Man muss das Richtige tatsächlich tun – Luise Tremel im Interview

Man muss das Richtige tatsächlich tun

Inter­view mit Lui­se Tre­mel

 

© Kath­rin Borer “Don’t sell me fear”, 2016

Anlässlich der neuen agora42 WA(H)RE ANGST haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Luise Tremel. Sie spricht über die motivierende Kraft zum Handeln, die Anerkennung für politische Arbeit, die zwei Arten von Hoffnung und über die Tapferkeit  …

 

Frau Tre­mel, vie­le Men­schen bli­cken zur­zeit mit Sor­ge in die Zukunft. An die gro­ßen Gesell­schafts­ent­wür­fe glaubt heu­te kei­ner mehr. Wie aber kann man den­noch Zukunft gestal­ten, wenn man kein Bild mehr von ihr hat an das man glau­ben kann?

Luise Tremel

Lui­se Tre­mel (*1983) ist Mit­glied der Geschäfts­füh­rung des Start-ups INJU und Fel­low der FUTURZWEI. Stif­tung Zukunfts­fä­hig­keit, für die sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren als Redak­teu­rin tätig war. Die Dyna­mi­ken lang­fris­ti­ger gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­rungs­pro­zes­se ste­hen im Mit­tel­punkt ihrer For­schungs­ar­beit am Nor­bert Eli­as Cen­ter for Trans­for­ma­ti­on Design and Rese­arch der Euro­pa-Uni­ver­si­tät Flens­burg. Lui­se Tre­mel stu­dier­te Geschich­te und Lite­ra­tur­wis­sen­schaf­ten in Har­vard und Lon­don und lebt in Ber­lin. Foto: FUTURZWEI / Jens Gyar­ma­ty

Die Fra­ge ist ja, was man braucht, um mit dem Gestal­ten anzu­fan­gen — ob das wirk­lich eine Visi­on ist, z.B. in Form eines Gesell­schafts­ent­wurfs, oder ob es eher um den gewis­sen Druck geht, der aus Sor­ge oder Angst ent­steht, oder ob viel­leicht ein­fach ein Anwen­dungs­be­reich gebraucht wird, in dem man per­sön­lich aktiv wer­den kann, eine Spiel­wie­se.

Wenn ich auf die kol­lek­ti­ven Mythen unse­rer Gegen­wart schaue – also auf Fil­me, die jeder jun­ge Mensch gese­hen hat, von Har­ry Pot­ter über Ava­tar und Herr der Rin­ge bis hin zu allen Comic-Super­hel­den –, dann tei­len alle ein zen­tra­les Motiv, näm­lich dass das Dunk­le, Böse, Zer­stö­re­ri­sche gewin­nen könn­te. Das, was Angst machen könn­te oder auch macht, muss des­halb von den Hel­den und weni­gen Hel­din­nen auf­ge­hal­ten oder ver­hin­dert wer­den. Und genau dar­aus ent­steht die Kraft zum eige­nen Han­deln.

Beim „Gestal­ten”, das Sie mei­nen, scheint mir das ganz ähn­lich zu sein: Dadurch, dass die Zukunft in den letz­ten Jah­ren dun­kel gewor­den ist, steht wie­der etwas auf dem Spiel. Das, was ich als Ein­zel­ne für eine bes­se­re Zukunft tue, ist auf ein­mal von erheb­li­cher Bedeu­tung, weil ja die Gefahr besteht, dass es schlecht kommt, wenn ich nichts tue. Das hat mei­nes Erach­tens eine enor­me moti­vie­ren­de Kraft – wenn man es schafft, eine per­sön­li­che oder kol­lek­ti­ve Visi­on davon zu ent­wi­ckeln, was man errei­chen möch­te (die aber kein „gro­ßer Gesell­schafts­ent­wurf“ zu sein braucht). Und wenn man Zutritt zu einer Spiel­wie­se hat, auf der man über­haupt mit­ge­stal­ten darf. Wenn man also irgend­ei­nen Ort fin­det, an dem die eige­nen Fähig­kei­ten rele­vant sind und an dem es irgend­wie mög­lich ist, etwas zu bewir­ken. Wenn Letz­te­res fehlt, bleibt nichts übrig, als sich pas­siv zu füh­len und sich zu fürch­ten – und das ist ent­setz­lich.

 

Man kann sich des Gefühls nicht erweh­ren, dass die Poli­tik den heu­ti­gen Pro­ble­men nicht mehr gewach­sen ist. Wor­an liegt das? Ist das ein struk­tu­rel­les Pro­blem oder haben wir die fal­schen Poli­ti­ker?

Irgend­wie haben wir auch die fal­schen Poli­ti­ker, ja, aber das kann man den Poli­ti­kern nicht vor­wer­fen, fin­de ich. Ich habe gigan­ti­sche Ach­tung vor jeder Per­son, die sich für ein Leben als Poli­ti­ker oder Poli­ti­ke­rin ent­schei­det, mit end­lo­sen Arbeits­zei­ten, per­ma­nen­tem Rin­gen um Lösun­gen teil­wei­se absur­der Pro­ble­me, gren­zen­lo­ser Öffent­lich­keit, Häme auf allen Ebe­nen. Und das ist gleich­zei­tig auch das Pro­blem, denn zumin­dest in Deutsch­land sehe ich für qua­li­fi­zier­te Leu­te kaum Anrei­ze, in die Poli­tik zu gehen – abge­se­hen von die­ser frag­wür­di­gen Beloh­nung „Macht“. In den USA zum Bei­spiel ist das anders, da ist die grund­sätz­li­che Aner­ken­nung für poli­ti­sche Arbeit, mone­tär wie ide­ell, gigan­tisch viel grö­ßer.

Ich wür­de mir sehr wün­schen, dass sich die gro­ßen Pro­ble­me unse­rer Zeit poli­tisch lösen lie­ßen, aber das ist mei­nes Erach­tens über­haupt nur denk­bar, wenn die Ach­tung vor der Poli­tik und dem poli­ti­schen Per­so­nal wie­der steigt. Dazu kön­nen Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker selbst auch etwas bei­tra­gen, aber ich hal­te das wirk­lich für eine gemein­schaft­li­che Übung in Respekt, Aner­ken­nung und Ver­ständ­nis­be­reit­schaft. Denn die Struk­tur der Her­aus­for­de­run­gen, die es zu bewäl­ti­gen gilt, vom Kli­ma über Unge­rech­tig­keit (bei­de wie­der­zu­fin­den in glo­ba­len Flucht­be­we­gun­gen) bis hin zu Daten­mo­no­po­len, lässt die größ­ten­teils natio­nal aus­ge­rich­te­te Poli­tik nicht beson­ders stark aus­se­hen. Poli­tik wird sich des­halb sicher­lich auch struk­tu­rell wan­deln müs­sen; ohne eine ande­re Hal­tung von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern zur Poli­tik wird das mei­nes Erach­tens aber wenig brin­gen.

 

Die Pro­ble­me, mit denen wir uns kon­fron­tiert sehen – bspw. Erd­er­wär­mung, außer Kon­trol­le gera­te­ne Finanz­märk­te und Geheim­diens­te, Lob­by­is­mus und zuneh­men­de Ungleich­heit –, schei­nen über­mäch­tig. Den­noch haben Sie die Hoff­nung noch nicht auf­ge­ge­ben. Woher neh­men Sie die Kraft zu hof­fen?

Für mich gibt es zwei­er­lei Hoff­nung. Ers­tens die Hoff­nung, dass irgend­wann alles gut wird, allen Pro­ble­men zum Trotz, und ande­rer­seits die Hoff­nung, dass das, was man dafür tut, einen ent­schei­den­den posi­ti­ven Effekt haben wird.

Im ers­ten Sin­ne bin ich gar nicht beson­ders hoff­nungs­voll. Ich kann mir kaum rea­lis­ti­sche Wege vor­stel­len, auf denen sich all die­se Pro­ble­me lösen las­sen, noch dazu gleich­zei­tig, noch dazu glo­bal. Das ist aber für mein per­sön­li­ches Han­deln – und auch für mei­nen all­täg­li­chen Grad von Zuver­sicht – gar nicht so wich­tig, denn ent­schei­dend ist die zwei­te Art von Hoff­nung: die Hoff­nung, dass schon etwas Gutes ent­ste­hen wird, wenn ich mich für etwas Gutes ein­set­ze.

Ent­schei­dend ist die zwei­te Art von Hoff­nung: die Hoff­nung, dass schon etwas Gutes ent­ste­hen wird, wenn ich mich für etwas Gutes ein­set­ze.

Die­se Hoff­nung wird bei mir in den letz­ten Jah­ren immer stär­ker, da kom­men näm­lich alle mei­ne Arbeits­be­rei­che zum sel­ben Ergeb­nis; da deckt sich das, was ich aus ver­gan­ge­nen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen weiß, mit dem, was ich bei ein­zel­nen Nach­hal­tig­keit­spio­nie­ren in der Gegen­wart sehe, und auch mit mei­nen per­sön­li­chen Erfah­run­gen auf mei­ner eige­nen Suche nach Wegen, posi­tiv zu wir­ken.

Näm­lich: Wenn man etwas tut, was man rich­tig fin­det, ist gar nicht so wich­tig, ob man gleich „gewinnt“. Viel wich­ti­ger ist, dass man die­ses Rich­ti­ge tat­säch­lich tut – und zwar ist es das sowohl für einen selbst als auch für alle ande­ren, die das sehen. Für die Han­deln­de selbst bedeu­tet die­ses Han­deln Frei­heit – von Angst, von Star­re, von Ohn­macht, von dem beschä­men­den Gefühl, es sich zu ein­fach gemacht zu haben. Und “allen ande­ren” wird dadurch ein Bei­spiel geschenkt, von dem sie sich inspi­rie­ren las­sen kön­nen, das ihnen Mut machen kann. Oder auch ein Pro­jekt, dem sie sich anschlie­ßen kön­nen, eine Spiel­wie­se im oben genann­ten Sinn. Die­se ande­ren kön­nen auch für die zuerst Han­deln­de ein gro­ßer Quell von Hoff­nung sein: Wenn man erst­mal etwas tut, was irgend­wie groß­ar­tig ist, kom­men (hof­fent­lich) schnell alle mög­li­chen Men­schen, die man nicht kennt und mit denen man nicht gerech­net hat, und wol­len unter­stüt­zen oder mit­ma­chen.

Zusam­men­ge­fasst: Ich wür­de die­se „klei­ne“ Hoff­nung nie auf­ge­ben, weil sich in der Gegen­wart des eige­nen Han­delns unmög­lich erken­nen lässt, ob man gera­de Erfolg hat oder nicht. Man kann mit etwas auf gan­zer Linie schei­tern, damit aber jemand ande­ren, irgend­wo anders auf der Welt und auch zu einer ande­ren Zeit, so tief beein­dru­cken, dass am Ende doch ein Erfolg steht. Dar­auf muss man es wohl ankom­men las­sen.

 

Ist es mög­lich, kei­ne Angst zu haben? Und wäre das gut?

Ob das mög­lich ist, hängt sehr stark von der eige­nen Per­sön­lich­keit ab. Ich bin in mei­ner Grund­struk­tur eher sor­gen­voll, ande­re Men­schen in mei­nem Umfeld haben sehr wenig Angst. Ent­schei­dend für mich ist, was man aus der eige­nen Angst macht; inso­fern glau­be ich, es wür­de nicht hel­fen, wenn nie­mand mehr Angst hät­te.

Tap­fer­keit ist das rech­te Maß zwi­schen Furcht und Über­mut.

Ein befreun­de­ter Phi­lo­soph hat mich dar­auf auf­merk­sam gemacht, wel­ches Ver­ständ­nis die grie­chi­sche Phi­lo­so­phie von der Tap­fer­keit hat­te: Die ist näm­lich das rech­te Maß zwi­schen Furcht und Über­mut. Eine Per­son, die vor einer Her­aus­for­de­rung schlot­ternd weg­läuft, ist nicht tap­fer; eben­so­we­nig ist das aber jemand, der sich ohne jedes Zögern in die Gefahr stürzt. Tap­fer­keit misst sich dar­an, dass man sich die Gefahr – und auch die Mög­lich­keit des Schei­terns – bewusst macht und den­noch für das ein­steht, wor­an man glaubt. Dann stellt sich noch die Fra­ge, wofür es sich lohnt, tap­fer zu sein, also wel­che Schlach­ten man lie­ber mei­det, wel­chen man sich aber stel­len möch­te. Und das ent­schei­det man laut mei­nem Phi­lo­so­phen­freund mit dem Her­zen. Zen­tral für die Ent­schei­dung, an wel­cher Stel­le man das rech­te Maß zwi­schen Furcht und Über­mut auf­brin­gen möch­te, ist also die Lie­be. Das gefällt mir.

 

Herz­li­chen Dank, Frau Tre­mel.

