42 oder die Antwort auf die Frage aller Fragen: agora42 feiert Jubiläum!

Die 42. Ausgabe der agora42 ist da!

Wir feiern Jubiläum

 

42 ist Dou­glas Adams zufol­ge die Ant­wort auf die Fra­ge aller Fra­gen – die kei­ne Ant­wort ist. Das ist die ein­deu­ti­ge Zahl, die alles im Unkla­ren belässt. Und sie ist gar nicht so unsin­nig, wie sie zunächst schei­nen mag. Die­se Zahl steht für den typisch mensch­li­chen Ver­such, einen Sinn zu fin­den – und ist gleich­zei­tig Aus­druck der Tat­sa­che, dass die­ser nicht gefun­den wer­den kann. Zum Glück! Sonst wäre ja alles sinn­los …

Vor neun Jah­ren grün­de­ten wir die agora42. Wir taten dies aus einem gro­ßen Stau­nen her­aus, denn wir erleb­ten gera­de die größ­te Wirt­schafts­kri­se nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs und es war offen­sicht­lich, dass es so wie bis­her nicht wei­ter­ge­hen kann – und doch schien sich nichts zu ver­än­dern. Natür­lich hät­te man die Kri­se ein­fach nur auf die Ver­brie­fung von Immo­bi­li­en­kre­di­ten in den USA zurück­füh­ren kön­nen – oder viel­mehr dar­auf, dass die­se Kre­di­te ab 2006 ver­mehrt nicht mehr zurück­ge­zahlt wer­den konn­ten. Aber im Grun­de merk­ten alle, die sich mit die­ser Kri­se beschäf­tig­ten, dass sie für viel mehr steht als bloß eine wei­te­re Finanz- bezie­hungs­wei­se Wirt­schafts­kri­se. Auch in Deutsch­land, das, ver­gli­chen mit ande­ren Län­dern, wie eine Insel der Seli­gen schien, war der Glau­be ver­flo­gen, man kön­ne wei­ter­hin durch Fort­schritt das Wachs­tum befeu­ern und so immer mehr Men­schen zu Wohl­stand ver­hel­fen. Zwar wur­de immer wie­der vor den Schat­ten­sei­ten des Fort­schritts, des Wachs­tums und des Wohl­stan­des gewarnt, aber die Lebens­wirk­lich­keit schien alle Kas­san­dra­ru­fe der Lüge zu stra­fen. Doch jetzt frag­te man sich plötz­lich, ob die­se Rufe nicht genau ins Schwar­ze tra­fen. Es wur­den Fra­gen laut, die man vor­her im Main­stream ver­ge­bens such­te. Fra­gen wie: Was bedeu­tet heu­te noch Fort­schritt? Was ist Wohl­stand? Wie ent­kom­men wir dem Wachs­tums­zwang? Zu offen­sicht­lich wur­den ange­sichts immer düs­te­rer Kli­ma­pro­gno­sen, des rapi­den Rück­gangs der Bio­di­ver­si­tät, des Ver­lusts frucht­ba­ren Bodens, sau­be­ren Was­sers etc. die Aus­wir­kun­gen unse­res Wachs­tums­wahns auf die natür­li­chen Lebens­grund­la­gen. Immer drän­gen­der stell­te sich die Fra­ge nach der Ver­tei­lung des Wohl­stan­des – pro­fi­tie­ren doch immer weni­ger Men­schen von den Wohl­stands­zu­wäch­sen, wäh­rend ande­re ihren Wohl­stand brö­ckeln sehen.

Seit 42 Aus­ga­ben bewegt uns eine zen­tra­le Fra­ge: Was ist hier eigent­lich los? War­um hal­ten Men­schen krampf­haft an offen­sicht­lich Sinn­lo­sem fest, wo sie doch so viel Sinn­vol­le­res tun könn­ten? Was bringt Men­schen dazu, Hand­lun­gen zu bege­hen, die offen­sicht­lich der Vor­stel­lung eines auf­ge­klär­ten, mün­di­gen Bür­gers wider­spre­chen? Wie kommt es, dass sich Men­schen, die sich als Frau­en oder Her­ren ihres eige­nen Schick­sals begrei­fen, der Alter­na­tiv­lo­sig­keit beu­gen? Wie kam es, dass am Ende nur noch das Öko­no­mi­sche zählt?

Um die­se Fra­gen zu beant­wor­ten, reicht eine Zahl:

Auch das ist die 42: die eine Ant­wort auf ganz ver­schie­de­ne Fra­gen; eine Ant­wort jedoch, wel­che die unzäh­li­gen Mög­lich­kei­ten des Mög­lich­keits­we­sens Mensch ver­deckt; die unzäh­li­gen Mög­lich­kei­ten, die vor­han­den sind, aber nicht als sol­che wahr­ge­nom­men wer­den. Sie steht für den dog­ma­ti­schen Glau­ben an har­te Fak­ten, an unver­än­der­ba­re Pfad­ab­hän­gig­kei­ten und aus­weg­lo­se Zwän­ge.

Des­halb steht die 42 in die­ser Aus­ga­be auch für eine Ideo­lo­gie; für eine Ideo­lo­gie, die uns der Krea­ti­vi­tät und Vita­li­tät beraubt und uns zwar funk­tio­nie­ren, aber nicht leben lässt. Natürlich ist die­se Aus­ga­be auch ein Test für uns selbst: Inwie­weit sind wir selbst ideo­lo­gisch, inwie­weit kön­nen wir uns dem Sog des schein­bar Nor­ma­len, Ver­nünf­ti­gen, Rich­ti­gen ent­zie­hen? Pas­send zur ago­ra schrei­ben wir die­se Aus­ga­be nicht mono-per­spek­ti­visch, son­dern ver­wan­deln sie in einen bun­ten Markt­platz, auf dem vie­le Men­schen zu Wort kom­men, die uns in den letz­ten neun Jah­ren beglei­tet haben. Viel Freu­de bei der Lek­tü­re wün­schen die drei Maga­zin­ma­cher

 

Wolf­ram Bern­hardt, Tan­ja Will und Frank Augus­tin


 

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Befreit werden sollten: Stille, Schweigsamkeit – Kurzinterview mit Joseph Vogl

Befreit werden sollten: Stille, Schweigsamkeit

Kurzinterview mit Joseph Vogl

 

Joseph Vogl

Joseph Vogl ist Pro­fes­sor für Neue­re deut­sche Lite­ra­tur, Lite­ra­tur- und Kulturwissenschaft/Medien an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin. U.a. von ihm erschie­nen: Das Gespenst des Kapi­tals (Dia­pha­nes Ver­lag, 2011). Foto: Dontworry/Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Herr Vogl, wel­chen Zwän­gen unter­lie­gen wir heu­te? Was soll­te Ihrer Ansicht nach befreit wer­den?

