Finanz & Eleganz: Vom Labyrinth der Finanzwelt

Materialistische Meditationen:

Vom Labyrinth der Finanzwelt

von Bernd Vill­hau­er

Photo by Ashley Batz on Unsplash

Ach­tung! Ach­tung! Bit­te lösen Sie nach Lek­tü­re des aktu­el­len Blogs sofort eine Bahn­fahr­kar­te nach Würz­burg bzw. stel­len Sie Ihre Auto-Navi­ga­ti­on auf „Würz­burg, Veits­höch­hei­mer Str. 5“. Gehen Sie nicht über Los und son­dern besu­chen Sie dort das Muse­um im Kul­tur­spei­cher Würz­burg mit der aktu­el­len Aus­stel­lung  „Laby­rinth kon­kret … mit Neben­we­gen“ (nur noch bis 15. Juli!) und bege­ben Sie sich ins Laby­rinth.

 

Das Laby­rinth ist ein wun­der­ba­res Sym­bol für den Finanz­markt. An ihm kön­nen wir vie­le sei­ner Eigen­schaf­ten erklä­ren und ins Bild brin­gen, die Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen und Ori­en­tie­rungs­pro­ble­me im Bör­sen­ge­sche­hen ver­deut­li­chen – sowohl, die Anfor­de­run­gen an die Ein­zel­nen, als auch die Kom­ple­xi­täts­stu­fen des Gesamt­sys­tems betref­fend.

 

Zunächst zur Kunst: Mit vie­len Bei­spie­len aus der Kunst des 20. und 21. Jahr­hun­derts arbei­tet die Aus­stel­lung in Würz­burg sich an drei Fra­gen ab: Was ist ein Laby­rinth? Wozu dient ein Laby­rinth? Und war­um ist es eigent­lich so schön?

Ent­spre­chend dem Pro­fil des Muse­ums, das sich der moder­nen Kunst, beson­ders der soge­nann­ten „Kon­kre­ten Kunst“ ver­schrie­ben hat, wer­den laby­rin­thi­sche Wege durch die letz­ten 100 Jah­re gezeigt, auch durch ganz Aktu­el­les. Solch „Kon­kre­te Kunst“ beruht meist auf mathe­ma­ti­schen Grund­la­gen und setzt mathe­ma­tisch-geo­me­tri­sche Model­le in hoch­äs­the­ti­sche Dar­stel­lun­gen um.

 

Aber was sind eigent­lich Laby­rin­the? Das Laby­rinth ist eines der gro­ßen alten Geheim­nis­se der Mensch­heit. Schon die Her­kunft des Namens ist nicht klar, auch die ers­ten For­men und Ver­wen­dungs­zwe­cke sind in das Dun­kel frü­her Geschich­te gehüllt. War­um füh­ren Gän­ge in den Pyra­mi­den in die Irre? Gab es den Palast auf Kre­ta, in dem der Mino­tau­rus Men­schen durch das Laby­rinth jag­te?

Jeden­falls ver­ste­hen wir unter einer laby­rin­thi­schen Anla­ge ein kom­pli­zier­tes Sys­tem von Wegen — manch­mal mit Abzwei­gun­gen, manch­mal ohne, es kann zwei- oder drei­di­men­sio­nal sein und in ver­schie­dens­ten Arten aus­ge­führt: als Gebäu­de, als Spiel­zeug, als Kunst­werk, als Gar­ten, in Eis, Stein und Holz.

Dar­ge­stellt sehen wir es meist in der Drauf­sicht. Wenn wir uns aller­dings dar­in befin­den, dann sieht alles ganz anders aus. Ein Grund­the­ma ist also das der Ori­en­tie­rung – das Laby­rinth als Ver­wirr­spiel in der Ori­en­tie­rungs­su­che. Wer sich dar­in befin­det, steht dau­ernd vor Wän­den, muss Ent­schei­dun­gen tref­fen, die sich erst beim Wei­ter­ge­hen als gut oder schlecht erwei­sen. Oft zeigt sich erst nach lan­ger Zeit, ob und war­um eine Ent­schei­dung falsch oder rich­tig war.

Des­we­gen galt das Laby­rinth auch oft als Sinn­bild für das mensch­li­che Sein an sich.

Wir lau­fen und lau­fen, doch schließ­lich lan­den wir in einer Sack­gas­se. Wir ver­su­chen, ein Sys­tem zu erken­nen, zu ver­ste­hen und wer­den doch wie­der ent­täuscht.
Es gibt auch eine gro­ße Tra­di­ti­on der christ­li­chen Laby­rin­the, die zei­gen, wie vie­le Irrun­gen und Wir­run­gen die See­le auf dem Weg zur Erlö­sung durch­ste­hen muss. In eini­gen gro­ßen Kathe­dra­len fin­den sich Laby­rinth-Zeich­nun­gen oder -Mosai­ken auf dem Boden, zum Bei­spiel das berühm­te Mus­ter in der Kathe­dra­le von Char­tres. Der Pil­ger kann auf ihnen zur Erlö­sung rob­ben.

 

Bernd Villhauer

In der Kolum­ne “Finanz & Ele­ganz” geht Bernd Vill­hau­er, Geschäfts­füh­rer des Welt­ethos Insti­tuts, den Zusam­men­hän­gen von ele­gan­ten Lösun­gen, Insze­nie­run­gen, Sym­bo­len und Behaup­tun­gen einer­seits sowie dem Finanz­markt ande­rer­seits nach. Grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zu der Kolum­ne fin­den Sie in der Ein­füh­rung.

