Teil II des Interviews mit Sven Zivanovic

Dies ist die Fort­set­zung des Inter­views “Wir sind die 100%”, das Bernd Vill­hau­er mit Sven Ziva­no­vic, Grün­der der „Chan­ge­ma­kers in Finance“-Initiative für die Blog­ko­lum­ne Finanz & Ele­ganz führ­te.

Im ers­ten Teil des Inter­views spra­chen Bernd Vill­hau­er und Sven Ziva­no­vic ins­be­son­de­re über die Erfah­run­gen von Herrn  Ziva­no­vic in der Finanz­bran­che und wie es dazu kam, dass er die “Chan­ge­ma­kers in Finance”-Initiative grün­de­te.

Im zwei­ten Teil des Inter­views geht es dar­um, wie über­haupt unser Finanz­sys­tem geän­dert wer­den kann, wel­che Rol­le Kata­stro­phen spie­len und war­um Herr Ziva­no­vic auf loka­le Gemein­schaf­ten und regio­na­le Netz­wer­ke setzt.

 

Kön­nen wir ein glo­ba­les Sys­tem wie das Finanz­sys­tem denn durch Akti­vi­tä­ten in einem Land beein­flus­sen?

Die Natur macht es uns vor. Nach Alfred Whitehead ist das Grund­mus­ter der Orga­ni­sa­ti­on aller leben­den Sys­te­me das Netz­werk. Wenn wir eine Finanz­wirt­schaft haben wol­len, die dem Leben dient, muss sie als Netz­werk orga­ni­siert sein, das aus loka­len Sub-Netz­wer­ken besteht und in grö­ße­re sozia­le Netz­wer­ke inte­griert ist. Daher soll­ten auch die Her­aus­for­de­run­gen eines glo­ba­len (Finanz-) Sys­tems durch den Auf­bau inte­grier­ter loka­ler und regio­na­ler Netz­wer­ke gelöst wer­den. Durch Dia­log zwi­schen den loka­len Initia­ti­ven ent­ste­hen koope­ra­ti­ve Netz­wer­ke, die für plu­ra­lis­ti­sche Wer­te offen sind und in denen loka­le und natio­na­le Inter­es­sen nicht als ent­zwei­end wahr­ge­nom­men wer­den, sodass ein­zel­ne Bür­ger ihre Indi­vi­dua­li­tät und ihre Wür­de bewah­ren kön­nen. Eine Wirt­schaft, die auf loka­len Netz­wer­ken basiert, die welt­weit mit­ein­an­der ver­bun­den sind, bie­tet somit die bes­te Grund­la­ge für die Ent­wick­lung von ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ten Men­schen und Viel­falt.

Der glo­ba­le Finanz­markt hin­ge­gen ist ein Para­de­bei­spiel für die Glo­ba­li­sie­rung und Gleich­för­mig­keit. Er steht für eine direk­te Mit­glied­schaft in einer abs­trak­ten glo­ba­len Gemein­schaft, bei der es eben nicht um Dia­log zwi­schen glo­ba­len und loka­len Netz­wer­ken geht, son­dern um die Kon­sti­tu­ti­on einer ein­zi­gen Welt­wirt­schaft. Der extre­me Fokus auf die Effi­zi­enz des glo­ba­len Finanz­sys­tems bringt erst die gerin­ge Wider­stands­fä­hig­keit und hohe Kri­sen­an­fäl­lig­keit her­vor. Viel­falt und Indi­vi­dua­li­tät sind jedoch eine Grund­ei­gen­schaft des Lebens und auch wirt­schaft­li­che Pro­zes­se sind je nach den loka­len und regio­na­len Bedin­gun­gen unter­schied­lich. Des­halb sind loka­le Initia­ti­ven her­vor­ra­gen­de Mög­lich­kei­ten, die Viel­falt und dadurch die Wider­stands­fä­hig­keit unse­res glo­ba­len Finanz­sys­tems wie­der­her­zu­stel­len.

 

Wie inte­grie­ren wir nun aber unse­re koope­ra­ti­ven loka­len Sub-Netz­wer­ke in das grö­ße­re glo­ba­le Netz­werk?

Bernd Vill­hau­er ist Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts und Autor der Kolum­ne “Finanz und Ele­ganz”.

Fran­cis­co Vare­la und Hum­ber­to Matu­rana haben den Begriff der „Auto­po­ie­sis“ geprägt, das den Pro­zess der Selbst­er­schaf­fung und -erhal­tung von leben­den Sys­te­men beschreibt. Ihre ver­blüf­fen­de Schluss­fol­ge­rung dar­aus lau­tet, dass vie­le ein­fa­che Akteu­re, die ein­fa­che Eigen­schaf­ten und Mög­lich­kei­ten haben, selbst wenn sie auf eine zufäl­li­ge Art und Wei­se zusam­men­ge­bracht wer­den, einem Beob­ach­ter den­noch als ein ziel­ge­rich­te­tes und inte­grier­tes Gan­zes erschei­nen ohne der Not­wen­dig­keit einer zen­tra­len Auf­sicht. Obwohl die ein­zel­nen Akteu­re in solch leben­di­gen Sys­te­men Indi­vi­du­en sind, ent­steht aus der Akti­vi­tät ein­fa­cher loka­ler Kom­po­nen­ten, ein kohä­ren­tes glo­ba­les Mus­ter, das zen­tra­li­siert zu sein scheint, aber nir­gends zu fin­den ist, und den­noch essen­zi­ell ist, als ein Inter­ak­ti­ons­ni­veau für das Ver­hal­ten des Gan­zen. Mit der Ent­ste­hung von Eigen­schaf­ten aus den loka­len Basis-Ele­men­ten („bot­tom-up“) und mit den Beschrän­kun­gen durch glo­ba­le Kohä­renz auf loka­le Inter­ak­tio­nen („top-down“) ent­steht ein „vir­tu­el­les oder selbst­lo­ses Selbst“ des Netz­werks, durch das sich das Gan­ze wie eine Ein­heit ver­hält. Die­ses Modell, wie kom­ple­xe Sys­te­me durch die koor­di­nier­te Akti­vi­tät ein­fa­cher Ele­men­te emer­gen­te Eigen­schaf­ten – also die Her­aus­bil­dung von neu­en Eigen­schaf­ten oder Struk­tu­ren eines Sys­tems infol­ge des Zusam­men­spiels sei­ner Ele­men­te – auf­wei­sen, ist für mein Ver­ständ­nis der glo­ba­len Finanz­wirt­schaft ziem­lich essen­zi­ell, denn es erklärt, war­um Netz­wer­ke und Sub-Netz­wer­ke ohne eine ech­te Hier­ar­chie, spon­tan inter­agie­ren.

Ich möch­te das noch­mals unter­strei­chen: Wir sehen hier die natür­li­che Ent­ste­hung von ethi­schem Ver­hal­ten: Gemein­schaf­ten, in denen ein­zel­ne Men­schen zum Woh­le der Gemein­schaft als Gan­zes agie­ren — ohne die hier­ar­chi­sche Auf­er­le­gung von Regeln. Die­se emer­gen­ten Eigen­schaf­ten in ver­teil­ten Netz­werk­pro­zes­sen sind eine Haupt­ei­gen­schaft leben­der Sys­te­me, wie es auch ein leben­di­ges, inte­grier­tes Finanz­sys­tem auf­weist. Doch unse­re Welt­wirt­schaft ist ein „totes“ Sys­tem aus einem sau­be­ren, ein­heit­li­chen, effi­zi­en­ten Design – ein Netz­werk von Finanz­strö­men, das mecha­nisch, ohne ethi­schen Rah­men ent­wor­fen wur­de: Top-down, zen­tra­li­siert, glo­bal len­kend.

 

Wel­che Rol­le spielt eine glo­ba­le Ethik bei der Ver­bin­dung glo­ba­ler Netz­wer­ke mit loka­len Gemein­schaf­ten?

Der Sozio­lo­ge Niklas Luh­mann beob­ach­te­te, dass sozia­le Sys­te­me in einem Netz­werk durch Kom­mu­ni­ka­ti­on struk­tu­rell gekop­pelt sind. Inso­fern spielt bei der Ver­bin­dung der loka­len Netz­wer­ke die Kom­mu­ni­ka­ti­on, bzw. der Dia­log zwi­schen allen Men­schen auf allen Ebe­nen im Finanz­sys­tem, eine ent­schei­den­de Rol­le. Statt also nach ein­heit­li­chen Model­len für jeg­li­che Ver­hal­tens- und Koope­ra­ti­ons­wei­sen in einem glo­ba­len Netz­werk zu suchen, soll­ten koope­ra­ti­ve Netz­wer­ke klei­ner, loka­ler Gemein­schaf­ten auf­ge­baut und dann nach Mög­lich­kei­ten gesucht wer­den, die­se Netz­wer­ke zu ver­bin­den.

Statt also nach ein­heit­li­chen Model­len für jeg­li­che Ver­hal­tens- und Koope­ra­ti­ons­wei­sen in einem glo­ba­len Netz­werk zu suchen, soll­ten koope­ra­ti­ve Netz­wer­ke klei­ner, loka­ler Gemein­schaf­ten auf­ge­baut wer­den.

Hier­für benö­ti­gen wir ein gemein­sa­mes Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl, das sich aus einer glo­ba­len Ethik her­aus ent­wi­ckelt, damit sich alle auf einen guten Weg eini­gen kön­nen. Glo­ba­le Har­mo­nie ist nicht mög­lich, wenn wir kei­ne glo­ba­le Ethik haben. Dies soll­te eine Ethik der Pra­xis sein, in der ethi­sches Han­deln als eine Ver­kör­pe­rung des Seins und nicht als ein Sys­tem des Urteils ver­stan­den wird – also weni­ger eine Fra­ge von Regeln, die uni­ver­sell anwend­bar sind, als viel­mehr ein inne­res Wis­sen was gut ist und wie spon­tan in bestimm­ten Situa­tio­nen zu han­deln ist. Erkennt­nis­se müs­sen, um wirk­sam zu sein, immer mit prak­ti­schen Erfah­run­gen ein­her­ge­hen. Daher ist ethi­sches Ler­nen in der Pra­xis gefragt. Das ist das Haupt­an­lie­gen der „Chan­ge­ma­kers in Finance“-Initiative. Die Stra­ßen­kämp­fer-Men­ta­li­tät des wach­sa­men Eigen­in­ter­es­ses wird so durch Inter­es­se an ande­ren – einem Gefühl der Ver­bun­den­heit und der Ent­wick­lung eines unpar­tei­ischen, ehr­li­chen Mit­ge­fühls — ersetzt.
Wel­che Per­so­nen und Insti­tu­tio­nen sind für Sie vor­bild­haft?