Man unter­liegt vor allem dem Zwang zur Dau­er­kom­mu­ni­ka­ti­on. Befreit wer­den soll­ten: Stil­le, Schweig­sam­keit.

 

Vie­le Men­schen haben heu­te das Gefühl, dass etwas falsch läuft in der Gesell­schaft, kön­nen kön­nen aber nicht genau in Wor­te fas­sen, was es ist. Fehlt uns die pas­sen­de Spra­che?

Nicht die Spra­che fehlt, son­dern die Anstren­gung, sie sach­lich, genau und inves­ti­ga­tiv zu ver­wen­den. Man begnügt sich mit dem schnel­len und schlag-fer­ti­gen Griff zu Mei­nung. Man scheut den län­ge­ren, unbe­que­men Weg, die Arbeit am Begriff.

 

Im All­tag hat die Befrei­ung ihren Platz: das Wochen­en­de befreit von den Werk­ta­gen, der Urlaub von der Arbeits­welt und die Fuß­ball-WM vom poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen. Befrei­ung ist für die meis­ten nur eine Befrei­ung von etwas und ver­weilt damit in der Nega­ti­on. Ist dar­über hin­aus Frei­heit mög­lich?

Ja, ein Lob auf die All­tags­frei­heit der Kon­su­men­ten. Die Rest­sub­jek­te dage­gen pfei­fen auf Frei­hei­ten: Sie wün­schen sich dage­gen mehr Sicher­heit, mehr Vor­sor­ge, mehr Für­sor­ge, mehr Gren­zen, mehr Exklu­si­on, mehr Schutz, mehr Auto­ri­tät, mehr Gefah­ren­ab­wehr, mehr Poli­zei. Schlech­te Zei­ten für die Ver­fech­tung poli­ti­scher Frei­hei­ten.

 

Robert Misik schreibt in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42: “Frei­heit hat die Sei­te gewech­selt. War sie frü­her eine Paro­le eman­zi­pa­to­ri­scher, meist lin­ker Bewe­gun­gen, haben in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren vor allem die Neo­kon­ser­va­ti­ven und Neo­li­be­ra­len die Frei­heit vor sich her­ge­tra­gen.” Was bedeu­tet das für die heu­ti­ge Zeit?

Man arbei­tet an der Voll­endung von kapi­ta­lis­ti­schen Wett­be­werbs- und Prä­ven­ti­ons­ge­sell­schaf­ten: Freie Märk­te und Kon­kur­renz­lärm wer­den mit der Aus­lö­schung von Soli­darmi­lieus und der Ero­si­on zivi­ler Frei­heits­pro­gram­me kom­bi­niert.

 


Ich bevorzuge die positive Kraft des negativen Denkens” – Interview mit Reinhard K. Sprenger

Ich bevorzuge die positive Kraft des negativen Denkens”

Inter­view mit Rein­hard K. Spren­ger

 

Herr Spren­ger, frei nach Kant ist es unse­re größ­te Frei­heit, uns selbst Geset­ze zu geben – gemein­hin ver­bin­det man aber das Feh­len von Vor­schrif­ten mit Frei­heit. Brau­chen wir in Zukunft mehr oder weni­ger staat­li­che Regle­men­tie­run­gen?

Dr. Rein­hard K. Spren­ger ist Autor zahl­rei­cher Manage­ment-Bücher. Zuletzt erschien Radi­kal Digi­tal. Weil der Mensch den Unter­schied macht (DVA-Ver­lag, 2018).

Jede Regel ist Frei­heits­ent­zug. Gleich­zei­tig ermög­licht sie Frei­heit. Die­se Para­do­xie ist unhin­ter­geh­bar. Für Kant war ja Anar­chie das selbst­ge­setz­li­che, geord­ne­te Zusam­men­le­ben. Den­noch soll­te sich der Staat nicht an einer posi­ti­ven Ethik ori­en­tie­ren, son­dern an einer nega­ti­ven. Er soll­te nicht ver­su­chen, das Gute zu erstre­ben (wie etwa Lohn­gleich­heit), son­dern das Schlech­te zu ver­hin­dern: „Was du nicht willst, dass man dir tue…“. Denn das Schlech­te ist immer schlecht, wäh­rend das Gute sel­ten nur gut ist. Und das Schlech­te ist kon­kre­ter, von gerin­ge­rer Anzahl und mit einem „Du sollst nicht….“ ein­deu­ti­ger ein­klag­bar. Die Suche nach dem Guten soll­ten wir den Indi­vi­du­en über­las­sen.

 

Vie­le Men­schen füh­len sich heu­te zu etwas gezwun­gen, was sie nicht mögen: ob lan­ge Über­stun­den, sinn­lo­se Arbeit, stän­di­ger Kon­sum­zwang oder ein Leben in über­füll­ten Städ­ten – Unzu­frie­den­heit macht sich breit über die “Gesell­schaft” ohne genau zu ver­ste­hen, was damit gemeint ist und wie sie wirkt. Wie kann man als Teil von etwas leben, was man nicht ver­steht?

Ent­schul­di­gen Sie – dies­mal bin ich es, der etwas nicht ver­steht. Näm­lich Ihre Fra­ge. Das Leben war noch nie „ver­steh­bar“ in einem fun­da­men­ta­len Sin­ne. Ver­ste­hen ist in die­sen Dimen­sio­nen das Hin­zu­fü­gen von Sinn. Nicht das Be-Grei­fen eines poten­zi­ell vor­find­ba­ren Sinns. Es ist Akti­vi­tät des Indi­vi­du­ums; ohne sein Hin­zu­tun ist es onto­lo­gisch obdach­los. Wenn es hin­ge­gen stimmt, dass Men­schen heu­te unzu­frie­de­ner sind als frü­her, dann ist das mul­tik­au­sal. Zwei­fel­los sind die Ansprü­che an ein gelun­ge­nes Leben gestie­gen, das Frei­heits-Para­dox lässt uns über die vie­len unge­leb­ten Leben kla­gen, und die mul­ti­me­di­al indu­zier­te Ver­gleich­bar­keit aller Lebens­be­din­gun­gen lässt uns über das Grün in Nach­bars Gar­ten ver­zwei­feln. Dabei soll­te die Unent­rinn­bar­keit unse­rer Sterb­lich­keit uns hei­ter sein las­sen, das war schon Nietz­sches Weg­wei­sung.

