Über die Freiheit – Interview mit Hans Ulrich Gumbrecht

Über die Freiheit

Interview mit Hans Ulrich Gumbrecht

Hans Ulrich Gum­brecht ist Inha­ber des Lehr­stuhls für Kom­pa­ra­tis­tik an der Stan­ford Uni­ver­si­ty und stän­di­ger Gast­pro­fes­sor an der Uni­ver­sité de Mon­tréal, am Col­lège de Fran­ce sowie an der Zep­pe­lin Uni­ver­si­tät Fried­richs­ha­fen.

 

Herr Gum­brecht, frei nach Kant ist es unse­re größ­te Frei­heit, uns selbst Geset­ze zu geben – gemein­hin ver­bin­det man aber das Feh­len von Vor­schrif­ten mit Frei­heit. Brau­chen wir in Zukunft mehr oder weni­ger staat­li­che Regle­men­tie­run­gen?

Ich bin unter ande­rem des­halb Ame­ri­ka­ner gewor­den, weil ich als deut­scher Beam­ter den manisch-depres­si­ven Hun­ger nach „staat­li­chen Lösun­gen“ uner­träg­lich fand – und dass ich mich mitt­ler­wei­le aus­ge­rech­net in Sili­con Val­ley wohl­füh­le, macht dies zu einer guten Ent­schei­dung für mich. Wir brau­chen weni­ger staat­li­che Regle­men­tie­rung jeden­falls, und vor allem weni­ger Dis­kus­sio­nen in Deutsch­land unter dem Vor­zei­chen des Begriffs „Ethik“. Natür­lich sind mir die Risi­ken sol­cher Frei­heit bewusst.

 

Robert Misik schreibt in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42: “Frei­heit hat die Sei­te gewech­selt. War sie frü­her eine Paro­le eman­zi­pa­to­ri­scher, meist lin­ker Bewe­gun­gen, haben in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren vor allem die Neo­kon­ser­va­ti­ven und Neo­li­be­ra­len die Frei­heit vor sich her­ge­tra­gen.” Was bedeu­tet das für die heu­ti­ge Zeit?

Ich sehe die Ant­wort, die sie sich wün­schen – und mir sug­ge­rie­ren. Es muss etwas falsch sein in der Welt, wenn die „Neo­li­be­ra­len“, die doch für alles Übel ver­ant­wort­lich sind, einen so posi­ti­ven Wert wie Frei­heit ver­tre­ten. Ande­rer­seits: Hat es je lin­ke Bewe­gun­gen gege­ben zwi­schen Mos­kau und La Haba­na, die im Moment des staat­lich-wer­dens die Frei­heit der Indi­vi­du­en ver­grö­ßert hat? Ich kann mich gut erin­nern an das Pro­blem: Als ich selbst noch ein typi­scher Lin­ker mei­ner Gene­ra­ti­on war, da fühl­te ich mich im Besitz aller („ethisch begrün­de­ten“ und natür­lich „all­ge­mein­ver­bind­li­chen“) Wahr­hei­ten.

 

Vie­le Men­schen füh­len sich heu­te zu etwas gezwun­gen, was sie nicht mögen: ob lan­ge Über­stun­den, sinn­lo­se Arbeit, stän­di­ger Kon­sum­zwang oder ein Leben in über­füll­ten Städ­ten – Unzu­frie­den­heit macht sich breit über die “Gesell­schaft” ohne genau zu ver­ste­hen, was damit gemeint ist und wie sie wirkt. Wie kann man als Teil von etwas leben, was man nicht ver­steht?

Ist das nicht die „Con­di­tio Huma­na“, in Zusam­men­hän­gen zu leben, die man – ins­ge­samt – nicht ver­steht. Und was hie­ße schon, sie wirk­lich zu „ver­ste­hen“? Erwüch­se dar­aus das ver­meint­li­che Glück einer voll­kom­me­nen Selbst­be­stim­mung? Gelas­sen­heit ange­sichts der Erfah­rung, dass „Leben“ immer auch ein „Gezwun­gen­sein” zu etwas ist, „das man nicht mag“, das wäre es doch! Das Leben kann wohl eher kein Mail­or­der Ser­vice, kein Ama­zon für die zuver­läs­si­ge Erfül­lung indi­vi­du­el­ler Wün­sche sein. Oder?

 

Wel­che poli­ti­sche Bewegung/Idee Euro­pas sind für Sie der­zeit am viel­ver­spre­chends­ten im Hin­blick auf eine lebens­wer­te Zukunft?

Macrons Ener­gie als Bewe­gung – weil er anschei­nend ver­stan­den hat, dass Euro­pas Wohl­fahrts­staa­ten eben Ener­gie und Inten­si­tät brau­chen – statt eine Ver­si­che­rung ihrer Ver­schla­fen­heit, über die sich auch noch alle bekla­gen.

 

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Mehr zum The­ma fin­den Sie in der aktu­el­len agora42. Wie immer ver­sand­kos­ten­frei:

Wir alle leben zu Lasten zukünftiger Generationen” – Interview mit Peggy Hetmank-Breitenstein

Wir alle leben zu Lasten zukünftiger Generationen”

Inter­view mit Peg­gy Het­mank-Brei­ten­stein

 

Peg­gy Het­mank-Brei­ten­stein ist Wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin am Insti­tut für Phi­lo­so­phie der Fried­rich-Schil­ler-Uni­ver­si­tät Jena. Ihre Schwer­punk­te lie­gen in der Phi­lo­so­phi­schen Gesell­schafts­kri­tik sowie in der Ver­mitt­lung und Übung kri­ti­schen Den­kens.

 

Frau Het­mank-Brei­ten­stein, im All­tag hat die Befrei­ung bereits ihren Platz: das Wochen­en­de befreit von den Werk­ta­gen, der Urlaub von der Arbeits­welt und die Fuß­ball-WM vom poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen. Befrei­ung ist für die meis­ten nur eine Befrei­ung von etwas – und ver­weilt damit in der Nega­ti­on. Ist dar­über hin­aus Frei­heit mög­lich?

 

Zunächst: Ich bezweif­le, dass die Befrei­ung im All­tag „bereits ihren Platz“ hat. Bes­te Gegen­bei­spie­le sind die in der Fra­ge genann­ten: Sie sind in mei­nen Augen gera­de kei­ne „Befrei­un­gen“, nicht ein­mal im nega­ti­ven Sin­ne. An den bei­den erst­ge­nann­ten Bei­spie­len lässt sich das schnell deut­lich machen (das drit­te Bei­spiel: Fuß­ball-WM vs. poli­ti­sches Tages­ge­sche­hen wäre ent­we­der nur ober­fläch­lich oder aber in meh­re­ren Dis­zi­pli­nen – z.B. Indi­vi­du­al- und Sozi­al­psy­cho­lo­gie, Medi­en­theo­rie – zu dis­ku­tie­ren). Wenn das Wochen­en­de als Befrei­ung von Werk­ta­gen, der Urlaub als Befrei­ung vom Arbeits­all­tag ver­stan­den wird, wenn sogar vom „ver­dien­ten“ Wochen­en­de oder Urlaub gespro­chen wird („Wir gehen nun ins wohl­ver­dien­te Wochen­en­de!“ „Den Urlaub in die­sem Jahr habe ich mir aber ver­dient!“), dann ist damit zugleich unter­stellt, dass Wochen­en­de wie Urlaub sich dem Arbeits­all­tag ver­dan­ken, dass sie von dem in ihm Geleis­te­ten abhän­gig sind und ihm inso­fern nach- oder unter­ge­ord­net sind. Rich­tig dar­an ist: In unse­rem All­tag, in unse­rer Gesell­schaft die­nen Wochen­en­de und Urlaub im Wesent­li­chen dazu, wie­der fit zu machen für die fol­gen­den Werk­ta­ge, den Arbeits­all­tag also. Als wirk­lich befrei­te oder freie Zeit kön­nen Wochen­en­de und Urlaub so gar nicht in den Blick genom­men und ver­stan­den wer­den.
Wenn wir so „all­täg­lich“ den­ken, blei­ben wir des­halb in mei­nen Augen in einem Vor­ur­teil gefan­gen und täu­schen uns eigent­lich selbst. Dies zeigt auch, dass die gän­gi­ge Unter­schei­dung zwi­schen (nega­ti­ver) Befrei­ung und (posi­ti­ver) Frei­heit bzw. auch zwi­schen „Frei­sein von“ und „Frei­sein zu“ zu kurz greift, sofern das „zu“ nicht ein über­grei­fen­des WOZU mit ein­schließt. Und damit ste­hen wir vor Fra­gen, die zugleich alt­ehr­wür­dig phi­lo­so­phisch sind (sie fin­den sich bereits bei Pla­ton und Aris­to­te­les) und die doch jeder Mensch auch für sich selbst stel­len und immer wie­der beant­wor­ten muss: Wozu wol­len wir eigent­lich arbei­ten (bzw. Lohn­ar­beit leis­ten)? Was ist der Zweck? Ist es tat­säch­lich not­wen­dig oder rich­tig, dass wir unse­re gesam­te Lebens­zeit der Unter­schei­dung und Hier­ar­chie Lebens­ar­beits­zeit vs. Zeit nach der Arbeit unter­ord­nen? Was wol­len wir letzt­end­lich in die­sem, unse­rem Leben? Und was und wie­viel brau­chen wir, um dies zu rea­li­sie­ren?
Frei­heit wäre in mei­nen Augen: Die­se Fra­gen – wie vage und offen auch immer – beant­wor­ten zu kön­nen und sein Leben, d.h. sei­ne Lebens­zeit und sei­ne sozia­le Mit- oder Umwelt ent­spre­chend gestal­ten oder wäh­len zu kön­nen. Genau davon sind sicher­lich die meis­ten von uns Licht­jah­re ent­fernt. Aber es gibt doch immer wie­der Inseln, die wir schaf­fen kön­nen – gemein­sam!

 

Wel­chen Zwän­gen unter­lie­gen wir heu­te? Was soll­te Ihrer Ansicht nach befreit wer­den?
 
