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Gerd B. Achenbach: Zeit der Krisen. Krisenzeit

Zeit der Krisen. Krisenzeit

Von Gerd B. Achenbach

 

Gerd B. Achenbach
Dr. Gerd B. Achenbach ist Vorstand der Gesellschaft für Philosophische Praxis. Mehr unter achenbach-pp.de Foto: Uwe Voelkner / FOX
Das Ende der Krise wäre das Ende der Neuzeit. Denn die Neuzeit geriet nicht in die Krise, sie ist die Krise: Krise in Permanenz.

Spricht man von „der“ Krise als der Krise, welche die Neuzeit ist – von dieser Dauerturbulenz, die alles erfasste, was einst auf gesichertem Grund und Boden stand, verwurzelt in langer Tradition – heißt dies zugleich, von einer fortwährenden Folge von Krisen im Plural zu sprechen: So vom raschen Erlöschen alles dessen, was sich eben noch im Glanze sonnte; vom Veralten alles Neuen, kaum dass es seinen Auftritt hatte; vom sang- und klanglosen Verschwinden eben noch mit großer Trommelwirbelattitüde annoncierter Theorien; vom Scheitern aller Hoffnungen, kaum dass sie ausgerufen wurden; vom Verebben aller Wellen, die man gerade noch als Flut erwartet hatte; vom Versanden und Versickern der Parolen, die reiche Frucht und fette Ernten angekündigt hatten; ja selbst die kleinlauten Beteuerungen, der schlimmste Fall sei abwendbar, und dort, wo etwas aus dem Ruder laufe, sei nur beherztes Gegensteuern nötig, um das Schiff auf Kurs zu halten – selbst solche Formeln, die längst nicht mehr verheißungsvoll befeuern und beschwören, sondern nur noch dämpfen und beschwichtigen und bestenfalls die Wogen glätten sollen, verschleißen sich, während längst an andern Stellen anderes in Brand geriet.

 

Alles steht auf der Kippe

Und doch ist auch noch dieses Bild zu harmlos, jedenfalls zu ordentlich. Die Turbulenzen der Moderne sind keine bloße Folge krisenhafter Vorgänge, so als löste eine lediglich die andere ab und verdrängte sie damit von den öffentlichen Foren, auf denen jetzt die neue oder neueste der Krisen hin und her beredet würde, bis sich auch diese Diskussion erschöpft hat und man ihrer überdrüssig ist und wieder anderes und neues den Alarm der Medien auslöst.

Nein, die Krise, die unsere Moderne ist, nagte immer schon an allen einst soliden Ansichten und wetterfesten Überzeugungen. Alle altehrwürdig überlieferten Gewissheiten und „Selbstverständlichkeiten“ hat sie im Säurebad der ätzenden Kritik zersetzt und danach als unbrauchbar verworfen, die Herrschaft des modernen Geistes hat „alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige entweiht“ (Marx/Engels) – und dies auf breiter Front, sodass niemand mehr zu sagen wüsste, wo noch irgendetwas stimmig, zweifelsfrei und unverrückt, in Takt und ein für alle Mal an Ort und Stelle wäre. Nichts steht unstreitig in Geltung, nichts genießt das Ansehen und die Achtung aller. Nirgends ist Mitte, um die sich alles andere gruppierte, nirgends ein Oben, unter dem sich alles Unten sammelte; nicht einmal, wo rechts und links ist, lässt sich noch solide auseinanderhalten – geschweige denn, ob, was kommt, als Fortschritt zu begrüßen oder als Verhängnis zu befürchten ist. Zugleich wirft der Versuch, die erkannten, aber ungelösten Schwierigkeiten auszuräumen, in immer neuen Schüben andere, nun vollends unvorhergesehene Probleme auf, für die uns, ihrer Neuheit wegen, keine fertige, erprobte, schon bewährte Lösung zur Verfügung stünde.

