Lieber locker lassen – von Viola Nordsieck | Teil 2

Aus der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 BEFREIUNG.

Pho­to by Maar­ten van den Heu­vel on Uns­plash

Lieber locker lassen – Teil 2

Locker lassen

Wie aber kön­nen wir über Frei­heit nach­den­ken, die nicht bloß wie­der Herr­schaft wäre, wie kön­nen wir uns von die­sem Frei­heits­be­griff befrei­en? Wäre es mög­lich, locker zu las­sen? Das soll nicht hei­ßen „uns mal locker zu machen“, also Arten von Krän­kun­gen und Über­grif­fen wider­stands­los über uns erge­hen zu las­sen, um nicht als „unlo­cker“ zu gel­ten. Locker las­sen, das heißt: nicht so fest zugrei­fen, son­dern tas­ten; fra­gen; erst ein­mal spü­ren, was da ist, wie wir selbst sind – und wo sich die Gren­zen der ande­ren befin­den; kom­mu­ni­zie­ren und ler­nen, sich aus­tau­schen.

Locker las­sen, das heißt auch, durch­läs­sig wer­den, und das ist für den (neo-)liberal gepräg­ten Erwach­se­nen beson­ders angst­be­setzt. Wir glau­ben, geschlos­se­ne Sub­jek­te zu sein, und sind in Wahr­heit erfah­ren­de, spü­ren­de Pro­zes­se in Ver­flech­tun­gen von Wir­kun­gen, die wir nicht kon­trol­lie­ren kön­nen. Die dunk­le Sei­te die­ser Fremd­ein­wir­kun­gen macht uns sol­che Angst, dass wir sie nicht ein­mal zu den­ken wagen. Ver­skla­vung, Krank­heit, Wahn­sinn, Auf­lö­sung ver­drän­gen wir durch unse­re ima­gi­nier­te Geschlos­sen­heit, in die nichts ein­drin­gen kann, und fan­ta­sie­ren uns ein sou­ve­rä­nes Leben, das wir durch Kon­sum zemen­tie­ren. „Was kos­tet uns die Fähig­keit, zu emp­fin­den?“ fragt die Phi­lo­so­phin Rosi Brai­dot­ti.

Locker las­sen wäre auch ein Zulas­sen der Angst. Es wäre ein Anneh­men neu­er Gewohn­hei­ten. Denn wenn wir an eine Hal­tung nicht gewöhnt sind, wird sie sich fremd­be­stimmt anfüh­len, wenn man uns dazu zwingt. Sie wird sich danach anfüh­len, erzo­gen zu wer­den und nicht nach einer eige­nen Ent­schei­dung. Um uns aber an ein ande­res Ver­ständ­nis von Frei­heit zu gewöh­nen, müs­sen wir neue Geschich­ten über uns erzäh­len. Denn, so bringt es die öster­rei­chi­sche Auto­rin Ste­fa­nie Sarg­na­gel auf den Punkt: „In Kom­fort und Luxus fin­det man zwar Ent­span­nung und das Gefühl, etwas Bes­se­res zu sein, aber gute Geschich­ten hat man kei­ne zu erzäh­len.“

Die Frei­heit des Locker­las­sens wäre erst ein­mal, eine ande­re Geschich­te über uns selbst, unse­re Rech­te und unse­re Pflich­ten zu erzäh­len. Statt einer­seits ent­hemmt zu kon­su­mie­ren und sich ande­rer­seits zu dis­zi­pli­nie­ren, um die glän­zen­de Fas­sa­de des Selbst auf­recht­zu­er­hal­ten, soll­ten wir mehr auf Pfle­ge und Sor­ge für uns selbst set­zen und dabei nicht gleich wer­ten, was wir dafür benö­ti­gen. Um noch ein­mal Brai­dot­ti zu bemü­hen: „Was immer dich durch den Tag bringt [ist] legi­tim.“ Statt uns auf Per­fek­ti­on und Funk­ti­on in Rich­tung eines geschlos­se­nen Sys­tems zuzu­rich­ten und zu mana­gen, könn­te Frei­heit bedeu­ten, Offen­heit, Brü­che, neue Schwel­len, neue Kon­tak­te und neue For­men der Kom­mu­ni­ka­ti­on zuzu­las­sen. Die ers­te Emp­feh­lung wäre also: Weni­ger arbei­ten, weni­ger Geld aus­ge­ben und sich dafür mehr Zeit neh­men! Um was zu tun?

Ja, das ist die ers­te wich­ti­ge Fra­ge. Von hier aus kann es nur inter­es­san­ter wer­den.

Mehr Zeit für echte Freiheiten

Eine Frei­heit wäre bei­spiels­wei­se die Frei­heit des Suchens: sich einen Weg zu suchen, statt ein Ziel zu set­zen. Vie­le Berei­che, in denen Men­schen frei sein konn­ten, gemein­sa­me öffent­li­che Räu­me in Stadt und Natur, sind immer mehr in Besitz genom­men und an Ein­zel­ne ver­kauft wor­den. Wo es sich ein­mal frei und ohne Geld her­um­wan­dern, zel­ten oder im Frei­en schla­fen, in den Fluss sprin­gen und durch den Wald strei­fen ließ, wer­den Grund­stü­cke pri­va­ti­siert, Zugän­ge ver­baut und neue, pri­vi­le­gier­te Zugän­ge eigens geschaf­fen.

Ein Weg aus der Kon­trol­le wäre ein Weg des Wan­derns und Ent­de­ckens

Ein Weg aus der Kon­trol­le wäre ein Weg des Wan­derns und Ent­de­ckens: Nicht die Zeit ver­schwin­den las­sen, in- dem ich mich durch die Qua­si-Magie der Tech­nik an einen ande­ren Ort zau­be­re, um dann dort zu sein und das Maxi­mum an Erleb­nis oder Ent­span­nung her­aus­zu­ho­len, son­dern die Zeit selbst nut­zen, in- dem ich mich auf einen Weg mache. Am bes­ten mit Freun­den oder sol­chen, die wel­che wer­den könn­ten, in den Wald, an den See, in die Stadt, um dort etwas zu ent­de­cken, das ich so noch nicht gese­hen habe.

Eine ande­re Frei­heit wäre eine Frei­heit des Gebens, wie sie der fran­zö­si­sche Kon­vi­via­list Alain Cail­lé mit Bezug auf Mar­cel Mauss’ Die Gabe (1924) ent­wirft. Zusam­men­le­ben als koope­ra­ti­ve Pra­xis zu den­ken, ist schon ein­mal eine gute Vor­aus­set­zung für ein neu­es Nach­den­ken über Frei­heit, die nicht auf einer Erklä­rung der Unab­hän­gig­keit, son­dern auf einer Aner­ken­nung der „wech­sel­sei­ti­gen Abhän­gig­kei­ten“ beruht, wie es im kon­vi­via­lis­ti­schen Mani­fest heißt.

Wenn wir in die­sem Gefecht von Abhän­gig­kei­ten ste­cken, ist die freie Gabe nicht ein sou­ve­rä­nes Abge­ben der Rei­chen an die Armen, son­dern ein frei­wil­li­ger Bei­trag zu einem Gan­zen, dem wir sel­ber auch ange­hö­ren. Und geben kann man vie­les: Zeit, Auf­merk­sam­keit, Lie­be, Zuwen­dung, Gehör, Gedan­ken, Hil­fe, Unter­stüt­zung.

Und geben kann man vie­les: Zeit, Auf­merk­sam­keit, Lie­be, Zuwen­dung, Gehör, Gedan­ken, Hil­fe, Unter­stüt­zung.

Wich­tig ist dabei nur, dass nicht erwar­tet wird, nach einer markt­wirt­schaft­li­chen Tau­sch­lo­gik etwas zurück­zu­be­kom­men. Die Frei­heit liegt in der Bewe­gung in die Teil­nah­me hin­ein: Ich tra­ge etwas bei, da- mit das Gan­ze zu mei­nem Gan­zen wird.

