Es gibt eine diffuse Angst” – Heribert Prantl im Interview

Es gibt eine diffuse Angst”

Heribert Prantl im Interview

 

Anlässlich der neuen agora42-Ausgabe WA(H)RE ANGST haben wir ausgewählten Personen einige Fragen zum Thema Angst gestellt. Hier die Antworten von Heribert Prantl, dessen neues Buch “Die Kraft der Hoffnung” soeben in der Süddeutsche Zeitung Edition erschienen ist. Darin geht er vielem nach, was auch uns in der aktuellen Ausgabe beschäftigt. So konstatiert er: “Die Weltzuversicht vieler Menschen zerbricht. Die Populisten, die Nationalisten und die Terroristen sind nicht nur Ursache, sondern auch Symptom des erschütterten Vertrauens in eine gesicherte Zukunft. Der Glaube daran, dass Demokratie und Rechtstaatlichkeit sich, und sei es langsam, weiterentwickeln, geht verloren.”
Im Interview spricht er über diffuse Ängste, flüchtige Existenzen, einen gefährlichen Hanswurst und – die Hoffnung …

Herr Prantl, auf den ers­ten Blick scheint in Deutsch­land alles in Ord­nung zu sein: die Wirt­schaft boomt, die Arbeits­lo­sig­keit ist auf einem his­to­ri­schen Tiefst­stand und die deut­sche Natio­nal­mann­schaft stellt einen neu­en Rekord auf. Den­noch dia­gnos­ti­zie­ren Sie in Ihrem neu­en Buch, dass die Welt­zu­ver­sicht vie­ler Men­schen zer­bricht. Wie passt das eine mit dem ande­ren zusammen?

Foto: © Jür­gen Bau­er. Heri­bert Prantl lei­tet das Res­sort für Innen­po­li­tik bei der Süd­deut­schen Zei­tung in Mün­chen und ist seit Janu­ar 2011 Mit­glied der Chefredaktion.

Es gibt eine dif­fu­se Angst ange­sichts der vie­len schnel­len Ver­än­de­run­gen, die den Men­schen das eige­ne Leben fremd und die Zukunft unsi­cher wer­den las­sen; es gibt die tag­täg­li­chen bedroh­li­chen Nach­rich­ten über Trump, über Erdo­gan – und die Unsi­cher­heit dar­über, wohin die­se Auto­kra­ten und ihre Lust an poli­ti­scher Grob­heit die Welt füh­ren. Die Angst vor den Frem­den, von den Flücht­lin­gen, vor den Mus­li­men – die kana­li­siert die dif­fu­se Angst, des­we­gen gelingt es den popu­lis­ti­schen Extre­mis­ten der­zeit, mit die­ser Angst Poli­tik zu machen und Wahl­er­fol­ge zu ern­ten. Die dif­fu­se Angst vor schnel­len Ver­än­de­run­gen, vor der Glo­ba­li­sie­rung, die­se Angst kann man schwer for­mu­lie­ren und schwer grei­fen, die Angst vor den Flücht­lin­gen schon. Das gibt dann das Gefühl von Kon­trol­le, die dem Leben ansons­ten immer mehr abhan­den kommt.

 

Hängt die­ser Ver­lust der Welt­zu­ver­sicht damit zusam­men, dass das Bild, das wir von die­ser Welt gezeich­net haben, verschwimmt?

Es gibt einen Sog der Fremd­be­stim­mung; auf den Ein­zel­nen scheint es immer weni­ger anzu­kom­men. Vie­len erscheint ihr Lebens­lauf wie der Lauf des Hams­ters im Rad. Und die Flücht­lings­exis­tenz wird zum Merk­mal der heu­ti­gen Zeit. Denn das Gefühl der flüch­ti­gen Exis­tenz haben auch Men­schen in den Län­dern, in die Flücht­lin­ge flüch­ten. Vie­le Men­schen in Euro­pa erle­ben die Flücht­lin­ge als Boten eines  Unglücks, das auch ihnen auf­lau­ert. Also weh­ren sie sich gegen Flücht­lin­ge, um ihnen nicht gleich zu wer­den; sie sehen die Flücht­lin­ge als Mene­te­kel. Das ist der Boden, auf dem die alten Wahn­ide­en, auf der Natio­na­lis­mus und der Ras­sis­mus wie­der wachsen.

 

Man kann sich des Gefühls nicht erweh­ren, dass die Poli­tik den heu­ti­gen Pro­ble­men nicht mehr gewach­sen ist. Wor­an liegt das? Ist das ein struk­tu­rel­les Pro­blem oder haben wir die fal­schen Politiker?

Es ist ein Gerücht, dass die Poli­ti­ker frü­her bes­ser gewe­sen sei­en. Es ist nur so, dass wir die schlech­ten Poli­ti­ker und die vie­len Durch­schnitts­po­li­ti­ker der frü­hen demo­kra­ti­schen Jahr­zehn­te ver­ges­sen haben – wir erin­nern uns nur an die gro­ßen Namen: An Ade­nau­er und Hei­ne­mann und Brandt und Hel­mut Schmidt, an Gen­scher und, ja, an den gro­ßen Euro­pa­po­li­ti­ker Kohl. Wir erin­nern uns an die Leit­ent­schei­dun­gen, die die­se Poli­ti­ker getrof­fen haben.

Es ist aller­dings so, dass die Pro­ble­me der Welt wach­sen – und man welt­weit vie­le Poli­ti­ker bräuch­te, die gute Lenk- und Leit­ent­schei­dun­gen tref­fen und durch­set­zen kön­nen. Aber just in die­sem Augen­blick tritt als 45. US-Prä­si­dent ein nar­ziss­ti­scher Schar­la­tan namens Trump auf den Plan. So ein Mann an der Spit­ze der Welt­macht ist nicht ein­fach nur ein Hans­wurst, er ist ein hoch­ge­fähr­li­cher Hans­wurst. Und es ist ein struk­tu­rel­les Pro­blem, das so einer es schaf­fen kann, in einer demo­kra­ti­schen Wahl an die Spit­ze einer demo­ka­ti­schen Groß­macht zu kom­men. Der Mann ist gewählt wor­den – in Kennt­nis sei­ner Feh­ler und Wahnwitzigkeiten!

