Wir tragen das Korsett nicht mehr auf der Haut, sondern darunter” – Interview mit Niklas Angebauer

Wir tragen das Korsett nicht mehr auf der Haut, sondern darunter”

Inter­view mit Niklas Ange­bau­er

Anlässlich der neuen agora42 zum Thema ORDNUNG haben wir Niklas Angebauer einige Fragen gestellt. Im Interview spricht er über alte und neue Korsetts, den anmaßenden Lebensstil der Moderne und den Kapitalismus als Sinnvernichter.

 

Einer zuneh­mend are­li­giö­sen Gesell­schaft wird häu­fig eine meta­phy­si­sche Obdach­lo­sig­keit dia­gnos­ti­ziert. Dadurch ent­ste­he Cha­os und Unsi­cher­heit. Herr Ange­bau­er, gibt es heu­te noch ord­nen­de Prin­zi­pi­en oder sind wir an einen heil­lo­sen Sub­jek­ti­vis­mus ver­lo­ren?

Eine ziem­lich sug­ges­ti­ve Fra­ge. Erst ein­mal: Ich wäre mir bei der Dia­gno­se „are­li­gi­ös“ bzw. „meta­phy­sisch obdach­los“ nicht so sicher. Bei Nietz­sche gibt es die­ses Bild, dass die Nach­richt vom Tod Got­tes ihre Zeit braucht, bis sie wirk­lich und mit vol­ler Wucht bei den Men­schen ankommt. Er stellt sich das wie ein Gewit­ter vor: Wir sehen den Blitz, und den­ken etwas selbst­ge­fäl­lig, das war’s schon, jetzt sind wir post­me­ta­phy­sisch! Aber der Don­ner kommt erst spä­ter. Das hat er um 1880 her­um geschrie­ben, aber ich glau­be, das Bild ist noch aktu­ell und wird es ver­mut­lich immer blei­ben – und zwar nicht zuletzt, weil wir den Don­ner gar nicht hören wol­len.

Das eigent­lich selt­sa­me ist doch: Unse­re Welt wird immer kom­ple­xer und kom­pli­zier­ter und dyna­mi­scher, und gleich­zei­tig lösen sich immer mehr alte Struk­tu­ren, Kon­ven­tio­nen und Regeln auf. Das wirk­lich erklä­rungs­be­dürf­ti­ge ist, dass es dabei nicht viel mehr „Cha­os und Unsi­cher­heit“ gibt!

Erklä­ren kann man das nur, wenn man sieht, dass die Alter­na­ti­ve „ord­nen­de Prin­zi­pi­en vs. Sub­jek­ti­vis­mus“ falsch ist. Es stimmt zwar, dass inner­halb von etwa sieb­zig Jah­ren aus einer stark regle­men­tier­ten und auto­ri­täts­hö­ri­gen Dis­zi­pli­nar­ge­sell­schaft eine Gesell­schafts­form her­vor­ge­gan­gen ist, in der die Auto­no­mie des oder der Ein­zel­nen das zen­tra­le Inte­gra­ti­ons­mo­ment dar­stellt – soviel ist dran an der Sub­jek­ti­vis­mus-Dia­gno­se. Aber das heißt gera­de nicht, dass damit die „ord­nen­den Prin­zi­pi­en“ außer Kraft gesetzt wur­den! Sie ver­län­gern sich viel­mehr ins Indi­vi­du­um hin­ein. Gott mag tot sein und ihm zu hul­di­gen obso­let, aber frem­den Mäch­ten unter­wer­fen wir uns nach wie vor, wenn auch in gewis­sem Sin­ne „frei­wil­lig“. Und die Kräf­te, die wir dann anbe­ten, sind weit weni­ger durch­schau­bar. Unser schlech­tes Gewis­sen bezieht sich viel­leicht nicht mehr auf unse­re Sün­den vor Ihm, son­dern dar­auf, dass wir nicht genug Sport trei­ben, nicht gut genug aus­se­hen, nicht genug Sexu­al­kon­tak­te haben, nicht hart genug arbei­ten, und so wei­ter. Der Mecha­nis­mus bleibt der glei­che. Frü­her waren wir vor Gott gleich, heu­te sind wir es vor dem Markt – angeb­lich.

 

Niklas Ange­bau­er ist Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Insti­tut für Phi­lo­so­phie der Uni Olden­burg. Der­zeit pro­mo­viert er zum The­ma Besitz­in­di­vi­dua­lis­mus.

 

Robert Men­as­se ver­gleicht in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 die heu­ti­ge Zeit mit dem Jahr 1913: Auch damals gab es eine „radi­ka­le Ent­wick­lung der Tech­nik, rasan­tes Fort­schrei­ten der Glo­ba­li­sie­rung, rela­ti­ver Wohl­stand, lan­ge Frie­dens­zeit, in der Habs­bur­ger Mon­ar­chie etwa von 1848 bis 1913 – aber zugleich das Gefühl von begin­nen­der Unord­nung und eine Sehn­sucht, das alles zu zer­stö­ren, damit etwas Neu­es ent­ste­hen kann.“ Wie stark siehst du die Par­al­le­len von damals zu heu­te?

 

1913! Das war unter ande­rem ziem­lich genau die Zeit, in der das Kor­sett aus der Mode kam. Nicht zuletzt auf­grund der Frau­en­rechts­be­we­gung. Heu­te for­men wir unse­re Kör­per in Fit­ness­stu­di­os oder für die ganz eili­gen beim EMS-Trai­ning. Wir tra­gen das Kor­sett nicht mehr auf der Haut, son­dern dar­un­ter … Aber zur eigent­li­chen Fra­ge: Gibt es heu­te eine Sehn­sucht, alles zu zer­stö­ren?

Wenn wir als Heu­ris­tik mal anneh­men, dass man das, was Men­schen wol­len, von dem ablei­ten kann, was sie tat­säch­lich tun, dann lau­tet die trau­ri­ge Ant­wort wohl: Ja, wir leben in einer Zeit der Zer­stö­rungs­wut. Die Rück­sichts­lo­sig­keit vie­ler heu­ti­ger Gesell­schaf­ten ist frap­pie­rend. Und das ist jetzt abso­lut kein kul­tur­pes­si­mis­ti­sches „Früher-war-alles-besser“-Argument. Unser Lebens­stil ist nun ein­mal ein­fach anma­ßend – und zwar ziem­lich egal, wor­an man das bemisst: sei es der Effekt unse­rer Kon­sum­ge­sell­schaft auf ande­re Men­schen, beson­ders des glo­ba­len Südens – Ste­phan Les­se­nich dis­ku­tiert das als das Prin­zip „Neben uns die Sint­flut“; oder der Effekt auf nicht-mensch­li­che Tie­re und ande­re Arten – wir erle­ben und ver­ur­sa­chen gra­de immer­hin das größ­te Arten­ster­bens seit dem Ver­schwin­den der Dino­sau­ri­er; oder auf das Kli­ma ins­ge­samt; oder auf die Lebens­qua­li­tät zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen … Dass sich all das nicht recht­fer­ti­gen lässt liegt ja auf der Hand. Des­we­gen the­ma­ti­sie­ren wir es auch lie­ber gar nicht erst und kau­fen statt­des­sen mit gro­ßer Ges­te bra­si­lia­ni­sche Bio-Avo­ca­dos beim Dis­coun­ter. Im Grun­de sind wir doch zutiefst dank­bar für das Green­wa­shing, das über­all betrie­ben wird. Die größ­te Par­al­le­le zu 1913 liegt also viel­leicht in den Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men, die es der Mehr­heit erlau­ben, ein­fach so wei­ter zu machen wie bis­her. Aber wie damals – den­ken wir an Freud, Kaf­ka, und so wei­ter – gibt es natür­lich auch Gegen­be­we­gun­gen bezie­hungs­wei­se Ver­su­che, die Gegen­wart zu pro­ble­ma­ti­sie­ren und die­se Mecha­nis­men sicht­bar zu machen.