Sofern wir auf die Mehr­zahl poli­ti­scher und öffent­li­cher Mei­nun­gen oder Dis­kur­se hören, unter­lie­gen wir vor allem „öko­no­mi­schen“ und „struk­tu­rel­len Zwän­gen“, d.h. letzt­lich den Zwän­gen (Impe­ra­ti­ven) des Wachs­tums, des Wett­be­werbs, der Kon­kur­renz um die nie unbe­grenzt ver­füg­ba­ren Res­sour­cen, des „Immer-Wei­ter“, „Immer-Bes­ser“, „Immer-Mehr“. Kurz: den Zwän­gen des „Sur­vi­val- of-the-fit­test“. Die­se Zwän­ge beherr­schen gro­ße Tei­le der sozia­len Pra­xis der soge­nann­ten „frei­en Welt“ und daher auch unse­ren All­tag. Das ist nichts ande­res als größ­te Unfrei­heit. Und doch: Wenn wir die Wahl hät­ten zwi­schen die­ser Unfrei­heit und der Unfrei­heit, die aus mate­ri­el­lem Elend und der Angst ums nack­te Über­le­ben resul­tiert, die einen gro­ßen Teil der „ande­ren“ Welt­be­völ­ke­rung beherrscht, wür­den wir ers­te­re vor­zie­hen …
Den­ken wir „phi­lo­so­phisch“ über die­se Fra­ge nach, müss­ten wir sicher­lich zunächst ein­mal Bedeu­tungs­fra­gen klä­ren, d.h. uns dar­über eini­gen, was wir unter „Zwang“ ver­ste­hen wol­len. Ver­ste­hen wir Zwang in einem wei­ten Sin­ne, ist damit alles gemeint, was uns zwingt; ver­ste­hen wir den Begriff enger, mei­nen wir alles, was von Men­schen gemacht wur­de oder wird, uns der­ge­stalt zwingt, aber gene­rell doch änder­bar ist.
Dem wei­ten Ver­ständ­nis fol­gend lie­ße sich dann sagen: Wir ste­hen auch heu­te noch unter dem Zwang natür­li­cher Not­wen­dig­kei­ten (Natur­ge­set­ze, bio­lo­gi­sche und anthro­po­lo­gi­sche Gege­ben­hei­ten wie Geburt, Krank­hei­ten, Tod, aber auch Grund­be­dürf­nis­se nach Nah­rung, Klei­dung, evtl. mensch­li­cher Nähe, Sex etc.). Aber auch logi­sche und onto­lo­gi­sche Not­wen­dig­kei­ten, also soge­nann­te logi­sche Geset­ze, Schluss­prin­zi­pi­en, Kate­go­ri­en etc., zwin­gen uns, unser Den­ken und Ver­hal­ten anzu­pas­sen. So gilt not­wen­di­ger­wei­se, dass Ich nicht zugleich exis­tie­ren und nicht-exis­tie­ren kann – das kann weder anders sein, noch kann ich es anders den­ken. Auch was in der Ver­gan­gen­heit gesche­hen ist, lässt sich nicht mehr ändern, zwingt uns – als Vor­ge­ge­ben­heit – zu bestimm­ten Hand­lun­gen oder schränkt deren Mög­lich­keits­raum von vorn her­ein ein.
Wir ste­hen somit – und damit kom­me ich zu enge­ren Bedeu­tung – immer schon unter dem Zwang all des­sen, was vor uns von Men­schen gemacht und geschaf­fen wur­de: Sozia­le Prak­ti­ken und Insti­tu­tio­nen, Nor­men­sys­te­me (Moral, Recht, Ver­hal­tens­kon­ven­tio­nen, Ver­hal­tens­re­geln), Wis­sens- bzw. Über­zeu­gungs­sys­te­me (ein­schließ­lich sprach­li­cher Prak­ti­ken, d.h. begriff­li­che Fest­le­gun­gen, Unter­schei­dun­gen, Sprach­spie­le etc.), Erfin­dun­gen, Bau­ten, Zer­stö­run­gen etc. Und doch gibt es hier Spiel­räu­me der Ver­än­de­rung, also auch Befrei­ung. Zumin­dest teil­wei­se kön­nen wir die­se Vor­ge­ge­ben­hei­ten ändern. Denn wir alle sind als Akteu­re immer schon in tra­dier­te sozi­al-kul­tu­rel­le Prak­ti­ken invol­viert: WIR über­neh­men sie, repro­du­zie­ren sie und ihre Bedin­gun­gen, bil­den ent­spre­chen­de Denk-, Sprach-, Wahr­neh­mungs- und Ver­hal­tens­ge­wohn­hei­ten, Hal­tun­gen und Selbst­ver­ständ­nis­se aus.
Und all das kön­nen wir (sofern wirk­li­che Exis­tenz­ängs­te, die immer pri­mär sind, dies nicht ver­hin­dern) auch hin­ter­fra­gen. Wir tun dies in der Regel nur, wenn uns etwas irri­tiert oder mas­siv stört, unglück­lich macht, ver­letzt etc. Erst dann erwei­sen sich bestimm­te Über­zeu­gun­gen, also Denk- oder Rede­ge­wohn­hei­ten, oder auch Ver­hal­tens­ge­wohn­hei­ten als falsch und wir fra­gen uns, ob wir uns von ihnen befrei­en, ob wir sie viel­leicht durch ange­mes­se­ne­re erset­zen soll­ten. Hier hat Befrei­ung und damit nega­ti­ve wie auch posi­ti­ve Frei­heit ihren Platz. Befrei­ung und Frei­heit sind inso­fern immer nur als kon­kre­te Anschluss­hand­lun­gen an vor­an­ge­hen­de rea­li­sier­bar, als Hand­lun­gen, die immer räum­lich loka­li­siert und zeit­lich ter­mi­niert sind. In jedem Fal­le müs­sen sol­che Modi­fi­ka­tio­nen mög­lich sein und wenn nicht, dann muss es mög­lich sein zu fra­gen: War­um nicht? Wenn dann offen­sicht­lich ist, dass wir unter dem Zwang bestimm­ter nicht zu recht­fer­ti­gen­der (z.B. empö­ren­der) sozia­ler Prak­ti­ken oder Nor­men ste­hen, müss­ten wir uns von ihrem Zwang befrei­en kön­nen.
Um zum Anfang mei­ner Ant­wort zurück­zu­kom­men: Wir müss­ten uns eigent­lich befrei­en kön­nen von Zwän­gen, die uns durch eine spe­zi­fi­sche Wei­se des Wirt­schaf­tens auf­ge­zwun­gen wer­den, die wir eigent­lich weder unter öko­lo­gi­schen noch unter ethi­schen noch unter recht­li­chen Gesichts­punk­ten recht­fer­ti­gen kön­nen, und die wir doch selbst tra­gen bzw. repro­du­zie­ren. Wir müss­ten uns befrei­en kön­nen von unter die­sen Gesichts­punk­ten unver­ant­wort­li­chem Kon­sum, aber auch von dem Zwang, den Groß­teil unse­rer Lebens­zeit mit Lohn­ar­beit tot­zu­schla­gen, die lan­ge schon nicht mehr dem schlich­ten Über­le­ben und auch nicht der Selbst­ent­fal­tung dient, son­dern dazu, einen sys­tem­er­hal­ten­den Kon­su­mis­mus zu beför­dern. Dazu müss­ten wir uns aller­dings zunächst befrei­en von einem Bedürf­nis nach luxu­riö­sem Wohl­stand, vom Glau­ben an Idea­le wie „Wachs­tum“ sowie vom Glau­ben an gewis­se Reden über öko­no­mi­sche oder struk­tu­rel­le Zwän­ge …

 

Robert Misik schreibt in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42: “Frei­heit hat die Sei­te gewech­selt. War sie frü­her eine Paro­le eman­zi­pa­to­ri­scher, meist lin­ker Bewe­gun­gen, haben in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren vor allem die Neo­kon­ser­va­ti­ven und Neo­li­be­ra­len die Frei­heit vor sich her­ge­tra­gen.” Was bedeu­tet das für die heu­ti­ge Zeit?
 
