Die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln ist im ökonomischen Bereich besonders groß” – Katrin Hirte

Die Diskrepanz zwischen Reden und Handeln ist im ökonomischen Bereich besonders groß”

Inter­view mit Kat­rin Hir­te

 

Anlässlich der neuen agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Katrin Hirte vom Institute for Comprehensive Analysis of Economy zum Thema einige Fragen gestellt. Sie spricht über vermeintlichen Demokratieverfall, Krisenstimmung, Auswirkungen des Homo-oeconomicus-Konzepts sowie die einseitige Ausrichtung unserer Ökonomie auf Nutzenmaximierung …

 

Mit der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 wagen wir die The­se, dass der Wider­spruch ein Zei­chen der Zeit ist; dass schein­bar Selbst­ver­ständ­li­ches zuneh­mend zur Dis­kus­si­on steht, gleich ob in Wirt­schaft, Poli­tik oder im pri­va­ten Bereich. Wie erle­ben Sie die Zeit? Gibt es noch kla­re Ori­en­tie­rung?

Es mag sein, dass die heu­ti­ge Zeit als eine der Auf­lö­sung schein­ba­rer Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten wahr­ge­nom­men wird. Aber je län­ger man über die­se The­se nach­denkt, des­to deut­li­cher wird, dass sie mit einer bestimm­ten Rea­li­täts­wahr­neh­mung ein­her­geht. Oder mit ande­ren Wor­ten: Meint man mit der Auf­lö­sung von Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten die abneh­men­de Sicher­heit, Berufs­per­spek­ti­ve, Orts­iden­ti­fi­ka­ti­on usw., dürf­ten dies zumin­dest für ein Vier­tel der deut­schen Bevöl­ke­rung gar kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten gewe­sen sein. Schließ­lich durf­ten 25 Pro­zent der Bevöl­ke­rung als Ost­deut­sche schon 1989 – also vor knapp 30 (!) Jah­ren – ken­nen­ler­nen, was die Auf­lö­sung von Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten bedeu­tet. Wer schon mal erlebt hat, wie in kür­zes­ter Zeit alle gewohn­ten Insti­tu­tio­nen nicht mehr vor­han­den sind – die auf ein­mal unsi­che­re Zukunft, der Betrieb, der nicht mehr exis­tiert, der Beruf, der nicht mehr gefragt ist, die Fami­lie, die aus­ein­an­der­drif­tet – der hat einen ande­ren Blick auf die heu­ti­ge Zeit.

Dr. Kat­rin Hir­te ist seit 2009 Mit­ar­bei­te­rin am Insti­tu­te for Com­pre­hen­si­ve Ana­ly­sis of Eco­no­my (ICAE) an der Uni­ver­si­tät Linz. Ihr Schwer­punkt ist die Ent­wick­lung der Öko­no­mik im Kon­text gesell­schafts­po­li­ti­scher Ereig­nis­se wie bei­spiels­wei­se der Finanz­kri­se.

Gleich­zei­tig wirft die­ses Bei­spiel auch ein Blick auf ein zwei­tes Pro­blem zum Zeit­ver­ständ­nis: Zu die­sem gehört auch, dass es sich immer wie­der selbst erzeugt, da Geschichts­schrei­bung ein Teil von Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung ist und damit Ver­gan­gen­heits­po­li­tik. Hier geht es also nicht nur um Wach­sam­keit zur Fra­ge, inwie­weit es ein spe­zi­fi­sches Zei­chen der heu­ti­gen Zeit ist, dass Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten infra­ge ste­hen, son­dern wei­ter­füh­rend eben­so dar­um, inwie­weit unse­re Ver­gan­gen­heits­schrei­bung dazu führt, dass wir ver­meint­li­che Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten schwin­den sehen. Poli­tisch kann man zum Bei­spiel die Zeit in Deutsch­land nach 1968 auch als eine über­fäl­li­ge Neu­ori­en­tie­rung wer­ten, weil man zwar seit 1945 die Geschich­te vom demo­kra­ti­schen Neu­an­fang erzähl­te, wel­chem die neu auf­ge­bau­te Wirt­schaft gedient hät­te, tat­säch­lich jedoch die NS-Ver­gan­gen­heits­po­li­tik eben­so wie füh­ren­de Unter­neh­men eine anschluss­fä­hi­ge Poli­tik nach 1945 ermög­lich­ten, wel­che ent­spre­chen­de Kon­ti­nui­tä­ten auf­wies und eben­so wei­ter­hin einen hege­mo­nia­len Cha­rak­ter hat­te.  Wäh­rend die Geschichts­wis­sen­schaf­ten bis 1998 (!) und die Bun­des­po­li­tik gar bis 2005 (!) brauch­ten, um die­se Anschluss­po­li­tik an die NS-Zeit wenigs­tens hin­sicht­lich der Fra­ge nach der eige­nen Invol­viert­heit end­lich umfas­send auf­zu­ar­bei­ten (zu ers­te­rem sie­he die Vor­gän­ge ab dem 42. His­to­ri­ker­tag 1998, zu zwei­tem sie­he die Vor­gän­ge ab der Bun­des­druck­sa­che 15/5434), hält man demo­kra­tie­po­li­tisch heu­te noch immer ger­ne an der Erzäh­lung vom Neu­an­fang 1945 fest, wel­cher durch die Ori­en­tie­rung am ame­ri­ka­ni­schen par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie­ver­ständ­nis nach 1945 und dem damit ein­her­ge­hen­den vor­herr­schen­den nor­ma­ti­ven Deu­tungs­wis­sen mit sei­nem stark päd­ago­gisch-erzie­he­ri­schem Moment begüns­tigt wur­de. Aus die­ser Retro­per­spek­ti­ve muss ein Demo­kra­tie­ver­fall umso stär­ker wir­ken.

Dies lenkt zum drit­ten und hier zen­tral inter­es­sie­ren­den Kern­pro­blem eines Zeit­ver­ständ­nis­ses: Dem Ein­fluss an Geschichts­for­mung als Geschichts­schrei­bung sei­tens der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten selbst. Die Dis­kre­panz zwi­schen Reden und Han­deln ist im öko­no­mi­schen Bereich beson­ders groß, da hier Wohl­fahrt für alle aus der Sum­ma­ti­on von Ein­zel­nut­zen ver­spro­chen wird, so, als zögen im Kapi­ta­lis­mus alle am sel­ben Strang …

 

Ange­sichts der enor­men Bedeu­tung und der immer stär­ke­ren Kon­zen­tra­ti­on des Kapi­tals: Sehen Sie die Demo­kra­tie und mit ihr den Wohl­fahrts­staat durch die­se Ent­wick­lung gefähr­det?

Bei dem Öko­no­men Gun­nar Myrd­al, der immer­hin 1974 zusam­men mit Hay­ek den Preis der Wirt­schafs­wis­sen­schaf­ten in Andenken an Nobel erhielt und des­sen Ame­ri­can Dilem­ma: The Negro Pro­blem and Modern Demo­cra­cy (1944) die Auf­he­bung der dis­kri­mi­nie­ren­den Ras­sen­ge­set­ze in den USA mit­zu­ver­dan­ken ist, konn­te man schon 1932 nach­le­sen, dass das Ver­spre­chen „Wohl­fahrt für alle“ oder „Volks“-Wirtschaft, „National“-Ökonomie usw. in der Öko­no­mik ziem­lich unhin­ter­fragt als Ideo­lo­gie dient, aber nicht der Rea­li­tät ent­spricht. In kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten Gesell­schaf­ten besteht eben kei­ne Inter­es­sens­gleich­heit, son­dern die­se wur­de über den Homo oeco­no­mi­c­us als Uni­ver­sal-Mensch erst geschaf­fen. Nicht Pra­xis­fer­ne ist das Pro­blem die­ser Figur, son­dern ihr Wir­ken: einer­seits als Begrün­dung von Wohl­fahrts­ge­sell­schaf­ten, ande­rer­seits als zu per­for­men­des Ziel und daher zuneh­mend pra­xis­ad­äqua­te Figu­rie­rung.

Daher kann man zwar der Fra­ge nach der Gefähr­dung von Wohl­fahrt und Demo­kra­tie auf­grund zuneh­men­der Kapi­tal­kon­zen­tra­ti­on zustim­men. Aber gleich­zei­tig ist es auch hier wie mit der Demo­kra­tie­auf­fas­sung: Man pro­pa­giert Exis­tenz und Erhalt der Wohl­fahrts­ge­sell­schaft mit wirt­schaft­li­chen Ein­zel­ak­teu­ren, wäh­rend wie in Des Kai­sers neue Klei­der schon Kin­der um die Mär eines sol­chen Wirt­schafts­bil­des wis­sen, da sie die füh­ren­den Mar­ken wich­ti­ger Märk­te her­be­ten kön­nen – ob Mode, Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on, Autos oder Lebens­mit­tel. Nur, dass sie bei der Wahl zwi­schen z.B. Geiz ist geil (Media Markt) und Ich bin doch nicht blöd (Saturn) nicht zwi­schen Eigen­tü­mern ent­schei­den (in die­sem Bei­spiel seit 1990, als die Metro AG Saturn über­nahm), dürf­te ihnen dabei (noch) ent­ge­hen.

Im Rin­gen um eine pra­xis­ad­äqua­te­re Wirt­schafts­wis­sen­schaft, um eine Real World Eco­no­mics, wie sich eine ent­spre­chen­de Initia­ti­ve mitt­ler­wei­le nennt, geht es aber um mehr als um das Ver­ken­nen von Pra­xis­zu­stän­den. Zwar haben Prä­fe­ren­zen statt Nut­zen­ma­xi­mie­rung, begrenz­te Ratio­na­li­tät sowie agen­ten­ba­sier­te Model­lie­rung längst Ein­zug in die Öko­no­mie gehal­ten und so die Pra­xis­re­le­vanz öko­no­mie­theo­re­ti­scher Ansät­ze erhöht. Aber für ein Umden­ken reicht dies nicht, denn die unter­leg­te Metho­dik ist geblie­ben: Mit­tels funk­tio­na­ler Abhän­gig­kei­ten nach dem Vor­bild der Phy­sik und spä­ter Bio­lo­gie wird seit Ein­zug der Ana­ly­sis in die Öko­no­mik „objek­tiv“ das für alle als erstre­bens­wert ange­nom­me­ne „mehr“ errech­net. Die­se Rich­tung gilt unhin­ter­fragt als vor­ge­ge­ben und die not­wen­di­ge Grund­fi­gur dazu ist nach wie vor der nut­zen­ma­xi­mie­ren­de Akteur – ohne die­sen kei­ne Rich­tungs­wei­sung und damit kei­ne opti­mie­ren­de ana­ly­sis­ba­sier­te Model­lie­rung.