 

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wahre angstDie neue agora42 zum Thema WA(H)RE ANGST

mit

  • Heinz Bude im Inter­view
  • Frank Ruda: “Mut zur Angst”
  • Franz Kaf­ka im Por­trät
  • Spe­cial: Kunst­wer­ke zum The­ma von Jonas Bur­gert, Roger Bal­len, Sami­ra Frei­tag uvm.

Democracy or capitalism

Fol­gen­den Vor­trag hat Wolf­ram Bern­hardt am 27. Okto­ber 2017 in der Main Public Libra­ry of Copen­ha­gen im Rah­men der Ver­an­stal­tungs­rei­he “Euro­pe – Mani­festo!” gehal­ten. Die­se Ver­an­stal­tungs­rei­he wird orga­ni­siert von der Main Public Libra­ry of Copen­ha­gen, dem ATLAS Magasin, dem Goe­the Insti­tut Däne­mark und dem Insti­tut Fran­cais.

 

Democracy or capitalism

 

The point I want to make is strai­ght­for­ward and effec­tive. We are in a situa­ti­on whe­re we have to deci­de bet­ween demo­cra­cy and capi­ta­lism.

It has beco­me more and more obvious that in the radi­cal form of each con­cept, one con­cept exclu­des the other.

 

Wolf­ram Bern­hardt stu­dier­te BWL mit dem Schwer­punkt auf Finanz- und Kapi­tal­märk­te. Er ist Grün­der und Her­aus­ge­ber der agora42.

For a long time we thought that we can com­bi­ne the­se two con­cepts. That a demo­cra­tic socie­ty can regu­la­te capi­ta­lism. In Ger­ma­ny we have a won­der­ful word for this sce­n­a­rio “Sozia­le Markt­wirt­schaft” – soci­al mar­ket eco­no­my. Howe­ver, this is not capi­ta­lism.

Recent­ly, the Ger­man chan­cellor Ange­la Mer­kel pro­po­sed ano­t­her con­cept of how the­se two con­cepts can be com­bi­ned, which she cal­led “markt­kon­for­me Demo­kra­tie” What she meant with this was to align demo­cra­cy with the mar­kets. Howe­ver, that is not demo­cra­cy.

Unfor­tu­n­a­te­ly it beco­mes more and more obvious that this was not only a pro­po­sal, but actual­ly a very pre­cise descrip­ti­on of what we have wit­nessed over the last few years: a vol­un­ta­ry sub­or­di­na­ti­on of demo­cra­tic insti­tu­ti­ons to the mar­kets.

Ange­la Mer­kel said the­se famous wor­ds when most of the par­lia­ments around the world set up bail-out packa­ges in order to save the banks. The logic behind this rea­so­n­ing was quiet simp­le: If the banks go bankrupt, we will face glo­bal reces­si­on, mil­li­ons of jobs will be lost and we will enter a peri­od of cha­os and tur­moil.

In order to pre­vent this deva­sta­ting sce­n­a­rio bankrupt­ing the world, bil­li­ons of dol­lars whe­re spent to bail out and save tho­se who actual­ly cau­sed this situa­ti­on. And all this hap­pen­ed as poli­ti­ci­ans around the world united – pro­bab­ly for the first time in histo­ry – in the belief, that the­re was no alter­na­ti­ve.

Sin­ce then all major cen­tral banks redu­ced their inte­rest rates in a his­to­ri­cal low. Even though this was meant to sti­mu­la­te growth most of this money never left the finan­ci­al indus­try. Hence this money did not lead to eco­no­mic growth. What it did lead to was to an infla­ti­on of finan­ci­al asset pri­ces, an increa­se in ine­qua­li­ty and hig­her vola­ti­li­ty.

I am sure non of this is new to you. You are pro­bab­ly asking yours­elf why I con­si­der this topic worth tal­king about while deba­ting the sta­te and future of Euro­pe?

Let me give you three ans­wers to this ques­ti­on:

 

First­ly: I con­si­der the incredi­ble power the finan­ci­al indus­try has gai­ned not only in Euro­pe, but world­wi­de as a thre­at equal­ly dan­ge­rous to our socie­ty as glo­bal war­ming – espe­ci­al­ly as we will not be able to effec­tively tack­le glo­bal war­ming if we aren’t able to regu­la­te the finan­ci­al indus­try.

Why is that? Becau­se glo­bal war­ming is a result of eco­no­mi­c­al growth. And becau­se the finan­ci­al indus­try depends on eco­no­mic growth in order to earn the expec­ted inte­rest on the respec­tive inco­me.

In a situa­ti­on whe­re the world GDP equals 73 tril­li­on US$ (2015) and the sum of all sha­res, bonds and deri­va­ti­ves equals approx. 763 tril­li­on US$, the pres­su­re from the finan­ci­al indus­try on the eco­no­my to deli­ver the nee­ded growth rate is tre­men­dous.

The effect of a gro­wing eco­no­my on glo­bal war­ming can also be seen when loo­king at the glo­bal CO2 emis­si­on in 2009 – the year the finan­ci­al cri­sis lead to the worst reces­si­on after WW2: As the world eco­no­my was tumb­ling in 2009 we were howe­ver able to obser­ve a decrea­se in glo­bal CO2 emis­si­ons for the first time in 27 years.

To sum­ma­ri­ze my first point: If the world is gone(destroyed), Euro­pe is also gone. So we bet­ter think about ways to pre­vent this from hap­pe­ning.

 

 

Second­ly I don’t see any other sta­te or nati­on or supra­na­tio­nal insti­tu­ti­on being bet­ter sui­ted to start regu­la­ting the finan­ci­al indus­try.

Why is that? As a result of the finan­ci­al cri­sis Euro­pe has not only seen an eco­no­mi­c­al cri­sis, but has also expe­ri­en­ced a major cri­sis in demo­cra­cy.

At least that is what I call a situa­ti­on,

  • when par­lia­ments had not­hing to say, as bil­li­ons of tax payers money was used to save the banks;
  • when governments whe­re forced to repay their debts in order to save the Ger­man and French banks from rea­li­sing a loss;
  • when we accept that the pre­si­dent of the Euro­pean Com­mis­si­on was respon­si­b­ly for set­ting up Luxem­bourg as a tax haven wit­hin the Euro­pean Uni­on that costs the fel­low mem­ber sta­tes bil­li­ons of Euros;

 

You might argue that this is not­hing spe­ci­fi­cal­ly Euro­pean, but in con­trast to the US, the­re is still hope. Com­pa­red to the US, whe­re the finan­ci­al indus­try employs five lob­by­ists for each mem­ber of con­gress, the lob­by situa­ti­on in Euro­pe is still much bet­ter – despi­te it wor­se­ning at a freigh­ten­ing pace.

We have access to pro­ven con­cepts of how the eco­no­my can work without just aiming for the maxi­mum pro­fit, be it in agri­cul­tu­re, be it in soci­al and health care or even in pri­sons – did you know that the pri­son indus­try as a who­le accoun­ted for over $5 bil­li­on in 2011 in the US?

I fur­t­her belie­ve that most of the inde­pen­dent move­ments we wit­ness in Euro­pe stem from a desi­re for more self asser­tiveness, which is an ori­gi­nal demo­cra­tic impul­se. It is also worth remem­be­ring that demo­cra­cy liter­al­ly trans­la­ted means “rule of the peop­le” and is made up of a 99% majo­ri­ty and not the 1%.

By remem­be­ring this very basic truth I sug­gest we empha­si­ze three princi­ples of demo­cra­cy that distan­ce it from capi­ta­lism.

  • Demo­cra­cy – at least how we under­stand it fur­t­her stands for trans­pa­r­en­cy, whe­re­as capi­ta­lism stands for con­fi­den­tia­li­ty.
  • Demo­cra­cy is about the equa­li­ty befo­re the law. This idea beco­mes a far­ce when indi­vi­du­als or com­pa­nies can afford the best lawy­ers or when pri­va­te law com­pa­nies even for­mu­la­te the laws, which are pas­sed by con­gress.
  • Demo­cra­cy advo­ca­tes the idea that all peop­le are gran­ted some ina­li­en­ab­le rights. The only right that exists wit­hin capi­ta­lism is the right to buy wha­te­ver one wants as long as one can pay the pri­ce. Or to put it the other way round: If you don’t have money, you don’t have any rights.

 

Third, demo­cra­cy means free­dom whe­re­as capi­ta­lism in its ulti­ma­te form sym­bo­li­zes the road to serf­dom.

Even though capi­ta­lists or as they call them­sel­ves nowa­days “evan­ge­lists of free mar­ket eco­no­my” gene­ral­ly assu­me that free mar­kets and com­pe­ti­ti­on lead to a maxi­mum of per­so­nal free­dom, they are mista­ken.

Free­dom wit­hin capi­ta­lism is like let­ting a vege­ta­ri­an choo­se bet­ween a steak and a fat­ty sau­sa­ge. The ques­ti­on in capi­ta­lism is not whe­ther we aim for more soci­al jus­ti­ce or a more sustain­ab­le way of life, the ques­ti­on is always: How do I get the hig­hest return on my invest­ment?

As if that were not enough, free­dom in capi­ta­lism is always restric­ted to the very few peop­le at the top. The so cal­led free mar­ket eco­no­my whe­re each indus­try is ulti­mate­ly domi­na­ted by a mono­po­ly or by an oli­go­po­ly. For examp­le:

  • In the tele­com­mu­ni­ca­ti­on indus­try the top four com­pa­nies domi­na­te 42,6 % of the total mar­ket
  • In the pri­va­te equi­ty indus­try the top four com­pa­nies domi­na­te 65,8 % of the total mar­ket
  • In Ger­ma­ny only 1% of all com­pa­nies are respon­si­ble for 66% of all eco­no­mic activi­ties.
  • And in the digi­tal indus­try it’s even worse, look at Face­book, Ama­zon and Goog­le

 

This situa­ti­on ist not only restric­ted to the eco­no­my, but even­tual­ly leads to a neo­feu­dal socie­ty were your birth deci­des more about your care­er, your net­work, your dis­po­sable wealth than every effort a less lucky per­son under­ta­kes throug­hout his who­le life­time.

 

If that isn’t the visi­on we have for Euro­pe, we bet­ter remem­ber what demo­cra­cy means to us. First of all and most import­ant­ly, demo­cra­cy means free­dom becau­se the fun­da­men­tal mista­ke of all liber­ta­ri­ans and evan­ge­lists of free mar­ket eco­no­my is that unrestric­ted free­dom ulti­mate­ly leads to des­po­tism to the rule for the few strong ones.

Demo­cra­cy howe­ver means, that we have the free­dom to defi­ne the limits, the bounda­ries of our actions by our­sel­ves. That we can accept the limits to growth, that we can incorpo­ra­te human rights and the values of enlight­ment into a frame­work that leads our collec­tive actions.

 

So Euro­pe is at a cross­roads. We have to deci­de if we con­ti­nue the path we have taken. The path which ulti­mate­ly leads to serf­dom. Or if we trust in the com­mon sen­se of all citi­zens and that the deci­si­ons we take collec­tively will pave a way in the future that bet­ter meets our expec­ta­ti­ons from an enligh­te­ned socie­ty. A future capi­ta­lism will never be able to offer.

 

Am 18.11.2017 fin­det die nächs­te Ver­an­stal­tung in die­ser Rei­he statt. Zu Gast wer­den die­ses Mal Nina Power und Dr. Jörg Schaub sein.

Gegen die Angst – Interview mit Margarete Mitscherlich und Julia Friedrichs

In der Aus­ga­be 2/12 “jung&alt – Gene­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit” führ­ten wir ein Inter­view mit der Gran­de Dame der Psy­cho­ana­ly­se Marag­re­te Mit­scher­lich, die am 12. Juni 2012 ver­starb, und der 62 Jah­re jün­ge­ren Julia Fried­richs. Das Inter­view trägt den Titel “Gegen die Angst” und passt nicht nur auf­grund des Titels, son­dern vor allem auch auf­grund des Inhalts zur aktu­el­len Aus­ga­be. Wir wün­schen viel Freu­de bei der Lek­tü­re.

 

Gegen die Angst

 

Interview mit Margarete Mitscherlich und Julia Friedrichs

 

Frau Mit­scher­lich, was unter­schei­det jün­ge­re von älte­ren Men­schen?

M: Dass die Jugend den Groß­teil ihres Lebens noch vor sich hat, wäh­rend ich schon an mei­nen fünf Fin­gern abzäh­len kann, wann ich ins Gras bei­ßen muss.

 

Und in Bezug auf Wer­te und Ein­stel­lun­gen?