Zunächst: Ich hal­te die­se Dia­gno­se für erläu­te­rungs­be­dürf­tig und glau­be nicht, dass sie einer gründ­li­che­ren Kri­tik stand­hält – Kri­tik im Sin­ne einer auf Expli­ka­ti­on und Ana­ly­se beru­hen­den Auf­klä­rung des Begriffs. Was also mei­nen wir, wenn wir von Frei­heit spre­chen, und was kön­nen wir aus onto­lo­gisch-seman­ti­schen Grün­den nicht mei­nen? Lei­der kön­nen die­se Fra­gen im Rah­men eines solch kur­zen Tex­tes nicht befrie­di­gend aus­führ­lich geklärt wer­den, aber ein knap­per Auf­riss ist viel­leicht mög­lich.
Zunächst lässt sich aus­schlie­ßen, dass Frei­heit eine Sache oder Sub­stanz ist, also etwas, aus dem etwas bestehen, oder das jemand (eine Per­son) haben, hal­ten, besit­zen, abge­ben kann. Schon des­halb kann sie nicht die Sei­te wech­seln bzw. ist die Meta­pher des Sei­ten­wech­sels nicht erhel­lend. Frei­heit kann aber auch kei­nen Zustand mei­nen oder die Eigen­schaft eines (sei es auch idea­len) Zustands. Frei­heit ist eigent­lich nur erfahr­bar in Voll­zü­gen des Den­kens, Spre­chens, Ent­schei­dens, Ein­grei­fens in die Umwelt etc. Sie ist Voll­zug im Sin­ne der ener­geia bei Aris­to­te­les. Was Men­schen tat­säch­lich in unge­nau­er Rede zu „haben“ mei­nen, was sie genau­er aber nur aner­kannt bekom­men kön­nen und wofür sie auch kämp­fen kön­nen, sind Rech­te und Mög­lich­kei­ten, sol­che Voll­zü­ge in ver­schie­de­nen Berei­chen der sozia­len Pra­xis tat­säch­lich zu rea­li­sie­ren. Im Bereich des Poli­ti­schen bei­spiels­wei­se in Gestalt frei­er öffent­li­cher Rede und Ver­samm­lung, der Wahl von Reprä­sen­tan­ten, einer Man­dats­über­nah­me etc., im Bereich des Glau­bens als Wahl der Reli­gi­on oder Kon­fes­si­on, im öko­no­mi­schen Bereich als Wahl von Berufs­zweig, Ort, Kon­sum­ver­hal­ten, im soge­nann­ten „Pri­va­ten“ als Wahl von Lebens­form, -part­nern, Ess­ge­wohn­hei­ten etc. Eini­ge die­ser Rech­te wie­der­um kön­nen jus­ti­zia­bel sein – der Anspruch auf Erfül­lung kann vor Gerich­ten erstrit­ten, sei­ne Ver­let­zung sank­tio­niert wer­den; ande­re gel­ten als mora­lisch oder ledig­lich kon­ven­tio­nell und sind mit „infor­mel­len“ sozia­len Sank­ti­ons­me­cha­nis­men ver­bun­den.
Das Wort „Frei­heit“ frei­lich, das kann man belie­big im Mun­de füh­ren oder in Par­tei­pro­gram­me oder auf Trans­pa­ren­te dru­cken, und die Häu­fig­keit sol­cher Vor­komm­nis­se ver­weist auf gewis­se Kon­junk­tu­ren. Frei­heit kann so aber ganz Ver­schie­de­nes mei­nen, und zwar je nach­dem, wovon sich eine Bewe­gung, Par­tei oder Initia­ti­ve befrei­en will und je nach­dem, ob es um Lärm oder Mobi­li­sie­rung oder Wäh­ler­stim­men geht. Damit las­sen sich dann auch die Kon­junk­tu­ren und ver­meint­li­che „Sei­ten­wech­sel“ erklä­ren. Wäh­ler bei­spiels­wei­se über­zeugt man am bes­ten mit Aus­sich­ten auf Lösun­gen für ihre kon­kre­ten oder dif­fu­sen Pro­ble­me, mit Ant­wor­ten auf ihre Ängs­te, zuwei­len auch sol­che, die man zuvor selbst erzeugt oder zumin­dest medi­al auf­ge­bla­sen hat. In den Zei­ten deut­lich spür­ba­rer öko­no­mi­scher oder Finanz­markt­kri­sen (z.B. in und nach 2008), die seit dem 20. Jahr­hun­dert immer glo­bal sind, ist Pro­tek­tio­nis­mus und Befrei­ung von den Zwän­gen des glo­ba­len Kapi­tal­markts ange­sagt. Ent­spre­chen­de Paro­len fin­den sich ver­mehrt (aber nicht nur) auf Sei­ten kon­ser­va­ti­ver und rech­ter Kräf­te. Wenn hin­ge­gen recht­li­che Ungleich­heit als Unter­drü­ckung erfah­ren wird oder sozia­le Ungleich­heit offen­sicht­lich so stark anwächst, dass eine Sei­te ihre Frei­heits­rech­te nicht wahr­neh­men kann, wird die Her­stel­lung glei­cher Rech­te (Gleich­be­rech­ti­gung) oder glei­cher Chan­cen und ent­spre­chen­der Res­sour­cen­ver­tei­lung gefor­dert. Da lin­ke und eher als pro­gres­siv gel­ten­de Par­tei­en und Bewe­gun­gen in der Regel kei­ne natür­li­chen oder kul­tu­rel­len Deter­mi­nan­ten für Ungleich­hei­ten aner­ken­nen, ist das eines ihrer zen­tra­len The­men, wäh­rend rech­te Kräf­te durch­aus Ande­re ken­nen, die kei­nen Anspruch auf glei­che Rech­te haben. Aber ver­ges­sen wir nicht: Auch eini­ge soge­nann­te Lin­ke ken­nen die­se Ande­ren, wenn die­se etwa in Gestalt von „Wirt­schafts-„ oder „Kli­ma­flücht­lin­gen“ vor der eige­nen Tür ste­hen und es um Wäh­ler­gunst und natio­nal­staat­li­che Gren­zen oder die Siche­rung ent­spre­chen­der Wohl­stands­sys­te­me geht, selbst wenn die­se ihren Wohl­stand his­to­risch und gegen­wär­tig der Aus­beu­tung der Ande­ren ver­dankt.
Kurz: In mei­nen Augen ist der Sei­ten­wech­sel auch des Wor­tes „Frei­heit“ ist ledig­lich ein Sym­ptom und ein sehr unsi­che­rer Hin­weis dar­auf, wofür jemand steht …

 

Ador­no wird heu­te viel­fach mit dem Satz “Es gibt kein rich­ti­ges Leben im fal­schen” bedacht. Was ist in der heu­ti­gen Zeit die­ses fal­sche Leben, in dem es sich nicht rich­tig leben lässt?
 
Ja, die­ser Satz aus den Mini­ma Mora­lia gilt als Ador­nos berühm­tes­ter, und vie­le, vor allem auch wohl­wol­len­de Lesen­de wünsch­ten, er hät­te ihn nie geschrie­ben. Den einen erscheint er als apo­re­tisch, ande­ren als aus­weg- und hoff­nungs­los. Oft schon habe ich gehört: „Aber es gibt doch ein ‚rich­ti­ge­res‘ oder ‚fal­sche­res‘ – als sei­ne ‚rich­tig‘ und ‚falsch‘ gra­du­ier­bar.
Dabei spricht Ador­no mit die­sem Satz – in der für ihn typi­schen Ges­te der Über­trei­bung frei­lich – eine Grund­er­fah­rung aus, die bereits Marx als Ein­satz und Trieb­kraft aller ernst­haf­ten Gesell­schafts­kri­tik ange­se­hen hat­te. Bei Marx fin­det sich die­se Erfah­rung in der Rede von der „Infa­mie des Bestehen­den“ arti­ku­liert. Auch in die­ser For­mu­lie­rung ver­mi­schen sich Ver­zweif­lung und Ohn­macht, Empö­rung und Wider­stand auf eigen­tüm­li­che Wei­se. Die­se For­mel wie­der­um wur­de spä­ter teil­wei­se wört­lich von Georg Lukács, Max Hork­hei­mer, Leo Löwen­thal, Wal­ter Ben­ja­min und eben auch Ador­no wie­der­holt. Und von deren Zeit­ge­nos­sen Ber­tolt Brecht wur­de sie sogar dich­te­risch ver­ewigt: In sei­nem Gedicht „An die Nach­ge­bo­re­nen“ ergeht an eben die­se Nach­ge­bo­re­nen die Bit­te um Nach­sicht dafür, „wahr­lich […] in finstren Zei­ten“ zu leben. Es sei ein Leben in Zei­ten, in denen das arg­lo­se Wort töricht ist, die glat­te Stirn auf Unemp­find­lich­keit hin­deu­tet, in denen Gesprä­che über Bäu­me fast Ver­bre­chen sind, in denen jeder Mensch weiß, dass das eige­ne Über­le­ben und gute Über­le­ben blo­ßer Zufall sind, die Opfer for­dern oder gefor­dert haben. „Nichts von dem, was ich tue, berech­tigt mich dazu, mich satt zu essen. Zufäl­lig bin ich ver­schont. Wenn mein Glück aus­setzt, bin ich ver­lo­ren.“
Was also könn­te gemeint sein? Zunächst ein­mal, dass sich die oder der Ein­zel­ne von vorn her­ein in gesell­schaft­li­che Hand­lungs­zu­sam­men­hän­ge ver­strickt fin­det, die vor­ge­ge­ben und nicht frei gewählt sind. Und dass wir irgend­wie als leben­de Wesen Res­sour­cen ver­brau­chen, die ande­ren des­halb nicht mehr zur Ver­fü­gung ste­hen. Aber all das ist zu tri­vi­al, kenn­zeich­net alle Ver­ge­sell­schaf­tungs- und Lebens­pro­zes­se und begrün­det per se kei­ner­lei Schuld­ge­füh­le oder Schuld­zu­wei­sun­gen. Betrach­te ich mei­ne Lebens­voll­zü­ge und -wei­se nun aber genau, kom­me ich eigent­lich kaum umhin, die­se Ver­stri­ckun­gen zugleich als Schuld­zu­sam­men­hän­ge zu erfah­ren. Ganz ver­ein­facht: Ich unver­dient Wohl­ha­ben­de ver­dan­ke mei­nen Wohl­stand frü­he­rer oder gegen­wär­ti­ger Aus­beu­tung, ob ich will oder nicht. Und: Wir alle leben zu Las­ten zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen, denen wir neben Schul­den­ber­gen zer­stör­te Natur, evtl. Kli­ma­ka­ta­stro­phen ver­er­ben. Und als Gesamt­ge­sell­schaft füh­len wir uns nicht ver­ant­wort­lich oder über­for­dert, wenn wir auf­ge­for­dert wer­den, unse­re Gelüs­te und Bedürf­nis­se zuguns­ten zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen auch nur zu hin­ter­fra­gen, geschwei­ge denn sie zu redu­zie­ren.
Kann nicht also auch uns unse­re Gegen­wart – sofern wir dar­über nach­den­ken wol­len – infam und fins­ter erschei­nen? Erscheint sie nicht gera­de auch in öffent­li­chen, wis­sen­schaft­li­chen und auch poli­ti­schen Dar­stel­lun­gen als in mehr­fa­chen Sin­ne irra­tio­nal: als Schick­sal oder blin­de Natur­ge­walt, als nicht ratio­na­li­sier­bar im Sin­ne von „erklär­bar“ (sei es kau­sal oder teleo­lo­gisch)? Und auch als unver­nünf­tig im empha­ti­schen Sin­ne des „ethisch empö­rend“ (noch ein­mal die Stich­wor­te: nicht­pro­gnos­ti­zier­ba­re Finanz-, d.h. Welt­wirt­schafts­kri­sen, dro­hen­den öko­lo­gi­sche Kata­stro­phen, per­ma­nen­te Kriegs­ge­fahr).
Wer möch­te heu­te eigent­lich in einer der nächs­ten Gene­ra­tio­nen leben? Ich nicht. Ist das nicht fins­ter?

 


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Sich einen Sinn für das Mögliche zu schaffen heißt, sich einen Sinn für die Freiheit zu schaffen” – Interview mit Thomas Seibert

Sich einen Sinn für das Mögliche zu schaffen heißt, sich einen Sinn für die Freiheit zu schaffen”

Inter­view mit Tho­mas Sei­bert

 

Der Phi­lo­soph und Autor Tho­mas Sei­bert ist für med­ico inter­na­tio­nal tätig sowie Vor­stands­spre­cher des Insti­tuts Soli­da­ri­sche Moder­ne und Mit­glied des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung.

 

Herr Sei­bert, im All­tag hat die Befrei­ung bereits ihren Platz: das Wochen­en­de befreit von den Werk­ta­gen, der Urlaub von der Arbeits­welt und die Fuß­ball-WM vom poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen. Befrei­ung ist für die meis­ten nur eine Befrei­ung von etwas – und ver­weilt damit in der Nega­ti­on. Ist Ihrer Mei­nung nach dar­über hin­aus Frei­heit mög­lich?