 

Die Pro­ble­me der Redu­zie­rung vie­ler Din­ge auf ein bestimm­tes Maß – Wirt­schafts­wachs­tum auf das BIP, Erfolg eines Unter­neh­mens auf den Pro­fit, Lebens­sinn auf Kar­rie­re etc. – tre­ten immer deut­li­cher zu Tage. Hal­ten Sie es für sinn­voll, mehr­di­men­sio­na­le Mess­grö­ßen ein­zu­füh­ren, oder müs­sen wir gar auf­hö­ren, alles mes­sen zu wol­len?

Mit Blick auf die oben geschil­der­te Rea­li­täts­fer­ne der Öko­no­mik erscheint die Fra­ge nach dem Erhe­ben von Daten in der Öko­no­mie unter ganz ande­rem Licht und eher als Segen denn als Fluch. Die Piket­ty-Stu­die (2014) ist ein aktu­el­ler Anzei­ger dafür und wur­de daher Ende März 2014 in der Washing­ton Post nicht zufäl­lig als Tri­umph der Wirt­schafts­ge­schich­te über das in der Öko­no­mik domi­nie­ren­de theo­re­ti­sche, mathe­ma­ti­sche Model­lie­ren cha­rak­te­ri­siert. Weit pro­ble­ma­ti­scher ist, dass die­se prak­ti­zier­te Model­lie­rung wei­ter­hin als objek­ti­ve Wis­sen­schaft ver­mit­telt wird und die­se Objek­ti­vi­tät steht und fällt mit dem Selbst­ver­ständ­nis des als „objek­tiv“ ver­stan­de­nen exis­tie­ren­den nut­zen­ma­xi­mie­ren­den Akteurs. Nicht das Mes­sen also ist das Pro­blem und auch nicht das mehr­di­men­sio­na­le, wie in der Öko­no­mik Amart­ya Sen mit dem UN Human Deve­lop­ment Index bewies, in den neben Brut­to­in­lands­pro­dukt auch ande­re Fak­to­ren wie Lebens­er­war­tung und Alpha­be­ti­sie­rungs­ra­te als Indi­ka­to­ren ein­flos­sen. Son­dern Kern­pro­blem ist die dabei unter­leg­te und angeb­lich nicht anfecht­ba­re, weil „objek­ti­ve“ Aus­rich­tung wirt­schaft­li­chen Han­delns auf Nut­zen­ma­xi­mie­rung. Die­ser Auf­fas­sung steht nicht nur die Argu­men­ta­ti­on ent­ge­gen, dass der durch­schnitt­li­che lohn­ab­hän­gi­ge Akteur eher an Sicher­heit und Lang­fris­t­per­spek­ti­ve sowie Aner­ken­nung und Sinn­haf­tig­keit ori­en­tiert sei, son­dern eben­so greift hier die öko­lo­gi­sche Argu­men­ta­ti­on, dass eine stän­di­ge Nut­zen­ma­xi­mie­rung einer begrenz­ten Welt ent­ge­gen­steht.

 

Gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen wird oft mit dem Tot­schlag­ar­gu­ment begeg­net, dass schon die kleins­te Ver­än­de­rung des Sta­tus quo dazu füh­ren wür­de, dass alles zusam­men­bricht. Mit ande­ren Wor­ten: Wirt­schafts­wachs­tum ist alter­na­tiv­los, denn ohne Wachs­tum zer­bricht schließ­lich auch die Demo­kra­tie. Sind wir wirk­lich so fest­ge­fah­ren?

Wäh­rend der For­de­rung der Öko­no­mik nach stän­di­gem Wachs­tum die öko­lo­gi­sche Argu­men­ta­ti­on einer begrenz­ten Welt ent­ge­gen­steht, wur­de die 1980 pro­pa­gier­te Auf­fas­sung von That­chers TINA (The­re is no Alter­na­ti­ve) 2011 mit Mer­kels MARKO (Markt­kon­for­mi­tät) ver­schwis­tert, womit das Pro­pa­gie­ren von Alter­na­tiv­lo­sig­keit von der Poli­tik­spit­ze in Deutsch­land fort­ge­setzt wur­de. Gibt es zu Wirt­schafts­wachs­tum also wirk­lich kei­ne Alter­na­ti­ve und dies schon allein aus öko­lo­gi­schen Grün­den?

Mit Bezug auf die öko­no­mi­sche Theo­rie begeg­net man auch hier wie­der der Zeit­ver­ges­sen­heit, in der prak­ti­zier­ten Form, dass aus dem vor­han­de­nen Wis­sens­fun­des nur das fort­ge­schrie­ben wird, was dem eige­nen Para­dig­ma kon­form ist. Stell­ver­tre­tend sei hier – zuge­ge­be­ner­ma­ßen absicht­lich – Her­mann Hein­rich Gos­sen genannt, denn aus­ge­rech­net mit Refe­renz auf die­sen wird bis heu­te auf das Grund­prin­zip ver­wie­sen, Wirt­schaf­ten hie­ße, Ent­schei­dun­gen über knap­pe Mit­tel zu tref­fen. Es heißt, Gos­sen hät­te mit sei­nen zwei Geset­zen als ers­ter die dafür kon­for­men Zusam­men­hän­ge mit Fokus auf die indi­vi­du­el­le Nut­zen­ma­xi­mie­rung mathe­ma­tisch gefasst – als Prin­zip des Grenz­nut­zens. Liest man aller­dings Gos­sen im Ori­gi­nal, wer­den von die­sem inter­es­san­ter­wei­se drei Geset­ze pro­pa­giert und nicht zwei. Das drit­te Gesetz besagt, Nut­zen­er­hö­hung erfol­ge neben Opti­mie­rung eben­so durch Ent­de­ckung neu­er Nutzen/Genüsse. Wäh­rend in der mate­ri­al begrenz­ten Welt von Mode­schöp­fern bis Soft­ware­ent­wick­lern schon längst auf imma­te­ri­el­len Nut­zen Bezug genom­men wird, blieb inner­halb der Öko­no­mik unter dem Dik­tum Wirt­schafts­wachs­tum die­se Ent­wick­lung dem gesam­ten und damit auch mate­ri­el­len Pro­zess ein­ver­leibt. Selbst­ver­ständ­lich ist es eine Uto­pie, eine Gesell­schaft zu den­ken, in der die mate­ri­el­le Basis einer öko­no­mi­schen Be- und Ver­wer­tung als Pri­vat­ei­gen­tum ent­zo­gen wird und eben­so selbst­ver­ständ­lich wür­de mit dem Auf­ge­ben des­sen der der­zei­ti­ge Sta­tus Quo infra­ge gestellt. Aber hat eine sozio-öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­ti­on prin­zi­pi­ell eine ande­re Chan­ce? Und wel­che Grün­de soll­ten eben­so prin­zi­pi­ell dage­gen spre­chen, sich in der Öko­no­mie auf das alte klas­si­sche Smith’sche Prin­zip zu besin­nen, dass es in arbeits­tei­li­gen Gesell­schaf­ten letzt­lich nicht um eine Auf­tei­lung der mate­ria­len Welt, son­dern um Teil­ha­be nach erbrach­ten Leis­tun­gen geht? Und letz­te­re sind schließ­lich unbe­grenzt …

 

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Die aktuelle Ausgabe

mit u.a.

Ulrich von Weiz­sä­cker “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech “Jen­seits grü­ner Wachs­tums­träu­me”

Sven Bött­cher “Anders! ist das neue Bas­ta!”

Ant­je von Dewitz (VAUDE) “Wir alle müs­sen Kon­trol­le abge­ben”

 

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Moderne Gesellschaften ohne Wirtschaftswachstum – Kurzinterview mit Steffen Lange

Moderne Gesellschaften ohne Wirtschaftswachstum

Kurz­in­ter­view mit Stef­fen Lan­ge

 

 

Anlässlich der neuen agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Steffen Lange vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung zum Thema einige Fragen gestellt. Er spricht über begrenzte Ressourcen und ihre unbegrenzte Ausbeutung, den Traum vom Reichtum für alle und seine reale Konzentration in den Händen weniger, sowie das unendliche Wirtschaftswachstum in einer endlichen Welt …

 

Die neue agora42 trägt den Titel „Wirt­schaft im Wider­spruch“. Wel­cher Wider­spruch ist für Sie der bedeut­sams­te?

Ich möch­te gern zwei Wider­sprü­che nen­nen, die zusam­men gedacht wer­den müs­sen. Ers­tens der Kon­flikt zwi­schen der res­sour­cen­in­ten­si­ven Lebens­wei­se, die von den meis­ten Men­schen in Deutsch­land und ande­ren Hoch­ein­kom­mens­län­dern geführt wird, und der begrenz­ten Belast­bar­keit der Natur. Es ist deut­lich abzu­se­hen, dass die der­zei­ti­ge Lebens­wei­se und die damit ein­her­ge­hen­de Wirt­schafts­wei­se die Umwelt zer­stört. Der zwei­te zen­tra­le Wider­spruch ist der gro­ße Reich­tum bei eini­gen Men­schen und die Armut bei vie­len ande­ren. Die­ser Wider­spruch fin­det zum einen auf natio­na­ler Ebe­ne statt – so steigt die Ein­kom­men­sun­gleich­heit in Deutsch­land bereits seit Jahr­zehn­ten. 40% der Men­schen ver­die­nen heu­te weni­ger als in den 1990ern! Auf glo­ba­ler Ebe­ne sind die Ungleich­hei­ten noch viel grö­ßer. Die bei­den Wider­sprü­che sind eng mit­ein­an­der ver­knüpft. Denn der Reich­tum bei eini­gen basiert nicht nur auf der Aus­beu­tung der Natur, son­dern auch auf den gerin­gen Löh­nen vie­ler ande­rer. Um bei­de Wider­sprü­che gleich­zei­tig ange­hen zu kön­nen, soll­ten wir statt über wei­te­res Wirt­schafts­wachs­tum, das doch nur bei eini­gen ankommt und öko­lo­gisch unhalt­bar ist, über Umver­tei­lung auf natio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Ebe­ne dis­ku­tie­ren – so dass der begrenz­te öko­lo­gi­sche Raum trotz­dem ein gutes Leben für alle ermög­licht.

 

Die schäd­li­chen Fol­gen des Wirt­schafts­wachs­tums neh­men über­hand, ein „Wei­ter so“ ist unmög­lich. Vie­le hof­fen jetzt auf „grü­nes Wachs­tum“. Ist das eine Chan­ce oder eine Mogel­pa­ckung?

Stef­fen Lan­ge pro­mo­vier­te zum The­ma „Macro­eco­no­mics Without Growth“ an der Uni­ver­si­tät Ham­burg. Seit 2016 ist er am Insti­tut für öko­lo­gi­sche Wirt­schafts­for­schung in Ber­lin tätig.

