Gerd B. Achenbach: Zeit der Krisen. Krisenzeit

Zeit der Krisen. Krisenzeit

Von Gerd B. Achenbach

 

 

Das Ende der Krise wäre das Ende der Neuzeit. Denn die Neuzeit geriet nicht in die Krise, sie ist die Krise: Krise in Permanenz.

 

Spricht man von „der“ Kri­se als der Kri­se, wel­che die Neu­zeit ist – von die­ser Dau­er­tur­bu­lenz, die alles erfass­te, was einst auf gesi­cher­tem Grund und Boden stand, ver­wur­zelt in lan­ger Tra­di­ti­on – heißt dies zugleich, von einer fort­wäh­ren­den Fol­ge von Kri­sen im Plu­ral zu spre­chen: So vom raschen Erlö­schen alles des­sen, was sich eben noch im Glan­ze sonn­te; vom Ver­al­ten alles Neu­en, kaum dass es sei­nen Auf­tritt hat­te; vom sang- und klang­lo­sen Ver­schwin­den eben noch mit gro­ßer Trom­mel­wir­be­lat­ti­tü­de annon­cier­ter Theo­ri­en; vom Schei­tern aller Hoff­nun­gen, kaum dass sie aus­ge­ru­fen wur­den; vom Ver­eb­ben aller Wel­len, die man gera­de noch als Flut erwar­tet hat­te; vom Ver­san­den und Ver­si­ckern der Paro­len, die rei­che Frucht und fet­te Ern­ten ange­kün­digt hat­ten; ja selbst die klein­lau­ten Beteue­run­gen, der schlimms­te Fall sei abwend­bar, und dort, wo etwas aus dem Ruder lau­fe, sei nur beherz­tes Gegen­steu­ern nötig, um das Schiff auf Kurs zu hal­ten – selbst sol­che For­meln, die längst nicht mehr ver­hei­ßungs­voll befeu­ern und beschwö­ren, son­dern nur noch dämp­fen und beschwich­ti­gen und bes­ten­falls die Wogen glät­ten sol­len, ver­schlei­ßen sich, wäh­rend längst an andern Stel­len ande­res in Brand geriet.

 

Alles steht auf der Kip­pe

Dr. Gerd B. Achen­bach, Vor­stand der Gesell­schaft für Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis, grün­de­te im Jahr 1981 die welt­weit ers­te Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis. Zuletzt von ihm erschie­nen: Das klei­ne Buch der inne­ren Ruhe (Ver­lag Her­der, 2010). Mehr unter achenbach-pp.de
Foto: Uwe Voel­k­ner / FOX

Und doch ist auch noch die­ses Bild zu harm­los, jeden­falls zu ordent­lich. Die Tur­bu­len­zen der Moder­ne sind kei­ne blo­ße Fol­ge kri­sen­haf­ter Vor­gän­ge, so als lös­te eine ledig­lich die ande­re ab und ver­dräng­te sie damit von den öffent­li­chen Foren, auf denen jetzt die neue oder neu­es­te der Kri­sen hin und her bere­det wür­de, bis sich auch die­se Dis­kus­si­on erschöpft hat und man ihrer über­drüs­sig ist und wie­der ande­res und neu­es den Alarm der Medi­en aus­löst.

Nein, die Kri­se, die unse­re Moder­ne ist, nag­te immer schon an allen einst soli­den Ansich­ten und wet­ter­fes­ten Über­zeu­gun­gen. Alle alt­ehr­wür­dig über­lie­fer­ten Gewiss­hei­ten und „Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten“ hat sie im Säu­rebad der ätzen­den Kri­tik zer­setzt und danach als unbrauch­bar ver­wor­fen, die Herr­schaft des moder­nen Geis­tes hat „alles Stän­di­sche und Ste­hen­de ver­dampft, alles Hei­li­ge ent­weiht“ (Marx/Engels) – und dies auf brei­ter Front, sodass nie­mand mehr zu sagen wüss­te, wo noch irgend­et­was stim­mig, zwei­fels­frei und unver­rückt, in Takt und ein für alle Mal an Ort und Stel­le wäre. Nichts steht unstrei­tig in Gel­tung, nichts genießt das Anse­hen und die Ach­tung aller. Nir­gends ist Mit­te, um die sich alles ande­re grup­pier­te, nir­gends ein Oben, unter dem sich alles Unten sam­mel­te; nicht ein­mal, wo rechts und links ist, lässt sich noch soli­de aus­ein­an­der­hal­ten – geschwei­ge denn, ob, was kommt, als Fort­schritt zu begrü­ßen oder als Ver­häng­nis zu befürch­ten ist. Zugleich wirft der Ver­such, die erkann­ten, aber unge­lös­ten Schwie­rig­kei­ten aus­zu­räu­men, in immer neu­en Schü­ben ande­re, nun voll­ends unvor­her­ge­se­he­ne Pro­ble­me auf, für die uns, ihrer Neu­heit wegen, kei­ne fer­ti­ge, erprob­te, schon bewähr­te Lösung zur Ver­fü­gung stün­de.

