Blick ins Archiv: Vernunft – eine knappe Ressource

Dass aktuelle Probleme nicht in den Tagesthemen zu sehen sind, sondern nur durch freies Denken erkennbar werden, stellen wir immer wieder beim Stöbern in unserem Archiv fest. Seit der Gründung des Kleinverlags im Jahr 2009 pocht das philosophische Wirtschaftsmagazin regelmäßig darauf die drängenden Fragen unserer Zeit zu stellen. Damit sind auch unsere ersten Ausgaben noch brandaktuell. Bereits 2010 trug beispielsweise ein Heft den Titel: Vernunft – eine knappe Ressource. Darin schreibt agora42-Gründer Wolfram Bernhardt über das Kleinkind in der Ökonomie.

 

 

Das Kleinkind in der Ökonomie

von Wolfram Bernhardt

Wolfram Bernhardt agora42

Wolfram Bernhardt ist Gründer und Mitherausgeber des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42. Er studierte BWL mit dem Schwerpunkt Finanz- und Kapitalmärkte sowie Unternehmensfinanzierung.

Wie einen Säugling – der schreit, wenn er Hunger hat, der schreit, wenn er Wärme und Zuneigung braucht, der sich und die Befriedigung seiner Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt –, so sahen Ökonomen jahrzehntelang den Menschen; egoistisch oder wie die Ökonomen es nannten: auf die Maximierung des Eigennutzens bedacht. Allerdings waren sich die Ökonomen sehr wohl bewusst, dass es keine Säuglinge sind, die das Wirtschaftsgeschehen bestimmen, sondern erwachsene Menschen. Und da von erwachsenen Menschen erwartet wird, dass sie vernünftig sind und vernünftig handeln, sind die zwei wesentlichen Eigenschaften, die das überlieferte Menschenbild der Ökonomen charakterisieren, die Vernunft (rational) und der Egoismus (Maximierung des Eigennutzens).
Das Menschenbild der Ökonomen fand in der Bezeichnung Homo oeconomicus seinen Ausdruck. Diese Bezeichnung ist eine Anspielung auf den evolutionsgeschichtlichen Begriff Homo sapiens, der die heutige Spezies des Menschen bezeichnet. Der Homo sapiens, der sich von seinen Vorfahren durch ein anderes Skelett, ein größeres Gehirn und andere körperliche Merkmale unterschied, wurde gewissermaßen vom Homo oeconomicus abgelöst. Diese neue „Spezies“ basiert jedoch nicht auf einer veränderten Physiognomie, sondern auf einer veränderten Verhaltensform: Oberstes Ziel dieses “neuen Menschen ist die Maximierung des eigenen Nutzens.
Drei grundlegende Eigenschaften zeichnen den „neuen“ Menschen aus: Erstens ist der Homo oeconomicus vollständig informiert, er kann also bei Entscheidungen alle möglichen Alternativen einbeziehen. Zweitens kennt er seine Präferenzen genau – er weiß, was ihm den größten Nutzen bringt. Drittens passt sich der Homo oeconomicus Vorgaben beziehungsweise Normen der Umwelt/Gesellschaft an.
Wendet man diese Grundannahmen auf den Säugling an, kann man dessen Verhalten erstaunlich genau vorhersagen. Hat ein Säugling Hunger, weiß er ganz genau, wie er sich verhalten muss, damit er gefüttert wird. Je älter das Kind wird, desto besser weiß es auch, wie es sich verhalten muss, um beispielsweise einen Schokoriegel an der Kasse im Supermarkt zu bekommen. Und wenn die Eltern den ungesunden Schokoriegel verbieten (Umweltbedingungen setzen Grenzen), kann es sich relativ flexibel darauf einstellen und ist zur Not auch mit einer Tüte Gummibärchen zufrieden. Auf der anderen Seite können die Eltern sich diese Verhaltensmuster zunutze machen. Da dies nicht nur die Eltern erkannt haben, sondern die Gesellschaft dieses Menschenbild als Konsens akzeptiert hat, wird in Fabriken im Akkord gearbeitet und in den Vorstandsetagen werden Tantieme und Boni gezahlt.