Wäre aus den überlieferten Gestalten alter Mythen eine auszuwählen, die uns unsere vertrackte Lage anschaulich vor Augen stellte, lautete mein Vorschlag: Nehmt die Schlange Hydra, der die fürchterlichen Köpfe, sooft sie Herkules ihr abschlug, doppelt und dreifach nachwuchsen. Also: Nicht da oder dort bricht eine Krise aus, und eine schön nach der andern – das mag im Spiegel der Medien so scheinen, die stets nur wenige Themen ans Licht der Öffentlichkeit befördern, um sie dann, solange das Interesse anhält, auf den Podien vor laufenden Kameras hin und her zu wälzen und durchzudeklinieren –, sondern im Grunde steht mittlerweile alles auf der Kippe. Oder: Sicher ist nichts mehr, Verlass ist auf nichts, und was „die Zukunft bringt“, wie die Redensart heißt, „steht in den Sternen“, die sich in Schweigen hüllen.

 

Warum ist dies so?

Die Frage verlangt mehr als eine Antwort. Allerdings ist es nicht möglich, im Rahmen eines knapp bemessenen Essays all das aufzuknoten und gründlich zu entwirren, was sich da zu einem höchst verworrenen Gebinde vielfältiger Ursachen verkettet hat. Doch eine These, eine jedenfalls, ist denkbar. Eine These und ein paar Gedanken, die uns die Neuzeit als Zeit der Krisen, als Krisenzeit, begreiflich machen.

Die Neuzeit – Zeit der Aufklärung, der Emanzipationen und Revolutionen, einer dichten Folge geistiger Erneuerungen und Innovationen, nicht endender Auf- und Umbrüche, die stets zugleich Abbrüche sind – ist die Zeit der Veränderungen, die seither alles erfasst und nichts beim Alten belässt, alles Feste verflüssigt und alles Ruhende aufstört. Marx rechnete bekanntlich diese alles umwälzende, alles in einem Wirbel der Veränderungen mit sich reißende Bewegung der Bourgeoisie zu, die nicht „existieren“ könne, „ohne … sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren“.

Doch wie wäre es, wenn ihm eine Verwechslung unterlaufen wäre, nicht irgendeine, sondern die von Ursache und Wirkung? Wie, mit andern Worten, stellte sich der Zusammenhang dar, wenn wir einmal umgekehrt mit der Annahme zu Werke gingen, einzig eine Zeit und Epoche, die nichts Beständiges, nichts Unumstößliches, nichts Heiliges mehr kannte, die alles Überkommene unter Vorbehalt und alle Geltungen infrage stellte, die jedes unbedingte Sollen in Zweifel zog und allen Traditionen die Verbindlichkeit bestritt, die im größten Stil die Welt „entzauberte“ (Max Weber), habe den Boden bereiten können, auf dem dann die Wirtschaft und die von ihr mitgerissene Gesellschaft alles über den Haufen zu werfen vermochte, was ihrer Dynamik im Wege lag?

Doch dann drängte sich sogleich die nächste Frage auf, und die ist es, die mit der annoncierten These beantwortet werden soll. Die Frage lautet: Auf welchem Wege wurde die Moderne, was sie in der beschriebenen Weise heute ist? Was macht sie im Grunde aus? Hier der Versuch einer Antwort: Die Moderne ist die Zeit der Zeit. Oder auch: Sie ist der Zeit verfallen. Oder: In der Moderne herrscht die Zeit. So wurde ihr alles zum Prozess, wie allem der Prozess gemacht wird, wenn seine Zeit gekommen ist.

In der Vormoderne galt als richtig oder angemessen, was entweder als zeitlos-ewig für richtig anerkannt war oder aber was zumindest „schon lange“ in Geltung stand, sodass es aufgrund seiner Dauer und Beständigkeit Respekt genoss – eine kluge, wenn nicht weise Lösung des Verbindlichkeitsproblems, denn was gilt, weil es alt ist, kann nicht veralten. Die Moderne hingegen legte die Axt an das Anciennitätsprinzip selbst, also an den Grundsatz, der dem Ewigen beziehungsweise Alten ein Beachtungs- und ein Geltungsvorrecht vor dem Neuen eingeräumt hatte. An dessen Stelle trat: die Zeit selbst und ihr Regime, die allem Neuen, eben Aufgetauchten, ja sogar Unerprobten das Geltungsvorrecht einräumt. So triumphiert im Namen der Zeit die Gegenwart über das Vergangene. Freilich nur um das, was eben „auf der Höhe der Zeit“ im Zenit steht, im nächsten Augenblick hinabzustürzen.