Grü­nes Wachs­tum, so wie es nor­ma­ler­wei­se ver­stan­den wird, kann aus meh­re­ren Grün­den nicht funk­tio­nie­ren. Zum einen set­zen die Stra­te­gi­en rund um grü­nes Wachs­tum dar­auf, das bestehen­de Wirt­schafts­sys­tem wei­test­ge­hend so zu belas­sen wie es ist. Es sol­len ledig­lich (je nach Spiel­art) öko­lo­gi­sche Steu­ern oder Ver­brauchs­gren­zen ein­ge­führt, in erneu­er­ba­re Ener­gi­en etc. inves­tiert und ande­re grü­ne Sek­to­ren vor­an­ge­trie­ben wer­den. Dabei wird nicht beach­tet, dass die nöti­ge Trans­for­ma­ti­on auch Verlierer*innen beinhal­ten muss. So müs­sen bei­spiels­wei­se vie­le bereits erschlos­se­ne Vor­kom­men an Öl, Koh­le und Gas im Boden blei­ben. Das bedeu­tet jedoch enor­me finan­zi­el­le Nach­tei­le für die Besitzer*innen die­ser Roh­stof­fe – oft­mals Staa­ten oder mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne. Mit leich­ten Kor­rek­tu­ren ist es also nicht getan – nicht nur eine tief­grei­fen­de öko­no­mi­sche, son­dern auch polit-öko­no­mi­sche Trans­for­ma­ti­on ist nötig. Zum ande­ren ist äußerst unklar, wie grü­nes Wachs­tum tech­nisch funk­tio­nie­ren soll. Denn damit das Wachs­tum wirk­lich „grün“ ist, müss­te es mit einer intak­ten Natur ein­her­ge­hen. Doch schaut man sich die Trag­wei­te der Her­aus­for­de­run­gen an – bei­spiels­wei­se eine Reduk­ti­on der Treib­haus­gas­emis­sio­nen bis 2050 um 85% – wird klar, dass weit­rei­chen­de Ver­än­de­run­gen nötig sind. Wie das mit zuneh­men­der Pro­duk­ti­on (wirt­schaft­li­chem Wachs­tum) ein­her­ge­hen soll­te, ist unklar. Hin­zu kommt, dass die Lösung eines öko­lo­gi­schen Pro­blems oft­mals mit der Gene­rie­rung eines ande­ren Pro­blems ein­her­geht. So könn­ten Digi­ta­li­sie­rung und Ener­gie­wen­de zwar dabei hel­fen den Kli­ma­wan­del abzu­schwä­chen, gleich­zei­tig benö­ti­gen bei­de jedoch rie­si­ge Men­gen an Roh­stof­fen. Somit bedarf die nöti­ge Trans­for­ma­ti­on sowohl eines radi­ka­len Wan­dels des polit-öko­no­mi­schen Regimes als auch der Pro­duk­ti­ons­tech­no­lo­gi­en – bei­de Aspek­te sind nicht Teil der Stra­te­gi­en rund um „grü­nes Wachs­tum“.

 

Die Real­wirt­schaft steht einem ent­fes­sel­ten und ihren Wert um ein Viel­fa­ches über­stei­gen­den Finanz­ka­pi­tal gegen­über. Hat die Wirt­schaft im mate­ri­el­len Sinn (Pro­duk­ti­on) nur noch Ali­bi­funk­ti­on?

Auch die Real­wirt­schaft wächst ja wei­ter­hin, somit ist mit­nich­ten davon zu spre­chen, dass sie nur noch eine Ali­bi­funk­ti­on erfüllt. Trotz­dem ist zu beob­ach­ten, dass sich die Mäch­te­ver­hält­nis­se unter den ver­schie­de­nen Sek­to­ren der Wirt­schaft ver­schie­ben. In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten war es in der Tat eine Ver­schie­bung der Macht von dem Bereich der Wirt­schaft, der rea­le Güter und Dienst­leis­tun­gen pro­du­ziert, hin zum Finanz­sek­tor. In jün­ge­ren Jah­ren ist eine wei­te­re Ver­schie­bung zu beob­ach­ten. Die Digi­tal-Kon­zer­ne rund um Goog­le, Ama­zon, Face­book, Apple und Co., gewin­nen an Ein­fluss. Der Zugang und die Kon­trol­le über Daten kommt als neue Varia­ble ins öko­no­mi­sche Mäch­te­spiel und die genann­ten Akteu­re ver­fü­gen über beson­ders viel davon. Dabei sind Finanz­sek­tor und Daten­sek­tor bei­lei­be kei­ne getrenn­ten Sphä­ren – vie­le der Digi­tal-Kon­zer­ne sind gleich­zei­tig rie­si­ge Finanz­ak­teu­re.

 

Gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen wird oft mit dem Tot­schlag­ar­gu­ment begeg­net, dass schon die kleins­te Ver­än­de­rung des Sta­tus quo dazu füh­ren wür­de, dass alles zusam­men­bricht. Mit ande­ren Wor­ten: Wirt­schafts­wachs­tum ist alter­na­tiv­los, denn ohne Wachs­tum zer­bricht schließ­lich auch die Demo­kra­tie. Sind wir wirk­lich so fest­ge­fah­ren?

Jein. Auf der einen Sei­te ist die The­se natür­lich unhalt­bar, dass eine Wirt­schaft ohne Wachs­tum nicht sta­bil sein könn­te, oder dass Demo­kra­tie nur funk­tio­nie­ren kön­ne, wenn die Wirt­schaft gleich­zei­tig wächst. Denn zum einen haben wir in der Mensch­heits­ge­schich­te vie­le Bei­spie­le für sta­bil und teil­wei­se auch demo­kra­tisch funk­tio­nie­ren­de Gesell­schaf­ten ohne Wirt­schafts­wachs­tum. Und – viel­leicht noch wich­ti­ger – zum ande­ren ist es prin­zi­pi­ell mög­lich sehr unter­schied­li­che Arten von Gesell­schaf­ten und Öko­no­mi­en auf­zu­bau­en. In der moder­nen Zeit haben wir vor allem kapi­ta­lis­ti­sche und sozia­lis­ti­sche beob­ach­tet, doch es könn­te selbst­ver­ständ­lich noch ganz ande­re „moder­ne“ Gesell­schaf­ten geben. Die Ansicht, dass Wirt­schafts­wachs­tum für Demo­kra­tie benö­tigt wür­de, basiert somit auf einer sehr engen his­to­ri­schen Sicht­wei­se, die nur die Gescheh­nis­se der letz­ten zwei­hun­dert bis drei­hun­dert Jah­re mit­ein­be­zieht und kei­ne Krea­ti­vi­tät besitzt über das Exis­tie­ren­de hin­aus zu bli­cken. Auf der ande­ren Sei­te steht außer Fra­ge, dass eine lang­fris­tig nicht wach­sen­de Wirt­schaft Ver­än­de­run­gen und damit auch Her­aus­for­de­run­gen impli­ziert. Doch das übli­che Argu­ment, dass wir Wachs­tum bräuch­ten, damit alle ein grö­ße­res Stück vom Kuchen bekom­men kön­nen und es kei­ne Ver­tei­lungs­kon­flik­te gibt, ist eine Mär. Denn bereits seit Jahr­zehn­ten wächst das Kuchen­stück für wei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung nicht mehr. Die wirk­li­che Her­aus­for­de­rung ist eher, das Ein­kom­men der wohl­ha­ben­den und ein­fluss­rei­chen Bevöl­ke­rungs­schich­ten nicht mehr wach­sen zu las­sen. Denn dies wäre in einer nicht-wach­sen­den Öko­no­mie nötig, damit die Armen nicht immer ärmer wer­den müss­ten.

Verkehrte Welt: Qualität ist menschlich – Rainer Dollase

Verkehrte Welt: Qualität ist menschlich

von Rainer Dollase

 

Im Ute­rus – eine gesun­de Mut­ter vor­aus­ge­setzt – haben wir die opti­ma­le Kom­fort­zo­ne erfah­ren: Für alles wur­de gesorgt, Qua­li­tät pur. Nach der Geburt fing das Leid an. Es zwack­te, piek­te, brann­te, tat nicht das, was man woll­te. Die Natur gab uns das Plär­ren mit auf den Weg, damit wir Bezugs­per­so­nen her­bei­zi­tie­ren konn­ten, die unse­re Kom­fort­zo­ne restau­rier­ten, weil ihnen das Geschrei auf die Ner­ven ging. Sel­ber an unse­rer Qua­li­tät arbei­ten konn­ten wir noch nicht. Das war die Geburts­stun­de des Qua­li­täts­ma­nage­ments: ein Soll defi­nie­ren – han­deln las­sen – eva­lu­ie­ren. Oder: Ziel­ver­ein­ba­rung tref­fen – her­um­pro­bie­ren las­sen – bewer­ten. Wie auch immer, der Tenor ist: „Ich will Qua­li­tät und zwar sofort, und wenn ich sie nicht bekom­me, dann plär­re ich.“

 
Wal­dorf und Stat­ler, die bei­den älte­ren Her­ren in der Loge der Mup­pet Show, ste­hen stell­ver­tre­tend für die mosern­den, regres­si­ven Nichts­kön­ner, deren ein­zi­ge Kom­pe­tenz im Mäkeln an dem Gebo­te­nen besteht; für die­je­ni­gen, die nicht wis­sen, wie man Gutes her­stellt; für jene, die Über­le­gen­heit auf dem Wege der Ersatz­be­frie­di­gung zu gewin­nen glau­ben: „Indem ich Kri­ti­ker und Kon­trol­leur bin, weiß ich bes­ser als ande­re, wie es geht.“ – Natür­lich wis­sen sie es nicht. In der ermü­den­den Pri­mi­tiv­lo­gik von „plan – do – check – act“, die auch nicht dadurch intel­lek­tu­el­ler wird, dass man sie als Deming­kreis oder She­whart-Zyklus bezeich­net, ver­steckt sich kind­li­che, mensch­li­che Hand­lungs­lo­gik. Eine Hand­lungs­lo­gik, die auch beim Krab­bel­kind, das einen Ball ergat­tern möch­te, vor­liegt und zu der jeder psy­chisch gesun­de Mensch immer und in jedem (Zeit-)Alter fähig ist und war. Also: Bana­li­tät pur.