Wie damals gibt es also auch heu­te Hoff­nung, und wie damals lohnt es sich, kri­tisch und selbst-kri­tisch zu sein. Aber dazu gehört eben, ein­zu­se­hen, dass wir längst dabei sind, alles zu zer­stö­ren. Die Kata­stro­phe, auf die wir zusteu­ern – und zwar gra­de auch durch die tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung und die Glo­ba­li­sie­rung – mag sub­ti­ler und weni­ger erup­tiv sein, als der Ver­gleich mit 1913 viel­leicht nahe­legt. Aber eine Kata­stro­phe ist es, dar­an kann über­haupt kein Zwei­fel bestehen. Alles ande­re ist Augen­wi­sche­rei, oder Schlim­me­res.

 

Gab es schon ein­mal eine gesell­schaft­li­che Ord­nung, die den Men­schen so wenig Sinn (in per­sön­li­cher, exis­ten­zi­el­ler Hin­sicht) für ihr Leben gab, wie die heu­ti­ge kapi­ta­lis­ti­sche?

In so einer Fra­ge scheint mir eine ziem­lich sozi­al­ro­man­ti­sche Vor­stel­lung mit­zu­schwin­gen: Frü­her war das Leben viel­leicht här­ter, aber auch irgend­wie authen­ti­scher! Des­we­gen: Zurück zu den Wur­zeln, und alles wird gut! Das läuft aber auf einen gefähr­li­chen Ana­chro­nis­mus hin­aus. Das Stre­ben nach Authen­ti­zi­tät, nach Sinn oder gar nach einem indi­vi­du­el­len „Sinn des Lebens“ im Sin­gu­lar, wie wir es heu­te ken­nen, ist gar nicht so alt, wie wir den­ken.

Inso­fern wür­de ich die Sozi­al­ro­man­tik mit einem Sozi­al­kon­struk­ti­vis­mus kon­tern. Das Bild, das dann ent­steht, ist kom­ple­xer: Wenn man über­haupt von „dem Kapi­ta­lis­mus“ reden will, dann ist einer­seits klar, dass er gigan­ti­sche Res­sour­cen frei­setzt, die über­haupt erst den Frei­raum schaf­fen, Sinn als etwas Indi­vi­du­el­les zu begrei­fen und zu ver­fol­gen. Zugleich befeu­ern kapi­ta­lis­ti­sche Struk­tu­ren sol­che Bedürf­nis­se nach einem indi­vi­du­el­len Lebens­sinn, einem eige­nen Stil, nach einem indi­vi­du­el­len Aus­druck des eige­nen Daseins – und zwar schlicht­weg, weil die Suche nach dem Sinn ein Motor für den Kon­sum ist. Adam Cur­tis hat die­se Ent­wick­lung in sei­ner Doku „The Cen­tu­ry of the Self“ herr­lich her­aus­ge­ar­bei­tet, unbe­dingt sehens­wert. In unser Sinn­be­dürf­nis ist also – und auch in die Fra­ge eben – immer schon etwas qua­si-kapi­ta­lis­ti­sches mit­ein­ge­schrie­ben!

Ande­rer­seits kann man den Kapi­ta­lis­mus aber schon auch als ein „Sinn­ver­nich­ter“ betrach­ten. Zunächst ein­mal begeg­net uns Sinn ja in Form des Ver­fol­gens und Errei­chens von intrin­sisch wert­vol­len Zie­len. Und es ist ja gera­de das bestim­men­de Merk­mal der kapi­ta­lis­ti­schen Ratio­na­li­tät, intrin­si­sche Wer­te durch instru­men­tel­le zu erset­zen. Das ist der Kern aller Ent­frem­dungs- und Kom­mo­di­fi­zie­rungs­kri­tik seit Marx: Wo ich Pro­duk­te nicht um der Pro­duk­te wil­len her­stel­le, son­dern um einen Pro­fit zu erzie­len; wo mir mei­ne eige­ne Arbeits­kraft als ein Frem­des gegen­über­tritt, inso­fern ich sie an ande­re ver­äu­ßern muss; und wo ich mei­ne Mit­men­schen nicht mehr pri­mär als Koope­ra­ti­ons­part­ner oder -part­ne­rin­nen, son­dern als Kon­kur­rie­ren­de betrach­te, da geht immer auch etwas intrin­si­sches ver­lo­ren. „Der“ Kapi­ta­lis­mus ist, wenn man so über­haupt reden will, also zugleich für das spe­zi­fisch moder­ne Gefühl des „Sinn­ver­lusts“ ver­ant­wort­lich.  Aber das, was da „ver­lo­ren“ gegan­gen ist, hat in  die­ser Form nie wirk­lich exis­tiert, son­dern ist immer auch nach­träg­li­che Pro­jek­ti­on unse­rer über­form­ten Bedürf­nis­se.

 

Wie ver­hal­ten sich ver­nünf­ti­ge Über­le­gun­gen zu Kata­stro­phen und Cha­os? Wel­chen Stel­len­wert haben sie für tat­säch­li­chen poli­ti­schen Wan­del?

Frei nach Scho­pen­hau­er: Ver­nünf­ti­ge Über­le­gun­gen sind zwar nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts. Trotz­dem dür­fen wir nicht ver­ges­sen, dass mensch­ge­mach­te Kata­stro­phen, ver­gan­ge­ne wie zukünf­ti­ge, immer auch Pro­dukt unse­rer Ratio­na­li­tät sind. Wir sind lei­der ver­flixt gut dar­in, das vor uns sel­ber zu ver­ste­cken.

 

Eine Kritik der Konsensdemokratie – von Kevin-Leon Kerk

Eine Kritik der Konsensdemokratie

Die Begrenzung der politischen Handlungsfähigkeit durch den Konsens

Von Kevin-Leon Kerk

In den öffentlichen Debatten wird fortwährend eine Krise der Demokratie thematisiert. Unzählige globale Krisen – längst vermeidbare absolute Armut, der Klimawandel, die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und des Planeten Erde, sowie zunehmende Ungleichheiten – scheinen sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene schwerer bis gar überhaupt nicht lösbar zu sein.
Bei allen Antworten, die im breiten – und doch schmalen – politischen Spektrum im Hinblick auf die diversen Krisen formuliert werden, bleibt ein Punkt weitgehend unberührt: Der herrschende Grundkonsens. Jeglichen Inhalten, die diesem zugrunde liegen, wird die Thematisierung in sämtlichen Instanzen untersagt. Ich möchte versuchen, kurz darzulegen, inwiefern die Ursachen der Krise der Demokratie und ihrer Handlungsfähigkeit in einem fehlerhaften Verständnis von Demokratie, welches zu dominieren scheint, liegen.

 

Die Rolle des Konsenses für Demokratie und Politik

Kevin-Leon Kerk stu­diert Sozio­lo­gie und Öko­no­mik an der WWU Müns­ter. Sei­ne Inter­es­sen­schwer­punk­te lie­gen vor allem in der poli­ti­schen Phi­lo­so­phie, der poli­ti­schen Sozio­lo­gie und der Wirt­schafts­theo­rie.