Zurück zur Beschrei­bung der Finanz­welt über das Laby­rinth: wir müs­sen in ihm auch Ent­schei­dun­gen tref­fen, die erheb­li­chen Ein­fluss auf unser spä­te­res Wohl­erge­hen haben. Jede Ent­schei­dung legt einen Pfad für spä­te­re und es ist schwer, die eige­ne Hand­lungs­lo­gik nicht immer wei­ter ein­zu­schrän­ken. Haben wir ein­mal Geld auf eine Sache gesetzt, dann las­sen wir nur ungern wie­der davon ab. Beson­ders schwer fällt es, Irr­tü­mer ein­zu­ge­ste­hen. Ein­mal im Laby­rinth unter­wegs kann leicht ein bedroh­li­ches Gefühl ent­ste­hen, denn es gibt nur zwei Bewe­gungs­op­tio­nen: vor­wärts oder rück­wärts, kau­fen oder ver­kau­fen. Und wir wis­sen nie, wohin uns der Weg führt.
Auch klaus­tro­pho­bisch kön­nen Laby­rin­the sein, been­gend trotz ihr oft immensen Grö­ße. Die Per­spek­ti­ve im Laby­rinth unter­schei­det sich erheb­lich von der des Außen­ste­hen­den. Erleich­tert neh­men wir nach dem Gang durch die Struk­tu­ren wie­der die Vogel­per­spek­ti­ve ein, aber auch die­se hat ihre beun­ru­hi­gen­den Aspek­te. Denn die Kom­ple­xi­tät des Gesche­hens ist so hoch, dass das Wahr­neh­mungs­ver­mö­gen bis an sei­ne Gren­ze geführt wird. Es ent­steht der fast hyp­no­ti­sche Schwin­del, mit dem wir auch die Kon­struk­tio­nen der Finanz­bran­che manch­mal bestau­nen, bewun­dern oder fürch­ten kön­nen.

 

In einem der gro­ßen Klas­si­ker der Bör­sen­li­te­ra­tur, dem 1688 erschie­ne­nen „Con­fu­sión de con­fu­sio­nes“ (Ver­wir­rung der Ver­wir­run­gen), ver­gleicht der Autor Joseph de la Vega das Trei­ben an der Bör­se mit einem Laby­rinth. Und es ist gera­de das Ent­schei­dungs­di­lem­ma, die all­ge­mei­ne Undurch­sich­tig­keit und Unüber­sicht­lich­keit, die ihn bei der Dar­stel­lung der Ams­ter­da­mer Bör­se an ein Irr­we­ge­sys­tem den­ken las­sen. Wir wis­sen nie ganz sicher, ob der Ver­kauf oder Kauf eines Papiers rich­tig ist.  Die Zukunft ist immer unge­wiss, klar ist nur, dass es sel­ten ratio­nal zugeht – und dass die Ken­ner zum Teil nur Schar­la­ta­ne sind, Füh­rer durch das Laby­rinth, die dann irgend­wann in einer Geheim­tür ver­schwin­den, manch­mal ein­ge­ste­hen müs­sen, dass sie sich auch nicht mehr aus­ken­nen oder sich als Mino­tau­rus offen­ba­ren und einem mit hung­ri­gem Blick den Weg ver­stel­len. Der Tod im Laby­rinth ist eben­so uner­freu­lich wie die Plei­te auf dem Finanz­markt.

 

Doch es gibt im Laby­rinth ein gehei­mes, oft gut ver­steck­tes und nur mit gro­ßem Mühen zu errei­chen­des Zen­trum, die ret­ten­de Mit­te. Im christ­li­chen Laby­rinth war hier die Gegen­wart Got­tes zu fin­den, der Blick auf die Makel­lo­sig­keit einer jen­sei­ti­gen Exis­tenz. Der baro­cke Gar­ten­traum bot eher einen Erfri­schungs­pa­vil­lon und mög­li­cher­wei­se die Gegen­wart auf­ge­schlos­se­ner Gärt­ne­rin­nen oder moti­vier­ter Schä­fer. Im moder­nen Laby­rinth fin­den wir einen Über­sichts­plan sowie gar­ten­päd­ago­gi­sche Ermah­nun­gen oder einen Dank an die Spon­so­ren in Mes­sing.

Aber es gibt die­ses Zen­trum, was immer dort sein mag – und wir kön­nen hin­ge­lan­gen. Viel­leicht geht uns bei die­ser Bemü­hung auf, wie ein Laby­rinth eigent­lich kon­stru­iert wird, was sei­ne Erschaf­fer zunächst vor sich hat­ten: genau die­se Mit­te, um die her­um sie die Lee­re mit kom­ple­xen Mus­tern und ver­wir­ren­den Wegen füll­ten. Den­ken wir das Laby­rinth Finanz­markt doch ein­mal von die­ser unsicht­ba­ren Mit­te aus, dem Eldo­ra­do des Irr­laufs und der Ori­en­tie­rungs­su­che.

Gibt es denn die­se Mit­te im Laby­rinth der Finan­zen? Gibt es sie noch? Haben wir viel­leicht jeweils eine ande­re Mit­te, ein ande­res Ziel bei unse­rem Weg durch die Welt der Invest­ments und Kur­se? Wis­sen wir noch, was wir woll­ten, als wir die ers­te Ent­schei­dung tra­fen und wozu wir uns der gan­zen Kom­ple­xi­tät über­haupt aus­set­zen? Das ist die Kern­fra­ge.