Es gab vie­le Men­schen, die mich durch ihre her­aus­ra­gen­den Arbei­ten auf ihren Fach­ge­bie­ten in der Ent­wick­lung mei­ner Initia­ti­ve sehr geprägt haben. Im Bereich der Sys­tem­theo­rie und des wis­sen­schaft­li­chen Blicks auf das Leben haben mich die Arbei­ten des Phy­si­kers Frit­jof Capra über­zeugt. Der Öko­nom Micha­el Hud­son hat wun­der­ba­re Arbeit in der Dar­stel­lung unse­rer heu­ti­gen Finan­zo­lig­ar­chie geleis­tet. Der Van­guard-Grün­der John C. Bog­le beschreibt in sei­nen Büchern die Gier der Finanz­wirt­schaft und die extra­hie­ren­de Pra­xis der Finanz­un­ter­neh­men. Ber­nard Lie­ta­er beschreibt sehr aus­führ­lich die Aus­wir­kun­gen von kom­ple­men­tä­ren Wäh­run­gen auf unser Geld­sys­tem und Ross Jack­sons Glo­bal Eco­vil­la­ge Net­work ver­an­schau­licht das Funk­tio­nie­ren von glo­bal ver­netz­ten, nach­hal­ti­gen Gemein­schaf­ten. Aber auch die Arbei­ten von Eve­lin Lind­ner zur Men­schen­wür­de, von Laszlo Zsol­nai im Bereich Wirt­schafts­ethik und Pol­ly Higg­ins, mit ihrer Idee einer ethi­schen Gesetz­ge­bung, haben mich sehr berei­chert.

Ich neh­me mir auch öst­li­che Lebens­auf­fas­sun­gen wie den Bud­dhis­mus und des­sen Kon­zept des Nicht-Dua­lis­mus – gera­de in Ver­bin­dung mit unse­rer Wirt­schaft – zum Vor­bild. In die­sem Bereich hat mich beson­ders Thich Nhat Hanh und sein Ver­ständ­nis des „Inter­being“ – also der wechel­sei­ti­gen Ver­bun­den­heit allen Seins – begeis­tert. Aber auch ande­re Kon­zep­te wie John Elking­tons „Tripp­le Bot­tom Line“ oder Wil­liam Rees öko­lo­gi­scher Fuß­ab­druck sind für mich vor­bild­li­che Bei­trä­ge zu einem sich ver­än­dern­den Bewusst­sein bezüg­lich unse­rer (Finanz-) Wirt­schaft.

Glau­ben Sie, die neue Regie­rung, die „Gro­Ko“ wird etwas in die­ser Hin­sicht bewe­gen?

Grund­sätz­lich glau­be ich, dass wahr­haf­ti­ge Ver­än­de­rung immer „von unten“ (Bot­tom-up) durch per­sön­li­ches Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl ent­steht. Ver­än­de­rung durch Regu­lie­rung und Kon­trol­le von oben, wider­spricht der natür­li­chen Ent­wick­lung von Sys­te­men und führt eher zu Gleich­heit, Wett­be­werb und Effi­zi­enz­stre­ben – Viel­fäl­tig­keit, Koope­ra­ti­on, Indi­vi­dua­li­tät und die Wür­de des Ein­zel­nen blei­ben oft auf der Stre­cke. Gera­de mit Blick auf inter­na­tio­na­le Insti­tu­tio­nen wie WTO, IWF und Welt­bank sieht man, dass ihre Struk­tu­ren, Man­da­te, Zie­le und Arbeits­pro­zes­se grund­sätz­lich im Wider­spruch zu den Grund­wer­ten der Men­schen­wür­de und öko­lo­gi­schen Nach­hal­tig­keit ste­hen.

Gera­de mit Blick auf inter­na­tio­na­le Insti­tu­tio­nen wie WTO, IWF und Welt­bank sieht man, dass ihre Struk­tu­ren, Man­da­te, Zie­le und Arbeits­pro­zes­se grund­sätz­lich im Wider­spruch zu den Grund­wer­ten der Men­schen­wür­de und öko­lo­gi­schen Nach­hal­tig­keit ste­hen.

Die „neue“ Regie­rung könn­te etwas bewe­gen, wenn sie sich z. B. dafür ein­set­zen wür­de, die Ent­wick­lung von glo­ba­len demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen anzu­sto­ßen, wel­che die Aut­ho­ri­tät haben, die Welt-Wirt­schaft als leben­di­ges Netz­werk von loka­len, nach­hal­ti­gen Gemein­schaf­ten zu regu­lie­ren und von einer glo­ba­len Ethik gelei­tet wer­den. Allein der Glau­be dazu, fehlt mir.

Wie könn­te unser Ver­hält­nis zum Geld bzw. zu den Finan­zen in Zukunft aus­se­hen?

Ich kann mir vor­stel­len, dass wir in Zukunft grund­sätz­lich eine ande­re Wirt­schaft sehen wer­den – eine gemein­wohl­ori­en­tier­te Wirt­schaft, bestehend aus einem glo­ba­len Netz­werk loka­ler, nach­hal­ti­ger Gemein­schaf­ten. Unser Geld­sys­tem wird weni­ger effi­zi­ent, dafür wider­stands­fä­hi­ger, durch eine Viel­falt an kom­ple­men­tä­ren, regio­na­len Wäh­run­gen.

Unser Geld­sys­tem wird weni­ger effi­zi­ent, dafür wider­stands­fä­hi­ger, durch eine Viel­falt an kom­ple­men­tä­ren, regio­na­len Wäh­run­gen.

Wir wer­den uns in Rich­tung einer Kreis­lauf­wirt­schaft ent­wi­ckeln müs­sen und die Unter­neh­mens­pra­xis wird die Pro­fit­ma­xi­mie­rung durch Mis­si­on-gesteu­er­te Unter­neh­men und eines gemein­sa­men Ver­ständ­nis­ses der Koope­ra­ti­on und einer Fokus­sie­rung auf das Gemein­wohl, anstatt gna­den­lo­sen Wett­be­werbs, erset­zen. Lei­der sieht es aber im Moment so aus, dass wir – die Mensch­heit – uns erst ver­än­dern, wenn wir, wie Charles Eisen­stein es befürch­tet „kol­lek­tiv auf dem Boden auf­ge­schla­gen sind“ und wir uns ver­än­dern müs­sen, um als Spe­zi­es zu über­le­ben. Ein Zusam­men­bruch (des Finanz­sys­tems) scheint momen­tan kaum zu ver­hin­dern zu sein und es sieht so aus, dass wir eine Kata­stro­phe brau­chen wer­den, um ein neu­es Bewusst­sein zu ent­wi­ckeln. Aber ich spü­re auch gro­ßen Opti­mis­mus, dass dies nicht das Ende der Mensch­heit ist, son­dern ich habe die Hoff­nung, dass aus der Kata­stro­phe letzt­end­lich der Beginn einer neu­en Finanz­wirt­schaft als inte­grier­ter Teil der Real­wirt­schaft – nicht Herr­scher über das Kapi­tal – gebo­ren wird und das die „Chan­ge­ma­kers in Finance“-Initiative hier­für einer der „Geburts­hel­fer“ sein kann.

Was machen Sie mor­gen?

Neben den Vor­be­rei­tun­gen zur Grün­dung der Chan­ge­ma­kers in Finan­ce gGmbH, arbei­te ich gera­de an einem Buch, indem ich ver­su­che den Kon­text mei­ner Initia­ti­ve zu ver­an­schau­li­chen – die Geschich­te dahin­ter und den Ent­wick­lungs­pro­zess. Ich habe fest­ge­stellt, dass für die meis­ten Men­schen, die sich mit mei­ner Initia­ti­ve befas­sen, das Zer­ti­fi­zie­rungs­pro­gramm im Vor­der­grund steht. Dabei ist dies nur ein Vehi­kel – es ist ein Mit­tel zur Befä­hi­gung von Men­schen eine enga­gier­te Öko­no­mie nach ihren Wün­schen zu för­dern und eine Ver­än­de­rung unse­rer glo­ba­len Finanz­wirt­schaft ein­zu­lei­ten. Die eigent­lich wich­ti­ge Bot­schaft, dass wir unse­re Welt­an­schau­ung und damit auch unser getrenn­tes Ver­hält­nis zu uns selbst, zu ande­ren Men­schen und zur Natur ändern müs­sen und dadurch auto­ma­tisch eine ande­re Finanz­wirt­schaft erzeu­gen, wird meist nicht erkannt. Die­ses Buch soll mei­ne Initia­ti­ve in den rich­ti­gen Kon­text rücken.

 

Vie­len Dank, lie­ber Herr Ziva­no­vic, für das inter­es­san­te Gespräch.

 

Nie­der­ge­schrie­ben bei eiern Tas­se Tee am 11.5.18

 

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Wir sind die 100%” – Ein neuer Beitrag aus der Kolumne Finanz & Eleganz

Wir sind die 100%

Inter­view von Bernd Vill­hau­er mit Sven Ziva­no­vic, Grün­der der „Chan­ge­ma­kers in Finance“-Initiative 

 

Den­ken hilft – und damit sich das Den­ken nicht nur um sich selbst bewegt, benö­ti­gen wir manch­mal einen Anstoß von außen. Des­we­gen möch­te ich in „Finanz & Ele­ganz“ immer wie­der in Inter­views Men­schen vor­stel­len, die sol­che Anstö­ße geben. Wir hat­ten schon ein Inter­view mit Sven Grze­be­ta und nun ist mir wie­der ein Sven über den Weg gelau­fen, den ich ger­ne vor­stel­len möch­te. Sven Ziva­no­vic hat die „Chan­ge­ma­kers in Finance“-Initiative ins Leben geru­fen und er hat eini­ges zu sagen über Netz­wer­ke und Neu­an­fän­ge. Ich konn­te ihn in Frank­furt tref­fen und wir haben dann über E-Mail ein Inter­view geführt. Wei­te­re inter­es­san­te Svens bit­te ich um Nach­richt!

 

Lie­ber Herr Ziva­no­vic, kön­nen Sie uns ein biss­chen über Ihren Hin­ter­grund und Ihre Ent­wick­lung sagen?

Ich habe an der Uni­ver­si­tät Tübin­gen einen Abschluss in Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten gemacht und fand mich in den fol­gen­den 10 Jah­ren auf vie­len Ebe­nen und Berei­chen der Finanz­wirt­schaft wie­der. In den Anfangs­jah­ren war ich in einer Ver­mö­gens­ver­wal­tung mit dem welt­wei­ten Wert­pa­pier-, Deri­va­te- und Fonds­han­del im Auf­trag unse­rer Kun­den betraut. Nach wei­te­ren Zwi­schen­sta­tio­nen im Devi­sen­han­del einer Wert­pa­pier­han­dels­bank, als Ver­triebs­lei­ter eines Invest­ment­fonds-Ver­triebs und als Ana­lyst von Ver­si­che­run­gen und Betrieb­li­che Alters­vor­sor­ge-Sys­te­men, mach­te ich mich als Hono­rar­be­ra­ter selb­stän­dig. Hier kon­zen­trier­te ich mich auf die Ent­wick­lung von insti­tu­tio­nel­len Anla­ge­klas­sen-Port­fo­li­os und war für ver­mö­gen­de Pri­vat- und Unter­neh­mens­kun­den zustän­dig. Aber mei­ne Ent­wick­lung von öko­no­mi­scher Ver­nunft und Intel­lekt in der Pra­xis brach­te mir kei­ne Wahr­heit näher, die ich akzep­tie­ren konn­te. Am Ende die­ser Zeit, als mei­ne gan­ze pro­fes­sio­nel­le Arbeit uner­träg­lich wur­de, begann eine inten­si­ve Zeit der Kri­se. Mei­ne Welt begann sich neu zu ord­nen. Die letz­ten vier Jah­re waren wie eine Wie­der­ge­burt, die alte Welt lös­te sich auf und die Geburt ins Neue, nahm die Form eines Zusam­men­bruchs von allem an, was ich ein­mal fest­hielt. Ich ging durch Bank­rott, Depres­si­on und Erschöp­fung. Ich muss­te ein Leben der Kon­trol­le los­las­sen. In mei­ner Hilf­lo­sig­keit nahm ich Hil­fe an. Und ich erhielt die Din­ge, die ich auf­ge­ge­ben hat­te. Ich bin reich gewor­den, wenn nicht an Geld, dann sicher an Ver­bin­dun­gen zu ande­ren Men­schen. Fami­lie, Freun­de und Frem­de unter­stüt­zen mei­nen Glau­ben und mei­ne Lei­den­schaft für mei­ne Arbeit.