 

Der Plan, der ökonomischen Theorie ein solches Menschenbild zugrunde zu legen, schien aufzugehen. Im Regelfall lässt sich mit dem Konzept des Homo oeconomicus nämlich sehr gut das Verhalten der Individuen im ökonomischen Kontext erklären. Was dabei wirklich überzeugte, war, dass erstens die Verhaltensannahme des ökonomischen Ansatzes auf tatsächlichen Einsichten in die menschliche Natur beruht. Zweitens konnte aufgrund der wenigen Grundannahmen dieses Modell relativ gut als Instrument dazu dienen, das menschliche Verhalten im ökonomischen Kontext zu steuern.
Dieses Konzept lag auch bei der „Ausdehnung der mikroökonomischen Theorie auf einen weiten Bereich menschlichen Verhaltens und menschlicher Zusammenarbeit“ zugrunde – so der Wortlaut der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften, als sie 1992 dem US-amerikanischen Ökonomen Gary S. Becker den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verlieh. Becker erklärte anhand der Annahmen, die dem Homo oeconomicus zugrunde liegen, unter anderem, warum Menschen sich scheiden lassen, wie eine wirkungsvolle Drogenpolitik aussehen muss und was die Gründe dafür sind, ob und wenn ja wie viele Kinder aus Beziehungen hervorgehen.
Diese Würdigung und die damit verbundene Lobrede auf das Konzept des Homo oeconomicus ist umso erstaunlicher, da nur zwei Jahre später der deutsche Ökonom Reinhard Selten den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekam, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits das Konzept des Homo oeconomicus widerlegt hatte. Aber wir wollen nichts überstürzen. Bis das Bild des Homo oeconomicus tatsächlich ins Wanken kam, musste zunächst noch eine weitere Entwicklungsstufe durchlaufen werden: vom Säugling zum Kleinkind, welches im Spiel sich selbst erfährt – oder wie Friedrich Schiller es ausdrückt: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
So gesehen, war es wieder nur konsequent, dass Selten den Nobelpreis für seine Erkenntnisse in der Spieltheorie erhielt – denn in der Spieltheorie wird nach wie vor von einem rational und logisch handelnden Menschen ausgegangen, auch wenn man spontan mit dem Name „Spieltheorie“ etwas anderes verbindet. Der Name kommt aus der Betrachtung von Brettspielen, wie zum Beispiel Schach, die die Wissenschaftler zur Analyse menschlichen Verhaltens herangezogen haben. Das Besondere an den Situationen, wie sie sich zum Beispiel beim Schach ergeben, ist, dass der Erfolg und somit die Entscheidung des Einzelnen nicht nur vom eigenen Handeln, sondern auch von den Aktionen des Gegenübers abhängt. Der Spieler muss bei seinem Verhalten also sowohl seine eigenen Züge im bisherigen Spielverlauf wie auch die des Gegners und darüber hinaus die Spielsituationen, die sich aus den künftigen eigenen Zügen und denen des Mitspielers ergeben können, gleichermaßen ins Kalkül ziehen. Dass diesen Entscheidungen rationale Verhaltensannahmen zugrunde liegen, ist intuitiv nachvollziehbar.
Auch für das aus der Spieltheorie resultierende Menschenbild fanden die Wissenschaftler einen würdigen Namen und tauften diese „evolutionäre“ Weiterentwicklung des Menschen Homo ludens (lateinisch: der spielende Mensch). Im Grunde ist der Homo ludens aber immer noch der altbekannte Homo oeconomicus. Denn bei allen Arten von „Spielen“ der Ökonomen geht es darum, vorherzusagen, wie der Mensch sich in bestimmten Situationen entscheidet. Und die Grundlage für diese Vorhersagen bildet nach wie vor die Maximierung des individuellen Nutzens. Trotzdem darf man dieser Theorie ihre große Errungenschaft nicht aberkennen: So wurde doch in dieser Theorie berücksichtigt, dass der Mensch sich stets im sozialen Kontext bewegt und jede seiner Entscheidungen Auswirkungen auf andere Menschen hat und umgekehrt.