Die Grund­la­ge der gegen­wär­ti­gen Demo­kra­tie scheint stets eine Art „Hin­ter­grund­kon­sens“ zu bil­den, der alle Dis­kur­se a prio­ri inhalt­lich beschränkt, indem er jeg­li­che Anlie­gen, über die er besteht, nicht zum demo­kra­ti­schen Dis­kurs zulässt.
Die­ser Kon­sens beschnei­det den Dis­kurs, indem er die Gesell­schaft fest in eine ein­zi­ge und vor allem indis­ku­ta­ble Natur fest­schreibt. Die­se Natur, die nichts ande­res als den Kon­sens über das gegen­wär­ti­ge Ver­ständ­nis und den gegen­wär­ti­gen Auf­bau von Gesell­schaft, Poli­tik und ins­be­son­de­re der Wirt­schaft dar­stellt, ent­zieht sich dem demo­kra­ti­schen Dis­kurs und wird auf ein engs­tes Maß kon­tin­gen­tiert. Das Resul­tat ist ein eng begrenz­tes Reper­toire von Ant­wort- und Lösungs­mög­lich­kei­ten, um sowohl den ein­ge­hend benann­ten als auch allen wei­te­ren Pro­ble­men zu begeg­nen. Die Gren­zen die­ses Kon­tin­gents an Mög­lich­kei­ten schei­nen irrever­si­bel, weil sie kei­ne Ant­wor­ten zulas­sen, die über die­ses hin­aus­zu­ge­hen ver­su­chen. Ich spre­che an die­ser Stel­le ins­be­son­de­re von jenem Kon­sens, der über das kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­sys­tem besteht. Er legt die die Gren­zen der dis­kurs­fä­hi­gen Inhal­te fest, noch bevor ein demo­kra­ti­scher Kon­flikt über sie erfol­gen kann, und ver­neint a prio­ri alle Ide­en, Ansät­ze und Hand­lungs­vor­schlä­ge, die von dem Kon­sens abwei­chen.

Die­sem gesell­schaft­li­chen Kon­sens ent­wach­sen öko­no­mi­sche Not­wen­dig­kei­ten und stets ange­führ­te Sach­zwän­ge, die zu Natur­ge­set­zen der Gesell­schaft ver­formt wer­den und den man sich, in Kon­se­quenz, nicht ent­zie­hen kön­ne. Als irrever­si­bel betrach­tet, und das ist die Natur des Kon­sen­ses – denn jene Inhal­te wer­den, wie bereits erläu­tert, dem Dis­kurs ent­zo­gen und so unauf­lös­bar gemacht –, ver­formt der Kon­sens sie so zur Ideo­lo­gie. Mit­tels die­ser öko­no­mi­schen Sach­zwän­ge, die der Kon­sens der Gesell­schaft auf­er­legt, erhebt er den Gesell­schafts­zu­stand in eine natur­ar­ti­ge Sphä­re. Die Gesell­schaft ver­liert in Kon­se­quenz ihren zustand­s­haf­ten, geschicht­lich-his­to­ri­schen Cha­rak­ter. Indem der Kon­sens die Gesell­schaft also auf das Wal­ten der natur­haft gewor­de­nen Prin­zi­pi­en und die objek­ti­ven Sach­zwän­ge, den es sich unein­ge­schränkt zu fügen gel­te, beschränkt, ver­sperrt er den Raum für Dis­kur­se über wei­te­re Mög­lich­kei­ten, die die Gesell­schaft haben könn­te, um Kri­sen lang­fris­tig ent­ge­gen­zu­wir­ken.

Der Kon­sens degra­diert die Gesell­schaft so zurück in vor­de­mo­kra­ti­sche Zei­ten, indem er die demo­kra­ti­sche Gesell­schaft um grund­le­gen­de Fra­gen über ihren eige­nen Auf­bau beraubt. Er ent­zieht der Gesell­schaft ihren demo­kra­ti­schen Cha­rak­ter, weil fun­da­men­ta­le Fra­gen der Gesell­schaft dem poli­ti­schen Dis­kurs ent­zo­gen wer­den. Der Gesell­schaft wird in Kon­se­quenz erneut eine natur­wüch­si­ge Form ein­ge­schrie­ben, die sich als nicht mehr dis­ku­tier- und ver­än­der­bar erweist. Auf die­se Wei­se wird eine star­re Kon­struk­ti­on von Gesell­schaft erschaf­fen, unter des­sen Bann sich die Gesell­schaft begibt.

Im Namen der Demo­kra­tie lässt der Kon­sens an die­sem Punkt von der Demo­kra­tie selbst ab, denn Demo­kra­tie ist die unein­ge­schränk­te Dis­kus­si­on der demo­kra­ti­schen Gesell­schaft, dem kei­ne sol­che Vor­be­stimmt­heit zen­tra­ler Fra­gen zugrun­de lie­gen darf. Sie ist der per­sis­ten­tes­te Kon­flikt dar­über, wie die Gesell­schaft sich kon­kret gestal­ten und orga­ni­sie­ren soll. Ein sol­cher Grund­kon­sens jedoch, der es sich gestat­tet, ele­men­ta­re Anlie­gen voll­ends dem Dis­kurs zu ent­zie­hen, ist genau die­sem — dem demo­kra­ti­schen Kon­flikt und der Dis­kus­si­on — dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt. Indem er einen nicht unbe­deu­ten­den Gehalt, über den es sich in einer Demo­kra­tie argus­äu­gig aus­ein­an­der­zu­set­zen gel­te, arres­tiert, und zu kei­nem öffent­li­chen Dis­kurs, schon gar kei­nem Par­la­ment, zulässt, arres­tiert er die Demo­kra­tie selbst, indem er sie rigo­ros begrenzt. Aber genau dies – die Sub­or­di­na­ti­on alles Denk­ba­ren unter den demo­kra­ti­schen Dis­kurs und den demo­kra­ti­schen Kon­flikt — ist die Essenz, an der sich Demo­kra­tie labt.

Wie ist der Handlungsunfähigkeit und dem Konsens also zu begegnen?

Der herr­schen­de Kon­sens führt zu einem Ende von Poli­tik und Demo­kra­tie, indem er ihre essen­ti­ells­ten Eigen­schaf­ten aus­löscht. Des­po­tisch grenzt er grund­le­gen­de Fra­ge aus dem Spek­trum der demo­kra­ti­schen Kur­se und der Poli­tik aus und führt so zu einer Gesell­schaft, der es nicht mehr gestat­tet ist, sich als Gan­zes und grund­le­gend zu hin­ter­fra­gen und einer Dis­kus­si­on zu unter­zie­hen. Die poli­ti­sche Hand­lungs­fä­hig­keit sämt­li­cher Akteu­re wird, weil durch den Kon­sens nur ein kleins­tes Reper­toire an Hand­lungs- und Ant­wort­mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung steht, um auf Pro­ble­me der gesell­schaft­li­chen Rea­li­tät zu reagie­ren, auf einen sehr engen Rah­men begrenzt. Vor allem erhebt er sich der Kon­sens in eine natur­haf­te Sphä­re, wodurch er äußerst per­sis­tent und gegen­über Kri­tik nahe­zu immun wird. Indis­ku­ta­be­li­tät ist schließ­lich die Natur des Kon­sen­ses, sie ist dem­nach auch in kei­ner denk­ba­ren Ope­ra­ti­on aus ihm extra­hier­bar. Er kann also schlicht nicht anders, als der Demo­kra­tie und der Poli­tik unver­söhn­lich zu sein, weil er sie und sei­ne kri­ti­sche Beleuch­tung vehe­ment ein­schränkt Der Kon­sens aber nagelt die Gesell­schafft auf nur eine Wirk­lich­keit fest.

Es bedarf daher einer poli­ti­schen Objek­ti­vie­rung des­sen, was der Kon­sens längst als unan­tast­bar aus dem Dis­kurs ver­bannt hat. Unter einer sol­chen poli­ti­scher Objek­ti­vie­rung ist der Vor­gang zu ver­ste­hen, Gegen­stän­de und Lösungs­an­sät­ze, die nicht mehr Inhalt der Dis­kur­se wer­den kön­nen, erneut zu einem Gegen­stand – zum Inhalt und Objekt des Dis­kur­ses – zu machen.