Eine ande­re Frei­heit wäre eine Frei­heit des Gestal­tens. Das Gan­ze zu mei­nem Gan­zen zu machen, geht am bes­ten in krea­ti­ver Zusam­men­ar­beit, in der man sich orga­ni­siert, um die gemein­sa­men Bedürf­nis­se zu ver­tre­ten. Dabei kann man fei­ern, Musik machen, sich poli­tisch arti­ku­lie­ren, kochen, malen, Maga­zi­ne her- aus­ge­ben, sich aus­tau­schen oder Räu­me schaf­fen, in denen es sich tätig sein lässt. Die Selbst­wirk­sam­keit der Ein­zel­nen ist oft auf eine Dicho­to­mie des Kon­sums redu­ziert: etwas tun (kau­fen) oder nichts tun (ster­ben). Aber im gemein­sa­men Han­deln erschließt sich neue Selbst­wirk­sam­keit, weil Grup­pen anders wirk­mäch­tig sind als Ein­zel­ne. Sie kön­nen Din­ge tun, die allei­ne nicht gelin­gen. Und so ist es auch mög­lich, die Bil­der zu ver­än­dern, die wir von uns selbst haben.

Eine ande­re Frei­heit wäre schließ­lich noch die Frei­heit, zu gehen und es ein­fach sein zu las­sen. „I would pre­fer not to“

Eine ande­re Frei­heit wäre schließ­lich noch die Frei­heit, zu gehen und es ein­fach sein zu las­sen. „I would pre­fer not to“, ich möch­te lie­ber nicht, erwi­der­te Her­man Mel­vil­les „Bart­le­by the Scri­vener“ (1853) auf jedes Ansin­nen, das man an ihn rich­te­te. Es ist eine Geschich­te über die Unmög­lich­keit von Frei­heit – wenn man sie als die Sou­ve­rä­ni­tät des Indi­vi­du­ums denkt, sei­ne Frei­hei­ten aus­zu­üben. Doch der Ansatz einer ande­ren Frei­heit fin­det sich in der For­mel „I would pre­fer“. Ich wür­de es vor­zie­hen – wenn es etwas vor­zu­zie­hen gäbe. Wie müss­te die Welt aus­se­hen, damit ich etwas vor- zuzie­hen hät­te, damit ich mich frei bewe­gen könn­te zwi­schen der Ver­wei­ge­rung und der Beja­hung? In der bru­ta­len Logik unse­rer Welt bedeu­tet Ver­wei­ge­rung den Tod, die freie Wahl ist eine Illu­si­on. „I would pre­fer not to“ deu­tet einen Bewe­gungs­spiel­raum an, den wir uns erst ein­mal selbst erlau­ben müss­ten.

Von der Auto­rin emp­foh­len:

SACH-/FACHBUCH
Rosi Brai­dot­ti: Poli­tik der Affir­ma­ti­on (Mer­ve Ver­lag, 2017)

ESSAY
Vir­gi­na Wolf: Ein Zim­mer für sich allein (Reclam, 2012)

ROMAN
Jona­than Fran­zen: Frei­heit (Rowohlt Ver­lag, 2012)

FILM
Sys­tem Error von Flo­ri­an Opitz (2018)

 


Lieber locker lassen – von Viola Nordsieck | Teil 1

Aus der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 BEFREIUNG.

Lieber locker lassen

von Viola Nordsieck

Die Gesell­schaft fürch­tet Unfrei­heit, denn Moral­apos­tel und Staat dro­hen mit Ver­bo­ten. Aus Angst ent­steht Trotz und jede ver­blie­be­ne Frei­heit wird kon­se­quent ver­tei­digt – wie kann es sein, dass wir nicht tun und las­sen kön­nen, was wir wol­len? Die­ses Ver­tei­di­gen hält uns so sehr in Atem, dass wir dar­über ver­ges­sen, was da über­haupt ver­tei­digt wird und Gar­ten­par­tys zum poli­ti­schen Wider­stands­sym­bol auf­ge­la­den wer­den. Kon­sum ist Teil der Rebel­li­on gewor­den – aber ist Frei­heit über­haupt mit Kon­sum ver­ein­bar?

 

Pfings­ten 2018: herr­li­ches Wet­ter, bes­te Grill­sai­son; gro­ße Men­gen Fleisch ein­kau­fen, mehr als einer essen kann; es mit dem Auto nach Hau­se trans­por­tie­ren, im Gar­ten des Ein­fa­mi­li­en­hau­ses den Grill anwer­fen und den Holz­koh­le-Qualm schön lang­sam durch die Gegend zie­hen las­sen. Das ist ein tra­di­tio­nel­les deut­sches Ver­gnü­gen, in das man sich nur ungern rein­re­den lässt. Auch wenn wir wis­sen, dass etwas schäd­lich ist, las­sen wir es uns nicht ver­bie­ten oder gar ein schlech­tes Gewis­sen machen. Die AfD-Frak­ti­on im Deut­schen Bun­des­tag hat das ver­stan­den. Sie pos­tet auf Face­book: „Schatz, ich bin noch mal kurz mit dem Die­sel zur Tank­stel­le. Holz­koh­le ein­kau­fen! – Wir wün­schen Ihnen ein schö­nes Wochen­en­de – ohne Ver­bo­te!“ Und dane­ben wird noch bekräf­tigt: „Sei­en Sie ver­si­chert: Wir ste­hen hin­ter Ihnen.“

Die AfD posi­tio­niert sich mit die­sem Post in einer Linie mit dem poli­ti­schen Libe­ra­lis­mus: der Ver­tei­di­gung der per­sön­li­chen Frei­hei­ten des Bür­gers, des­sen Besitz – Grund­stück, Fami­lie, Die­sel – und des­sen Rech­te vor staat­li­chen Ein­grif­fen geschützt wer­den sol­len. Nie­mand lässt sich ger­ne etwas ver­bie­ten, und das Miss­trau­en gegen­über repres­si­ven Staats­for­men, in denen die Men­schen zu ihrem Glück gezwun­gen wer­den sol­len, ist groß. Der Staat soll sich zurück­hal­ten, so die libe­ra­le Hal­tung, der freie Markt wird es schon regeln. Statt auf Ver­bo­te setzt man daher lie­ber auf ver­hal­tens­öko­no­mi­sche Stra­te­gi­en aus dem Mar­ke­ting, das soge­nann­te „Nud­ging“ durch Anrei­ze in die rich­ti­ge Rich­tung. Den Libe­ra­len gilt aber auch das als unver­schäm­ter Ein­griff, denn es schmeckt nach Erzie­hung. Kei­ne Ver­bo­te, kei­ne Erzie­hung, da bleibt nur die viel­ge­rühm­te Auf­klä­rung. Doch auch die wird schnau­bend abge­wun­ken oder weg­ra­tio­na­li­siert. Redet man uns jetzt in alles rein und ver­sucht uns ein schlech­tes Gewis­sen zu machen? Sind wir nicht frei, um das gute Leben zu genie­ßen, für das wir stän­dig so hart arbei­ten?

 

Freiheit durch Herrschaft

Das sozia­le Gefü­ge unse­rer Welt ist immer auch öko­no­misch geprägt. In sei­nem Buch Schul­den. Die ers­ten 500 Jah­re hat David Graeber dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die in allen Gesell­schaf­ten lau­ern­de Gefahr des Ver­sklavt-Wer­dens his­to­risch gese­hen dazu bei­ge­tra­gen hat, eine selt­sa­me Vor­stel­lung von Frei­heit ent­ste­hen zu las­sen: Frei­heit sei der sou­ve­rä­ne Besitz des eige­nen Kör­pers. Das bedeu­tet, dass Frei­heit auch ein Abspal­ten vom eige­nen Kör­per ist, den ich dabei als Objekt den­ken muss, das ich besit­ze. Das bedeu­tet aber auch, dass Frei­heit durch Unfrei­heit defi­niert wird: Die Fremd­herr­schaft ist zuerst da, die Frei­heit besteht in der Rebel­li­on gegen sie – in der Selbst­be­herr­schung.

Die bür­ger­li­che Vor­stel­lung vom Selbst ist eine Geschich­te des Sich-Aneig­nens der eige­nen His­to­rie, der eige­nen See­le, bis hin zur bür­ger­li­chen Klein­fa­mi­lie als leben­di­ge Aus­stat­tung die­ses rei­chen Innen­le­bens. Wir stel­len uns das Selbst als etwas vor, das sich sou­ve­rän besit­zen lässt. Die­se Sou­ve­rä­ni­tät scheint bedroht, wenn das Recht auf die Aus­übung bür­ger­li­cher Frei­hei­ten ein­ge­schränkt wird: Frei­hei­ten sind etwas, das uns zusteht.