Die Säug­lings­lo­gik weicht im Nor­mal­fall im Lau­fe des Lebens einer kom­ple­xe­ren, anstren­gen­den Bewäl­ti­gungs­phi­lo­so­phie: Du musst wis­sen, wie es geht und was du kannst. Per aspe­ra ad astra. Ohne har­te Lehr­jah­re, Beloh­nungs­auf­schub und Ver­zicht auf Bequem­lich­keit kei­ne Hand­lungs­kom­pe­tenz. Sicher, du musst wis­sen, was du willst und was der Kun­de will, du darfst auch an das Para­dies auf Erden glau­ben, an ein drei­ecki­ges Vier­eck – aber Zie­le zu set­zen, ist die Fähig­keit der Unter­stu­fe, der Klipp­schü­ler. In der Ober­stu­fe muss man Zie­le nicht nur for­mu­lie­ren, son­dern auch umset­zen kön­nen. Erwach­se­ne mit Säug­lings­lo­gik machen nur Pro­ble­me.

Erwach­se­ne mit Säug­lings­lo­gik machen nur Pro­ble­me.

Nun, in einer Zeit, in der unspe­zi­fi­sche Heils­er­war­tun­gen an Pro­duk­te der Com­pu­ter­bran­che genährt wer­den, brei­tet sich der regres­si­ve Irr­glau­be aus, Visio­nen sei­en der Schlüs­sel zum Erfolg. Sie zu haben, sei das Ent­schei­den­de, die Umset­zung bes­ten­falls nach­ran­gig. Aber weder Ken­ne­dys legen­dä­re Visi­on vom 25. Mai 1961 – „First, I belie­ve that this nati­on should com­mit its­elf to achie­ving the goal, befo­re this deca­de is out, of lan­ding a man on the moon and retur­ning him safe­ly to the earth“ – noch die berühm­te Rede von Ste­ve Jobs am 12. Juni 2005, die mit den Wor­ten endet: „Stay hungry, stay foolish“, kamen von Phan­tas­ten, Illu­sio­nis­ten oder Qua­li­täts-Büro­kra­ten, son­dern von Rea­lis­ten, die der Wirk­lich­keit in enger Abspra­che mit Machern all das abpres­sen konn­ten, was tat­säch­lich erreich­bar ist und war.

 

Qua­li­täts­kon­trol­le – der Mensch als Maschi­ne?

Wenn nun jemand daher­kommt und mit dem für man­che offen­bar neu­en Wort „Qua­li­täts­ma­nage­ment“ so tut, als prä­sen­tie­re er eine noch nie da gewe­se­ne Metho­de, so täuscht er aus mis­sio­na­ri­schen Grün­den sei­ne Zeit­ge­nos­sen. Denn die­se Metho­de stellt ledig­lich die nor­ma­le mensch­li­che Hand­lungs­lo­gik dar: Sie beschreibt, dass man das, was man möch­te oder was man tun soll, anschlie­ßend kon­trol­liert, und wenn man es nicht erreicht hat, sein eige­nes Ver­hal­ten ändert. Die­se Hand­lungs­lo­gik gibt es seit der Stein­zeit. Was heißt das? Jeder Hand­wer­ker, was auch immer er macht, kon­trol­liert die Effek­te sei­ner Hand­ar­beit und greift kor­ri­gie­rend ein. Das ist sein Qua­li­täts­ma­nage­ment.

Jeder Hand­wer­ker, was auch immer er macht, kon­trol­liert die Effek­te sei­ner Hand­ar­beit und greift kor­ri­gie­rend ein. Das ist sein Qua­li­täts­ma­nage­ment.

Inso­fern war es durch­aus sinn­voll, mensch­li­che Hand­lungs­lo­gik auf Band­stra­ßen und Maschi­nen zu über­tra­gen; es war sogar ein genia­ler tech­ni­scher Ent­wick­lungs­schritt, den wir der Kyber­ne­tik – als Wis­sen­schaft der Steue­rung und Rege­lung von Maschi­nen – zu ver­dan­ken haben. Mensch­li­che Hand­lungs­pla­nung macht Maschi­nen wie Men­schen. Wenn bei­spiels­wei­se in einer Band­stra­ße ein Feh­ler auf­taucht, dann kann das Qua­li­täts­ma­nage­ment die­sen in aller Regel inner­halb einer Vier­tel­stun­de fin­den und die Ursa­che abstel­len. Das ist dar­um mög­lich, weil es nur eine end­li­che Anzahl von Feh­ler­mög­lich­kei­ten gibt.

Kon­fron­tiert mit so vie­len, so toll funk­tio­nie­ren­den Maschi­nen kommt so man­cher auf die Idee, die Maschi­nen­lo­gik zum Maß­stab zu neh­men und mensch­li­che Leis­tun­gen an ihr zu mes­sen. Die Rück­über­tra­gung der Maschi­nen­lo­gik auf Men­schen ist aller­dings wenig sinn­voll, da der Mensch ja eine ver­in­ner­lich­te Qua­li­täts­si­che­rung ein­ge­baut hat, gewis­ser­ma­ßen das Ori­gi­nal, die Blau­pau­se, die ihm mehr Fle­xi­bi­li­tät sichert als die rück­über­tra­ge­ne Maschi­nen­lo­gik. Mensch­li­che Hand­lungs­lo­gik ist hoch­fle­xi­bel, stra­te­gie­reich – sie ist unbe­re­chen­bar und kann des­halb mehr als die dem Men­schen zwar nach­emp­fun­de­ne, aber ver­ein­fach­te Maschi­nen­lo­gik. Die Kopie ist nicht bes­ser als das Ori­gi­nal. Und die Kopie einer Kopie ist noch schlech­ter. Abge­se­hen davon: Wenn man Men­schen ver­än­dern will, lie­gen Feh­ler­mög­lich­kei­ten vor, die uns (also auch der ver­ein­ten Wis­sen­schaft) unbe­kannt sind oder auch bloß unzu­gäng­lich.

 

Qua­li­tät – wie es bes­ser geht

Fach­li­che Stan­dards und rich­ti­ges Ver­hal­ten im Beruf wer­den in der Aus­bil­dung durch Vor­ge­setz­te ver­mit­telt, die etwas von der Sache ver­ste­hen; und sinn­vol­ler­wei­se von Men­schen kon­trol­liert, wel­che eine bestimm­te Tätig­keit auch aus­üben. Dazu ein Bei­spiel: die Qua­li­täts­ana­ly­se in der Schu­le. Längst ist klar, dass sie in der Hand der Macher, also der Lehr­kräf­te, wirk­sa­mer ist als in der Hand von exter­nen Super­vi­so­ren. Päd­ago­gi­sche Macher arbei­ten dem wohl welt­weit bekann­tes­ten Bil­dungs­for­scher John Hat­tie zufol­ge nach dem Prin­zip „Dia­gno­se – Inter­ven­ti­on – Eva­lua­ti­on“ (nied­lich als Esels­brü­cke for­mu­liert „Teach to DIE for“) und „Know thy impact“. Der gut aus­ge­bil­de­te Leh­rer hat kei­ne Kon­trol­leu­re nötig. Er macht sich die Unter­richts­qua­li­tät selbst – nein, er muss die Qua­li­tät selbst machen. Denn der Mensch ist bei der Suche nach Lösun­gen fle­xi­bler und krea­ti­ver als das star­re büro­kra­ti­sier­te Qua­li­täts­ma­nage­ment.

Qua­li­täts­ma­nage­ment dort, wo das Gesche­hen weder wis­sen­schaft­lich noch prak­tisch auf­ge­klärt wer­den kann – also zum Bei­spiel über­all dort, wo eine mensch­li­che Leis­tung dem Qua­li­täts­ma­nage­ment unter­zo­gen wird – ist hand­lungs­lo­gi­scher Unsinn. Neh­men wir einen Fuß­ball­ver­ein: Was könn­te wohl Out­put­steue­rung bei Bay­ern Mün­chen bedeu­ten? Viel­leicht eine Ziel­ver­ein­ba­rung „Die Mann­schaft bemüht sich, das Spiel zu gewin­nen“, die dann von hoch­be­zahl­ten Qua­li­täts-Exper­ten kon­trol­liert wird?

Qua­li­täts­ma­nage­ment gehört in die Hand der Macher und nicht in die Hand der Kon­trol­leu­re.

Qua­li­täts­ma­nage­ment gehört in die Hand der Macher und nicht in die Hand der Kon­trol­leu­re. Wer Qua­li­tät will, braucht Men­schen, die was vom Machen ver­ste­hen. Sie geben ihr Kön­nen Face-to-Face und inter­ak­tiv wei­ter, sie schrei­ben es nicht auf. Sie rei­sen als Spit­zen­kö­che in ande­rer Leu­te Hotel­kü­chen und machen vor, wie es bes­ser geht. Sie besu­chen den Unter­richt in inklu­siv arbei­ten­den Klas­sen und zei­gen, wie er sich bes­ser gestal­ten lässt. Sie ver­mei­den die Klug­schei­ße­rei der Her­ren Wal­dorf und Stat­ler. Sie kön­nen es tat­säch­lich bes­ser machen.

 

Kom­pe­tenz statt Büro­kra­tie

Im büro­kra­ti­schen Qua­li­täts­ma­nage­ment wer­den Zie­le und Pro­zes­se (ja, ja, Pro­zess­qua­li­tät muss von Ergeb­nis­qua­li­tät unter­schie­den wer­den wie Äpfel von Bir­nen, heißt es immer – aber wer bei­des nicht zu Obst zusam­men­fas­sen kann, gerät in das unpro­duk­ti­ve Dif­fe­ren­zie­rungs- und Ver­dun­ke­lungs­di­lem­ma, oder hat noch nie etwas von Men­gen­leh­re und Klas­si­fi­ka­tio­nen gehört) „ver­bal doku­men­tiert“. Das heißt nach der Inspek­ti­on der Rea­li­tät wird viel gere­det, ein Schrift­stück auf­ge­setzt, irgend­wo ein Kreuz­chen auf einer Ska­la gemacht und den Inspi­zier­ten ein Bericht zuge­stellt. Die­se Ver­bal­steue­rung von Qua­li­tät erin­nert fatal an einen Satz des Essay­is­ten Carl Ein­stein (1885–1940): „Um an den Erfolg der Fik­tio­nen glau­ben zu kön­nen, ver­such­ten die Intel­lek­tu­el­len, das Tat­säch­li­che zu ver­ges­sen oder aus­zu­schal­ten. Sie wähn­ten, es genü­ge eine Pho­to­gra­phie zu durch­boh­ren, um das Ori­gi­nal zu Tode zu brin­gen.“

Das Qua­li­täts­ma­nage­ment abs­tra­hiert zunächst vom Gege­be­nen und zer­legt dann das unter­such­te Phä­no­men in ein­zel­ne Bestand­tei­le, ord­net die­se und wer­tet sie aus. So wer­den effek­ti­ve ganz­heit­li­che Qua­li­täts­op­ti­mie­rungs­pro­zes­se aus­ein­an­der­ge­ris­sen. Dadurch dro­hen para­si­tä­re Büro­kra­ti­en zu ent­ste­hen, die nicht wirk­lich zur Pro­duk­ti­vi­tät bei­tra­gen, son­dern den Mana­gern ein gemüt­li­ches Plätz­chen in der Schreib­stu­be sichern. Wohin auch mit den vie­len Aka­de­mi­kern? In der Tat muss man die­se stei­le The­se akzep­tie­ren: Füh­rungs­kräf­te möch­ten heu­te am liebs­ten vom Abi auf die Eli­te­uni und dann sofort auf die Füh­rungs­eta­ge wech­seln, statt sich die Spo­ren von der Pike auf zu ver­die­nen, also erst zum Macher und dann zur Füh­rungs­kraft zu wer­den.