Fah­ren Sie nach Würz­burg – fin­den Sie es her­aus. Dann beginnt der eigent­li­che Weg…

 

Geschrie­ben bei einer Tas­se Tee am 12.7.18

SAMARITA – Solidargemeinschaft im Gesundheitswesen

Aus der Rubrik LAND IN SICHT der aktu­el­len Aus­ga­be BEFREIUNG. In der Rubrik stel­len wir Unter­neh­men oder zivil­ge­sell­schaft­li­che Pro­jek­te vor, die öko­no­mi­sches und gesell­schaft­li­ches Neu­land betre­ten.

Samarita – Solidargemeinschaft im Gesundheitswesen

 

Wenn man krank ist, geht man zum Arzt. Ist man – wie etwa 72 Mil­lio­nen Deut­sche – gesetz­lich ver­si­chert, zückt man die Ver­si­cher­ten­kar­te und lässt sich behan­deln. Soweit so gut. Doch oft müs­sen gesetz­lich Ver­si­cher­te wochen­lang auf einen Ter­min war­ten. Für Ärz­te ist es pro­fi­ta­bler, bevor­zugt Pri­vat­pa­ti­en­ten – rund neun Mil­lio­nen Deut­sche – zu behan­deln. Seit den 1990er Jah­ren ist außer­dem der Anteil pri­va­ter Kran­ken­häu­ser, die einen Pro­fit erwirt­schaf­ten müs­sen, rapi­de ange­stie­gen. Im Jahr 2004 wur­de dann ein Sys­tem ein­ge­führt, das es pro­fi­ta­bler macht, wenn im Kran­ken­haus eine höhe­re Anzahl an Pati­en­ten behan­delt wird. So stie­gen die Pati­en­ten­zah­len in den letz­ten 20 Jah­ren um rund 20 Pro­zent, wohin­ge­gen im sel­ben Zeit­raum etwa acht Pro­zent der Stel­len in deut­schen Kran­ken­häu­sern abge­baut wur­den.

Eine Ori­en­tie­rung am Bedarf der Pati­en­ten fin­det immer weni­ger statt. Die Sama­ri­ta Soli­dar­ge­mein­schaft wur­de 1997 mit dem Ziel gegrün­det, die­ser Ent­wick­lung etwas ent­ge­gen­zu­set­zen. Sie zählt heu­te rund 320 Mit­glie­der. Neben der pri­va­ten und gesetz­li­chen Ver­si­che­rung ist sie eine drit­te und kaum bekann­te Mög­lich­keit, sich im Krank­heits­fal­le abzu­si­chern. Das funk­tio­niert so, dass vom Bei­trag, der sich am jewei­li­gen Ein­kom­men bemisst, die Hälf­te auf ein indi­vi­du­el­les Kon­to über­wie­sen wird und die ande­re Hälf­te in einen Soli­dar­fonds fließt. Vom indi­vi­du­el­len Kon­to wer­den klei­ne­re Aus­ga­ben bezahlt, im Fal­le einer schwe­re­ren Krank­heit greift der Soli­dar­fonds. Dies geschieht nicht nach einem Leis­tungs­ka­ta­log, son­dern ori­en­tiert sich am jewei­li­gen Bedarf der Per­son. Zusätz­lich sind alle Risi­ken über 5000 Euro pro Per­son und Jahr über eine pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rung abge­deckt.

Die Sama­ri­ta orga­ni­siert sich außer­dem im Dach­ver­band der BASSG, in dem sich vier Soli­dar­ge­mein­schaf­ten im Gesund­heits­we­sen mit rund 8.000 Mit­glie­dern zusam­men­ge­schlos­sen haben. Aller­dings gibt es bei der Sama­ri­ta seit dem Jahr 2016 einen Auf­nah­me­stopp, da der Sta­tus von Soli­dar­ge­mein­schaf­ten im Gesund­heits­sys­tem noch nicht abschlie­ßend geklärt ist. Es bleibt des­halb zu hof­fen, dass die geleb­te Soli­da­ri­tät der Sama­ri­ta auch in Zukunft Bestand haben wird.

 

Mehr dazu unter samarita.de

Nach­ge­fragt bei Urban Vogel, Vor­stands­vor­sit­zen­der der Sama­ri­ta Soli­dar­ge­mein­schaft

 


Wie ist die Idee zur Sama­ri­ta Soli­dar­ge­mein­schaft ent­stan­den?

Wir hat­ten damals gera­de die Fir­ma Ande­re Wege gegrün­det, die zunächst pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­run­gen ver­mit­telt hat. Dann haben wir gese­hen, was pas­siert, wenn ein Mensch schwe­rer erkrankt und eine pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rung ver­sucht, ihn los­zu­wer­den. Des­halb war für uns klar: Gegen­sei­ti­ge Hil­fe darf kein Busi­ness-Modell sein. Es geht um den Men­schen und nicht um das Geschäft. Ärz­te brau­chen The­ra­pie­frei­heit und es soll­te ihnen mög­lich sein, ihrer eigent­li­chen Tätig­keit nach­zu­ge­hen – ohne wirt­schaft­li­che Beein­flus­sung. Heu­te wer­den im Kran­ken­haus vie­le Behand­lun­gen unter dem Aspekt der Wirt­schaft­lich­keit durch­ge­führt. Uns hin­ge­gen war die Fra­ge der Soli­da­ri­tät wich­tig. Wenn ein Mensch erkrankt, braucht er Zuspruch in über­schau­ba­ren Gemein­schaf­ten.