Wäre aus den über­lie­fer­ten Gestal­ten alter Mythen eine aus­zu­wäh­len, die uns unse­re ver­track­te Lage anschau­lich vor Augen stell­te, lau­te­te mein Vor­schlag: Nehmt die Schlan­ge Hydra, der die fürch­ter­li­chen Köp­fe, sooft sie Her­ku­les ihr abschlug, dop­pelt und drei­fach nach­wuch­sen. Also: Nicht da oder dort bricht eine Kri­se aus, und eine schön nach der andern – das mag im Spie­gel der Medi­en so schei­nen, die stets nur weni­ge The­men ans Licht der Öffent­lich­keit beför­dern, um sie dann, solan­ge das Inter­es­se anhält, auf den Podi­en vor lau­fen­den Kame­ras hin und her zu wäl­zen und durch­zu­de­kli­nie­ren –, son­dern im Grun­de steht mitt­ler­wei­le alles auf der Kip­pe. Oder: Sicher ist nichts mehr, Ver­lass ist auf nichts, und was „die Zukunft bringt“, wie die Redens­art heißt, „steht in den Ster­nen“, die sich in Schwei­gen hül­len.

 

War­um ist dies so?

Die Fra­ge ver­langt mehr als eine Ant­wort. Aller­dings ist es nicht mög­lich, im Rah­men eines knapp bemes­se­nen Essays all das auf­zu­kno­ten und gründ­lich zu ent­wir­ren, was sich da zu einem höchst ver­wor­re­nen Gebin­de viel­fäl­ti­ger Ursa­chen ver­ket­tet hat. Doch eine The­se, eine jeden­falls, ist denk­bar. Eine The­se und ein paar Gedan­ken, die uns die Neu­zeit als Zeit der Kri­sen, als Kri­sen­zeit, begreif­lich machen.

Die Neu­zeit – Zeit der Auf­klä­rung, der Eman­zi­pa­tio­nen und Revo­lu­tio­nen, einer dich­ten Fol­ge geis­ti­ger Erneue­run­gen und Inno­va­tio­nen, nicht enden­der Auf- und Umbrü­che, die stets zugleich Abbrü­che sind – ist die Zeit der Ver­än­de­run­gen, die seit­her alles erfasst und nichts beim Alten belässt, alles Fes­te ver­flüs­sigt und alles Ruhen­de auf­stört. Marx rech­ne­te bekannt­lich die­se alles umwäl­zen­de, alles in einem Wir­bel der Ver­än­de­run­gen mit sich rei­ßen­de Bewe­gung der Bour­geoi­sie zu, die nicht „exis­tie­ren“ kön­ne, „ohne … sämt­li­che gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se fort­wäh­rend zu revo­lu­tio­nie­ren“.

Doch wie wäre es, wenn ihm eine Ver­wechs­lung unter­lau­fen wäre, nicht irgend­ei­ne, son­dern die von Ursa­che und Wir­kung? Wie, mit andern Wor­ten, stell­te sich der Zusam­men­hang dar, wenn wir ein­mal umge­kehrt mit der Annah­me zu Wer­ke gin­gen, ein­zig eine Zeit und Epo­che, die nichts Bestän­di­ges, nichts Unum­stöß­li­ches, nichts Hei­li­ges mehr kann­te, die alles Über­kom­me­ne unter Vor­be­halt und alle Gel­tun­gen infra­ge stell­te, die jedes unbe­ding­te Sol­len in Zwei­fel zog und allen Tra­di­tio­nen die Ver­bind­lich­keit bestritt, die im größ­ten Stil die Welt „ent­zau­ber­te“ (Max Weber), habe den Boden berei­ten kön­nen, auf dem dann die Wirt­schaft und die von ihr mit­ge­ris­se­ne Gesell­schaft alles über den Hau­fen zu wer­fen ver­moch­te, was ihrer Dyna­mik im Wege lag?