 

Bernd Vill­hau­er ist Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts und Autor der Kolum­ne “Finanz und Ele­ganz”.

Wie ging es dann wei­ter?

Ich ver­brach­te die letz­ten zwei Jah­re damit mein Herz und mei­ne See­le in mei­ne „Chan­ge­ma­kers in Finance“-Initiative zu ste­cken, die nach mei­ner Vor­stel­lung einen Weg zu einer Finanz­wirt­schaft mög­lich macht, die dem Leben dient. Dabei geht es um das Ermög­li­chen eines sich selbst repro­du­zie­ren­den Pro­zes­ses hin zu einem leben­di­gen Netz­werk einer inte­grier­ten Finanz­wirt­schaft, nicht um die Eta­blie­rung einer neu­en Wahr­heit, eines für „rich­tig gehal­te­nen“ Sys­tems oder „bes­se­ren“ Sta­tus Quo. Die CIF-Initia­ti­ve besteht aus einem Zer­ti­fi­zie­rungs­sys­tem, des­sen Haupt­an­lie­gen ethi­sches Ler­nen durch mensch­li­che Erfah­run­gen in der Pra­xis ist. Die Initia­ti­ve möch­te eine Platt­form für einen trans­pa­ren­ten und co-krea­ti­ven Zer­ti­fi­zie­rungs­pro­zess bie­ten, der es dem Finanz­sys­tem ermög­licht, sich selbst wahr­zu­neh­men und zu erken­nen, sodass bei­de Sei­ten im Sys­tem befä­higt wer­den, gemein­sam im Dia­log eine Finanz­wirt­schaft zu ent­wi­ckeln, die dem Leben dient.

Jedoch bin ich nicht der Typ, der alles her­aus­ge­fun­den hat, der zu einem erha­be­nen Zustand des (Bes­ser-) Wis­sens gelangt ist, alle Feh­ler in der Ver­gan­gen­heit wis­send. Ich bin ein sehr gewöhn­li­cher Mensch und obwohl belas­tet durch die Kon­di­tio­nie­rung unse­rer Gesell­schaft und die Wun­den mei­ner Ver­gan­gen­heit, lau­fe ich mit mei­ner Initia­ti­ve, ein­fach so gut ich kann in Rich­tung einer schö­ne­ren Welt, von der mein Herz mir sagt, dass sie mög­lich ist.

 

Wie haben Sie per­sön­lich die Finanz­bran­che erlebt?

Als abs­trakt und jen­seits der rea­len mate­ri­el­len Welt. Die Finanz­wirt­schaft hat ihre Ver­an­ke­rung in der Real­wirt­schaft schon vor lan­ger Zeit ver­lo­ren und eine eige­ne Dyna­mik ent­wi­ckelt. Die unvor­stell­ba­ren Pro­fi­te in der Finanz­bran­che haben kei­nen Bezug zu irgend­ei­ner mate­ri­el­len Pro­duk­ti­on mehr, sie exis­tie­ren in einer Par­al­lel­welt. Aber es sind nicht die Men­schen selbst, die sich auf natür­li­che Wei­se dem Para­dig­ma der Pro­fit­ma­xi­mie­rung ver­schrei­ben wür­den – es ist das Sys­tem an sich, wel­ches die Denk­wei­se eines „maxi­ma­len Ichs“ erzwingt. Den Begriff der “Denk­wei­se des maxi­ma­len Ichs” hat Otto Schar­mer geprägt. Die Defi­ni­ti­on geht über die blo­ße Nut­zen­ma­xi­mie­rung des homo oeco­no­mi­c­us in der Wirt­schaft hin­aus und benennt laut Schar­mer unse­re heu­ti­ge gene­rel­le Sicht­wei­se des “Grö­ßer ist bes­ser” und des maxi­ma­len Mate­ri­al­kon­sums. Wir kon­su­mie­ren immer mehr, wir arbei­ten immer mehr um zu kon­su­mie­ren und der eige­ne Besitz ist uns wich­ti­ger als das Gemein­wohl. Und dies hat auch unmit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen dar­auf, wie wir inves­tie­ren und wie wir den Finanz­markt nut­zen und dadurch mit­ge­stal­ten. Das Ergeb­nis für uns als Gesell­schaft, ist ein Zustand von kol­lek­ti­ver Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, in der wir Resul­ta­te erzie­len, die (fast) nie­mand will.

Für mich per­sön­lich beschreibt die “Denk­wei­se des maxi­ma­len Ichs” aber vor­al­lem ein feh­len­des Gefühl der Ethik. Ethi­sches Ver­hal­ten hat immer mit der Gemein­schaft zu tun; es ist das Ver­hal­ten für das Gemein­wohl: Gemein­schaf­ten, in denen ein­zel­ne Men­schen zum Woh­le der Gemein­schaft als Gan­zes agie­ren… Ich fin­de, das ist eine sehr tref­fen­de Beschrei­bung für ethi­sches Ver­hal­ten. Die Denk­wei­se des maxi­ma­len Ichs ist das genaue Gegen­teil davon.

 

Was wür­den Sie ger­ne ändern?

Ich möch­te die­se Sepa­ra­ti­on been­den, die Getrennt­heit der Finanz­wirt­schaft von einer ver­netz­ten Wirk­lich­keit, der rea­len Wirt­schaft. Das sind nicht zwei ver­schie­de­ne Din­ge, es sind zwei Sei­ten der­sel­ben Medail­le. Es gibt kein „Wir“ gegen „Die“ – kein „Wir sind die 99 %“. Das Gegen­teil ist der Fall: Wir sind die 100 % – wir sind alle mit­ein­an­der ver­bun­den und von­ein­an­der abhän­gig. Wir sind der Pla­net – und wir sind alle mit­ver­ant­wort­lich für die heu­ti­ge Finanz­wirt­schaft. Jedoch wird sich die Finanz­wirt­schaft nicht in Iso­la­ti­on ver­än­dern. Wenn wir unser Wirt­schafts­sys­tem ver­än­dern wol­len, müs­sen wir auch unse­re Unter­neh­mens­pra­xis, unser Han­deln als Wirt­schafts­ak­teu­re und unser Bewusst­sein als Mensch selbst ver­än­dern. Und um dies zu tun, müs­sen wir unse­re heu­ti­ge Welt­an­schau­ung ver­ste­hen – unse­re mecha­nis­ti­sche Sicht des Lebens über­win­den – unse­re Ver­bun­den­heit und wech­sel­sei­ti­ge Abhän­gig­keit von ande­ren Men­schen und von der Natur erken­nen. Wenn das geschieht, muss dar­aus logi­scher­wei­se auch eine völ­lig ande­re Finanz­wirt­schaft resul­tie­ren.

 

Haben wir als Ein­zel­ne über­haupt die Mög­lich­keit etwas zu ändern?

Das ist der ein­zig sinn­vol­le Ansatz­punkt – bei jedem Ein­zel­nen zu begin­nen. Als Bür­ger haben wir eine gro­ße Ver­ant­wor­tung. Unser täg­li­ches Leben hängt mit der poli­ti­schen Situa­ti­on in der Welt zusam­men. Die Ver­än­de­rung ist in unse­rem Bewusst­sein ver­an­kert. Wenn wir uns unse­rer Lebens­wei­se bewusst sind, unse­re Art zu kon­su­mie­ren, zu inves­tie­ren, Din­ge zu betrach­ten, wer­den wir wis­sen, wie wir (Wirt­schafts-) Frie­den schaf­fen kön­nen. Wir müs­sen uns als Gesell­schaft kol­lek­tiv ver­än­dern – vom „Ich“ zum „Wir“. Wir müs­sen uns bewusst sein, dass alles in Wirk­lich­keit inte­griert ist und dass wir Teil des Gan­zen sind und das wir alle die Gesamt­heit in uns haben – nach dem Mot­to: „Ich bin, weil Du bist“.

Der Bud­dhis­mus sieht die­se Art des nicht-dua­lis­ti­schen Den­kens als ein Schlüs­sel­ele­ment für die Ver­än­de­rung. Wenn wir die Finanz­wirt­schaft ver­än­dern wol­len, müs­sen wir uns selbst ver­än­dern – zu mit­ver­ant­wort­li­chen, enga­gier­ten Bür­gern. Thich Nhat Hanh bringt es auf den Punkt: „Unser eige­nes Leben muss die Bot­schaft sein.“ Wir alle kön­nen enga­gier­te Öko­no­men im täg­li­chen Leben sein und Ver­än­de­rung her­bei­füh­ren. Dafür müs­sen wir die Fähig­keit ent­wi­ckeln, in einem Kon­flikt bei­de Sei­ten ver­ste­hen zu kön­nen. Wir kön­nen nicht ein­fach die eine oder ande­re Sei­te beschul­di­gen. Wir müs­sen die Ten­denz über­win­den, Par­tei zu ergrei­fen. Hier­für brau­chen wir Ver­bin­dun­gen, per­sön­li­che Bezie­hun­gen. Wir brau­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on.

 

Nie­der­ge­schrie­ben bei einer Tas­se Tee am 11.5.18

Teil 2 des Inter­views folgt in Kür­ze

 

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

GEMEINGUT IN BÜRGERINNENHAND – Wem gehört’s?

Aus der Rubrik Land in Sicht in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 zum The­ma ORDNUNG.

GEMEINGUT IN BÜRGERINNENHAND – Wem gehört’s?

 

Es gab ein­mal eine Über­ein­kunft: Der Staat ist für die Daseins­vor­sor­ge zustän­dig, muss also die­je­ni­gen Güter und Dienst­leis­tun­gen zur Ver­fü­gung stel­len, die für das mensch­li­che Dasein als not­wen­dig erach­tet wer­den. Dar­un­ter ver­steht man in der Regel unter­schied­li­che Infra­struk­tu­ren (Stra­ßen, Was­ser­ver­sor­gung, Müll­ab­fuhr etc.) und Ein­rich­tun­gen (Schu­len, Thea­ter, Kran­ken­häu­ser, Fried­hö­fe etc.). Dadurch, dass die­se Auf­ga­ben vom Staat wahr­ge­nom­men wer­den, soll­te sicher­ge­stellt wer­den, dass nie­mand von der Nut­zung die­ser Güter und Dienst­leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen wird. Fer­ner soll­te so gewähr­leis­tet wer­den, dass Pro te, wel­che durch die Nut­zung bei­spiels­wei­se der Infra­struk­tu­ren erzielt wer­den, dem Staat – also der Gesell­schaft – zuflie­ßen.