 

Ist die Mäßi­gung der ent­schei­den­de Schritt zur Befrei­ung von all­täg­li­chen Zwän­gen und “alter­na­tiv­lo­sen” Wirt­schafts­wei­sen?

Der ent­schei­den­de Schritt ist Les­sings unbe­streit­ba­re Bot­schaft: „Nie­mand muss müs­sen.“ In einem star­ken Sin­ne ist nie­mand gezwun­gen, irgend­et­was zu tun. Er will es immer. Des­halb tritt Sene­ca hin­zu: „Nicht wol­len ist der Grund, nicht kön­nen nur ein Vor­wand.“ Und es gibt immer eine Alter­na­ti­ve. Aller­dings ist die nicht kos­ten­los zu haben. Wie hoch der Preis aber ist, den der Ein­zel­ne zu zah­len bereit ist, ist nur von ihm selbst zu ent­schei­den. Lei­der leben vie­le Men­schen so, als hät­ten sie noch ein zwei­tes Leben im Ruck­sack. Aber auch das ist selbst­ge­wählt.

 

Wel­che poli­ti­sche Bewegung/Idee Euro­pas sind für Sie der­zeit am viel­ver­spre­chends­ten im Hin­blick auf eine lebens­wer­te Zukunft?

Wie gesagt, ich bevor­zu­ge die posi­ti­ve Kraft des nega­ti­ven Den­kens. Ich kann Ihnen nur sagen, wel­che poli­ti­sche Bewe­gun­gen ich für beson­ders schäd­lich hal­te: Alle jene, die die Ambi­gui­tät der Wer­te ver­nich­ten wol­len, die Ein­deu­tig­keit behaup­ten, die die Viel­falt redu­zie­ren wol­len, die uns von Aris­to­te­les ablen­ken und der Stoa zuwen­den wol­len (Dobel­li), die das Iden­ti­tä­re glau­ben erken­nen zu kön­nen. Die Zukunft wird mehr­deu­tig, unscharf und inso­fern frei sein – oder sie wird nicht sein.

 


Wie will ich eigentlich leben?” – Interview mit Fritz Reheis

Wie will ich eigentlich leben?” – Interview mit Fritz Reheis

 

Herr Reheis, vie­le Men­schen füh­len sich heu­te zu etwas gezwun­gen, was sie nicht mögen: ob lan­ge Über­stun­den, sinn­lo­se Arbeit, stän­di­ger Kon­sum­zwang oder ein Leben in über­füll­ten Städ­ten – Unzu­frie­den­heit macht sich breit über die “Gesell­schaft” ohne genau zu ver­ste­hen, was damit gemeint ist und wie sie wirkt. Wie kann man als Teil von etwas leben, was man nicht ver­steht?

Prof. Dr. Fritz Reheis lehr­te bis 2015 Poli­ti­sche Theo­rie an der Uni Bam­berg und ist seit sei­ner Pen­si­on als Lehr­be­auf­trag­ter tätig. U.a. von ihm erschie­nen: Die Krea­ti­vi­tät der Lang­sam­keit. Neu­er Wohl­stand durch Ent­schleu­ni­gung (Pri­mus, 1998). Foto: Weiss­bach

Die­se Beob­ach­tung trifft voll zu. Auf Unzu­frie­den­heit und Unver­ständ­nis über die Grün­de dafür reagie­ren Men­schen unter­schied­lich, je nach ihrer indi­vi­du­el­len Situa­ti­on. Die meis­ten ver­su­chen, sich eine Nische ein­zu­rich­ten und ihre Ansprü­che ggf. her­un­ter­zu­schrau­ben, auch in Bezug auf die Wer­te, die ihnen eigent­lich wich­tig sind. Vie­le wer­den durch Angst zur Suche nach Sün­den­bö­cken getrie­ben, denen die Schuld an der Situa­ti­on zuge­scho­ben wer­den kann. Etli­che reagie­ren auch mit Hass, der sich meist in psy­chi­scher oder phy­si­scher Gewalt aus­drückt, wobei die Opfer sel­ten jene sind, die die Situa­ti­on tat­säch­lich ver­ur­sacht haben. Es sind die Schwa­chen und Schwächs­ten, die unter die­sem hilf­lo­sen Ver­such der Selbst­auf­wer­tung und Sinn­stif­tung am meis­ten lei­den müs­sen.

Im All­tag hat die Befrei­ung bereits ihren Platz: das Wochen­en­de befreit von den Werk­ta­gen, der Urlaub von der Arbeits­welt und die Fuß­ball-WM vom poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen. Befrei­ung ist für die meis­ten nur eine Befrei­ung von etwas – und ver­weilt damit in der Nega­ti­on. Ist Ihrer Mei­nung nach dar­über hin­aus Frei­heit mög­lich?

Die­se Bei­spie­le für Befrei­ung von etwas betref­fen alle­samt die Frei­heit zu han­deln. Dane­ben gibt es aber auch die Frei­heit des Wil­lens. Erst über sie kommt man zu einer posi­ti­ven Frei­heit, zu einer Frei­heit zu etwas. Zur Wil­lens­frei­heit müs­sen Men­schen jedoch erst befä­higt wer­den. Dass dies so gut wie mög­lich ver­hin­dert wird, dar­um bemü­hen sich in aller Regel alle mög­li­chen Kräf­te der Gesell­schaft (Schu­le, Arbeits­welt, Wer­bung, Poli­ti­ker). Die ent­schei­den­de Fra­ge in Hin­blick auf die­se posi­ti­ve Frei­heit müss­te lau­ten: Wie will ich eigent­lich leben? Und was kann ich zusam­men mit ande­ren tun, um die­se Vor­stel­lung vom guten Leben auch umzu­set­zen, um aus dem frei­en Wil­len ein ent­spre­chend frei­es Han­deln wer­den zu las­sen?

Hat die Poli­tik heu­te noch Mög­lich­kei­ten dem “alter­na­tiv­lo­sen” Wachs­tums­zwang und kapi­ta­lis­ti­schen Dyna­mi­ken etwas ent­ge­gen­zu­set­zen?