Die Frei­heit zu sagen, was man möch­te, ohne dabei auf ande­re Rück­sicht neh­men zu müs­sen; die Frei­heit, Auto zu fah­ren und mal kurz in den Urlaub zu flie­gen, ohne sich über das Kli­ma und die Umwelt Gedan­ken zu machen; die Frei­heit, zu rau­chen und Fleisch zu essen, ohne … und so wei­ter: Wir erken­nen ein Mus­ter. Das bür­ger­li­che Indi­vi­du­um defi­niert sich bis zu einem gewis­sen Grad über die­se Frei­hei­ten, die es sich nimmt. An ihre Gren­zen stößt es durch mög­li­che Ansprü­che der ande­ren. Die­ses Pro­blem ver­schwin­det, wenn das Sich-Neh­men nicht als Frei­heit, son­dern als Kon­sum ange­se­hen wird. Denn sind Kon­sum­pro­duk­te nicht prin­zi­pi­ell für alle da?

Die­ses Pro­blem ver­schwin­det, wenn das Sich-Neh­men nicht als Frei­heit, son­dern als Kon­sum ange­se­hen wird.

Sich eine Frei­heit zu neh­men, ist mar­ke­ting­stra­te­gisch ein genia­ler Aus­druck für Kon­sum. Geni­al dar­um, weil „die Frei­heit nehm’ ich mir“ sug­ge­riert, dass mit die­sem „Neh­men“ ein Men­schen­recht ein­ge­löst, ja, das eige­ne Mensch­sein überhaupt erst ver­wirk­licht wird. In den 1990er Jah­ren war das der Wer­be­slo­gan für eine Kre­dit­kar­ten­fir­ma, womit die stra­te­gi­sche Syn­the­se von Wir­kung und Bedeu­tung noch einen Schritt wei­ter­ging: Das „Neh­men“ der Frei­heit war nicht ein­fach nur Kon­sum, nicht nur ein Kauf, son­dern der Kauf auf Kre­dit – das Hin­aus­grei­fen über die engen Gren­zen des vor­han­de­nen Gel­des hin­aus in ein Reich der Frei­heit. „Erle­ben ist das neue Besit­zen“, las ich kürz­lich (völ­lig iro­nie­frei) in einer Repor­ta­ge. Belieb­te Dis­tink­ti­ons­ge­win­ne sind nun auch Rei­sen, Bun­gee­jum­ping und Tief­see­tau­chen. Flü­ge ans ande­re Ende der Welt sind so bil­lig wie nie. Ihre Beliebt­heit liegt nicht nur dar­in, dass sie so güns­tig sind, son­dern dass sie unse­ren Kon­troll­be­reich, das schein­ba­re Reich der Frei­heit, fast ins Unend­li­che erwei­tern. In der weni­gen Zeit, die mir bleibt, wenn ich mein kon­sum­ori­en­tier­tes Leben durch­or­ga­ni­siert habe, steht mir jede Stadt des Pla­ne­ten, jedes fer­ne Land offen, für zwei Wochen oder nur ein paar Tage. Ich kann dahin, wo ich will – wenn ich das Geld dafür habe.

Frei­hei­ten sind etwas, das wir kon­su­mie­ren kön­nen. Und spä­tes­tens an die­sem Punkt, bei der Ver­schmel­zung mit einer Ideo­lo­gie des Kon­sums, kippt die Ver­tei­di­gung bür­ger­li­cher Frei­hei­ten gegen den Anspruch der All­ge­mein­heit in neo­li­be­ra­le Ideo­lo­gie.

Sich eine Frei­heit her­aus­zu­neh­men, ist auch ein alter Aus­druck dafür, frech zu sein.

Sich eine Frei­heit her­aus­zu­neh­men, ist auch ein alter Aus­druck dafür, frech zu sein. Es geht um das Sich-Her­aus­neh­men von Frei­hei­ten auf Kos­ten ande­rer, damals wie heu­te ein Pri­vi­leg weni­ger, die sozia­le Sank­tio­nen nicht zu fürch­ten haben. Frei­hei­ten sind etwas, das nur Ein­zel­ne sich erlau­ben kön­nen. Die Gesell­schaft als sank­tio­nie­ren­de Instanz erhält in die­ser libe­ra­len Vor­stel­lung die Spott­ge­stalt einer stren­gen Gou­ver­nan­te, die dem klei­nen Jun­gen auf die Fin­ger haut, wenn er über­grif­fig wird.

Es ist inter­es­sant, dass einer­seits oft die­ses Bild bemüht wird, wenn es dar­um geht, in gesell­schaft­li­chen Debat­ten „Frei­hei­ten“ zu ver­tei­di­gen: Femi­nis­tin­nen etwa, die im Rah­men der #metoo-Debat­te sexu­el­le Über­grif­fe sank­tio­nie­ren, wer­den als „vik­to­ria­nisch“ beschrie­ben (Sven­ja Flaß­pöh­ler), Trig­ger­war­nun­gen, die eben­falls als Ein­schrän­kung von Frei­hei­ten gedeu­tet wer­den, als „puri­ta­nisch“ (Robert Pfal­ler). Ein sich ein­mi­schen­der Staat wird in libe­ra­len Kon­tex­ten als „nan­ny sta­te“ bezeich­net, als Kin­der­mäd­chen­staat. Zugleich wird ande­rer­seits insis­tiert, es sei­en eben die vik­to­ria­nisch oder puri­ta­nisch prü­den Moralwächter(innen) selbst, die kind­lich-regres­si­ve Züge trü­gen. Bei Flaß­pöh­ler bei­spiels­wei­se gel­ten die besag­ten Femi­nis­tin­nen als „infan­til“, denn sie woll­ten Frau­en vor Über­grif­fen schüt­zen, als sei­en die­se Kin­der. Pfal­ler hat der „Erwach­se­nen­spra­che“ ein gan­zes Buch gewid­met, in dem als „erwach­sen“ gilt, dass man Befind­lich­kei­ten aus­hal­ten kön­ne und die­se nicht eigens the­ma­ti­sie­ren müs­se; Emp­find­sam­keit gilt im Umkehr­schluss als kind­lich.

Das heißt: Erwach­se­ne sind sou­ve­rän, sie sind in der Lage, Herr­schaft über ihre Gefüh­le und ihr Selbst aus­zu­üben. Kin­der dage­gen gehö­ren zur Welt des Leben­di­gen, sie spü­ren sich und sind mit ihrer Umwelt eng ver­bun­den. Dar­um gehö­ren sie zu dem, was beherrscht wer­den muss. Auf wel­che Sei­te man gehö­ren möch­te, so sug­ge­rie­ren die­se Argu­men­ta­tio­nen, müs­se man selbst ent­schei­den: herr­schen oder beherrscht wer­den; Sub­jekt oder Natur; Sou­ve­rä­ni­tät und Frei­heit von Emo­tio­nen – oder Skla­ve­rei, schutz­lo­ses Aus­ge­lie­fert­sein, Miss­brauch.

Die­ses Bild vom Kind hat das Bür­ger­tum selbst geschaf­fen und in ihm alles Ver­letz­li­che, Bedroh­li­che aus­ge­son­dert, das in Wahr­heit jedem Men­schen in sei­ner Ver­bun­den­heit mit sei­ner Umge­bung und sei­ner Geschich­te ange­hört. Wir alle sind ver­letz­lich, wir alle haben Gefüh­le, wir alle sind mit­ein­an­der ver­bun­den. Indem wir krampf­haft dar­an fest­hal­ten, sou­ve­rän sein zu wol­len, uns bestimm­te Din­ge her­aus­neh­men zu dür­fen, indem wir den Dis­tink­ti­ons­ge­winn unse­res bür­ger­li­chen Selbst am Maß unse­rer Macht über etwas mes­sen, womit wir eigent­lich nur unse­re eige­ne Hand­lungs­macht sym­bo­lisch zurück­kau­fen, machen wir uns gera­de unfrei.

Teil 2 folgt in Kür­ze.

Die­ser Text stammt aus der agora42 zum The­ma BEFREIUNG.

 


Tomorrow – Wie gestaltet man den Umbruch?

Ist das die Zukunft des Banking?