Die­se Über­ein­kunft ver­liert zuneh­mend an Bedeu­tung, was auf zwei Grün­de zurück­zu­füh­ren ist: Ers­tens man­gelt es der öffent­li­chen Hand an Gel­dern, um grö­ße­re Inves­ti­tio­nen vor­zu­neh­men und zwei­tens wird ihr Ineff­zi­enz bei der Bereit­stel­lung der betref­fen­den Güter und Dienst­leis­tun­gen vor­ge­wor­fen. Mit der Erfin­dung des Kon­zepts der Öffent­lich Pri­va­ten Part­ner­schaft (ÖPP) schien man die idea­le Lösung gefun­den zu haben: Für ein kon­kre­tes Pro­jekt wird eine Zweck­ge­sell­schaft (zum Bei- spiel eine GmbH) gegrün­det, deren Teil­ha­ber eine öffent­li­che und eine pri­va­te Par­tei sind (zum Bei­spiel eine Kom­mu­ne und ein Bau­un­ter­neh­men). Der pri­va­te Part­ner trägt die Ver­ant­wor­tung für die eff­zi­en­te Erstel­lung der Leis­tung und die öffent­li­che Hand gewähr­leis­tet, dass gemein­wohl­ori­en­tier­te Zie­le nicht aus dem Blick gera­ten. So weit, so gut. Und so wur­den in den letz­ten fünf­und­zwan­zig Jah­ren zahl­rei­che ÖPPs rea­li­siert.

Doch lei­der blie­ben die ÖPPs hin­ter ihren selbst­ge­steck­ten Zie­len zurück – wie die Initia­ti­ve Gemein­wohl in Bür­ge­rIn­nen­hand (GiB) auf ihrer Home­page anhand zahl­rei­cher Bei­spie­le zeigt. So klärt die Initia­ti­ve unter ande­rem dar­über auf, dass die Qua­li­tät der Daseins­vor­sor­ge abnimmt, wenn sie der Gewinn­ma­xi­mie­rung unter­wor­fen wird oder dass ÖPPs viel Erpres­sungs­po­ten­zi­al bie­ten sowie gene­rell eine Aus­he­be­lung der Demo­kra­tie bedeu­ten. Neben der Auf­klä­rungs­ar­beit enga­giert sich die Initia­ti­ve auch gegen die Eta­blie­rung neu­er ÖPPs.
Mehr dazu unter gemeingut.org 

NACHGEFRAGT BEI CARL WAßMUTH, INITIATOR DER INITIATIVE GEMEINWOHL IN BÜRGERINNENHAND

 

Das am häu­figs­ten gehör­te Argu­ment für ÖPPs ist, dass die pri­va­ten Unter­neh­men „es bes­ser und effi­zi­en­ter kön­nen“ als die öffent­li­che Hand. Stimmt das?

Tatsa­äch­lich gibt es vie­le Bei­spie­le für ineff­zi­en­tes staat­li­ches Han­deln. Die Daseins­vor­sor­ge aber ein­fach Pri­va­ten zu über­tra­gen, macht es nicht bes­ser, son­dern schlim­mer. Das zei­gen vie­le Bei­spie­le wie die Elb­phil­har­mo­nie in Ham­burg, die Schu­len im Land­kreis Offen­bach oder das ÖPP-Pro­jekt auf der A1. Pri­va­te wol­len aus der Infra­struk­tur ihre Ren­di­te raus­ho­len – die Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung sehen sie nicht als ihre Ver­pflich­tung an. Am meis­ten Geld lässt sich ver­die­nen, wenn man viel ein­nimmt, aber wenig aus­gibt. Das führt dann zum Ver­fall der Infra­struk­tu­ren.

Was ist der Grund, dass ÖPPs nach wie vor – auch von der öffent­li­chen Hand selbst – ins Spiel gebracht wer­den, um Pro­ble­me zu lösen, wie zuletzt bei der Sanie­rung der Schu­len in Ber­lin?

Das Eff­zi­enz­ar­gu­ment wird nur noch sel­ten vor­ge­bracht – davon las­sen sich heut­zu­ta­ge nur noch die wenigs­ten blen­den. Die neue Masche ist der Trick mit der Schul­den­brem­se. Denn mit ÖPPs kann man die soge­nann­te Schul­den­brem­se umge­hen: Von drei­ßig zu zah­len­den Jah­res­ra­ten taucht nur die ers­te im Haus­halt auf. Und die bei ÖPP übli­chen Nach­for­de­run­gen sieht man auch nicht. Inso­fern führt die Umge­hung der Schul­den­brem­se direkt zur Pri­va­ti­sie­rung. Dass dabei gar kei­ne Schul­den gebremst wer­den, ist auch irgend­wie klar: Die Kre­di­te sind ja nur ver­steckt, und das Ver­ste­cken macht die Ver­schul­dung nur noch teu­rer.

Ken­nen Sie auch Fäl­le, bei denen eine ÖPP aus Ihrer Sicht sinn­voll war und gut funk­tio­niert hat?

Nein, wir ken­nen kei­nen ein­zi­gen Fall. Wenn wir auf Vor­trags­rei­sen sind, fra­gen wir die Leu­te vor Ort immer, ob sie uns sol­che „guten ÖPP-Pro­jek­te“ nen­nen kön­nen und bie­ten an, die Zah­len ein­mal durch­zu­prü­fen. Aber auch dabei sind wir noch auf kei­nes gesto­ßen. Es scheint kei­ne zu geben. In Groß­bri­tan­ni­en, sozu­sa­gen dem Mut­ter­land von ÖPP, hat man die­se Erfah­rung schon frü­her gemacht. Dort haben zwei gro­ße Unter­su­chun­gen erge­ben, dass eine ÖPP zwi­schen 40 und 70 Pro­zent teu­rer kommt. Und dabei sind Plei­ten wie die Insol­venz des Giga-ÖPP-Kon­zerns Caril­li­on noch gar nicht ein­ge­rech­net.

Das BGE als Stillhalteprämie

Leserbrief zur Diffamierung des Bedingungslosen Grundeinkommens

Fol­gen­der Leser­brief erreich­te uns am 30. April. Mit die­sem Brief kom­men­tiert Richard Rath die Hal­tung der Gewerk­schaf­ten zum Bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men. Er ist stell­ver­tre­ten­der Lan­des­vor­sit­zen­der Bran­den­burgs der PARTEI BÜNDNIS GRUNDEINKOMMEN (Lis­te 10 bei der letz­ten Bun­des­tags­wahl) und NOCH ver­di-Mit­glied.

 

Pho­to by Jor­dan Whit­field on Uns­plash

 

Einen Tag vor dem 1. Mai star­te­ten die Gewerk­schaf­ten eine medi­al bun­des­weit ver­brei­te­te Kam­pa­gne zur Dif­fa­mie­rung des Bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens. Unter ande­rem hier nach­zu­le­sen. Sie ver­brei­te­ten dabei u. a. die Unter­stel­lung, ein BGE sei eine “Still­hal­te­prä­mie” bzw. Men­schen wür­den dadurch “daheim sit­zen und ali­men­tiert wer­den”.

Der Auf­schrei der Gewerk­schaf­ten und aller poli­ti­schen Kräf­te, deren Exis­tenz von den bestehen­den Arbeits- und Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­sen abhän­gen, kommt nicht uner­war­tet. Sie sind die Ver­tre­ter von Ein­zel- oder Grup­pen­in­ter­es­sen und tra­gen damit zur Spal­tung der Gesell­schaft bei, ganz im Gegen­satz zum Bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men, das allen Men­schen zuste­hen würd.

Der Angriff der Gewerk­schaf­ten gegen das Bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men geht ein­her mit der hane­bü­che­nen Ver­un­glimp­fung einer Idee, die die Arbeit end­lich von der Last befrei­en wür­de, Erwerbs­ar­beit sein zu müs­sen.

Wie viel Arbeit schon jetzt die Men­schen in die­sem Land leis­ten, die nicht hono­riert wird, im soge­nann­ten Ehren­amt, für das man sich nicht ein­mal Ehre erwirbt, geschwei­ge denn Ren­ten­punk­te, in der fami­liä­ren Pfle­ge, in der Kin­der­er­zie­hung – das alles wol­len die Her­ren Gewerk­schafts­funk­tio­nä­re nicht sehen. Und dar­um kön­nen sie auch nicht wis­sen, wie die­se Men­schen trotz­dem ihren All­tag struk­tu­rie­ren und sozia­le Bezie­hun­gen haben, selbst die­je­ni­gen, die unter ihrer Mit­wir­kung in Hartz IV abge­scho­ben wur­den. Aber in Wirk­lich­keit inter­es­siert dass DGB, ver­di und IG-Metall über­haupt nicht. Denn das jet­zi­ge Sys­tem von Min­dest­lohn, der über­all unter­lau­fen wird, Tarif­löh­nen, die auf Kos­ten der aus­ge­grenz­ten Arbeits­lo­sen immer wei­ter stei­gen, anstatt die Arbeits­zeit zu ver­kür­zen, und Hartz IV, das von den Gewerk­schaf­ten nicht nur jah­re­lang nicht aus­rei­chend bekämpft, son­dern de fac­to mit­ge­tra­gen wur­de und wird, ali­men­tiert Nichts­tun und för­dert die Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit.

Gön­ner­haft wird von Teil­ha­be gespro­chen, die durch die Ein­füh­rung eines Bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens gefähr­det wür­de. Wer nur Teil­ha­be will, gibt sel­ber Almo­sen! Wie schon das Wort sagt, man darf einen Teil haben, einen Teil von dem Kuchen, den die Gewerk­schaf­ten gemein­sam mit den Bos­sen der Unter­neh­men auf­ge­teilt haben. Und wie groß die Tei­le sind, das haben die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger nicht zu ent­schei­den. Das machen die Gewerk­schaf­ten in insze­nier­ten Tarif­kämp­fen, die nicht sel­ten auf dem Rücken der gesam­ten Bevöl­ke­rung aus­ge­tra­gen wer­den. Genau das sind ALMOSEN! Wer Almo­sen wirk­lich bekämp­fen will, soll­te Hartz IV bekämp­fen und nicht das Bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men, das ja allen zuste­hen wür­de und damit inklu­siv ist. Natür­lich müs­sen die Gewerk­schaf­ten das Bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men ver­teu­feln, denn es wür­de die Men­schen selbst ermäch­ti­gen, auf Augen­hö­he mit den Unter­neh­mern zu ver­han­deln, nicht über den Umweg von Gewerk­schaf­ten. Die­se trau­en es näm­lich den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern nicht zu, ihr Leben selbst in die Hand zu neh­men. Das Bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men ist alles ande­re als eine “Still­hal­te­prä­mie”, es wür­de die Krea­ti­vi­tät des Men­schen auf­ru­fen, sein Leben frei und selbst­be­stimmt zu gestal­ten und sich nicht in Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­sen knech­ten zu las­sen, zu denen die Gewerk­schaf­ten seit weit über 100 Jah­ren ihr Ja und Amen gege­ben haben, denn im Grund wol­len sie nichts an die­sen Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­sen ändern, weil sie dar­aus ihre eige­ne Exis­tenz­be­rech­ti­gung ablei­ten. Stel­len Sie doch ein­mal die Fra­ge, wie vie­le Betriebs­schlie­ßun­gen die Gewerk­schaf­ten gera­de im Osten tat­säch­lich ver­hin­dern konn­ten, wenn der Unter­neh­mer sei­nen Gewinn gefähr­det sah? Und was ist mit den unge­zähl­ten Fami­li­en­be­trie­ben, Gewer­be­trei­ben­den und Frei­be­ruf­lern?
Wie set­zen sich die Gewerk­schaf­ten für die­se Per­so­nen­grup­pe ein? Ich arbei­te selbst als unab­hän­gi­ger Ren­ten­be­ra­ter. Uns allen wür­de das Bedin­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men die all­täg­li­che Exis­tenz­angst neh­men. Aber das will kei­ner, denn die­se Angst wird gebraucht, um die Arbei­ten­den zu unter­drü­cken und gleich­zei­tig die Exis­tenz von Gewerk­schaf­ten zu ret­ten, deren Bon­zen sich in den Auf­sichts­rä­ten von einem Peter Hartz die Lust­rei­sen nach Bra­si­li­en haben finan­zie­ren las­sen. Das ins Spiel gebrach­te soge­nann­te “Soli­da­ri­sche Grund­ein­kom­men” ist weder soli­da­risch noch ein Grund­ein­kom­men, son­dern eine typisch sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Mogel­pa­ckung. Es ruft unter neu­em Deck­män­tel­chen die alten, ach so ver­teu­fel­ten Almo­sen, wie ABM und 1-Euro-Job, auf den Plan. War­um lau­fen die Gewerk­schaf­ten nicht dage­gen Sturm, wenn auf die­se Art und Wei­se klas­si­sche tarif­ge­bun­de­ne Tätig­keit im öffent­li­chen Dienst durch eine rot-rot-grü­ne Ber­li­ner Lan­des­re­gie­rung aus­ge­höhlt wer­den soll? Bevor man sich wie­der der nun schon lang­wei­lig gewor­de­nen Fra­ge bedient, ob sich ein Bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men bezah­len las­se, soll man sich doch erst mal mit den zahl­rei­chen Finan­zie­rungs­vor­schlä­gen, wie zum Bei­spiel einer Finanz­trans­ak­ti­ons­steu­er oder der Abschaf­fung eines redu­zier­ten Mehr­wert­steu­er­sat­zes, die seit Jah­ren auf dem Tisch lie­gen, aus­ein­an­der­set­zen.