Natür­lich, wer denn sonst. Aber nur, wenn sie Mut zu einer scho­nungs­lo­sen Ana­ly­se der Ver­hält­nis­se hat und sich, auch über die natio­na­len Gren­zen hin­aus, traut, den Pri­mat der Poli­tik auch gegen Wider­stän­de durch­zu­set­zen.

Wel­che poli­ti­sche Bewegung/Idee Euro­pas sind für Sie der­zeit am viel­ver­spre­chends­ten im Hin­blick auf eine lebens­wer­te Zukunft?

Auf alle Fäl­le eine, die die Bedeu­tung des Regio­na­len, des Natio­na­len, des Kon­tin­an­ta­len und des Glo­ba­len glei­cher­ma­ßen aner­kennt. Dazu sind grund­le­gend ande­re poli­ti­sche Struk­tu­ren (inklu­si­ve Kom­pe­ten­zen, Loya­li­tä­ten etc.) erfor­der­lich. Ich habe eini­ge Sym­pa­thi­en für ein Euro­pa der Kan­to­ne, wie es etwa von Leo­pold Kor oder Ulri­ke Gué­rot skiz­ziert wur­de.

 


Über die Freiheit – Interview mit Hans Ulrich Gumbrecht

Über die Freiheit

Interview mit Hans Ulrich Gumbrecht

Hans Ulrich Gum­brecht ist Inha­ber des Lehr­stuhls für Kom­pa­ra­tis­tik an der Stan­ford Uni­ver­si­ty und stän­di­ger Gast­pro­fes­sor an der Uni­ver­sité de Mon­tréal, am Col­lège de Fran­ce sowie an der Zep­pe­lin Uni­ver­si­tät Fried­richs­ha­fen.

 

Herr Gum­brecht, frei nach Kant ist es unse­re größ­te Frei­heit, uns selbst Geset­ze zu geben – gemein­hin ver­bin­det man aber das Feh­len von Vor­schrif­ten mit Frei­heit. Brau­chen wir in Zukunft mehr oder weni­ger staat­li­che Regle­men­tie­run­gen?

Ich bin unter ande­rem des­halb Ame­ri­ka­ner gewor­den, weil ich als deut­scher Beam­ter den manisch-depres­si­ven Hun­ger nach „staat­li­chen Lösun­gen“ uner­träg­lich fand – und dass ich mich mitt­ler­wei­le aus­ge­rech­net in Sili­con Val­ley wohl­füh­le, macht dies zu einer guten Ent­schei­dung für mich. Wir brau­chen weni­ger staat­li­che Regle­men­tie­rung jeden­falls, und vor allem weni­ger Dis­kus­sio­nen in Deutsch­land unter dem Vor­zei­chen des Begriffs „Ethik“. Natür­lich sind mir die Risi­ken sol­cher Frei­heit bewusst.

 

Robert Misik schreibt in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42: “Frei­heit hat die Sei­te gewech­selt. War sie frü­her eine Paro­le eman­zi­pa­to­ri­scher, meist lin­ker Bewe­gun­gen, haben in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren vor allem die Neo­kon­ser­va­ti­ven und Neo­li­be­ra­len die Frei­heit vor sich her­ge­tra­gen.” Was bedeu­tet das für die heu­ti­ge Zeit?

Ich sehe die Ant­wort, die sie sich wün­schen – und mir sug­ge­rie­ren. Es muss etwas falsch sein in der Welt, wenn die „Neo­li­be­ra­len“, die doch für alles Übel ver­ant­wort­lich sind, einen so posi­ti­ven Wert wie Frei­heit ver­tre­ten. Ande­rer­seits: Hat es je lin­ke Bewe­gun­gen gege­ben zwi­schen Mos­kau und La Haba­na, die im Moment des staat­lich-wer­dens die Frei­heit der Indi­vi­du­en ver­grö­ßert hat? Ich kann mich gut erin­nern an das Pro­blem: Als ich selbst noch ein typi­scher Lin­ker mei­ner Gene­ra­ti­on war, da fühl­te ich mich im Besitz aller („ethisch begrün­de­ten“ und natür­lich „all­ge­mein­ver­bind­li­chen“) Wahr­hei­ten.

 

Vie­le Men­schen füh­len sich heu­te zu etwas gezwun­gen, was sie nicht mögen: ob lan­ge Über­stun­den, sinn­lo­se Arbeit, stän­di­ger Kon­sum­zwang oder ein Leben in über­füll­ten Städ­ten – Unzu­frie­den­heit macht sich breit über die “Gesell­schaft” ohne genau zu ver­ste­hen, was damit gemeint ist und wie sie wirkt. Wie kann man als Teil von etwas leben, was man nicht ver­steht?

Ist das nicht die „Con­di­tio Huma­na“, in Zusam­men­hän­gen zu leben, die man – ins­ge­samt – nicht ver­steht. Und was hie­ße schon, sie wirk­lich zu „ver­ste­hen“? Erwüch­se dar­aus das ver­meint­li­che Glück einer voll­kom­me­nen Selbst­be­stim­mung? Gelas­sen­heit ange­sichts der Erfah­rung, dass „Leben“ immer auch ein „Gezwun­gen­sein” zu etwas ist, „das man nicht mag“, das wäre es doch! Das Leben kann wohl eher kein Mail­or­der Ser­vice, kein Ama­zon für die zuver­läs­si­ge Erfül­lung indi­vi­du­el­ler Wün­sche sein. Oder?

 

Wel­che poli­ti­sche Bewegung/Idee Euro­pas sind für Sie der­zeit am viel­ver­spre­chends­ten im Hin­blick auf eine lebens­wer­te Zukunft?

Macrons Ener­gie als Bewe­gung – weil er anschei­nend ver­stan­den hat, dass Euro­pas Wohl­fahrts­staa­ten eben Ener­gie und Inten­si­tät brau­chen – statt eine Ver­si­che­rung ihrer Ver­schla­fen­heit, über die sich auch noch alle bekla­gen.