Hal­ten wir erst ein­mal fest, dass selbst nega­ti­ve Frei­heit für Mil­lio­nen noch immer uner­reicht ist. Dabei mei­ne ich nicht bloß Migran­tin­nen, die der euro­päi­sche Grenz­schutz in die Ver­ge­wal­ti­gungs­la­ger oder auf die Skla­ven­märk­te Liby­ens zurück­zwingt. Ich mei­ne auch all‘ die, denen der Kreis­lauf von Werk­tag und Wochen­en­de den Begriff der Alter­na­ti­ve geraubt hat, ohne den Frei­heit nicht gedacht wer­den kann. Inso­fern beginnt die Frei­heit immer mit ele­men­ta­rer Nega­ti­vi­tät, mit dem Wil­len, nicht län­ger hin­zu­neh­men, was einem wider­fährt. Aller­dings bil­det die Nega­ti­vi­tät nur den Anfang der Frei­heit: bedeu­tet Eman­zi­pa­ti­on ursprüng­lich nur die Frei­las­sung eines Soh­nes oder einer Toch­ter aus der elter­li­chen Gewalt, liegt sie für uns in der exis­ten­zi­el­len Keh­re, mit der wir uns die Bestim­mung zur Frei­heit zu eigen machen, wenn nötig auch auf Kos­ten unse­rer selbst, unse­res alten Selbst.

 

Robert Misik schreibt in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42: „Frei­heit hat die Sei­te gewech­selt. War sie frü­her eine Paro­le eman­zi­pa­to­ri­scher, meist lin­ker Bewe­gun­gen, haben in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren vor allem die Neo­kon­ser­va­ti­ven und Neo­li­be­ra­len die Frei­heit vor sich her­ge­tra­gen.“ Was bedeu­tet das für die heu­ti­ge Zeit?

Für sich genom­men, ist Roberts Satz kapi­tu­lan­ten­haft. Der Kapi­ta­lis­mus ist doch nicht erst seit drei­ßig Jah­ren, son­dern war immer schon ein Regime zugleich der Zer­stö­rung und der Befrei­ung, dar­in liegt doch sei­ne his­to­ri­sche Ein­zig­ar­tig­keit, auch sei­ne noch immer wirk­sa­me Attrak­ti­vi­tät. Den­ken Sie nur an die Bewun­de­rung, die Marx die­ser Ambi­va­lenz ent­ge­gen­ge­bracht hat: „Alles Stän­di­sche und Ste­hen­de ver­dampft, alles Hei­li­ge wird ent­weiht, und die Men­schen sind end­lich gezwun­gen, ihre Lebens­stel­lung, ihre gegen­sei­ti­gen Bezie­hun­gen mit nüch­ter­nen Augen anzu­se­hen.“ Nüch­tern zu blei­ben heißt des­halb, zu ver­su­chen, das Kapi­tal gera­de in der Befrei­ung zu über­bie­ten, die es uns gewährt. In den Sech­zi­ger und Sieb­zi­ger Jah­ren lag das im ers­ten Aus­bruch aus dem Kreis­lauf von Werk­tag und Wochen­en­de, Arbeits­welt und Urlaub, Tages­po­li­tik und Fuß­ball-WM: „Unter dem Pflas­ter liegt der Strand!“ Das haben uns die Neo­li­be­ra­len und Neo­kon­ser­va­ti­ven genom­men: „Ihr wollt das Nor­mal­ar­beits­ver­hält­nis nicht mehr? Okay, könnt ihr haben – weg mit den fes­ten Ver­trä­gen, der garan­tier­ten Lohn­er­hö­hung, der Siche­rung in Alter und Krank­heit!“ Natür­lich ist es nicht leicht, dar­auf zu ant­wor­ten. Ich den­ke, der nächs­te Fort­schritt im Ver­hält­nis der Frei­heit zu sich wird ein aske­ti­scher sein, ein Rück­zug aus dem Kreis­lauf von Ange­bot und Nach­fra­ge: „Dafür soll ich mich krumm machen? Aber das will ich gar nicht haben!“ Ethisch und poli­tisch heißt das, die Frei­heit im Hori­zont der Glo­ba­li­sie­rung und der öko­lo­gi­schen Kri­se zu beja­hen.

 

Wel­chen Zwän­gen unter­lie­gen wir heu­te? Was muss befreit wer­den?

Unmit­tel­bar nach der ers­ten Welt­ka­ta­stro­phe der kapi­ta­lis­ti­schen Moder­ne hat ein ande­rer Öster­rei­cher, Robert Musil, den Begriff des „Mög­lich­keits­sinns“ geprägt. Der Zwang, dem wir heu­te unter­lie­gen, besteht in der Aus­trock­nung und Ent­lee­rung jeden Mög­lich­keits­sinns, in der aus­weg­lo­sen Ein­hau­sung ins bere­chen­bar Gege­be­ne. Dar­um das Man­tra von der Alter­na­tiv­lo­sig­keit, das Poli­tik und Öko­no­mie täg­lich neu wie­der­ho­len: Du sollst Dir kein Bild einer Welt jen­seits der bestehen­den Welt machen. Das führt wie­der auf die Frei­heit zurück. Sich einen Sinn für das Mög­li­che zu schaf­fen heißt, sich einen Sinn für die Frei­heit zu schaf­fen, für die Nega­ti­vi­tät, mit der sie sich rück­halt­los zu sich selbst befreit, und für die Affir­ma­ti­on, in der sie sich jen­seits aller Berech­nung ver­aus­gabt. Ein Weg, das Nein und das Ja der Frei­heit zusam­men­zu­brin­gen, besteht dar­in, sich klar zu machen, dass man bei­de, das Nein und das Ja, immer nur zugleich für sich selbst wie für alle ein­for­dern kann: alle oder kei­ner. Das ist es, was die Phi­lo­so­phie seit 2000 Jah­ren zu sagen ver­sucht, und das ist es, was die Frei­heit des Kapi­tals nie­mals anneh­men kann. Das Kapi­tal kennt die Frei­heit immer nur als die je eige­ne, je auf Kos­ten des ande­ren errun­ge­ne Frei­heit, als die Frei­heit zur Kon­kur­renz und also als die Frei­heit zum Kom­pro­miss, den der Staat und der Markt aus­han­deln sol­len, im Kreis­lauf von Ange­bot und Nach­fra­ge. Hat die Frei­heit des Kapi­tals immer einen Preis, ver­schenkt sich die Frei­heit des Mög­lich­keits­sinns unent­gelt­lich: sie ist eben­so anar­chisch wie anöko­no­misch.

 

Hat die Poli­tik heu­te noch Mög­lich­kei­ten, dem „alter­na­tiv­lo­sen“ Wachs­tums­zwang und kapi­ta­lis­ti­schen Dyna­mi­ken etwas ent­ge­gen­zu­set­zen?

Auch das hängt am Mög­lich­keits­sinn, also an der Frei­heit. Die Poli­tik muss auf­hö­ren, Ver­wal­tung des Gege­be­nen, also Poli­zei und Öko­no­mie zu sein, und muss wie­der zu ihrer Bestim­mung zurück­fin­den: der Pro­zess zu sein, der Frei­heit und Gleich­heit in eine Kom­mu­ni­ka­ti­on bringt, die über das bloß Bere­chen­ba­re hin­aus­geht. Bei Marx hieß das: Asso­zia­ti­on, in der die Frei­heit eines jeden die Bedin­gung der Frei­heit aller ist. Nicht anders­her­um, übri­gens.

 

Wel­che poli­ti­sche Bewegung/Idee Euro­pas hal­ten Sie der­zeit für am viel­ver­spre­chends­ten im Hin­blick auf eine lebens­wer­te Zukunft?

Die Bewe­gung der Migra­ti­on, mit ihr die Bewe­gung des Will­kom­mens, das der Migra­ti­on ent­ge­gen­ge­bracht wird, und bei­de ver­bin­dend die Idee eines Euro­pas mit offe­nen Gren­zen. Also eines Euro­pas des Men­schen­rechts, zu blei­ben und zu gehen. Gewiss ist heu­te nur, dass die Leu­te nicht auf­hö­ren wer­den, zu uns zu kom­men. Ent­we­der schlie­ßen wir uns ein, um unse­re rela­ti­ve Wahl­frei­heit im Kreis­lauf von Ange­bot und Nach­fra­ge vor denen zu schüt­zen, die nicht ein­mal die­se Wahl­frei­heit haben. Oder wir wagen noch ein­mal die Poli­tik, d.h. den frei­en Gang über das Bere­chen­ba­re hin­aus, wie 1789, 1848, 1871, 1917, 1968, 1989. Das ist kei­ne ver­bla­sen abs­trak­te Wen­dung, son­dern ein all­täg­lich höchst kon­kre­ter Ein­satz. Wer ihn auf sich nimmt, weiß schon, dass es dabei nicht um einen Sprung geht, der in einem Mal ans Ziel kommt. In den USA wie in der EU bahnt sich um das Will­kom­men gegen­über den Frem­den ein Kon­flikt zwi­schen ein­zel­nen Städ­ten und ihren Regie­run­gen an. Das ist neu, das ist ein Ver­spre­chen. Der­sel­be Kon­flikt bricht aber auch auf der Fahrt mit dem Bus auf, in dem ich Zeu­ge eines ras­sis­ti­schen Angriffs wer­de. Hier ist die Rose, hier tan­ze. Alles ande­re ist Werk­tag oder Wochen­en­de, einer­lei.

 


Mehr zum The­ma fin­den Sie in der aktu­el­len agora42. Wie immer ver­sand­kos­ten­frei:

Wir brauchen eine neue Kultur der Mäßigung – Interview mit Thomas Vogel

Wir brauchen eine neue Kultur der Mäßigung”

Inter­view mit Tho­mas Vogel

 

Tho­mas Vogel ist Pro­fes­sor für Erzie­hungs­wis­sen­schaft mit den Schwer­punk­ten Schul- und Berufs­päd­ago­gik an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le Hei­del­berg. Foto: Dani­el Geor­ge

 

Herr Vogel, in Ihrem neu­en Buch mit dem Titel Mäßi­gung beschrei­ben Sie, wie Glück und Zufrie­den­heit mit der Fähig­keit zusam­men­hän­gen, sich zu beschrän­ken. Ist die Mäßi­gung der ent­schei­den­de Schritt zur Befrei­ung von all­täg­li­chen Zwän­gen und “alter­na­tiv­lo­sen” Wirt­schafts­wei­sen?