 

 Die Pro­ble­me, mit denen wir uns kon­fron­tiert sehen – bspw. Erd­er­wär­mung, außer Kon­trol­le gera­te­ne Finanz­märk­te und Geheim­diens­te, Lob­by­is­mus und zuneh­men­de Ungleich­heit –, schei­nen über­mäch­tig. Den­noch haben Sie die Hoff­nung noch nicht auf­ge­ge­ben. Woher neh­men Sie die Kraft zu hoffen?

Ja, die Pro­ble­me sind gewal­tig – und manch­mal möch­te man sich im Pes­si­mis­mus ver­lie­ren und resi­gnie­ren. Auch als Jour­na­list fällt einem gele­gent­lich so ein Gefühl an. Dann muss man sich  bewusst machen, dass Erkennt­nis und Auf­klä­rung nicht irgend­wann ein­mal vom Him­mel gefal­len ist und dann immer da bleibt. Auf­klä­rung ist immer und immer wie­der, man muss sie sich immer wie­der neu erkämp­fen. Wenn ich kei­ne Hoff­nung mehr hät­te und dem Fata­lis­mus ver­fie­le – dann könn­te ich nicht mehr schrei­ben; oder ich wür­de zynisch – und das wür­de ich den Lese­rin­nen und Lesern nicht zumu­ten wol­len. Woher neh­me ich die Kraft zu hof­fen?  Hoff­nungs­lo­sig­keit ist ein Luxus, den man sich gera­de in schwie­ri­gen Zei­ten nicht leis­ten kann. Wer hoff­nungs­los ist, dem läuft die Zukunft davon. Das wür­de mir nicht gefal­len. Hoff­nung gibt Auf­trieb, Hoff­nung gibt Dri­ve, Hoff­nung macht Mut.

Der römi­sche Dich­ter Ovid hat ein­mal geschrie­ben: Glück­lich ist, wer das, was er liebt, auch wagt, mit Mut zu beschüt­zen. Ich mag gern glück­lich sein.

Ende.

 

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wahre angstDie neue agora42 zum Thema WA(H)RE ANGST

mit

  • Heinz Bude im Interview
  • Frank Ruda: “Mut zur Angst”
  • Franz Kaf­ka im Porträt
  • Spe­cial: Kunst­wer­ke zum The­ma von Jonas Bur­gert, Roger Bal­len, Sami­ra Frei­tag uvm.

Unruhe – Ralf Konersmann über ein Leitbild der Moderne

Unruhe

von Ralf Konersmann

 

Ralf Konersmann

Ralf Kon­ers­mann ist Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Kiel und Direk­tor des dor­ti­gen Phi­lo­so­phi­schen Semi­nars. Er ist Her­aus­ge­ber des Wör­ter­buchs der phi­lo­so­phi­schen Meta­phern, Mit­her­aus­ge­ber der Zeit­schrift für Kul­tur­phi­lo­so­phie sowie des His­to­ri­schen Wör­ter­buchs der Phi­lo­so­phie. Foto: Bodo Kremmin

Lan­ge Zeit war der Begriff des Leit­bil­des ver­pönt. Der 1967 von Theo­dor W. Ador­no für eine Samm­lung phi­lo­so­phi­scher Essays gewähl­te Titel Ohne Leit­bild war Pro­gramm. Kei­nes­falls durf­te der Lauf der Din­ge durch die Befan­gen­hei­ten des Augen­blicks behin­dert wer­den, die Zukunft soll­te offen sein.

Geschichts­phi­lo­so­phisch war der Ver­zicht kon­se­quent, aber er war auch unpo­li­tisch. Die Absa­ge igno­rier­te die Tat­sa­che, dass die Gegen­wart ihre Leit­bil­der längst schon besitzt und dass die­se von den Leit­me­di­en und der Poli­tik, von Wis­sen­schaft und Wer­bung stän­dig in Anspruch genom­men wer­den – Leit­bil­der im Übri­gen, die kaum jemals als sol­che aus­ge­wie­sen sind und, weil sie sich gleich­sam von selbst ver­ste­hen, umso über­zeu­gen­der wirken.

Zu die­ser Art Leit­bil­der, die in aus­ge­such­ten Momen­ten macht­voll auf­schei­nen, ansons­ten aber im Bereich des kul­tu­rell Unbe­wuss­ten zu Hau­se sind, gehört die Unru­he. Die Unru­he ist da, sie ist über­all, tritt aber kaum jemals rein als sol­che her­vor. Und doch wis­sen wir alle nur zu gut, was es heißt, dass wir vor­wärts­kom­men müs­sen, dass wer nicht kämpft, schon ver­lo­ren hat, dass wir die Hän­de nicht in den Schoß legen dür­fen und öfter mal was Neu­es anfan­gen müs­sen. Die all­tags­sprach­li­chen Echos der Unru­he sind uns allen ver­traut, und es wäre falsch zu mei­nen, hier geschä­he etwas heim­lich oder im Ver­bor­ge­nen. Der Kon­sens der Unru­he ist mit Hän­den zu grei­fen und braucht, eben weil das Ein­ver­neh­men total ist, weder über­prüft noch gerecht­fer­tigt zu wer­den. In die­sem Kli­ma frag­lo­ser Akzep­tanz dient uns das Abc der Unru­he als eine Art Kom­pass, der uns durch den Tag führt und der uns die Stich­wor­te lie­fert, wenn es gilt, das Leben so zu leben, wie es heu­te gelebt sein will.