 

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Mehr zum The­ma fin­den Sie in der aktu­el­len agora42. Wie immer ver­sand­kos­ten­frei:

Wir alle leben zu Lasten zukünftiger Generationen” – Interview mit Peggy Hetmank-Breitenstein

Wir alle leben zu Lasten zukünftiger Generationen”

Inter­view mit Peg­gy Het­mank-Brei­ten­stein

 

Peg­gy Het­mank-Brei­ten­stein ist Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin am Insti­tut für Phi­lo­so­phie der Fried­rich-Schil­ler-Uni­ver­si­tät Jena. Ihre Schwer­punk­te lie­gen in der Phi­lo­so­phi­schen Gesell­schafts­kri­tik sowie in der Ver­mitt­lung und Übung kri­ti­schen Den­kens.

 

Frau Het­mank-Brei­ten­stein, im All­tag hat die Befrei­ung bereits ihren Platz: das Wochen­en­de befreit von den Werk­ta­gen, der Urlaub von der Arbeits­welt und die Fuß­ball-WM vom poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen. Befrei­ung ist für die meis­ten nur eine Befrei­ung von etwas – und ver­weilt damit in der Nega­ti­on. Ist dar­über hin­aus Frei­heit mög­lich?

 

Zunächst: Ich bezweif­le, dass die Befrei­ung im All­tag „bereits ihren Platz“ hat. Bes­te Gegen­bei­spie­le sind die in der Fra­ge genann­ten: Sie sind in mei­nen Augen gera­de kei­ne „Befrei­un­gen“, nicht ein­mal im nega­ti­ven Sin­ne. An den bei­den erst­ge­nann­ten Bei­spie­len lässt sich das schnell deut­lich machen (das drit­te Bei­spiel: Fuß­ball-WM vs. poli­ti­sches Tages­ge­sche­hen wäre ent­we­der nur ober­fläch­lich oder aber in meh­re­ren Dis­zi­pli­nen – z.B. Indi­vi­du­al- und Sozi­al­psy­cho­lo­gie, Medi­en­theo­rie – zu dis­ku­tie­ren). Wenn das Wochen­en­de als Befrei­ung von Werk­ta­gen, der Urlaub als Befrei­ung vom Arbeits­all­tag ver­stan­den wird, wenn sogar vom „ver­dien­ten“ Wochen­en­de oder Urlaub gespro­chen wird („Wir gehen nun ins wohl­ver­dien­te Wochen­en­de!“ „Den Urlaub in die­sem Jahr habe ich mir aber ver­dient!“), dann ist damit zugleich unter­stellt, dass Wochen­en­de wie Urlaub sich dem Arbeits­all­tag ver­dan­ken, dass sie von dem in ihm Geleis­te­ten abhän­gig sind und ihm inso­fern nach- oder unter­ge­ord­net sind. Rich­tig dar­an ist: In unse­rem All­tag, in unse­rer Gesell­schaft die­nen Wochen­en­de und Urlaub im Wesent­li­chen dazu, wie­der fit zu machen für die fol­gen­den Werk­ta­ge, den Arbeits­all­tag also. Als wirk­lich befrei­te oder freie Zeit kön­nen Wochen­en­de und Urlaub so gar nicht in den Blick genom­men und ver­stan­den wer­den.
Wenn wir so „all­täg­lich“ den­ken, blei­ben wir des­halb in mei­nen Augen in einem Vor­ur­teil gefan­gen und täu­schen uns eigent­lich selbst. Dies zeigt auch, dass die gän­gi­ge Unter­schei­dung zwi­schen (nega­ti­ver) Befrei­ung und (posi­ti­ver) Frei­heit bzw. auch zwi­schen „Frei­sein von“ und „Frei­sein zu“ zu kurz greift, sofern das „zu“ nicht ein über­grei­fen­des WOZU mit ein­schließt. Und damit ste­hen wir vor Fra­gen, die zugleich alt­ehr­wür­dig phi­lo­so­phisch sind (sie fin­den sich bereits bei Pla­ton und Aris­to­te­les) und die doch jeder Mensch auch für sich selbst stel­len und immer wie­der beant­wor­ten muss: Wozu wol­len wir eigent­lich arbei­ten (bzw. Lohn­ar­beit leis­ten)? Was ist der Zweck? Ist es tat­säch­lich not­wen­dig oder rich­tig, dass wir unse­re gesam­te Lebens­zeit der Unter­schei­dung und Hier­ar­chie Lebens­ar­beits­zeit vs. Zeit nach der Arbeit unter­ord­nen? Was wol­len wir letzt­end­lich in die­sem, unse­rem Leben? Und was und wie­viel brau­chen wir, um dies zu rea­li­sie­ren?
Frei­heit wäre in mei­nen Augen: Die­se Fra­gen – wie vage und offen auch immer – beant­wor­ten zu kön­nen und sein Leben, d.h. sei­ne Lebens­zeit und sei­ne sozia­le Mit- oder Umwelt ent­spre­chend gestal­ten oder wäh­len zu kön­nen. Genau davon sind sicher­lich die meis­ten von uns Licht­jah­re ent­fernt. Aber es gibt doch immer wie­der Inseln, die wir schaf­fen kön­nen – gemein­sam!

 

Wel­chen Zwän­gen unter­lie­gen wir heu­te? Was soll­te Ihrer Ansicht nach befreit wer­den?
 