Der Kri­se und der Hand­lungs­un­fä­hig­keit der Demo­kra­tie ist also vor allem mit dem Auf­bruch des Kon­sen­ses zu begeg­nen. Unter Beru­fung auf die Kern­sub­stan­zen einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft, mit den es die Errich­tung jedes Kon­sen­ses, beson­ders eines der­art per­sis­ten­ten, zu ver­hin­dern gilt, könn­te der pro­ble­ma­ti­schen Situa­ti­on begeg­net wer­den. Eine poli­ti­sche Objek­ti­vie­rung jener Anlie­gen, die der Kon­sens exklu­diert, und eine Imple­men­tie­rung grund­le­gen­der Fra­gen über die viel­fäl­ti­gen Mög­lich­kei­ten des Wirt­schaf­tens, kön­nen mög­li­che Pro­blem­lö­sungs­an­sät­ze dar­stel­len. Nicht nur, um die gegen­wär­ti­ge Kri­se zu besänf­ti­gen, son­dern um zu ver­su­chen, sie nach­hal­tig zu bewäl­ti­gen und eine wahr­haf­tig demo­kra­ti­sche Gesell­schaft zu ermög­li­chen. Der Kon­sens ist ein Hin­der­nis für die Demo­kra­tie, weil er die kri­ti­sche Refle­xi­on, die Dis­kus­si­on und alle Hand­lungs­mög­lich­kei­ten der­ar­tig beschränkt. Ein Ansatz­punkt, um der poli­ti­schen Hand­lungs­un­fä­hig­keit zu begeg­nen, läge also an genau die­ser Stel­le.

 

Passend zu diesem Thema:

Die Aus­ga­be Selbst­läu­fer Demo­kra­tie? Wirt­schaft­li­che Macht und Demo­kra­tie, die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie in der Kri­se. Mit Bei­trä­gen von u.a. Jón Gnarr, Wer­ner Gold­schmidt, Bet­ti­na Gaus uvm.

Die Aus­ga­be Euro­pa: Was ist Euro­pa? Eine Wirt­schafts­uni­on? Eine Fes­tung? Mit Richard David Precht im Inter­view

Wer die Welt in Ordnung bringen will, gehe zuerst durchs eigene Haus“ – Interview mit Fräulein Ordnung

Wer die Welt in Ordnung bringen will, gehe zuerst durchs eigene Haus“

Inter­view mit Deni­se Col­quhoun ali­as Fräu­lein Ord­nung

Anlässlich der neuen agora42 zum Thema ORDNUNG haben wir Denise Colquhoun einige Fragen gestellt. Im Interview spricht sie über die Schwierigkeit, Dinge wegzuwerfen, Schränke, Schubladen und Minimalismus sowie die Bedeutung von Ordnung für ein friedliches Miteinander.

 

Frau Col­quhoun, auf Ihrem Blog schrei­ben Sie “Wenn man Ord­nung haben möch­te, muss man weg­wer­fen kön­nen”. Was ist so schwie­rig dar­an, sich von Din­gen zu tren­nen, die man kaum benutzt?

Wir Men­schen sind Jäger & Samm­ler. Da hat sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten nicht viel dran geän­dert. Und was man hat – das hat man! Din­ge fül­len also nicht nur unse­re Schrän­ke, son­dern auch unser Bedürf­nis nach Sicher­heit und Sta­tus, oft aber auch eine gro­ße Lee­re in uns.

Die­ses Gefühl, unse­ren Besitz nicht wie­der her­ge­ben zu wol­len, ist also tief in uns ver­wur­zelt. Das Argu­ment „Es hat doch mal viel Geld gekos­tet“ tut sein übri­ges. Nur wer den Mut fin­det, sich von unge­lieb­ten Din­gen auch wie­der zu tren­nen wird mer­ken, dass man die wenigs­ten Din­ge wirk­lich ver­misst.

Denise Colquhoun

ali­as Fräu­lein Ord­nung ist Blog­ge­rin und Wohn­raum­op­ti­mie­re­rin: Nach­dem sie als Chef­se­kre­tä­rin Ord­nungs­sys­te­me ken­nen- und lie­ben gelernt hat, berät sie heu­te Men­schen, die sich ein auf­ge­räum­te­res Leben wün­schen. fraeulein-ordnung.de

Ord­nung ist nie­mals gleich Ord­nung. Es gibt ver­schie­de­ne “Ord­nungs­ty­pen”. Wie äußern sich die­se ganz kon­kret?

Über die ver­schie­de­nen Ord­nungs­ty­pen mache ich mir ehr­lich gesagt weni­ger Gedan­ken. Mein Ziel ist es viel­mehr, den Men­schen indi­vi­du­ell zur Ord­nung zu hel­fen und zu gucken, wo das eigent­li­che Pro­blem liegt.

Jeder mei­ner Kun­den hat sei­ne ganz per­sön­li­che Geschich­te, so dass auch jeder Ein­satz anders ist. Des­halb habe ich auch kei­nen Mas­ter­plan in mei­ner Tasche, wenn ich mich auf den Weg zu einem neu­en Kun­den mache. Ich blei­be lie­ber offen, höre mir die Wün­sche der Kun­den an und freue mich, wenn wir am Ende mehr geschafft haben, als mei­ne Kun­den geplant oder erwar­tet hat­ten.

Manch­mal schaf­fen wir aber auch weni­ger, als ich mir gewünscht hät­te – doch so lan­ge mich die Kun­den mit einem guten Gefühl ver­ab­schie­den, bin auch ich zufrie­den.

 

Unord­nung ist nicht nur eine per­sön­li­che, son­dern auch eine zwi­schen­mensch­li­che Belas­tung – man den­ke nur an die Erb­schaft ver­ramsch­ter Kel­ler oder voll­ge­stell­ter Dach­bö­den. Ist Ord­nung die Basis für ein fried­li­ches Mit­ein­an­der?

Wer die Welt in Ord­nung brin­gen will, gehe zuerst durchs eige­ne Haus“, so lau­tet ein klu­ger Spruch aus Chi­na. Ich bin der vol­len Über­zeu­gung, dass Ord­nung ein wich­ti­ger Pfei­ler für mehr Glück und Zufrie­den­heit ist.

Mann über­le­ge nur mal, in wie vie­len Fami­li­en am Wochen­en­de dis­ku­tiert oder gestrit­ten wird über anfal­len­de Arbei­ten im Haus­halt und die herr­schen­de Unord­nung. Wie viel wert­vol­le Zeit geht dabei ver­lo­ren? Also ist es sehr zu emp­feh­len, weni­ger Din­ge anzu­häu­fen und dafür mehr Zeit für die schö­nen Din­ge im Leben zu haben.

 

Ist Ord­nung immer mini­ma­lis­tisch?

Auf kei­nen Fall! Ich ken­ne eine Fami­lie, die sehr mini­ma­lis­tisch scheint, doch bei einem Blick in die Schrän­ke bekom­me ich Schnapp­at­mung. Mini­ma­lis­mus ist das eine – Ord­nung das ande­re und muss nicht zwangs­läu­fig Hand in Hand gehen.

In mei­ner Küche ste­hen so vie­le Din­ge her­um, dass man die­sen Ort nicht mini­ma­lis­tisch nen­nen kann, doch die Ord­nung in mei­nen Schub­la­den ist immer 1A.

Tat­sa­che ist aber, je weni­ger Din­ge her­um­ste­hen, des­to schnel­ler ist eine schö­ne Ord­nung her­ge­stellt.

 

Die Gesell­schaft ins­ge­samt scheint zuneh­mend in Unord­nung zu gera­ten: Geset­zes­än­de­run­gen gehen am Leben vor­bei, Par­tei-Beschlüs­se sind zwar demo­kra­tie­kon­form, ver­kom­pli­zie­ren aber vie­le Abläu­fe, Büro­kra­tie und Ver­wal­tungs­auf­wän­de stei­gen und sinn­vol­ler Wan­del zu weni­ger Kon­sum, weni­ger Wachs­tum und mehr Nach­hal­tig­keit wird als uto­pisch abge­tan. Was ent­geg­nen Sie dem Pfad­ab­hän­gig­keits­ar­gu­ment: Es ist nicht zu ändern, das war schon immer so?