Mar­ga­re­te Mit­scher­lich-Niel­sen wur­de 1917 in Däne­mark gebo­ren. Die Toch­ter eines däni­schen Arz­tes und einer deut­schen Leh­re­rin stu­dier­te Medi­zin und Lite­ra­tur in Mün­chen und Hei­del­berg und wur­de 1950 in Tübin­gen zum Dr. med. pro­mo­viert. 1947 traf sie in der Schweiz den Arzt und Psy­cho­ana­ly­ti­ker Alex­an­der Mit­scher­lich (1908–1982), den sie 1955 hei­ra­te­te. Gemein­sam mit Alex­an­der Mit­scher­lich bemüh­te sie sich nach dem Krieg um die Wie­der­be­le­bung der Psy­cho­ana­ly­se in Deutsch­land. 1960 war sie Mit­be­grün­de­rin des Sig­mund-Freud-Insti­tuts in Frank­furt, wo sie fort­an vor­ran­gig arbei­te­te, und fun­gier­te vie­le Jah­re als Her­aus­ge­be­rin der Zeit­schrift Psy­che. Gemein­sam mit ihrem Mann ver­öf­fent­lich­te sie 1967 das Buch Die Unfä­hig­keit zu trau­ern, das zu einem der wich­tigs­ten Bücher für die Aus­ein­an­der­set­zung der Deut­schen mit dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regime wur­de. Es folg­ten unter ande­rem die Bücher Die fried­fer­ti­ge Frau (1985), Die Zukunft ist weib­lich (1987), Die Müh­sal der Eman­zi­pa­ti­on (1990) und Die Radi­ka­li­tät des Alters (2010). Mar­ga­re­te Mit­scher­lich leb­te bis zu ihrem Tod in Frank­furt am Main.

M: In der Jugend ist man schon sehr viel mehr auf Zukunft ein­ge­stellt. Man hat bestimm­te Zie­le, die man errei­chen, und bestimm­te Inter­es­sen, die man ver­fol­gen will. Ich per­sön­lich habe mich immer sehr für ande­re Men­schen und deren Leben inter­es­siert. Wie den­ken sie, was tun sie? Ich war immer ein gro­ßes Mut­ter­kind und habe mich sehr auf mei­ne Mut­ter ein­ge­stellt, woll­te wis­sen, was in ihr vor­geht. Das waren mei­ne Inter­es­sen, und wenn Sie so wol­len, ist das auch spä­ter mein Beruf gewor­den.

 

Frau Fried­richs, den­ken Sie, es gibt spe­zi­fisch jun­ge und alte Per­spek­ti­ven auf das Leben?

F: Ich den­ke, theo­re­tisch ist es schon so, wie Frau Mit­scher­lich sagt: In der Jugend befin­det man sich in einer Auf­bruch­pha­se; man will Din­ge ver­än­dern. Das ist auch das Bild, das ich von Jugend hat­te, bevor ich mit mei­nen Recher­chen für mein letz­tes Buch begann. Was ich aber her­aus­ge­fun­den habe, ist, dass die­ses Bild für die jet­zi­ge jun­ge Gene­ra­ti­on nicht mehr so recht zutrifft. Denn ich bin oft­mals auf ver­zag­te, ver­ängs­tig­te Leu­te getrof­fen, die in vie­lem rück­wärts­ge­wand­ter sind als die mitt­le­re Gene­ra­ti­on. Die­ses Auf­bre­chen, das Wis­sen, wo man hin­will, und das Anpa­cken­wol­len von Din­gen – vie­le Jugend­li­che glau­ben, sich das nicht mehr leis­ten zu kön­nen. Vie­le Jugend­li­che, die ich nach ihren Zie­len befrag­te, hat­ten die Vor­stel­lung, sich mit ihren Ehe­part­nern in ihren Häu­sern ein­zu­bau­en und alles Frem­de und auch Leben­di­ge außen vor zu las­sen.

 

Woher rührt die­se Angst? Die Jugend­li­chen wach­sen doch in einem sehr siche­ren Umfeld auf.

M: Ich bin im Ers­ten Welt­krieg gebo­ren wor­den, als eine Welt zusam­men­brach. Die Frau­en nach dem Ers­ten Welt­krieg bra­chen in eine neue Welt auf. Dies wur­de bereits an der stark ver­än­der­ten Klei­dungs­wei­se deut­lich. Die Frau­en hat­ten plötz­lich einen Bubi­kopf und tru­gen kur­ze Klei­der. Es war aber auch eine gefähr­li­che Zeit, ein ein­zi­ger Auf­ruhr mit vie­len Gefah­ren: Bom­ben, Hit­ler, Tod – end­los. Es war eben ganz anders als heu­te, wo sich alles nur noch um Sicher­heit dreht. Ich habe noch nie in mei­nem Leben so sicher gelebt wie in den letz­ten Jahr­zehn­ten. Die Men­schen waren in die­sen gefähr­li­chen Zei­ten sehr viel auf­bruchs­lus­ti­ger. Heu­te sind sie viel ängst­li­cher.

F: Ich glau­be, das ist eine gefühl­te Angst. Ich wur­de schon bei mei­nem Start ins Berufs­le­ben mit dem Gere­de über die Kri­se kon­fron­tiert, das einem heu­te über­all ent­ge­gen­schlägt. Des­halb ver­ste­he auch, dass das die Jün­ge­ren belas­tet. Aber trotz allem ist das kei­ne exis­ten­zi­el­le Angst. Den­noch scheint die­se eigen­ar­ti­ge gefühl­te Angst die Leu­te sehr zu läh­men.

 

Ent­steht die­se Angst dadurch, dass man sich nur als Räd­chen in einem schein­bar alter­na­tiv­lo­sen Sys­tem begreift, das kei­ne Mög­lich­keit zur Abgren­zung bie­tet? In dem es kei­nen Raum für die eige­ne Lebens­ge­stal­tung gibt?

Julia Fried­richs wur­de 1979 in Gronau/Westfalen gebo­ren. Sie stu­dier­te Jour­na­lis­tik in Dort­mund und Brüs­sel. Nach einem Volon­ta­ri­at beim West­deut­schen Rund­funk arbei­tet sie heu­te als freie Auto­rin von Fern­seh­re­por­ta­gen und Maga­zin­bei­trä­gen, unter ande­rem für die WDR-Redak­ti­on die sto­ry und für die Zeit. Einem grö­ße­ren Publi­kum wur­de sie durch eine Zei­tungs­re­por­ta­ge über die Unter­neh­mens­be­ra­tung McK­in­sey bekannt. Um her­aus­zu­fin­den, wie Bera­ter­fir­men arbei­ten, nahm sie dort 2006 an einem Rekru­tie­rungs­pro­zess für Nach­wuchs­be­ra­ter teil – eine ver­deck­te Recher­che. Als sie von McK­in­sey tat­säch­lich ein Job­an­ge­bot bekam, lehn­te sie ab und ver­zich­te­te damit auf einen Dienst­wa­gen sowie 67.000 Euro Ein­stiegs­ge­halt. Zuletzt sind von ihr die Bücher Gestat­ten: Eli­te. Auf den Spu­ren der Mäch­ti­gen von mor­gen (2008), Deutsch­land drit­ter Klas­se. Leben in der Unter­schicht (mit Eva Mül­ler und Boris Baum­holt, 2009) und Idea­le. Auf der Suche nach dem, was zählt (2011) erschie­nen. Julia Fried­richs lebt in Ber­lin.

F: Es gibt sehr viel, woge­gen man sich abgren­zen könn­te. Es wird ja immer gesagt: „Die 68er haben alles libe­ra­li­siert – woge­gen sol­len wir jetzt revol­tie­ren?“ Aber wir könn­ten bei­spiels­wei­se gegen die kom­plett durch­öko­no­mi­sier­te Welt revol­tie­ren, dage­gen, dass wir uns der Wirt­schaft unter­wer­fen sol­len, dass wir Jobs haben, die uns völ­lig aus­lau­gen. Wir könn­ten dage­gen revol­tie­ren, dass es in Deutsch­land wie­der mehr Arme gibt als frü­her …

 

Fehlt es womög­lich an einem gemein­schaft­li­chen Ziel? Etwas, wofür wir uns begeis­tern kön­nen? Etwas, bei dem wir kei­ne Angst hät­ten, weil wir davon über­zeugt sind, dass wir etwas Sinn­vol­les tun?

M: Es ist sicher­lich sinn­voll, die Zie­le wei­ter zu ste­cken; das Ide­al zu haben, dass es mög­lichst vie­len Men­schen gut gehen soll. Das ist kei­ne Fra­ge.

F: Aber dafür müss­te man auch Zuver­sicht ver­brei­ten. Was ich höre, seit ich 18 bin, ist Fol­gen­des: „Mit ganz viel Glück wird es dir so gut gehen wie dei­nen Eltern.“ Das heißt, es wur­de einem ein­ge­impft, dass es immer dar­um geht, den Sta­tus quo zu bewah­ren. Wenn man nicht gesagt bekommt: „Es gibt einen Platz für dich, da gehörst du hin, da kannst du anfan­gen, dich als Mensch zu ent­fal­ten“, dann lässt das einen ziem­lich ver­za­gen.

 

Bis zu der Gene­ra­ti­on der heu­te 30- bis 40-Jäh­ri­gen ging es den Nach­kriegs­ge­ne­ra­tio­nen – gemes­sen am Wohl­stand – immer bes­ser. Der Fort­schritt war qua­si sys­tem­im­ma­nent. Und die­ser Fort­schritts­ge­dan­ke hat­te sinn­stif­ten­de Funk­ti­on. Liegt das Pro­blem heu­te auch dar­in, dass der Fort­schritts­be­griff nicht mehr funk­tio­niert?

F: Der Fort­schritts­be­griff müss­te neu gedacht wer­den. „Bes­ser“ kann nicht hei­ßen, mehr zu kon­su­mie­ren. Wir kön­nen nicht gewähr­leis­ten, dass die jun­ge Gene­ra­ti­on mehr Güter haben wird – das braucht sie eigent­lich auch nicht. Aber wir kön­nen gewähr­leis­ten, dass die Jun­gen einen Platz bekom­men, an dem sie sich ent­fal­ten kön­nen und an dem sie sich zu Hau­se füh­len. Wir müs­sen Fort­schritt als Fort­schrei­ten in ein gutes Leben für mög­lichst vie­le Leu­te begrei­fen.

M: Statt sich immer nur am mate­ri­el­len Wohl­stand zu ori­en­tie­ren, soll­te man sich mehr um den ande­ren küm­mern, ihn ver­ste­hen ler­nen und ent­spre­chend han­deln. Nicht umsonst lau­tet die Gol­de­ne Regel: „Behand­le ande­re so, wie du von ihnen behan­delt wer­den willst.“ Wer für den ande­ren Gefüh­le ent­wi­ckelt und danach han­delt, hat ein gutes Leben. Ihm wird dann deut­lich, dass der ande­re genau­so viel wert ist wie er selbst.

F: Genau das mein­te ich mit der Neu­de­fi­ni­ti­on von Fort­schritt. Nur ist in den letz­ten Jah­ren im Bereich Bil­dung und Aus­bil­dung genau das Gegen­teil pas­siert: Man hat per­ma­nent den Kon­kur­renz­druck und die Anfor­de­run­gen erhöht. Bei­spiels­wei­se wird man als Bache­lor­stu­dent per­ma­nent gerankt; stän­dig geht es dar­um, ob man wei­ter mit ihm Boot blei­ben darf. Das ist nicht unbe­dingt eine Situa­ti­on, in der die Leu­te sagen: „Oh, ich lie­be jetzt erst mal mich selbst und mei­nen Nächs­ten.“ Aber ich glau­be, genau da muss man wie­der hin­kom­men.

 

Wür­de das nicht bedeu­ten, dass wir unse­ren kom­plet­ten All­tag revo­lu­tio­nie­ren müs­sen – die Art und Wei­se, wie man mit­ein­an­der umgeht? Und das kom­plet­te Aus­bil­dungs­sys­tem auf den Kopf stel­len müss­te?

F: Man könn­te zunächst ein­mal die Ent­wick­lung des Schul­sys­tems in den letz­ten zehn Jah­ren wie­der rück­gän­gig machen. Man hat in den letz­ten Jah­ren vie­le „Refor­men“ gemacht, die den All­tag von jun­gen Leu­ten zusam­men­ge­presst und ihnen Frei­raum genom­men haben. Da braucht man sich nicht zu wun­dern, dass das Ergeb­nis eine rela­tiv ver­zag­te Grup­pe ist. Und wenn man sich bei­spiels­wei­se die Stu­die Deut­sche Zustän­de ansieht, stellt man fest, dass aus die­ser Ver­zagt­heit Feind­se­lig­kei­ten ent­ste­hen – „Wir gegen die“. Ich habe viel vor Gym­na­si­as­ten gele­sen und war erstaunt dar­über, wie abwer­tend sie über Haupt­schü­ler reden. Aber klar, man tritt nach unten. Da muss man auf jeden Fall drei Gän­ge zurück­schal­ten und sagen: „Leu­te, ihr müsst nicht per­ma­nent gegen­ein­an­der kämp­fen.“

M: Könn­te man nicht sagen, dass man den Ver­stand nur auf dem Gebiet ein­setzt, in dem man beruf­lich zu Hau­se ist? Es stu­die­ren immer mehr Leu­te Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. Zu mei­ner Zeit woll­ten wir als Wis­sen­schaft­ler die Welt ver­än­dern, wir woll­ten die Men­schen ver­än­dern. Aber mei­ne Enkel inter­es­siert das über­haupt nicht. Die wol­len in die Wirt­schaft.