 

Die Pubertät
Wie bereits erwähnt, wurde Reinhard Selten aber weniger aufgrund seiner Errungenschaften in der Spieltheorie bekannt, als durch seine Experimente, welche die Annahmen, auf denen das Menschenbild des Homo oeconomicus fußt, infrage stellten. In diesen Experimenten stellte er Versuchspersonen vor bestimmte Entscheidungen. Das Verhalten der Personen, die an den Experimenten teilnahmen, widersprach jedoch dem Bild des rationalen, gut informierten Entscheiders, der seine Präferenzen ganz genau kennt und seinen optimalen Nutzen berechnen kann. Kurz, die Versuchspersonen verhielten sich viel zu menschlich. Was tun?
Aus Sicht der Wissenschaftler wäre es unverantwortlich gewesen, die inzwischen lieb gewonnene Theorie des Homo oeconomicus, in die sie viel Forschungsarbeit investiert hatten, einfach aufzugeben. Andererseits war es nicht mehr von der Hand zu weisen, dass das zugrunde liegende Menschenbild sich verändert hatte – es schien, als ob der Mensch in die Pubertät eintrat. Aber was ist die Pubertät in diesem Kontext? Heißt das, dass der Mensch im Grunde seines Wesens noch immer rational und sein abweichendes Verhalten lediglich eine Art Trotzreaktion darstellt?
Bereits 1955 hatte sich Herbert Simon, Wirtschaftsnobelpreisträger aus dem Jahre 1978, kritisch zum Homo oeconomicus geäußert. In diesem Jahr veröffentlichte er eine Abhandlung, in der er die Annahmen, die der Theorie des Homo oeconomicus zugrunde liegen, anzweifelte. Aber wenn die Wissenschaft selbst im Jahre 1994 noch an den Grundannahmen des Homo oeconomicus festhielt, wie soll sie da im Jahr 1978 bereits die Relevanz der menschlichen Psyche anerkannt haben? So verwundert es auch nicht, dass Simon den Nobelpreis „für seine bahnbrechende Erforschung der Entscheidungsprozesse in Wirtschaftsorganisationen“ erhielt und nicht etwa, weil er das gängige Menschenbild der Ökonomen angezweifelt hatte.

Seit diesem ersten Aufsatz dauerte es 48 Jahre, bis die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften den weltweit bekanntesten Preis der Wissenschaften am 9. Oktober 2002 für eine Theorie verlieh, die die Grundfesten des Homo oeconomicus nachhaltig erschütterte. Daniel Kahneman erhielt den Nobelpreis für „das Einführen von Einsichten der psychologischen Forschung in die Wirtschaftswissenschaft, besonders bezüglich Beurteilungen und Entscheidungen bei Unsicherheit“. Der Nobelpreis wurde ihm für seine Arbeit Prospect Theory: an analysis of Decision under risk, die er bereits 1978 zusammen mit Amos Tversky veröffentlicht hatte, verliehen. Diese Studie gilt heute als der Anfang vom Ende der Alleinherrschaft des Homo oeconomicus in der Ökonomie.
Die Prospect Theory besagt, dass Menschen Wahrscheinlichkeiten falsch einschätzen und somit nicht rational handeln. Insofern stellt sie tatsächlich die Pubertät der ökonomischen Theorien dar. Denn was passiert mit dem Menschen in der Pubertät? Er tut so herrlich irrationale Dinge, wie sich zu verlieben. Und spätestens die Handlungen, die der Mensch aus der Liebe heraus unternimmt, mag man getrost als irrational bezeichnen können. Kahneman und Tversky bauten ihre Theorie jedoch nicht auf verliebten Menschen auf, sondern benannten Gründe, warum Menschen sich in bestimmten Situationen irrational entscheiden. Aus ihren Beobachtungen folgerten sie, dass Menschen offensichtliche Eintrittswahrscheinlichkeiten bestimmter Ereignisse immer relativ zu ihrem Standpunkt und ihren Erwartungen bewerten. Die getroffene Entscheidung kann somit im Gegensatz zu der objektiven Erwartung stehen.
Kahneman und Tversky waren jedoch nicht die Einzigen, die Erkenntnisse aus der Psychologie mit der Ökonomie zu verbinden suchten. Nachdem der Damm erst einmal gebrochen war, tauchten in immer kürzeren Abständen Veröffentlichungen auf, die belegten, dass der Mensch sich selbst im ökonomischen Kontext nicht so verhält, wie es das Konzept des Homo oeconomicus erwarten ließ. Da bei dieser Forschungsrichtung der Ökonomie das Verhalten der Menschen den zentralen Untersuchungsgegenstand bildet, heißt dieser Zweig auch „Verhaltensökonomie“ (englisch: behavioral finance).

