Freiheit: Einfach leben im Kapitalismus – Interview mit Anna Torus

Freiheit: Einfach leben im Kapitalismus

Inter­view mit Anna Torus

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten der Philosophiestudentin und Bloggerin Anna Torus. Sie spricht über die Suche nach dem Lebenssinn, den nimmersatten Kapitalismus und den Trend zum Minimalismus, sowie: Freiheit …

 

Frau Torus, kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­s­inn“ zu unter­stel­len?

Im Moment zu leben und „ein­fach nur“ zu sein scheint mir des­halb eine so gro­ße Sehn­sucht vie­ler Men­schen in der Gegen­wart, weil sie zwar de fac­to in gewis­sen Ord­nungs­struk­tu­ren leben, die­se aber als been­gend erfah­ren. Sie füh­len sich nicht nur durch einen ermü­den­den und gleich­för­mi­gen Arbeits­all­tag bedrängt und ent­mün­digt, son­dern auch durch die stän­di­gen Impe­ra­ti­ve und For­de­run­gen der Kon­sum­ge­sell­schaft. Es ist nicht so, als wür­de es an ord­nen­den Struk­tu­ren feh­len. Sie sind da und for­men unse­re Gesell­schaft, auch wenn sie sich dabei nicht gera­de in den Vor­der­grund drän­gen und so oft­mals nur ein vages Gefühl zurück­las­sen, dass „etwas fal­sch läuft“. Die­ses stil­le Wir­ken sowie die all­ge­mei­ne Beschleu­ni­gung und grel­le Über­zeich­nung des „Lebens“, wel­che sie erzeu­gen, schei­nen mir mög­li­che Grün­de dafür zu sein, dass sich der Wunsch nach Struk­tur und Ord­nung ver­stärkt hat. Wir wol­len aber eigent­li­ch nicht irgend­ei­ne Struk­tur oder Ord­nung, son­dern eine sol­che, in der wir „ein­fach leben“ kön­nen. Das schließt sich gar nicht unbe­dingt aus. Der Men­sch hat die berech­ti­ge Sehn­sucht dana­ch, in Rah­men­be­din­gun­gen zu leben, die ihm freie Ent­fal­tung ermög­li­chen. Nur inner­halb einer offe­nen Struk­tur kön­nen wir es uns erlau­ben, „nur zu sein“. In der jet­zi­gen, die uns bloß eine Schein-Frei­heit vor­spie­gelt, wür­de dies eine Gedan­ken­lo­sig­keit mit sich füh­ren, die wir uns nicht leis­ten kön­nen. Eine wirk­li­ch offe­ne Struk­tur wür­de es mit sich brin­gen, dass wir auch ruhi­gen Gewis­sens uns selbst und die Sinn­fra­ge ein­mal ver­ges­sen könn­ten, weil wir nicht mehr nach dem Sinn suchen, son­dern ihn im Moment erfah­ren. Das akti­ve Suchen nach Sinn (oder Frei­heit) ent­steht immer auch aus einem Man­gel her­aus. Seh­nen wir uns nach Sinn, so ist das kein Luxus­be­dürf­nis, son­dern ein berech­tig­ter Anspruch unse­rer Men­schen­na­tur, die damit anzeigt, wie sehr sie unter der all­täg­li­ch erfah­re­nen Sinn­lo­sig­keit lei­det.

 

Ist unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on nicht erschre­ckend ein­fach? Denn auf­grund der dra­ma­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen des Kapi­ta­lis­mus – man den­ke nur an die gigan­ti­sche Spe­ku­la­ti­ons­bla­se, die in den letz­ten 40 Jah­ren auf­ge­pumpt wor­den ist – haben wir eigent­li­ch nur die Wahl zwi­schen einer öko­no­mi­schen Kata­stro­phe oder aber, soll­te irgend­wie das nöti­ge Wachs­tum gene­riert wer­den, einer öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe.

Anna Torus ist das Pseud­onym einer blog­gen­den Phi­lo­so­phie­stu­den­tin im fort­ge­schrit­te­nen Semes­ter, Jahr­gang 1991, die der­zeit in Ber­lin lebt. Wei­te­re Tex­te von ihr fin­den Sie hier: https://annatorus.wordpress.com

Ich den­ke eher, dass wir in jedem Fall mit einem Sowohl-als-auch-Sze­na­rio rech­nen müs­sen, solan­ge wir uns inso­fern für das „ein­fa­che“ Leben ent­schei­den, als wir die gegen­wär­ti­ge Gesell­schafts­struk­tur stumm beja­hen. Das vom Men­schen selbst geschaf­fe­ne Mons­ter des Kapi­ta­lis­mus ist nim­mer­satt, es frisst öko­lo­gi­sche Res­sour­cen wie mensch­li­che Arbeits- und Geis­tes­kraft und kann sich am Ende doch bloß über­fres­sen und alles wie­der hin­aus­wür­gen. Es ist gewiss „ein­fach“, dem zuzu­se­hen, doch heißt die­se Ein­fach­heit nicht Leben. Die­se Art Ein­fach­heit wäre die glei­che, für die sich der Skla­ve ent­schei­det, damit er vom Herrn nicht geschla­gen wird. Haben wir das Bedürf­nis nach „Ein­fach­heit“, so mei­nen wir damit eigent­li­ch Frei­heit von Leid und struk­tur­be­ding­ten Pro­ble­men. Und bei jeder Wahl hof­fen wir wie Kin­der, dass die neu­es­ten Ver­tre­ter der Ein­heits­par­tei der Alter­na­tiv­lo­sig­keit sie uns die­ses Mal viel­leicht doch besche­ren wer­den.