Erst ges­tern habe ich zu die­sem The­ma noch eine anre­gen­de Dis­kus­si­on geführt. Es ging um vega­ne Lebens­wei­se, was es bedeu­ten wür­de, wenn mehr Men­schen second-hand ein­kau­fen und aufs Fahr­rad umstei­gen wür­den und was das aktu­el­le Leben für nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Zukunft unse­rer Kin­der haben wird.

Ich füh­le mich rat­los, was die Poli­tik und die Macht der Wirt­schaft angeht und mache mir Sor­gen um unse­re maß­lo­se Ver­schwen­dung von Res­sour­cen. Ob wir das gan­ze über­haupt noch auf­hal­ten kön­nen? Ich wage es zu bezwei­feln und plä­die­re dafür, dass jeder im Klei­nen etwas tun soll­te!

So gehe ich schon seit Jah­ren mit mei­nem Ein­kaufs­beu­tel los und ver­zich­te auf Plas­tik­tü­ten. Sobald ich im Aus­land sehe, wie vie­le Schrit­te sie dort in Punk­to Nach­hal­tig­keit hin­ter­her hän­gen, wird mir wie­der Angst und Ban­ge.

Ein Satz auf mei­nem Blog lau­tet: „Kon­sum kann Unord­nung ver­ur­sa­chen“. Wer also sei­nen Kon­sum über­denkt und viel­leicht auch mal eine Kon­sum­pau­se ein­legt, tut damit nicht nur der Umwelt einen Gefal­len, son­dern kommt als Neben­ef­fekt der Ord­nung auch ein Stück näher.

Passend zum Thema empfehlen wir:

Ordnung im Jahr 2051 – ein Gedankenspiel von Kai Jannek

31.03.2051

Liebes Tagebuch,

 

ein auf­re­gen­der Tag geht zu Ende. Ich habe heu­te viel über die all­täg­li­che Poli­zei­ar­beit erfah­ren. Es ist jetzt schon eine gan­ze Wei­le her, dass Yong sus­pen­diert wor­den ist und ich hat­te sei­ne Ter­mi­ne wahr­neh­men müs­sen. Dazu gehör­te das heu­ti­ge Tref­fen mit dem Chef der loka­len Poli­zei­agen­tur, um zu erfah­ren, wie sich die Robo­ter aus unse­rer Manu­fak­tur bis­lang im Ein­satz bewäh­ren. Aus­ge­rech­net auf dem Weg zur Poli­zei ging ich über eine rote Ampel. Ich war zu Fuß unter­wegs – die Behör­de ist ja nur zwei Blocks von mei­nem Apart­ment ent­fernt. Ich war so in Gedan­ken, dass ich weder die rote Ampel wahr­nahm noch die Warn­si­gna­le, die mei­ne Kon­takt­lin­sen mir in mein Sicht­feld ein­spiel­ten. Die Über­wa­chungs­ka­me­ras hiel­ten den Vor­gang natür­lich sofort fest. Als ich die ande­re Stra­ßen­sei­te erreich­te, sah ich mein Bild auf dem Dis­play am Ampel­mast. Dar­un­ter ver­riet ein kur­zer Schrift­zug mein aktu­el­les Ver­ge­hen; eben­so wie eini­ge wei­te­re klei­ne Ord­nungs­wid­rig­kei­ten, die ich mir in den letz­ten fünf Jah­ren hat­te zu Schul­den kom­men las­sen. Oh, wie pein­lich! Hin­zu kam der auto­ma­ti­sier­te Straf­zet­tel, der zeit­gleich ver­sen­det wor­den war, sowie die Tat­sa­che, dass sich mein Soci­al Score im sel­ben Augen­blick ver­mut­lich um zwei Punk­te ver­schlech­tert hat­te – mit ent­spre­chen­den Fol­gen für mein Kre­dit-Rating, mein Mie­ter-Rating und mein Employee-Rating.

Zum Glück sprach mich Mr. Kim, der Chef der Poli­zei­agen­tur, nicht auf den Vor­fall an. Er begrüß­te mich herz­lich und erkun­dig­te sich statt­des­sen nach dem Dota12-E-Sports-Event, das ich mir am Vor­tag ange­schaut hat­te. Sei­ne Soci­al-App hat­te ihm sicher meh­re­re per­sön­li­che Small-Talk-Gesprächs­ein­stie­ge vor­ge­schla­gen. Es ist immer inter­es­sant zu sehen, für wel­ches The­ma sich jemand ent­schei­det. „Wir haben immer mehr Gewalt im Spiel und immer weni­ger Gewalt auf der Stra­ße“, lei­te­te Mr. Kim zum eigent­li­chen Anlass des Tref­fens über. Wir schau­ten uns eini­ge Bal­ken­dia­gram­me auf einem holo­gra­fi­schen Dis­play an. Sie zeig­ten die jüngs­ten Erfol­ge in der Ver­bre­chens­prä­ven­ti­on und der Auf­klä­rungs­ar­beit sowie den Score, der das all­ge­mei­ne Sicher­heits­emp­fin­den und das Ver­trau­en in die Poli­zei­ar­beit ver­an­schau­licht. „Wir sind sehr zufrie­den mit den Ein­satz­kräf­ten aus ihrer Manu­fak­tur“, erklär­te Mr. Kim.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

In die­sem Moment leuch­te­ten eini­ge Signal­lam­pen auf. „Wol­len Sie einen Ein­satz live ver­fol­gen?“, frag­te mich Mr. Kim. Ohne mei­ne Ant­wort abzu­war­ten, schob er das vir­tu­el­le Fens­ter mit den Bal­ken­dia­gram­men zur Sei­te und öff­ne­te zwei neue Fens­ter mit Video­streams. Das eine Fens­ter zeig­te den Innen­raum eines Poli­zei­fahr­zeugs, in dem ein mensch­li­cher Poli­zist und ein Poli­zei­ro­bo­ter aus unse­rer Manu­fak­tur saßen. Der ande­re Stream zeig­te das Sicht­feld der bei­den Akteu­re, in die­sem Fall die vor­bei­rau­schen­de Stra­ße und die sich auf grün schal­ten­den Ampeln. „Der smar­te Boden­be­lag in einem der High-Rise Resi­den­ti­al Buil­dings an der 16. Stra­ße hat ein ver­däch­ti­ges Schritt­pro­fil detek­tiert“, erklär­te Mr. Kim. „Glück­li­cher­wei­se haben wir Ein­satz­kräf­te in der Nähe. Unser Pre­dic­tive-Poli­cing-Sys­tem hat­te uns eine erhöh­te Ein­bruchs­wahr­schein­lich­keit im ent­spre­chen­den Stadt­teil pro­gnos­ti­ziert.“ Das Fahr­zeug kam vor einem Hoch­haus zum Ste­hen und auf dem Dis­play öff­ne­te sich ein drit­tes Fens­ter. Es zeig­te den Video­stream einer Poli­zei­droh­ne, die sich offen­sicht­lich vom Fahr­zeug­dach gelöst hat­te und nun rasch an Höhe gewann, um das Umfeld des Hoch­hau­ses zu über­wa­chen. Die bei­den Poli­zei­kräf­te stürm­ten ins Gebäu­de. Auf unse­rem Dis­play öff­ne­ten sich wei­te­re Fens­ter, die die Streams ver­schie­de­ner Über­wa­chungs­ka­me­ras im Inne­ren des Hoch­hau­ses zeig­ten. Man erkann­te den Ver­däch­ti­gen zunächst nur im Pro­fil. Er trug eine Schirm­müt­ze und eine Jacke mit hohem Kra­gen. Wei­te­re Fens­ter popp­ten auf unse­rem Dis­play auf. Eines zeig­te den auto­ma­ti­schen Abgleich des eini­ger­ma­ßen erkenn­ba­ren Gesichts­aus­schnitts mit einer Per­so­nen­da­ten­bank. In ande­ren Fens­tern sahen wir, wie das Sys­tem anhand von Kame­ra­auf­zeich­nun­gen den Weg des Unbe­kann­ten zurück­ver­folg­te. In dem Augen­blick, als die Ein­satz­kräf­te mit gezück­ten Tasern vor dem Ver­däch­ti­gen stan­den, ver­mel­de­te das Sys­tem, das den Abgleich mit der Per­so­nen­da­ten­bank durch­führ­te, einen Tref­fer. Bei dem Ver­däch­ti­gen han­del­te es sich um Yong. Kaum zu glau­ben! Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 

 

Vor­he­ri­ge Gedan­ken­spie­le ver­passt? Hier geht es zu allen bis­her erschie­ne­nen Tage­buch­ein­trä­gen.