Lin­den­dorf, den 30.4.2018

Wenn wir Gewinn machen, haben wir schlecht gewirtschaftet


Wenn wir Gewinn machen, haben wir schlecht gewirtschaftet

Uwe Lübbermann im Gespräch mit der Thales-Akademie

 

Mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­mer wer­den zwar als „Rück­grat der deut­schen Wirt­schaft“ besun­gen, tre­ten aber sel­ten öffent­lich in Erschei­nung. Im Gespräch mit der Tha­les-Aka­de­mie erzählt Uwe Lüb­ber­mann von Erfol­gen und Nie­der­la­gen, Erfah­run­gen und Ein­sich­ten.

Uwe Lüb­ber­mann ist Grün­der und zen­tra­ler Mode­ra­tor des Ham­bur­ger Geträn­ke­kol­lek­tivs PREMIUM, das vor allem eine maxi­mal kof­fe­in­hal­ti­ge Cola, aber auch ein Bio­land-Pils sowie eine Mate- und eine Holun­der­li­mo her­stellt. Gemein­sam ver­sto­ßen die Kol­lek­ti­vis­ten gegen so ziem­lich jede Grund­re­gel der kon­ven­tio­nel­len Betriebs­wirt­schafts­leh­re: Es gibt kein Logo, kei­ne Wer­bung, kein Spon­so­ring, kei­ne Frei­wa­re, kei­ne schrift­li­chen Ver­trä­ge, kei­ne Wachs­tums­ori­en­tie­rung und kei­ne Gewinn­ma­xi­mie­rung, eben­so wenig wie einen Chef oder sons­ti­ge For­men von Hier­ar­chie. Statt­des­sen bringt das Kol­lek­tiv alle Betei­lig­ten der Wert­schöp­fungs­ket­te zusam­men, vom Eti­ket­ten­her­stel­ler bis zum Kon­su­men­ten, um gemein­sam ein sozia­les und öko­lo­gi­sches Pro­dukt zu schaf­fen, das alle Betei­lig­ten begeis­tert und bei dem jede/r Ein­zel­ne bei jeder unter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung ein Veto-Recht hat – ganz im Sinn geleb­ter Kon­sens­de­mo­kra­tie. Und die Kol­lek­ti­vis­ten gehen noch einen Schritt wei­ter: In der hart umkämpf­ten Geträn­ke­bran­che, in der es auch an alter­na­ti­ven Erfri­schungs­ge­trän­ken längst nicht mehr man­gelt, gewäh­ren sie den Händ­lern nicht den übli­chen Men­gen­ra­batt, son­dern geben einen Anti-Men­gen­ra­batt, um klei­ne­re Markt­teil­neh­mer zu stär­ken.
Was wie ein Him­mel­fahrts­kom­man­do klin­gen mag, stößt seit mitt­ler­wei­le 17 Jah­ren auf immer grö­ße­re Reso­nanz, sodass Pre­mi­um jähr­lich 1,4 Mil­lio­nen Fla­schen mit mehr als 1.680 Part­nern in über 100 Städ­ten im deutsch­spra­chi­gen Raum ver­kauft.

Im Gespräch mit der Tha­les-Aka­de­mie spricht Uwe Lüb­ber­mann über sei­ne Grün­dungs­mo­ti­ve, die Über­trag­bar­keit der Pre­mi­um-Idee auf ande­re Bran­chen sowie über die bis­lang schwers­ten und schöns­ten Pre­mi­um-Momen­te.

 

Herr Lüb­ber­mann, gehö­ren Sie zu denen, die schon immer Unter­neh­mer wer­den woll­ten?

Nein, gar nicht. Aber seit ich zwölf bin, habe ich immer gear­bei­tet. Zuerst habe ich neben der Schu­le Blu­men mit dem Skate­board aus­ge­fah­ren, dann jah­re­lang auf dem Bau gear­bei­tet, war Bar­kee­per, Gabel­stap­ler­fah­rer, habe behin­der­te Men­schen betreut, Gas­zäh­ler abge­le­sen, Bil­lard für Geld gespielt und zuletzt die Kom­mu­ni­ka­ti­on für ein gro­ßes EU-Pro­jekt an der Uni­ver­si­tät Lüne­burg gesteu­ert. Die­se Erfah­run­gen sind für mich alle gleich wert­voll, denn auf­grund ihrer Viel­falt kann ich heu­te mit ganz unter­schied­li­chen Men­schen gemein­sa­me Lösun­gen fin­den.

Unter­neh­mer bin ich dann eher aus Ver­se­hen gewor­den: Vor etwa 18 Jah­ren lag ich in der Bade­wan­ne und trank mei­ne dama­li­ge Lieb­lings­co­la. Aber sie schmeck­te anders und ich wur­de auch nicht rich­tig wach. Offen­bar waren heim­lich das Rezept und der Kof­fein­ge­halt geän­dert wor­den – wohl­ge­merkt: von mei­ner Cola, die ich bezahlt hat­te. Das hat mich geär­gert. Denn ich fin­de, wenn ich die Cola kau­fe, bin ich ein Teil die­ses Unter­neh­mens­netz­werks und möch­te daher auch auf Augen­hö­he behan­delt wer­den. Also bin ich zum Unter­neh­mens­sitz gefah­ren, wur­de dort auch vor­ge­las­sen, und habe dann mehr­mals ver­sucht, die Ver­ant­wort­li­chen davon zu über­zeu­gen, dass Kun­den wie ich ein Mit­spra­che­recht haben soll­ten. Die haben das letzt­lich aber igno­riert. Kurz danach habe ich durch Glück erfah­ren, wo das ursprüng­li­che Cola-Rezept noch zu haben ist. Und dann habe ich ein­fach mal 1.000 Fla­schen für Freun­de und Bekann­te pro­du­zie­ren las­sen. Bald danach habe ich 2.000 Fla­schen abfül­len las­sen, weil immer mehr Nach­fra­ge kam – und plötz­lich hat­te ich aus Ver­se­hen eine Geträn­ke­mar­ke gegrün­det und war Unter­neh­mer gewor­den.
Es gibt nicht nur sehr unter­schied­li­che Geschäfts­mo­del­le und Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zi­pi­en von Unter­neh­men, son­dern damit ein­her­ge­hend auch sehr unter­schied­li­che Selbst­ver­or­tun­gen der jewei­li­gen Grün­der und Eigen­tü­mer. Was macht für Sie einen Unter­neh­mer aus?

Wenn ich von der kon­ven­tio­nel­len Defi­ni­ti­on aus­ge­he, den­ke ich an jeman­den, der in einer gewinn­ori­en­tier­ten Orga­ni­sa­ti­on eine her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung hat, der Risi­ken ein­geht und im Erfolgs­fall sehr gut dar­an ver­dient. Und wenn es nicht klappt, ist er plei­te. Mein Selbst­ver­ständ­nis ist ein ganz ande­res. So waren bei­spiels­wei­se die Risi­ken, die ich ein­ge­gan­gen bin, immer sehr gering, weil ich ein sehr vor­sich­ti­ger Mensch bin, man könn­te sogar sagen: ein Feig­ling. Die­se Vor­sicht zieht sich durch das gan­ze Pro­jekt: Wir haben bis heu­te noch nie einen Kre­dit auf­ge­nom­men oder mit ver­rück­ten Wachs­tums­zie­len han­tiert, son­dern sind Schritt für Schritt gewach­sen, haben Stadt für Stadt erschlos­sen, lang­sam Men­schen dazu geholt und alles in Ruhe auf­ge­baut. Beim Umgang mit wirt­schaft­li­chen Risi­ken sehe ich mich also gar nicht unbe­dingt als Unter­neh­mer. Dazu kommt, dass ich auch kei­ne her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung haben möch­te. Pre­mi­um ist ein gemein­sa­mes Pro­jekt von gleich­wür­di­gen Men­schen. Inso­fern sehe ich mich selbst eher als eine Art Netz­werk­ge­stal­ter.Jede Orga­ni­sa­ti­on muss wis­sen, was sie eigent­lich will – aber bei Pre­mi­um soll die­ses Ziel nicht direk­tiv vor­ge­ge­ben sein, son­dern sich auf der Grund­la­ge gemein­sam getrof­fe­ner Ent­schei­dun­gen ent­wi­ckeln. Ich sehe mei­ne Auf­ga­be also dar­in, mich um alle Men­schen bei uns zu küm­mern und dar­auf zu ach­ten, dass sich alle fair behan­delt füh­len: das Orga-Team, die Abfül­ler, die Geträn­ke­lie­fe­ran­ten, die Händ­ler, die Gas­tro­no­men und alle Kun­den, die sich enga­gie­ren.
Aber irgend­wann haben Sie ja ent­schie­den, sich selbst­stän­dig zu machen. Das ist letzt­lich immer ein Schritt, der mit gewis­sen Risi­ken ver­bun­den ist. Wie sind Sie damit umge­gan­gen?