 

Ihnen wer­den bei die­sem Vor­ha­ben vie­le Stei­ne in den Weg gelegt. War­um?

Im Jahr 2007 wur­de die Ver­si­che­rungs­pflicht ein­ge­führt. Da wir kei­ne Ver­si­che­rung sind, haben wir uns an den Gesund­heits­aus­schuss gewandt und unse­ren genos­sen­schaft­li­chen Ansatz prä­sen­tiert. Die Abge­ord­ne­ten sowie die dama­li­ge Staats­se­kre­tä­rin im Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um haben dann ver­lau­tet, dass funk­tio­nie­ren­den Ein­rich­tun­gen nicht der Boden ent­zo­gen wer­den soll, sofern sie gewis­se Qua­li­täts­kri­te­ri­en erfül­len. Gemein­sam mit dem GKV-Spit­zen­ver­band wur­den die­se dar­auf­hin erar­bei­tet und soll­ten 2009 auch mit dem PKV-Ver­band abge­stimmt wer­den. Die­ser lehn­te jedoch die Kri­te­ri­en ab und eine Eini­gung war in Fol­ge des Regie­rungs­wech­sels mit dem Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um nicht mehr mög­lich. Der stell­ver­tre­ten­de Direk­tor des Ver­ban­des pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­run­gen wech­sel­te dann nach der Wahl als Abtei­lungs­lei­ter ins Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um und hat uns nahe­ge­legt, eine pri­va­te Ver­si­che­rung zu wer­den, was natür­lich unse­ren Wert­vor­stel­lun­gen wider­spricht.

 

Eine Ver­si­che­rungs­kun­din, die ger­ne zur Sama­ri­ta wech­seln möch­te, aber nicht darf, hat sogar geklagt. Hat­te sie damit Erfolg?

Die Bar­mer ver­wei­ger­te ihrem Mit­glied den Wech­sel zur Sama­ri­ta. Es klag­te dage­gen und dar­aus ent­wi­ckel­te sich ein Mus­ter­pro­zess. Die Haupt­fra­ge war, ob es bei uns einen Rechts­an­spruch auf Leis­tung gibt. Wir sichern uns per Sat­zung eine gegen­sei­ti­ge, umfas­sen­de Kran­ken­ab­si­che­rung zu, aller­dings ohne die Ein­schrän­kung eines Leis­tungs­ka­ta­logs, der die The­ra­pie­frei­heit behin­dert. Das Gan­ze ging bis zum Bun­des­so­zi­al­ge­richt, wel­ches lei­der kei­ne Ent­schei­dung in der Sache gefällt hat. Doch jetzt gibt es erfreu­li­che Nach­rich­ten, denn vor weni­gen Tagen hat die Bar­mer ihrem Mit­glied nun doch erlaubt, zur Sama­ri­ta zu wech­seln. Nach neun Jah­ren kön­nen wir die Frau end­lich als Mit­glied begrü­ßen. Die Bar­mer hat uns daher de fac­to als ander­wei­ti­ge Absi­che­rung im Krank­heits­fall aner­kannt. Die­se Aner­ken­nung kann es dem Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um erleich­tern, die Qua­li­täts­kri­te­ri­en für Soli­dar­ge­mein­schaf­ten nun bald zu ver­öf­fent­li­chen.

 

War­um ist die Sama­ri­ta den pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen so ein Dorn im Auge?

Es ist rät­sel­haft, beson­ders, wenn Sie sich die Grö­ßen­ver­hält­nis­se anschau­en. Viel­leicht befürch­ten sie Kon­kur­renz. Aber es bleibt für mich nicht nach­voll­zieh­bar, dass dort so ein gro­ßer Wider­stand vor­han­den ist. Trotz­dem tre­ten wir für eine ande­re Art des Wirt­schaf­tens ein und unser wich­ti­ger Impuls ist die Soli­da­ri­tät.

Editorial der Ausgabe BEFREIUNG

Befrei­ung – ein schö­nes Wort. Doch sei­en wir rea­lis­tisch: Zunächst bedeu­tet es Ent­zug; den Ent­zug von der Nor­ma­li­tät.

 

Denn nie­man­dem dürf­te ent­gan­gen sein, dass die Nor­ma­li­tät ver­rückt gewor­den ist: Da stellt der kol­lek­ti­ve Sui­zid für die meis­ten Men­schen eine Hor­ror­vor­stel­lung dar, und doch sor­gen sie sys­te­ma­tisch und nach­hal­tig für die Zer­stö­rung ihrer Lebens­grund­la­gen. Da will man die Lebens­qua­li­tät erhal­ten oder gar erhö­hen und ver­ur­sacht doch immer mehr Stress und Hek­tik, weil das Leben bloß an quan­ti­ta­ti­ven Maß­stä­ben aus­ge­rich­tet wird. Da gibt man sich auf­ge­klärt und ver­nünf­tig und tut doch alles, um den Wachs­tums­gott nicht zu erzür­nen. Da wer­den die gläu­big und mas­sen­haft pro­du­zier­ten Din­ge der­art ungleich ver­teilt, dass über­all Unzu­frie­den­heit, Miss­trau­en und Groll ent­ste­hen. Und zur Krö­nung des Gan­zen setzt man auf den tech­ni­schen Fort­schritt als Erlö­sung von allen Pro­ble­men, obwohl er – ers­tens – vie­le die­ser Pro­ble­me erst ver­ur­sacht und – zwei­tens – nie­mand über­haupt anzu­ge­ben wüss­te, wohin man schrei­ten will. Befrei­ung, das kann nur die Befrei­ung aus die­sem ganz nor­ma­len Wahn­sinn bedeu­ten.

