Reich und schön – sonst noch was? oder: Was ist an Finanzen elegant?

Reich und schön – sonst noch was?
oder: Was ist an Finanzen elegant?

Finanz&Eleganz „Finanz“ und „Ele­ganz“, das klingt schon ein­mal schön zusam­men. Was kön­nen wir dar­aus machen?
In die­ser klei­nen Kolum­ne „Finanz und Ele­ganz“, einem Blog im agora42-Uni­ver­sum, soll den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len, Behaup­tun­gen einer­seits und dem Finanz­markt ande­rer­seits nach­ge­gan­gen wer­den.

Eine begriff­lich-inhalt­li­che Kopp­lung dürf­te allen plau­si­bel sein: ele­gan­te Lösun­gen für mathe­ma­ti­sche Pro­ble­me. Hat jeder in der Schu­le erlebt: „Ja, Bernd, Du kannst das alles müh­sam ein­zeln aus­rech­nen und dann die Brü­che addie­ren – aber schau mal: So geht das viel schnel­ler und direk­ter…“ „Ele­gant“ eben.

Und nun wis­sen wir ja alle, dass Finanz­märk­te viel mit Mathe­ma­tik zu tun haben. „Quants“ erfin­den tol­le Finanz­pro­duk­te, tech­ni­sche Ana­lys­ten schau­en in die Zukunft, Wahr­schein­lich­kei­ten wer­den berech­net und Aus­fall­ri­si­ken kal­ku­liert. Wer das ver­ste­hen will, der muss nach ele­gan­ten Lösun­gen und dem Mus­ter hin­ter den Zah­len suchen.

Aber Ele­ganz ist mehr als nur die opti­ma­le Orga­ni­sa­ti­on der Kern­kom­pe­ten­zen des Rechen­knechts.
Durch­wan­dern wir ein­mal das Wort­feld „Ele­ganz“ und spü­ren den Asso­zia­tio­nen nach, die uns begeg­nen. Wir fin­den da immer Gewandt­heit, Dis­tink­ti­on und Exklu­si­vi­tät, Rein­heit, Schön­heit, Ange­mes­sen­heit der ästhe­ti­schen Mit­tel – und, first and fore­most, LÄSSIGKEIT – immer leicht, immer aus dem Hand­ge­lenk prä­sen­tiert. Ele­ganz ist das Zusam­men­klin­gen von Effek­ti­vi­tät und äußer­li­cher Wir­kung, von ratio­na­ler Durch­füh­rung und emo­tio­na­ler Auf­füh­rung.

Ele­gan­tia – Das bedeu­tet Frei­heit und Öko­no­mie ins Sicht­ba­re über­tra­gen – Unge­zwun­gen­heit, Leich­tig­keit in – schwie­ri­gen Ange­le­gen­hei­ten“, so der fran­zö­si­sche Lyri­ker und Phi­lo­soph Paul Valé­ry. Es gilt, hoch­kom­ple­xe Sys­te­me in ihrem rei­bungs­lo­sen Funk­tio­nie­ren zu ver­ste­hen und das Spiel der Kräf­te zu bewun­dern. Aller­dings gilt es auch, sich zu wun­dern, wenn nichts mehr funk­tio­niert, wenn Moto­ren stot­tern, wenn nur weni­ge von einem weder ele­gan­ten noch intel­li­gen­ten Pon­zi-Sche­me pro­fi­tie­ren oder mit rie­si­gen Geld­sprit­zen in toten Kör­pern her­um­ge­sto­chert wird. Des­we­gen ist Ele­ganz für die Finanz so wich­tig. Weil die Ver­sor­gung mit geld­li­chen Mit­teln über die Finanz­ver­ant­wort­li­chen nicht nur das rei­bungs­lo­se Funk­tio­nie­ren der rea­len Öko­no­mie in Indus­trie, Han­del und Dienst­leis­tun­gen ver­spricht, son­dern weil sie eine eige­ne Sphä­re eta­bliert.
In „Finanz und Ele­ganz“ wer­de ich beschrei­ben, was das ganz Eige­ne die­ser Finanz­sphä­re eigent­lich ist – wo ihre spe­zi­fi­sche Ele­ganz liegt. Denn dar­aus kön­nen wir für alle Wirt­schafts­be­rei­che ler­nen.

In vie­len öko­no­mi­schen Dar­stel­lun­gen wird der Finanz­markt als der reins­te aller Märk­te beschrie­ben – mit voll­kom­me­ner Ange­bots- und Nach­fra­ge­trans­pa­renz, einer breit diver­si­fi­zier­ten Pro­dukt- und Dienst­leis­tungs­span­ne, gro­ßer Fle­xi­bi­li­tät und hoher Umschlags­ge­schwin­dig­keit. Der voll­kom­me­ne Markt also. Vie­le Pro­ble­me, die in den „Nie­de­run­gen“ der Real­wirt­schaft exis­tie­ren, machen hier kei­ne Sor­gen mehr; sie sind durch sau­be­re und eben ele­gan­te Lösun­gen hin­fäl­lig. Kapi­ta­lis­mus auf höchs­tem Niveau. Und ist nicht die Ästhe­tik der Finanz­bran­che über Jahr­zehn­te ein Aus­druck die­ser höhe­ren Wei­hen der Wirt­schaft gewe­sen? Ban­ken, die wie Tem­pel wir­ken, Geschäfts­leu­te, die eigent­lich zu fein für jedes Geschäft aus­se­hen – in grau­en oder schwar­zen Drei­tei­lern, womög­lich mit Taschen­uh­ren an Ket­ten… Aber es ist kein Zufall, dass die­ser Stil abge­löst wur­de – dass der Ban­kier zum Ban­ker wur­de, eine Ver­än­de­rung, die äußer­lich und inner­lich bedeut­sam war.
Die­sem inner­lich-äußer­li­chen Mit­ein­an­der, der Phä­no­me­no­lo­gie und Ide­en­ge­schich­te des Finan­zi­el­len, wird in die­sem Blog nach­ge­spürt. Die Wes­ten­an­zü­ge von John Pier­pont Mor­gan (aber auch sei­ne emp­find­li­che Nase), die Ein­rich­tung der Emp­fangs­be­rei­che von Ver­mö­gens­ver­wal­tern – das wird uns eben­so inter­es­sie­ren wie die aktu­el­len Finanz­pro­duk­te, die neu­en For­men von Deri­va­ten, Fonds und Anlei­hen. Die Mathe­ma­tik der Bör­sen eben­so wie ihre Ästhe­tik und Ethik. So bil­den „Finanz“ und „Ele­ganz“ mehr als nur eine Schick­sals­ge­mein­schaft des End­reims.

Zwei Maxi­men wol­len wir beim Blog­gen nicht ver­ges­sen:

    1. Die Wirt­schaft ist für den Men­schen da – und nicht umge­kehrt.
    2. „Nur ober­fläch­li­che Men­schen urtei­len nicht nach dem Aus­se­hen. Das Geheim­nis der Welt ist das Sicht­ba­re, nicht das Unsicht­ba­re.“ (Oscar Wil­de)

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 2. Sep­tem­ber 2015
Bernd Vill­hau­er

Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts

wbernhardt