Systemwechsel – Marc Elsberg

Systemwechsel

von Marc Els­berg

 

Marc Elsberg

Marc Els­berg, öster­rei­chi­scher Best­sel­ler­au­tor. Foto: Cle­mens Lech­ner

Kli­ma­wan­del, Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus, stei­gen­de Ungleich­heit, Wachs­tums­wahn, Glo­ba­li­sie­rung, Digi­ta­li­sie­rung, Auto­ma­ti­sie­rung – und jetzt noch Völ­ker­wan­de­run­gen!

Wir müs­sen etwas ändern!“, so schallt es allent­hal­ben.

Man könn­te anmer­ken: Die­se Ent­wick­lun­gen ändern doch ohne­hin jede Men­ge.

Aber in die fal­sche Rich­tung!“

Mit­nich­ten!“, erwi­dern Mil­li­ar­den Men­schen in Chi­na, Indien und ande­ren „Schwel­len­län­dern“, die in den ver­gan­ge­nen Deka­den aus der Armut in die Mit­tel­schicht auf­stei­gen konn­ten, sowie wei­te­re Mil­li­ar­den, die das noch ger­ne möch­ten.

Das macht unser Pla­net nicht mit!“, hallt es aus dem Wes­ten wider. (Und der wegen Migran­ten, Kli­ma­wan­del etc. „besorg­te Bür­ger“ schon gar nicht.)

Kei­ne Sor­ge, die Märk­te allo­kie­ren die Res­sour­cen schon“, ant­wor­tet dar­auf der neo­klas­si­sche Volks­wirt; wer­den die Kos­ten der Umwelt­ver­schmut­zung zu hoch, fließt das Kapi­tal in umwelt­freund­li­che­re Tech­no­lo­gi­en und so wei­ter.

Na sicher, die Märk­te! Die mit der Sub­pri­me­ban­ken­schul­den­wäh­rungs­dau­er­kri­se?“

Und nicht weni­ge möch­ten, dass alles wie­der so wird, wie es in ihrer ver­zerr­ten Erin­ne­rung frü­her ein­mal war.

Wir sehen schon: Uto­pi­en, Wün­sche, Träu­me gibt es genug. Die Mei­nun­gen über die wün­schens­wer­te Zukunft gehen aller­dings aus­ein­an­der. Was also tun?

 

In mei­nem Roman Black­out wol­len poli­ti­sch moti­vier­te Ter­ro­ris­ten durch einen wochen­lan­gen Strom­aus­fall in Euro­pa und den USA das gegen­wär­ti­ge Sys­tem so nach­hal­tig zer­stö­ren, dass Platz für eine neue Ord­nung ist. Wie schon vie­le vor ihnen glau­ben sie, dass das ver­meint­li­ch fal­sche Sys­tem nur durch einen gewalt­tä­ti­gen Umsturz geän­dert oder besei­tigt wer­den kann. Sol­che Fan­ta­si­en und Taten fin­det man in allen Berei­chen des gesell­schaft­li­chen Spek­trums. Mal flie­gen Brand­sät­ze von „rechts“ gegen Flücht­lings­un­ter­künf­te, mal Zie­gel von „links“ gegen Poli­zei­sta­tio­nen, um nur zwei Bei­spie­le aus Deutsch­land zu nen­nen.

Aber erreicht man auf gewalt­tä­ti­ge Wei­se das ange­streb­te Ziel?

Es kommt auf das Ziel an.