 

Könn­te man zusam­men­fas­send sagen, dass die­ses wirt­schaft­li­che Leit­bild – Fort­schritts­glau­be, Wachs­tums­glau­be etc. –, das nach 1945 ent­stan­den ist, für den Men­schen nicht aus­reicht?

M: Nein, das ist trost­los. Die Wirt­schaft ist kein Ziel, das einen befrie­digt. Geld macht nicht glück­lich – das ist ein uraltes Sprich­wort, das auch heu­te noch gilt.

 

Was sind Ihre Idea­le? Was erfüllt Sie?

M: Din­ge an mir selbst zu erken­nen, die ich vor­her nicht gese­hen habe. Das fin­de ich toll. Bei­spiels­wei­se, wenn ich plötz­lich fest­stel­le: „Da hast du aus Neid oder Eifer­sucht gehan­delt, ohne es zu mer­ken.“ Und wenn man so etwas erkennt, ist das eine beson­de­re Befrie­di­gung. Dann kann man sei­ne nega­ti­ven Emo­tio­nen ein biss­chen bes­ser in den Griff bekom­men und fühlt sich viel woh­ler. Neid macht unglück­lich, Neid ist ein sehr unan­ge­neh­mes Gefühl. Man ist glück­lich, wenn man es los ist.

Ein Ide­al ist es natür­lich auch, ande­re Men­schen zu ver­ste­hen und mit ihnen über ihre Gefüh­le spre­chen zu kön­nen. Das ist ja mein Job: Men­schen zu hel­fen, die unglück­lich sind, weil sie das, was sie an sich selbst nicht mögen, andau­ernd auf ande­re pro­ji­zie­ren. „Immer sind die ande­ren schuld“ – wenn man sie davon befrei­en kann, ist das für die­se Men­schen eine gro­ße Erleich­te­rung. Es ist sehr befrie­di­gend zu sehen, dass die Men­schen ler­nen kön­nen, mit ihren Mit­men­schen bes­ser umzu­ge­hen. Dass dann bei­spiels­wei­se auch Ehen nicht geschie­den wer­den müs­sen. Das ist übri­gens inter­es­sant: Trotz Klein­fa­mi­lie wer­den 50 Pro­zent der Ehen geschie­den. Die Men­schen füh­len sich nicht in den ande­ren ein. Bezie­hungs­ar­beit inter­es­siert die Leu­te nicht – Wirt­schaft ist inter­es­san­ter.

 

Was sind Ihre Idea­le, Frau Fried­richs?

F: Auf beruf­li­cher Ebe­ne ist das recht leicht zu sagen: Als Jour­na­lis­tin – ich bin vor allem Repor­te­rin – ist es mein Ide­al, Men­schen eine Stim­me zu geben, die nicht gehört wer­den. Ich habe sehr vie­le Fil­me über arme Leu­te gemacht. Ich woll­te, dass sie nicht instru­men­ta­li­siert und funk­tio­na­li­siert wer­den, son­dern dass sie selbst ihre Lage beur­tei­len und schil­dern kön­nen. Das bedeu­tet, sie zu respek­tie­ren. Idea­le zu nen­nen, die über das Beruf­li­che hin­aus­ge­hen, fällt mir nicht leicht. Vor der Recher­che für das Buch Idea­le wäre mir da rela­tiv wenig ein­ge­fal­len. Ich bin da immer sehr zurück­hal­tend, weil mir vie­le Wenn und Aber ein­fal­len. Aber am Ende der Recher­che stand für mich das Ide­al fest: Soli­da­ri­tät und Zusam­men­halt. Ich bin fest davon über­zeugt, dass es, über die Fami­lie hin­aus, einen Zusam­men­halt geben muss – zum Bei­spiel auch in Stadt­vier­teln. Es muss den Raum geben, in dem ein sol­cher Zusam­men­halt mög­lich ist und in dem sich Men­schen soli­da­risch mit ande­ren füh­len.

M: Oder neh­men wir Euro­pa und Grie­chen­land: Man hat den Euro ein­ge­führt, ohne zu ahnen, was es heißt, eine gemein­sa­me Wäh­rungs­uni­on zu haben, wo alle nur auf Geld aus sind. Wir haben den Euro ein­ge­führt, ohne Bezie­hungs­ar­beit zu leis­ten, ohne gemein­sa­me Geset­ze und Wer­te zu ent­wi­ckeln. Das hät­ten wir zuerst tun müs­sen.

 

Die „Bezie­hungs­ar­beit“, die ins­be­son­de­re die Bou­le­vard­pres­se in Deutsch­land leis­tet, scheint eher anti­eu­ro­päi­sche Res­sen­ti­ments zu schü­ren …

F: Ich habe das Gefühl, dass es in den letz­ten zwei, drei Jah­ren zu mas­si­ven Grenz­über­schrei­tun­gen gekom­men ist. Die Ton­art hat sich geän­dert. Ich glau­be, es ist vor allem eine Fra­ge des Stils. Dass es in Grie­chen­land Kor­rup­ti­on gibt und dass die Behör­den Pro­ble­me haben, Steu­ern ein­zu­trei­ben, kann man nicht von der Hand wei­sen. Aber anstatt zu sagen: „Bei die­sen Pro­ble­men wol­len wir euch hel­fen“, heißt es: „Den grie­chi­schen Rent­nern, die monat­lich 350 Euro zur Ver­fü­gung haben, soll die Ren­te gekürzt wer­den“; oder: „Die Plei­te-Grie­chen wol­len unser Geld“. Die­ser Ton passt defi­ni­tiv nicht zu mei­nem Deutsch­land­bild, das ich vor­her hat­te. Für mich ist das nicht der ein­zi­ge Fall der Grenz­über­schrei­tung. Auch die Art, wie in Deutsch­land über Ein­wan­de­rer gespro­chen wird, hat sich mas­siv ver­än­dert. Was ich in den 80er-Jah­ren sehr geschätzt habe, war, dass man eine Leh­re aus der Nazi­zeit gezo­gen zu haben schien. Es gab ein Ein­ver­ständ­nis, das sich etwa so cha­rak­te­ri­sie­ren lie­ße: „Nein, du darfst nicht sagen, die Tür­ken sei­en so und so; wir Deut­schen dür­fen nie wie­der sagen, dass Leu­te, nur weil sie eine bestimm­te Natio­na­li­tät haben, auch einen bestimm­ten Cha­rak­ter haben.“ Ich habe das Gefühl, dass die­ses Ein­ver­ständ­nis in den letz­ten Jah­ren auf­ge­kün­digt wur­de.

 

Könn­te es sein, dass der Ein­druck getäuscht hat und die­ser schein­bar ver­ständ­nis­vol­le und mode­ra­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stil nur so lan­ge Bestand hat­te, wie es wirt­schaft­lich gut ging?

M: Ich glau­be schon, dass wir alle Euro­pa woll­ten, denn das war nicht so schön mit die­sem total defor­mier­ten, zer­rüt­te­ten Deutsch­land. Aber die Fra­ge ist, ob man durch den schnel­len wirt­schaft­li­chen Auf­bau nach dem Krieg nicht auch zu schnell ver­ges­sen hat, dass wir eigent­lich eini­ges gut zu machen haben. Wir haben schließ­lich den Welt­krieg aus­ge­löst, wir sind schuld an den eige­nen Mil­lio­nen Toten und an den Mil­lio­nen Toten der ande­ren.

 

Und an dem eige­nen kaput­ten Gefühls­le­ben.

M: Genau. Das ist der Grund, war­um ich Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin gewor­den bin. Und das erscheint mir nach wie vor das Wich­tigs­te zu sein: das eige­ne kaput­te Gefühls­le­ben zu repa­rie­ren, über­haupt das Gefühl mehr in den Mit­tel­punkt zu stel­len.

 

 

Ist nach dem Zwei­ten Welt­krieg das Leit­bild der Drei­ei­nig­keit aus Wachs­tum, Wohl­stand, Fort­schritt an die Stel­le des Leit­bilds des Füh­rers getre­ten?

M: Ja, nur dass die bei­den Leit­bil­der so ganz ver­schie­den waren. Das Leit­bild des Füh­rers hat­te unend­lich viel mit Gefühl zu tun. In Kin­der­gär­ten bete­te man für den Füh­rer – er war Gott. Der Füh­rer konn­te alles. Selbst Anti-Nazis sag­ten zum Schluss, als der Krieg offen­sicht­lich längst ver­lo­ren war: „Der Füh­rer wird’s schon schaf­fen, er hat die Wun­der­waf­fe.“ Auch wenn die Leu­te ver­rückt waren, waren man­che unter Hit­ler glück­lich, weil sie von Gefüh­len leb­ten. Und die ver­rück­tes­ten Gefüh­le – näm­lich, dass die Juden Deutsch­lands Unglück sind, dass sie ver­schwin­den sol­len und dass man sich für die Her­ren der Welt hält – waren den­noch die­je­ni­gen, die all­zu vie­le Men­schen mit­ein­an­der ver­bun­den haben.

F: Ich fin­de es falsch zu sagen, unse­re Wirt­schaft – als das­je­ni­ge, was Wachs­tum, Wohl­stand und Fort­schritt in sich ver­eint – habe nichts mit Gefüh­len zu tun. Für mich hat sie das sehr wohl.

M: Ja, mit ego­is­ti­schen Gefüh­len. Die nur dann eine Berech­ti­gung haben, wenn sie das Wohl­erge­hen der All­ge­mein­heit för­dern.

F: Seit dem Zusam­men­bruch des Sozia­lis­mus, und in den letz­ten Jah­ren ver­stärkt, ist das Wirt­schaft­li­che tota­li­tär gewor­den. Und weil es das Ein­zi­ge ist, hat es eben nicht mehr viel mit Ver­nunft zu tun. Wir tun vie­le Din­ge, die die­sem Gott der Wirt­schaft die­nen, die aber eigent­lich nicht ratio­nal sind. Ver­nünf­tig wäre es zum Bei­spiel, weni­ger zu ver­brau­chen. Inso­fern muss man es als einen genia­len Trick der Wirt­schaft bezeich­nen, dass es ihr gelingt, den Men­schen zu sug­ge­rie­ren, dass sie mit ihren Pro­duk­ten etwas Ver­nünf­ti­ges erwer­ben wür­den – etwas, das der ratio­na­le Mensch für sein Leben benö­tigt. Tat­säch­lich ist es aber eine Ideo­lo­gie in Rein­form. Denn sobald etwas nichts ande­res mehr neben sich tole­riert, ist es ideo­lo­gisch.

 

Aller­dings gilt der Kapi­ta­lis­mus offen­bar gera­de bei den Jun­gen als alter­na­tiv­los. Das ist ein Dilem­ma: Auf der einen Sei­te wis­sen wir, dass es in die­ser Form nicht mehr wei­ter­geht, auf der ande­ren Sei­te sieht nie­mand eine Mög­lich­keit, wie man ein alter­na­ti­ves Sys­tem gestal­ten könn­te. Es gibt kei­ne Kon­kur­renz­sys­te­me mehr.

F: Es muss auch kein Kon­kur­renzsys­tem sein. Ich fin­de den Kapi­ta­lis­mus gut. Es geht mir nicht dar­um, ein ande­res Sys­tem zu fin­den. Aber das, was Sie beschrei­ben, stimmt. Ich glau­be, wir alle haben das Gefühl, an einem Epo­chen­wech­sel ange­kom­men zu sein. Die­ser Kapi­ta­lis­mus hat sich über­lebt, er funk­tio­niert ein­fach nicht mehr. Es hat in allen Län­dern eine gigan­ti­sche Umver­tei­lung von unten nach oben gege­ben, und die ein­zi­ge Fra­ge ist die, wann das Gan­ze explo­die­ren wird. In Deutsch­land sicher­lich nicht so bald, aber anders­wo schon. Was ist das für ein Sys­tem, das so weni­gen dient und alle ande­ren stram­peln lässt?

Aber Sie sagen den­noch, es sei ein gutes Sys­tem.

F: Ja, aber ich glau­be, dass es den Kapi­ta­lis­mus in ver­schie­de­nen Aus­ge­stal­tun­gen gibt, und in der Art, wie er jetzt gera­de Wirk­lich­keit ist, ist er an einem End­punkt ange­langt.

 

Könn­ten die­se Extre­me nicht dem Kapi­ta­lis­mus als sol­chem ein­ge­schrie­ben sein? Der Kapi­ta­lis­mus als Fahr­rad: Ent­we­der man fährt oder man fällt um …

F: Deutsch­land und vie­le euro­päi­sche Län­der haben bewie­sen, dass der Kapi­ta­lis­mus durch Demo­kra­tie zu bän­di­gen ist; dass er in bestimm­te Bah­nen gelenkt wer­den kann. Es gibt die Mög­lich­keit, den Kapi­ta­lis­mus durch poli­ti­sche Ein­grif­fe zu regu­lie­ren – und die­se Mög­lich­keit ist nach wie vor vor­han­den. Man muss sie nur ergrei­fen. Der Kapi­ta­lis­mus ist kei­ne anony­me Macht, die uns regiert, son­dern wird durch Men­schen gestal­tet, die jeden Tag Ent­schei­dun­gen tref­fen. Genau­so, wie man sich bei Ent­schei­dun­gen in die eine Rich­tung ori­en­tie­ren kann, kann man sich auch in die ande­re Rich­tung ori­en­tie­ren.

