Freiheit als Leitbild – Claus Dierksmeier

Freiheit

Freiheit als Leitbild – und die Leitbilder der Freiheit

von Claus Dierksmeier

 

Dierksmeier

Claus Dierksmeier ist Professor für Globalisierungsethik sowie Direktor des Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen. Vom ihm ist soeben erschienen: Qualitative Freiheit. Selbstbestimmung in weltbürgerlicher Verantwortung (Transcript Verlag).

„Freiheit über alles lieben!“, war ein Wahlspruch Beethovens im Anschluss an Schillers Don Karlos. Heute aber haben viele liberal gesinnte Bürger ein ungutes Gefühl, wenn sie sich öffentlich zur Idee der Freiheit bekennen sollen. Einige tendieren zum konservativen Lager, weil sie Freiheit eher durch Verantwortung als durch Freizügigkeit ausgedrückt sehen möchten. Andere landen links, weil sie sehen, dass Freiheit Voraussetzungen braucht, welche der Markt nicht schafft. Weitere zweifeln aus ökologischen Gründen an der Idee der Freiheit, da sie allzu sorglos über die Bedürfnisse der Natur hinweg zu tanzen scheint. Daraus erwächst der Liberalität in offenen Gesellschaften eine ernstzunehmende Bedrohung. Zeit also, anhand der Krise des Leitbilds „Freiheit“ über die Leitbilder der Freiheit selbst nachzudenken.

Warum erscheint es uns heute schwerer als ehedem, Freiheit „über alles“ zu lieben? Liegt das daran, dass zu Schillers und Beethovens Zeiten die Verhältnisse weniger liberal waren? Unterdrückten muss niemand den Wert der Freiheit erklären. Wo Freiheit in der Praxis fehlt, mangelt es selten an ihrer theoretischen Wertschätzung. Unfreiheit zu benennen und zu bekämpfen, ist jedoch leichter, als erlangte Freiräume zu gestalten. Wo der konturscharfe Schatten der Unfreiheit beseitigt ist, bricht sich das weiße Licht der Freiheit in den Prismen unterschiedlichster Freiheitsverständnisse. Das Schwarz-Weiß der Befreiungskämpfer weicht den nuancierten Farbpaletten offener Gesellschaften. Und in dieser Buntheit freiheitlicher Lebens- und Politikentwürfe gerät der zuvor noch fraglose Drang zur Freiheit zur drängenden Frage: Welchem Leitbild ist zu folgen, wenn die Freiheit der einen mit der Freiheit der anderen konkurriert?
Kurz: Sobald Freiheit nicht mehr mit Unfreiheit kämpft, ringt der Liberalismus mit sich selbst. Er hat vom Baum der Erkenntnis gegessen und die bittere Einsicht gewonnen, dass die Freiheit einiger die Voraussetzungen der Freiheit anderer – ja, aller – ruinieren kann. Dies raubt dem liberalen Denken seine vormalige Unschuld. So erkennt der heutige Liberalismus im gegenwärtigen Mangel an sozialer, moralischer und ökologischer Nachhaltigkeit nicht zuletzt seinen gestrigen Sündenfall. Peinlich ist vielen Liberalen bewusst, nunmehr aus dem Paradies moralischer Eindeutigkeit vertrieben zu sein. Fortan haben die Freunde der Freiheit ihre Heimstatt in einer gerade auch durch Freiheit gefährdeten Welt zu bauen. Und dafür muss der Liberalismus jetzt im Schweiße seines Angesichts arbeiten: an einer Reform seines eigenen Leitbilds.