Die Gründer von Tomorrow

Credits to VIERTEL/VOR Maga­zin, Mar­cus Wer­ner

 

Anfang des Jah­res grün­de­ten Jakob Berndt, Inas Nurel­din und Micha­el Schwei­kart das Pro­jekt Tomor­row. Zum Start bie­tet es die Mög­lich­keit eines mobi­len Giro­kon­tos, durch die Koope­ra­ti­on mit dem Tech­no­lo­gie-Unter­neh­men sola­ris­Bank wer­den sie per­spek­ti­visch aber die kom­plet­te Palet­te der Bank­dienst­leis­tun­gen anbie­ten kön­nen. Vor eini­gen Tagen, Mit­te August hat die Beta­pha­se begon­nen, d.h. rund 150 Nut­zer tes­ten das Pro­dukt auf Herz & Nie­ren. So weit so gut, aber war­um stel­len wir die­ses Pro­jekt hier vor?

Auf der Home­page von Tomor­row liest man: “Wir haben die­ses Pro­jekt gestar­tet, weil wir einen Bei­trag leis­ten wol­len für eine bes­se­re, nach­hal­ti­ge­re Zukunft. Wir glau­ben, dass Geld ein Teil der Lösung sein kann. Dafür muss sich etwas ändern im Ban­ken­markt. Bei Tomor­row wird Geld zu einem Motor posi­ti­ven Wan­dels: Kun­den­ein­la­gen finan­zie­ren künf­tig erneu­er­ba­re Ener­gi­en, Bio-Land­wirt­schaft, Mikro­kre­di­te und vie­les mehr.”

Ab Ende Sep­tem­ber kann man ein mobi­les Giro­kon­to eröff­nen. Wir haben den Grün­dern von Tomor­row im Vor­feld ein paar Fra­gen gestellt und wün­schen euch viel Freu­de bei dem kur­zen Inter­view.

 

Das erklär­te Ziel von bei­spiels­wei­se der GLS Bank ist es, Kre­di­te an nach­hal­ti­ge Unter­neh­me­rin­nen und Unter­neh­mer in Deutsch­land zu ver­ge­ben – damit die­se sozi­al, öko­lo­gisch und öko­no­misch sinn­vol­le Din­ge schaf­fen kön­nen. Damit steht die GLS Bank nur für eine von vie­len Ban­ken, die hel­fen wol­len, dass Geld zu einem Motor des posi­ti­ven Wan­dels wer­den kann. Was unter­schei­det euch von die­sen nach­hal­ti­gen Ban­ken?

Was den Grund­satz angeht – näm­lich Geld dort­hin zu lei­ten, wo es nach­hal­ti­ge Indus­tri­en und Pro­jek­te för­dert – unter­schei­det uns erst­mal kaum etwas von genann­ten Pio­nie­ren wie der GLS. Das haben qua­si alle soge­nann­ten „Nach­hal­tig­keit-Ban­ken“ gemein, das ist der gemein­sa­me Nen­ner.
Was nicht heißt, dass wir als Tomor­row nicht auch Din­ge sub­stan­ti­ell anders machen wer­den. Dabei geht es vor allem um die Fra­ge der Ver­mitt­lung: Wir wol­len das The­ma „sozi­al & öko­lo­gi­sche nach­hal­ti­ge Finan­zen“ raus aus der Nische und rein in den Zeit­geist holen.

Zum Ers­ten durch eine zeit­ge­mä­ße, unkom­pli­zier­te tech­no­lo­gi­sche Dar­rei­chung – Kon­to­er­öff­nung in nur weni­gen Minu­ten via Smart­pho­ne, auto­ma­ti­sche Kate­go­ri­sie­rung aller Aus­ga­ben u. Ein­nah­men (= digi­ta­les Haus­halts­buch), Push-Nach­rich­ten bei jeder Trans­ak­ti­on für mehr Kon­trol­le.

Zum Zwei­ten durch ein Mehr an Trans­pa­renz – zB mit einem Impact Board, das in Echt­zeit zeigt, wo / wie das Geld der Kun­den „wirkt“, von Kli­ma­schutz­pro­jek­ten über Mikro­kre­di­te oder bis zur Bio­land­wirt­schaft.

Zum Drit­ten durch viel mehr Dia­log und Teil­ha­be – wir wol­len die „Bank von Mor­gen“ expli­zit gemein­sam mit der Com­mu­ni­ty ent­wi­ckeln.

Long sto­ry short: Wir sind davon über­zeugt, dass es allein Deutsch­land Hun­dert­tau­sen­de von Men­schen gibt, die längst zu einer der Nach­hal­tig­keits­ban­ken gewech­selt wären, wenn die­se denn ein wenig aus dem Elfen­bein­turm her­aus­kä­men. Wir wol­len die Men­schen abho­len, wir wol­len Bar­rie­ren abbau­en, wir wol­len in die Mit­te der Gesell­schaft.

 

Die Digi­ta­li­sie­rung von bestehen­den Pro­zes­sen führt natür­lich zu gewal­ti­gen Kos­ten­vor­tei­len – auch weil vie­le Jobs weg­fal­len. Wie seht ihr die Ent­wick­lung der Gesell­schaft wenn zuneh­mend Jobs durch Com­pu­ter und Maschi­nen ersetzt wer­den?

Ein gro­ßes The­ma. Die Digi­ta­li­sie­rung taugt frag­los nicht nur als Heils­ver­spre­chen, son­dern muss poli­tisch und gesell­schaft­lich gut mode­riert wer­den. Der dro­hen­de Weg­fall von Aber­tau­sen­den von Arbeits­plät­zen gehört hier unbe­dingt dazu: Arbeit stif­tet Sinn, gibt Halt, Wert­schät­zung, Ori­en­tie­rung – das darf bei all den erhoff­ten volks­wirt­schaft­li­chen Wert­schöp­fungs­stei­ge­run­gen durch Digi­ta­li­sie­rung nicht unter den Tisch fal­len. Gleich­zei­tig schafft Digi­ta­li­tät natür­lich auch die Mög­lich­keit für die Men­schen noch selbst­be­stimm­ter zu gestal­ten, wo/ wie/ wann wir arbei­ten. Stich­wort „Remo­te work“ und die damit ver­bun­den­de (mög­li­che) Neu­ent­de­ckung länd­li­cher Regio­nen. Zudem ent­ste­hen natür­lich auch diver­se neue Stel­len, aller­dings in ande­ren Berei­chen: Kom­mu­ni­ka­ti­on, Ent­wick­lung, Design. Wir haben als klei­nes, aber ambi­tio­nier­tes Pro­jekt bereits 10 Leu­te ange­stellt. Ich möch­te behaup­ten, dass ein smartes/ mobi­les Ange­bot wie das von Tomor­row zu mehr mensch­li­chem Dia­log zwi­schen den Men­schen und ihrer Bank führt, nicht zu weni­ger. Wenn wir unse­re Kun­den fra­gen “Wann wart Ihr das letz­te Mal bei eurer Bank (abseits vom Kon­to­au­to­ma­ten)?“ krie­gen wir meist fra­gen­de Bli­cke zurück. Für die meis­ten Men­schen ist das ewig her, die ver­bin­det rein gar nichts mehr mit ihrem Kre­dit­in­sti­tut.

 

Immer wie­der betont ihr, dass ihr lang­sam wach­sen wollt. Was hat es damit auf sich?

Lang­sam nicht unbe­dingt, aber orga­nisch. Wir haben mit Tomor­row Gro­ßes vor, jedoch nicht um jeden Preis. Wir wol­len ein tech­no­lo­gisch sau­be­res Pro­dukt schaf­fen (was alles ande­re als tri­vi­al ist bei so einem sen­si­blen The­ma), vor allem aber den Impact- oder Nach­hal­tig­keits­ge­dan­ken kon­se­quent umset­zen. Unser Geld soll nach­weis­bar eine posi­ti­ve Wir­kung erzie­len, da ist der Kern des Gan­zen. Und bei all dem wol­len wir die Nut­zer mit­neh­men, mit ein­bin­den. Wir wol­len die Bank von Mor­gen ent­wi­ckeln – aber nicht allein. Das geht nicht von Heu­te auf Mor­gen, auch wenn man Tomor­row heißt.

