Heimat in sich selbst finden – Interview mit Dr. Anna Gamma

Heimat in sich selbst finden

Inter­view mit Anna Gam­ma

 

Anlässlich der neuen agora42 zum Thema ORDNUNG haben wir der Zen-Meisterin Dr. Anna Gamma einige Fragen gestellt. Im Interview spricht sie über stabile und chaotische Lebenszeiten, die Mitgestaltung von gesellschaftlichem Wandel sowie die Bedeutung von Vertrauen für ein glückliches Leben.

 

Frau Gam­ma, Ord­nung und Ver­än­de­rung schei­nen sich zu wider­spre­chen. Den­noch hat es bis heu­te noch nie eine immer­wäh­ren­de, sta­ti­sche Gesell­schafts­ord­nung gege­ben. Wor­an liegt das? 

Allein der Blick auf das ein­zel­ne Indi­vi­du­um zeigt, dass eine immer­wäh­ren­de, sta­ti­sche Gesell­schafts­ord­nung nicht men­schen­ge­recht ist. Men­schen sind Wer­de­we­sen. Im Lau­fe ihres Lebens durch­lau­fen wir ver­schie­de­ne Ent­wick­lungs­stu­fen vom Klein­kind zum Erwach­se­nen, vom jun­gen zum alten Men­schen. Pha­sen der rela­tiv sta­bi­len „Ord­nung“ wer­den von unru­hi­gen, chao­ti­schen Lebens­zei­ten abge­löst. Was auf der Mikro-Ebe­ne gilt, ist eben­so wirk­mäch­tig auf der Meso- und Makro-Ebe­ne.

Jean Gebser hat in sei­ner For­schungs­ar­beit ver­schie­de­ne Bewusst­seinstruk­tu­ren ent­deckt, die im Lau­fe der Mensch­heits­ge­schich­te ent­wi­ckelt wur­den. Sie bestim­men, wie wir die Welt und den Men­schen sehen. Ent­spre­chend haben sich ver­schie­de­ne gesell­schaft­li­che Sys­te­me her­aus­ge­bil­det. Neben der Demo­kra­tie, das jüngs­te gesell­schaft­li­che Ord­nungs­sys­tem, bestehen immer noch auto­ri­tä­re Sys­te­me. Im Zeit­al­ter der mäch­ti­gen Män­ner, schei­nen sie sogar wie­der auf dem Vor­marsch zu sein.

 

Anna Gamma

Dr. Anna Gam­ma ist Zen Meis­te­rin, Psy­cho­lo­gin und seit Jah­ren in inter­na­tio­na­len Frie­dens­pro­jek­ten tätig. Sie lei­tet das Zen Zen­trum Offe­ner Kreis Luzern und das Anna Gam­ma Insti­tut Zen&Leadership. Mehr dazu unter www.annagamma.ch

 

Ist gesell­schaft­li­cher Wan­del immer unbe­re­chen­bar oder gibt es Gemein­sam­kei­ten, die jedem Wan­del eigen sind, eine Art „Ablauf­plan“?

Ich wür­de die­se Fra­ge ger­ne umfor­mu­lie­ren. Natür­lich gibt es For­schungs­ar­bei­ten zu Pha­sen des gesell­schaft­li­chen Wan­dels. Weit inter­es­san­ter scheint mir die Fra­ge, ob und wenn wie wir gesell­schaft­li­chen Wan­del mit­be­stim­men kön­nen. Ich las­se mich einer­seits von einem Zitat von Mahat­ma Gan­dhi lei­ten: Be the chan­ce you want to see in the world. Ander­seits geben die arche­ty­pi­schen Trans­for­ma­ti­ons­schrit­te, die Pia Gyger und Niklaus Brant­schen im Rah­men des Jeru­sa­lem-Pro­jek­tes ent­wi­ckelt haben, ganz kon­kre­te Anwei­sun­gen für jeden gelin­gen­den Wan­del. Sie begin­nen mit dem Ehren und Wür­di­gen der Ver­gan­gen­heit und enden damit, die Zukunft in der Gegen­wart zu leben.

 

Was könn­te heu­te eher ein Aus­lö­ser für einen gesell­schaft­li­chen Wan­del sein: Poli­ti­sche, ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen oder über uns her­ein­bre­chen­de Kata­stro­phen? Oder gar etwas drit­tes?

Die­se Fra­ge erin­nert mich an ein Gespräch, dass ich die­sen Früh­ling mit einer Paläs­ti­nen­se­rin in Jeru­sa­lem geführt hat­te. Ihre Mei­nung war, dass allein ent­we­der eine gros­se Umwelt­ka­ta­stro­phe oder eine wei­se, cha­ris­ma­ti­sche Füh­rungs­per­sön­lich­keit aus der Sack­gas­se des Israel/Palästina Kon­flikts füh­ren kann.

Die glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen wie bei­spiels­wei­se die nicht rever­si­blen, öko­lo­gi­schen Pro­zes­se wer­den uns zwin­gen, neue glo­ba­le Ord­nungs­struk­tu­ren zu schaf­fen, die für alle Staa­ten Gül­tig­keit haben wer­den. Die gute Bot­schaft lau­tet: vie­le Men­schen befin­den sich bereits auf die­sem Weg.

 

Heu­te wächst bei eini­gen Bevöl­ke­rungs­tei­len die Sehn­sucht nach einer auto­ri­tä­ren Ord­nung; nach einer Ord­nung, die kla­re Ori­en­tie­rung ver­spricht. Was wür­den Sie die­sen Men­schen mit­ge­ben, die sich in der glo­ba­li­sier­ten, hoch­kom­ple­xen Welt ori­en­tie­rungs­los füh­len?

Die­se Ent­wick­lung ist ver­ständ­lich, denn Men­schen haben ver­schie­de­ne Grund­be­dürf­nis­se und eines davon heisst: Sicher­heit. In der unüber­sicht­li­chen, glo­ba­li­sier­ten Welt scheint sie ver­lo­ren zu gehen und mit ihr eine wei­te­re Qua­li­tät, die für ein glück­li­ches Leben not­wen­dig ist: Ver­trau­en. Wir müss­ten ver­mehrt in den Lehr­plä­nen von Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten Modu­le ein­bau­en, in denen wir (wie­der) ler­nen, die lei­se Stim­me im Her­zen zu hören und den inne­ren Kom­pass zu fin­den. Dazu brau­chen wir Stil­le, Zei­ten der Muße und Bezie­hungs­räu­me, in denen über die inne­ren Pro­zes­se gespro­chen wer­den kann. Denn wer Hei­mat in sich selbst fin­det, fin­det sich auch in kom­ple­xen Situa­tio­nen zurecht.

 

 

 

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