Die über 2000 Jah­re alte Phi­lo­so­phie­ge­schich­te von Mäßi­gung ver­weist auf einen engen Zusam­men­hang zwi­schen der Bestim­mung eines rech­ten Maßes und einem har­mo­ni­schen, glück­li­chen und auto­no­men Leben. Die all­täg­li­chen Zwän­ge, denen wir unter­wor­fen sind, sind das Ergeb­nis der Aus­brei­tung eines neo­li­be­ra­len Wirt­schafts­sys­tems. Die Men­schen wer­den hier­bei von einer „anony­men“ Macht beherrscht, die per­ma­nent ihre Bedürf­nis­se mani­pu­liert, sie zum Stre­ben nach dem „Immer-mehr“antreibt  und wei­te Tei­le ihres Lebens steu­ert. Die „invi­si­ble hand“, wie sie Adam Smith bezeich­ne­te, führt aber nicht zum Wohl­stand der Natio­nen, wie von ihm pro­phe­zeit. Viel­mehr ver­fehlt die­ses Wirt­schafts­sys­tem mitt­ler­wei­le fun­da­men­ta­le Ziel­set­zun­gen gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens: Es über­for­dert die Men­schen, lässt sie im Zustand per­ma­nen­ter Unzu­frie­den­heit zurück und zer­stört gleich­zei­tig die natür­li­chen Lebens­grund­la­gen. Obwohl es uns mate­ri­ell so gut wie nie zuvor geht, lei­den immer mehr Men­schen unter Stress und Depres­sio­nen.  Mäßi­gung in Form von Suche und Bestim­mung eines rech­ten Maßes ist des­halb ein wich­ti­ger Schritt zur Befrei­ung der Gesell­schaft und Indi­vi­du­en  von der Domi­nanz öko­no­mi­schen Den­kens und dem Stre­ben nach Immer-mehr hin zu mehr Selbst­be­stim­mung.

 

Frei nach Kant ist es unse­re größ­te Frei­heit, uns selbst Geset­ze zu geben – gemein­hin ver­bin­det man aber das Feh­len von Vor­schrif­ten mit Frei­heit. Brau­chen wir in Zukunft mehr oder weni­ger staat­li­che Regle­men­tie­run­gen?

Es ist nicht nur die größ­te Frei­heit des Men­schen, sich selbst Geset­ze zu geben, son­dern zugleich auch sei­ne größ­te Ver­pflich­tung. Kant hat­te näm­lich auch die For­de­rung auf­ge­stellt, die Men­schen mögen nur nach der­je­ni­gen Maxi­me han­deln,  durch die sie zugleich wol­len kön­nen, dass sie ein all­ge­mei­nes Gesetz wer­de. Der Mensch, der sich nicht durch eige­ne Geset­ze Gren­zen setzt, son­dern sich von Affek­ten trei­ben lässt, ist nicht frei, son­dern wird zum Opfer äuße­rer Struk­tu­ren und Mani­pu­la­tio­nen. Schon Aris­to­te­les rück­te des­halb die Maß­lo­sig­keit des Men­schen in die Nähe des Tie­ri­schen und stuf­te sie als beson­ders nega­tiv ein. Es ist ein fata­ler Irr­tum, das Feh­len von Geset­zen, Maß­stä­ben und Vor­schrif­ten mit Frei­heit gleich­zu­set­zen.

Der Neo­li­be­ra­lis­mus, wie er sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten glo­bal aus­brei­tet, ver­folgt eine Befrei­ung von staat­li­cher Regle­men­tie­rung und eine Gestal­tung des öffent­li­chen Lebens nach den Regeln einer öko­no­mi­schen Dog­ma­tik (z.B. im Gesund­heits­we­sen, im öffent­li­chen Nah­ver­kehr, in der Bil­dung usw.). Die qua­si­re­li­giö­se neo­li­be­ra­le Denk­wei­se hat sich mitt­ler­wei­le wirk­mäch­tig wie ein fein­ma­schi­ges Netz über sämt­li­che gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren und poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen bis hin­ein in zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen und indi­vi­du­el­le Denk­mus­ter aus­ge­brei­tet. Die­se Ent­wick­lung hat zu einer wach­sen­den Kon­kur­renz und Ent­so­li­da­ri­sie­rung der Welt­ge­mein­schaft geführt, die ange­sichts zuneh­men­der glo­ba­ler (öko­lo­gi­scher) Kri­sen und Kata­stro­phen kon­tra­pro­duk­tiv wirkt. Wir brau­chen des­halb eine neue „Kul­tur der Mäßi­gung“, in der ein öffent­li­cher Dis­kurs über das rech­te Maß im Ver­hält­nis von Kul­tur und Natur geführt wird sowie eine Poli­tik, die – von der vor­herr­schen­den öko­no­mi­schen Ideo­lo­gie befreit – sich ver­stärkt dem Gemein­wohl sowie dem Erhalt unse­rer natür­li­chen Lebens­grund­la­gen ver­pflich­tet fühlt.

 

Um ele­men­ta­re Ver­än­de­run­gen in unse­rer Zeit her­bei­füh­ren zu kön­nen, müss­ten wir von vie­lem befreit wer­den: Dem Ver­pa­ckungs­wahn­sinn, dem Trans­port­wahn­sinn, dem Arbeits­wahn­sinn, dem Pro­duk­ti­ons­wahn­sinn, etc. 
Ist eine sol­che Befrei­ung ohne radi­ka­le Erup­tio­nen mög­lich?

Die feh­len­de Ein­sicht in die Zusam­men­hän­ge unse­res Tuns ist ein kol­lek­ti­ver Wahn­sinn, von dem wir uns befrei­en müs­sen. Bis­lang hat sich das kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­sys­tem, das die­sen Wahn pro­du­ziert, als aus­ge­spro­chen wider­stands­fä­hig erwie­sen gegen­über allen Bestre­bun­gen sei­ner Über­win­dung. Rea­lis­ti­sche Alter­na­ti­ven zum Kapi­ta­lis­mus sind gegen­wär­tig kaum in Sicht.

In der grie­chi­schen Stoa spiel­te das Ver­hält­nis von Wahn und Mäßi­gung eine bedeu­ten­de Rol­le. Die Stoi­ker bezeich­ne­ten jeden Toren als wahn­sin­nig, da er über sich selbst und sei­ne Umstän­de in Unwis­sen­heit sei. Der stoi­sche Phi­lo­soph Sene­ca for­mu­lier­te, dass wer nach Wahn­vor­stel­lun­gen lebe nie­mals reich sein wer­de; denn die Natur, so sei­ne Über­zeu­gung, for­de­re nur wenig, der Wahn aber Uner­mess­li­ches. Als heu­ti­ge Wahn­vor­stel­lung könn­te man das durch das öko­no­mi­sche Sys­tem deter­mi­nier­te natur­wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­mo­no­pol bezeich­nen, wel­ches in Indus­trie­ge­sell­schaf­ten letzt­lich über die Fra­ge ent­schei­det, was Natur ist. Die­se Wahn­vor­stel­lung hat­te sich in der Zeit der Auf­klä­rung im Pro­zess der For­ma­li­sie­rung der Ver­nunft ent­wi­ckelt. Der Mensch hat sich in der Epo­che der Auf­klä­rung sozu­sa­gen als gott­glei­ches Sub­jekt der Erd­ge­schich­te ein­ge­setzt und sich selbst zum  Maß aller Din­ge erklärt. Ihm ging die Aner­ken­nung jeg­li­cher ethi­scher Maß­stä­be ver­lo­ren, die nicht sei­nem gren­zen­lo­sen Trieb nach Selbst­be­haup­tung und Selbst­er­hö­hung dien­ten. Aller­dings wird ihm die­se Über­heb­lich­keit zuneh­mend zur Selbst­ge­fähr­dung. Die Fra­ge, ob der Mensch die­se Pro­zes­se anti­zi­pie­ren und durch recht­zei­ti­ge Mäßi­gung den Gefah­ren vor­beu­gen kann oder ob letzt­lich eine radi­ka­le Erup­ti­on ihn zur Umkehr zwin­gen wird, ist offen.

 


War­um gelingt es unse­rer Indus­trie­kul­tur nicht, sich zu mäßi­gen – obwohl es drin­gend nötig wäre? Das neue Buch von Tho­mas Vogel Mäßi­gung – Was wir von einer alten Tugend ler­nen kön­nen ist im August 2018 im Oekom-Ver­lag erschie­nen.

 

 


 

Im All­tag hat die Befrei­ung bereits ihren Platz: das Wochen­en­de befreit von den Werk­ta­gen, der Urlaub von der Arbeits­welt und die Fuß­ball-WM vom poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen. Befrei­ung ist für die meis­ten nur eine Befrei­ung von etwas – und ver­weilt damit in der Nega­ti­on. Ist Ihrer Mei­nung nach dar­über hin­aus Frei­heit mög­lich?

In ent­frem­de­ten gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen brau­chen die Men­schen per­ma­nen­te Kom­pen­sa­ti­on. Sie suchen nach Ablen­kung und Zer­streu­ung bei Fuß­ball-Ereig­nis­sen, im Urlaub u.a. Frei­heit im Sin­ne einer Sou­ve­rä­ni­tät über Zeit und Raum besit­zen in unse­rer Kul­tur nur weni­ge Pri­vi­le­gier­te. Der gro­ße Rest hat es schwer, sich aus dem Netz­werk der ent­frem­de­ten Ver­hält­nis­se zu befrei­en und wird für sein Leid durch Kon­sum, Fes­ti­vi­tä­ten etc. ent­schä­digt. Aber unter dem per­ma­nen­ten Trieb­ver­zicht, der den Men­schen abver­langt wird, ten­diert die Kul­tur zur Selbst­zer­stö­rung. Der Irr­tum unse­rer Zeit besteht dar­in, dass wir unbe­grenz­te Frei­heit und ein glück­li­ches Leben unre­flek­tiert gleich­set­zen. Wir betrach­ten – auch durch den Ein­fluss neo­li­be­ra­len Den­kens – alle staat­li­chen Fest­le­gun­gen als Beschrän­kung unse­rer Frei­heit. Aber gera­de poli­ti­sche Rege­lun­gen und Beschrän­kun­gen eröff­nen Frei­heits­räu­me und sind für ein gelin­gen­des Zusam­men­laben unver­zicht­bar.