Derzeit konkurrieren zwei gegensätzliche Leitbilder von Freiheit um die Vorherrschaft über den liberalen Diskurs: die Konzeptionen quantitativer und qualitativer Freiheit. Während es quantitativ gedachter Freiheit auf ein „je mehr, desto besser“ an Freiheitsoptionen ankommt, setzt qualitativ ausgerichtete Freiheit ihren Akzent auf ein „je besser, desto mehr“. Quantitative Freiheit umschreibt ein maximierendes Grundanliegen, dem es auf die höchstmögliche Anzahl oder die größtmögliche Ausdehnung individueller Wahlmöglichkeiten ankommt. Freiheit wird dabei vor allem in Unabhängigkeit (Independenz) gesehen. Der Mitmensch gilt als potenzieller Störer jener Freiheit und muss daher in klare Schranken verwiesen werden.
Die Idee der qualitativen Freiheit will uns demgegenüber für das notwendige Bewerten, Schaffen und Verändern jener Möglichkeiten sensibilisieren: einige sollten wir besonders fördern, andere weniger. Während quantitative Freiheit darauf sinnt, wieviel Freiheit dem Einzelnen gewährt wird, achtet qualitative Freiheit darauf, welche Freiheiten wir einander einräumen und wessen Freiheit wir ermöglichen. Diese Konzeption von Freiheit unterstreicht, dass Menschen aufeinander angewiesen sind (Interdependenz). Mitmenschen werden so als Personen sichtbar, die uns neue, andere Optionen eröffnen, zu denen wir alleine gar keinen Zugang hätten. Die Idee qualitativer Freiheit erkennt daher in der Übernahme von Verantwortung für unsere Mit-, Um- und Nachwelt kein quantitatives Minus an Freiheit, sondern ein qualitatives Bonum.

Diese beiden Leitbilder der Freiheit führen zu spürbaren Differenzen in der Lebenswelt, zum Beispiel hinsichtlich der Frage, ob und wie Politik Einfluss auf die Wirtschaft nehmen sollte. Denn wer Freiheit quantitativ denkt, versteht Liberalisierung gerne als Deregulierung im Interesse der Maximierung privater Optionen und individueller Freizügigkeit. Wer Freiheit qualitativ denkt, erkennt Liberalisierung hingegen in einer wechselseitigen Optimierung individueller wie kollektiver Lebenschancen zum Zwecke allseitiger Autonomie. Statt einer Welt der quantitativ unbegrenzten Möglichkeiten, in der einige Wenige alles erwerben können, wird eine Welt der qualitativ sinnvollen Wirklichkeiten angestrebt, in der alle Etliches zu erreichen vermögen. Wirtschaftspolitischen Gestaltungsverboten quantitativer Freiheitstheorien setzen qualitativ orientierte Ansätze daher oft ein ausdrückliches Gestaltungsgebot entgegen.
Urteilsenthaltung über das Wesen der Freiheit stützt die jeweils dominanten Leitbilder; und das ist ebenso kritikwürdig und rechtfertigungsbedürftig wie die Standpunkte, die dadurch bestärkt werden. Wer nicht wählt, wählt auch – nämlich das Bestehende. – Welches Leitbild für die Freiheit also sollten wir wollen? Schiller und Beethoven geben hier einen wichtigen Hinweis: Lieben kann man nur Bestimmtes, Konkretes. Eine ganz und gar abstrakte Vorstellung von Freiheit, der alle Optionen gleich gelten, lässt die Menschen gleichgültig. In der Tat: Freiheit hängt mehr an der Klasse als an der Masse unserer Optionen. Jedem leuchtet ein, dass eine kleine Menge guter Wahlmöglichkeiten einer großen Menge scheußlicher Optionen vorzuziehen ist. Entsprechend müssen wir uns von der stupiden Armut des Optionenzählens lösen, um für den stupenden Artenreichtum der Freiheit empfänglich zu werden. Qualitatives Abwägen kommt vor quantitativem Abwiegen!

Wie aber grenzt man sinnvolle von sinnlosen Optionen ab? Der richtige Maßstab dafür scheint mir eben jene Globalität zu sein, die der Freiheit gegenwärtig zur Herausforderung wird. Individuelle Freiheit, die sich am Verlangen nach universeller Freiheit ausrichtet – und sich entsprechend im Dienste an der Emanzipation und Befähigung von Mitmenschen selbst beschränkt –, ist mit sich selbst im Einklang. Umgekehrt wirft man einem Freiheitsverlangen, das nur an der Wahrung des eigenen Besitzstands interessiert ist, aber den Armen und Marginalisierten dieser Welt die kalte Schulter zeigt, zu Recht eine Doppelmoral vor. Knapper formuliert: Die Übernahme von kosmopolitischer Verantwortung reduziert Freiheit nicht, sondern realisiert sie. Von dieser qualitativen Warte aus besehen, erscheinen sodann viele Forderungen nach Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit weniger als Angriffe auf gegenwärtige, sondern vielmehr als ein Engagement für zukünftige Freiheit. Also: Je moralisch, sozial und ökologisch verantwortlicher eine Freiheit ist, umso stärker sollten wir sie fördern. Freiheit verpflichtet – und das zeigt sich auch schon mal im Reduzieren von Optionen: Weniger kann bisweilen besser sein.
Im bildhaften Vergleich: Quantitative Freiheitstheorien betrachten Freiheit wie einen Bogen Papier, der umso kleiner wird, je mehr Personen ein Stückchen davon erhalten. Es läge demnach also im Interesse der Einzelnen, andere – sofern sie uns nichts Attraktives zum Tausch anzubieten haben – von jenem knappen Gut auszuschließen, um den eigenen Anteil an der Freiheit zu vergrößern. Qualitative Freiheit tendiert dagegen dazu, Freiheit wie ein Licht anzusehen, dessen Leuchtkraft umso stärker wird, je mehr Personen es erhalten.