Seither gilt: Was überhaupt „ist“, ist im Gang, und was im Gang ist, wird beschleunigt. Die Welt beginnt zu rasen, Schnelligkeit wird zum Gebot, Geschwindigkeit zum Schicksal, Stillstand zum Untergang. Wer langsam ist, gerät unter die Räder. Doch ebenso gilt: Wer rast, besinnt sich nicht, denkt allenfalls „voraus“ (sofern das überhaupt möglich ist), aber nicht nach.

 

Die missverstandene Zeit

Doch nun nochmals: Wie war das möglich? Wie avancierte diese Haltung zur beherrschenden Idee? Zwei Auflösungen dieses Rätsels sind mir plausibel. Beiden gemeinsam ist eine Unterstellung: Die Zeit kam an die Macht, indem man sie verkannte. Das heißt zugleich: Ihr Regiment wird nur so lange dauern, solange sie verkannt wird. Soviel als Hoffnungsformel …

Zwei Verkennungen der Zeit mithin. Hier die erste: Die Zeit wird verstanden als „Vorrat“. Was heißt das? Man denkt die Zeit als etwas, das man habe und das einzuteilen sei; sie wird aufgefasst als etwas, das der Mensch „verbraucht“. Von der Zeit meint man, zwar „habe“ man sie irgendwie, wie man ein Gut hat, doch sie werde immer weniger, unaufhaltsam gehe sie „verloren“ – was den Schluss plausibel macht: Wenn wir sie sowieso verlieren, müssen wir sie nutzen, damit sie uns zumindest etwas „einbringt“. Also denkt man sich die Zeit wie einen Strom, der eine Zeit lang fließt und dann versiegt.

Dieses Verständnis – ein grandioses Missverständnis – dürfte heute gang und gäbe sein. Doch das Gegenteil ist wahr. Denn umgekehrt gilt: Zeit ist nichts, das wir hätten wie einen Vorrat, sondern sie ist für uns da, sofern wir sie uns nehmen, sofern wir sie uns lassen, vielleicht noch besser: sie uns gönnen. Ergo: Wer sich niemals Zeit lässt, hat nie Zeit. Und wer versäumte, sich Zeit zu nehmen, geht schließlich leer aus – am Ende hat er keine Zeit „gehabt“. Soweit die Korrektur der ersten Zeitverkennung.

Und nun die zweite, die ich die „Zeitverdrehung“ nennen möchte. Was ist gemeint? Zunächst einmal, wie im Falle zuvor, ein modernitätsspezifisches Symptom, eine Bewusstseinsverfassung, die sich erst beim neuzeitlichen Menschen ausgebildet hat. Nehmen wir ihn selbst beim Wort: Was glaubt der moderne Mensch – zeitbezüglich –, worin er sich von allen vormodernen Menschen unterscheide? Seine Antwort: Er gehe „mit der Zeit“.

Aha? – fragen wir … Und wohin geht er, wenn er also meint, er gehe „mit der Zeit“? Wohin ist unser „Zeitgenosse“, der moderne Mensch, der Zeitgemäße unterwegs? Was hat er im Auge, was liegt vor ihm? Wir kennen seine Antwort: „Die Zukunft“, sagt er uns. Mit der Zeit zu gehen – meint er – heiße, sich der Zukunft zuzuwenden, unterwegs zu sein in Richtung Zukunft. Was er vor sich habe, meint er, sei die Zukunft, denn die liege vor ihm, während die Vergangenheit, so glaubt er, hinter ihm – gleichsam in seinem Rücken – liege.

Nun? Ist an dieser Schilderung des Zeitverhältnisses, das dem modernen Menschen selbstverständlich wurde, irgendetwas Sonderbares, irgendwie Verkehrtes aufgefallen? Nein? Nun, wer nichts bemerkte, darf sich selbst zu den modernen Menschen rechnen.

