ja eigent­li­ch als kon­tra­pro­duk­tiv im Sin­ne der Sharing Eco­no­my erach­tet.

Zum Abschluss muss die Fra­ge erlaubt sein, ob wir mit den öko­no­mi­schen Begrif­fen und Model­len des 19. und 20. Jahr­hun­derts Phä­no­me­ne wie die Sharing Eco­no­my über­haupt bewer­ten soll­ten? Sind Zah­len wich­ti­ger als Men­schen, ist Geschäft wich­ti­ger als Gemein­schaft, ist Wachs­tum wich­ti­ger als nach­hal­ti­ge Qua­li­tät? Die­sen engen öko­no­mi­schen Blick­win­kel wol­len wir kri­ti­sch über­den­ken – auch dafür haben wir die Slow Living Con­fe­ren­ce ins Leben geru­fen.


Frü­her war es ganz nor­mal, dass man jeman­dem gehört hat – man den­ke an Leib­ei­gen­schaft, aber auch an die Vor­stel­lung, Gott oder in einen natür­li­chen Zusam­men­hang zu gehö­ren. Heu­te ist es für uns selbst­ver­ständ­li­ch, frei über unser Leben zu bestim­men. Den­no­ch beschleicht einen das Gefühl, dass der mit der Auf­klä­rung begon­ne­ne eman­zi­pa­to­ri­sche Pro­zess inzwi­schen ins Gegen­teil umge­schla­gen ist: in die Abschot­tung, Ver­ein­ze­lung, das Sich-Zurück­zie­hen. Hat die Auf­fas­sung, Herr sei­ner selbst und zual­ler­er­st für sich selbst ver­ant­wort­li­ch zu sein, ihr befrei­en­des Moment ver­lo­ren?

Wir mei­nen, dass die aktu­ell beob­ach­te­te Abschot­tung, z.B. mit dem Bau von Wohn­an­la­gen mit beson­de­ren Sicher­heits­vor­keh­run­gen (Gated Com­mu­nities) oder ins­ge­samt die fort­schrei­ten­de Indi­vi­dua­li­sie­rung nicht das Ende des mit der Auf­klä­rung begon­ne­nen Aus­gangs aus unser selbst­ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit dar­stellt. Eher sind die Grün­de, war­um sich Men­schen abschot­ten, in der Gestalt der Risi­ko­ge­sell­schaft zu suchen, da wir spü­ren, wie der Moder­ni­sie­rungs­pro­zess selbst zum Pro­blem, zum Risi­ko wird. So sehen wir heu­te die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten, die z.B. das Inter­net bie­tet, kri­ti­scher und begin­nen die Risi­ken zumin­dest ansatz­wei­se zu ver­ste­hen. So ent­steht z.B. der Wunsch off­line zu sein nicht nur aus dem Gefühl her­aus, dass uns das Digi­ta­le zu stark ablenkt, son­dern auch, dass mit dem stän­di­gen Online-Sein auch Risi­ken ver­bun­den sein könn­ten. Wenn sich also heu­te Men­schen abschot­ten, hat dies mit unse­rem Sicher­heits­be­dürf­nis zu tun. In unse­rer Gene­ra­ti­on sehen wir zudem, dass ein Sich-zurück-zie­hen belieb­ter wird, weil vie­le füh­len, dass ihnen bestimm­te Din­ge nicht gut tun und sie im Dia­log mit sich selbst Klar­heit erlan­gen wol­len. Dafür muss man eben auch ein­mal allei­ne sein. Wir sehen eine Abschot­tung eher als Suche der Gesell­schaft. Selbst­be­stimmt sein Leben zu füh­ren, ist nach wie vor befrei­end. Mit dem Leben sind nur – und hier spre­chen wir auch wie­der­um stär­ker für unse­re Gene­ra­ti­on – eben aber auch wesent­li­ch mehr indi­vi­du­el­le Risi­ken ver­bun­den, die frü­her durch Fami­lie, Gemein­schaft, Gesell­schaft abge­fe­dert wur­den. Wir haben also mehr Ver­ant­wor­tung für uns selbst und müs­sen daher für uns indi­vi­du­ell ent­spre­chen­de Stra­te­gi­en ent­wi­ckeln. Das Posi­ti­ve ist, dass wir jedoch auch wesent­li­ch mehr Frei­hei­ten haben, um unse­re eige­nen Stra­te­gi­en zu ent­wi­ckeln.

Frau Dre­scher, Herr Wil­ler, auf was wür­den Sie nicht ver­zich­ten wol­len?

Wir möch­ten vor allem nicht auf unse­ren kri­ti­schen Geist, Gesund­heit und Wohl­be­fin­den sowie Fami­lie und Freun­de ver­zich­ten. In die­sem Punkt haben wir wohl recht klas­si­sche Ansich­ten.

wbernhardt