 

Auch wenn ihr dem Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus eine Absa­ge erteilt habt und euer Geld gewis­ser­ma­ßen auf die Buddenbrook’sche Art und Wei­se ver­die­nen wollt (Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäf­ten am Tage, aber mache nur sol­che, daß wir bei Nacht ruhig schla­fen kön­nen), müsst ihr wach­sen, Geld ver­die­nen, im Wett­be­werb bestehen. Glaubt ihr folg­lich, dass das bestehen­de Sys­tem, dem vie­le – auf­grund einer wach­sen­den Spal­tung zwi­schen Reich und Arm, zwi­schen Macht und Ohn­macht, einer immer kla­rer zu Tage tre­ten­den Kli­ma­kri­se, die durch unse­re Art und Wei­se zu Wirt­schaf­ten her­vor­ge­ru­fen wur­de – ernst­haf­te Pro­ble­me beschei­ni­gen, nicht grund­le­gend geän­dert wer­den muss?

Doch, auf jeden Fall muss sich grund­le­gend etwas ändern. Das Sys­tem hat zu Genü­ge bewie­sen, dass es sich eben nicht selbst regu­liert und nicht per se zum Woh­le Aller dient. Die Fra­ge ist, wie gestal­tet mal den Umbruch? Wo setzt man die Stell­schrau­be an?

Wir haben uns mit unse­ren vor­he­ri­gen Pro­jek­ten ja schon inten­siv mit den Mög­lich­kei­ten und Unmög­lich­kei­ten von „Soci­al Busi­ness“ aus­ein­an­der­ge­setzt, ob jetzt Soft­ware (Inas), Geträn­ke (Jakob) oder Arbeits­ver­mitt­lung (Micha­el). An das Kon­zept glau­ben wir wei­ter­hin: der Kapi­ta­lis­mus kann ganz sicher nicht alles und man darf ihn nicht sich selbst über­las­sen. Zudem soll­te man bestimm­te Berei­che (Bil­dung, Gesund­heit) gar nicht erst nach markt­wirt­schaft­li­chen Prin­zi­pi­en gestal­ten wol­len. Aber das Sys­tem trägt auch viel Ener­gie in sich, die man nut­zen kann und muss: es schafft Inno­va­ti­on, Wett­be­werb und Viel­falt. Und die guten, nach­hal­ti­gen, impact-getrie­be­nen Ide­en, die auf die­se Wei­se ent­ste­hen, brau­chen Geld. Ob es jetzt da klei­ne Soci­al Start­up aus dem Hin­ter­hof ist oder der mit­tel­stän­di­sche Wind­ener­gie-Anbie­ter, der wach­sen will. Wenn es uns gelingt, im gro­ßen Stil Kapi­tal aus destruk­ti­ven Bran­chen abzu­zie­hen und „den Guten“ zur Ver­fü­gung zu stel­len, kön­nen wir ver­dammt viel bewe­gen.

Aus der Rubrik LAND IN SICHT: Global Challenges Foundation

Aus der Rubrik LAND IN SICHT der aktu­el­len Aus­ga­be BEFREIUNG. In der Rubrik stel­len wir Unter­neh­men oder zivil­ge­sell­schaft­li­che Pro­jek­te vor, die öko­no­mi­sches und gesell­schaft­li­ches Neu­land betre­ten.

GLOBAL CHALLENGES FOUNDATION

 

Bio­lo­gi­sche, che­mi­sche und nuklea­re Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen, der Kli­ma­wan­del und die Aus­beu­tung natür­li­cher Res­sour­cen, Pan­de­mi­en und mul­ti­re­sis­ten­te Kei­me, Aste­ro­iden, Geo­en­genee­ring, Super­vul­ka­ne sowie künst­li­che Intel­li­gen­zen sind nur eini­ge Gefah­ren­quel­len, die in kür­zes­ter Zeit den gesam­ten Pla­ne­ten ins Cha­os stür­zen könn­ten. Dar­über hin­aus dro­hen immer wei­te­re gro­ße huma­ni­tä­re Kata­stro­phen, die durch poli­ti­sche Gewalt und Armut aus­ge­löst wer­den. Kin­der unter fünf Jah­ren ster­ben jedes Jahr auf­grund von Man­gel­er­näh­rung oder Dehy­drie­rung, wie László Szom­bat­fal­vy in sei­nem Buch Die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen unse­rer Zeit schrieb.

Bedro­hun­gen, die unse­ren gesam­ten Pla­ne­ten betref­fen, kön­nen nur mit Ent­schei­dun­gen abge­wen­det wer­den, über die welt­weit Einig­keit besteht – davon ist Szom­bat­fal­vy über­zeugt. Die Ver­ein­ten Natio­nen als glo­ba­le inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­ti­on brin­gen zwar 193 Mit­glied­staa­ten an einen Tisch, das Veto-Recht und die gegen­sätz­li­chen Zie­le der Län­der ver­hin­dern es aber, schnell Beschlüs­se tref­fen zu kön­nen. Es geht also um nichts Gerin­ge­res als die Suche nach einer neu­en glo­ba­len Regie­rungs­struk­tur, die hand­lungs­fä­hig ist.

Szom­bat­fal­vy flüch­te­te 1959 wäh­rend des Volks­auf­stan­des von Ungarn nach Schwe­den, wo er als erfolg­rei­cher Geschäfts­mann und Inves­tor ein Mil­lio­nen-Ver­mö­gen auf­bau­te. Heu­te will der 91-jäh­ri­ge mit sei­nem Geld den Pla­ne­ten ret­ten. Im März 2013 grün­de­te er die Glo­bal Chal­len­ges Foun­da­ti­on (GCF) mit dem Ziel, glo­ba­le Kon­zep­te zum Umgang mit gesell­schaft­li­chen und öko­lo­gi­schen Risi­ken fin­den. Im Mai 2018 ver­gab die Stif­tung den „A New Shape“-Preis, der ein Modell der neu­ar­ti­gen, glo­ba­len Koope­ra­ti­on und Ent­schei­dungs­fin­dung küren soll. Es geht dabei weni­ger um Lösun­gen für ein­zel­ne Pro­ble­me, als viel­mehr um neu­ar­ti­ge Abläu­fe der glo­ba­len Ent­schei­dungs­fin­dung. Der Preis war mit 1,8 Mil­lio­nen US-Dol­lar dotiert und erhielt 2.702 Anmel­dun­gen aus 122 Län­dern. Der stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de Mats Anders­son ist über­zeugt: „Wir müs­sen uns ändern, wenn wir die Risi­ken die wir haben, abwen­den wol­len. Sonst ver­lie­ren wir wahr­schein­lich die­sen Glo­bus oder die Mög­lich­keit, auf ihm zu leben.“

Mehr dazu unter globalchallenges.org

Die Model­le der drei Gewin­ner des „A New Shape“-Preises sol­len in den ncähs­ten Mona­ten wei­ter­ent­wi­ckelt und im Novem­ber auf dem Pari­ser Frie­dens­fo­rum vor­ge­stellt wer­den.

1. Vorschlag: Neue globale Institutionen für das 21. Jahrhundert

Augus­to Lopez-Claros, Arthur Lyon Dahl und Maja P.C.E. Groff prsä­en­tier­ten ihre Idee, die Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen zu über­ar­bei­ten: Ers­tens könn­te die UN-Gene­ral­ver­samm­lung künf­tig direkt von der Bevöl­ke­rung gewählt und ihre Befug­nis­se und Zustän­dig­kei­ten im Lau­fe der Zeit schritt­wei­se erwei­tert wer­den. Zwei­tens könn­te eine neue Kam­mer gegrün­det wer­den, die die Anlie­gen der Zivil­ge­sell­schaft auf­nimmt und Fra­gen von glo­ba­lem Inter­es­se the­ma­ti­siert. So könn­ten glo­ba­le Bedrüf­nis­se der Zivil­ge­sell­schaft neben der natio­nal­staat­li­chen Poli­tik abge­bil­det wer­den. Ein Exe­ku­tiv­rat von 24 Mit­glie­dern, der von der Gene­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen gewählt wird, knön­te den UN-Sicher­heits­rat erset­zen, eine all­ge­mei­ne Auf­sicht gewähr­leis­ten und Trans­pa­renz, Effi­zi­enz und Kohä­renz des neu­en UN-Sys­tems sicher­stel­len.

