ALGORITHM WATCH — Beobachtungsplattform für digitale „Entscheider“

Aus der Rubrik LAND IN SICHT der Ausgabe DGITALISIERUNG 2/17

Egal ob selbstfahrende Autos, personalisierte Onlinenachrichten oder automatisierter Hochfrequenzhandel an der Börse – wenn Maschinen entscheiden, basiert dies auf Algorithmen. Obwohl dem Wort ein fast mystischer Klang anhaftet, ist ein Algorithmus nichts weiter als eine genaue Handlungsanweisung, um ein Problem zu lösen. In der Grundschule begegnen wir Algorithmen wie der schriftlichen Subtraktion. Im Alltag helfen sie uns in Form von Bedienungsanleitungen, um Aufgaben wie den Aufbau von Ikea-Regalen zu bewältigen. Auf die gleiche Weise bestimmen Algorithmen, dass ein selbstfahrendes Auto bei einem Hindernis ausweicht, welche Nachricht weit oben im Newsfeed erscheint oder welche Aktie innerhalb von Millisekunden gekauft und wieder verkauft wird.

Was aber, wenn ein selbstfahrendes Auto jemanden tötet? Wenn spezifisch abgestimmte Botschaften im Newsfeed Menschen dazu bewegen, extreme politische Parteien zu wählen oder wenn Hochfrequenzhandel zu instabilen Märkten führt? Maschinelles Entscheiden auf der Basis von Algorithmen  ndet in immer mehr Bereichen Anwendung. Die gesellschaftliche Debatte darüber, wie damit umzugehen ist, wenn die ursprünglichen Problemlöser selbst Probleme verursachen, kommt jedoch nur langsam hinterher.

Algorithm Watch möchte das ändern. Eine Philosophin, eine Naturwissenschaftlerin und zwei Journalisten gründeten diese Plattform im Mai 2016 auf der re:publica:. In ihrem Manifest heißt es, algorithmische Entscheidungsprozesse seien niemals neutral und müssten nachvollziehbar sein, damit sie demokratischer Kontrolle unterworfen werden können. Von Algorithmen unterstützte Entscheidungen sollen aber nicht verteufelt werden. Es geht den vier Gründern vielmehr darum, dass Bürgerrechte geachtet werden. So beschäftigen sie sich unter anderem mit Predictive Policing, bei dem die Polizei mithilfe von Algorithmen versucht, aus großen Datenmengen vorherzusagen, wo zukünftige Verbrechen wie Einbrüche passieren. Aufgrund der komplexen und technischen Natur algorithmischer Entscheidungsprozesse will Algorithm Watch ihre Auswirkungen nicht nur beobachten, sondern auch für eine breite Öffentlichkeit erläutern. Sie wollen Experten zusammenbringen und mitgestalten, wenn es darum geht, geeignete Aufsichtsorganisationen zu entwerfen.

Mehr dazu unter: algorithmwatch.org

Wie würden Sie einem Kind erklären, was ein Algorithmus ist?
In Situationen, in denen man selbst gerade keine Zeit oder keine Lust hat, eine Entscheidung zu treffen, kann man diese an jemand anderen abgeben, von dem man denkt, dass er oder sie eine gute Entscheidung treffen wird. Dieser jemand schreibt die Entscheidung dann auf einen Zettel und tut sie in eine Konservendose. Wenn ich nun die Dose aufmache, dann kommt die Entscheidung heraus – wie bei einem Algorithmus.

Wann sind Maschinen die besseren Entscheider?
Zunächst einmal entscheiden Maschinen nicht, da sie keine Absichten haben. Nur Menschen können handeln und Entscheidungen treffen. Menschen handeln aber nicht immer konsequent. Ein Richter entscheidet etwa vor dem Essen anders als nach dem Essen. Bei unseren Entscheidungen spielen Sympathien eine Rolle und manchmal einfach nur das Wetter. Algorithmen hingegen sind konsequent – und das kann ein Vorteil sein.

Ihr Name deutet auf eine Nichtregierungsorganisation (NGO) hin. Ist das die Rolle, in der Sie sich sehen?
Ja, prinzipiell schon. Bei manchen „Watch“-Organisationen entsteht jedoch der Eindruck, dass sie dem Objekt der Beobachtung gegenüber eher skeptisch eingestellt sind. Das ist bei uns nicht der Fall. Wir sehen im Gebrauch von Algorithmen einen Mehrwert für die Gesellschft. Deshalb sehen wir uns in einer ähnlichen Rolle wie die Organisation Foodwatch, die auch nicht prinzipiell etwas gegen Essen hat.

Warum haben Sie sich kritisch zum Vorschlag für eine EU-Charta digitaler Grundrechte geäußert, die unter anderem von Martin Schulz, Sascha Lobo und Juli Zeh initiiert wurde?
Unser Hauptkritikpunkt ist, dass es Menschenrechte unabhängig vom Medium gibt. Sie vom Medium abhängig zu machen, wie die EU-Charta digitaler Grundrechte es suggeriert, bedeutet, dass die Grundrechte, die wir jetzt haben, online nicht mehr gelten. Das scheint mir sowohl aus ethischen als auch aus juristischen Gründen fragwürdig.

wbernhardt