Sofern wir auf die Mehr­zahl poli­ti­scher und öffent­li­cher Mei­nun­gen oder Dis­kur­se hören, unter­lie­gen wir vor allem „öko­no­mi­schen“ und „struk­tu­rel­len Zwän­gen“, d.h. letzt­lich den Zwän­gen (Impe­ra­ti­ven) des Wachs­tums, des Wett­be­werbs, der Kon­kur­renz um die nie unbe­grenzt ver­füg­ba­ren Res­sour­cen, des „Immer-Wei­ter“, „Immer-Bes­ser“, „Immer-Mehr“. Kurz: den Zwän­gen des „Sur­vi­val- of-the-fit­test“. Die­se Zwän­ge beherr­schen gro­ße Tei­le der sozia­len Pra­xis der soge­nann­ten „frei­en Welt“ und daher auch unse­ren All­tag. Das ist nichts ande­res als größ­te Unfrei­heit. Und doch: Wenn wir die Wahl hät­ten zwi­schen die­ser Unfrei­heit und der Unfrei­heit, die aus mate­ri­el­lem Elend und der Angst ums nack­te Über­le­ben resul­tiert, die einen gro­ßen Teil der „ande­ren“ Welt­be­völ­ke­rung beherrscht, wür­den wir ers­te­re vor­zie­hen …
Den­ken wir „phi­lo­so­phisch“ über die­se Fra­ge nach, müss­ten wir sicher­lich zunächst ein­mal Bedeu­tungs­fra­gen klä­ren, d.h. uns dar­über eini­gen, was wir unter „Zwang“ ver­ste­hen wol­len. Ver­ste­hen wir Zwang in einem wei­ten Sin­ne, ist damit alles gemeint, was uns zwingt; ver­ste­hen wir den Begriff enger, mei­nen wir alles, was von Men­schen gemacht wur­de oder wird, uns der­ge­stalt zwingt, aber gene­rell doch änder­bar ist.
Dem wei­ten Ver­ständ­nis fol­gend lie­ße sich dann sagen: Wir ste­hen auch heu­te noch unter dem Zwang natür­li­cher Not­wen­dig­kei­ten (Natur­ge­set­ze, bio­lo­gi­sche und anthro­po­lo­gi­sche Gege­ben­hei­ten wie Geburt, Krank­hei­ten, Tod, aber auch Grund­be­dürf­nis­se nach Nah­rung, Klei­dung, evtl. mensch­li­cher Nähe, Sex etc.). Aber auch logi­sche und onto­lo­gi­sche Not­wen­dig­kei­ten, also soge­nann­te logi­sche Geset­ze, Schluss­prin­zi­pi­en, Kate­go­ri­en etc., zwin­gen uns, unser Den­ken und Ver­hal­ten anzu­pas­sen. So gilt not­wen­di­ger­wei­se, dass Ich nicht zugleich exis­tie­ren und nicht-exis­tie­ren kann – das kann weder anders sein, noch kann ich es anders den­ken. Auch was in der Ver­gan­gen­heit gesche­hen ist, lässt sich nicht mehr ändern, zwingt uns – als Vor­ge­ge­ben­heit – zu bestimm­ten Hand­lun­gen oder schränkt deren Mög­lich­keits­raum von vorn her­ein ein.
Wir ste­hen somit – und damit kom­me ich zu enge­ren Bedeu­tung – immer schon unter dem Zwang all des­sen, was vor uns von Men­schen gemacht und geschaf­fen wur­de: Sozia­le Prak­ti­ken und Insti­tu­tio­nen, Nor­men­sys­te­me (Moral, Recht, Ver­hal­tens­kon­ven­tio­nen, Ver­hal­tens­re­geln), Wis­sens- bzw. Über­zeu­gungs­sys­te­me (ein­schließ­lich sprach­li­cher Prak­ti­ken, d.h. begriff­li­che Fest­le­gun­gen, Unter­schei­dun­gen, Sprach­spie­le etc.), Erfin­dun­gen, Bau­ten, Zer­stö­run­gen etc. Und doch gibt es hier Spiel­räu­me der Ver­än­de­rung, also auch Befrei­ung. Zumin­dest teil­wei­se kön­nen wir die­se Vor­ge­ge­ben­hei­ten ändern. Denn wir alle sind als Akteu­re immer schon in tra­dier­te sozi­al-kul­tu­rel­le Prak­ti­ken invol­viert: WIR über­neh­men sie, repro­du­zie­ren sie und ihre Bedin­gun­gen, bil­den ent­spre­chen­de Denk-, Sprach-, Wahr­neh­mungs- und Ver­hal­tens­ge­wohn­hei­ten, Hal­tun­gen und Selbst­ver­ständ­nis­se aus.
Und all das kön­nen wir (sofern wirk­li­che Exis­tenz­ängs­te, die immer pri­mär sind, dies nicht ver­hin­dern) auch hin­ter­fra­gen. Wir tun dies in der Regel nur, wenn uns etwas irri­tiert oder mas­siv stört, unglück­lich macht, ver­letzt etc. Erst dann erwei­sen sich bestimm­te Über­zeu­gun­gen, also Denk- oder Rede­ge­wohn­hei­ten, oder auch Ver­hal­tens­ge­wohn­hei­ten als falsch und wir fra­gen uns, ob wir uns von ihnen befrei­en, ob wir sie viel­leicht durch ange­mes­se­ne­re erset­zen soll­ten. Hier hat Befrei­ung und damit nega­ti­ve wie auch posi­ti­ve Frei­heit ihren Platz. Befrei­ung und Frei­heit sind inso­fern immer nur als kon­kre­te Anschluss­hand­lun­gen an vor­an­ge­hen­de rea­li­sier­bar, als Hand­lun­gen, die immer räum­lich loka­li­siert und zeit­lich ter­mi­niert sind. In jedem Fal­le müs­sen sol­che Modi­fi­ka­tio­nen mög­lich sein und wenn nicht, dann muss es mög­lich sein zu fra­gen: War­um nicht? Wenn dann offen­sicht­lich ist, dass wir unter dem Zwang bestimm­ter nicht zu recht­fer­ti­gen­der (z.B. empö­ren­der) sozia­ler Prak­ti­ken oder Nor­men ste­hen, müss­ten wir uns von ihrem Zwang befrei­en kön­nen.
Um zum Anfang mei­ner Ant­wort zurück­zu­kom­men: Wir müss­ten uns eigent­lich befrei­en kön­nen von Zwän­gen, die uns durch eine spe­zi­fi­sche Wei­se des Wirt­schaf­tens auf­ge­zwun­gen wer­den, die wir eigent­lich weder unter öko­lo­gi­schen noch unter ethi­schen noch unter recht­li­chen Gesichts­punk­ten recht­fer­ti­gen kön­nen, und die wir doch selbst tra­gen bzw. repro­du­zie­ren. Wir müss­ten uns befrei­en kön­nen von unter die­sen Gesichts­punk­ten unver­ant­wort­li­chem Kon­sum, aber auch von dem Zwang, den Groß­teil unse­rer Lebens­zeit mit Lohn­ar­beit tot­zu­schla­gen, die lan­ge schon nicht mehr dem schlich­ten Über­le­ben und auch nicht der Selbst­ent­fal­tung dient, son­dern dazu, einen sys­tem­er­hal­ten­den Kon­su­mis­mus zu beför­dern. Dazu müss­ten wir uns aller­dings zunächst befrei­en von einem Bedürf­nis nach luxu­riö­sem Wohl­stand, vom Glau­ben an Idea­le wie „Wachs­tum“ sowie vom Glau­ben an gewis­se Reden über öko­no­mi­sche oder struk­tu­rel­le Zwän­ge …

 

Robert Misik schreibt in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42: “Frei­heit hat die Sei­te gewech­selt. War sie frü­her eine Paro­le eman­zi­pa­to­ri­scher, meist lin­ker Bewe­gun­gen, haben in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren vor allem die Neo­kon­ser­va­ti­ven und Neo­li­be­ra­len die Frei­heit vor sich her­ge­tra­gen.” Was bedeu­tet das für die heu­ti­ge Zeit?
 