 

Unru­he als Leidenschaft

Seit rund sech­zig Jah­ren kla­gen die Men­schen über Stress, seit der Jahr­tau­send­wen­de über Burn-out. Umso drin­gen­der stellt sich die Fra­ge: Wie hat die­ses Leit­bild der Unru­he ent­ste­hen, wie hat es sich in den Köp­fen und Her­zen fest­set­zen kön­nen? Wie ist es zuge­gan­gen, dass wir, obgleich wir offen­sicht­lich an ihr lei­den, zu Enthu­si­as­ten der Unru­he gewor­den sind?

Mei­ne The­se ist, dass Leit­bil­der Ori­en­tie­run­gen sind – Ori­en­tie­run­gen, die nicht des­halb ange­nom­men wer­den, weil sie im anspruchs­vol­len Sinn des Wor­tes wahr sind, son­dern weil sie all­ge­mei­nen Über­zeu­gun­gen ent­spre­chen und jeder­mann unmit­tel­bar ein­leuch­ten. Die enor­me Kul­tur­be­deu­tung der Unru­he ent­springt aus ihrer Aktua­li­tät: aus dem, was der Unru­he zuge­traut wird.

Die Unru­he hat eine lan­ge und höchst wider­spruchs­vol­le Bedeu­tungs­ge­schich­te durch­lau­fen – vom Ver­häng­nis und dem Zei­chen der Sün­de, von dem die Theo­lo­gen jahr­hun­der­te­lang gespro­chen haben, bis hin zum Ver­spre­chen, das der frü­he Auf­klä­rungs­phi­lo­soph Fran­cis Bacon aus der Unru­he her­aus­le­sen woll­te. Die Geschich­te der Neu­zeit ist ganz wesent­lich die Aner­ken­nungs­ge­schich­te der Unru­he. Selbst die Freu­de sei Unru­he, ver­si­chert Lud­wig Feu­er­bach in sei­nen Leib­niz-Stu­di­en: „Ja, die Unru­he ist selbst wesent­lich zur Glück­se­lig­keit der Geschöp­fe, denn sie besteht nicht in einem voll­komm­nen Besit­ze, der sie nur fühl­los und stumpf machen wür­de, son­dern in einem fort­wäh­ren­den und unun­ter­broch­nen Fort­schritt zu immer grö­ßern Gütern, ein Fort­schritt, wel­cher nicht ohne ein Ver­lan­gen oder eine bestän­di­ge Unru­he denk­bar ist.“

Leit­bil­der, auch dar­an ent­zün­de­te sich die Kri­tik Ador­nos, müs­sen sich nicht erklä­ren – sie müs­sen ein­leuch­tend sein. Die Zei­len Feu­er­bachs heben die­se Qua­li­tät leit­bild­haf­ter Ori­en­tie­run­gen her­vor, indem sie ein­mal unum­wun­den aus­spre­chen, was auf dem Boden der west­li­chen Kul­tur jedes Kind ver­stan­den und sich, wenn es klug ist, zuei­gen gemacht hat: die Lei­den­schaft für Bewe­gung, Wan­del und Ver­än­de­rung; das Fie­ber des Auf­bruchs und des Vor­wärts­kom­men­wol­lens; die Begeis­te­rung für Ande­res, Frem­des und Neues.

 

Kri­tik der Unruhe

Schon zur Zeit ihrer Ent­fes­se­lung, also im Ver­lauf des 17. Jahr­hun­derts, ist die pro­ble­ma­ti­sche Sei­te der Unru­he gese­hen wor­den, am deut­lichs­ten viel­leicht von Blai­se Pas­cal. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph und Mathe­ma­ti­ker spricht von Zer­streu­ung, vom diver­tis­se­ment, und meint damit die Kor­rum­pie­rung der über­lie­fer­ten Vor­stel­lungs- und Emp­fin­dungs­welt durch die Unru­he. Unmit­tel­bar an der his­to­ri­schen Schwel­le zählt Pas­cal auf, was sich eben gera­de jetzt zu ver­än­dern beginnt: dass wir nun offen­bar zu allem bereit sind, wenn uns nur das Elend der Lan­ge­wei­le erspart bleibt; dass wir uns von den Gegen­stän­den ablen­ken und weg­zie­hen las­sen, denen unse­re Sor­ge gel­ten müss­te; dass wir uns mit unse­rem vol­len Ein­ver­ständ­nis aus unse­rer Mit­te rei­ßen und in eine Wirk­lich­keit trei­ben las­sen, in der wir uns nur ver­lie­ren können.

Pas­cal bestimmt die mensch­li­che Situa­ti­on, wie sie mit Beginn der Neu­zeit ent­stan­den ist, als Situa­ti­on der Unru­he. Unter dem maß­geb­li­chen Ein­fluss der Psy­cho­lo­gie ist die­se Situa­ti­on seit­her auf das For­mat der „inne­ren Unru­he“ geschrumpft. Erkennt­nis­för­dernd ist die­se Dia­gno­se nicht. Sie trübt den Blick für die Zwei­deu­tig­keit des The­mas: dafür, dass die Unru­he Ver­häng­nis und Ver­spre­chen zugleich ist – eine Pas­si­on. Noch weni­ger ist sich die­se dia­gnos­ti­sche Rou­ti­ne ihrer eige­nen Ver­stri­ckung bewusst: der Tat­sa­che, dass der sche­ma­ti­sche Kreis­lauf von Pro­blem und Lösung selbst ein Echo der Unru­he ist. Tat­säch­lich ist die Unru­he Lebens­form und Denk­form zugleich: die west­li­che Art, das Leben anzunehmen.