M: Also sagen Sie im Grun­de, dass der Kapi­ta­lis­mus mit Demo­kra­tie ver­bun­den wer­den muss, das heißt mit Gemein­sinn. Der Ego­is­mus muss raus, und der Gemein­sinn rein.

F: Genau. Der Kapi­ta­lis­mus muss gezähmt wer­den, eben durch Poli­tik. Die Poli­tik muss sich wie­der als Gegen­ge­wicht zum Kapi­ta­lis­mus posi­tio­nie­ren.

 

Wo soll man da anset­zen? Die Par­tei­en­de­mo­kra­tie ist mit die­ser Auf­ga­be offen­sicht­lich über­for­dert.

M: Die Par­tei­en­de­mo­kra­tie ist not­wen­dig, ob wir wol­len oder nicht. Die eige­ne Fami­lie steht einem immer ein biss­chen näher als die Nach­bars­fa­mi­lie. Jeder ver­tritt im Prin­zip Klein­fa­mi­li­en und die müs­sen sich eini­gen. Wir müs­sen den gemein­sa­men Punkt fin­den, den alle Par­tei­en tei­len. Es müs­sen Kom­pro­mis­se gefun­den wer­den.

F: Ich fin­de es fatal zu sagen, die Par­tei­en könn­ten nichts aus­rich­ten. Das macht die Bür­ger ohn­mäch­tig, weil sie das Gefühl bekom­men, es gäbe kei­ne Vor­bil­der. Die gibt es aber sehr wohl. Aller­dings sind die Par­tei­en ver­pflich­tet, ihre Posi­tio­nen ganz klar dar­zu­stel­len. Und die Poli­tik könn­te die Ent­schei­dun­gen – bei­spiels­wei­se die Hedge­fonds in Deutsch­land zuzu­las­sen, den Finanz­markt zu dere­gu­lie­ren und die Gewer­be­steu­er für Kon­zer­ne bei­na­he zu erlas­sen – wie­der zurück­neh­men. Man müss­te nichts neu erfin­den, son­dern könn­te auf das zurück­grei­fen, was man mal hat­te.

M: Der Kapi­ta­lis­mus darf nicht mehr nur eini­gen weni­gen zugu­te­kom­men. Irgend­wie muss die­ser Kapi­ta­lis­mus wirk­lich demo­kra­tisch wer­den.

F: Aber dafür braucht es die Leu­te. Doch gera­de die Grup­pen, die wütend sein müss­ten, brin­gen sich wenig ein. So gehen arme Arbeits­lo­se sehr sel­ten demons­trie­ren und sehr sel­ten wäh­len. Und ich glau­be, das hängt auch mit die­sem Gefühl der Ohn­macht zusam­men. Die arbeits­lo­sen Leu­te, die ich teil­wei­se über Wochen besucht habe, waren so gelähmt, so sehr in ihre eige­ne Woh­nung ein­ge­kap­selt … Damit sich die Bür­ger über­haupt wie­der als Han­deln­de wahr­neh­men kön­nen, muss man damit begin­nen, sie aus die­sem Rück­zugs­raum her­aus­zu­ho­len und in gemein­schaft­li­che Akti­vi­tä­ten ein­zu­bin­den.

 

Nimmt man nicht den­noch die heu­ti­gen Poli­ti­ker zu ernst? Gera­de in einer Demo­kra­tie könn­te man doch sagen: „Wir sind die, auf die wir gewar­tet haben. Die sind es jeden­falls nicht, weil sie die Inter­es­sen des Vol­kes nicht ver­tre­ten kön­nen oder wol­len. Wir las­sen die ein­fach außen vor und machen es selbst.“

F: Ich hal­te über­haupt nichts von Poli­ti­ker-Bashing. Ich fin­de, Poli­ti­ker zu sein, ist einer der wich­tigs­ten Beru­fe in einer Demo­kra­tie, und ich wür­de mir sehr wün­schen, dass er auch wie­der ein biss­chen höher geschätzt wird – ohne dass dies bedeu­ten wür­de, dass man Poli­ti­kern alles unhin­ter­fragt abneh­men soll­te. Inso­fern waren die Ers­ten, zu denen ich mich bei mei­ner Suche nach Idea­len bege­ben habe, Poli­ti­ker. Schließ­lich ist und bleibt es deren Kern­auf­ga­be zu ent­schei­den, nach wel­chen Regeln wir mit­ein­an­der leben; dafür sind sie da. Funk­tio­nie­ren­de Par­tei­en sind mit das klügs­te Ele­ment, um demo­kra­ti­sche Eli­ten her­aus­zu­bil­den.

 

War­um gehen Sie nicht selbst in die Poli­tik?

F: Weil ich Jour­na­lis­tin bin. Das ist mei­ne Bestim­mung. Seit mei­nem 15. Lebens­jahr woll­te ich Jour­na­lis­tin wer­den. Und ich glau­be, dass sich die bei­den Beru­fe aus­schlie­ßen. Der Jour­na­list ist ver­pflich­tet, die Mäch­ti­gen zu kon­trol­lie­ren und zu hin­ter­fra­gen.

 

Frau Mit­scher­lich, Sie schrie­ben in Ihrem 1967 erschie­ne­nen Buch Die Unfä­hig­keit zu trau­ern über den „heu­te herr­schen­den Immo­bi­lis­mus ange­sichts bren­nen­der Pro­ble­me unse­rer Gesell­schaft“. Und: Der Mehr­heit der Bür­ger sei es „nicht gelun­gen, sich in unse­rer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft mit mehr als ihrem Wirt­schafts­sys­tem zu iden­ti­fi­zie­ren“. Das wirkt wie eine aktu­el­le Bestands­auf­nah­me. Sind das immer noch die Fol­gen man­geln­der Auf­ar­bei­tung des im „Drit­ten Reich“ Gesche­he­nen?

M: Eins ist klar: Es wird auch kei­ne Auf­ar­bei­tung geben kön­nen. Vor 1945 hat­ten wir eine Volks­ge­mein­schaft auf Basis der Wahn­idee, irgend­je­mand sei so böse, dass er mit Mann und Maus aus­ge­rot­tet wer­den muss. Ich den­ke es noch immer: Es las­tet eine Art Schuld­ge­fühl auf uns, mit dem wir nicht fer­tig wer­den. Mitt­ler­wei­le ist Deutsch­land hoch ange­se­hen und steht wirt­schaft­lich so gut da wie kaum ein ande­res Land. Trotz­dem sind die Men­schen hier ängst­li­cher als anders­wo in der Welt.

Mitscherlich

 

Nicht nur in Deutsch­land sind wir mit der Finanz- und Wirt­schafts­kri­se, hohen und unge­bremst wach­sen­den Staats­schul­den, Res­sour­cen­knapp­heit, Umwelt­zer­stö­rung und Kli­ma­wan­del etc. pp. kon­fron­tiert. Die Pro­ble­me unse­rer Zeit sind man­nig­fal­tig und wer­den den­noch zu zöger­lich ange­gan­gen. Sie wer­den ver­drängt, hin­aus­ge­scho­ben. Was ist heu­te das Opi­um fürs Volk?

M: Wie Sie wis­sen, bin ich Freu­dia­ne­rin. Freud war in mei­nen Augen ein Genie und hat bestimm­te Din­ge erst­mals gese­hen: Dass die Leu­te ver­leug­nen, ver­drän­gen, ver­nei­nen oder ratio­na­li­sie­ren. Wenn ich die Leh­re Freuds als Maß­stab neh­me, den­ke ich nicht, dass heu­te neue Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men da sind. Aber viel­leicht wis­sen Sie mehr, Frau Fried­richs, Sie haben über Idea­le gespro­chen.

F: Ich bin poli­ti­sche Jour­na­lis­tin. Ich kann mich nicht auf Freud bezie­hen, ich kann nur die Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men beschrei­ben, die ich bei jun­gen Leu­ten gese­hen habe: die abso­lu­te Kon­zen­tra­ti­on auf das eige­ne Fort­kom­men, auf das eige­ne Leben, die Kern­fa­mi­lie. Das Drum­her­um wird aus­ge­blen­det. Man kap­selt sich ein, man zieht sich zurück. Ein wei­te­rer Mecha­nis­mus: Man blen­det all die Kri­sen um sich her­um aus. Wür­de man das alles nicht aus­blen­den, müss­te man sich anders ver­hal­ten, als man es tut. Ein wei­te­res Prin­zip, das gut funk­tio­niert, ist Ablen­kung – das Aktiv­sein in all den sozia­len Netz­wer­ken. Eine ganz enor­me Akti­vi­tät in ganz klei­nen Por­tio­nen. Bei den jun­gen Leu­ten beob­ach­tet man ein per­ma­nen­tes Sich-Zuschüt­ten mit All­tags­ak­tua­li­tät, was letzt­lich dazu führt, dass lang­fris­ti­ges Den­ken aus­ge­schal­tet wird. Wir wis­sen: Wenn wir so wei­ter­le­ben wie bis­her, wer­den wir – auf 50, 60, 70 Jah­re gese­hen – nicht über­le­ben.

 

Sind die Men­schen heu­te zu ego­is­tisch? Müs­sen wir eine Art psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Pra­xis für die Gesell­schaft ein­rich­ten?

M: Nein, man muss ihnen nur bei­brin­gen, dass Ego­is­mus nicht glück­lich macht. Du bist unglück­lich, wenn du ande­re schlecht behan­delst. Zugleich gibt es nicht das Rich­ti­ge und das Fal­sche. Eini­ge Men­schen brau­chen dies, ande­re das. Einer den Gar­ten, der ande­re den Geist, der Nächs­te will den Men­schen direkt hel­fen und dem Arbei­ter macht es Spaß, in einer Gemein­schaft Gleich­ge­sinn­ter zusam­men­zu­ar­bei­ten. Es kön­nen über­all dort gute Gemein­schaf­ten ent­ste­hen, wo einer dar­auf trai­niert ist, für den ande­ren ein­zu­ste­hen. In der Ehe ist das nicht anders.

 

Ihr ver­stor­be­ner Mann, Alex­an­der Mit­scher­lich, ist mit sei­ner Ana­ly­se zur vater­lo­sen Gesell­schaft bekannt gewor­den. Inwie­fern könn­te man sagen, dass wir auch heu­te in einer vater­lo­sen Gesell­schaft leben, und wenn ja, wel­che Fol­gen hat das?

M: Mein Mann hat­te einen sehr auto­ri­tä­ren Vater, sodass für ihn die vater­lo­se Gesell­schaft eigent­lich etwas Posi­ti­ves dar­ge­stellt hat. Die auto­ri­tä­ren Väter waren ziem­lich uner­träg­lich, sie haben sowohl ihre Frau­en als auch die Kin­der unter­drückt. Ande­rer­seits war es für mei­nen Mann ein Pro­blem zu sehen, dass die Väter und mit ihnen die Tra­di­tio­nen, die nicht nur schlecht waren, nach dem Zwei­ten Welt­krieg end­gül­tig ver­lo­ren gin­gen. Und sein Ver­such bestand dar­in her­aus­zu­fin­den, was es statt­des­sen geben könn­te.

 

Väter sind heu­te doch auch weni­ger sicht­bar. Müs­sen Sie wie­der auto­ri­tä­rer auf­tre­ten?

M: Wenn ich mein fast 95-jäh­ri­ges Leben über­bli­cke, muss ich sagen, dass ich die Väter heu­te unend­lich viel sym­pa­thi­scher fin­de als die zu mei­ner Kind­heit. Damals hat­ten die Väter immer recht, man muss­te gehor­chen, durf­te nicht fra­gen und durf­te nicht über­le­gen, ob es nun rich­tig war, was einem da vor­ge­setzt wur­de. Die Väter, die ich heu­te ken­ne, küm­mern sich um ihre Kin­der, lie­ben ihre Kin­der.

 

Aller­dings gibt es davon immer weni­ger. In Stutt­gart leben noch in 18 Pro­zent der Haus­hal­te Kin­der.

M: Ich bin auch eine Zeit lang Mut­ter eines Kin­des gewe­sen, ohne ver­hei­ra­tet zu sein. Dies stieß in mei­ner gesell­schaft­li­chen Schicht häu­fig auf Miss­ach­tung. Aber, offen gestan­den, ich habe die­se Schicht nach der Nazi­zeit nicht mehr beson­ders hoch geach­tet. Deren Moral hat­te ich schon vor­her abge­legt. Des­halb habe ich nur gegrinst, das war mir ziem­lich wurscht. Und heu­te ist das ohne­hin kein Pro­blem mehr.