Zunächst: Ich hal­te die­se Dia­gno­se für erläu­te­rungs­be­dürf­tig und glau­be nicht, dass sie einer gründ­li­che­ren Kri­tik stand­hält – Kri­tik im Sin­ne einer auf Expli­ka­ti­on und Ana­ly­se beru­hen­den Auf­klä­rung des Begriffs. Was also mei­nen wir, wenn wir von Frei­heit spre­chen, und was kön­nen wir aus onto­lo­gisch-seman­ti­schen Grün­den nicht mei­nen? Lei­der kön­nen die­se Fra­gen im Rah­men eines solch kur­zen Tex­tes nicht befrie­di­gend aus­führ­lich geklärt wer­den, aber ein knap­per Auf­riss ist viel­leicht mög­lich.
Zunächst lässt sich aus­schlie­ßen, dass Frei­heit eine Sache oder Sub­stanz ist, also etwas, aus dem etwas bestehen, oder das jemand (eine Per­son) haben, hal­ten, besit­zen, abge­ben kann. Schon des­halb kann sie nicht die Sei­te wech­seln bzw. ist die Meta­pher des Sei­ten­wech­sels nicht erhel­lend. Frei­heit kann aber auch kei­nen Zustand mei­nen oder die Eigen­schaft eines (sei es auch idea­len) Zustands. Frei­heit ist eigent­lich nur erfahr­bar in Voll­zü­gen des Den­kens, Spre­chens, Ent­schei­dens, Ein­grei­fens in die Umwelt etc. Sie ist Voll­zug im Sin­ne der ener­geia bei Aris­to­te­les. Was Men­schen tat­säch­lich in unge­nau­er Rede zu „haben“ mei­nen, was sie genau­er aber nur aner­kannt bekom­men kön­nen und wofür sie auch kämp­fen kön­nen, sind Rech­te und Mög­lich­kei­ten, sol­che Voll­zü­ge in ver­schie­de­nen Berei­chen der sozia­len Pra­xis tat­säch­lich zu rea­li­sie­ren. Im Bereich des Poli­ti­schen bei­spiels­wei­se in Gestalt frei­er öffent­li­cher Rede und Ver­samm­lung, der Wahl von Reprä­sen­tan­ten, einer Man­dats­über­nah­me etc., im Bereich des Glau­bens als Wahl der Reli­gi­on oder Kon­fes­si­on, im öko­no­mi­schen Bereich als Wahl von Berufs­zweig, Ort, Kon­sum­ver­hal­ten, im soge­nann­ten „Pri­va­ten“ als Wahl von Lebens­form, -part­nern, Ess­ge­wohn­hei­ten etc. Eini­ge die­ser Rech­te wie­der­um kön­nen jus­ti­zia­bel sein – der Anspruch auf Erfül­lung kann vor Gerich­ten erstrit­ten, sei­ne Ver­let­zung sank­tio­niert wer­den; ande­re gel­ten als mora­lisch oder ledig­lich kon­ven­tio­nell und sind mit „infor­mel­len“ sozia­len Sank­ti­ons­me­cha­nis­men ver­bun­den.
Das Wort „Frei­heit“ frei­lich, das kann man belie­big im Mun­de füh­ren oder in Par­tei­pro­gram­me oder auf Trans­pa­ren­te dru­cken, und die Häu­fig­keit sol­cher Vor­komm­nis­se ver­weist auf gewis­se Kon­junk­tu­ren. Frei­heit kann so aber ganz Ver­schie­de­nes mei­nen, und zwar je nach­dem, wovon sich eine Bewe­gung, Par­tei oder Initia­ti­ve befrei­en will und je nach­dem, ob es um Lärm oder Mobi­li­sie­rung oder Wäh­ler­stim­men geht. Damit las­sen sich dann auch die Kon­junk­tu­ren und ver­meint­li­che „Sei­ten­wech­sel“ erklä­ren. Wäh­ler bei­spiels­wei­se über­zeugt man am bes­ten mit Aus­sich­ten auf Lösun­gen für ihre kon­kre­ten oder dif­fu­sen Pro­ble­me, mit Ant­wor­ten auf ihre Ängs­te, zuwei­len auch sol­che, die man zuvor selbst erzeugt oder zumin­dest medi­al auf­ge­bla­sen hat. In den Zei­ten deut­lich spür­ba­rer öko­no­mi­scher oder Finanz­markt­kri­sen (z.B. in und nach 2008), die seit dem 20. Jahr­hun­dert immer glo­bal sind, ist Pro­tek­tio­nis­mus und Befrei­ung von den Zwän­gen des glo­ba­len Kapi­tal­markts ange­sagt. Ent­spre­chen­de Paro­len fin­den sich ver­mehrt (aber nicht nur) auf Sei­ten kon­ser­va­ti­ver und rech­ter Kräf­te. Wenn hin­ge­gen recht­li­che Ungleich­heit als Unter­drü­ckung erfah­ren wird oder sozia­le Ungleich­heit offen­sicht­lich so stark anwächst, dass eine Sei­te ihre Frei­heits­rech­te nicht wahr­neh­men kann, wird die Her­stel­lung glei­cher Rech­te (Gleich­be­rech­ti­gung) oder glei­cher Chan­cen und ent­spre­chen­der Res­sour­cen­ver­tei­lung gefor­dert. Da lin­ke und eher als pro­gres­siv gel­ten­de Par­tei­en und Bewe­gun­gen in der Regel kei­ne natür­li­chen oder kul­tu­rel­len Deter­mi­nan­ten für Ungleich­hei­ten aner­ken­nen, ist das eines ihrer zen­tra­len The­men, wäh­rend rech­te Kräf­te durch­aus Ande­re ken­nen, die kei­nen Anspruch auf glei­che Rech­te haben. Aber ver­ges­sen wir nicht: Auch eini­ge soge­nann­te Lin­ke ken­nen die­se Ande­ren, wenn die­se etwa in Gestalt von „Wirt­schafts-„ oder „Kli­ma­flücht­lin­gen“ vor der eige­nen Tür ste­hen und es um Wäh­ler­gunst und natio­nal­staat­li­che Gren­zen oder die Siche­rung ent­spre­chen­der Wohl­stands­sys­te­me geht, selbst wenn die­se ihren Wohl­stand his­to­risch und gegen­wär­tig der Aus­beu­tung der Ande­ren ver­dankt.
Kurz: In mei­nen Augen ist der Sei­ten­wech­sel auch des Wor­tes „Frei­heit“ ist ledig­lich ein Sym­ptom und ein sehr unsi­che­rer Hin­weis dar­auf, wofür jemand steht …

 

Ador­no wird heu­te viel­fach mit dem Satz “Es gibt kein rich­ti­ges Leben im fal­schen” bedacht. Was ist in der heu­ti­gen Zeit die­ses fal­sche Leben, in dem es sich nicht rich­tig leben lässt?
 