Da dies aber so ist und die Unru­he mit der Kul­tur­wirk­lich­keit des Wes­tens ver­schmol­zen ist, gibt es kein Rezept. Wir kön­nen die Unru­he nicht abschaf­fen und über­win­den. Wohl aber kön­nen wir beson­nen mit ihr umge­hen und die Viel­falt ihrer Erschei­nungs­for­men zur Kennt­nis neh­men. Das führt zu der alten Ein­sicht, dass auch die Leit­bil­der (exem­p­la nobi­lia) Ver­füh­rer zur Unru­he sind. Der Ideo­lo­gie­kri­ti­ker Ador­no hät­te dem wohl zustim­men kön­nen: Indem sie uns dazu auf­for­dern, dem ver­meint­lich Bes­se­ren und Voll­kom­me­ne­ren nach­zu­ei­fern, über­win­den die Leit­bil­der nicht die Schwä­che unse­res Bewusst­seins, son­dern nut­zen sie aus. Die Kri­tik der Unru­he ist auch eine Kri­tik der Leit­bil­der, genau­er: eine Kri­tik ihrer Komplizenschaft.

 

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Die­ser Arti­kel ist erst­mals in der agora42-Aus­ga­be 03/2016 LEITBILDER erschienen.agora42 LEITBILDER

The Black Monday Murders – ein Comic über die Schwarze Magie der Börse

The Black Monday Murders –

ein Comic über die Schwarze Magie der Börse

Text: Bernd Villhauer

 

Black Monday Murders

Bild: Image Comics

Es war wohl nicht zu vermeiden, dass in meinen Seitenblicken auf die Finanzwelt auch einmal ein Comic besprochen wird. Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich der „9. Kunst“, dem Comic-Genre, schon verfallen bin, seitdem ich „Daniel Düsentrieb“ fehlerfrei aussprechen konnte. Es kommt also wie es kommen musste. Allerdings gebe ich keinen Überblick über das Thema „Börse im Comic“ – das wäre auch ein faszinierendes Projekt, das aber zur Zeit noch in der Schublade „Recherche!“ ruht. Vorab will ich nur meiner Freude über den lesenswerten neuen Comic The Black Monday Murders Ausdruck verleihen, der in einer außergewöhnlichen Weise auf die Finanzwelt blickt.

 

 

Bernd Villhauer

Bernd Vill­hau­er ist Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts und Autor der Kolum­ne “Finanz und Eleganz”.

The Black Mon­day Mur­ders wur­de geschrie­ben von Jona­than Hick­man und gezeich­net von Tomm Coker; der ers­te Band des Werks ist erschie­nen am 25. Janu­ar 2017 unter dem Titel „All Hail. God Mam­mon“, der zwei­te Band wird (end­lich) am 20. Dezem­ber 2017 her­aus­kom­men. Publi­ziert wird The Black Mon­day Mur­ders von Image Comics. Die­se Anga­ben bezie­hen sich auf die Sam­mel­bän­de, zu den ein­zel­nen Hef­ten fin­det man Infor­ma­tio­nen auf der Image-Home­page.

Zunächst soll­ten jene gewarnt sein, die einen „kul­ti­vier­ten“ Bil­dungs­co­mic oder ein Sach­buch als Gra­phic Novel erwar­ten. Obacht! Hier wird nicht ein his­to­ri­scher oder phi­lo­so­phi­scher Stoff über das Medi­um Comic popu­la­ri­siert und ver­kauft, weil – so die oft gemach­te Annah­me – mit Comics auch weni­ger klu­gen Men­schen behut­sam die Geheim­nis­se der Welt nahe­ge­bracht wer­den kön­nen. Die gepfleg­te Lan­ge­wei­le, die vie­le der „Adam Smith in Bil­dern“- oder „Nietz­sche als Comic“- bzw. „Öko­no­mie leicht gemacht“-Aufbereitungen umweht, kann hier nicht aufkommen.

Im vor­ge­stell­ten Comic geht es um das gefähr­li­che Gan­ze. In der Welt von The Black Mon­day Mur­ders wer­den die Gen­res Kri­mi­nal­ge­schich­te, Hor­ror-Sto­ry, Fami­li­en­sa­ga und Poli­tikthril­ler kom­bi­niert – es wird intri­giert, gekämpft und gestor­ben, was das Zeug hält. Die zeich­ne­ri­sche Umset­zung ist dabei so „expli­zit“, dass ängst­li­che Gemü­ter mit schwa­chem Magen bes­ser nicht zugrei­fen soll­ten. Eine Ebe­ne des Comics ist adäquat und kei­nes­falls her­ab­las­send durch „okkul­te Detek­tiv­ge­schich­te mit dras­ti­schen Hand­lungs­ver­läu­fen“ zu beschrei­ben: H.P. Love­craft und Ray­mond Chand­ler gehen auf eine Fei­er, wo sie J.P. Mor­gan und Nathan Roth­schild treffen.

Black Monday Murders

Zur Ver­göße­rung bit­te ankli­cken. Quel­le: Image Comics.

Aber wer sich von reich­lich strö­men­dem Blut und düs­te­ren Sze­na­ri­en nicht abschre­cken lässt, der wird mit einer klu­gen und viel­fäl­ti­gen Refle­xi­on über Finan­zi­el­les und Bör­se belohnt. Eine der Haupt­bot­schaf­ten ist:

 

Am Anfang war das Geld!

 

Es wird nicht weni­ger unter­nom­men als eine Par­al­lel­ge­schich­te des Gel­des und der Geld­ver­meh­rung zu erzäh­len. Das Finanz­ge­sche­hen ist in die­ser Dar­stel­lung die eigent­li­che Rea­li­täts­ebe­ne, von der die uns zugäng­li­che Welt nur eine Wider­spie­ge­lung, meist ein mat­ter Abglanz ist. Die mone­tä­re Kal­ku­la­ti­on war vor allen ande­ren Kul­tur­leis­tun­gen – wes­halb die eine gro­ße Spra­che der Welt auch die Spra­che des Gel­des ist – und die­se ist im Kern eine Spra­che der Magie. Are you confused?