Vor­hang auf für: die Pfa­dab­hän­gig­keit! Bekannt aus Sozi­al- und Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, der Sys­tem­theo­rie etc. Ihr zufol­ge hängt das Ver­hal­ten eines Sys­tems stark von sei­nen Aus­gangs­pa­ra­me­tern ab. Selbst wenn sich die Situa­ti­on spä­ter ändert und ande­re Ver­hal­tens­wei­sen klü­ger wären, hält das Sys­tem gern an sei­nen Stra­te­gi­en fest (der Starr­kopf!). In der Dis­kus­si­on um gesell­schaft­li­che Sys­tem­wech­sel wür­de das bedeu­ten: Gewalt­tä­ti­ge Umstür­ze durch klei­ne Grup­pen füh­ren eher zu gewalt­tä­ti­gen, auto­kra­ti­schen Sys­te­men, fried­li­che, mit brei­ter Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung erreich­te Ver­än­de­run­gen brin­gen eher fried­fer­ti­ge, demo­kra­ti­sche Sys­te­me her­vor. Daten­ana­ly­sen zu poli­ti­schen Sys­tem­wech­seln stüt­zen die­se The­se (sie­he bei­spiels­wei­se Bru­ce Acker­man, Adri­an Karat­ny­cky, Eri­ca Che­nowe­th, Maria Ste­phan). Misch­for­men wie Rück­tritt oder Putsch schei­nen weni­ger Erfolg ver­spre­chend als brei­ter gesell­schaft­li­cher Kon­sens, Vor­ab-Kapa­zi­täts­auf­bau der Zivil­ge­sell­schaft, Ver­hand­lun­gen, Wahlen (sie­he zum Bei­spiel Jona­than Pinck­ney). (Der Erfolg gesell­schaft­li­chen Kon­sen­ses und Vor­ab-Kapa­zi­täts­auf­baus der Zivil­ge­sell­schaft erklärt dann auch die zuneh­men­den Repres­sio­nen gegen und Ver­bo­te von Medi­en und NGOs in auto­kra­ti­schen Regi­men.)

Es stellt sich daher die nächs­te Fra­ge: Wel­ches Ziel soll ich wol­len?

Ein­fa­che Ant­wort: hohe Diver­si­tät. Denn die­se erhöht die Mög­lich­kei­ten eines Sys­tems, auf Stö­run­gen zu reagie­ren. Son­st ergeht es der Gesell­schaft wie land­wirt­schaft­li­chen Mono­kul­tu­ren, die durch eine ein­zi­ge Stö­rung (Schäd­ling, Wet­ter etc.) leicht ver­nich­tet wer­den kön­nen.

Fazit: Den ohne­hin per­ma­nent von­stat­ten­ge­hen­den Wan­del gestal­tet man dem­nach mög­lichst fried­li­ch und Viel­falt för­dernd (wobei „fried­li­ch“ der schwie­ri­ge­re Teil ist, gera­de wenn man mit einem auto­kra­ti­schen und/oder gewalt­tä­ti­gen Regime kon­fron­tiert wird; aber selbst dann soll­te man sich im Sinn der Pfa­dab­hän­gig­keit so ver­hal­ten, dass ein sol­ches Regime mit höhe­rer Wahr­schein­lich­keit in ein fried­li­ches und diver­ses Sys­tem über­ge­hen kann).

Alles leich­ter gesagt als getan.

Aber mit dem Sagen könn­te man anfan­gen – am Anfang steht bekann­ter­ma­ßen (fast) immer das Wort.

Der Stil des Dis­kur­ses bestimmt das Ergeb­nis; Pfa­dab­hän­gig­keit, der alte Stur­schä­del, schon wie­der. (Und – eige­nes The­ma – hof­fen wir, dass die zuneh­men­de Pola­ri­sie­rung aller Debat­ten ihren Ursprung nicht in der nun­mehr allen Lebens­be­rei­chen zugrun­de lie­gen­den digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on hat, die als Zustän­de nur die Pole 0 oder 1 kennt.)

Wei­ter­ma­chen könn­te man beim Han­deln. Nach dem bekann­ten Mot­to: Sei selbst der Wan­del, den du dir wünschst! (Wie­der Pfa­dab­hän­gig­keit: Vie­le han­deln, und das neue Sys­tem wird sich ent­spre­chend her­aus­bil­den.)

Aber das hie­ße ja dann statt: „Wir müs­sen etwas ändern“ plötz­li­ch: „Ich muss etwas ändern“, ja, „Ich muss mich ändern“!

Na, und das ist jetzt viel­leicht etwas viel ver­langt.

 

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Marc Els­berg ist ein öster­rei­chi­scher Best­sel­ler­au­tor. Sei­ne Sci­en­ce Thril­ler Black­out und Zero wur­den in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt und als „Wis­sens­buch des Jah­res“ in der Kate­go­rie Unter­hal­tung aus­ge­zeich­net. Marc Els­berg ist gefrag­ter Dis­kus­si­ons­part­ner bei Poli­tik, Wirt­schaft und Wis­sen­schaft. Mehr dazu unter www.marcelsberg.com

Die­ser Arti­kel wur­de erst­mals in der ago­r­a42 3/2016 LEITBILDER ver­öf­fent­licht.