Ja, die­ser Satz aus den Mini­ma Mora­lia gilt als Ador­nos berühm­tes­ter, und vie­le, vor allem auch wohl­wol­len­de Lesen­de wünsch­ten, er hät­te ihn nie geschrie­ben. Den einen erscheint er als apo­re­tisch, ande­ren als aus­weg- und hoff­nungs­los. Oft schon habe ich gehört: „Aber es gibt doch ein ‚rich­ti­ge­res‘ oder ‚fal­sche­res‘ – als sei­ne ‚rich­tig‘ und ‚falsch‘ gra­du­ier­bar.
Dabei spricht Ador­no mit die­sem Satz – in der für ihn typi­schen Ges­te der Über­trei­bung frei­lich – eine Grund­er­fah­rung aus, die bereits Marx als Ein­satz und Trieb­kraft aller ernst­haf­ten Gesell­schafts­kri­tik ange­se­hen hat­te. Bei Marx fin­det sich die­se Erfah­rung in der Rede von der „Infa­mie des Bestehen­den“ arti­ku­liert. Auch in die­ser For­mu­lie­rung ver­mi­schen sich Ver­zweif­lung und Ohn­macht, Empö­rung und Wider­stand auf eigen­tüm­li­che Wei­se. Die­se For­mel wie­der­um wur­de spä­ter teil­wei­se wört­lich von Georg Lukács, Max Hork­hei­mer, Leo Löwen­thal, Wal­ter Ben­ja­min und eben auch Ador­no wie­der­holt. Und von deren Zeit­ge­nos­sen Ber­tolt Brecht wur­de sie sogar dich­te­risch ver­ewigt: In sei­nem Gedicht „An die Nach­ge­bo­re­nen“ ergeht an eben die­se Nach­ge­bo­re­nen die Bit­te um Nach­sicht dafür, „wahr­lich […] in finstren Zei­ten“ zu leben. Es sei ein Leben in Zei­ten, in denen das arg­lo­se Wort töricht ist, die glat­te Stirn auf Unemp­find­lich­keit hin­deu­tet, in denen Gesprä­che über Bäu­me fast Ver­bre­chen sind, in denen jeder Mensch weiß, dass das eige­ne Über­le­ben und gute Über­le­ben blo­ßer Zufall sind, die Opfer for­dern oder gefor­dert haben. „Nichts von dem, was ich tue, berech­tigt mich dazu, mich satt zu essen. Zufäl­lig bin ich ver­schont. Wenn mein Glück aus­setzt, bin ich ver­lo­ren.“
Was also könn­te gemeint sein? Zunächst ein­mal, dass sich die oder der Ein­zel­ne von vorn her­ein in gesell­schaft­li­che Hand­lungs­zu­sam­men­hän­ge ver­strickt fin­det, die vor­ge­ge­ben und nicht frei gewählt sind. Und dass wir irgend­wie als leben­de Wesen Res­sour­cen ver­brau­chen, die ande­ren des­halb nicht mehr zur Ver­fü­gung ste­hen. Aber all das ist zu tri­vi­al, kenn­zeich­net alle Ver­ge­sell­schaf­tungs- und Lebens­pro­zes­se und begrün­det per se kei­ner­lei Schuld­ge­füh­le oder Schuld­zu­wei­sun­gen. Betrach­te ich mei­ne Lebens­voll­zü­ge und -wei­se nun aber genau, kom­me ich eigent­lich kaum umhin, die­se Ver­stri­ckun­gen zugleich als Schuld­zu­sam­men­hän­ge zu erfah­ren. Ganz ver­ein­facht: Ich unver­dient Wohl­ha­ben­de ver­dan­ke mei­nen Wohl­stand frü­he­rer oder gegen­wär­ti­ger Aus­beu­tung, ob ich will oder nicht. Und: Wir alle leben zu Las­ten zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen, denen wir neben Schul­den­ber­gen zer­stör­te Natur, evtl. Kli­ma­ka­ta­stro­phen ver­er­ben. Und als Gesamt­ge­sell­schaft füh­len wir uns nicht ver­ant­wort­lich oder über­for­dert, wenn wir auf­ge­for­dert wer­den, unse­re Gelüs­te und Bedürf­nis­se zuguns­ten zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen auch nur zu hin­ter­fra­gen, geschwei­ge denn sie zu redu­zie­ren.
Kann nicht also auch uns unse­re Gegen­wart – sofern wir dar­über nach­den­ken wol­len – infam und fins­ter erschei­nen? Erscheint sie nicht gera­de auch in öffent­li­chen, wis­sen­schaft­li­chen und auch poli­ti­schen Dar­stel­lun­gen als in mehr­fa­chen Sin­ne irra­tio­nal: als Schick­sal oder blin­de Natur­ge­walt, als nicht ratio­na­li­sier­bar im Sin­ne von „erklär­bar“ (sei es kau­sal oder teleo­lo­gisch)? Und auch als unver­nünf­tig im empha­ti­schen Sin­ne des „ethisch empö­rend“ (noch ein­mal die Stich­wor­te: nicht­pro­gnos­ti­zier­ba­re Finanz-, d.h. Welt­wirt­schafts­kri­sen, dro­hen­den öko­lo­gi­sche Kata­stro­phen, per­ma­nen­te Kriegs­ge­fahr).
Wer möch­te heu­te eigent­lich in einer der nächs­ten Gene­ra­tio­nen leben? Ich nicht. Ist das nicht fins­ter?

 


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