Der Autor Hick­man gibt sich gro­ße Mühe, mit Tabel­len und Sprach­ta­feln eine Art Pseu­do-Doku­men­ta­ti­on die­ser eigent­li­chen Welt der Pro­to-Mathe­ma­tik und der Pro­to-Öko­no­mie auf­zu­bau­en. Die rhe­to­ri­sche Figur vom „Zau­ber des Gol­des“ nimmt der Comic voll­kom­men ernst – mate­ri­el­les Ver­mö­gen ent­steht durch Beschwö­rung, Kult, Ver­wand­lung und Opfer. Und damit sind eben (Kri­mi­hand­lung!) auch Men­schen­op­fer gemeint. Denn, so eine der ein­drucks­vol­len Sze­nen im Buch, die Bro­ker und Ban­kiers, die wäh­rend des gro­ßen Bör­sen­crashs 1929 ihre Hoch­haus­bü­ros durch die Fens­ter ver­lie­ßen – die taten das nicht immer freiwillig …

Da die Welt, in der die Black Mon­day Mur­ders spie­len, von eini­gen weni­gen gro­ßen Fami­li­en und Clans beherrscht wird, kommt zur Ver­schwö­rungs­pra­xis gleich die pas­sen­de Ver­schwö­rungs­theo­rie. Womit wir viel­fach ver­min­tes Gelän­de betre­ten. Und tat­säch­lich schmiegt sich das Uni­ver­sum die­ser okkul­ten Geld­be­schwö­rung und Geld­ver­schwö­rung manch­mal unan­ge­nehm nahe an den Neo-Feu­da­lis­mus der Gegen­wart. Hat es nicht wirk­lich etwas „Zau­ber­haf­tes“ wie bestimm­te Fami­li­en das Ver­mö­gen der Vor­vä­ter hor­ten und ver­meh­ren? Und reizt die Ver­schwie­gen­heit des gro­ßen alten Gel­des nicht zu Spe­ku­la­tio­nen? Indem Hick­man / Coker ein Pan­dä­mo­ni­um der Finanz­zau­be­rei erste­hen las­sen, ver­lei­hen sie Ängs­ten Aus­druck, die wir alle ken­nen. Geht das denn mit rech­ten Din­gen zu, dass mache Erbin­nen und Erben jeden Tag Mil­lio­nen­be­trä­ge ein­strei­chen? Ist das Auf­stiegs­ver­spre­chen, von dem alle markt­wirt­schaft­lich ori­en­tier­ten Gesell­schaf­ten abhän­gen, noch glaub­wür­dig, wenn sich Eli­ten in die­ser Wei­se repro­du­zie­ren und sich die Ver­mö­gen immer stär­ker kon­zen­trie­ren? Zumin­dest für die USA, in denen der Comic spielt, ist die Angst vor einer Finan­zo­lig­ar­chie nicht unbe­rech­tigt – auch wenn sie nicht regel­mä­ßig Lebe­we­sen auf dem Haus­al­tar aus­blu­ten lässt.

Und gleich­zei­tig war das für mich per­sön­lich eine der weni­gen Frag­wür­dig­kei­ten beim Lesen: Muss es sein, dass in neu­em Gewand die glei­chen alten Ver­schwö­rungs­plots um die Ecke lin­sen? Muss eine der Fami­li­en unbe­dingt die der Roth­schilds sein? Und ist es wirk­lich sinn­voll, dass die Poli­tik nur ganz und gar abhän­gig dar­ge­stellt wird, als ein Sub­sys­tem der Finanz­macht? Hier hät­te ein biss­chen mehr Luh­mann und ein biss­chen weni­ger Love­craft gut getan. Die Sys­tem­dy­na­mik isst letz­ten Endes doch jeden Ver­schwö­rer­zir­kel zum Früh­stück. Ein klein biss­chen Ziel­kon­flikt zwi­schen den poli­ti­schen, intel­lek­tu­el­len und wirt­schaft­li­chen Eli­ten hät­te also nicht geschadet.

Aber der Autor von The Black Mon­day Mur­ders hat sich ent­schie­den: Geld regiert die Welt – und zwar die sicht­ba­re wie die unsicht­ba­re. Das macht alles ziem­lich catchy, aber sorgt eben auch für die selbst­be­wuss­te Ober­fläch­lich­keit, den strah­len­den Kat­zen­gold­glanz, den jeder gro­ße Comic hat. Auch die­se Bil­der­zäh­lung kennt ihre Gren­zen, aber inner­halb die­ser Gren­zen bringt sie eine Welt der Geld-Refe­ren­zen zum Schwingen.

Die zwin­gen­de Logik man­cher Mär­chen beruht dar­auf, dass nichts vom Erzähl­ten real ist, aber die Ängs­te, auf die die Erzäh­lung zielt, sehr wohl. The Black Mon­day Mur­ders ist das düs­te­re Mär­chen von den Zah­lungs­strö­men, die unser Leben sinn­voll und sinn­los machen kön­nen. Der Comic macht ernst mit der Ver­mu­tung, dass das Geld eine Beschrei­bung der Welt lie­fert – und zwar oft eine furcht­bar genaue.

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 13. Okto­ber 2017

 

 

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In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Kunstausstellung WA(H)RE ANGST in Pforzheim öffnet

Kunstausstellung WA(H)RE ANGST eröffnet in Pforzheim

Kunstausstellung

Die Neon­schrift der Künst­le­rin Kath­rin Borer wird in Pforz­heim ausgestellt.