Was danach kommt, wie die neue Nor­ma­li­tät aus­se­hen könn­te? Das wis­sen wir nicht. Aber wir sind erst bereit für sie, wenn wir uns von unse­rem bis­he­ri­gen Welt- und Selbst­bild ver­ab­schie­det haben. So wenig, wie man aus einer kaput­ten Bezie­hung her­aus die nächs­te Part­ner­schaft sinn­voll pla­nen könn­te, lässt sich momen­tan die post­quan­ti­ta­ti­ve Epo­che vor­be­rei­ten. Wir wer­den ins Neue hin­aus­ge­hen, ohne Mas­ter­plan und ohne his­to­ri­sches Vor­bild, wir wer­den um vie­les trau­ern, was einst schön und gut war, wir wer­den mutig sein und soli­da­risch und uns als Euro­pä­er neu erfin­den – oder wir wer­den ver­zwei­feln.

 

Die neue Aus­ga­be der agora42 zum The­ma BEFREIUNG kön­nen Sie hier ver­san­den­kos­ten­frei bestel­len.

 

Nichtstun ist für einen Unternehmer keine Option – Interview mit Sarna Röser

Nichtstun ist für einen Unternehmer keine Option”

Interview mit Sarna Röser

Bild­quel­le: Anne Groß­mann Foto­gra­fie

 

Anlässlich der agora42 zum Thema ORDNUNG haben wir der Bundesvorsitzenden der Jungen Unternehmer Sarna Röser einige Fragen gestellt. Im Interview spricht sie über das Selbstverständnis des Unternehmers und der Rolle der Unternehmer bei der Gestaltung der gesellschaftlichen Zukunft.

 
 

Die Gesell­schaft scheint zuneh­mend in Unord­nung zu gera­ten. Gleich­zei­tig sind wir mit einer zuneh­men­den Kom­ple­xi­tät kon­fron­tiert. Frau Röser, wie erle­ben Sie die Zeit?

Es stimmt, wir erle­ben zur­zeit viel Ver­un­si­che­rung, in Deutsch­land, der EU und auf der gan­zen Welt. Aus­ge­löst wird das einer­seits von zuneh­men­der Kom­ple­xi­tät, und ande­rer­seits durch plum­pe Ver­ein­fa­chung als Reak­ti­on, von der mei­ner Mei­nung nach gro­ße Gefahr aus­ge­hen. Kom­ple­xe Her­aus­for­de­run­gen kön­nen wir lösen, jedoch nicht, indem wir ein­fa­che Ant­wor­ten suchen. Ich den­ke aber ins­ge­samt, dass die Kul­tur der Fami­li­en­un­ter­neh­men den Mit­ar­bei­tern und auch gan­zen Regio­nen Halt geben. Ein Fami­li­en­un­ter­neh­mer denkt lang­fris­tig, haf­tet mit sei­nem eige­nen Kapi­tal für sei­ne Ent­schei­dun­gen und will sein Lebens­werk, sein Unter­neh­men, in die nächs­te Gene­ra­ti­on über­füh­ren. So ist in Deutsch­land eine Wirt­schafts­kul­tur ent­stan­den, die nicht das Stre­ben nach schnel­lem Pro­fit in den Vor­der­grund unter­neh­me­ri­schen Han­delns stellt, son­dern den Wunsch nach lang­fris­ti­gem Erhalt – eine Ord­nung, wenn man so will.

 

Sie for­dern, dass die Poli­tik die gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen – Digi­ta­li­sie­rung, Ren­te etc. – ent­schlos­se­ner anneh­men muss. Ange­nom­men wir schaf­fen es, die Her­aus­for­de­run­gen zu meis­tern, was ist Ihre Uto­pie einer Gesell­schaft in 25 Jah­ren?

Ich hof­fe, dass wir in Deutsch­land und Euro­pa die Her­aus­for­de­run­gen meis­tern, um in 25 Jah­ren glo­bal wei­ter in der ers­ten Liga zu spie­len. Das ist eine Uto­pie, denn ande­re Wirt­schafts­räu­me ver­fü­gen über deut­lich mehr Res­sour­cen und machen ihre Volks­wirt­schaf­ten wett­be­werbs­fä­hig. Heißt: Auch Deutsch­land muss jetzt die rich­ti­gen Wei­chen stel­len. In der Ren­ten­po­li­tik geht es dar­um, dass unse­re jun­ge Gene­ra­ti­on immer mehr Rent­ner län­ger finan­zie­ren muss – das wird nicht auf Dau­er gut gehen. Bei der Digi­ta­li­sie­rung rennt uns die Kon­kur­renz aus den USA und Chi­na davon, wäh­rend wir noch auf den Glas­fa­ser­an­schluss war­ten. Bei­de The­men wer­den den Erfolg unse­res Wirt­schafts­stand­or­tes maß­geb­lich mit­be­stim­men.

 

Sie ver­tre­ten einen Unter­neh­mer­ver­band und stam­men aus einer unter­neh­me­risch gepräg­ten Fami­lie. Was kann Ihrer Mei­nung nach der Unter­neh­mer, das Unter­neh­mer­tum hin­sicht­lich der gesell­schaft­li­chen Zukunft leis­ten?