Und dennoch ist, was ihm so selbstverständlich scheint, im tiefsten Sinne unheimlich, wenn nicht beklemmend. In Wahrheit nämlich hat sich der moderne Mensch mit diesem Selbstverständnis gerade gegen die Zeit gekehrt. Er hat sich gewissermaßen umgedreht und steht ihr nun entgegen, sieht sie – ohne zu erkennen, was sie „bringt“ –, wie sie auf ihn zukommt wie der Strom des Wassers, in dem er sich nicht etwa treiben lassen könnte, sondern dem er sich entgegenstemmt. Währenddessen ahnt er schon, was die einzige und grausige Gewissheit ist: Früher oder später werden seine Kräfte ihm versagen, dann ist es aus, er fällt, und die Flut, der er zu trotzen suchte, wird ihn empfangen und ihn mit sich nehmen …

 

Krisenfest

Also: Was ist die Zeit? – Was ist sie jedenfalls für uns, für unser Dasein, unser Leben? Wie wird sie von uns erlebt? Ist sie nicht die Bewegung, die, aus der Zukunft kommend, an uns vorübereilt in die Vergangenheit? Ich zitiere Schillers berühmten „Spruch des Konfuzius“:

Dreifach ist der Schritt der Zeit:

Zögernd kommt die Zukunft hergezogen,

Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen,

Ewig still steht die Vergangenheit.

Dieses kluge Wort drückt eine alte Selbstverständlichkeit aus, die sich auch in überlieferten Sprichwörtern wiederfindet: „Die Zeit fleusst weg wie Wasser“, heißt es beispielsweise, und noch heute sagt man richtig, dass die „Zeit verrinnt“.

Doch nun: Wohin verrinnt sie denn? Doch nicht etwa in die Zukunft? Liegt im Richtungssinn der Zeit nicht vielmehr alles, was uns vorausgegangen ist? Und was ist uns vorausgegangen und wohin? Ist es nicht die Fülle dessen, was sich im Reiche der Vergangenheit versammelt hat? So aber, für den durchmodernisierten Menschen schwer zu fassen, ist es wirklich: Wer mit der Zeit schaut, hat seine Vorfahren vor Augen, denn wo sie schon sind, dorthin werden wir den uns Vorangestorbenen zu folgen haben, weshalb wir zu recht die Nachfahren heißen. Im Verhältnis zu den Toten sind wir die Hinterbliebenen, Zurückgebliebenen – jene hingegen sind es, die uns vorausgegangenen sind.

Was aber glaubt der moderne Mensch? Er meint, die Toten seien es, die er als Überlebender „zurückgelassen“ habe. Die Folgen dieser Verkennung sind gravierend: Wer im Blick auf seine (vermeintliche) Zukunft lebt, lebt angesichts dessen, was schwindet. Mit jedem Tag, den er verlebt, wird er um einen Tag des Lebens ärmer. So ist er sich das schwindende Wesen, das seinem Leichtuch entgegenschrumpft.

Gelänge es uns freilich, uns aus dieser Zeitverkennung zu befreien, würden wir mit jedem Tag um einen Tag bereichert – Tag für Tag, Jahr für Jahr. Unser Leben hätte an Masse, an Ertrag, an Fülle gewonnen und es erschiene uns absurd, wenn jeder Wind, der aufkommt, uns aus der Bahn werfen könnte oder wenn wir springen sollten, wie uns die neueste Parole vorgepfiffen wird. Mit der Willfährigkeit, die wir dann an unseren Zeitgenossen amüsiert studieren dürften, mit der Bereitschaft, sich jeder Tages-Tyrannei zu unterwerfen, wäre es für uns vorbei – denn: Wir hätten Zeit. Wer es dahin brächte, wäre „krisenfest“. Der ruhte in sich. Denn wer Zeit „hat“, ist ihrem Diktat entkommen. Der betreibt auch nicht die Krisen, er sieht ihrem Treiben zu. Ein solcher Bewusstseinswandel aber würde den Ausklang der Moderne bedeuten. Er kündigte eine Epoche an, deren Namen und Begriff noch niemand kennt. Nur eines ist gewiss: Sie wird kommen.

 

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Dieser Artikel von Gerd B. Achenbach ist erstmals in agora42 1/2013 KEIN ENTKOMMEN AUS DER KRISE? erschienen.

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