Wa(h)re Angst“ – das ist der Name einer Kunst­aus­stel­lung, die vom 6. bis zum 29. Okto­ber 2017 im EMMA – Krea­tiv­zen­trum Pforz­heim statt­fin­det. Wir freu­en uns auf die Wer­ke von:

 

Angst kennt jeder. Sie beein­flusst wesent­lich unse­re Hand­lun­gen und ist ein grund­le­gen­der Fak­tor ratio­na­ler und emo­tio­na­ler Ent­schei­dun­gen. Doch wel­che Ereig­nis­se lösen Ängs­te in uns aus und wovor haben wir eigent­lich Angst? Vor Sta­tus­ver­lust? Vor frem­den Kul­tu­ren? Vor dem Rechts­ruck? Vor ande­ren Reli­gio­nen? Vor der Zukunft? Vor Ver­ant­wor­tung, Ver­än­de­rung oder Kom­ple­xi­tät? Oder gar vor dem Tod? Unse­re ein­sei­ti­ge Aus­rich­tung auf Mate­ri­el­les (Haus, Auto, Geld) ruft außer­dem eine wei­te­re Angst her­vor: die Angst vor einer Wirt­schafts­kri­se und den damit ver­bun­de­nen Gefähr­dun­gen und Wohlstandseinbußen.

Jetzt ver­sand­kos­ten­frei erhält­lich: Die Aus­ga­be zum The­ma mit Heinz Bude (“Die Gesell­schaft der Angst”), Tho­mas Gut­knecht (“Mut und Hal­tung statt Wut und Spal­tung”), Peter-André Alt (“Franz Kaf­ka – Exper­te für die dunk­len Gefüh­le”), Otto Tei­schel (“Angst und Ideo­lo­gie”) uvm.

Die Aus­stel­lung „Wa(h)re Angst“ hin­ter­fragt die durch Ängs­te her­vor­ge­ru­fe­nen und gepräg­ten aktu­el­len poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen und ermög­licht so einen kri­ti­schen Blick auf deren Ursprün­ge und mög­li­che Fol­gen. Der Aus­stel­lungs­ti­tel „Wa(h)re Angst“ bezieht sich dabei zum einen auf Angst als Ware, mit der in Poli­tik und Wirt­schaft gehan­delt wird, und zum ande­ren auf die Fra­ge, ob es eine „wah­re“ Angst gibt und wie die­se aus­se­hen könn­te. Inter­na­tio­na­le Künst­ler eröff­nen unge­wohn­te Per­spek­ti­ven auf mensch­li­che Ängs­te und bezie­hen mit ihren Wer­ken Stel­lung zu poli­ti­schen Themen.

Die Kunst­aus­stel­lung wird vom EMMA — Krea­tiv­zen­trum Pforz­heim ver­an­stal­tet und von dem Künst­ler Janusz Czech kura­tiert. Czech ist Redak­teur der agora42 und schon lan­ge mit dem Maga­zin ver­bun­den – es lag also auf der Hand, das The­ma gemein­sam anzu­pa­cken. So wer­den in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 die Künst­ler der Aus­stel­lung vor­ge­stellt und ihre Wer­ke auf den grü­nen Heft­sei­ten präsentiert.
Die Aus­stel­lung wird am 5. Okto­ber eröff­net und fin­det im EMMA — Krea­tiv­zen­trum Pforz­heim (Emma-Jae­ger Stra­ße 20, 75175 Pforz­heim) sowie im gegen­über­lie­gen­den Alfons-Kern-Turm statt, einem denk­mal­ge­schütz­ten Trep­pen­turm der im Jahr 2010 abge­ris­se­nen Alfons-Kern-Schule.

 

 

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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WA(H)RE ANGST – Die neue agora42

*NEU* Die agora42-Herbstausgabe

Neue agora42: Wahre Angst

 

Don’t sell me fear leuch­tet es den Lesern auf dem Cover die­ser Aus­ga­be ent­ge­gen. Sei es die Angst vor frem­den Kul­tu­ren, vor dem Rechts­ruck, vor Sta­tus­ver­lust, vor einer Wirt­schafts­kri­se, vor der Zukunft oder vor dem Tod – jede Angst ruft fin­di­ge Men­schen auf den Plan, die Beru­hi­gung, Bes­se­rung und Bewäl­ti­gung ver­spre­chen. Bran­chen, die sich die Angst der Men­schen zunut­ze machen, wach­sen in den letz­ten Jah­ren über­pro­por­tio­nal. Aber: Muss man wirk­lich fürch­ten, was so vie­le fürch­ten? Oder liegt der Weg in die Zukunft nicht gera­de dar­in, sich der Angst zu stel­len, statt sie zu verdrängen?

 

Wol­len wir etwas ver­än­dern, müs­sen wir uns der Angst stellen.

Frank Ruda, Philosoph

Der Titel die­ser Aus­ga­be zielt in zwei Rich­tun­gen. Zum einen stel­len sich die Auto­ren der Fra­ge, ob mit der Angst ein Geschäft betrie­ben wird und ob sie als Ware gehan­delt wird. Also: Wer pro­fi­tiert von der Angst? Zum ande­ren wird die Fra­ge beant­wor­tet, ob es eine “wah­re Angst” gibt, die hin­ter allen Ängs­ten steckt. Was macht den Men­schen wirk­lich Angst?

 

Frank Augustin, agora42Ob die wil­de Ent­wick­lung neu­er Tech­no­lo­gi­en, die see­len­zer­fres­sen­de Selb­st­op­ti­mie­rung in Beruf, Fami­lie und Frei­zeit, die Hoff­nung auf grü­nes Wachs­tum und ande­re Wun­der oder die Suche nach Sün­den­bö­cken für was auch immer – all das wird nicht von ech­ter Über­zeu­gung getra­gen, son­dern dient der Ver­drän­gung der Wahr­heit: dass das neue Leit­bild, die neue Gesell­schafts­form nur ent­ste­hen wird, wenn wir der Wachs­tums­re­li­gi­on abschwören.”

Frank Augus­tin, Chef­re­dak­teur agora42

 

Der Sozio­lo­gie­pro­fes­sor Heinz Bude gibt im Inter­view die­ser Aus­ga­be einen Aus­blick: “Immer mehr Leu­te in der Wirt­schaft sind wie­der zu der Ansicht gelangt, dass die Wirt­schaft ein Teil der Gesell­schaft und nicht die Gesell­schaft ein Teil der Wirt­schaft ist. Auf die­se „Milieus der Ver­nunft“ kann man bauen.”