Füh­rungs­kräf­te möch­ten heu­te am liebs­ten vom Abi auf die Eli­te­uni und dann sofort auf die Füh­rungs­eta­ge wech­seln, statt sich die Spo­ren von der Pike auf zu ver­die­nen, also erst zum Macher und dann zur Füh­rungs­kraft zu wer­den.

Wah­res „Lea­dership“ heißt in die­sem Kon­text: Ich weiß, was ich will und ich kann es auch (vor)machen. Der „Boss“ ist dem­ge­gen­über nur der „Befeh­ler“ oder „Bestim­mer“, oder vor­nehm aus­ge­drückt der „Out­put-Steue­rer“. Oder ein­fach das plär­ren­de Balg, das wie­der in sei­ne Kom­fort­zo­ne will, sich aber nicht selbst dort­hin bewe­gen kann.

Fol­ge­rich­tig gibt es nur Ver­wir­rung, gerät man im Arbeits­pro­zess in die Fän­ge der Out­put­steue­rung. Es wird gesagt, was man tun soll (zum Bei­spiel in Bezug auf Inklu­si­on, auf das Out­put des Bil­dungs­sys­tems, der For­schung und Leh­re, der Pro­dukt­ent­wick­lung etc.) aber die Bestim­mer wis­sen selbst nicht, wie ihre Ziel­vor­ga­be erreicht wer­den kann. Sie ermun­tern zum Wag­nis und sagen dann, soll­te das Ergeb­nis nicht den Erwar­tun­gen ent­spre­chen: „Das haben wir so nicht gewollt. Wir woll­ten Qua­li­tät, das haben wir doch gesagt!“ Das führt zum „dou­ble bind“, zur Dop­pel­bin­dung: „Du darfst tun, was du willst, aber wehe, es ist nicht gut.“ Dou­ble binds, also wider­sprüch­li­che Simultan­bot­schaf­ten, kön­nen auch zum Irre­sein füh­ren. Eine unge­ziel­te Suche nach irgend­et­was Unbe­stimm­tem setzt dann ein, vie­le Irr­we­ge wer­den beschrit­ten. Woher soll man auch wis­sen, was rich­tig ist? Out­put­steue­rung (auch bei PISA den­ken man­che so) ist zwar sehr mensch­lich, fällt aber in klein­kind­li­che Mus­ter zurück. Wer nicht weiß, wie es geht, soll­te die Ein­hal­tung von Zie­len nicht auch noch kon­trol­lie­ren wol­len.

 

Zurück zur DDR?

Wie war das eigent­lich mit dem Qua­li­täts­ma­nage­ment in der DDR? Die Repu­blik war frag­los bemüht, in mehr­stu­fi­gen Pro­zes­sen die Ziel­vor­ga­ben mit den Machern abzu­stim­men. Dar­aus resul­tier­te über­all die hun­dert­pro­zen­ti­ge Plan­erfül­lung. War das gut? Stimm­te es über­haupt? Ein Kol­le­ge aus der ehe­ma­li­gen DDR sag­te: „Es ist erstaun­lich, dass selbst bekann­te Sozi­al­wis­sen­schaft­ler so ehr­furchts­voll von der Qua­li­täts­si­che­rung reden. Das hat­ten wir doch in der DDR, hieß Plan­wirt­schaft und war unwirk­sam.“ So ist es. Zumal jede büro­kra­ti­sche Kon­trol­le durch ein­fa­che Tricks hin­ters Licht geführt wer­den kann. Es geht eben nichts über eine moti­vie­ren­de Füh­rungs­kraft, die auch kann, was sie for­dert.

 

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Die­ser Arti­kel stammt aus der Aus­ga­be QUALITÄT. Sie ist im Shop erhält­lich.

Qualität

Auf der Suche nach einem neuen Ankerplatz – Interview mit Jens Harbecke und Joachim Zweynert

Auf der Suche nach einem neuen Ankerplatz

Interview mit Jens Harbecke und Joachim Zweynert, Leiter des Masterstudiengangs Philosophy, Politics, and Economics an der Uni Witten/Herdecke

 

Ankerplatz

 

Als wir vor acht Jah­ren die agora42 grün­de­ten, frag­te man uns oft, wie Öko­no­mie und Phi­lo­so­phie zusam­men­pas­sen. Was ant­wor­ten Sie, wenn Sie gefragt wer­den, war­um man einen Mas­ter stu­die­ren soll, der bei­des ver­bin­det?
JZ: Wir leben in einer Welt der immer tie­fe­ren Arbeits­tei­lung. Das gilt auch für die geis­ti­ge Arbeit. Das wis­sen­schaft­li­che Wis­sen wird immer spe­zi­el­ler, die Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler tau­chen immer tie­fer in ihre dis­zi­pli­nä­ren Tun­nel­wel­ten ein. Der deut­sche Publi­zist, Unter­neh­mer und Öko­nom Fried­rich List hat ein­mal gesagt: Die Tei­lung der Arbeit führt nur dann zu mehr Pro­duk­ti­vi­tät, wenn auch die Kon­fö­de­ra­ti­on der Arbeit, in unse­rem Fall also das „Wie­der-Zusam­men-Den­ken“, gelingt. Die Pro­ble­me des 21. Jahr­hun­derts küm­mern sich nicht um die Gren­zen zwi­schen aka­de­mi­schen Dis­zi­pli­nen. Wer sie lösen will, muss in der Lage sein, die­se Pro­ble­me aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven zu beleuch­ten – und die­se Viel­falt an Per­spek­ti­ven mit einem Mehr an Erkennt­nis zu einem grö­ße­ren Bild zusam­men­füh­ren. Wir haben heu­te einen ekla­tan­ten Man­gel an sol­chen „Zusam­men-Den­kern“, und wir sehen bereits heu­te, wie sie über­all mehr und mehr gefragt sind – in der Wis­sen­schaft, in der Poli­tik und in den Unter­neh­men. Ich bin davon über­zeugt, dass die­se Nach­fra­ge in den nächs­ten Jah­ren und Jahr­zehn­ten wei­ter zuneh­men wird.

 

Mit der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 wagen wir die The­se, dass der Wider­spruch ein Zei­chen der Zeit ist, dass schein­bar Selbst­ver­ständ­li­ches zuneh­mend zur Dis­kus­si­on steht, gleich ob in Wirt­schaft, Poli­tik oder im pri­va­ten Bereich. Wie erle­ben Sie die Zeit? Gibt es noch kla­re Ori­en­tie­rung?
JH: Einer­seits wer­den wir durch die digi­ta­len und sozia­le Medi­en per­ma­nent mit neu­en Infor­ma­tio­nen, Ansich­ten und Fak­ten über oft ver­stö­ren­de Ereig­nis­se und ver­schie­dens­te Lebens­ent­wür­fe bom­bar­diert, was selbst reflek­tier­te Geis­ter mit­un­ter über­for­dert. Ande­rer­seits besteht heu­te die Mög­lich­keit, sich durch selek­ti­ve Infor­ma­ti­ons­aus­wahl und durch die Ver­net­zung vor­nehm­lich mit Gleich­ge­sinn­ten in den eige­nen Ansich­ten und den eige­nen Lebens­wel­ten stän­dig bestä­ti­gen zu las­sen. Das ist eine toxi­sche Mischung, die fast zwangs­läu­fig zu einer kul­tu­rel­len und welt­an­schau­li­chen Zer­split­te­rung der Gesell­schaft führt. Dar­aus resul­tiert ein all­ge­mei­nes Gefühl der Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit. Aus mei­ner Sicht ist dies eines der Haupt­merk­ma­le unse­rer Zeit.
JZ: Ich stim­me dem zu, fin­de aber auch einen zusätz­li­chen polit-öko­no­mi­schen Aspekt wich­tig:  Wir erle­ben der­zeit das Ende der soge­nann­ten neo-libe­ra­len Epo­che, die um 1980 begon­nen hat. Seit dem Ende der Finanz- und Wirt­schafts­kri­se ist die­ses Para­dig­ma dis­kre­di­tiert, ohne dass bis­her eine neue weit­hin geteil­te Welt­an­schau­ung an sei­ne Stel­le getre­ten ist. Sol­che Über­gangs­pha­sen sind genau des­halb wider­sprüch­lich, weil die alten Ant­wor­ten nicht mehr gel­ten, ohne dass wir bereits neue Ant­wor­ten haben. Die Anker­ket­ten, die uns an das bis­her domi­nan­te poli­ti­sche Para­dig­ma ban­den, sind gelöst, und der­zeit sind wir auf der Suche nach einem neu­en Anker­platz.

 

Ihr Anlie­gen ist es, die drei Dis­zi­pli­nen (Phi­lo­so­phy, Poli­tics, Eco­no­mics) nicht iso­liert von­ein­an­der unter­rich­tet wer­den, son­dern statt­des­sen das Ver­bin­den­de die­ser Dis­zi­pli­nen her­aus­ge­stellt wird. Was kann man sich dar­un­ter kon­kret vor­stel­len?
JZ: Wir bemü­hen uns dar­um, so oft wie mög­lich von rea­len Pro­ble­men aus­zu­ge­hen. Des­halb bezeich­nen wir das, was wir in Wit­ten machen, auch als Real World PPE. Neh­men wir das Bei­spiel der Nach­hal­tig­keit, das vie­le unse­rer Stu­die­ren­den beson­ders inter­es­siert. Wir schau­en dann: Wel­che phi­lo­so­phi­schen, wel­che öko­no­mi­schen, wel­che poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Per­spek­ti­ven auf die­ses Pro­blem gibt es? Hier las­sen wir also zunächst ein­mal – und zwar sehr bewusst – dis­zi­pli­nä­re Viel­falt  zu. Dann aber gehen wir wei­ter und fra­gen: War­um bestehen die­se Unter­schie­de? Las­sen sich Ansät­ze erken­nen, wie die Dis­zi­pli­nen von­ein­an­der ler­nen kön­nen? Als Vor­aus­set­zung dafür: Wie kann man zwi­schen den dis­zi­pli­nä­ren Per­spek­ti­ven und Spra­chen über­set­zen? Und schließ­lich: Kön­nen wir Ansatz­punk­te für punk­tu­el­le Syn­the­sen erken­nen?