Unter­neh­me­rin­nen und Unter­neh­mer tra­gen gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung. Zuerst für Mit­ar­bei­ter, aber auch für die Regi­on und das Land. Dabei reicht es mitt­ler­wei­le nicht mehr aus, dass wir inno­va­tiv sind bei unse­ren Pro­duk­ten und Dienst­leis­tun­gen. Wir müs­sen auch inno­va­tiv sein in der Art, wie wir arbei­ten. Und wie wir Arbeit für unse­re Mit­ar­bei­ter gestal­ten. Denn die Arbeit als sol­che hat sich wäh­rend der letz­ten Jahr­zehn­te in Deutsch­land radi­kal ver­än­dert. Jun­ge, klu­ge Leu­te, die ande­re Anfor­de­run­gen an ihr Leben und damit auch an ihren Beruf stel­len. Die­sen neu­en Bedürf­nis­sen müs­sen wir gerecht wer­den.

 

Dass der freie, unre­gu­lier­te Markt sämt­li­che – auch gesell­schaft­li­che – Pro­ble­me lösen kann, dürf­te inzwi­schen wider­legt sein. Auch haben bereits die Begrün­der der sozia­len Markt­wirt­schaft die Rol­le des Staa­tes betont. Was wäre das idea­le Ver­hält­nis von Staat und Markt, das Sie sich wün­schen wür­den?

Auch wenn die Theo­rie des Ordo­li­be­ra­lis­mus heut­zu­ta­ge oft einen nega­ti­ven Bei­klang hat, bringt sie sau­ber ange­wandt über­all die meis­ten Erfol­ge. Ordo­li­be­ra­lis­mus ist die Ant­wort auf die Fehl­ent­wick­lun­gen des Man­ches­ter-Kapi­ta­lis­mus. Es kommt aber immer auf einen rich­ti­gen Mix an. Das freie Ent­fal­ten der Markt­kräf­te schafft Wohl­stand. Aber der Staat hat – neben der Her­stel­lung von inne­rer und äuße­rer Sicher­heit – die Auf­ga­be, die Mög­lich­keit eben die­ses frei­en Ent­fal­tens der Markt­kräf­te zu gewähr­leis­ten. Er darf und muss gegen markt­schä­di­gen­de Ungleich­ge­wich­te vor­ge­hen, wenn es nötig ist. Zum Bei­spiel ach­tet der ordo­li­be­ral regu­lie­ren­de Staat dar­auf, dass sich kei­ne Mono­po­le oder Oli­go­po­le bil­den, die durch Markt­be­herr­schung Wett­be­werb ver­hin­dern und die Ver­brau­cher durch zu hohe Prei­se schä­di­gen. Auf der ande­ren Sei­te erle­ben wir, dass sich der Staat immer stär­ker in das unter­neh­me­ri­sche Han­deln ein­mi­schen will, bei Gehalts­ver­hand­lun­gen mit Mit­ar­bei­tern oder der Klä­rung von Arbeits­zei­ten prak­tisch mit am Ver­hand­lungs­tisch sit­zen will. Gleich­zei­tig soll der Unter­neh­mer immer mehr Fir­men-Infor­ma­tio­nen an den Staat geben – die Berichts­pflich­ten über­stei­gen das gesun­de Maß heu­te bei Wei­tem. Dies ist ein Grund, war­um es Ver­bän­de wie Die Jun­gen Unter­neh­mer gibt – um gegen die­se Gefah­ren für die deut­sche Wett­be­werbs­fä­hig­keit zu kämp­fen und den Staat an sei­ne ori­gi­nä­ren Auf­ga­ben zu erin­nern. Nichts­tun ist für einen Unter­neh­mer kei­ne Opti­on.

 

ownworld – Bausatz für ein nachhaltiges Leben auf kleinem Raum

Aus der Rubrik “Land in Sicht” in der wir Pro­jek­te vor­stel­len, die öko­no­mi­sches und gesell­schaft­li­ches Neu­land betre­ten.

 

 

Ownhome

Bausatz für ein nachhaltiges Leben auf kleinem Raum

Er ist wohl der Urva­ter der deut­schen Tiny Hou­se-Bewe­gung: In der Serie Löwen­zahn leb­te Peter Lus­tig über vie­le Jah­re in sei­nem blau­en Bau­wa­gen mit der selbst­ge­bau­ten Stuhl­trep­pe. Er zeig­te damit schon in den 1980er Jah­ren, dass ein nach­hal­ti­ger und res­sour­cen­scho­nen­der Lebens­stil gleich­zei­tig recht gemüt­lich sein kann. Ursprüng­lich kommt die Tiny Hou­se-Bewe­gung jedoch aus den USA und bezeich­net den Trend, in win­zi­gen Häu­sern von oft nicht mehr als 15m² zu leben. Aber auch in Deutsch­land gibt es immer mehr Men­schen, die ger­ne auf klei­nem Raum leben. Die Viel­falt reicht von Baum­häu­sern und mobi­len Zir­kus­wa­gen bis hin zu futu­ris­ti­schen Glas­ka­bi­nen. Die Grün­de lie­gen auf der Hand: Ein gerin­ger öko­lo­gi­scher Fuß­ab­druck sowie enor­me Kos­ten­er­spar­nis­se.