Zu Beginn war Pre­mi­um ein­fach ein Hob­by. Erst nach und nach ent­stand das Bewusst­sein, dass es wirt­schaft­lich trag­fä­hig wer­den könn­te. Und an die­ser Stel­le sehe ich mich schon als Unter­neh­mer: Es war mein Risi­ko, so lan­ge Arbeit rein­zu­ste­cken, bis es wirk­lich trag­fä­hig war. Und es hat sie­ben­ein­halb Jah­re gebraucht, bis für mich ein Anteil drin war. Da hat­ten alle ande­ren ihr Geld schon jah­re­lang bekom­men. Erst 2010, nach acht­ein­halb Jah­ren, habe ich dann den Schritt gewagt und mei­nen Job an der Uni Lüne­burg gekün­digt. Ich habe es also bewusst nicht so gemacht, wie man es angeb­lich machen soll – einen Busi­ness­plan schrei­ben, den Job kün­di­gen, auf vol­les Risi­ko gehen und mal schau­en, was pas­siert. Das ist aus mei­ner Sicht der dümms­te Zeit­punkt für die Selbst­stän­dig­keit, denn am Anfang feh­len dir zwei ganz wich­ti­ge Fak­to­ren für den Erfolg: Erfah­rung und ein gutes Netz­werk.
Ein wei­te­rer Aspekt, der Pre­mi­um von klas­si­schen Unter­neh­mun­gen unter­schei­det, besteht dar­in, dass es kei­ne Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht gibt. Statt­des­sen zie­len Sie ledig­lich auf die schwar­ze Null. Wes­halb?

Das der­zei­ti­ge Sor­ti­ment des Pre­mi­um-Geträn­ke­kol­lek­tivs: Cola, Bio­land-Pils, Mate-Getränk („Mun­ter Mate“), Holun­der­blü­ten-Limo („Frohlun­der“)

Die schwar­ze Null bedeu­tet bei uns, dass alle Kos­ten gedeckt und alle Betei­lig­ten bezahlt sind und wir eine Rück­la­ge von einem Cent pro Fla­sche für schlech­te Zei­ten gebil­det haben. War­um soll­te es mehr sein? Und woher soll­te die­ses „mehr“ kom­men? Das gin­ge ja nur, wenn ich die Lie­fe­ran­ten drü­cke oder die Prei­se für die Kun­den erhö­he oder die Mit­ar­bei­ter schlech­ter bezah­le – nur, damit mein Anteil steigt. Das könn­te ich als Unter­neh­mer zwar tun. Aber ich will es nicht, weil ich es für einen fal­schen Anreiz in unse­rem kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tem hal­te. Bei uns ver­dient jeder der­zeit 20 Euro brut­to pro Stun­de. Also: ein glei­cher Lohn für alle, den wir alle gemein­sam defi­niert haben. Dann gibt es noch Zuschlä­ge für Men­schen mit Kin­dern, mit Behin­de­rung und mit einem Arbeits­platz­be­darf. Letzt­lich bekom­me ich also 21,50 Euro pro Stun­de, denn ich habe zwar kei­ne Kin­der oder Behin­de­run­gen, aber ich brau­che einen Arbeits­platz. Das reicht völ­lig aus, denn ich habe eine Woh­nung mit viel Platz, bin ver­si­chert und kann mir alle Hob­bys leis­ten. Ich den­ke sowie­so, wir soll­ten uns öfter fra­gen, was uns genügt, anstatt auf immer mehr Ein­kom­men und Kon­sum­op­tio­nen zu schie­len. Des­halb ist das Unter­neh­mens­ziel die schwar­ze Null am Jah­res­en­de. Wenn dann noch Geld übrig ist, habe ich schlecht gewirt­schaf­tet! Denn dann habe ich ent­we­der den Lie­fe­ran­ten zu wenig gege­ben oder vom Kun­den zu viel genom­men.

Jetzt zum Gewinn: Viel wich­ti­ger als der finan­zi­el­le Erfolg sind für mich der Sinn mei­ner Tätig­keit, hin­ter der ich voll und ganz ste­hen kann, die Mög­lich­keit, unse­re Art zu Wirt­schaf­ten bekann­ter zu machen, mitt­ler­wei­le auch inter­na­tio­nal, außer­dem die per­sön­li­che Wei­ter­ent­wick­lung und nicht zuletzt die Frei­heit, mich nicht ver­stel­len zu müs­sen. Fast alle mei­ne Freun­de haben min­des­tens zwei Per­sön­lich­kei­ten – eine ech­te und eine für die Arbeit. Ich kann dage­gen immer der glei­che Mensch sein! Die­ses Gesamt­pa­ket ist für mich der eigent­li­che „Gewinn“ von Pre­mi­um.
Ist es Ihnen durch die 100-pro­zen­ti­ge Eigen­fi­nan­zie­rung tat­säch­lich gelun­gen, sich unab­hän­gig vom Wachs­tums­zwang zu machen?

Ja. Es gibt mitt­ler­wei­le kei­nen zwin­gen­den Grund mehr, war­um Pre­mi­um wach­sen muss. Wir könn­ten wach­sen und auch inter­na­tio­na­li­sie­ren, denn es gibt Inter­es­se aus den USA, Indi­en und ande­ren Län­dern. Machen wir aber nicht, weil die Öko-Bilanz beim Ver­schif­fen von Geträn­ke­kis­ten viel zu schlecht ist. Wir sehen nur zwei Grün­de, wes­halb Pre­mi­um mode­rat wei­ter wach­sen soll­te: zum einen, um noch mehr Leu­ten so eine freie Arbeits­form zu ermög­li­chen, und zum ande­ren, um unser Modell für kon­ven­tio­nel­le Betrach­ter attrak­tiv zu hal­ten. Denn wenn sich jemand aus der kon­ven­tio­nel­len Wirt­schaft von so einem Modell was abgu­cken will, aber das Pro­jekt seit zehn Jah­ren sta­gniert, ist das Inter­es­se schnell wie­der weg. Daher wol­len wir immer einen leich­ten Anstieg vor­wei­sen kön­nen. Denn unser eigent­li­ches Ziel ist ja nicht, Cola zu ver­kau­fen. Wir wol­len etwas in der Welt ver­än­dern.
Was genau wol­len Sie errei­chen und in der Welt ver­än­dern?

Ein mensch­li­che­res Zusam­men­ar­bei­ten. Ganz schlicht und ein­fach. Wenn es um die Mög­lich­keit von finan­zi­el­lem Gewinn in Unter­neh­men geht, setzt unse­re Wirt­schafts­ord­nung die fal­schen Anrei­ze. Dadurch benach­tei­ligt sie Men­schen und zer­stört oft sogar Lebens­läu­fe, nur wegen Gel­des. Aber nicht nur im Zwi­schen­mensch­li­chen ist noch viel Luft nach oben, auch was die Bewah­rung des Pla­ne­ten angeht. Wir ver­brau­chen pro Jahr 1,6 Pla­ne­ten – aber wir haben nur einen. Wir kön­nen also nicht so wei­ter­ma­chen wie bis­her. Man kann jetzt dis­ku­tie­ren, ob Cola das geeig­nets­te Mit­tel ist, um etwas zu ver­än­dern. Und ich weiß natür­lich, dass wir letzt­lich kei­ne Cola brau­chen. Aber die Cola ist ein Vehi­kel, um zu zei­gen: Eine ande­re, erfolg­rei­che Form des Wirt­schaf­tens ist sogar mit dem Kapi­ta­lis­mus­ge­tränk Num­mer eins mög­lich – und nicht nur mit Bio-Streu­obst­wie­sen-Apfel­saft!
Ist der unter­neh­me­ri­sche Weg aus Ihrer Sicht der viel­ver­spre­chends­te, um gesell­schaft­lich etwas zum Bes­se­ren zu bewir­ken?

Es gibt ver­schie­de­ne Wege, gegen ein Sys­tem zu arbei­ten, das einem nicht passt. Man kann dage­gen demons­trie­ren, es bekämp­fen und in die Poli­tik gehen. Das ist alles berech­tigt. Oder man geht in das Sys­tem hin­ein und ver­sucht, es von innen zu ver­än­dern. Und das ist mein Weg, weil ich den ein­fach am bes­ten kann. Klar, demons­trie­ren könn­te ich auch, aber das bringt mei­ner Mei­nung nach nichts. Beim akti­ven Bekämp­fen brin­ge ich mich in Gefahr, mache mich straf­bar – und mache mich auch klei­ner gegen­über dem Sys­tem. Das ist also der fal­sche Weg. Und Poli­tik traue ich mir nicht zu, dafür bin ich nicht glatt genug und kann nicht tak­tie­ren und trick­sen. In mei­nem Fall ist die Lösung also: rein ins Sys­tem und was zum Bes­se­ren ver­än­dern.
Da Gewinn­erzie­lung oder gar Gewinn­ma­xi­mie­rung bei Pre­mi­um kein unter­neh­me­ri­sches Ziel ist, müs­sen Sie ande­re mit­tel- und lang­fris­ti­ge Zie­le defi­nie­ren und ver­fol­gen. Wel­che sind das?

Das wich­tigs­te Ziel ist der Erhalt des Betrie­bes, um alle Betei­lig­ten bezah­len zu kön­nen und wei­ter­hin den Beweis zu füh­ren, dass man so wirt­schaf­ten kann, wie wir es tun. Das zwei­te Ziel ist die inne­re Wei­ter­ent­wick­lung, also uns noch bes­ser umein­an­der zu küm­mern und bei­spiels­wei­se die Logis­tik für die Fah­rer noch stress­frei­er zu machen, damit wirk­lich alle Part­ner erle­ben, dass die Zusam­men­ar­beit so viel bes­ser klappt. Und drit­tens beglei­te ich seit einem Jahr ande­re Unter­neh­men, die sich wei­ter­ent­wi­ckeln wol­len. Dort gelingt es mir häu­fig, Sachen zu sehen, die die Ver­ant­wort­li­chen nicht sehen. Das geht aber nur, wenn ich vor­wei­sen kann, dass Pre­mi­um sta­bil ist und sich gut ent­wi­ckelt. Sonst wäre ich nur irgend­ein Bera­ter, der irgend­ei­ne Theo­rie erzählt.
War­um ist Ihnen von Beginn an die Kon­sens­de­mo­kra­tie für die gemein­sa­me Arbeit so wich­tig gewe­sen?

Am Anfang stand ich da und hat­te von nichts eine Ahnung. Trotz­dem soll­te ich auf ein­mal der sein, der bestimmt. Das hat mir über­haupt nicht gepasst, denn ich wuss­te, dass ich Mit­strei­ter brau­che, und ich bin außer­dem davon aus­ge­gan­gen, dass wir gleich­be­rech­tig­te Men­schen sind. Also woll­te ich eine Ent­schei­dungs­me­tho­de, bei der jeder die Macht hat, ein Ergeb­nis zu ver­hin­dern, das für ihn nicht in Ord­nung ist. Denn dann musst du von vor­ne­her­ein einen gemein­sa­men Weg suchen, bei dem es am Ende kein Veto gibt. Ein Veto heißt bei uns: „Damit kann ich nicht leben.“ Und genau das wol­len wir aus­schlie­ßen, dass eine Ent­schei­dung getrof­fen wird, mit der jemand nicht leben kann. Das ist wahr­schein­lich eines unse­rer Geheim­nis­se: Wir geben jedem die Macht, jede Unter­neh­mens­ent­schei­dung zu blo­ckie­ren. Aber wir prä­gen eine Kul­tur, bei der es dar­um geht, gemein­sam wei­ter­zu­kom­men, sodass idea­ler­wei­se nie­mand von die­ser Macht Gebrauch machen muss.