Im Zen­trum anti­ker Mäßi­gungs­phi­lo­so­phie – beson­ders bei den Epi­ku­re­ern – stand nicht die Beschrän­kung, die Beschnei­dung der Frei­heit des Indi­vi­du­ums und die Züge­lung der Lust, son­dern ganz im Gegen­teil die Ent­wick­lung und För­de­rung von Selbst­er­kennt­nis und Selbst­be­herr­schung, die Frei­heit des Men­schen im Sin­ne sei­ner Unab­hän­gig­keit von den unmit­tel­ba­ren Ver­hält­nis­sen sowie die För­de­rung der wah­ren Lust. Selbst­er­kennt­nis soll­te den Men­schen ermög­li­chen, das rech­te Maß in ihrem Leben zu fin­den und es selbst zu bestim­men, um letzt­lich und in Voll­endung der Per­son die Herr­schaft über sich selbst zu erlan­gen. Ange­sichts zuneh­men­der indi­vi­du­el­ler (z.B. Depres­sio­nen, Burn-out, Stress u.a.) und öko­lo­gi­scher Kri­sen (Kli­ma­wan­del, Arten­ster­ben etc.) besteht die Hoff­nung, dass die Men­schen in der Phi­lo­so­phie der Mäßi­gung eine Alter­na­ti­ve zu den fal­schen Fort­schritts­ver­spre­chun­gen kapi­ta­lis­ti­scher Indus­trie­ge­sell­schaft erken­nen und sich über die Suche nach dem rech­ten Maß auf den Weg zur Selbst­be­frei­ung machen.

 


 

 

Anläss­lich der neu­en agora42 zum The­ma Befrei­ung haben wir Tho­mas Vogel eini­ge Fra­gen gestellt. Die aktu­el­le Aus­ga­be zum The­ma kön­nen Sie hier ver­sand­kos­ten­frei bestel­len.

 

Das Pathos der Freiheit – Von Robert Misik

Das Pathos der Freiheit

von Robert Misik

 

Wissen wir überhaupt noch, was das ist oder sein könnte: die Freiheit einer selbstbewussten Bürgerschaft, die mit Ernst und entschieden ihre eigenen Dinge in die Hand nimmt?

 

 

Frei­heit, das ist ein Wort, das sofort einen pathe­ti­schen Bei­klang gewinnt. Das Frei­heits­stre­ben der Men­schen ist viel­leicht die mäch­tigs­te Kraft der Geschich­te. Wenn Bür­ger in gemein­sam genütz­ter Frei­heit ein Gemein­we­sen auf­bau­ten, sind das die erha­bens­ten Momen­te gewe­sen. „Der Sinn von Poli­tik ist Frei­heit“, for­mu­lier­te Han­nah Arendt auto­ri­ta­tiv. Und auch heu­te wer­den wir immer wie­der Zeu­gen die­ses Frei­heits­drangs, auch als Zuse­her zieht uns das in sei­nen Sog. Erin­nern wir uns etwa nur an die Umstür­ze im Zei­chen der Frei­heit im Osten Euro­pas 1989. Wir sind gefes­selt von all dem.

Wir Bür­ger demo­kra­ti­scher, frei­heit­li­cher Gemein­we­sen des Wes­tens beob­ach­ten das mit einer Bewun­de­rung, die sich nicht allei­ne aus unse­rer Hoch­ach­tung vor Men­schen erklärt, die mutig und oft unter Ein­satz ihres Lebens für die Frei­heit ein­tre­ten. In die­se Bewun­de­rung mischt sich oft auch ein biss­chen Neid auf die Ener­gie, die hier zum Aus­druck kommt und von der wir das instink­ti­ve Gefühl haben, uns wäre sie abhan­den­ge­kom­men. So in dem Sinn: Mit der Ver­wirk­li­chung der Frei­heit schwin­den die Ener­gi­en, die sie erst ermög­licht haben. Frei­heit lebt vom Pathos und der Ener­gie der „Befrei­ung“, in der ganz ele­men­tar die „Frei­heit, frei zu sein“ gespürt wird. Denn gewiss: Wir genie­ßen alle Frei­hei­ten. So vie­le Frei­hei­ten: Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit sind ver­wirk­licht, frei­heit­li­che Ver­fas­sun­gen regeln das Funk­tio­nie­ren unse­rer Insti­tu­tio­nen, die Ver­samm­lungs- und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit, die Reli­gi­ons­frei­heit und natür­lich die Wirt­schafts­frei­heit. Sodass mit den vie­len Frei­hei­ten die Frei­heit – die im Sin­gu­lar, die pathe­ti­sche – irgend­wie ver­lo­ren gegan­gen scheint. Wir kön­nen es da mit dem Spöt­ter Johann Nes­troy hal­ten, der in sei­ner Frei­heit in Kräh­win­kel (1848) schrieb, dass die Frei­heit und das Recht nur in der ein­fa­chen Zahl unend­lich groß sei­en, wes­halb man sie uns auch immer nur in der wert­lo­sen viel­fa­chen Zahl gege­ben habe.

Aber man kann auch ganz sim­pel for­mu­lie­ren: Lieb­rei­zend ist die Frei­heit, solan­ge sie einem vor­ent­hal­ten wird. Hat man sie, weiß man nicht recht etwas anzu­fan­gen mit ihr. Beim Marsch durch die Ebe­ne kriegt auch sie schwie­li­ge Füße. Und wird ver­letz­bar durch Auto­ri­tä­re, die erklä­ren, dass die­se Frei­hei­ten nichts wert sei­en und mit dem Ver­spre­chen einer „illi­be­ra­len Demo­kra­tie“ locken.

 

 

Wirt­schafts­frei­heit

Robert Misik ist Essay­ist, Jour­na­list, Buch­au­tor, Thea­ter­ar­bei­ter, Aus­stel­lungs­ma­cher und Blog­ger (misik.at) und lebt in Wien. Zuletzt kura­tier­te er gemein­sam mit Harald Wel­zer die Aus­stel­lung „Arbeit ist unsicht­bar“ im Muse­um Arbeits­welt in Steyr. Sei­ne jüngs­te Buch­ver­öf­fent­li­chung ist der Essay­band Lie­be in Zei­ten des Kapi­ta­lis­mus (Chris­ti­an Brand­stät­ter Ver­lag, 2018). Foto: Ingo Per­tra­mer

Als Paro­le ist Frei­heit bei uns in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren aus der Mode gekom­men. Natür­lich, Daten­schüt­zer war­nen vor ihren Bedro­hun­gen, Wiki­leaks und ande­re Netz­ak­ti­vis­ten kämp­fen um Infor­ma­ti­ons­frei­heit, aber so rich­tig gepackt wer­den wir von sol­chen Kämp­fen nicht mehr. Schlei­chend hat der Slo­gan „Frei­heit“ auch die Sei­te gewech­selt. War sie frü­her eine Paro­le eman­zi­pa­to­ri­scher, meist lin­ker Bewe­gun­gen, haben in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren vor allem die Neo­kon­ser­va­ti­ven und Neo­li­be­ra­len die Frei­heit vor sich her­ge­tra­gen. Ver­engt auf den Begriff der Wirt­schafts­frei­heit, der Frei­heit des Bür­gers, als Wirt­schafts­bür­ger unbe­hel­ligt von Regu­lie­run­gen, Steu­er­ge­setz­ge­bun­gen und Sozi­al­ver­si­che­rungs­ge­set­zen am Markt agie­ren zu kön­nen – am „frei­en“ Markt. Unko­misch ist das nicht, war das Wort „Frei­heit“ ja nie die zen­tra­le Paro­le des Kon­ser­va­ti­vis­mus, der ja „Ord­nung“ favo­ri­sier­te, was nicht sel­ten das Gegen­teil von Frei­heit mein­te. Man könn­te des­halb mit Sar­kas­mus anmer­ken: Der Kon­ser­va­ti­vis­mus hat erst die „Frei­heit“ auf sei­ne Fah­ne geschrie­ben, nach­dem ande­re sie erkämpft hat­ten. Und auch heu­te steht die hohe Frei­heits­rhe­to­rik der Kon­ser­va­ti­ven in einem selt­sa­men Miss­ver­hält­nis zu dem mora­lisch-sitt­li­chen Ver­bots­jar­gon, den sie stets und reflex­ar­tig anschla­gen, und ihr Lieb­äu­geln mit dem Rechts­po­pu­lis­mus zeigt auch deut­lich, wie schnell sie bereit sind, die Frei­heits­rhe­to­rik über Bord zu wer­fen. So for­dern Kon­ser­va­ti­ve, dass der Staat nicht in das Leben sei­ner Bür­ger ein­grei­fen soll, was ja nur einen Sinn ergibt, wenn man der fes­ten Über­zeu­gung ist, dass nie­mand das Recht hat, über den Lebens­stil eines Men­schen zu urtei­len; aber gera­de Kon­ser­va­ti­ve neh­men sich sehr ger­ne die­ses Recht her­aus: Lais­ser-fai­re in lebens­kul­tu­rel­len Fra­gen ist ihre Sache kei­nes­wegs. Kon­ser­va­ti­ve lie­ben die dop­pel­te mora­li­sche Buch­füh­rung. Sie wol­len, wie Dani­el Bell schrieb, „einer­seits wirt­schaft­li­che Frei­zü­gig­keit, ande­rer­seits Moral­vor­schrif­ten“.

Man hat die nor­ma­len, ein­fa­chen Leu­te so trak­tiert mit den Paro­len von der „Eigen­ver­ant­wor­tung des Ein­zel­nen“ und von Refor­men, die mehr Wirt­schafts­frei­heit her­bei­füh­ren soll­ten, dass die schon zusam­men­zu­cken vor Angst, wenn jemand von Frei­heit redet. Die fra­gen sich dann sofort: Was will mir der jetzt wie­der weg­neh­men? Will der mir mei­nen Lohn kür­zen oder mir die Ren­ten­er­hö­hung strei­chen?

 

 

Die Lin­ken und die Frei­heit

Weil die Kon­ser­va­ti­ven den Wert der Frei­heit geka­pert haben, haben die Pro­gres­si­ven ihn irgend­wie ver­ges­sen. Sie haben des­halb eher auf Gerech­tig­keit gesetzt oder Gleich­heit. Man hat sich, etwas salopp gespro­chen, die Begrif­fe geteilt: Die einen haben die Frei­heit gekriegt, die ande­ren die Gerech­tig­keit. Das ist schon des­halb gro­tesk, weil die Lin­ken (die Pro­gres­si­ven) his­to­risch nicht nur jene Kraft waren, die für sozia­le Gerech­tig­keit ein­ge­tre­ten ist, son­dern immer auch für die mäch­ti­ge Kraft der Frei­heit.