Doch dann dräng­te sich sogleich die nächs­te Fra­ge auf, und die ist es, die mit der annon­cier­ten The­se beant­wor­tet wer­den soll. Die Fra­ge lau­tet: Auf wel­chem Wege wur­de die Moder­ne, was sie in der beschrie­be­nen Wei­se heu­te ist? Was macht sie im Grun­de aus? Hier der Ver­such einer Ant­wort: Die Moder­ne ist die Zeit der Zeit. Oder auch: Sie ist der Zeit ver­fal­len. Oder: In der Moder­ne herrscht die Zeit. So wur­de ihr alles zum Pro­zess, wie allem der Pro­zess gemacht wird, wenn sei­ne Zeit gekom­men ist.

In der Vor­mo­der­ne galt als rich­tig oder ange­mes­sen, was ent­we­der als zeit­los-ewig für rich­tig aner­kannt war oder aber was zumin­dest „schon lan­ge“ in Gel­tung stand, sodass es auf­grund sei­ner Dau­er und Bestän­dig­keit Respekt genoss – eine klu­ge, wenn nicht wei­se Lösung des Ver­bind­lich­keits­pro­blems, denn was gilt, weil es alt ist, kann nicht ver­al­ten. Die Moder­ne hin­ge­gen leg­te die Axt an das Anci­en­ni­täts­prin­zip selbst, also an den Grund­satz, der dem Ewi­gen bezie­hungs­wei­se Alten ein Beach­tungs- und ein Gel­tungs­vor­recht vor dem Neu­en ein­ge­räumt hat­te. An des­sen Stel­le trat: die Zeit selbst und ihr Regime, die allem Neu­en, eben Auf­ge­tauch­ten, ja sogar Uner­prob­ten das Gel­tungs­vor­recht ein­räumt. So tri­um­phiert im Namen der Zeit die Gegen­wart über das Ver­gan­ge­ne. Frei­lich nur um das, was eben „auf der Höhe der Zeit“ im Zenit steht, im nächs­ten Augen­blick hin­ab­zu­stür­zen.

Seit­her gilt: Was über­haupt „ist“, ist im Gang, und was im Gang ist, wird beschleu­nigt. Die Welt beginnt zu rasen, Schnel­lig­keit wird zum Gebot, Geschwin­dig­keit zum Schick­sal, Still­stand zum Unter­gang. Wer lang­sam ist, gerät unter die Räder. Doch eben­so gilt: Wer rast, besinnt sich nicht, denkt allen­falls „vor­aus“ (sofern das über­haupt mög­lich ist), aber nicht nach.

 

Die miss­ver­stan­de­ne Zeit

Doch nun noch­mals: Wie war das mög­lich? Wie avan­cier­te die­se Hal­tung zur beherr­schen­den Idee? Zwei Auf­lö­sun­gen die­ses Rät­sels sind mir plau­si­bel. Bei­den gemein­sam ist eine Unter­stel­lung: Die Zeit kam an die Macht, indem man sie ver­kann­te. Das heißt zugleich: Ihr Regi­ment wird nur so lan­ge dau­ern, solan­ge sie ver­kannt wird. Soviel als Hoff­nungs­for­mel …

Zwei Ver­ken­nun­gen der Zeit mit­hin. Hier die ers­te: Die Zeit wird ver­stan­den als „Vor­rat“. Was heißt das? Man denkt die Zeit als etwas, das man habe und das ein­zu­tei­len sei; sie wird auf­ge­fasst als etwas, das der Mensch „ver­braucht“. Von der Zeit meint man, zwar „habe“ man sie irgend­wie, wie man ein Gut hat, doch sie wer­de immer weni­ger, unauf­halt­sam gehe sie „ver­lo­ren“ – was den Schluss plau­si­bel macht: Wenn wir sie sowie­so ver­lie­ren, müs­sen wir sie nut­zen, damit sie uns zumin­dest etwas „ein­bringt“. Also denkt man sich die Zeit wie einen Strom, der eine Zeit lang fließt und dann ver­siegt.