Schwie­rig wur­de es bis jetzt jedoch, wenn man ohne gro­ßes Know-How selbst ein Tiny Hou­se bau­en woll­te. So gibt es zwar rund ein Dut­zend Anbie­ter in Deutsch­land, aber die­se ver­kau­fen die Tiny Hou­ses meist als fer­ti­ges Pro­dukt. Ein klei­nes Unter­neh­men im süd­li­chen Baden-Würt­tem­berg möch­te Abhil­fe schaf­fen und hat einen Bau­satz für ein Tiny Hou­se ent­wi­ckelt, das sich voll­stän­dig unab­hän­gig von der öffent­li­chen Ener­gie- und Was­ser­ver­sor­gung betrei­ben lässt. Der Bau­satz besteht dabei aus num­me­rier­ten und exakt vor­ge­fer­tig­ten Holz­tei­len sowie Pho­to­vol­ta­ik­mo­du­len, einer Was­ser­auf­be­rei­tungs­an­la­ge und einer Tro­cken-Trenn-Toi­let­te und lässt sich laut des Unter­neh­mens von zwei Men­schen ohne beson­de­re hand­werk­li­che Vor­kennt­nis­se auf­bau­en. Mit 18m² ist das fer­ti­ge own­home dann nicht viel grö­ßer als ein Bau­wa­gen und kos­tet je nach tech­ni­scher Aus­stat­tung zwi­schen 25.000 Euro und 100.000 Euro.

Der Grün­der des Unter­neh­mens lebt selbst im ers­ten fer­tig­ge­stell­ten own­home. Über die Crowd­fun­ding-Platt­form start­next wird im Moment ver­sucht, Geld für ein zwei­tes Modell-own­home zu sam­meln, in dem Men­schen dann pro­be­wei­se woh­nen kön­nen. Auf lan­ge Sicht ist geplant, ein voll­um­fas­sen­des Kon­zept zu erstel­len, das auf der Basis von Open Source von allen inter­es­sier­ten Men­schen genutzt und wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den kann. Schon jetzt sind aber Besich­ti­gun­gen des own­home an jedem ers­ten Sams­tag im Monat mög­lich. Der Tüft­ler Peter Lus­tig wäre sicher­lich begeis­tert gewe­sen.

 

Mehr dazu unter: ownworld.org

 

Nach­ge­fragt bei Kle­mens Jakob, Geschäfts­füh­rer der own­world GbR

 

Wie ist die Idee ent­stan­den, neben dem eige­nen Haus gleich einen Bau­satz anzu­fer­ti­gen?

Das war ein­fach die Hoff­nung und die Zuver­sicht, dass es auch ande­re Men­schen gibt, die in Zukunft zukunfts­fä­hig leben möch­ten.

 

Wer in Deutsch­land ein Haus bau­en will, muss sich an etli­che gesetz­li­che Vor­ga­ben hal­ten. Wo gibt es mög­li­che Kon­flik­te mit dem own­home?

Da gibt es meh­re­re Din­ge zu beach­ten. Zunächst ein­mal gibt es bestimm­te Bebau­ungs­li­ni­en außer­halb derer man das own­home nicht hin­stel­len darf. Schwie­rig ist es auch, einen aut­ar­ken Was­ser­kreis­lauf zu eta­blie­ren, da in Deutschand Anschluss­pflicht an das Was­ser­netz besteht. Behör­den und neue Ide­en sind da etwa wie der Teu­fel und das Weih­was­ser. Natür­lich ist ein Abwas­ser­an­schluss auch gewollt, denn das kos­tet Geld. Strom hin­ge­gen ist unpro­ble­ma­tisch. Wenn ich kei­nen Anschluss will, dann ist das in Ord­nung, da küm­mert sich nie­mand drum.

 

Durch Regen­was­ser und eine Pho­to­vol­ta­ik­an­la­ge soll im own­home ein Leben unab­hän­gig von der öffent­li­chen Ver­sor­gung mit Ener­gie und Was­ser ermög­licht wer­den. Reicht das denn über­haupt?

Es ist sogar immer zu viel, das Regen­was­ser ist bei uns nur Zuga­be. Denn wir ver­wen­den das Was­ser im Kreis­lauf: es gibt eine Pflan­zen­klär­an­la­ge und das Trink­was­ser wird zusätz­lich durch eine Umkehr­os­mo­se-Anla­ge gefil­tert. Bis auf den Kaf­fee und Tee den wir trin­ken, wird alles in den Kreis­lauf zurück­ge­führt. Und der Rest wird mit Regen­was­ser auf­ge­füllt.

 

Das Haus misst 18m². Fühlt sich das nicht an wie ewi­ges Zel­ten?

Nein, was 100 Pro­zent aller Men­schen ein­heit­lich sagen, ist: „Wow, das fühlt sich viel grö­ßer an“. Die erleb­ten 18 m² haben nichts mit der Vor­stel­lung davon zu tun. Ein Teil der Decke ist sehr hoch und es gibt vie­le Fens­ter. Im Grun­de fühlt es sich an wie 32 m².

 

Sehen Sie sich als Teil der Tiny Hou­se Bewe­gung oder gibt es viel­leicht sogar ein Kon­kur­renz­ver­hält­nis zwi­schen den Anbie­tern?

Es gibt ganz und gar kein Kon­kur­renz­ver­hält­nis zu ande­ren Anbie­tern. Es geht dar­um, einen ande­ren Lebens­stil zu prak­ti­zie­ren. Und je mehr, des­to bes­ser!

 

Die Vollgeld-Idee und was die Schweiz davon hält

Am 10. Juni stimmten die Schweizer über die Einführung des Vollgeldes ab. Diese Volksabstimmung hatte die Vollgeldinitiative MoMo (Moderne Monetarisierung) in die Wege geleitet, die 2015 über 100.000 Unterschriften für die Annahme der Volksabstimmung gesammelt hat.