Vie­le Men­schen haben sich lei­den­schaft­lich für die Lin­ke enga­giert, weil sie gegen Unter­drü­ckung, Dik­ta­tur und unde­mo­kra­ti­sche Machen­schaf­ten auf­ge­tre­ten ist. Das war vor 150 Jah­ren so, als die frü­hen Sozia­lis­ten in der Revo­lu­ti­on von 1848 den Kampf für Frei­heits­rech­te wie Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit und demo­kra­ti­sche Wah­len führ­ten – ein Kampf, der damals noch von Kai­ser- und König­tum nie­der­ge­schla­gen wur­de. Das war so, als die ers­ten Gewerk­schaf­ten das Recht der Arbei­ter erkämpf­ten, sich mit ihres­glei­chen zusam­men­zu­schlie­ßen. Das war am Ende des Ers­ten Welt­kriegs so, als in den meis­ten Län­dern Euro­pas die Mon­ar­chi­en stürz­ten und es oft die Anfüh­rer der sozia­lis­ti­schen und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en waren, die demo­kra­ti­sche Repu­bli­ken aus­rie­fen, in denen das freie und glei­che Wahl­recht garan­tiert war. Das war in den drei­ßi­ger Jah­ren so, als es vor allem die pro­gres­si­ven Kräf­te waren, die sich gegen den Auf­stieg des Faschis­mus auf­lehn­ten und, wie etwa im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg, beherzt für die Frei­heit kämpf­ten. Das war in den sech­zi­ger Jah­ren in den USA so, als die Bür­ger­rechts­be­we­gung ihren Kampf gegen die ras­sis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung der Schwar­zen führ­te.

Aber dass sich die Lin­ken um die Frei­heit nicht mehr so recht küm­mer­ten und sich pri­mär der Gleich­heit annah­men, ist auch des­halb gro­tesk, weil die Gleich­heit nicht der Anti­po­de der Frei­heit ist, son­dern ihr Zwil­ling. Die viel beschwo­re­ne „Optio­nen- und Risi­ko­ge­sell­schaft“ bedeu­tet in der Rea­li­tät: Optio­nen für die einen, Risi­ko für die ande­ren. „Frei­heit“ unter den Bedin­gun­gen von gro­ber Ungleich­heit heißt Frei­heit für die Begü­ter­ten, aber Optio­nen­man­gel für die Unter­pri­vi­le­gier­ten. Dass eine ega­li­tä­re Gesell­schaft nur auf Kos­ten der „Frei­heit“ zu haben ist, ist viel­leicht die aller­größ­te Lüge der neu­en Kon­ser­va­ti­ven. Gleich­heit heißt, dass alle die „Frei­heit“ haben, aus ihrem Leben etwas zu machen. Und Ungleich­heit hat frei­heits­ein­schrän­ken­de Wir­kun­gen für die Unbe­gü­ter­ten, weil ekla­tan­ter mate­ri­el­ler Man­gel mit ekla­tan­tem Man­gel an Optio­nen ein­her­geht. Glei­che Lebens­chan­cen geben allen Men­schen die Frei­heit, aus ihrem Leben etwas zu machen. Frei­heit hat die Vor­aus­set­zung, von Furcht und von Not frei zu sein.

Aber es ist auch etwas Kom­pli­zier­tes mit der Frei­heit, wes­halb ihre Sie­ges­zü­ge uns nicht immer froh machen. Die Unfrei­heit, gegen die Men­schen in den ver­gan­ge­nen 150 Jah­ren immer wie­der rebel­lier­ten, war nicht nur obrig­keit­li­che Repres­si­on – die mani­fes­te, in Geset­ze gegos­se­ne oder durch behörd­li­che Will­kür ent­fes­sel­te Unfrei­heit –, son­dern auch jene Unfrei­heit, die die Kon­ven­tio­nen, der Kon­for­mis­mus auf­er­leg­ten. Gegen die­se Unfrei­heit, den gesell­schaft­li­chen Druck von Spie­ßer­tum und des bloß Übli­chen, des blo­ßen „das macht man eben so“, des „das gehört sich so“, rebel­lier­ten Bohe­mi­ens, Halb­star­ke, Hip­pies, Aus­stei­ger, Punks. Man hat­te da so ein Bild im Kopf: das der uni­for­mier­ten, for­ma­tier­ten Gesell­schaft der Ähn­li­chen, die in Rei­hen­häu­sern woh­nen – Mama hat Locken­wick­ler auf dem Kopf, Papa ist sehr dar­auf bedacht, dass die Nach­barn nicht schief schau­en, und alle haben die glei­chen Gar­di­nen vor den Fens­tern. Dage­gen war man. Und dach­te, wenn man Sub- und Gegen­kul­tu­ren eta­blier­te, wäre das ein wider­stän­di­ger Frei­heits­akt. Und das war nicht ganz falsch. Aber gleich­zei­tig waren die­se Gegen­kul­tu­ren Motor der Moder­ni­sie­rung und Aus­dif­fe­ren­zie­rung von Gesell­schaf­ten in immer mehr neben­ein­an­der­her leben­de Peer­groups und bald waren für all die­se Sub­kul­tu­ren – die man irgend­wann begann, „Ziel­grup­pen“ zu nen­nen – extra zurecht­ge­schnit­te­ne Waren am Markt, die es ihnen erlaub­ten, sich life­sty­le­mä­ßig von­ein­an­der zu unter­schei­den. Das mach­te das Leben bun­ter, aber ein emi­nen­ter Befrei­ungs­akt war es nicht.

 

 

Poli­ti­sche Frei­heit

Und kom­men wir nun noch zur poli­ti­schen Frei­heit. Das Fehl­ur­teil der Obrig­kei­ten frü­he­rer Zei­ten bestand schließ­lich dar­in zu glau­ben, dass man Staats­bür­ger, sofern man ihnen ele­men­ta­re poli­ti­sche Rech­te zuge­steht, nicht mehr so ein­fach regie­ren kön­ne. Dass sie die Frei­hei­ten, die man ihnen gewähr­te, selbst­be­wusst in die Hand näh­men und ste­tig auf­be­gehr­ten, ja sich selbst regier­ten. Dass es um die alten Obrig­kei­ten dann schnell gesche­hen sei. Aber über die Jahr­hun­der­te und Jahr­zehn­te hin eta­blier­te sich ein neu­es poli­ti­sches Sys­tem mit neu­en Eli­ten, der soge­nann­ten pro­fes­sio­nel­len Poli­tik. Mit ihren Par­tei­en und Insti­tu­tio­nen, die ein­mal leben­dig waren, aber aus denen jedes Leben gewi­chen ist. Zei­tun­gen, sobald die Pres­se­frei­heit ver­wirk­licht war, ent­wi­ckel­ten sich zu nor­ma­len Geschäfts­zwei­gen, die ihr Publi­kum unter­hal­ten wol­len. Und die­ses Publi­kum hör­te mehr und mehr auf, sich für die­se „pro­fes­sio­nel­le Poli­tik“ zu inter­es­sie­ren. Nicht, dass die­ses Publi­kum sei­ner Frei­heit beraubt wäre. Alle vier Jah­re darf es wäh­len. Es schleppt sich ohne viel Elan an die Urnen. Es ent­wi­ckelt eine Hal­tung der Indif­fe­renz und des Des­in­ter­es­ses, das nicht sel­ten umschlägt in stil­len Ver­druss und Aggres­si­on. Es sind hier durch­aus wider­sprüch­li­che Pro­zes­se am Werk. Ein­fa­che, objek­ti­ve Pro­zes­se der Ent­kop­pe­lung eines pro­fes­sio­nel­len, insti­tu­tio­nel­len Sys­tems von nor­ma­len Bür­gern. Aber auch die Absicht von poli­ti­schen Eli­ten, weit­ge­hend unge­stört von äuße­ren Ein­flüs­sen zu regie­ren, ohne dass man dafür grund­le­gen­de demo­kra­ti­sche Rech­te und Frei­hei­ten kap­pen müss­te. Zudem die Inter­es­sen mäch­ti­ger Ein­fluss­grup­pen, Lob­bys etwa, die wis­sen, dass sie nur dann einen über­pro­por­tio­na­len Ein­fluss auf den poli­ti­schen Pro­zess haben, wenn die Bür­ger den Ein­fluss, den sie an sich haben könn­ten, nicht gel­tend machen. All das führt zu einer Frei­heit, die theo­re­tisch gege­ben, aber prak­tisch nicht belebt ist.

Ist unse­re Frei­heit durch all das bedroht? Nun, die „nega­ti­ve Frei­heit“, die Frei­heit von Drang­sa­lie­rung, von Ver­fol­gung, von Unter­drü­ckung – nicht wirk­lich. Aber die posi­ti­ve Frei­heit? Wis­sen wir über­haupt noch, was das ist oder sein könn­te? Die Frei­heit einer selbst­be­wuss­ten Bür­ger­schaft, die mit Ernst und ent­schie­den ihre eige­nen Din­ge in die Hand nimmt? Die Frei­heit einer ener­ge­ti­schen Jugend, die das Alte nie­der­reißt und gegen imma­te­ri­el­le und manch­mal auch rea­le Bar­ri­ka­den anrennt? Die Frei­heit wider­spens­ti­ger Geis­ter, die nicht ein­fach so regiert wer­den wol­len?

Man könn­te aus all dem Gesag­ten nun den Schluss zie­hen, dass die „Frei­heit“ und deren Gefähr­dun­gen heu­te nicht unser Pro­blem ist, son­dern eher ande­re gesell­schaft­li­che Patho­lo­gi­en: das Wachs­tum der Ungleich­heit, die Kom­mer­zia­li­sie­rung, die deter­mi­nie­ren­de Macht des Öko­no­mi­schen, die Abkop­pe­lung des Sys­tems „Poli­tik“ von den Bür­gern. Aber all die­se Pro­zes­se, die von vie­len Men­schen wohl als Fehl­ent­wick­lun­gen beur­teilt wür­den, haben frei­heits­ein­schrän­ken­de Wir­kun­gen. Und umge­kehrt: Sie zu kor­ri­gie­ren, sich über sie zu empö­ren, ist ein Frei­heits­akt. Ja, Ver­su­che, sie zu kor­ri­gie­ren, wer­den nur Erfolg haben, wenn sie den Schwung genui­ner Frei­heits­be­we­gun­gen hin­ter sich haben.

 

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Die­ser Arti­kel ist in agora42 3/2018 BEFREIUNG erschie­nen. Die Aus­ga­be kön­nen Sie hier ver­sand­kos­ten­frei bestel­len:

Wir sollten uns für einen gestalteten Wandel einsetzen” – Interview mit Rainer Totzke

Wir sollten uns für einen gestalteten Wandel einsetzen”

Interview mit Rainer Totzke

 

Anlässlich der aktuellen Ausgabe der agora42 zum Thema BEFREIUNG haben wir Rainer Totzke ein paar Fragen gestellt. Im Interview spricht er über neue Erfahrungsräume und ein freieres, weniger borniertes Leben, die Möglichkeit, den Wandel zu gestalten sowie die Bedeutung von Distanz für die Gesellschaft.