 


 

Die­ser Bei­trag ent­stammt der Aus­ga­be 2/2018 der agora42 ORDNUNG, die Sie noch bis zum 28.06.18 ver­sand­kos­ten­frei bestel­len kön­nen.

Heimat in sich selbst finden – Interview mit Dr. Anna Gamma

Heimat in sich selbst finden

Inter­view mit Anna Gam­ma

 

Anlässlich der neuen agora42 zum Thema ORDNUNG haben wir der Zen-Meisterin Dr. Anna Gamma einige Fragen gestellt. Im Interview spricht sie über stabile und chaotische Lebenszeiten, die Mitgestaltung von gesellschaftlichem Wandel sowie die Bedeutung von Vertrauen für ein glückliches Leben.

 

Frau Gam­ma, Ord­nung und Ver­än­de­rung schei­nen sich zu wider­spre­chen. Den­noch hat es bis heu­te noch nie eine immer­wäh­ren­de, sta­ti­sche Gesell­schafts­ord­nung gege­ben. Wor­an liegt das? 

Allein der Blick auf das ein­zel­ne Indi­vi­du­um zeigt, dass eine immer­wäh­ren­de, sta­ti­sche Gesell­schafts­ord­nung nicht men­schen­ge­recht ist. Men­schen sind Wer­de­we­sen. Im Lau­fe ihres Lebens durch­lau­fen wir ver­schie­de­ne Ent­wick­lungs­stu­fen vom Klein­kind zum Erwach­se­nen, vom jun­gen zum alten Men­schen. Pha­sen der rela­tiv sta­bi­len „Ord­nung“ wer­den von unru­hi­gen, chao­ti­schen Lebens­zei­ten abge­löst. Was auf der Mikro-Ebe­ne gilt, ist eben­so wirk­mäch­tig auf der Meso- und Makro-Ebe­ne.

Jean Gebser hat in sei­ner For­schungs­ar­beit ver­schie­de­ne Bewusst­seinstruk­tu­ren ent­deckt, die im Lau­fe der Mensch­heits­ge­schich­te ent­wi­ckelt wur­den. Sie bestim­men, wie wir die Welt und den Men­schen sehen. Ent­spre­chend haben sich ver­schie­de­ne gesell­schaft­li­che Sys­te­me her­aus­ge­bil­det. Neben der Demo­kra­tie, das jüngs­te gesell­schaft­li­che Ord­nungs­sys­tem, bestehen immer noch auto­ri­tä­re Sys­te­me. Im Zeit­al­ter der mäch­ti­gen Män­ner, schei­nen sie sogar wie­der auf dem Vor­marsch zu sein.

 

Anna Gamma

Dr. Anna Gam­ma ist Zen Meis­te­rin, Psy­cho­lo­gin und seit Jah­ren in inter­na­tio­na­len Frie­dens­pro­jek­ten tätig. Sie lei­tet das Zen Zen­trum Offe­ner Kreis Luzern und das Anna Gam­ma Insti­tut Zen&Leadership. Mehr dazu unter www.annagamma.ch

 

Ist gesell­schaft­li­cher Wan­del immer unbe­re­chen­bar oder gibt es Gemein­sam­kei­ten, die jedem Wan­del eigen sind, eine Art „Ablauf­plan“?

Ich wür­de die­se Fra­ge ger­ne umfor­mu­lie­ren. Natür­lich gibt es For­schungs­ar­bei­ten zu Pha­sen des gesell­schaft­li­chen Wan­dels. Weit inter­es­san­ter scheint mir die Fra­ge, ob und wenn wie wir gesell­schaft­li­chen Wan­del mit­be­stim­men kön­nen. Ich las­se mich einer­seits von einem Zitat von Mahat­ma Gan­dhi lei­ten: Be the chan­ce you want to see in the world. Ander­seits geben die arche­ty­pi­schen Trans­for­ma­ti­ons­schrit­te, die Pia Gyger und Niklaus Brant­schen im Rah­men des Jeru­sa­lem-Pro­jek­tes ent­wi­ckelt haben, ganz kon­kre­te Anwei­sun­gen für jeden gelin­gen­den Wan­del. Sie begin­nen mit dem Ehren und Wür­di­gen der Ver­gan­gen­heit und enden damit, die Zukunft in der Gegen­wart zu leben.

 

Was könn­te heu­te eher ein Aus­lö­ser für einen gesell­schaft­li­chen Wan­del sein: Poli­ti­sche, ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen oder über uns her­ein­bre­chen­de Kata­stro­phen? Oder gar etwas drit­tes?

Die­se Fra­ge erin­nert mich an ein Gespräch, dass ich die­sen Früh­ling mit einer Paläs­ti­nen­se­rin in Jeru­sa­lem geführt hat­te. Ihre Mei­nung war, dass allein ent­we­der eine gros­se Umwelt­ka­ta­stro­phe oder eine wei­se, cha­ris­ma­ti­sche Füh­rungs­per­sön­lich­keit aus der Sack­gas­se des Israel/Palästina Kon­flikts füh­ren kann.

Die glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen wie bei­spiels­wei­se die nicht rever­si­blen, öko­lo­gi­schen Pro­zes­se wer­den uns zwin­gen, neue glo­ba­le Ord­nungs­struk­tu­ren zu schaf­fen, die für alle Staa­ten Gül­tig­keit haben wer­den. Die gute Bot­schaft lau­tet: vie­le Men­schen befin­den sich bereits auf die­sem Weg.

 

Heu­te wächst bei eini­gen Bevöl­ke­rungs­tei­len die Sehn­sucht nach einer auto­ri­tä­ren Ord­nung; nach einer Ord­nung, die kla­re Ori­en­tie­rung ver­spricht. Was wür­den Sie die­sen Men­schen mit­ge­ben, die sich in der glo­ba­li­sier­ten, hoch­kom­ple­xen Welt ori­en­tie­rungs­los füh­len?

Die­se Ent­wick­lung ist ver­ständ­lich, denn Men­schen haben ver­schie­de­ne Grund­be­dürf­nis­se und eines davon heisst: Sicher­heit. In der unüber­sicht­li­chen, glo­ba­li­sier­ten Welt scheint sie ver­lo­ren zu gehen und mit ihr eine wei­te­re Qua­li­tät, die für ein glück­li­ches Leben not­wen­dig ist: Ver­trau­en. Wir müss­ten ver­mehrt in den Lehr­plä­nen von Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten Modu­le ein­bau­en, in denen wir (wie­der) ler­nen, die lei­se Stim­me im Her­zen zu hören und den inne­ren Kom­pass zu fin­den. Dazu brau­chen wir Stil­le, Zei­ten der Muße und Bezie­hungs­räu­me, in denen über die inne­ren Pro­zes­se gespro­chen wer­den kann. Denn wer Hei­mat in sich selbst fin­det, fin­det sich auch in kom­ple­xen Situa­tio­nen zurecht.