Ich meine: Wir sollten dem Leitbild qualitativer Freiheit folgen und in seinem Lichte, die divergierenden Zielsetzungen der Individuen und Gemeinwesen miteinander vermitteln (um Freiheit zu erhalten), koordinieren (um Freiheit zu gestalten) und unsere persönliche Freiheit zum Wohle der Autonomie anderer einbringen (um Freiheit zu entfalten). Die Faszination der Freiheit kann alle Menschen ergreifen, sofern wir Freiheit als unteilbar begreifen und uns der aus ihr erwachsenden kosmopolitischen Verantwortung stellen. Am qualitativen Leitbild einer allen Menschen verpflichteten Freiheit orientiert, kann die Idee der Freiheit erneut zum zentralen Leitbild unserer Zeit aufrücken.

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Dieser Artikel ist erstmals in der Ausgabe 3/2016 LEITBILDER erschienen. In dieser Ausgabe stellen 25 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Philosophie, Medizin, Justiz, Kultur, Architektur, Gastrononomie u.v.m. die Bilder vor, die uns in orientierungslosen Zeiten leiten könnten.

3 Comments

  1. Ich meine, qualitative Freiheit ist mit Nächstenliebe weitgehend kompatibel, wenn mann letztere so sieht,dass
    sie dem Nächsten mehr Möglichkeiten, Freiheiten einräumt und ihn befähigt, sie zu realisieren. Das muss nicht mit einem Weniger an eigener Freiheit einhergehen, etwa nach “Mir geht es gut (oder sogar besser), wenn es dir auch gut geht.”

  2. Korrektur
    Je geringer der Zustand Freiheit, desto geringer die Zustände Gerechtigkeit und Sicherheit.

    Ergänzung
    Je geringer der Zustand Sicherheit, desto geringer die Zustände Gerechtigkeit und Freiheit.

  3. Es existiert KEINE persönliche Freiheit,
    weder qualitativ, noch quantitativ. Als Einzelner kann sich der Mensch höchstens frei fühlen. Freiheit ist ein Zustand zwischen Menschen, ebenso wie die Zustände Gerechtigkeit und Sicherheit. Allein hieraus ist ersichtlich, daß alle drei Begriffe direkt voneinander abhängen. Je höher der Zustand Gerechtigkeit, desto höher die Zustände Sicherheit und Freiheit. Je geringer der Zustand Freiheit, desto geringer die Zustände Gerechtigkeit und Freiheit. Im Grunde sehr einfach zu verstehen. Die Zustände Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit können nicht verordnet, das bedeutet quantitativ nicht erfaßt werden.
    Konkurrierend und Freiheit ist bereits ein Widerspruch in sich, denn Konkurrenz ist zwingend fremdbestimmt.
    Isaiah Berlins positive und negative Freiheitsbegriffe ergeben keinen Sinn, wenn ein Mensch verstanden hat, daß hier geschaffene Realität (Staat/Gesetze/Vorschriften/Regeln) und Wirklichkeit (Menschen) vermengt werden.
    Etwas, was der Anhänger des Liberalismus niemals verstehen wird, daß seine Grundwerte sich gegenseitig ausschliessen…und als Ergebnis immer und immer wieder zu Extremismus/Totalitarismus führt.
    Der Liberalismus hat, hatte und wird niemals mit Freiheit zu tun haben, außer der Tatsache, daß er von Freiheit gerade nichts versteht und den Zustand Freiheit folglich ständig weiter zerstört.

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