2. Vorschlag: Echte globale Partnerschaft mit Hilfe der UN

Nata­lie Sama­ra­sing­he schlägt vor, die ver­al­te­te Aus­rich­tung der Ver­ein­ten Natio­nen den heu­ti­gen Anfor­de­run­gen anzu­pas­sen: die UN kon­zen­trie­re sich der­zeit zu sehr auf die Ver­tei­di­gung der indi­vi­du­el­len und gegen­sätz­li­chen Bedürf­nis­se ein­zel­ner Staa­ten und die Ent­wick­lungs­ar­beit – die ande­re Akteu­re oft bes­ser leis­ten kön­nen. Statt­des­sen soll ihre eigent­li­che Auf­ga­be wie­der ins Zen­trum gerückt wer­den, die Ent­schei­dungs­fin­dung über wich­ti­ge glo­ba­le Fra­gen vor­an zu brin­gen. Sama­ring­he schlägt des­halb eine Neu­struk­tu­rie­rung der UN vor: Sie könn­te künf­tig Unter­neh­men, NGOs und jun­ge Men­schen an einen Tisch brin­gen, indem sie Auf­ga­ben der Ent­wick­lungs­ar­beit aus­schreibt und an den geeig­nets­ten Bewer­ber über­trägt. Gleich­zei­tig hät­ten die UN mehr Zeit, um sich auf die zwi­schen­staat­li­che Kon­flikt­lö­sung und glo­ba­le Ent­schei­dungs­fin­dung zu kon­zen­trie­ren, die es für glo­ba­le Pro­ble­me benö­ti­ge.

3. Vorschlag: Globale Entscheidungsfindung unterstützt durch Künstliche Intelligenz und Blockchain

Soushi­ant Zanganeh­pour will eine KI-basier­te digi­ta­le Abstim­mungs­platt­form ent­wer­fen, die jedem Men­schen eine auf der Block­chain­tech­no­lo­gie basie­ren­de Iden­ti­tät zuweist und somit dezen­tra­li­sier­te glo­ba­le demo­kra­ti­sche Abstim­mun­gen ermög­licht. Künst­li­che Intel­li­gen­zen könn­ten die Ide­en­fin­dung und Kon­sens­bil­dung der Bür­ger för­dern und dabei hel­fen Ide­en zu erwei­tern und kon­kur­rie­ren­de Vor­schlä­ge zu tes­ten, poli­ti­sche Maß­nah­men und Bud­gets fest­zu­le­gen, sowie Kos­ten-Nut­zen-Abwä­gun­gen und Mei­nungs­bil­der bereit­zu­stel­len.
Dar­an anschlie­ßend könn­ten, so Zanganeh­pour, neue Insti­tu­tio­nen gegrün­det wer­den, etwa ein Minis­te­ri­um für Ide­en, eine glo­ba­le Biblio­thek, die poli­ti­sche Doku­men­te aller Staa­ten sam­melt, Bür­ger­par­la­men­te auf loka­ler, natio­na­ler und glo­ba­ler Ebe­ne oder ein glo­ba­les Bür­ger­meis­ter­par­la­ment, das als gemisch­tes inter­na­tio­na­les Gre­mi­um inter­net­ba­sier­te Wahl­krei­se abbil­det. Die Bür­ger­rech­te könn­ten dezen­tral durch ein rechts­ver­bind­li­ches Open-Source-Sys­tem gewahrt wer­den, das Algo­rith­men nutzt, um Kor­rup­ti­on früh­zei­tig zu erken­nen und zu ver­hin­dern.

Wir werden der Technologie Grenzen setzen müssen – Interview mit Anton Gost

Anläss­lich der Medi­en­part­ner­schaft zwi­schen der agora42 und den Bay­reu­ther Dia­lo­gen führ­ten wir ein Inter­view mit Anton Gost, der zusam­men mit Mar­ga­re­the Fin­ger und Maxi­mi­li­an Schind­ler die dies­jäh­ri­gen Dia­lo­ge lei­tet.

Die 15. bay­reu­ther dia­lo­ge, das Zukunfts­fo­rum für Phi­lo­so­phie, Öko­no­mie und Gesell­schaft, fin­den am 27. & 28. Okto­ber 2018 zum 15. Mal an der Uni­ver­si­tät Bay­reuth statt. Die­ses Jahr geht es um das The­ma Iden­ti­tät im Kon­text von glo­bal agie­ren­den Unter­neh­men, Staa­ten und Bür­gern. Mehr Infor­ma­tio­nen und Tickets gibt es unter bayreuther-dialoge.de.

 

In der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 beleuch­ten wir das The­ma BEFREIUNG. Frei nach Kant ist es unse­re größ­te Frei­heit, uns selbst Geset­ze zu geben – gemein­hin ver­bin­det man aber das Feh­len von Vor­schrif­ten mit Frei­heit. Wo braucht es Ihrer Mei­nung nach wie­der mehr Grenz­zie­hun­gen?

Auch für mich ist Frei­heit ulti­ma­tiv durch das Feh­len von Vor­schrif­ten und ande­ren Hand­lungs­be­schrän­kun­gen defi­niert. Häu­fig sind es aber weni­ger exter­ne als viel­mehr unse­re inter­nen Schran­ken, Trie­be, Emo­tio­nen und Affek­te, die dafür sor­gen, dass wir von ratio­na­lem Han­deln abwei­chen. In sol­chen Situa­tio­nen, wenn wir es nicht schaf­fen uns aus eige­ner Kraft an unse­re Prin­zi­pi­en zu hal­ten, ist es manch­mal sinn­voll, unse­rem Han­deln durch Grenz­zie­hun­gen auf die Sprün­ge zu hel­fen. Das trifft umso mehr zu, wenn es sich dabei um Prin­zi­pi­en han­delt, denen eigent­li­che eine Mehr­heit der Men­schen zustim­men wür­de.

Dies ist zum Bei­spiel im Kon­sum der Fall, wenn wir das Leid von Men­schen und Tie­ren in Kauf neh­men, obwohl wir die Aus­wir­kun­gen unse­rer Hand­lun­gen ratio­nal nega­tiv beur­tei­len wür­den. Da wir die­se Aus­wir­kun­gen nicht voll­stän­dig über­bli­cken und sie nicht unmit­tel­bar vor Augen haben, wei­chen wir von unse­rer ratio­na­len Beur­tei­lung ab. Hier fin­de ich es sinn­voll auf insti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne Gren­zen zu set­zen und zum Bei­spiel bestimm­te Pro­duk­ti­ons­wei­sen zu ver­bie­ten. Gera­de im inter­na­tio­na­len Han­del gibt es hier auf­grund der gro­ßen recht­li­chen Dis­kre­pan­zen zwi­schen den inter­agie­ren­den Wirt­schafts­räu­men Hand­lungs­be­darf.

 

Bei den dies­jäh­ri­gen bay­reu­ther dia­lo­gen steht auch das Ver­hält­nis des Men­schen zur künst­li­chen Intel­li­genz im Fokus. Mit­hin geht es auch um die Angst, dass wir uns selbst über­flüs­sig machen. Kommt mit die­ser Angst auch ein Zwei­fel am tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt zum Aus­druck – in dem Sin­ne, nicht alles was tech­no­lo­gisch mach­bar ist, soll­te auch getan wer­den?

Uns ist bei den bay­reu­ther dia­lo­gen vor allem wich­tig, dazu anzu­re­gen, sich inten­si­ver mit der­ar­ti­gen Inno­va­tio­nen aus­ein­an­der­zu­set­zen und aus­zu­tau­schen. Nur so kön­nen wir die Grund­la­gen schaf­fen, die nötig sind, um die Vor­tei­le von künst­li­cher Intel­li­genz über­wie­gen zu las­sen. Die Aus­wir­kun­gen der KI auf den Arbeits­markt schei­nen nach den Pro­gno­sen eini­ger Öko­no­men in der Tat besorg­nis­er­re­gend. Wie­der ande­re sagen vor­aus, dass auch bei die­ser tech­ni­schen Revo­lu­ti­on wie­der neue Arbeit ent­ste­hen wird, die die Allein­stel­lungs­merk­ma­le des Men­schen erfor­dert.