Die­ses Ver­ständ­nis – ein gran­dio­ses Miss­ver­ständ­nis – dürf­te heu­te gang und gäbe sein. Doch das Gegen­teil ist wahr. Denn umge­kehrt gilt: Zeit ist nichts, das wir hät­ten wie einen Vor­rat, son­dern sie ist für uns da, sofern wir sie uns neh­men, sofern wir sie uns las­sen, viel­leicht noch bes­ser: sie uns gön­nen. Ergo: Wer sich nie­mals Zeit lässt, hat nie Zeit. Und wer ver­säum­te, sich Zeit zu neh­men, geht schließ­lich leer aus – am Ende hat er kei­ne Zeit „gehabt“. Soweit die Kor­rek­tur der ers­ten Zeit­ver­ken­nung.

Und nun die zwei­te, die ich die „Zeit­ver­dre­hung“ nen­nen möch­te. Was ist gemeint? Zunächst ein­mal, wie im Fal­le zuvor, ein moder­ni­täts­spe­zi­fi­sches Sym­ptom, eine Bewusst­seins­ver­fas­sung, die sich erst beim neu­zeit­li­chen Men­schen aus­ge­bil­det hat. Neh­men wir ihn selbst beim Wort: Was glaubt der moder­ne Mensch – zeit­be­züg­lich –, wor­in er sich von allen vor­mo­der­nen Men­schen unter­schei­de? Sei­ne Ant­wort: Er gehe „mit der Zeit“.

Aha? – fra­gen wir … Und wohin geht er, wenn er also meint, er gehe „mit der Zeit“? Wohin ist unser „Zeit­ge­nos­se“, der moder­ne Mensch, der Zeit­ge­mä­ße unter­wegs? Was hat er im Auge, was liegt vor ihm? Wir ken­nen sei­ne Ant­wort: „Die Zukunft“, sagt er uns. Mit der Zeit zu gehen – meint er – hei­ße, sich der Zukunft zuzu­wen­den, unter­wegs zu sein in Rich­tung Zukunft. Was er vor sich habe, meint er, sei die Zukunft, denn die lie­ge vor ihm, wäh­rend die Ver­gan­gen­heit, so glaubt er, hin­ter ihm – gleich­sam in sei­nem Rücken – lie­ge.

Nun? Ist an die­ser Schil­de­rung des Zeit­ver­hält­nis­ses, das dem moder­nen Men­schen selbst­ver­ständ­lich wur­de, irgend­et­was Son­der­ba­res, irgend­wie Ver­kehr­tes auf­ge­fal­len? Nein? Nun, wer nichts bemerk­te, darf sich selbst zu den moder­nen Men­schen rech­nen.

Und den­noch ist, was ihm so selbst­ver­ständ­lich scheint, im tiefs­ten Sin­ne unheim­lich, wenn nicht beklem­mend. In Wahr­heit näm­lich hat sich der moder­ne Mensch mit die­sem Selbst­ver­ständ­nis gera­de gegen die Zeit gekehrt. Er hat sich gewis­ser­ma­ßen umge­dreht und steht ihr nun ent­ge­gen, sieht sie – ohne zu erken­nen, was sie „bringt“ –, wie sie auf ihn zukommt wie der Strom des Was­sers, in dem er sich nicht etwa trei­ben las­sen könn­te, son­dern dem er sich ent­ge­gen­stemmt. Wäh­rend­des­sen ahnt er schon, was die ein­zi­ge und grau­si­ge Gewiss­heit ist: Frü­her oder spä­ter wer­den sei­ne Kräf­te ihm ver­sa­gen, dann ist es aus, er fällt, und die Flut, der er zu trot­zen such­te, wird ihn emp­fan­gen und ihn mit sich neh­men …

 

Kri­sen­fest

Also: Was ist die Zeit? – Was ist sie jeden­falls für uns, für unser Dasein, unser Leben? Wie wird sie von uns erlebt? Ist sie nicht die Bewe­gung, die, aus der Zukunft kom­mend, an uns vor­über­eilt in die Ver­gan­gen­heit? Ich zitie­re Schil­lers berühm­ten „Spruch des Kon­fu­zi­us“:

Drei­fach ist der Schritt der Zeit:

Zögernd kommt die Zukunft her­ge­zo­gen,

Pfeil­schnell ist das Jetzt ent­flo­gen,

Ewig still steht die Ver­gan­gen­heit.