 

 

Neue Ausgabe

Die neue agora42 ist da!

u.a. mit
* Otto Tei­schel: Angst und Ideologie
* Tho­mas Gut­knecht: Mut und Hal­tung statt Wut und Spaltung
* Jona­than Barth / Chris­toph Gran: Zukunfts­fä­hig­keit statt Wachstum
* einem Por­trät über Franz Kaf­ka von Peter-André Alt
* Heinz Bude im Inter­view: Wer kei­ne Angst hat, hat auch kei­ne Zukunft

*EXTRA: künst­le­ri­sche Per­spek­ti­ven von u.a. Jonas Bur­gert, Mari­na Grži­nić, Gus­tav Klu­ge oder Roger Ballen

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Europa einfach machen – Ulrike Guérot

Europa einfach machen – einfach Europa machen

von Ulrike Guérot

 

Die­ser Arti­kel von Ulri­ke Gué­rot ist erst­mals in agora42 3/2017 EINFACH LEBEN erschienen.

 

Die soge­nann­te „leich­te Spra­che“ ist im Kom­men: eine ein­fa­che Spra­che für alle. War­um die Din­ge immer so kom­pli­ziert oder gestelzt aus­drü­cken? Die Bibel gibt es jetzt in „leich­ter Spra­che“. Sogar im Deutsch­land­funk gibt es inzwi­schen ein­mal pro Woche frei­tags eine Sen­dung in „leich­ter Spra­che“ und der Ver­ein Inclu­si­on Euro­pe hat als Güte­sie­gel für Tex­te in leich­ter Spra­che ein „Euro­päi­sches Logo für leich­te Spra­che“ geschaf­fen. Doch war­um nur die Spra­che ver­ein­fa­chen und nicht gleich ganz Euro­pa? In ein­fa­chen Wor­ten könn­te sich das so anhören:

 

Ulri­ke Gué­rot ist Grün­de­rin und Direk­to­rin des Euro­pean Demo­cra­cy Labs an der Euro­pean School of Gover­nan­ce in Ber­lin und seit 2016 Pro­fes­so­rin und Lei­te­rin des Depart­ments für Euro­pa­po­li­tik und Demo­kra­tie­for­schung an der Donau-Uni­ver­si­tät Krems/Österreich. Zuletzt von ihr erschien Der neue Bür­ger­krieg. Das offe­ne Euro­pa und sei­ne Fein­de (Ull­stein Ver­lag, 2017). Foto: Domi­nik Butzmann

Euro­pa ist nach Aus­tra­li­en der zweit­kleins­te Kon­ti­nent. In Euro­pa gibt es vie­le Städ­te mit ganz eige­ner Geschich­te wie Dub­lin oder Hel­sin­ki im Nor­den und Thes­sa­lo­ni­ki oder Lis­sa­bon im Süden. In der Mit­te lie­gen Paris, Stutt­gart oder Buda­pest. In Euro­pa leben 500 Mil­lio­nen Men­schen, die unter­schied­li­che Spra­chen spre­chen und aus unter­schied­li­chen Kul­tu­ren stam­men: Die einen essen lie­ber Piz­za, die ande­ren lie­ber Hering, es gibt unter­schied­li­che Trach­ten und Bräu­che, sehr vie­le ver­schie­de­ne Käse­sor­ten und ganz unter­schied­li­che Häu­ser. Im Nor­den bestehen die­se oft aus Back­stein und im Süden eher aus Sand­stein. Es gibt ver­schie­de­ne euro­päi­sche Regio­nen, die ihre eige­ne Iden­ti­tät haben: zum Bei­spiel die Bre­to­nen, die Böh­mer, die Tiro­ler, die Bay­ern, die Kata­la­nen, die Schot­ten und vie­le, vie­le mehr.

Trotz die­ser kul­tu­rel­len Unter­schie­de ver­fol­gen die Euro­pä­er die glei­chen Zie­le und ver­tre­ten die glei­chen Wer­te. Die­se Wer­te sind Frei­heit, Rechts­staat­lich­keit, Men­schen­rech­te und eine sozia­le Markt­wirt­schaft. Man nennt sie die Wer­te der euro­päi­schen Aufklärung.

Um die­se Wer­te ver­wirk­li­chen zu kön­nen, haben die Euro­pä­er eine Euro­päi­sche Repu­blik gegrün­det. Trä­ger die­ser Repu­blik sind die Regio­nen. Es gibt einen Senat, ein Reprä­sen­tan­ten­haus und einen Prä­si­den­ten. Die Regio­nen ent­sen­den jeweils zwei Sena­to­ren in den euro­päi­schen Senat, wel­che über die poli­ti­schen Zie­le Euro­pas dis­ku­tie­ren. Außer­dem gibt es ein Reprä­sen­tan­ten­haus, in dem die Sit­ze gemäß der Ein­woh­ner­zahl der Regio­nen ver­ge­ben wer­den. Das nennt man ein Zwei­kam­mer­sys­tem und man fin­det die­ses in fast allen Län­dern der Welt. Gleich­zei­tig wäh­len alle Euro­pä­er einen Prä­si­den­ten, der an der Spit­ze der Euro­päi­schen Repu­blik steht und die­se nach außen ver­tritt. Die­ser Prä­si­dent trifft sich dann bei­spiels­wei­se mit den ande­ren Prä­si­den­ten der Welt.

Die Euro­pä­er sind stolz dar­auf, als ers­te in der Welt eine „post­na­tio­na­le“ Demo­kra­tie ent­wi­ckelt zu haben. Eine „post­na­tio­na­le Demo­kra­tie“ ist eine Demo­kra­tie, in der natio­na­le Gren­zen über­wun­den wor­den sind und jeder euro­päi­sche Bür­ger, egal, wo er hin­geht, die glei­chen poli­ti­schen Rech­te und Pflich­ten hat.