Ich bin aller­dings opti­mis­tisch, dass die KI in bei­den Fäl­len Vor­tei­le mit sich brin­gen kann: Fal­len tat­säch­lich vie­le Jobs weg, wird es viel­leicht lang­fris­tig nicht mehr nötig sein, so viel zu arbei­ten wie heu­te, dafür brau­chen wir dann mög­li­cher­wei­se ein bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men und wir müs­sen unse­re Lebens­mo­del­le neu defi­nie­ren. Wenn neue Jobs ent­ste­hen, arbei­ten wir viel­leicht immer noch genau­so viel, ver­rich­ten dann aber Arbei­ten, die uns glück­li­cher machen, da zum Bei­spiel ner­vi­ge „Fleiß­ar­bei­ten“ von Maschi­nen über­nom­men wer­den kön­nen. Die Ver­brei­tung von künst­li­cher Intel­li­genz kön­nen und soll­ten wir nicht auf­hal­ten, denn neben allen Hor­ror­sze­na­ri­en ist auch viel Gutes von der KI zu erwar­ten. Nichts­des­to­trotz wer­den wir den Kom­pe­ten­zen der Tech­no­lo­gi­en Gren­zen set­zen müs­sen, wenn es zum Bei­spiel um mora­li­sche Ent­schei­dun­gen geht. Da wer­den noch eini­ge Her­aus­for­de­run­gen auf uns zukom­men und wir wer­den gera­de dann zei­gen müs­sen, inwie­fern wir uns von den Maschi­nen unter­schei­den.

 

Die bay­reu­ther dia­lo­ge wer­den von Stu­den­ten orga­ni­siert also von Men­schen zwi­schen 18–23 Jah­ren. Wie könn­te man das Selbst­ver­ständ­nis die­ser Per­so­nen beschrei­ben? Sind Sie para­ly­siert ange­sichts der oft pro­kla­mier­ten Alter­na­tiv­lo­sig­keit? Glau­ben Sie noch dar­an, dass eine Welt jen­seits des Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus mög­lich ist?

Vie­le von uns stu­die­ren Phi­lo­so­phy & Eco­no­mics, weil wir in ver­stärk­tem Maße gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung über­neh­men wol­len. Ich habe mich zum Bei­spiel vor mei­nem Stu­di­um gefragt, was ich mit mei­nem Leben ein­mal machen möch­te und fand die Vor­stel­lung nicht befrie­di­gend, mich auf lan­ge Sicht nur mit mei­nem eige­nen Lebens­stan­dard zu beschäf­ti­gen. Ich glau­be, dass vie­le von uns zumin­dest dazu bei­tra­gen wol­len, durch ihr Han­deln sozia­le Miss­stän­de zu behe­ben. Wir ver­ste­hen uns dem­nach Men­schen, die zum einen eine gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung tra­gen und sich zum ande­ren auch so viel Auto­no­mie und Mün­dig­keit zutrau­en kön­nen, die­se selbst­be­stimmt aus­zu­üben.

Para­ly­siert sind wir dem­nach glau­be ich nicht. Viel­leicht sind wir manch­mal etwas frus­triert, dass es anschei­nend nicht so ein­fach ist, die Welt so zu gestal­ten, wie wir sie uns in unse­rem phi­lo­so­phi­schen Elfen­bein­turm wün­schen wür­den. All­ge­mein wür­de ich aber sagen: Sind wir mit einem „alter­na­tiv­lo­sen“ Zustand unzu­frie­den, über­wiegt bei vie­len die Moti­va­ti­on ihn zu hin­ter­fra­gen und zu ver­än­dern.

Ich weiß nicht, ob wir immer gleich den Kapi­ta­lis­mus als Gan­zes hin­ter­fra­gen müs­sen, da Wachs­tum und freie Märk­te glo­bal gese­hen viel Gutes her­vor­ge­bracht haben. Bei bestimm­ten Aus­prä­gun­gen der Kon­sum­ge­sell­schaft hof­fe ich aller­dings, dass sie nicht alter­na­tiv­los sind. Zum einen tut es uns mensch­lich nicht gut, einem Kon­strukt wie mate­ri­el­lem Wert eine zu gro­ße Bedeu­tung bei­zu­mes­sen, zum ande­ren las­sen wir Natur und Men­schen durch unse­re Maß­lo­sig­keit lei­den. Dar­an müs­sen wir arbei­ten, sowohl auf poli­ti­scher als auch auf indi­vi­du­el­ler, per­sön­li­cher Ebe­ne.

 

Iden­ti­tät wird oft an gesell­schaft­li­chen Bil­dern aus­ge­rich­tet. Sind die gesell­schaft­li­chen Bil­der, an denen wir uns heu­te ori­en­tie­ren (Erfolg durch Leis­tung, Wachs­tum, Fort­schritt), Ihrer Mei­nung nach die rich­ti­gen, um den sozia­len und öko­lo­gi­schen Her­aus­for­de­run­gen ange­mes­sen begeg­nen zu kön­nen? Was wäre ein Set an Bil­dern an denen wir unse­re Iden­ti­tä­ten aus­rich­ten soll­ten?

Ich glau­be, es ist etwas grund­le­gend Mensch­li­ches sich ste­tig wei­ter­ent­wi­ckeln zu wol­len, wes­halb Wachs­tum und Fort­schritt mei­ner Ansicht nach tat­säch­lich alter­na­tiv­los sind. Prin­zi­pi­ell ist das auch auf sozia­ler und öko­lo­gi­scher Ebe­ne kein Pro­blem, so lan­ge wir immer die gesam­te Wohl­fahrt im Blick haben. Das ist genau wor­an es lei­der häu­fig hapert: Es ist noch zu oft mög­lich, sich auf dem Rücken der Gesell­schaft und Umwelt zu berei­chern.

Per­sön­li­che Wei­ter­ent­wick­lung und damit auch Fort­schritt ist durch­aus ein Prin­zip, an dem man sich ori­en­tie­ren kann, viel­leicht sogar soll­te. Nur soll­ten wir unse­ren Erfolg nicht aus­schließ­lich anhand unse­res Ein­kom­mens bemes­sen, son­dern ande­re „wei­che“ Fak­to­ren mit ein­be­zie­hen. Koope­ra­ti­on ist ein wei­te­res wich­ti­ges Prin­zip. Wir soll­ten unse­re Zie­le mit Rück­sicht auf ande­re und vor allem mit ande­ren zusam­men ver­fol­gen. Wenn ein grö­ße­res Bewusst­sein für sol­che sozia­len Fak­to­ren geschaf­fen wird und die Gesell­schaft ver­ant­wor­tungs­vol­lem Han­deln eine noch grö­ße­re Aner­ken­nung ent­ge­gen­bringt, ist ein ers­ter Schritt getan.

 

 

Finanz & Eleganz: Vom Labyrinth der Finanzwelt

Materialistische Meditationen:

Vom Labyrinth der Finanzwelt

von Bernd Vill­hau­er

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Ach­tung! Ach­tung! Bit­te lösen Sie nach Lek­tü­re des aktu­el­len Blogs sofort eine Bahn­fahr­kar­te nach Würz­burg bzw. stel­len Sie Ihre Auto-Navi­ga­ti­on auf „Würz­burg, Veits­höch­hei­mer Str. 5“. Gehen Sie nicht über Los und son­dern besu­chen Sie dort das Muse­um im Kul­tur­spei­cher Würz­burg mit der aktu­el­len Aus­stel­lung  „Laby­rinth kon­kret … mit Neben­we­gen“ (nur noch bis 15. Juli!) und bege­ben Sie sich ins Laby­rinth.

 

Das Laby­rinth ist ein wun­der­ba­res Sym­bol für den Finanz­markt. An ihm kön­nen wir vie­le sei­ner Eigen­schaf­ten erklä­ren und ins Bild brin­gen, die Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen und Ori­en­tie­rungs­pro­ble­me im Bör­sen­ge­sche­hen ver­deut­li­chen – sowohl, die Anfor­de­run­gen an die Ein­zel­nen, als auch die Kom­ple­xi­täts­stu­fen des Gesamt­sys­tems betref­fend.

 

Zunächst zur Kunst: Mit vie­len Bei­spie­len aus der Kunst des 20. und 21. Jahr­hun­derts arbei­tet die Aus­stel­lung in Würz­burg sich an drei Fra­gen ab: Was ist ein Laby­rinth? Wozu dient ein Laby­rinth? Und war­um ist es eigent­lich so schön?

Ent­spre­chend dem Pro­fil des Muse­ums, das sich der moder­nen Kunst, beson­ders der soge­nann­ten „Kon­kre­ten Kunst“ ver­schrie­ben hat, wer­den laby­rin­thi­sche Wege durch die letz­ten 100 Jah­re gezeigt, auch durch ganz Aktu­el­les. Solch „Kon­kre­te Kunst“ beruht meist auf mathe­ma­ti­schen Grund­la­gen und setzt mathe­ma­tisch-geo­me­tri­sche Model­le in hoch­äs­the­ti­sche Dar­stel­lun­gen um.