Die­ses klu­ge Wort drückt eine alte Selbst­ver­ständ­lich­keit aus, die sich auch in über­lie­fer­ten Sprich­wör­tern wie­der­fin­det: „Die Zeit fleusst weg wie Was­ser“, heißt es bei­spiels­wei­se, und noch heu­te sagt man rich­tig, dass die „Zeit ver­rinnt“.

Doch nun: Wohin ver­rinnt sie denn? Doch nicht etwa in die Zukunft? Liegt im Rich­tungs­sinn der Zeit nicht viel­mehr alles, was uns vor­aus­ge­gan­gen ist? Und was ist uns vor­aus­ge­gan­gen und wohin? Ist es nicht die Fül­le des­sen, was sich im Rei­che der Ver­gan­gen­heit ver­sam­melt hat? So aber, für den durch­mo­der­ni­sier­ten Men­schen schwer zu fas­sen, ist es wirk­lich: Wer mit der Zeit schaut, hat sei­ne Vor­fah­ren vor Augen, denn wo sie schon sind, dort­hin wer­den wir den uns Vor­an­ge­stor­be­nen zu fol­gen haben, wes­halb wir zu recht die Nach­fah­ren hei­ßen. Im Ver­hält­nis zu den Toten sind wir die Hin­ter­blie­be­nen, Zurück­ge­blie­be­nen – jene hin­ge­gen sind es, die uns vor­ausgegan­ge­nen sind.

Was aber glaubt der moder­ne Mensch? Er meint, die Toten sei­en es, die er als Über­le­ben­der „zurück­ge­las­sen“ habe. Die Fol­gen die­ser Ver­ken­nung sind gra­vie­rend: Wer im Blick auf sei­ne (ver­meint­li­che) Zukunft lebt, lebt ange­sichts des­sen, was schwin­det. Mit jedem Tag, den er ver­lebt, wird er um einen Tag des Lebens ärmer. So ist er sich das schwin­den­de Wesen, das sei­nem Leich­tuch ent­ge­gen­schrumpft.

Gelän­ge es uns frei­lich, uns aus die­ser Zeit­ver­ken­nung zu befrei­en, wür­den wir mit jedem Tag um einen Tag berei­chert – Tag für Tag, Jahr für Jahr. Unser Leben hät­te an Mas­se, an Ertrag, an Fül­le gewon­nen und es erschie­ne uns absurd, wenn jeder Wind, der auf­kommt, uns aus der Bahn wer­fen könn­te oder wenn wir sprin­gen soll­ten, wie uns die neu­es­te Paro­le vor­ge­pfif­fen wird. Mit der Will­fäh­rig­keit, die wir dann an unse­ren Zeit­ge­nos­sen amü­siert stu­die­ren dürf­ten, mit der Bereit­schaft, sich jeder Tages-Tyran­nei zu unter­wer­fen, wäre es für uns vor­bei – denn: Wir hät­ten Zeit. Wer es dahin bräch­te, wäre „kri­sen­fest“. Der ruh­te in sich. Denn wer Zeit „hat“, ist ihrem Dik­tat ent­kom­men. Der betreibt auch nicht die Kri­sen, er sieht ihrem Trei­ben zu. Ein sol­cher Bewusst­seins­wan­del aber wür­de den Aus­klang der Moder­ne bedeu­ten. Er kün­dig­te eine Epo­che an, deren Namen und Begriff noch nie­mand kennt. Nur eines ist gewiss: Sie wird kom­men.

 

_________________________

Die­ser Arti­kel von Gerd B. Achen­bach ist erst­mals in agora42 1/2013 KEIN ENTKOMMEN AUS DER KRISE? erschie­nen.

Alle bis­her erschie­nen Aus­ga­ben des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins fin­den Sie HIER im Archiv.