 

Vie­le Men­schen wür­den davon aus­ge­hen, dass eine solch hier­ar­chie­freie und par­ti­zi­pa­ti­ve Form der Unter­neh­mens­steue­rung müh­sam, ris­kant und viel­leicht sogar zum Schei­tern ver­ur­teilt ist. Denn hier kann bei­spiels­wei­se ein ein­zi­ger Que­ru­lant jede Ent­schei­dung tor­pe­die­ren. Aller­dings scheint die bis­he­ri­ge Geschich­te von Pre­mi­um zu bewei­sen, dass eine ver­trau­ens­ori­en­tier­te Form der kol­lek­ti­ven Ent­schei­dung­fndi­ung mög­lich ist und nicht nur öko­no­misch, son­dern auch zwi­schen­mensch­lich erfolg­reich sein kann. Wel­ches sind aus Ihrer Sicht die wich­tigs­ten Grün­de hier­für?

Ich glau­be, es ist tat­säch­lich eine ver­brei­te­te Fehl­an­nah­me, dass Struk­tu­ren, die auf Ver­trau­en, Gemein­schaft­lich­keit und Mit­be­stim­mung beru­hen, insta­bi­ler sind als Struk­tu­ren mit fes­ten Ver­trä­gen und Hier­ar­chi­en. Ich habe doch viel mehr Ver­läss­lich­keit und Sta­bi­li­tät, wenn ich mit zufrie­de­nen Part­nern arbei­te, die alle frei­wil­lig dabei sind, die jeder­zeit mit­re­den kön­nen und denen ich auch nicht über­ge­ord­net bin. Mitt­ler­wei­le sind es 1.680 Part­ner – und mit kei­nem davon gibt es einen schrift­li­chen Ver­trag. Und was mei­nen Sie, wie vie­le Rechts­streits wir bis­lang hat­ten? Kei­nen ein­zi­gen.
Eine sol­che Unter­neh­mens­kul­tur setzt vor­aus, dass man sich nahe ist. Sie benö­tigt also inten­si­ve Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wie genau funk­tio­niert das bei Pre­mi­um?

Im ers­ten Jahr haben wir uns jeden Sonn­tag­abend per­sön­lich getrof­fen. Die nächs­ten zwölf Jah­re hat­ten wir einen E-Mail­ver­tei­ler. Jede Mail, die rein­kam, ging an alle und jede Ant­wort auch. Seit etwa drei Jah­ren haben wir ein Online-Forum, in denen The­men grup­piert wer­den, sodass sich jeder dort enga­gie­ren kann, wo es ihm beson­ders wich­tig ist. Zusätz­lich füh­ren wir indi­vi­du­el­le Tele­fo­na­te und alle zwei bis drei Mona­te auch mal Tele­fon­kon­fe­ren­zen. Ein gro­ßes Netz­werk­tref­fen und auch ein Team-Tref­fen gibt es ein­mal im Jahr. Aus mei­ner Sicht ist räum­li­che Nähe also nur bedingt nötig, wenn die Kom­mu­ni­ka­ti­on stimmt.
Für wie über­trag­bar hal­ten Sie das Modell des selbst­be­stimm­ten Arbei­tens und der Kon­sens­de­mo­kra­tie? Wel­che Vor­aus­set­zun­gen müs­sen erfüllt sein, damit es auch in ande­ren Bran­chen oder bei ande­ren Pro­duk­ten funk­tio­niert?

Eins zu eins ist es fast nir­gends kopier­bar. Und gewis­se Ele­men­te kön­nen auch prin­zi­pi­ell nicht über­tra­gen wer­den: Den Arbeits­ort frei zu wäh­len geht nicht, wenn du ein Laden­ge­schäft betreibst. Alles zu dis­ku­tie­ren geht nicht, wenn du ein Not­arzt­team hast, denn da muss es sehr schnell gehen. Und alles im Kon­sens mit allen betei­lig­ten Par­tei­en zu ent­schei­den, funk­tio­niert nach mei­ner Über­zeu­gung auch nicht, wenn das Pro­dukt kei­nen ech­ten Nut­zen stif­tet oder sogar kon­kret scha­det. Wie etwa bei Immo­bi­li­en­mak­lern: Wenn hier alle Betei­lig­ten im Kon­sens dar­über ent­schei­den dür­fen, wie viel ein Mak­ler für sei­ne Arbeit bekommt, wür­de nie­mand für drei Mal Tür­auf­schlie­ßen so viel Geld bezahlen.Aber ich habe jetzt über 40 Orga­ni­sa­tio­nen ver­schie­dens­ter Art beglei­tet, und es gibt drei Schrit­te, die wir bei Pre­mi­um gegan­gen sind und die wirk­lich über­all etwas brin­gen. Ers­tens: Alle Betrof­fe­nen an einen Tisch holen. Also nicht nur alle Mit­ar­bei­ten­den, son­dern alle, auf die sich das Unter­neh­mens­han­deln irgend­wie aus­wirkt. Zwei­tens: Zeit neh­men. Drit­tens: Den Aus­tausch zwi­schen den Betrof­fe­nen regel­mä­ßig för­dern. Damit waren in allen Orga­ni­sa­tio­nen, die ich bis­her beglei­tet habe, Ver­bes­se­run­gen mög­lich, oft auch signif­kan­te.

Uwe Lüb­ber­mann (Pre­mi­um) und Phil­ip­pe Merz (Tha­les-Aka­de­mie) im Gespräch

Wel­ches sind typi­sche Hür­den, die dabei am schwers­ten zu über­win­den sind?

Eine gro­ße Her­aus­for­de­rung besteht dar­in, die Schä­den zu hei­len, die Men­schen aus vor­he­ri­gen Jobs mit­brin­gen. Bis die einem glau­ben, dass man es wirk­lich ernst mit neu­en For­men des Mit­ein­an­ders und Ent­schei­dens meint, kann es manch­mal lan­ge dau­ern. Mitt­ler­wei­le wird das bei uns bes­ser, da mehr als die Hälf­te der zwölf Per­so­nen im Orga-Team Freun­de oder Bekann­te von ande­ren Team-Mit­glie­dern sind und von die­sen ange­wor­ben wur­den. Damit hast du von vor­ne­her­ein eine bes­se­re Ver­trau­ens­ebe­ne.

Was außer­dem immer wie­der durch­bricht, ist der tief­sit­zen­de Wunsch zu bestim­men. Da kommt dann die Fra­ge: Wie soll ich die­se Ver­ant­wor­tung denn wahr­neh­men, wenn ich nicht bestim­men kann? Und dann müs­sen wir dar­an erin­nern: Du bist doch bei uns, weil du gera­de nicht willst, dass jemand über dich bestimmt. Jetzt willst du gleich sel­ber der Bestim­mer sein – das ergibt doch kei­nen Sinn, oder?! Aber man muss auch beden­ken, dass das, was wir hier machen, ech­tes Neu­land ist. Das hat noch nie­mand vor­her gemacht, zumin­dest nicht in die­ser radi­ka­len Vari­an­te. Des­halb kön­nen wir auch nie­man­den fra­gen, wie es am bes­ten geht. Wir müs­sen es selbst raus­fin­den.
Was war die bis­lang schwers­te Kri­se für Pre­mi­um?

Im Jahr 2013 begann ein Mit­glied des Orga-Teams, unse­re Struk­tu­ren mit fie­sen Metho­den zu sei­nen Guns­ten umzu­bie­gen: Er woll­te einen eige­nen Fir­men­wa­gen, vier­fa­che Bezah­lung, sol­che Din­ge. Für mich stell­te sich die Fra­ge, wie ich auf die­se Per­son reagie­re. Las­se ich mich auch auf fie­se Spiel­chen ein? Oder blei­be ich bei mei­nem Weg? Ich habe dann so lan­ge gewar­tet, bis er Pre­mi­um vor­sätz­lich und nach­weis­bar gescha­det hat. Denn dafür gibt es eine Rege­lung bei uns: Wenn du die­se Linie überschreitest, musst du gehen. Aller­dings muss auch die­se Ent­schei­dung im Kon­sens getrof­fen wer­den – wobei die betrof­fe­ne Per­son in die­sem Son­der­fall kein Veto­recht hat. Die­sen Kon­sens gab es, und so konn­ten wir ihn raus­wer­fen. Das war eine ech­te zwi­schen­mensch­li­che Kri­se. Aber sie hat allen gezeigt, dass wir unse­ren Weg auch unter Beschuss bei­be­hal­ten. Das hat sehr zum Ver­trau­ens­auf­bau bei­ge­tra­gen. Denn erst in der Kri­se zeigt sich, wer du wirk­lich bist und ob du es ernst meinst mit dei­nen Wer­ten und Zie­len.
Was war für Sie per­sön­lich bis­lang der glück­lichs­te Moment mit Pre­mi­um?

Da wür­de ich sogar drei nen­nen. Der ers­te war wäh­rend eines unse­rer Off­line-Tref­fen. Wir dis­ku­tier­ten, ob wir eine Apfel­schor­le machen wol­len. Da saßen 40 Leu­te im Raum, alle von mir völ­lig unab­hän­gig. Und als die Fra­ge au am, wer die Beschluss­vor­la­ge for­mu­liert, haben sich alle Augen auf mich gerich­tet. Das war ein ganz tol­ler Moment von frei­wil­lig ver­lie­he­nem Ver­trau­en und Auto­ri­tät. Wenn ich mir vor­stel­le, ich säße im glei­chen Raum mit 40 Ange­stell­ten, die alle wis­sen, dass ich der Chef bin, ihnen das Gehalt zah­le, und ihnen kün­di­gen kann, wäre das etwas voll­kom­men ande­res.

Die zwei­te Situa­ti­on war unser zehn­jäh­ri­ges Jubi­lä­um. Bis dahin wur­den wir oft belä­chelt, so nach dem Mot­to: Ihr wer­det Euch schon noch an die nor­ma­le Wirt­schaft anpas­sen – oder eben schei­tern. Aber spä­tes­tens in dem Moment war uns klar, wir schaf­fen das. Wir blei­ben.

Der drit­te Moment war, als ich von der Regie­rung der Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te ein­ge­la­den wur­de und dann in Dubai im 44. Stock des Regie­rungs­ge­bäu­des vor dem Kabi­nett vor­ge­tra­gen habe, wie ich mir eine bes­se­re Wirt­schaft vor­stel­le. Anschlie­ßend habe ich mit denen noch ein klei­nes Spiel­chen zur Kon­sens­fin­dung gemacht. Dabei geht es um die Auf­tei­lung einer Sech­ser-WG mit ver­schie­de­nen Schwie­rig­keits­gra­den. Das eine Zim­mer ist kalt, das ande­re klein, das drit­te ein Durch­gangs­zim­mer und so wei­ter. Und nun muss man sich eini­gen, wer wel­ches Zim­mer bekommt. Die muss­ten natür­lich alle lachen und mein­ten, im ech­ten Leben wür­den sie ein­fach das gan­ze Haus kau­fen. Aber sie haben die Idee ver­stan­den. Und wäh­rend sie dann arbei­te­ten, schau­te ich über Dubai und dach­te: Ich bin hier ein­ge­la­den, um den Scheichs Kon­sens­de­mo­kra­tie bei­zu­brin­gen. Wie abge­fah­ren ist das denn?