 

Im All­tag hat die Befrei­ung bereits ihren Platz: das Wochen­en­de befreit von den Werk­ta­gen, der Urlaub von der Arbeits­welt und die Fuß­ball-WM vom poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen. Befrei­ung ist für die meis­ten nur eine Befrei­ung von etwas – und ver­weilt damit in der Nega­ti­on. Ist Ihrer Mei­nung nach dar­über hin­aus Frei­heit mög­lich?

Ja, abso­lut! Ich den­ke, eine bloß nega­ti­ve Frei­heit – als Frei­heit von unge­recht­fer­tig­ten gesell­schaft­li­chen Zwän­gen – bleibt, so wich­tig sie ist, am Ende eigen­tüm­lich leer. Ihr liegt die Vor­stel­lung einer rigi­den Tren­nung zwei­er Din­ge zugrun­de: der Gesell­schaft hier und des Indi­vi­du­ums da. Die­se Vor­stel­lung aber ist ver­kürzt, denn sie unter­schlägt, dass Gesell­schaft zwar auch repres­si­ve Dimen­sio­nen haben kann, dass sie zunächst aber erst­mal im posi­ti­ven Sin­ne Ver­ge­sell­schaf­tung ist bzw. sein kann. Ver­ge­sell­schaf­tung in die­sem Sin­ne bedeu­tet das Zusam­men­kom­men von Men­schen „im gemein­sa­men Umgang und Han­deln zum Zweck der bes­se­ren Ver­wirk­li­chung der Form der Erfah­rung, die dadurch, dass sie gemein­sam ist, ver­mehrt und bestärkt wird“, wie es der ame­ri­ka­ni­sche prag­ma­tis­ti­sche Phi­lo­soph und Päd­ago­ge John Dew­ey ein­mal for­mu­liert hat. Ver­ge­sell­schaf­tung in die­sem Sinn kann wirk­li­che Berüh­rungs­punk­te zwi­schen Men­schen schaf­fen und ver­viel­fäl­ti­gen, neue Erfah­rungs­räu­me öff­nen und so zu einem freie­ren, weil weni­ger bor­nier­ten indi­vi­du­el­len Leben füh­ren. Der Ein­zel­ne, der sich Ver­ge­sell­schaf­tung ver­wei­gern woll­te, blie­be ein „Idi­ot“.

Rai­ner Totz­ke lebt als Phi­lo­soph, Autor und Per­for­mer in Leip­zig und lehrt als wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Insti­tut für Phi­lo­so­phie der Otto-von Gue­ri­cke Uni­ver­si­tät Mag­de­burg.

 

Frei nach Kant ist es unse­re größ­te Frei­heit, uns selbst Geset­ze zu geben – gemein­hin ver­bin­det man aber das Feh­len von Vor­schrif­ten mit Frei­heit. Brau­chen wir in Zukunft mehr oder weni­ger Regle­men­tie­run­gen?

Ach, ich wei­ge­re mich hier eine pau­scha­le Ant­wort zu geben. „Regle­men­tie­run­gen“ hat ja per se schon mal eher eine nega­ti­ve Kon­no­ta­ti­on. In man­chen Hin­sich­ten bräuch­ten wir sicher weni­ger Regle­men­tie­run­gen – ins­be­son­de­re da, wo sie nicht so sehr sach­lich moti­viert sind, son­dern pri­mär der Logik der Büro­kra­tie fol­gen. Aber das im Ein­zel­fall zu unter­schei­den ist kei­nes­wegs leicht und bedarf unse­rer Urteils­kraft. Wenn ich die For­de­rung nach „weni­ger Regle­men­tie­run­gen“ zum Bei­spiel aus dem Mund von neo­li­be­ra­len Wirt­schafts­theo­re­ti­kern oder -prak­ti­kern höre, möch­te ich manch­mal eher ent­geg­nen: Nein, wir brau­chen hier mehr Regle­men­tie­run­gen – etwa der glo­ba­len Finanz­märk­te, oder in Bezug auf glo­ba­le Umwelt- und Sozi­al­stan­dards, welt­wei­te Arbeit­neh­mer­rech­te etc.

 

Um ele­men­ta­re Ver­än­de­run­gen in unse­rer Zeit her­bei­füh­ren zu kön­nen, müss­ten wir von vie­lem befreit wer­den: Dem Ver­pa­ckungs­wahn­sinn, dem Trans­port­wahn­sinn, dem Arbeits­wahn­sinn, dem Pro­duk­ti­ons­wahn­sinn, etc. Ist eine sol­che Befrei­ung ohne radi­ka­le Erup­tio­nen mög­lich?

Zunächst die Rück­fra­ge: Wer soll uns denn befrei­en? Dass wir „befreit wer­den müss­ten“ klingt mir irgend­wie zu sehr nach einer anony­men Instanz, die „es“ für uns tun könn­te oder soll­te oder wird. Auch mit der Rede von „radi­ka­len Erup­tio­nen“ tu ich mir schwer. Wer erup­tiert denn hier und war­um? Fakt ist: ohne radi­ka­le Umstel­lun­gen in unse­ren For­men zu wirt­schaf­ten, zu arbei­ten, zu ver­pa­cken und zu trans­por­tie­ren, wer­den wir als Gat­tung unser öko­lo­gi­sches Über­le­ben auf die­ser Erde nicht sichern kön­nen – mal ganz abge­se­hen von den ande­ren Spe­zi­es auf die­sem Pla­ne­ten, die wir gera­de dabei sind, zu Hun­der­ten und Tau­sen­den aus­zu­rot­ten. Ob wir es schaf­fen, die­se radi­ka­len Umstel­lun­gen glo­bal anzu­ge­hen und zu gestal­ten, ver­mag ich nicht zu sagen. Ich bin kein Pro­phet. Wir soll­ten uns jeden­falls für einen gestal­te­ten Wan­del ein­set­zen! Alle! Jetzt!

 

In der aktu­el­len Aus­ga­be spricht der phi­lo­so­phie­ren­de Clown Johan­nes Gal­li von den Zwän­gen, denen wir heu­te unter­lie­gen: „Ich darf nicht frei den­ken und ich darf ande­re Per­so­nen nicht nach ihrer wirk­li­chen Mei­nung, nach ihrem Gefühl fra­gen. Ich darf ihnen nur auf einer ver­stan­des­mä­ßi­gen Ebe­ne begeg­nen.“ Sehen Sie Ihre phi­lo­so­phi­sche Per­for­mance als eine Befrei­ung von sol­chen Zwän­gen?

Ich weiß nicht genau, was Johan­nes Gal­li mit dem – offen­bar als Gesell­schafts­dia­gno­se gemein­ten – Befund: „Ich darf nicht frei den­ken“ meint. In einer bestimm­ten Hin­sicht fin­de ich das etwas zu pathe­tisch und über­zo­gen for­mu­liert – und damit auch irgend­wie falsch. Natür­lich dür­fen wir hier in Deutsch­land gros­so modo ziem­lich frei den­ken, was wir wol­len – auch, dass die Erde eine Schei­be ist, zum Bei­spiel. Und wir dür­fen das meis­te Gedach­te sogar ziem­lich frei äußern: Man sur­fe nur mal durch die diver­gie­ren­den Weltsichten/Gedanken, wie sie Men­schen in Deutsch­land im Inter­net bzw. in den sozia­len Medi­en tag­täg­lich ver­öf­fent­li­chen – da ist im chi­ne­si­schen Inter­net, oder sagen wir mal im nord­ko­rea­ni­schen Inter­net (wenn es das gibt) – deut­lich weni­ger „frei­es Den­ken“ mög­lich. Ande­rer­seits gibt es natür­lich immer auch so was wie „Dis­po­si­ti­ve“, wie es der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Michel Fou­cault genannt hat, das heißt gesell­schaft­lich herr­schen­de Sicht­wei­sen auf Phä­no­me­ne und unter­grün­dig wir­ken­de Regu­lie­run­gen in den Dis­kur­sen, die immer auch auf unser Den­ken als je ein­zel­ne ein­wir­ken. Die­se unbe­wuss­ten Regu­lie­run­gen soll­ten wir kon­kret auf­spü­ren und benen­nen. Das ist ein Teil unse­rer Arbeit am Erhalt unse­rer geis­ti­gen Frei­heit. So ver­ste­he ich die Erläu­te­run­gen von Johan­nes Gal­li posi­tiv – und sei­ne Pra­xis als Clown sowie­so: Er will uns als Clown „unse­re“ Dis­po­si­ti­ve ent­hül­len – etwa das Dis­po­si­tiv, dass wir uns in all­zu vie­len Berei­chen unse­rer Gesell­schaft als Men­schen „nur auf einer ver­stan­des­mä­ßi­gen Ebe­ne begeg­nen“. Und er zeigt ver­mut­lich auch auf, wie bestimm­te gesell­schaft­li­che Insti­tu­tio­nen die­se Pra­xis all­zu stark för­dern. In einer bestimm­ten Hin­sicht geht auch mei­ne eige­ne per­for­me­ri­sche Pra­xis in die­se Rich­tung! Auch ich nut­ze ja Momen­te des Clow­nes­ken: Mas­kie­run­gen, Humor, Iro­nie für eine Befrei­ung – und Selbst­be­frei­ung – von pro­ble­ma­ti­schen Denk- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sche­ma­ta. Aller­dings scheint mir die Sache mit Gal­lis unter­grün­di­gem Appell, wir soll­ten doch alle mal mehr unse­re Gefüh­le äußern (dür­fen) dann wie­der­um doch nicht so ganz ein­fach. Denn auch das Äußern von Gefüh­len – und das hat Michel Fou­cault eben­so gezeigt – kann umge­kehrt sei­ner­seits auch zum Dis­po­si­tiv und zum gesell­schaft­li­chen Zwang wer­den. Frü­her vor allem in der Kir­che – Stich­wort: Beicht­zwang – und heu­te zum Bei­spiel in irgend­wel­chen über­grif­fi­gen Fern­seh­sen­dun­gen, wo Men­schen per­ma­nent inqui­si­to­risch nach ihrem „wirk­li­chen Gefühl“ gefragt, emo­tio­nal „aus­ge­quetscht“ und dies­be­züg­lich vor­ge­führt wer­den. Inso­fern ist auch an Hel­muth Pless­ner zu erin­nern, der dar­auf insis­tier­te, dass der Mensch als gesell­schaft­li­ches Wesen immer auch ein Schau­spie­ler sein kön­nen muss und darf, ein Wesen, das sei­ne Gefüh­le eben gera­de nicht in jeder Situa­ti­on unge­schützt zei­gen muss, ein Distanz­we­sen.