 

Häu­fig beob­ach­tet man, dass Men­schen mit ihrer Lebens­si­tua­ti­on unzu­frie­den sind – der Job macht einen kaputt, der Part­ner nervt –, sie aber den­noch die­se Situa­ti­on nicht ändern. Wor­an liegt das?
JH: Dafür kann es unend­lich vie­le indi­vi­du­ell ver­schie­de­ne Grün­de geben, und sie lie­gen außer­halb des­sen, wozu ein Phi­lo­soph, ein Poli­tik­wis­sen­schaft­ler oder ein Öko­nom als Wis­sen­schaft­ler seri­ös etwas sagen kann. Und wozu man nichts sagen kann, dar­über soll man schwei­gen.

 

Was geben Sie Ihren Stu­den­ten mit auf den Weg, damit die­se sich für ein selbst­be­stimm­tes Leben und mit­hin gegen eine Aus­rich­tung an Sach­zwän­gen und schein­bar alter­na­tiv­lo­sen Bio­gra­phie­ent­wür­fen ent­schei­den?
JH: Zunächst ein­mal: Wer in Wit­ten stu­diert, hat sich bereits und sehr bewusst für ein selbst­be­stimm­tes Stu­di­um ent­schie­den, das es ihr oder ihm gestat­tet, der Ent­fal­tung der eige­nen Per­sön­lich­keit weit mehr Raum zu geben, als dies an einer staat­li­chen Uni der Fall wäre. Für uns ist das fas­zi­nie­rend zu beob­ach­ten: Ob in stu­den­ti­schen NGOs oder als Start-Up-Unter­neh­mer, im Rah­men eher wis­sen­schaft­li­cher oder eher politisch/gesellschaftlicher Akti­vi­tä­ten – prak­tisch alle unse­re  PPE-Stu­die­ren­den haben ihre eige­ne Nische inner­halb des Bio­tops der Uni Witten/Herdecke gefun­den. Das funk­tio­niert nicht zuletzt des­halb, weil wir wahr­schein­lich die ein­zi­ge Pri­vat­uni­ver­si­tät der Welt sind, an der man nicht pro Semes­ter, son­dern für den Stu­di­en­gang zahlt. Da ist es dann auch kein Dra­ma, wenn das Stu­di­um mal ein Semes­ter län­ger dau­ert.
JZ: Aber, um auch das klar zu sagen: PPE in Wit­ten ist kein Stu­die­ren im Wol­ken­ku­ckucks­heim, son­dern eines, das für sehr span­nen­de Berufs­eins­ti­ge qua­li­fi­ziert. Wir haben Absol­ven­ten im Deut­schen Bun­des­tag (als Mit­ar­bei­ter eines Abge­ord­ne­ten), in poli­ti­schen Stif­tun­gen, im uru­gu­ay­ischen Sozi­al­mi­nis­te­ri­um, in Ener­gie­un­ter­neh­men, wir haben unter ihnen auch Unter­neh­mens­grün­der. Die­se Qua­li­fi­zie­rungs­ebe­ne soll­te man nicht unter­schät­zen, denn was nützt ein tol­les Stu­di­um, wenn es einen hin­ter­her zwingt, einen lang­wei­li­gen Job zu machen, weil man nicht die nöti­ge Qua­li­fi­ka­ti­on mit­bringt, um sich erfolg­reich auf span­nen­de Stel­len zu bewer­ben?

 

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Prof. Dr. Joa­chim Zweynert  ist seit 2011 Pro­fes­sor für Inter­na­tio­na­le Poli­ti­sche Öko­no­mie an der Uni­ver­si­tät Witten/Herdecke. Von 2014–2017 war er Grün­dungs­di­rek­tor des Wit­te­ner Insti­tuts für Insti­tu­tio­nel­len Wan­del, das unter ande­rem jähr­lich einen Nach­wuchs­preis für Plu­ra­le Öko­no­mik ver­gibt. Er ist einer der Her­aus­ge­ber des Jour­nal of Con­tex­tu­al Eco­no­mics. Schmol­lers Jahr­buch. Zuletzt von ihm erschie­nen: When Ide­as Fail: Eco­no­mic Thought, the Fail­u­re of Tran­si­ti­on and the Rise of Insti­tu­tio­nal Insta­bi­li­ty in Post-Soviet Rus­sia (Rout­ledge 2017).

Prof. Dr. Jens Har­be­cke ist seit 2015 Pro­fes­sor für Theo­re­ti­sche Phi­lo­so­phie und Phi­lo­so­phie der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Witten/Herdecke. Er ist inter­na­tio­na­ler Koor­di­na­tor des insosci.eu-Projektes, in dem es um das Ver­hält­nis von Neu­ro­wis­sen­schaft und Sozi­al­wis­sen­schaft aus wis­sen­schafts­phi­lo­so­phi­scher Per­spek­ti­ve geht. In sei­ner For­schung befasst er sich ins­be­son­de­re mit Theo­ri­en der Erklä­rung in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und den Kogni­ti­ons­wis­sen­schaf­ten, mit Theo­ri­en der Kau­sa­li­tät und dem Ursa­che-Wir­kung-Begriff inner­halb der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.

Mut und Haltung statt Wut und Spaltung – Thomas Gutknecht

Mut und Haltung statt Wut und Spaltung

von Tho­mas Gut­knecht

 

Poli­tik wird ent­we­der von Ängs­ten oder von Wer­ten getrie­ben. Wohin die Poli­tik der Ängs­te führt, haben wir nun gese­hen“, sagt die Phi­lo­so­phin Susan Nei­man. Gefor­dert ist der Wider­stand der Ver­nunft, anstatt noch immer die post­mo­der­ne Destruk­ti­on der Ver­nunft zu betrei­ben. Wer meint, dass hin­ter jeder Behaup­tung stets ein ver­bor­ge­ner Macht­an­spruch ste­he, hin­ter jedem Ide­al ein Inter­es­se, wer jedem Wahr­heits­an­spruch nur mit Miss­trau­en begeg­net, dem wird es schwer­fal­len, eine Lüge noch als sol­che zu erken­nen.

 

Wer nicht mehr Wahr­heit sucht, sich ihrem Anspruch ver­wei­gert, hat kei­ner­lei Mög­lich­keit, Nar­ra­ti­ve kri­tisch zu prü­fen. Dann bekommt die größ­te Zustim­mung, wer am ein­dring­lichs­ten Emo­tio­nen bespielt, Ängs­te schürt und Ver­spre­chun­gen in den Raum stellt. Eine Lüge, fünf­mal wie­der­holt, wird als Tat­sa­che geglaubt. So lässt sich leicht Angst ver­brei­ten. Sie führt zum Ver­zicht auf dif­fe­ren­zier­tes Urtei­len. Ein wah­rer Teu­fels­kreis. Ver­nunft ist letzt­lich die ein­zi­ge Instanz der sinn­vol­len Selbst­be­schrän­kung – mit­hin die Mut­ter des Ethi­schen.

Tho­mas Gut­knecht lei­tet die phi­lo­so­phi­sche Pra­xis Logos-Insti­tut mit Schwer­punk­ten in der „phi­lo­so­phi­schen Seel­sor­ge“, Ein­zel­be­ra­tung, Erwach­se­nen­bil­dung und Beglei­tung von Füh­rungs­kräf­ten. Er ist Vor­stand des Phi­lo­so­phie-Ver­eins „Logos­club“ und war von 2003 bis 2016 Prä­si­dent der Inter­na­tio­na­len Gesell­schaft für Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis.

Es ver­wun­dert inso­fern nicht, dass vie­le eine Angst vor der Sinn­lo­sig­keit umtreibt. Sinn ruht im Gemein­sam­keit stif­ten­den Band der Ver­nunft. Im Gegen­satz dazu ist das Kenn­zei­chen unse­rer Zeit die Ver­ein­ze­lung. Unver­bind­lich­keit ist ein neu­es Phä­no­men. Unver­bind­lich­keit nicht nur gegen­über dem Anspruch der Wahr­heit, auch gegen­über der lei­sen For­de­rung der sitt­li­chen Wer­te – und so letzt­lich gegen­über dem ande­ren Men­schen. Blo­ße Sym­pa­thie und Gefüh­le tra­gen nicht weit genug. So tritt neben die zuneh­men­de geis­ti­ge, um nicht zu sagen spi­ri­tu­el­le Des­ori­en­tie­rung die Wahr­neh­mung nicht nur einer meta­phy­si­schen Hei­mat­lo­sig­keit, son­dern ganz kon­kret einer Ver­lo­ren­heit inmit­ten aller ande­ren. Weil Mecha­nis­men der Sys­te­me die Lebens­welt über­for­men – etwa die rei­ne Logik einer Öko­no­mie, die nicht mehr inte­grier­ter Teil der Ethik und der Sor­ge um das gute Leben aller ist – wer­den neue Ängs­te her­vor­ge­ru­fen.

 

Der edle Zorn

Angst ist eine mäch­ti­ge Emo­ti­on. Nicht nur die exis­ten­zi­el­le Angst der Ein­zel­nen, gera­de auch die kol­lek­ti­ve. Es gilt, die ihr eige­ne „ratio“ zu ver­neh­men und zu ver­ste­hen. Das betrifft auch ande­re Gemüts­be­we­gun­gen, die die Men­schen von­ein­an­der tren­nen kön­nen, etwa Hass, Neid, Ruhm­sucht. Sie haben bestimm­te Ursa­chen, durch die wir ihre Natur begrei­fen kön­nen. Anders ver­hält es sich jedoch mit sozia­len Emo­tio­nen, die auf gesell­schaft­li­che Umstän­de bezo­gen sind, wie etwa der Zorn. Zorn ist ein moral­re­le­van­tes Gefühl, näm­lich die emo­tio­na­le Ant­wort auf Unrecht. Im Unter­schied zur Angst, die ver­ein­zelt (ja bereits aus der Unver­bun­den­heit resul­tiert), wohnt dem Zorn das Sozia­le inne. Er moti­viert dazu, das Gemein­schaft­li­che in Ord­nung zu brin­gen.