Frü­her war es nicht so ein­fach. Frü­her hat­te es Natio­nal­staa­ten gege­ben. Man­che Staa­ten waren grö­ßer und wich­ti­ger als die ande­ren und immer ging es um die Fra­ge, wie man am meis­ten für die eige­ne Nati­on her­aus­ho­len kann. Es gab viel Kon­kur­renz und Geran­gel. Weil es neben der euro­päi­schen Ebe­ne und der regio­na­len Ebe­ne noch die natio­nal­staat­li­che Ebe­ne gab, wuss­te man nie genau, wen man bei einem bestimm­ten Pro­blem kon­tak­tie­ren soll. Den­noch hat man sich lan­ge Jah­re an den Natio­nal­staat geklam­mert. In der gan­zen Welt wur­de dar­über gespot­tet, dass sich die Euro­pä­er immer über Klei­nig­kei­ten gestrit­ten haben. Viel schlim­mer aber war, dass man die Euro­pä­er des­we­gen immer in die Enge trei­ben und aus­trick­sen konn­te, weil sie stän­dig mit ihren natio­na­len Strei­tig­kei­ten beschäf­tigt waren und nicht zusam­men­ar­bei­ten woll­ten. Das hat den Euro­pä­ern enorm gescha­det und sie letzt­lich auch viel Geld gekos­tet, weil sie vie­le Din­ge dop­pelt und drei­fach gemacht haben.

Heu­te ist in Euro­pa die Natio­na­li­tät nicht mehr wich­tig. So haben die Grün­dungvä­ter Euro­pas das auch gewollt. Jean Mon­net hat ein­mal gesagt: „Euro­pa, das heißt nicht, Staa­ten zu inte­grie­ren, son­dern Men­schen einen.“ Vie­le haben gesagt: „Aber das geht doch nicht.“ Alle woll­ten Euro­pa, aber immer gab es ein Aber: Aber die Völ­ker sind noch nicht reif dafür. Aber die Völ­ker sind zu unter­schied­lich. Aber, aber … Doch dann kam eine jun­ge Gene­ra­ti­on, die gese­hen hat, dass die Unter­schie­de in Euro­pa gar nicht so groß sind. Und so trat sie ent­schlos­sen für ein Euro­pa jen­seits von Natio­nen ein, ein Euro­pa, in der das Poli­ti­sche wich­ti­ger ist als das Natio­na­le. „Can­cel the but“, haben die­se jun­gen Leu­te gesagt. Sie woll­ten ein­fach Euro­pa machen; und Euro­pa ein­fach machen.

Sie haben auf ein Blatt Papier geschrie­ben, wie sie sich das vor­stel­len: 2025 Wahl­rechts­gleich­heit, 2035 steu­er­li­che Gleich­heit und 2045 glei­cher Zugang zu sozia­len Rech­ten. Mil­lio­nen jun­ger Men­schen in hun­der­ten euro­päi­schen Städ­ten haben für die­se For­de­run­gen demons­triert und aus die­sen Demons­tra­tio­nen erwuchs eine wich­ti­ge poli­ti­sche Bewe­gung. Die­se setz­te dann schließ­lich die euro­päi­sche Ver­fas­sung durch – eine Ver­fas­sung, an die sich Euro­pa seit­dem hält. Kurz: Die euro­päi­sche Demo­kra­tie wur­de ein­fach so gemacht, wie zuvor die natio­na­len Demo­kra­ti­en gemacht wor­den waren. Dabei befolg­te man den Grund­satz der all­ge­mei­nen poli­ti­schen Gleich­heit für alle Bür­ger und das Prin­zip der Gewal­ten­tei­lung – eigent­lich sind das Bin­sen­weis­hei­ten für alle Demo­kra­ti­en. Das war der Augen­blick, den der deut­sche His­to­ri­ker Theo­dor Schie­der schon 1963 vor­her­ge­se­hen hat: „Aber in dem Augen­blick, in dem für uns der Natio­nal­staat ein his­to­ri­sches Phä­no­men gewor­den ist, sind wir für die Gegen­wart und für die Zukunft im Grun­de schon über ihn hinausgewachsen.“

Heu­te haben die Euro­pä­er es ganz ein­fach: Sie haben eine ein­heit­li­che Wirt­schafts­ord­nung mit einer ein­heit­li­chen Wäh­rung, ein­heit­li­chen Steu­er­sät­zen und ein­heit­li­chen Sozi­al­leis­tun­gen; sie haben eine gemein­sa­me Armee, eine ein­heit­li­che Umwelt- und Ener­gie­po­li­tik und auch eine ein­heit­li­che Stra­te­gie im Umgang mit digi­ta­len Daten. Streit­bar sind die Euro­pä­er noch immer, gera­de wenn es um die Gestal­tung der Regio­nen geht, in denen sie leben, also um ihre nähe­re Umge­bung und all das, was sie unmit­tel­bar betrifft. Sobald es aber um die Wurst geht – und nicht etwa um Leber­würs­te, Gur­ken oder Glüh­bir­nen – spricht Euro­pa mit einer Stim­me, ver­tei­di­gen die Euro­pä­er ihre Wer­te mit gan­zer Kraft. Sie sind gleich, sie sind soli­da­risch, sie sind stark. Sie sind ein­fach Europa.

 

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Die­sen Arti­kel von Ulri­ke Gué­rot sowie wei­te­re Ide­en, wie die Welt ein­fa­cher gestal­tet wer­den könn­te, fin­den Sie in der Aus­ga­be EINFACH LEBEN. Bis zum 29. Sep­tem­ber 2017 ver­schi­cken wir die­se Aus­ga­be ver­sand­kos­ten­frei!

 

 

 

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