F: Man beklagt ger­ne, dass es so vie­le Allein­er­zie­hen­de gibt. Aber ande­rer­seits ist es für Frau­en eine Rie­sen­frei­heit und ein gro­ßer Fort­schritt, dass sie die­sen Weg gehen kön­nen; dass sie nicht mehr die­se Män­ner, die­se „Herr­scher im Haus“ ertra­gen müs­sen. Auch wenn es trau­rig ist, wenn eine Fami­lie zer­bricht.

M: Wobei die Part­ner zu schnell aus­ein­an­der­ge­hen; da könn­te schon mehr Bezie­hungs­ar­beit geleis­tet wer­den. Aber viel­leicht war die Ent­wick­lung nicht anders zu machen. Ich möch­te schon beto­nen: Wir müs­sen uns in den ande­ren ein­füh­len und wir müs­sen mit­ein­an­der über unse­re Gefüh­le spre­chen. Schließ­lich sind wir so ver­schie­de­ne Men­schen und plötz­lich müs­sen wir ganz eng zusam­men­le­ben. Die kör­per­li­che Lust ist sehr schön und sehr gut – die kann auch gut blei­ben, aber die Span­nung des Ver­liebt­seins lässt im all­täg­li­chen Leben mit all den Sor­gen unwei­ger­lich nach. Dass wir ein beson­de­res kör­per­li­ches Ver­gnü­gen anein­an­der fin­den, hält uns auf Dau­er nicht zusam­men.

 

Wel­che gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung wün­schen Sie sich vor allem, damit die ganz Klei­nen eine bes­se­re Zukunft haben?

F: Ich wün­sche mir für die Klei­nen, dass ihnen Gelas­sen­heit, Nor­ma­li­tät und ein Leben in der Gemein­schaft ver­mit­telt wer­den. Es kann nicht gut sein, dass schon ganz klei­ne Kin­der Stress emp­fin­den. Vie­le Kin­der wer­den von den Eltern und Groß­el­tern unter Druck gesetzt; und zwar in der Hin­sicht, dass sie etwas Beson­de­res sein und extre­me Leis­tun­gen voll­brin­gen müs­sen. Die­sen Druck von den Kin­dern zu neh­men, ihnen zu sagen, dass sie nicht nur Nach­zucht für eine funk­tio­nie­ren­de Wirt­schaft sind, son­dern dass sie als Mensch wich­tig sind und dass auch alle ande­ren um sie her­um als Men­schen respek­tiert und akzep­tiert wer­den müs­sen – das wür­de ich mir wün­schen. Ich woh­ne in einer Groß­stadt und habe die Sor­ge, dass sich die Fron­ten zwi­schen den gesell­schaft­li­chen Grup­pen ver­här­ten – „wir gegen die“; „wir Mit­tel­schicht gegen die Arbeits­lo­sen“; „wir in Deutsch­land Gebo­re­nen gegen die Zuge­zo­ge­nen“. Das ist für jeman­den, der groß wird, kei­ne gute Atmo­sphä­re. Ich möch­te mei­nem Sohn auch das Gefühl geben, dass es gut ist zu träu­men.

M: Dem kann ich voll­kom­men zustim­men. Aber wir müs­sen auch mehr Wert auf die Aus­bil­dung der Erzie­he­rin­nen legen, die die Kin­der in ihren ers­ten Jah­ren betreu­en. Wir müs­sen mehr Ach­tung vor der unge­heu­ren Wich­tig­keit der Erzie­hung in die­ser Lebens­span­ne haben. Das bedeu­tet nicht, dass die Mut­ter zu Hau­se blei­ben soll. Es geht dar­um, dass Kin­der von früh an gern mit ande­ren Kin­der zusam­men sind. Ich bin immer wie­der begeis­tert, wie schnell Kin­der eine Bezie­hung zu ande­ren Kin­der auf­bau­en; wie gern sie mit ande­ren zusam­men sind und wie schnell sie, gute Anlei­tung vor­aus­ge­setzt, Gemein­schafts­sinn ent­wi­ckeln. Des­halb plä­die­re ich auch dafür, dass die­se Leu­te bes­ser bezahlt wer­den.

F: Eine Kin­der­gärt­ne­rin in Ost­deutsch­land hat mir gesagt, dass die­se ers­ten Jah­re auch des­halb eine tol­le Zeit sind, um den Gemein­schafts­sinn zu prä­gen, weil es den Kin­dern noch völ­lig egal ist, woher die ande­ren kom­men und was deren Eltern machen. Oft­mals sind die­se Ras­ter schon total ver­in­ner­licht, wenn sie erst in der Schu­le mit ande­ren Kin­dern zusam­men­kom­men. Mei­nem Sohn ist es noch völ­lig egal, wer da mit ihm den Tag teilt. Die ande­ren sind für ihn alle erst mal nur Men­schen. Der Vor­wurf, dass da die Kin­der nur „geparkt“ wer­den, ist des­halb voll­kom­men absurd.

M: Ja, die­se ers­te Zeit in Gemein­schaft ist unge­heu­er wert­voll. Aber man muss die Spra­che kön­nen. Wir müs­sen stren­ger sein in der For­de­rung, die deut­sche Spra­che zu erler­nen. Wenn man nicht mit­ein­an­der reden kann, bekommt man Streit. Das haben wir beim Turm­bau zu Babel gese­hen.

 

War­um muss man kei­ne Angst vor dem Alter haben? Sie wir­ken noch sehr juve­nil …

M: Oh, man muss fürch­ter­li­che Angst vor dem Alter haben. Ich kann Ihnen sagen: Es ist kein Ver­gnü­gen, alt zu wer­den. Sie sehen, dass ich ohne Rol­la­tor gar nicht mehr gehen kann, und ich bin jemand, der unglaub­lich gern gelau­fen ist. Ich bin viel gewan­dert, viel gegan­gen, viel gereist. Jetzt bin ich meis­tens zu Hau­se. Eigent­lich füh­re ich ein Höh­len­da­sein. Aber da ich hier viel Unter­stüt­zung bekom­me, füh­le ich mich noch rela­tiv selbst­stän­dig. Den­noch sind unzäh­li­ge Din­ge sehr, sehr müh­sam. Der Grund, war­um ich Ihnen rela­tiv jugend­lich erschei­ne, ist, dass ich Gott sei Dank nicht senil bin. Mein Kör­per ist nicht mehr viel wert, aber solan­ge der Kopf funk­tio­niert … Es ist hart, alt zu wer­den. Es ist hart, die­sen gott­ver­fluch­ten Kör­per jeden Tag aus dem Bett zu krie­gen. Es gehört Mut dazu, alt zu wer­den. Glau­ben Sie ja nicht, dass es schön wäre. Es ist ein har­ter Job.

 

Frau Mit­scher­lich, Frau Fried­richs, wir dan­ken Ihnen für die­ses Gespräch.

Das Inter­view führ­ten Frank Augus­tin und Gabri­el Ger­lin­ger.

 

 

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alt und jung

Die­ses Inter­view ist in der Aus­ga­be alt&jung – Gene­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit erschie­nen. Das Heft kön­nen Sie hier bestel­len:

Interview mit Nora Sophie Griefahn & Tim Janßen

Am 20. und 21. Okto­ber fin­det an der Leu­pha­na Uni­ver­si­ty of Lüne­burg der all­jähr­li­che Crad­le­To­Crad­le (C2C) Kon­gress statt. Was sich hin­ter dem Bergriff C2C ver­birgt, dürf­te den meis­ten von euch ein Begriff sein. Hier die Defi­ni­ti­on vom der Home­page des C2C-Ver­eins:

Umwelt­schutz kann nur funk­tio­nie­ren, wenn Pro­duk­te und Pro­zes­se vom Anfang her gedacht und im Hin­blick auf ihre gesam­te Nut­zungs­dau­er ent­wi­ckelt wer­den. Vor­bild für Crad­le to Crad­le ist die Natur, von der sich die drei Crad­le to Crad­le-Prin­zi­pi­en ablei­ten:

  • Abfall ist Nah­rung oder Nah­rung ist Nah­rung: Alles wird zu Nah­rung oder Nähr­stof­fen für etwas ande­res.
  • Nut­zung erneu­er­ba­rer Ener­gi­en: Die Ener­gie ent­springt Son­ne, Wind, Was­ser und Erde.
  • Unter­stüt­zung von Diver­si­tät: Es gibt eine schier unend­li­che Viel­falt.

 

Wie auch im letz­ten Jahr unter­stützt die agora42 den Kon­gress wie­der als Medi­en­part­ner. Im Rah­men die­ser Koope­ra­ti­on spra­chen wir im letz­ten Jahr mit den Orga­ni­sa­to­ren über den Ansatz des C2C und die prak­ti­sche Umset­zung des C2C-Prin­zips. In die­sem Jahr befrag­ten wir die Orga­ni­sa­to­ren zu der prak­ti­schen Umset­zung und  was es für die Wirt­schaft und Gesell­schaft bedeu­ten wür­de, wenn eine Umstel­lung auf C2C gelin­gen wür­de.

 

Bis­lang kön­nen Fir­men sich frei­wil­lig C2C zer­ti­fi­zie­ren las­sen. Haben aber nicht gera­de die jüngs­ten Vor­komm­nis­se in der Auto­mo­bil­in­dus­trie gezeigt, dass frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tun­gen zu nichts Guten füh­ren? Müss­te es nicht das Ziel sein, dass die kom­plet­te Wirt­schaft (Pro­duk­ti­on, Dienst­leis­tung etc.) nach dem C2C-Prin­zi­pi­en ver­fährt?

Natür­lich wün­schen wir uns, dass die kom­plet­te Wirt­schaft nach C2C Prin­zi­pi­en ver­fährt. Wir brau­chen eine Wirt­schaft und Gesell­schaft, die nach C2C Denk­schu­le und Design­kon­zept han­delt und nicht nur ein­zel­ne zer­ti­fi­zier­te Pro­duk­te. Her­stel­len­de und Kund*innen for­dern heut­zu­ta­ge Zer­ti­fi­zie­run­gen. Das reicht aller­dings noch nicht aus – die Zukunft stel­len wir uns anders vor. Wir müs­sen die Men­schen als Nütz­lin­ge auf der Welt ver­ste­hen, unse­ren der­zei­ti­gen Qua­li­täts­be­griff sowie die Auf­ga­be der Wirt­schaft über­den­ken. Wirt­schaft und Umwelt­schutz dür­fen nicht als Geg­ner han­deln, son­dern gemein­sa­me Zie­le ver­fol­gen. Das funk­tio­niert jedoch nicht, wenn wir den Fuß­ab­druck nur mini­mie­ren. Wir brau­chen eine Welt in der es selbst­ver­ständ­lich ist nach C2C zu pro­du­zie­ren – Zu wis­sen, was in unse­ren Pro­duk­ten steckt und dass nach der Nut­zung kein Müll übrig bleibt muss von allen Men­schen als Qua­li­täts­merk­mal ver­stan­den wer­den, für das es kei­ne wirk­li­chen Alter­na­ti­ven gibt. Uns muss klar­wer­den, dass wir gesun­de Pro­duk­te brau­chen, dass kei­ne Schad­stof­fe in die Umwelt gelan­gen dür­fen, dass wir kei­ne Roh­stof­fe ver­brau­chen dür­fen, son­dern das wir Pro­duk­te für Kreis­läu­fe desi­gnen müs­sen. Den­noch ist eine frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tung bei­spiels­wei­se durch Zer­ti­fi­zie­rung ein ers­ter guter Schritt hin zu einer C2C Öko­no­mie.

Wäre so etwas über­haupt rea­lis­tisch, da in einem sol­chen Fall viel zu vie­le Infor­ma­tio­nen berück­sich­tigt und bewer­tet wer­den müss­ten? Sprich, wäre eine Wirt­schaft, die kon­se­quent nach dem C2C-Prin­zip ver­fährt nur in einer Plan­wirt­schaft mög­lich? Oder müss­te man die Viel­falt der Pro­duk­te dra­ma­tisch ein­schrän­ken?