Dies bezeich­net Peter Slo­ter­di­jk als die thy­mo­ti­sche Ener­gie des Zorns, der neben dem Eros zu einer aus­ba­lan­cier­ten See­len­ver­fas­sung gehört. Thy­mos steht für die Selbst­macht, besteht auf der Aner­ken­nung des Selbst und sei­ner Wür­de. Wer ein­mal zu sich selbst gefun­den hat, zu sich selbst ste­hen kann, kann auch ande­re in ihrem Selbst aner­ken­nen. Wenn wech­sel­sei­ti­ge Aner­ken­nung Platz greift, führt das auch zur Ver­bun­den­heit, und not­wen­dig zu einer gesun­den. Der Eros ist zwar wie der Thy­mos eine mensch­li­che Grund­mo­ti­va­ti­on, aller­dings eine, die aus Man­gel gespeist wird. Dies führt den bedürf­ti­gen und gefähr­de­ten Men­schen von selbst zum Du, aber nicht zwangs­läu­fig zu gesun­der Ver­bun­den­heit.

In der Tra­di­ti­on des kul­tu­rel­len Wes­tens ist das Zusam­men­spiel von Thy­mos und Eros aus den Fugen gera­ten. Der edle Zorn mutier­te, ein­mal fälsch­lich als gemein­schafts­feind­lich denun­ziert, zum Res­sen­ti­ment. In unse­rer Zivi­li­sa­ti­on wur­de nur der Eros gepflegt, der Thy­mos hin­ge­gen bearg­wöhnt. Fol­gen­schwer ließ man die thy­mo­ti­schen Ener­gi­en nicht wach­sen und ver­stand den guten Ego­is­mus nicht wert­zu­schät­zen. Gerech­tig­keit bedeu­tet in die­ser Per­spek­ti­ve zuerst Gleich­heit oder „Jedem-das-Sei­ne“, nicht aber Aner­ken­nung und Respekt. Doch nur die in ihrem Selbst­sein gewür­dig­ten und aner­kann­ten Per­so­nen sind lei­dens­fä­hig und kön­nen ande­ren gön­nen, was sie selbst ent­beh­ren. Zorn, der nicht sicht­bar wer­den darf, „ver­dreckt“.

 

Zorn ist der natür­lichs­te Beglei­ter des Gerech­tig­keits­sinns.

 

Zorn ist der natür­lichs­te Beglei­ter des Gerech­tig­keits­sinns. Von Haus aus ist das Gerech­tig­keits­stre­ben edel, Zorn die Ener­gie die­ser Hoch­ge­mut­heit. Wo die­se Hoch­ge­mut­heit fehlt, sind wir eher belei­digt als zor­nig. Das hin­dert am pro­duk­ti­ven Umgang mit Ver­let­zung aller Art und führt statt­des­sen zu ver­gif­ten­den Res­sen­ti­ments. Im Belei­digt­sein ist die Spal­tung und Abset­zung vom Du schon vor­ge­zeich­net. Wenn wir uns nicht mit dem Gedan­ken abfin­den, dass die Welt­ge­schich­te das Welt­ge­richt sein soll: wohin dann mit dem him­mel­schrei­en­den Unrecht? Die Tra­di­ti­on hat­te für alles Unab­ge­gol­te­ne „Zorn­ban­ken“, etwa die Kir­chen. Eine wich­ti­ge Funk­ti­on im Sys­tem von Leid und Unge­rech­tig­keit hat­te einst Gott als Archi­var von erlit­te­nem Unrecht. Ihm konn­te man den Schmerz anheim­stel­len und sogar auf Ren­di­te hof­fen. Die letz­te Zorn­bank erlitt ihren Zusam­men­bruch mit dem Ende des Kom­mu­nis­mus, der letz­ten Agen­tur des uni­ver­sa­len Lei­dens­aus­gleichs.

Zorn ist ein geho­be­ner ener­ge­ti­scher Zustand, der thy­mo­ti­sche Pol der Exis­tenz, ein Regungs­herd, der eine gro­ße Fami­lie ver­sam­melt: Stolz, Ambi­ti­on, Gel­tungs­drang, Ehr­ver­lan­gen, aber auch den Mut oder den Gerech­tig­keits­sinn, Edel­mut, ja eben Hoch­ge­mut­heit. Wenn das Sub­jekt Miss­ach­tung erlebt, ist die Selbst­ach­tung bedroht. Schwä­che und Ohn­macht füh­ren aber zur Innen­welt­ver­schmut­zung, zu einer schlech­ten Öko­bi­lanz. End­la­ger für den gerech­ten Zorn zu fin­den, der nicht zum Aus­trag kom­men konn­te und zu schwe­len beginnt, ist viel­leicht schwe­rer, als den Atom­müll zu ent­sor­gen.

Aber: Hat nicht der Zorn als poli­ti­sche Ener­gie im 20. Jahr­hun­dert Ver­hee­ren­des ange­rich­tet? Ist nicht die thy­mo­ti­sche Ener­gie brand­ge­fähr­lich? Soll­ten Emo­tio­nen nicht ganz aus dem Poli­ti­schen ver­bannt blei­ben? Die Ant­wort: Das geht nicht. Poli­tik machen Men­schen für Men­schen. Wenn inzwi­schen die Angst zur zen­tra­len sozia­len Kraft gewor­den ist (Heinz Bude), ist ihr mit Argu­men­ten nicht mehr bei­zu­kom­men. Stim­mun­gen las­sen sich nur mit Gegen­stim­mun­gen über­win­den.

So müs­sen wir unser Gemein­schafts­le­ben grund­le­gend erneu­ern. Erneue­rung des Ver­trau­ens in die Ver­nunft, eine neue Lei­den­schaft für Wer­te! Soli­da­ri­tät. Respekt und wech­sel­sei­tig zuge­sag­te Aner­ken­nung. Kul­tur der Gabe. Wer sich nicht dem nahe­lie­gen­den Geschichts­pes­si­mis­mus anschlie­ßen will, braucht Hoff­nung – nicht Opti­mis­mus. Hoff­nung zielt dar­auf, Tat­sa­chen zu ändern, ist unser Sinn für die Mög­lich­kei­ten des Guten.

 

Wer sich nicht dem nahe­lie­gen­den Geschichts­pes­si­mis­mus anschlie­ßen will, braucht Hoff­nung – nicht Opti­mis­mus. 

 

Analpha­be­ten der Angst

Auch Angst ist eine star­ke Emo­ti­on – doch sie ist noch mehr, jen­seits von Eros und Thy­mos. Angst gehört zum Leben der Men­schen. Sich recht ängs­ti­gen zu ler­nen, ist eine rei­fe Leis­tung. Doch lei­der ver­hält es sich auch in Sachen Angst nicht anders als bei ande­ren wert­vol­len und gro­ßen Din­gen: Sie zu bespie­len und im eige­nen Inter­es­se zu instru­men­ta­li­sie­ren, bleibt immer mög­lich – und daher bleibt das Geschäft mit ihr nicht aus. Die der­art miss­brauch­te Angst unter­gräbt die Selbst­wirk­sam­keit, beein­träch­tigt die Selbst­be­stim­mung, ver­führt zu fata­len Reak­tio­nen. Des­halb die Auf­ga­be, ihr mensch­lich zu begeg­nen. Doch wir sind Analpha­be­ten der Angst gewor­den. Erst das Ver­ständ­nis der Angst ver­hilft dazu, die Gren­zen unse­rer Mög­lich­kei­ten wahr­zu­neh­men und sinn­voll mit die­sen Gren­zen umzu­ge­hen. Sie sind mit dem Leben­dig­sein gesetzt, und das heißt: Die letz­te die­ser Gren­zen mar­kiert der Tod. In einer Kul­tur jedoch der Angst wird der Tod und in der Fol­ge jed­we­de Begren­zung als etwas Beschä­men­des erlebt. Tabus ver­hin­dern eine Ster­be- und Trau­er­kul­tur. Doch nur wenn das Lern­ziel heißt, sich recht ängs­ti­gen zu ler­nen, blüht das Leben auf. Die Angst im Leben ist „gesund“. Durch die Annah­me der Angst ins Selbst­sein mit hin­ein ver­liert man erst die Angst vor dem Leben.

Die Ver­wir­rung einer Zeit, von der land­auf land­ab gesagt wird, sie sei aus den Fugen gera­ten, besteht nicht zuletzt dar­in, dass das Wis­sen davon ver­lo­ren­ge­gan­gen ist, wor­auf unser ech­tes Sor­gen gerich­tet sein soll­te. Und daher auch die Ver­wir­rung über das Wesen der Angst. Wir brau­chen die Angst, aller­dings eine Angst, die uns nicht so sehr Kopf­zer­bre­chen, son­dern Bei­ne macht. Was tun? Die Angst beja­hen und ihr, sie aner­ken­nend, begeg­nen, aber auch sie durch­ste­hen und über­win­den, ohne sich von ihr dumm machen zu las­sen oder ins Unmensch­li­che aus­zu­wei­chen. Wir gehö­ren nicht der Angst. Angst am Grun­de des Daseins ist ein unum­gäng­li­ches Fak­tum. Wir brau­chen also die Angst, eine „lie­ben­de Angst“, die sich um die Welt ängs­tigt, „nicht nur vor dem, was uns in ihr zusto­ßen könn­te“ – „eine bele­ben­de Angst, die uns statt in die Stu­ben­ecken hin­ein in die Stra­ße hin­aus trei­ben soll“ (Gün­ther Anders).

 

Das Gute wagen

Nur die Soli­da­ri­tät der Ver­letz­li­chen, der Erschüt­ter­ten mit ihrer lei­d­emp­find­li­chen Ver­nunft, kann eine neue Ethik begrün­den. Die­se Soli­da­ri­tät als Mit­ge­fühl ist neben dem Uni­ver­sa­lis­mus der Ver­nunft das Gebot der Stun­de, die „ret­ten­de“ Emo­ti­on. Sie lässt das Thy­mo­ti­sche gel­ten, aber in der Balan­ce mit der Lie­be. Der gro­ße Lei­den­de, Fried­rich Höl­der­lin, beginnt sei­ne Hym­ne Pat­mos:

Voll Güt ist; kei­ner aber fas­set / Allein Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Ret­ten­de auch.“

Die Ver­se sind ein­deu­tig zu lesen als Auf­ruf zur Soli­da­ri­tät: kei­ner aber fas­set allein! Hei­lung voll­zieht sich in der Ver­wirk­li­chung des dia­lo­gi­schen Prin­zips. Die Ret­tung kommt aus der Lie­be – gött­lich genannt oder mit Gott (als Chif­fre) gleich­ge­setzt. Ernst Bloch fasst die­se dia­lo­gi­sche Gesin­nung in die wun­der­bar dich­ten Wor­te: „Wie nun? Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Dar­um wer­den wir erst.“ Das Pro­jekt Soli­da­ri­tät als Hoff­nungs­zei­chen ist eine Auf­ga­be aller Men­schen guten Wil­lens. Höl­der­lins Pat­mos-Hym­ne schließt mit den Wor­ten: „Denn alles ist gut.“ Dem Gesang wird die Auf­ga­be zuge­schrie­ben, alles Bestehen­de im Logos zu deu­ten, der Ver­su­chung der Sprach­lo­sig­keit zum Trotz. Mit­ein­an­der reden, im Gespräch blei­ben, die Ver­bin­dung hal­ten!

