01/2011 – Vorsicht Arbeit!

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agora42 1/2011 Vorsicht Arbeit!

Vorsicht Arbeit!

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Editorial


Heute ist die freiwillige Unterwerfung unter ökonomische „Sachzwänge“ und die Gottheit des Marktes mit ihren „Marktgesetzen“ so weit fortgeschritten, dass sie bereits mit Freiheit verwechselt wird.

Vor diesem Hintergrund ist es dringend notwendig, den Begriff der Arbeit, der eng mit Vorstellungen von gesellschaftlichem Zusammenleben, von Freiheit wie auch von Demokratie und Gerechtigkeit verbunden ist, zu überdenken.

Das geht nicht, ohne die Arbeit von dem Sockel zu stoßen, auf den sie über alle Parteigrenzen hinweg gehoben worden ist. Arbeit ist nicht besser als Untätigkeit. Sie ist neutral. Sie kann Positives bewirken, ja. Sie kann aber auch schädlich sein. Und schon gar nicht macht sie frei.

„Arbeit macht frei“ – dieser Satz hat vor allem dadurch Berühmtheit erlangt, dass er über den Toren nationalsozialistischer Konzentrationslager prangte. Natürlich fehlen einem da die Worte. Es fehlt das Adjektiv, das ausdrücken könnte, wie verabscheuenswert es ist, einen Ort fürchterlichen Leids und totaler Vernichtung mit einer solchen Überschrift zu versehen. Dies sollte aber nicht den Blick derartig vernebeln, dass man dabei übersieht, dass zwar die Verwendung dieses Satzes blanken Zynismus darstellt, er aber abgesehen davon ganz und gar nicht zynisch zu verstehen ist, sondern vielmehr eine damals wie heute weitverbreitete Einstellung widerspiegelt: Arbeit erfordert Opfer, aber unter dem Strich steht die Freiheit, die durch sie errungen werden kann und wird.

„Wir Nachgeborenen haben uns, entgegen allen Geschwätzes in den Sonntagsreden, noch immer nicht von diesem Satz befreit, von seiner Bedeutung und seinen Konsequenzen – und zwar deshalb, weil wir nicht diesen Satz, sondern allein die vermeintlich zynische Verwendung dieses Satzes durch die Nazis als Skandal ansehen.“ (Robert Menasse)

Weil Arbeit eben nicht automatisch die Freiheit befördert, weil sie genauso gut Zwänge, Abhängigkeiten und Unmündigkeit verstärken kann, sollte man sich fragen, was sie unter den heutigen ökonomischen Bedingungen bedeutet; unter dem Diktat einer Ökonomie, die sich um sich selbst dreht, die also nicht mehr primär dem Wohl des Menschen dient, sondern deren abstrakte Gesetze umgekehrt die Dienstleistungen der Menschen einfordern. Man sollte sich also fragen, ob Arbeit nicht längst wieder Unfreiheit und Ungerechtigkeit befördert und zur Abschaffung der Demokratie beiträgt. Vieles spricht dafür.

Wenn wir nicht völlig die gesellschaftliche Orientierung verlieren wollen, wenn wir nicht zulassen wollen, dass über Begriffe wie Freiheit, Gerechtigkeit oder Demokratie eine babylonische Sprachverwirrung Einzug hält, müssen wir also in Bezug auf die Arbeit einige Tabus brechen. Ein Anfang wäre schon gemacht, wenn man nicht länger dem naiven Glauben anhinge, dass die freie Wahl des Arbeitsplatzes schon etwas mit wirklicher Freiheit zu tun habe. Man könnte genauso gut einen Vegetarier vor die Wahl zwischen einem Schweineschnitzel und einem Rinderhüftsteak stellen.

Zuerst müssen überhaupt wieder Bedingungen hergestellt werden, die es nicht zynisch erscheinen lassen, von Freiheit zu sprechen. Es ist angesichts des Stellenwerts, den der Begriff der Arbeit hat, sinnvoll, bei ihm anzusetzen. Die vorliegende Ausgabe soll die dafür notwendige Orientierung ermöglichen.


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