 

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Die welt­an­schau­lich unab­hän­gi­ge Tha­les-Aka­de­mie bie­tet Vor­trä­ge und Semi­na­re zur Wirt­schafts­ethik, Unter­neh­mens­ver­ant­wor­tung und Ethik der Digi­ta­li­sie­rung an. Zudem ver­an­stal­tet sie – gemein­sam mit der Uni­ver­si­tät Frei­burg – die berufs­be­glei­ten­de Wei­ter­bil­dung „Wirt­schafts­ethik“. Die­se Wei­ter­bil­dung umfasst das gesam­te Spek­trum wirt­schafts­ethi­scher Her­aus­for­de­run­gen und Lösungs­mög­lich­kei­ten und schließt mit einem inter­na­tio­nal aner­kann­ten Cer­ti­fi­ca­te of Advan­ced Stu­dies (CAS) ab. In ihren Ver­an­stal­tun­gen schlägt die Tha­les-Aka­de­mie auf leben­di­ge Wei­se die Brü­cke zwi­schen neu­es­ten wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen und wirt­schaft­li­cher Pra­xis, um Ver­ant­wor­tungs­trä­ger in ihrer eigen­stän­di­gen Urteils­kraft und ethi­schen Hal­tung zu stär­ken.

www.thales-akademie.de

Eindrücke von der Konferenz SensAbility

SensAbility – The WHU Social Enterprise Conference

 

agora42 war Media­part­ner der dies­jäh­ri­gen Kon­fe­renz über Sozi­al­un­ter­neh­mer­tum Sen­sA­bi­li­ty an der WHU — Otto Beis­heim School of Manage­ment. Im Rah­men die­ser Koope­ra­ti­on ver­los­ten wir eine Frei­kar­te, die Frau Susan­ne Krupp-Kirsch­ke gewann und für uns freund­li­cher­wei­se ihre Ein­drü­cke der Kon­fe­renz fest­hielt.

Susan­ne Krupp-Kirsch­ke ist drei­fa­che Mut­ter und betreut frei­be­ruf­lich Bache­lor- und Mas­ter­ar­bei­ten im Bereich Logis­tik. Dar­über hin­aus ist sie als Pro­jekt­ma­na­ge­rin bei der ISI GmbH tätig. Ihre aktu­el­len Schwer­punk­te sind Unter­neh­mens­ethik, Nach­hal­tig­keit und CSR.

 

Think Soci­al. Act Eco­no­mi­c­al­ly.“ Unter die­sem Mot­to fand am 6./7.April 2018 die Kon­fe­renz Sen­sA­bi­li­ty für Sozi­al­un­ter­neh­mer­tum statt. Orga­ni­siert wur­de die­se von der 2009 gegrün­de­ten stu­den­ti­schen Initia­ti­ve Sen­sA­bi­li­ty, die Stu­den­ten unter­schied­li­cher Fach­rich­tun­gen für gesell­schaft­li­che Fra­ge­stel­lun­gen und Sozi­al­un­ter­neh­mer­tum sen­si­bi­li­sie­ren und zu eige­nem sozia­len und öko­lo­gi­schen Han­deln inspi­rie­ren möch­te. Dies ist durch anre­gen­de Vor­trä­ge, zahl­rei­che Work­shops und viel Raum für Net­wor­king gut gelun­gen.

 

Exkurs: Social entrepreneurship

Doch was ver­steht man unter Sozi­al­un­ter­neh­mer­tum oder Soci­al Entre­pre­neurship eigent­lich?

Sozi­al­un­ter­neh­mer­tum ist eine Bewe­gung, die in den 1960er und 1970er Jah­ren in Ver­bin­dung mit dem sozia­len Wan­del im eng­lisch­spra­chi­gen Raum auf und Ende der 90er Jah­re nach Deutsch­land kam. Die­se Bewe­gung grün­det auf der Idee, dass Unter­neh­men inno­va­tiv und prag­ma­tisch Sozi­al­ver­ant­wor­tung über­neh­men und ver­su­chen ihr Umfeld gerech­ter und nach­hal­ti­ger zu gestal­ten, um dadurch einen posi­ti­ven Wan­del der Gesell­schaft her­bei­zu­füh­ren.

Die Grund­ge­dan­ken und Antriebs­fe­dern für Sozi­al­un­ter­neh­mer sind viel­fäl­tig. Berufs­ein­stei­ger möch­ten oft mit viel Enthu­si­as­mus und Lei­den­schaft die Welt ver­bes­sern. Berufs­tä­ti­ge sind häu­fig mit ihrem Job unzu­frie­den, mit dem Wis­sen um die Kon­se­quen­zen wirt­schaft­li­chen Han­delns vor dem Hin­ter­grund des Kapi­ta­lis­mus und der erbar­mungs­lo­sen Markt­me­cha­nis­men. Nicht war­ten bis es jemand rich­tet, son­dern selbst das Steu­er in die Hand zu neh­men und die Zukunft aktiv mit­zu­ge­stal­ten ist hier die Devi­se.

Scot Frank CEO One Earth Design auf der Sen­sA­bi­li­ty

Zurück zur Sen­sA­bi­li­ty: Bei den Vor­trä­gen waren nam­haf­te Ver­tre­ter wie bei­spiels­wei­se Mar­kus Sauer­ham­mer (CEO SENDSoci­al Entre­pre­neurship Netz­werk Deutsch­lands), Sebas­ti­an Grot­haus (CEO Good Pro­fits) oder Scot Frank (CEO One Earth Design) ver­tre­ten. Sein Bericht vom Zusam­men­le­ben mit Noma­den im Hima­la­ya, deren Pro­ble­me in einem kar­gen Umfeld zu leben, bis zur Erfin­dung eines solar­be­trie­be­nen Kochers (Sol­sour­ce) mit Ener­gie­spei­cher um ihnen das Leben zu erleich­tern war beson­ders beein­dru­ckend. Dies nur als Bei­spiel für vie­le außer­ge­wöhn­li­che Men­schen und ihrer Geschich­ten, die auf die­ser Kon­fe­renz zusam­men­tra­fen.

Sechs jun­gen Start­ups wur­de die Mög­lich­keit gege­ben im Rah­men eines „Soci­al Pitch Wett­be­werbs“ einen 1.000 Euro Gut­schein zu gewin­nen. „Thri­ving Green“ – Über­le­ben in der Wüs­te – prä­sen­tiert von Alex­an­der Zacha­ruk — konn­te sich hier durch­set­zen. Kern der Idee ist der Anbau und die Wei­ter­ver­ar­bei­tung der nahr­haf­ten Pflan­ze Spi­ru­li­na, die mit extrem wenig Was­ser aus­kommt und ein inno­va­ti­ves Kon­zept gegen Man­gel­er­näh­rung in Kenia dar­stellt.

Unter dem Mot­to „aus den Feh­lern der Ande­ren ler­nen“ gab es zwei Vor­trä­ge bzw. „Fuck­up Ses­si­ons“ bei denen Jung­un­ter­neh­mer offen, kon­struk­tiv und sehr unter­halt­sam über „les­sons lear­ned“ berich­tet haben. Als zen­tra­les Erfolgs­merk­mal scheint sich die Wirt­schaft­lich­keit der Unter­neh­men her­aus­zu­kris­tal­li­sie­ren, denn eine posi­ti­ve Bilanz ist die essen­ti­el­le Vor­aus­set­zung um lang­fris­tig auf dem Markt zu bestehen.

Die Podi­ums­dis­kus­si­on mit dem Leit­the­ma “How to be an Envi­ron­men­ta­list when Lea­ders are not” wur­de von Tobi­as März (Grün­der Sinn.Arbeit.Leben) mode­riert. „Heu­te haben Unter­neh­men rea­li­siert, wel­chen Ein­fluss sie auf den sozia­len und öko­lo­gi­schen Wan­del aus­üben kön­nen. Gemein­sam mit Unter­neh­men aus der Wirt­schaft ent­wi­ckeln wir Geschäfts­mo­del­le und Bil­dungs­pro­gram­me für eine sozia­le­re Wirt­schaft“ erklär­te  Corin­na Pape (Mit­grün­de­rin der Crowd­fun­ding-Platt­form SPONSORT). Moni­ka Hauck (Mana­ging Direc­tor des WHU Entre­pre­neurship Cen­ters) sen­si­bi­li­sier­te das Publi­kum für die Pro­ble­me der Mode­bran­che, die damit häu­fig ver­bun­de­ne Kin­der­ar­beit und Umwelt­ver­schmut­zung. Vom Ange­stell­ten über sei­ne Aus­zeit im spa­ni­schen Hip­pie-Bus bis hin zum erfolg­rei­chen Unter­neh­mer und Busi­ness-Poet berich­te­te Reza Solhi (Mit­grün­der und Geschäfts­füh­rer von Heart­beat Edu­tain­ment) wie er Men­schen durch Musik, Kunst und Visi­ons­coa­ching hilft ihren Weg zu gehen.

Wäh­rend der zahl­rei­chen Work­shops hat­ten die Teil­neh­mer die Gele­gen­heit kon­struk­tiv an ihren Her­zensthe­men zu arbei­ten, sich über aktu­el­le The­men (z.B. Aus­wir­kun­gen der Digi­ta­li­sie­rung oder dem Ansatz des wachs­tums­ori­en­tier­ten Mind­set) zu infor­mie­ren, in neue Tech­ni­ken, wie z.B. Sto­ry­tel­ling hin­ein­zu­schnup­pern oder sich ein­fach in der Grup­pe aus­zu­tau­schen.

 

Ausreichend für wen?

Eine Fra­ge wur­de von einer sehr enga­gier­ten Teil­neh­me­rin Tania Eke aus Pana­ma (Gewin­ne­rin des Soci­al Pitch 2017 mit den “Wald­men­schen”) auf­ge­wor­fen, die uns an die­ser Stel­le alle zum Nach­den­ken anre­gen soll: Sind unser der­zei­ti­ges sozia­les Enga­ge­ment, unse­re hohe Tole­ranz bezüg­lich Umwelt­ver­schmut­zung und unse­re gerin­ge­ren Erwar­tun­gen an Unter­neh­men dies außer­halb der Vor­ga­ben zu ver­bes­sern aus­rei­chend? Aus­rei­chend für wen? Denn schon heu­te gibt es weit­rei­chen­de Aus­wir­kun­gen unse­res Ver­hal­tens auf ver­schie­de­ne Grup­pen, jedoch dif­fe­rie­ren die­se in Bezug auf Geo­gra­phie, Inten­si­tät und Geschwin­dig­keit enorm.

Die­se Fra­ge soll­ten wir alle auf­neh­men: Aus­rei­chend für wen?

Für uns, um ein gutes Gefühl zu haben? Für uns hier in den gemä­ßig­ten (euro­päi­schen) Brei­ten­gra­den, für die Bes­ser­ver­die­ner, die ihren Wohn- und Arbeits­ort auf­grund einer guten Aus­bil­dung mit­be­stim­men oder viel­leicht sogar frei wäh­len kön­nen? Und was pas­siert mit den Men­schen, die auf­grund der Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels, der Aus­beu­tung der Natur ihre Exis­tenz­grund­la­ge ver­lie­ren und nicht die Mög­lich­keit haben sich selbst zu hel­fen?

 

Auf eini­ge die­ser Fra­gen fan­den die Soci­al Entre­pre­neurs  unter­schied­li­che, men­schen­ori­en­tier­te und prag­ma­ti­sche Ansät­ze auf der Sen­sA­bi­li­ty. Gleich­zei­tig bleibt die Fra­ge offen, wie dies mit der (Sozi­al-) Poli­tik der Staa­ten und ihre Orga­ni­sa­tio­nen effek­tiv und effi­zi­ent ver­ein­bar ist.