Kann man sich in moder­nen Zei­ten irgend­wo häus­lich ein­rich­ten? Hei­mat ist, wo Sinn wal­tet. Selbst Ador­no besteht dar­auf, sich nicht den Sinn für das Rich­ti­ge neh­men zu las­sen: „Auch wenn ein im Gan­zen rich­ti­ges Leben unmög­lich ist, so ist es für ein unver­blen­de­tes Dasein äußerst wich­tig, sich den Sinn für das Rich­ti­ge nicht abkau­fen zu las­sen. (…) Nur vom Unmög­li­chen her kön­nen wir unse­re Mög­lich­kei­ten ver­ste­hen.“ Eine Kul­tur des Mit- und Für­ein­an­ders lebt von der wirk­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on und wird bedroht vom (rhe­to­ri­schen) Miss­brauch der Spra­che. Es bedarf einer Reha­bi­li­tie­rung des Rin­gens um Wahr­heit, der Eta­blie­rung wahr­heits­su­chen­der Ver­stän­di­gungs­pro­zes­se, einer öffent­li­chen Streit­kul­tur, des lie­ben­den Kamp­fes. Wenn Res­sen­ti­ment ver­ach­tet, was wert­voll ist, dann ist es umge­kehrt not­wen­dig, aus Respekt vor dem Wert­vol­len des­sen Her­ab­wür­di­gung – und das macht den Unter­schied – auf zivi­li­sier­te Wei­se zu ver­ach­ten. „Wesent­li­che, das Sein tref­fen­de Wahr­heit ent­springt nur in der Kom­mu­ni­ka­ti­on, an die sie gebun­den ist. Daher kann wah­re Phi­lo­so­phie nur in Gemein­schaft zum Dasein kom­men.“ (Karl Jas­pers) Wo einer immer nur zustimmt, kommt kein ech­tes Gespräch zustan­de. Doch jede Wider­re­de soll Aus­druck einer grund­sätz­li­chen Zuwen­dung sein. Lie­ben­der Kampf „ist nicht der Kampf zwei­er Exis­ten­zen gegen­ein­an­der, son­dern ein gemein­sa­mer Kampf gegen sich selbst und den ande­ren, aber allein Kampf um Wahr­heit“ (Karl Jas­pers).

 

Zu den unein­ge­stan­de­nen Pro­ble­men der west­li­chen „Wer­te­ge­mein­schaft“ rech­ne ich das Miss­trau­en gegen die eige­ne Lie­be zu sitt­li­chen Wer­ten. 

Zu den unein­ge­stan­de­nen Pro­ble­men der west­li­chen „Wer­te­ge­mein­schaft“ rech­ne ich das Miss­trau­en gegen die eige­ne Lie­be zu sitt­li­chen Wer­ten. Was Wer­te­er­zie­hung im Beson­de­ren angeht, möch­te ich an Fried­rich Schil­ler erin­nern. Die ästhe­ti­schen Wer­te – ein­mal erschlos­sen – sind so anzie­hend und spre­chen so sehr für sich, dass sie dazu ani­mie­ren, das Netz zu wei­te­ren Wer­te­wel­ten zu knüp­fen, vor allem zu ethi­schen. Es soll­te nicht so sehr eine Fra­ge der Ehre als der Freu­de sein, zu sich und ande­ren gut zu sein.

Bil­dung und Erzie­hung haben nicht pri­mär mit dem Nut­zen zu tun. Sie sind aller­dings auch kein Luxus, auf den man ver­zich­ten könn­te. Wir dür­fen die Erzie­hung nicht den Markt­kräf­ten opfern. Es gibt Din­ge, die weit über den blo­ßen Nut­zen hin­aus­ge­hen. Die Wer­te, die das Wirt­schaf­ten aus sich gene­riert, vor allem alle Wer­te der mate­ri­el­len Güter, ste­hen dahin­ter zurück. Wirt­schaf­ten setzt im übri­gen kraft einer unüber­wind­li­chen Eigen­lo­gik auf Kon­kur­renz und Riva­li­tät. Erst ein­ge­hegt durch ein über­le­ge­nes Sub­sys­tem des Mora­li­schen wird Wohl­fahrt geschaf­fen.

Sinn aber ist etwas, das im Gemein­sa­men ent­steht, in Kom­mu­ni­ka­ti­on. Daher ist Teil­ha­be aller an den Gütern und der mate­ri­el­len Wert­schöp­fung so wich­tig. Miss­trau­en und Angst trei­ben den Spalt­keil tie­fer. Wer­te sind mehr als Güter, sie ver­wei­sen auf das Gute. Sie wer­den leib­haf­tig erfahr­bar in prak­ti­zier­ten Tugen­den, in gemein­sa­men posi­ti­ven Erleb­nis­sen. Wer­te, die uns zwi­schen­mensch­li­che Ver­bin­dun­gen ermög­li­chen, die uns ande­re in ihrem Anders­sein erfah­ren las­sen und uns so die Angst neh­men. Sol­che Wer­te aus­zu­buch­sta­bie­ren, ist in die­sem Rah­men nicht mög­lich. Wenigs­tens ein paar weni­ge hilf­rei­che Hal­tun­gen möch­te ich zusam­men­fas­send noch nen­nen:

 

  • Dank­bar­keit
  • Ver­nünf­ti­ges Ver­trau­en und Gemein­sinn
  • Ver­söhn­lich­keit und Frie­dens­lie­be
  • Beschei­den­heit und Demut
  • Freund­lich­keit und Gelas­sen­heit
  • Geduld und Tole­ranz
  • Soli­da­ri­tät und Barm­her­zig­keit
  • Humor und Sanft­mut
  • Lei­den­schaft für alles Erfül­len­de
  • Freu­de am Den­ken und ande­rer sinn­vol­ler Anstren­gung.

 

 

Das darf man den Menschen nicht sagen.“ – Editorial zur Ausgabe 1/2018

Editorial von Frank Augustin zur Ausgabe „Wirtschaft im Widerspruch“

 

 

Das darf man den Menschen nicht sagen.“

Das höre ich in letz­ter Zeit ziem­lich oft, gleich ob von Poli­ti­kern, Wis­sen­schaft­lern, Intel­lek­tu­el­len oder auch von Unter­neh­mens­ver­tre­tern. Was man ihnen nicht sagen darf? Ers­tens, dass die Demo­kra­tie seit den frü­hen 80er Jah­ren dem (Finanz-)Kapital folgt und inso­fern eigent­lich kei­ne mehr ist. Zwei­tens, dass der unver­meid­li­che Über­gang vom Wachs­tum zu einer Post­wachs­tums­ge­sell­schaft nicht flie­ßend ver­lau­fen, son­dern per Crash erfol­gen wird.

Frank Augus­tin ist Mit­grün­der und Chef­re­dak­teur des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42.

Stim­me ich die­ser Ein­schät­zung zu? Unbe­dingt! Aller­dings geht mir die Kri­tik an Kapi­tal und Wachs­tum all­zu leicht über die Lip­pen ihrer Ver­äch­ter. Man tut so, als ob es sich dabei um etwas Abs­trak­tes, Kal­tes, Mathe­ma­tisch-Tech­ni­sches han­de­le. Was dabei über­se­hen wird, ist die emo­tio­na­le, ja spi­ri­tu­el­le Dimen­si­on des Wirt­schaft­li­chen. Denn der Kapi­ta­lis­mus hat auch Sinn pro­du­ziert. Er ver­ei­nig­te meta­phy­si­sche Vor­stel­lun­gen (unend­li­ches Wachs­tum, unend­li­cher Fort­schritt) mit der kon­kre­ten Lebens­wirk­lich­keit, „bewies“ die­se Vor­stel­lun­gen durch immer mehr, immer neue und immer bes­se­re Pro­duk­te. Pro­duk­te, mit denen man, je nach Gus­to, Per­fek­ti­on, Qua­li­tät, Frei­heit, Pres­ti­ge, Erfolg, Glück u. v. m. ver­bin­den konn­te, die sich in viel­fäl­ti­ger Wei­se auf­ein­an­der bezo­gen, sich dadurch auch gegen­sei­tig Sinn gaben und so ein regel­rech­tes Sinn­uni­ver­sum schu­fen. Was nach 1945 ganz unschul­dig und fern­ab jeg­li­cher Ideo­lo­gie daher­kam, was nur das wirt­schaft­li­che Mit­tel zum demo­kra­ti­schen Zweck schien, wur­de zur dog­ma­ti­schen Wirt­schafts­re­li­gi­on. Die wun­der­sa­me Ver­meh­rung der Finanz­wer­te und kathe­dra­len­ar­ti­ge Bank­tür­me waren ihr adäqua­ter Aus­druck, nicht etwa krank­haf­ter Aus­wuchs. Die Wort­ver­bin­dung „markt­kon­for­me Demo­kra­tie“ bezeich­net den gesell­schaft­li­chen Kon­sens inso­fern tref­fend: Demo­kra­tie vor­schie­ben, um Wirt­schafts­re­li­gi­on zu prak­ti­zie­ren.

Und das heißt? – Die sich seu­chen­ar­tig aus­brei­ten­den Wider­sprü­che im Gro­ßen und im Klei­nen, die den gesell­schaft­li­chen Kon­sens wie auch das per­sön­li­che Selbst­ver­ständ­nis implo­die­ren las­sen, die ein Wei­ter-so ver­hin­dern, müs­sen gar nicht gelöst wer­den. Denn sie geben zu ver­ste­hen, dass die­ser Kon­sens kein ech­ter, kein demo­kra­ti­scher Kon­sens war. Sie sind Beleg dafür, dass es – zumin­dest zuletzt – poli­ti­scher Auf­trag war, Demo­kra­tie mög­lichst klein zu hal­ten, damit sie der Wirt­schafts­re­li­gi­on nicht in die Que­re kommt. Mögen die­se Wider­sprü­che für vie­le Unheil und Cha­os bedeu­ten, bemer­ken immer mehr Men­schen, dass sie den Raum für einen demo­kra­ti­schen Neu­an­fang öff­nen. Und das muss man sagen!

 

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Mit u.a.:

Ernst Ulrich von Weiz­sä­cker im Inter­view “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech: “Wohl­stand im Wider­spruch”

Die­ter Schnaas: “Spe­ku­la­ti­on im Wider­spruch”

Sven Bött­cher: “Anders!” ist das neue “Bas­ta!”