 

Aber was sind eigent­lich Laby­rin­the? Das Laby­rinth ist eines der gro­ßen alten Geheim­nis­se der Mensch­heit. Schon die Her­kunft des Namens ist nicht klar, auch die ers­ten For­men und Ver­wen­dungs­zwe­cke sind in das Dun­kel frü­her Geschich­te gehüllt. War­um füh­ren Gän­ge in den Pyra­mi­den in die Irre? Gab es den Palast auf Kre­ta, in dem der Mino­tau­rus Men­schen durch das Laby­rinth jag­te?

Jeden­falls ver­ste­hen wir unter einer laby­rin­thi­schen Anla­ge ein kom­pli­zier­tes Sys­tem von Wegen — manch­mal mit Abzwei­gun­gen, manch­mal ohne, es kann zwei- oder drei­di­men­sio­nal sein und in ver­schie­dens­ten Arten aus­ge­führt: als Gebäu­de, als Spiel­zeug, als Kunst­werk, als Gar­ten, in Eis, Stein und Holz.

Dar­ge­stellt sehen wir es meist in der Drauf­sicht. Wenn wir uns aller­dings dar­in befin­den, dann sieht alles ganz anders aus. Ein Grund­the­ma ist also das der Ori­en­tie­rung – das Laby­rinth als Ver­wirr­spiel in der Ori­en­tie­rungs­su­che. Wer sich dar­in befin­det, steht dau­ernd vor Wän­den, muss Ent­schei­dun­gen tref­fen, die sich erst beim Wei­ter­ge­hen als gut oder schlecht erwei­sen. Oft zeigt sich erst nach lan­ger Zeit, ob und war­um eine Ent­schei­dung falsch oder rich­tig war.

Des­we­gen galt das Laby­rinth auch oft als Sinn­bild für das mensch­li­che Sein an sich.

Wir lau­fen und lau­fen, doch schließ­lich lan­den wir in einer Sack­gas­se. Wir ver­su­chen, ein Sys­tem zu erken­nen, zu ver­ste­hen und wer­den doch wie­der ent­täuscht.
Es gibt auch eine gro­ße Tra­di­ti­on der christ­li­chen Laby­rin­the, die zei­gen, wie vie­le Irrun­gen und Wir­run­gen die See­le auf dem Weg zur Erlö­sung durch­ste­hen muss. In eini­gen gro­ßen Kathe­dra­len fin­den sich Laby­rinth-Zeich­nun­gen oder -Mosai­ken auf dem Boden, zum Bei­spiel das berühm­te Mus­ter in der Kathe­dra­le von Char­tres. Der Pil­ger kann auf ihnen zur Erlö­sung rob­ben.

 

Bernd Villhauer

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Zurück zur Beschrei­bung der Finanz­welt über das Laby­rinth: wir müs­sen in ihm auch Ent­schei­dun­gen tref­fen, die erheb­li­chen Ein­fluss auf unser spä­te­res Wohl­erge­hen haben. Jede Ent­schei­dung legt einen Pfad für spä­te­re und es ist schwer, die eige­ne Hand­lungs­lo­gik nicht immer wei­ter ein­zu­schrän­ken. Haben wir ein­mal Geld auf eine Sache gesetzt, dann las­sen wir nur ungern wie­der davon ab. Beson­ders schwer fällt es, Irr­tü­mer ein­zu­ge­ste­hen. Ein­mal im Laby­rinth unter­wegs kann leicht ein bedroh­li­ches Gefühl ent­ste­hen, denn es gibt nur zwei Bewe­gungs­op­tio­nen: vor­wärts oder rück­wärts, kau­fen oder ver­kau­fen. Und wir wis­sen nie, wohin uns der Weg führt.
Auch klaus­tro­pho­bisch kön­nen Laby­rin­the sein, been­gend trotz ihr oft immensen Grö­ße. Die Per­spek­ti­ve im Laby­rinth unter­schei­det sich erheb­lich von der des Außen­ste­hen­den. Erleich­tert neh­men wir nach dem Gang durch die Struk­tu­ren wie­der die Vogel­per­spek­ti­ve ein, aber auch die­se hat ihre beun­ru­hi­gen­den Aspek­te. Denn die Kom­ple­xi­tät des Gesche­hens ist so hoch, dass das Wahr­neh­mungs­ver­mö­gen bis an sei­ne Gren­ze geführt wird. Es ent­steht der fast hyp­no­ti­sche Schwin­del, mit dem wir auch die Kon­struk­tio­nen der Finanz­bran­che manch­mal bestau­nen, bewun­dern oder fürch­ten kön­nen.

 

In einem der gro­ßen Klas­si­ker der Bör­sen­li­te­ra­tur, dem 1688 erschie­ne­nen „Con­fu­sión de con­fu­sio­nes“ (Ver­wir­rung der Ver­wir­run­gen), ver­gleicht der Autor Joseph de la Vega das Trei­ben an der Bör­se mit einem Laby­rinth. Und es ist gera­de das Ent­schei­dungs­di­lem­ma, die all­ge­mei­ne Undurch­sich­tig­keit und Unüber­sicht­lich­keit, die ihn bei der Dar­stel­lung der Ams­ter­da­mer Bör­se an ein Irr­we­ge­sys­tem den­ken las­sen. Wir wis­sen nie ganz sicher, ob der Ver­kauf oder Kauf eines Papiers rich­tig ist.  Die Zukunft ist immer unge­wiss, klar ist nur, dass es sel­ten ratio­nal zugeht – und dass die Ken­ner zum Teil nur Schar­la­ta­ne sind, Füh­rer durch das Laby­rinth, die dann irgend­wann in einer Geheim­tür ver­schwin­den, manch­mal ein­ge­ste­hen müs­sen, dass sie sich auch nicht mehr aus­ken­nen oder sich als Mino­tau­rus offen­ba­ren und einem mit hung­ri­gem Blick den Weg ver­stel­len. Der Tod im Laby­rinth ist eben­so uner­freu­lich wie die Plei­te auf dem Finanz­markt.

 

Doch es gibt im Laby­rinth ein gehei­mes, oft gut ver­steck­tes und nur mit gro­ßem Mühen zu errei­chen­des Zen­trum, die ret­ten­de Mit­te. Im christ­li­chen Laby­rinth war hier die Gegen­wart Got­tes zu fin­den, der Blick auf die Makel­lo­sig­keit einer jen­sei­ti­gen Exis­tenz. Der baro­cke Gar­ten­traum bot eher einen Erfri­schungs­pa­vil­lon und mög­li­cher­wei­se die Gegen­wart auf­ge­schlos­se­ner Gärt­ne­rin­nen oder moti­vier­ter Schä­fer. Im moder­nen Laby­rinth fin­den wir einen Über­sichts­plan sowie gar­ten­päd­ago­gi­sche Ermah­nun­gen oder einen Dank an die Spon­so­ren in Mes­sing.

Aber es gibt die­ses Zen­trum, was immer dort sein mag – und wir kön­nen hin­ge­lan­gen. Viel­leicht geht uns bei die­ser Bemü­hung auf, wie ein Laby­rinth eigent­lich kon­stru­iert wird, was sei­ne Erschaf­fer zunächst vor sich hat­ten: genau die­se Mit­te, um die her­um sie die Lee­re mit kom­ple­xen Mus­tern und ver­wir­ren­den Wegen füll­ten. Den­ken wir das Laby­rinth Finanz­markt doch ein­mal von die­ser unsicht­ba­ren Mit­te aus, dem Eldo­ra­do des Irr­laufs und der Ori­en­tie­rungs­su­che.

Gibt es denn die­se Mit­te im Laby­rinth der Finan­zen? Gibt es sie noch? Haben wir viel­leicht jeweils eine ande­re Mit­te, ein ande­res Ziel bei unse­rem Weg durch die Welt der Invest­ments und Kur­se? Wis­sen wir noch, was wir woll­ten, als wir die ers­te Ent­schei­dung tra­fen und wozu wir uns der gan­zen Kom­ple­xi­tät über­haupt aus­set­zen? Das ist die Kern­fra­ge.

Fah­ren Sie nach Würz­burg – fin­den Sie es her­aus. Dann beginnt der eigent­li­che Weg…

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 12.7.18