Weder das eine noch das ande­re. Das hat nichts mit Plan­wirt­schaft zu tun oder mit Ein­schrän­kun­gen hin­sicht­lich von Pro­dukt­viel­falt. Es müs­sen kla­re Nut­zungs­sze­na­ri­en defi­niert wer­den: Neh­men wir ein Auto oder ein Fahr­rad. Die Rei­fen nut­zen sich ab und müs­sen als Ver­brauchs­gü­ter gese­hen wer­den. Momen­tan lan­den gif­ti­ge Par­ti­kel der Rei­fen in der Umwelt. Statt­des­sen soll­ten sie für den bio­lo­gi­schen Kreis­lauf designt sein, so dass sie kei­nen Scha­den anrich­ten – sie bes­ten­falls sogar posi­tiv auf die Umwelt ein­wir­ken. Der Rah­men des Fahr­rads soll­te als Gebrauchs­gut kom­plett demon­tier­bar sein, so dass kei­ne Mate­ria­li­en ver­lo­ren gehen, sie statt­des­sen im tech­ni­schen Kreis­lauf zir­ku­lie­ren. Man darf nicht von einer Lebens­dau­er eines Pro­duk­tes reden, son­dern defi­nie­ren, was nach der Nut­zung eines Pro­duk­tes damit geschieht. Sol­che Sze­na­ri­en müs­sen in der Gesell­schaft gemein­sam gere­gelt wer­den, das kann der Markt machen, das kann auch poli­tisch bzw. staat­lich gere­gelt wer­den. Grund­sätz­lich ist es wich­tig, dass trans­pa­rent damit umge­gan­gen wird, was in Pro­duk­ten ent­hal­ten ist. Die bis­he­ri­ge frei-von-Men­ta­li­tät hilft uns nicht wei­ter, da ggf. ande­re schäd­li­che Stof­fe als Alter­na­ti­ve ver­wen­det wer­den. Her­stel­len­de müs­sen wis­sen, was in ihren Pro­duk­ten ent­hal­ten ist. C2C ist dabei nur ein ver­gleichs­wei­se klei­ner Schritt, wenn man weiß, was im Pro­dukt drin ist. Hier besteht momen­tan aber noch ein Pro­blem. Durch Fremd­fer­ti­gung etc. gibt es zum Teil nur unge­nü­gen­des Wis­sen über das eige­ne Pro­dukt. So kann es defi­ni­tiv nicht wei­ter­ge­hen.

Kann man mit dem C2C-Prin­zip auch sozia­le Miss­stän­de in den Blick neh­men? Taugt es, um ein gerech­te­res Wirt­schafts­sys­tem zu ent­wer­fen?

Auf jeden Fall! Nach C2C soll alles gesund für Mensch und Umwelt pro­du­ziert wer­den. Das schließt nicht nur die Men­schen ein, die das Pro­dukt nut­zen, son­dern auch die­je­ni­gen, die es her­stel­len. Es darf nicht sein, dass Men­schen, die T-Shirts ein­fär­ben an Haut­krank­hei­ten lei­den oder Atem­wegs­er­kran­kun­gen bekom­men. Fai­re und gesun­de Arbeits­be­din­gun­gen sind ein wich­ti­ges Qua­li­täts­merk­mal für C2C.
Ein gerech­tes Wirt­schafts­sys­tem bedeu­tet kei­ne Men­schen aus­zu­beu­ten und macht weder die Her­stel­len­den noch die Nutzer*innen krank. Roh­stof­fe müs­sen in Kreis­läu­fen zir­ku­lie­ren, damit sie für zukünf­ti­ge Gene­ra­tio­nen erhal­ten blei­ben. Wir müs­sen sau­be­ren Ener­gie nut­zen und nicht auf fos­si­le Brenn­stof­fe set­zen, da durch den Kli­ma­wan­del im Zwei­fel vor allem die Ärms­ten auf der Welt betrof­fen sind. Für ein gerech­tes Wirt­schafts­sys­tem müs­sen wir gesamt­ge­sell­schaft­li­che Pro­ble­me berück­sich­ti­gen und nicht nur den Pro­fit betrach­ten. Und genau das tun wir mit C2C, wir stel­len Umwelt, Wirt­schaft Kul­tur und Sozia­les auf eine Ebe­ne.

Nora Sophie Grie­f­ahn & Tim Jan­ßen

 

Was macht das Leben einfacher ? Antworten 34–42

42 Dinge, die das Leben einfacher machen

Die Fort­set­zung unse­rer Lis­te der 42 Ant­wor­ten auf die Fra­ge, was das Leben ein­fa­cher macht (Teil 1, Teil 2 und Teil 3 fin­den Sie hier). Die kom­plet­te Lis­te fin­den Sie in der aktu­el­len Aus­ga­be EINFACH LEBEN auf den Sei­ten 40–49.

In die­sem letz­ten Teil der Lis­te wird es prak­tisch. So prä­sen­tie­ren wir ein Kon­zept, das – ein­mal reak­ti­viert – sämt­li­che Com­pli­an­ce-Kata­lo­ge über­flüs­sig machen wür­de. Und auch wenn wir nicht viel von Com­pli­an­ce hal­ten, so wider­spre­chen wir doch ent­schie­den den “any­thing-goes” der Post­mo­der­ne. Was wir brau­chen sind kla­re und ver­bind­li­che Gren­zen bzw. Ver­bo­te (ein paar Vor­schlä­ge haben wir parat) von Din­gen und Ver­hal­tens­wei­sen, die offen­sicht­lich schlecht für das All­ge­mein­wohl sind. Fer­ner bie­ten wir all jenen, die in Zei­ten des Nied­rig­zin­ses nicht wis­sen wohin mit ihrem Geld, die ulti­ma­ti­ve Lösung, befas­sen uns mit Woll­klei­dung, dem Öffent­lich­keits­prin­zip der Schwe­den und über­las­sen das letz­te Wort einem Zen-Meis­ter.

Viel Freu­de bei der Lek­tü­re!

34. Anstand.

Ganz ein­fach: Nicht alles, was expli­zit ver­bo­ten ist, ist des­halb erlaubt. Man­che Sachen tut man ein­fach nicht. Und wenn eine Gesell­schaft so weit ist, dass die­se eigent­lich selbst­ver­ständ­li­chen Regeln des Zusam­men­le­bens nicht mehr selbst­ver­ständ­lich sind, dann hel­fen auch noch so vie­le Geset­ze, Ver­ord­nun­gen oder Com­pli­an­ce-Maß­nah­men nicht wei­ter, die alles nur kom­pli­zier­ter, aber nicht bes­ser machen.

35. Mich mit anderen verbinden.

Das schafft Wohl­fühl-Momen­te für mich und macht mein Leben ein­fa­cher: stim­mi­ger, weil es zu gemein­sam getra­ge­nen Lösun­gen kommt, leich­ter, weil ich kei­nen Wider­stand leis­te, erfüll­ter, weil ich mich nicht allei­ne füh­le. Lei­der geht es in unse­rer Leis­tungs­ge­sell­schaft eher um Unter­schie­de als um Gemein­sam­kei­ten und eher um Abgren­zung als um Ver­bin­dung. Es lohnt sich, unse­ren Hand­lungs­spiel­raum zu erwei­tern und zu schau­en, was einem mit ‚sich mal ganz aktiv ver­bin­den’ begeg­nen kann. Mich hat es sehr ver­wun­dert, wie sehr ich mich mit den ande­ren Per­so­nen nach nur einem Tag des gemein­sa­men Medi­tie­rens – also nur sit­zen, nichts reden, kei­ne Bli­cke tau­schen – ver­bun­den gefühlt habe.“ Clau­dia Trä­ger, Bera­te­rin und Yoga­leh­re­rin

 

36. Grenzen ziehen (1)

Viel­leicht wäre es anstatt eines gene­rel­len Bau­ver­bots sinn­vol­ler, das Ver­bot zu ertei­len, über einen gewis­sen (Stadt-)Radius hin­aus zu bau­en. So wür­de man ver­hin­dern, dass die Land­schaft immer mehr zer­sie­delt wird. Gleich­zei­tig wür­de es wie­der attrak­ti­ver wer­den, bestehen­de Gebäu­de umzu­bau­en bezie­hungs­wei­se neu zu nut­zen. Als bei­spiels­wei­se Bar­ce­lo­na noch von einer Stadt­mau­er umge­ben war, wur­de das vor­han­de­ne Are­al extrem effek­tiv genutzt. Dies wie­der­um hat den Vor­teil, dass Men­schen ins Gespräch kom­men und mehr Syn­er­gi­en ent­ste­hen.“ Chris­toph Muth, Stadt­pla­ner, in agora42, 02/2013

 

37. Grenzen ziehen (2).

War­um nicht ein paar Ver­bo­te, wenn’s all­zu wild wird? Macht man doch sonst auch: Din­ge, die offen­sicht­lich schlecht sind, wer­den ein­fach ver­bo­ten. Das hat nichts mit der Beschnei­dung von bür­ger­li­chen Frei­hei­ten zu tun, son­dern die­se „Frei­hei­ten“ füh­ren dazu, dass für kom­men­de Gene­ra­tio­nen alles am Arsch ist. Bei­spiels­wei­se soll­te end­lich kon­se­quent gegen die CO2-Schleu­dern schlecht­hin vor­ge­gan­gen wer­den. Sprich: Nicht mehr als einen Pri­vat­flug pro Jahr soll­te erlaubt sein. Und bei die­ser Gele­gen­heit: Waf­fen­ex­por­te und Kreuz­fahr­ten gehen prin­zi­pi­ell auch nicht.

 

38. Opulente Verschwendung.

Macht Geld das Leben ein­fach? Nicht unbe­dingt. Bir­ger Prid­dat for­mu­liert die Fra­ge anders: Wozu reich sein? Dabei unter­schei­det er zwi­schen armem und rei­chem Reich­tum. Armer Reich­tum, gleich­sam die klein­bür­ger­li­che Vari­an­te des Reich­tums, macht das Leben nicht ein­fa­cher. Die­ser „Reich­tum“ besteht dar­in, bloß in Luxus zu schwel­gen. Rei­cher Reich­tum hin­ge­gen bedeu­tet bei­spiels­wei­se, gro­ße Ereig­nis­se, Bau­wer­ke, Muse­en, Kunst, avant­gar­dis­ti­sche Tech­no­lo­gi­en etc. üppig zu finan­zie­ren. Dadurch wird nicht nur die Gesell­schaft reich am kul­tu­rel­len Luxus, son­dern der Reich­tum macht auch das Leben des Rei­chen sinn­vol­ler, weil er über sein eige­nes Leben hin­aus­weist. Bir­ger Prid­dat, Öko­nom und Phi­lo­soph, in agora42, 02/2013

 

39. Wollkleidung.

Weni­ger waschen, weni­ger hei­zen, tem­pe­ra­tur­aus­glei­chend, wärmt auch in nas­sem Zustand.

 

40. Einheitliche Steuern in der EU.

Zumin­dest Deutsch­land und Frank­reich haben inzwi­schen erkannt, dass ein­heit­li­che Steu­ern in einem ein­heit­li­chen Wäh­rungs- und Wirt­schafts­raum sinn­voll sind. Und wenn man schon dabei ist, die Unter­neh­mens­steu­ern zu ver­ein­heit­li­chen, dann könn­te man auch die Sozi­al­ab­ga­ben und Arbeit­neh­mer­rech­te har­mo­ni­sie­ren, sodass die Unter­neh­men die ein­zel­nen Staa­ten und die Arbeit­neh­mer der ein­zel­nen Län­der nicht mehr gegen­ein­an­der aus­spie­len kön­nen.

 

41. Öffentlichkeitsprinzip.

Ein ein­fa­ches Prin­zip, das „Offent­li­ghe­ts­princi­pen“ (Öffent­lich­keits­prin­zip), gibt den Schwe­den das Recht, in alle Akten und Doku­men­te, die in Behör­den und Ämtern lagern, Ein­sicht zu neh­men. Dabei ist es den Behör­den unter­sagt, Nach­for­schun­gen über den anfra­gen­den Bür­ger anzu­stel­len oder nach Grün­den für die Ein­sicht­nah­me zu fra­gen. Die­ses Recht wird von vie­len Schwe­den als unab­ding­bar für eine Demo­kra­tie ange­se­hen.

 

42. Die Wirklichkeit als Vorstellung begreifen.

Am ein­fachs­ten wird das Leben, wenn man auf­hört dar­an zu glau­ben, dass es kom­pli­ziert ist. Ist das zu ein­fach gedacht? Nein, es bedarf einer lan­gen Übung bis man bemerkt, dass das Den­ken an der Ent­ste­hung von dem, was wir Wirk­lich­keit nen­nen, ent­schei­dend betei­ligt ist. Und was ist der Mit­tel­punkt der Wirk­lich­keit? Ant­wort: unser Ich. Unser Ich ist näm­lich das unmit­tel­bars­te Ergeb­nis des Den­kens, wenn die­ses schein­bar nur damit beschäf­tigt ist, die ver­meint­lich objek­ti­ve Wirk­lich­keit wie­der­zu­ge­ben. Also noch­mals: Was macht das Leben ein­fach? Ein trai­nier­tes Bewusst­sein, das in der Lage ist zu erken­nen, dass die Wirk­lich­keit und wir mit ihr, eine wun­der­bar kom­pli­zier­te Schöp­fung des men­ta­len Bewusst­seins ist. Und wenn die­ses Bewusst­sein mal zur Ruhe kommt, was dann? Dann erscheint die Wirk­lich­keit als das, was sie auch immer schon ist: Das eine, unmit­tel­ba­re, ein­fa­che und stil­le Sosein, von dem das Den­ken mit den Fuß­no­ten eige­ner Krea­tio­nen unent­wegt ablenkt. Alex­an­der Por­aj, Zen-Meis­ter

 

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Die aktu­el­le agora42 zum The­ma EINFACH LEBEN ver­schi­cken wir ver­sand­kos­ten­frei. Lesen Sie span­nen­de Bei­trä­ge u.a. von Robert Pfal­ler (“Das nack­te und das gute Leben”), Ulri­ke Gué­rot (“Euro­pa ein­fach machen – ein­fach Euro­pa machen”), Frank Ruda (“Ein­fach nicht ein­fach”) und Mads Pan­kow (“End­lich wei­ter­ma­chen – Wer kei­ne Uto­pi­en hat, dem bleibt nur die Zukunft.”)