Das neue Menschenbild
In der Hoffnung, dass der neue Entwurf des Menschen sich nach einer Phase der Transformation zu einem greifbaren Charakter formen würde, forschten viele Wissenschaftler voller Begeisterung und zogen mit ihren Ergebnissen dem Homo oeconomicus nach und nach den Boden unter den Füßen weg. Mit vielversprechenden Namen wie zum Beispiel „Fluch des Gewinners“, „Selbstüberschätzung“ und „ideologische Nachrichtenselektion“ erweiterten die Wissenschaftler die Ökonomie um Konzepte, die vorher so nicht denkbar gewesen wären.
Gleichzeitig ließen die Forschungsergebnisse die Wissenschaftler verzweifeln, denn die Ergebnisse widersprachen sich zunehmend. Obwohl die neuen Modelle und Theorien das Konzept des Homo oeconomicus widerlegten, hat noch keine dieser Theorien auch nur annähernd dessen Stellenwert in Bezug auf die Erklärung menschlichen Verhaltens im ökonomischen Kontext erreicht. Man weiß zwar, dass etwas falsch ist, man kennt die Symptome und auch alternative Erklärungsansätze – trotzdem kann man all diese Erkenntnisse nicht zu einem stimmigen Bild vereinen. Ein Blick in das wahre Leben zeigt, was mit dem Menschen passiert, dem in einer solchen Situationen selbst die Psychologie nicht mehr helfen kann, um mit sich ins Reine zu kommen: Er wird zu seinem eigenem Wohle in die Psychiatrie eingewiesen. Einen ähnlichen Weg ging der Homo oeconomicus. Denn der letzte Schrei in der Ökonomie scheint derzeit die Neuro-Ökonomie zu sein. Die Neurologie als Lehre vom Nervensystem und seinen Erkrankungen soll endlich wieder ein Menschenbild hervorbringen, mit dem man in der Theoriewelt „vernünftig“ arbeiten kann. So versuchen die Ökonomen momentan den Menschen zu verstehen, indem sie seine Gehirnströme und andere Aktivitäten des Gehirns untersuchen. Dabei fanden sie heraus, dass das Gehirn die Entscheidungen schon getroffen hat, bevor der Mensch sich dessen bewusst wird. Die Neuro-Ökonomen stoßen mit diesen Forschungsergebnissen in Gefilde vor, die plötzlich hochphilosophisch werden. Denn interpretiert man die Fragen der Forschungsarbeiten aus einem philosophischen Blickwinkel, so ist die Ökonomie inzwischen an dem Punkt angekommen, an dem sie sich damit befasst, ob der Mensch überhaupt einen freien Willen hat oder ob sein Leben vorherbestimmt ist.

 

Unterdessen wartet die Welt voller Spannung darauf, wie der Mensch sich bald selber sehen und ob er sein eigenes Handeln verstehen wird. Die spannendste aller Fragen ist also: Schafft der Homo oeconomicus den Weg aus der Anstalt?
Kehren wir zurück zum Ausgangspunkt: Ein Säugling kann als geeignetes Beispiel für das Verhalten des Homo oeconomicus herangezogen werden. Der Säugling wurde zum spielenden Kind, trat in die Pubertät ein und trotzte den ökonomischen Theorien. Irgendwann musste man sich eingestehen, dass auch irrationale Beweggründe das Verhalten des (Modell-)Menschen beeinflussen. Da dieser Mensch jedoch nun sein eigenes Verhalten nicht mehr verstand, kam die Neurologie ins Spiel. Was ist schief gelaufen? Auf dem Weg wurde vergessen, dass der Homo oeconomicus deswegen ein solch überzeugendes Konzept darstellt, weil er nur ein einziges Ziel hat: die Nutzenmaximierung. Stets ging es auf dem Weg, der uns schließlich in die Anstalt führte, nur um dieses Ziel. Aber könnte es nicht sein, dass man die ganze Zeit einem falschen Ziel hinterhergerannt ist? Dann würde dieser lange Weg plötzlich nicht mehr so widersprüchlich erscheinen, sondern sich aus der falschen Zielsetzung erklären.
Müsste also nicht die Ökonomie das Ziel des Menschen neu definieren?

twill