 

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin. Seit 2009.

Hier stel­len wir uns vor.

Rationalität: Europäische Herkunft, globale Geltung – von Johannes Weiß

Max Weber wäre am 21. April die­sen Jah­res 154 Jah­re alt gewor­den. Wer war die­ser ein­fluss­rei­che Den­ker, der uns als Jurist, Natio­nal­öko­nom und Sozio­lo­ge beschäf­tigt? Sei­ne For­schun­gen zur Eigen­art und Ent­wick­lung unse­res euro­päi­schen Kul­tur­krei­ses, erstaun­ten mit der bana­len und doch tief­grei­fen­den Erkennt­nis, dass wir die Idee einer spe­zi­fi­schen Ratio­na­li­tät in die Welt gebracht haben: Eines Ratio­na­lis­mus, der mitt­ler­wei­le welt­weit in allen büro­kra­ti­schen Ver­fas­sungs­staa­ten, der Wis­sen­schaft, der Musik und auch im kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaf­ten zu fin­den ist.

 

Rationalität

Europäische Herkunft, globale Geltung

Von Johan­nes Weiß

 

Wor­in liegt die welt­ge­schicht­li­che Bedeu­tung Euro­pas? Wenn man auf die­se Fra­ge eine Ant­wort sucht, kommt man um den His­to­ri­ker, Öko­no­men und Sozio­lo­gen Max Weber (1864–1920) nicht her­um. Eine sei­ner zen­tra­len Fra­gen lau­tet: Wie erklärt es sich, dass bestimm­te Kul­tur­er­schei­nun­gen, die unter sehr beson­de­ren Bedin­gun­gen in Euro­pa auf­ge­kom­men waren, es nicht nur zu welt­wei­ter Ver­brei­tung, son­dern auch zu (fast) all­ge­mei­ner Gel­tung gebracht haben? Flug­hä­fen, Ein­kaufs­zen­tren oder Uni­ver­si­tä­ten, aber auch Ver­wal­tungs­ap­pa­ra­te, demo­kra­ti­sches Gedan­ken­gut, media­le Auf­klä­rung und effi­zi­en­te Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on sind längst zu glo­ba­len Gege­ben­hei­ten gewor­den. Dies bloß mit der Durch­set­zung öko­no­mi­scher und poli­tisch-mili­tä­ri­scher Inter­es­sen zu erklä­ren, reicht nicht aus.

 

1. Das Pro­blem

Uni­ver­sal­ge­schicht­li­che Pro­ble­me wird der Sohn der moder­nen euro­päi­schen Kul­tur­welt unver­meid­li­cher- und berech­tig­ter­wei­se unter der Fra­ge­stel­lung behan­deln: wel­che Ver­ket­tung von Umstän­den hat dazu geführt, daß gera­de auf dem Boden des Okzi­dents, und nur hier, Kul­tur­er­schei­nun­gen auf­tra­ten, wel­che doch – wie wenigs­tens wir uns gern vor­stel­len – in einer Ent­wick­lungs­rich­tung von uni­ver­sel­ler Bedeu­tung und Gül­tig­keit lagen“ (Max Weber 1947, 1)?

Johan­nes Weiß ist Pro­fes­sor für Sozio­lo­gi­sche Theo­rie und Phi­lo­so­phie der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und der­zeit asso­zi­ier­ter Gast­for­scher des Max-Weber-Kol­legs für sozi­al- und kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en der Uni­ver­si­tät Erfurt.

Der Satz ist bekannt und viel zitiert. Aber ist auch hin­rei­chend geklärt, was er besagt und was wir heu­te davon zu hal­ten haben? Der Phi­lo­soph Jür­gen Haber­mas spricht in sei­nem Buch Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns von der „vor­sich­tig uni­ver­sa­lis­ti­schen Posi­ti­on“ Max Webers, die in die­sem Satz und den nach­fol­gen­den Erläu­te­run­gen zum Aus­druck kom­me. „Vor­sich­tig“ ist Webers Posi­ti­on tat­säch­lich, weil er die „uni­ver­sel­le Bedeu­tung und Gül­tig­keit“ der gemein­ten „Ent­wick­lungs­rich­tung“ nicht gera­de­hin behaup­tet und auch nicht, nicht ein­mal ansatz­wei­se, begrün­det, son­dern einem Vor­stel­lungs­kom­plex zurech­net, der „uns“, das heißt wohl: uns Euro­pä­ern, ange­nehm ist.

Aber unbe­zwei­fel­bar ist doch, dass die Fra­ge nach der beson­de­ren, ja sin­gu­lä­ren „Ver­ket­tung von Umstän­den“, die bestimm­te „Kul­tur­er­schei­nun­gen“ her­vor­ge­bracht hat, für jeden (wie für jeden „Sohn der moder­nen euro­päi­schen Kul­tur­welt“) nur des­halb so außer­or­dent­lich dring­lich ist, weil sich mit die­sen Kul­tur­er­schei­nun­gen nicht nur ein uni­ver­sel­ler Anspruch, son­dern auch eine nach­weis­ba­re uni­ver­sel­le, das heißt glo­ba­le Wirk­sam­keit ver­bin­det.

Im Übri­gen sagt Weber sehr deut­lich, was die von ihm im Ein­zel­nen genann­ten Kul­tur­er­schei­nun­gen, von der Wis­sen­schaft bis zum moder­nen Kapi­ta­lis­mus und Sozia­lis­mus, gemein­sam haben, was es also nahe­legt, sie in eine bestimm­te „Ent­wick­lungs­rich­tung“ ein­zu­ord­nen: ein „spe­zi­fisch gear­te­ter ‚Ratio­na­lis­mus’ der okzi­den­ta­len Kul­tur“ (Max Weber 1947, 11).

Aller­dings hebt Weber hier wie auch sonst her­vor, wie viel­deu­tig der Begriff der Ratio­na­li­tät ist: Was von einem der „höchst ver­schie­de­nen Gesichts­punk­te und Ziel­rich­tun­gen“ ratio­nal sei, kön­ne, aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve betrach­tet, durch­aus irra­tio­nal sein. Des­halb sei es von höchs­ter Wich­tig­keit „die beson­de­re Eigen­art des okzi­den­ta­len und, inner­halb die­ses, des moder­nen okzi­den­ta­len, Ratio­na­lis­mus zu erken­nen und in ihrer Ent­ste­hung zu erklä­ren“ (Max Weber 1947, 12).

Mit der Eigen­art der beson­de­ren Bedin­gun­gen, unter denen die­ser spe­zi­el­le Ratio­na­lis­mus in eini­gen sei­ner Aus­prä­gun­gen ent­ste­hen und sich ent­fal­ten konn­te, hat Weber sich ein­ge­hend beschäf­tigt. Nir­gend­wo aber hat er sich der – davon streng zu tren­nen­den – Auf­ga­be unter­zo­gen, die­sen Ratio­na­lis­mus selbst in sei­ner Eigen­art zu bestim­men und zu erläu­tern. Weil er aber eine zwar vor­sich­ti­ge, aber doch vor­sich­tig uni­ver­sa­lis­ti­sche Posi­ti­on ein­nahm, wird man das Spe­zi­fi­sche des „spe­zi­fisch gear­te­ten Ratio­na­lis­mus der okzi­den­ta­len Kul­tur“ para­do­xer­wei­se gera­de in sei­nem uni­ver­sel­len oder, wie­der vor­sich­ti­ger, uni­ver­sa­li­sier­ba­ren Cha­rak­ter zu suchen haben.