 

Ist das mini­ma­lis­ti­sche Leben eine »zu ein­fa­che« Ant­wort auf die Kom­ple­xi­tät des Lebens und die Suche nach einem tie­fe­ren Sinn?

Der Mini­ma­lis­mus-Trend scheint mir dann „zu ein­fach“ gera­ten, wenn er als blo­ße indi­vi­dua­lis­ti­sche Abs­trak­ti­on inter­pre­tiert wird. Das Indi­vi­du­um wird in den Mit­tel­punkt gestellt und dar­über oft die tie­fe­ren gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Ursa­chen ver­ges­sen. Die extre­me Zurück­nah­me indi­vi­du­el­ler Kon­sum­tä­tig­keit allei­ne kann kein Heils­weg sein. Sie führt im Gegen­teil aktu­el­le Ten­den­zen der Selbst­op­ti­mie­rung und des neo­li­be­ra­len Dog­mas „Du allein bist selbst ver­ant­wort­li­ch“ fort. Der Mini­ma­lis­mus als Trend lenkt das Augen­merk pro­ble­ma­ti­scher­wei­se auf den­je­ni­gen Teil der Gesell­schaft, der durch sein Kon­sum­ver­hal­ten bloß mit­tel­bar ver­ant­wort­li­ch ist. Mög­li­che Fra­gen nach den Ursa­chen des Kon­sum­ver­lan­gens oder der Bedürf­nis­er­zeu­gung gera­ten in den Hin­ter­grund.

Begrei­fen wir Mini­ma­lis­mus dage­gen als Geis­tes­hal­tung, als eine Art Übung oder Aske­se des Bewusst­seins, so bin ich sehr dafür. Die Kom­ple­xi­tät des Lebens wird begreif­li­cher, wenn wir unse­ren Bli­ck so schu­len, dass er immer nach dem Wesent­li­chen sieht. Wir ler­nen, unse­rem Drang nach Klar­heit zu ver­trau­en und der Ver­su­chung nicht nach­zu­ge­ben, uns im Unwe­sent­li­chen zu ver­lie­ren. Son­dern stets die Din­ge noch kla­rer, noch ein­fa­cher ver­ste­hen zu wol­len. Damit ist kei­nes­falls eine Ver­ein­fa­chung gemeint. Ein­fach­heit ist hier nicht mit Bequem­lich­keit zu ver­wech­seln, eine sol­che bedürf­te jeden­falls kei­ner Übung. Viel­mehr wird es schwie­ri­ger, weil man sich mit dem „Nächst-Bes­ten“, dem „Ein­fa­chen“ im Sin­ne des Beque­men nicht zufrie­den­ge­ben mag, wie man an der Phi­lo­so­phie sieht, die vom Kom­pli­zier­ten zum Ein­fa­chen fort­schrei­tet. Eine sol­che mini­ma­lis­ti­sche Bewusst­seins-Übung kann wie­der­um nur vom Indi­vi­du­um aus­ge­hen, mit dem Unter­schied aller­dings, dass sie ihr Augen­merk auf das Gan­ze rich­tet.


Was macht das Leben wirk­li­ch ein­fa­cher?

Ein Wort: Frei­heit. Aller­dings nicht als „chao­ti­sche“ Frei­heit ver­stan­den, son­dern als sol­che, die inner­halb von Struk­tu­ren ent­steht, wel­che bei aller Bestän­dig­keit den leben­di­gen Wan­del immer wie­der her­aus­for­dern.

 

 

 

_______________________________________

 

Die aktu­el­le ago­r­a42 zum The­ma EINFACH LEBEN ver­schi­cken wir ver­sand­kos­ten­frei. Lesen Sie span­nen­de Bei­trä­ge u.a. von Robert Pfal­ler (“Das nack­te und das gute Leben”), Ulri­ke Gué­rot (“Euro­pa ein­fach machen – ein­fach Euro­pa machen”), Frank Ruda (“Ein­fach nicht ein­fach”) und Mads Pan­kow (“End­li­ch wei­ter­ma­chen – Wer kei­ne Uto­pi­en hat, dem bleibt nur die Zukunft.”)

 

 

Für den schma­len Geld­beu­tel bie­ten wir außer­dem das ago­r­a42-Pro­be­abo an: Spa­ren Sie 39% gegen­über dem Ein­zel­kauf und erhal­ten Sie die Aus­ga­be LEITBILDER gra­tis dazu.