Für den schma­len Geld­beu­tel bie­ten wir außer­dem das agora42-Pro­be­abo an: Spa­ren Sie 39% gegen­über dem Ein­zel­kauf und erhal­ten Sie die Aus­ga­be LEITBILDER gra­tis dazu.

Eine Neuerfindung auf dem Land.

Kongress für kreatives Unternehmertum

 

Eine Neu­erfin­dung auf dem Land – so der Titel des KU Kon­gress 2017, der spon­tan aus der Zeit gefal­len wirkt. Leben wir doch in einer Zeit, in der nicht nur immer mehr Men­schen in den Städ­ten woh­nen son­dern auch den Städ­ten das größ­te Inno­va­ti­ons­po­ten­ti­al zuge­traut wird. Und den­noch, was die Initia­to­ren des 3. KU Kon­gres­ses sich über­legt haben, macht neu­gie­rig:

Der drit­te KU Kon­gress wird ein Fest! Und das im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Mit dem Vor­ha­ben unser bis­he­ri­ges Erfolgs­for­mat neu zu erfin­den, lan­den wir an einem ganz spe­zi­el­len Sehn­suchts-Ort und Expe­ri­men­tier­feld – unse­rem Cam­pus für Gesell­schafts­ge­stal­ter­tum, dem Ham­mer­hof! Ein Ort für visio­nä­re Unter­neh­mer, For­scher und Aben­teu­rer. Ein For­mat für ein neu­es Zeit­al­ter von Unter­neh­mer­tum.“

Übri­gens, KU steht für krea­ti­ves Unter­neh­mer­tum, für ein Unter­neh­mer­tum, das die Gesell­schaft nicht aus dem Blick ver­lie­ren darf, kurz: Für ein gesell­schafts­ver­ant­wort­li­ches Unter­neh­mer­tum. Wie das gehen soll und wel­che Wer­te es hier­für bedarf, wird vom 14. bis 15. Sep­tem­ber 2017 auf dem Ham­mer­hof bei Nürn­berg dis­ku­tiert. Mit dabei sind unter ande­rem Domi­nic Veken (Unter­neh­mens­phi­lo­soph & Autor), Cesy Leo­nard (Zen­trum für poli­ti­sche Schön­heit), Alex­an­der von Schlief­fen (Astro­lo­ge & Künst­ler) und Sao­ri Dubourg (Mit­glied des Vor­stands, BASF).

Im Vor­feld die­ses Kon­gres­ses haben die Initia­to­ren von KU ein Mani­fest ver­fasst, in dem Sie die Hal­tung benen­nen, die Sie von Unter­neh­mern ein­for­dern. Die agora42 beglei­tet den KU Kon­gress als Medi­en­part­ner und hat den Orga­ni­sa­to­ren die­ses Kon­gres­ses und Initia­to­ren der KU Krea­ti­ves Unter­neh­mer­tum gGmbH Jonas Nuss­bau­mer und Manu­el Bin­nin­ger  im Rah­men die­ser Part­ner­schaft fol­gen­de Fra­gen zu den grund­sätz­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen des Unter­neh­mer­tums gestellt. Viel Freu­de bei der Lek­tü­re!

 

Das Leben kann so ein­fach sein: Wenn einen etwas stört, dann ändert man es eben. Und doch ver­har­ren die meis­ten Men­schen lie­ber beim Sta­tus quo und set­zen auf ver­meint­li­che Sicher­heit. War­um ist das so?

Der Moment des Begin­nens, in dem man sich bewusst ent­schei­det, etwas Neu­es zu unter­neh­men ist ein magi­scher Moment, der Men­schen viel Ener­gie schenkt. Gleich­zei­tig ent­ste­hen dabei auch oft Unsi­cher­hei­ten, die den eige­nen Wil­len zur Ver­än­de­rung etwas aus­brem­sen. Die Unge­wiss­heit über das Neue, über das, was pas­sie­ren wird, wenn man sich bewusst dazu ent­schei­det, den Sta­tus quo zu ver­än­dern, ist ein Gefühl der Unsi­cher­heit – ein Augen­blick des Zwei­felns, den man erst über­win­den muss, bevor sich die eige­ne Auf­bruchs-Ener­gie voll­stän­dig ent­fal­ten kann. Die­se Über­win­dung ist ein Schlüs­sel­mo­ment, an dem sich vie­le Men­schen für die ver­meint­li­che Sicher­heit ent­schei­den – das Ver­har­ren in ihrer Aus­gans­si­tua­ti­on.

Wir von KU sind der fes­ten Über­zeu­gung, dass zur Über­win­dung die­ser Unsi­cher­hei­ten die grund­sätz­li­che Hal­tung, mit der man durch das Leben geht, ent­schei­dend ist. Eine Hal­tung, an die wir glau­ben, und von der wir ger­ne spre­chen, ist die des Macher­tums. Damit mei­nen wir vol­ler Schaf­fens­kraft und Begeis­te­rung die Ent­schei­dung zu tref­fen, etwas anzu­pa­cken und damit bewusst den Mut und die eige­ne Über­zeu­gung über das Risi­ko und die Unsi­cher­heit zu stel­len. Dazu gehört natür­lich auch, das even­tu­el­le Schei­tern als Teil einer Chan­ce zu begrei­fen. Eine Chan­ce, Neu­es in die Welt zu tra­gen.

 

Die Initia­ti­ve KU betreibt gewis­ser­ma­ßen Lob­by­ar­beit für das Unter­neh­me­ri­sche in der Gesell­schaft. Etwas unter­neh­men ist jedoch zunächst ein­mal wert­neu­tral. Wel­che Zie­le, wel­che Antrie­be wären für Sie die­je­ni­gen, an denen sich unter­neh­me­risch han­deln­de Men­schen mes­sen las­sen müs­sen?

Wir von KU haben ein Mani­fest für ein Gesell­schafts­ge­stal­ter­tum geschrie­ben. Das weist schon dar­auf hin, dass wir für eine ganz bestimm­te Art des Unter­neh­me­ri­schen „Lob­by­ar­beit“ betrei­ben, näm­lich für ein Unter­neh­mer­tum, das Dis­zi­pli­nen und Gene­ra­tio­nen über­grei­fend immer in Ver­ant­wor­tung für sich selbst und der Gesell­schaft gegen­über, han­delt. Der Kern unse­res Gesell­schafts­ge­stal­ter­tums ist ein gemein­wohl­ori­en­tier­tes Unter­neh­mer­tum der Zukunft, das in die Gesell­schaft hin­ein­wirkt und aktiv Visio­nen für eine bes­se­re Welt umsetzt. Sinn­stif­tung, die Gestal­ter­kraft eines jeden Ein­zel­nen und Macher­tum sind drei der dafür wesent­li­chen Aspek­te.

 

Der Öko­nom Schum­pe­ter cha­rak­te­ri­siert den Unter­neh­mer als den „schöp­fe­ri­schen Zer­stö­rer“. Nun kön­nen wir in der Gesell­schaft jedoch nicht per­ma­nent alles schöp­fe­risch zer­stö­ren, nicht alles stän­dig neu erfin­den. Wo lie­gen die Gren­zen die­ses Pro­zes­ses?

Das Wort „Zer­stö­rung“ wirkt auf den ers­ten Blick natür­lich immer sehr hart und bru­tal, da wir dazu nei­gen, Destruk­ti­vi­tät immer mit dem Nega­ti­ven zu ver­bin­den. Wir möch­ten uns bei Schum­pe­ters Theo­rie eher auf das „Schöp­fe­ri­sche“ kon­zen­trie­ren. Das, was für uns Men­schen schließ­lich als die Höchst­form jeg­li­chen Schaf­fens gilt, und durch des­sen häu­fi­ge Ver­or­tung in reli­giö­sen Kon­tex­ten all­zu oft den Anschein erweckt, ledig­lich reli­giö­sen Figu­ren vor­be­hal­ten zu sein. Die Schöp­fungs- und Gestal­ter­kraft eines jeden Men­schen wie­der in den Mit­tel­punkt zu rücken und ein Bewusst­sein dafür zu schaf­fen, dass der Aus­gangs­punkt für eine wir­kungs­vol­le Ver­än­de­rung in jedem ein­zel­nen Indi­vi­du­um unse­rer Gesell­schaft steckt, dar­um geht es uns bei KU.

Dass wir nicht alles kom­plett von Grund auf neu erfin­den müs­sen, um Neu­es in die Welt zu tra­gen, haben sowohl die Inno­va­ti­ons­for­schung der letz­ten Jahr­zehn­te, als auch zahl­rei­che sozio­öko­no­mi­sche Ent­wick­lun­gen in der Pra­xis gezeigt: Sobald durch eine wirk­sa­me Neu- oder Rekom­bi­na­ti­on ver­schie­de­ner Fak­to­ren bestehen­de Struk­tu­ren ver­drängt und schließ­lich zer­stört wer­den und neue öko­no­misch-gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen Ein­zug erhal­ten, haben wir gemäß Schum­pe­ter eine Neu­ord­nung durch schöp­fe­ri­sche bzw. krea­ti­ve Zer­stö­rung. Für Schum­pe­ter erfolgt die Zer­stö­rung also nicht im ers­ten, son­dern im zwei­ten Schritt, nach­dem Neu­es geschaf­fen wur­de. Dies zeigt uns, dass sei­ne „Zer­stö­rung“ durch einen Ver­än­de­rungs­drang von innen her­aus geschieht, um sich von alten Struk­tu­ren zu lösen, Platz für neue zu machen und nicht als initia­ler Akt und Bedin­gung zu begrei­fen ist, um über­haupt Neu­es schaf­fen zu kön­nen.

 

Ver­sucht man den unter­neh­me­ri­schen Impuls aus der wirt­schaft­li­chen in die gesell­schaft­li­che Sphä­re zu trans­fe­rie­ren, stellt man fest, dass eine gesell­schaft­li­che Neue­rung, eine Ver­än­de­rung gar nicht so ein­fach ist. Haben wir es hier doch mit Ideo­lo­gi­en, mit Besitz­stands­wah­rung und mit Machtasy­me­tri­en zu tun. Wie kann man den­noch eine Ver­än­de­rung in der Gesell­schaft bewir­ken?

Durch Begeis­te­rung! Ein Mot­to von uns lau­tet: „Am Anfang jeden Den­kens steht das Stau­nen.“ Es geht dar­um, Men­schen dafür zu begeis­tern sich mit den eige­nen Fähig­kei­ten aktiv als Gesell­schafts­ge­stal­ter zu begrei­fen und sich in die Hal­tung zu bege­ben, etwas ver­än­dern zu kön­nen. Vie­le sind dar­über zunächst erstaunt, man­che sogar irri­tiert, da die gestal­te­ri­schen Hebel in unse­rer Gesell­schaft all­zu oft Insti­tu­tio­nen aus Wirt­schaft, Poli­tik und Kul­tur zuge­schrie­ben wer­den.

Im End­ef­fekt ist das, was wir mit und durch KU tun, nichts ande­res als Bewusst­seins­ar­beit. Näm­lich die Hal­tung von Men­schen von einem REAGIEREN in ein AGIEREN umzu­wan­deln. Mit Gesell­schafts­ge­stal­ter­tum möch­ten wir nicht nur die Unter­neh­mer und Unter­neh­me­rin­nen errei­chen, die durch die Ver­ant­wor­tung für zahl­rei­che Mit­ar­bei­ter für uns zuge­be­ner­ma­ßen einen span­nen­den Hebel dar­stel­len. Zudem geht es uns dar­um, jede und jeden zu errei­chen, der sich durch unser Mani­fest ange­spro­chen fühlt und in die­sem Sin­ne Gesell­schaft gestal­ten möch­te.
Um wirk­lich nach­hal­tig in und für Gesell­schaft etwas zu bewe­gen – Sie spre­chen von einer gesell­schaft­li­chen Neue­rung – sind wir der fes­ten Über­zeu­gung, dass dies nie­mals leid­glich mit der Zuspit­zung auf einen Bereich oder einer Grup­pe von Men­schen mög­lich sein wird. Des­halb begrei­fen wir uns mit KU als Bewe­gung, die zwi­schen den Dis­zi­pli­nen und Gene­ra­tio­nen über­grei­fend, Men­schen um unse­re Visi­on einer wirk­sa­men Gesell­schafts­ge­stal­tung ver­eint.