Nur wenn man nicht zwi­schen dem his­to­risch spe­zi­fi­schen Kon­text der Ent­ste­hung und dem glo­ba­len Kon­text der Gel­tung und Wir­kung einer „Kul­tur­er­schei­nung“ unter­schei­det, kann man den Erfolg des moder­nen („okzi­den­ta­len“) Kapi­ta­lis­mus in asia­ti­schen Gesell­schaf­ten gegen die soge­nann­te „Weber-The­se“ ins Feld füh­ren.

 

2. Ratio­na­li­tät als Kom­mu­ni­ka­bi­li­tät

Nicht irgend­ein Inter­pret, schon gar nicht Jür­gen Haber­mas, son­dern Max Weber selbst hat gele­gent­lich die Bedeu­tung von „Ratio­na­li­tät“ in einem sehr ele­men­ta­ren Sin­ne mit „Kom­mu­ni­ka­bi­li­tät“ zusam­men­ge­bracht. „Ratio­nal“ wird dem­nach etwas (eine Behaup­tung oder Erklä­rung, eine nor­ma­ti­ve Erwar­tung, aber auch eine Insti­tu­ti­on) in dem Maße genannt, in dem es fak­tisch inter­sub­jek­tiv ver­ständ­lich und in sei­ner Begrün­dung nach­voll­zieh­bar ist. Ein Höchst­maß an Ratio­na­li­tät ist, so gese­hen, dann gege­ben, wenn etwas in sei­nem Sinn und in sei­ner Begrün­dung als all­ge­mein ver­ständ­lich gilt und des­halb auch mit all­ge­mei­ner Zustim­mung rech­nen kann.

Ein Höchst­maß an Ratio­na­li­tät ist dann gege­ben, wenn etwas in sei­nem Sinn und in sei­ner Begrün­dung als all­ge­mein ver­ständ­lich gilt und des­halb auch mit all­ge­mei­ner Zustim­mung rech­nen kann.

Der spe­zi­fi­sche Ratio­na­lis­mus der von Weber genann­ten Schöp­fun­gen der okzi­den­ta­len, ins­be­son­de­re moder­nen Kul­tur scheint mir nun genau dar­in zu lie­gen, dass ihnen nicht nur ein beson­ders hohes Maß an „Kom­mu­ni­ka­bi­li­tät“ eig­net, son­dern dass sie sich mit gro­ßem Erfolg als Medi­en einer glo­ba­len Kom­mu­ni­ka­ti­on eta­bliert haben. Wenn, wie der Sozio­lo­ge Niklas Luh­mann (1927–1998) sagt, die Gren­zen einer Gesell­schaft durch die Gren­zen der „kom­mu­ni­ka­ti­ven Erreich­bar­keit“ defi­niert wer­den, dann haben sich die­se Gren­zen in der „Welt­ge­sell­schaft“ so aus­ge­wei­tet, dass, jeden­falls im Prin­zip, alle Men­schen, und zwar als Men­schen, in einen ein­zi­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hang ein­be­zo­gen, „inklu­diert“ sind – jeden­falls als Sub­jek­te und Objek­te der Wis­sen­schaft und der Tech­nik, der (kapi­ta­lis­ti­schen) Öko­no­mie und einer auf uni­ver­sa­lis­ti­schen Prin­zi­pi­en grün­den­den Ord­nung der Moral und des Rechts (respek­ti­ve der Poli­tik). Und die­ser Pro­zess einer glo­ba­len Inklu­si­on ist, so scheint es, dadurch cha­rak­te­ri­siert, dass er sich nicht nur fak­tisch – etwa als Fol­ge öko­no­mi­scher oder poli­tisch-mili­tä­ri­scher Macht­kon­stel­la­tio­nen – voll­zieht, son­dern von star­ken, womög­lich kon­kur­renz­lo­sen Begrün­dun­gen unter­stützt und vor­an­ge­trie­ben wird, sodass ihm nicht nur de fac­to, son­dern auch de jure (von Rechts wegen) eine „uni­ver­sa­le Bedeu­tung und Gül­tig­keit“ zuge­schrie­ben wird bezie­hungs­wei­se zuge­schrie­ben wer­den kann.

 

3. Glo­ba­le Ver­brei­tung ver­sus uni­ver­sel­le Gel­tung

Eine an Weber anschlie­ßen­de, „vor­sich­tig uni­ver­sa­lis­ti­sche Posi­ti­on“ steht und fällt mit der Mög­lich­keit, begriff­lich und in der Sache zwi­schen der Glo­ba­li­sie­rung als fac­tum bru­tum (blo­ßer Tat­sa­che) und einer Uni­ver­sa­li­sie­rung zu unter­schei­den, die „gute Grün­de“ auf ihrer Sei­te hat. Und „gut“ wären genau sol­che Grün­de, die nichts vor­aus­set­zen als das, was bei allen Men­schen (als Men­schen) vor­zu­fin­den oder allen Men­schen zuzu­schrei­ben ist. Genau die­se Über­le­gung hat­te den eng­li­schen Phi­lo­so­phen Tho­mas Hob­bes (1588–1679) bei sei­ner Kon­struk­ti­on des Levia­than gelei­tet, und das erklärt, war­um sei­ne Kon­struk­ti­on bis auf den heu­ti­gen Tag den Mini­mal­kon­sens im moder­nen Staats­den­ken sichert.

Das heu­te übli­che Ver­ständ­nis von „Glo­ba­li­sie­rung“ über­spielt die­se not­wen­di­ge Dif­fe­ren­zie­rung eben­so wie die vor­her­ge­hen­de Rede von „Euro­päi­sie­rung“ oder „Ver­west­li­chung“ und die neue­re Kri­tik der
„Ame­ri­ka­ni­sie­rung“. Durch­ge­hend bleibt genau die Fra­ge aus­ge­blen­det, die Weber beun­ru­hig­te und beweg­te: Wie kann eine kul­tu­rel­le Schöp­fung, die, wie alle übri­gen, nur unter beson­de­ren, ja sin­gu­lä­ren Bedin­gun­gen in die Welt zu kom­men ver­moch­te, eine „Bedeu­tung und Gül­tig­keit“ gewin­nen, wel­che von allen beson­de­ren Bedin­gun­gen unab­hän­gig ist? Für die Geschicht­s­te­leo­lo­gi­en (gr. telos = Ziel, Zweck, Sinn) des 18. und 19. Jahr­hun­derts war, wie für ihre theo­lo­gi­schen Vor­gän­ger und Mus­ter, die­se Fra­ge sinn­los, weil sie allem Gesche­hen einen Ort und eine Funk­ti­on in der einen uni­ver­sa­len Geschich­te zuwie­sen. Die­se Mög­lich­keit hat­te sich für Weber erle­digt – wegen der Unab­weis­bar­keit des His­to­ris­mus und wegen der dar­über hin­aus­ge­hen­den, von Weber aus­drück­lich ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, dass es in der Geschich­te über­haupt kei­nen objek­ti­ven, also all­ge­mein ver­bind­li­chen Sinn gebe. Trotz­dem konn­te Weber sich nicht mit einer his­to­ris­ti­schen, also strikt rela­ti­vis­ti­schen Posi­ti­on abfin­den, und gewiss wäre er auch mit deren neu­en post­mo­der­nen respek­ti­ve kon­struk­ti­vis­ti­schen Vari­an­ten unzu­frie­den gewe­sen.

 

Zitier­te Lite­ra­tur:

Max Weber: Gesam­mel­te Auf­sät­ze zur Reli­gi­ons­so­zio­lo­gie. Band 1, Tübin­gen: Ver­lag von J.C.B. Mohr (Sie­beck): 1947

Jür­gen Haber­mas: Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns. Band 1, Frank­furt a.M.: Suhr­kamp Ver­lag 1981

 

 

 

 

 

Die­ser Text ist erst­mals in agora42 EUROPA erschie­nen.