Die Vollgeld-Idee und was die Schweiz davon hält

Text: Sebas­ti­an Hin­de­rer

 

Der gest­ri­ge Bür­ger­ent­scheid über Voll­geld in der Schweiz hät­te den Finanz­ka­pi­ta­lis­mus radi­kal ver­än­dern kön­nen. So spek­ta­ku­lär dies klingt, ging es bei dem Volks­ent­scheid ges­tern jedoch “nur” um eine Erwei­te­rung des Schwei­zer Grund­ge­set­zes: der Bund allein soll soge­nann­tes Buch­geld erzeu­gen dür­fen.

Bis­her steht ihm die­se Aus­nah­me­fä­hig­keit der Wert­schöp­fung allein für Mün­zen und Bank­no­ten zu. Doch stellt das phy­sisch vor­han­de­ne Geld nur in etwa 10% des Gesamt­gel­des dar. Der Rest ist das Buch­geld: Und die­ses Buch­geld wird zum größ­ten Teil von Pri­vat­ban­ken geschaf­fen, die nicht, wie man doch mei­nen könn­te, Geld ledig­lich ver­wal­ten und wei­ter­rei­chen. Statt­des­sen wird durch Kre­dit­ver­ga­be neu­es Geld geschaf­fen.

Ver­ein­facht kann man die­sen Pro­zess wie folgt ver­an­schau­li­chen: Wenn eine Pri­vat­bank heu­te einen Kre­dit von bspw. 1.000 Fran­ken ver­gibt, muss­te sie bei der Schwei­zer Natio­nal­bank (SNB) ledig­lich 10% hin­ter­le­gen – 100 Fran­ken also. Wird der Kre­dit abbe­zahlt, erhält die Pri­vat­bank das Geld der SNB zurück und gewinnt die Zin­sen.

Die­se Fähig­keit der Pri­vat­ban­ken stei­gert die Mög­lich­keit der Bla­sen­bil­dung:

  1. Gemäß der The­se der finan­zi­el­len Insta­bi­li­tät von Hyman P. Min­sky füh­ren Pha­sen des Auf­schwungs dazu, dass zu vie­le Kre­di­te ver­teilt wer­den.
  2. Die als kre­dit­wür­dig Ein­ge­stuf­ten kau­fen ver­meint­lich Wert­vol­les (z.b. Immo­bi­li­en) oder inves­tie­ren in Pro­jek­te, die wei­te­res Wachs­tum vor­aus­set­zen – im schlimms­ten Fall kommt es zu einer Über­hit­zung der Märk­te und die ver­an­schlag­ten Wert­stei­ge­run­gen und Ren­di­te­er­war­tun­gen las­sen sich nicht mehr rea­li­sie­ren.
  3. Die Kre­dit­neh­mer kön­nen nicht zah­len und Ban­ken akzep­tier­ten kei­ne Ver­mö­gens­wer­te mehr. Der schein­ba­re Besitz auf dem Kon­to ent­puppt sich als ein nicht mehr erfüll­ba­res Ver­spre­chen – mit exis­ten­zi­el­len Fol­gen für die Kun­den.

 

Mit der Voll­geld­in­itia­ti­ve wür­de nur noch die Zen­tral­bank Buch­geld schaf­fen dür­fen und die Ver­sor­gung der Wirt­schaft mit Geld wür­de durch den Bund gewähr­leis­tet wer­den. Im Ide­al­fall soll dies dazu füh­ren, dass die Natio­nal­bank als Inter­es­sen­ver­tre­ter einer sozia­len Gesell­schaft agiert und dem­entspre­chend ent­schei­det, wer wel­che Kre­di­te bekommt (anstatt die Wirt­schaft als Haupt­in­ter­es­sen­ten zu set­zen) – die Gefahr dabei wäre eine Auto­kra­tie durch eine klei­ne Grup­pe an der Spit­ze der Natio­nal­bank. Eine sinn­vol­le Umstel­lung des Finanz­sek­tors wäre nur gepaart mit einer demo­kra­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on und einem ver­stärk­ten Bewusst­sein für die gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung der Ban­ken mög­lich.

Um einem aus­ufern­den Kre­dit­ge­schäft ent­ge­gen­zu­tre­ten und für mehr Sicher­heit des hin­ter­leg­ten Gel­des zu bür­gen, müss­ten Pri­vat­ban­ken gemäß der Initia­ti­ve von­ein­an­der getrenn­te Voll­geld-Kon­ten (ein­deu­ti­ge Kon­di­tio­nen und kei­ne Kre­dit­ver­ga­be) und Spar­kon­ten (mit fle­xi­blem Zins und zur Kre­dit­ver­ga­be mög­lich) anbie­ten. Somit könn­ten sie nur noch mit Geld, das sie von Spa­rern, Inves­to­ren, ande­ren Ban­ken oder eben der SNB erhal­ten, han­deln.

Kon­kret bedeu­tet das, dass sich das Selbst­ver­ständ­nis bei­der Bank­ty­pen ändern müss­te.

  • Die Zen­tral­bank wür­de mehr Ver­ant­wor­tung über­neh­men und als Staats­or­gan neben der Kon­troll­funk­ti­on auch enger in wirt­schaft­li­che Abläu­fe ein­ge­bun­den wer­den.
  • Den Pri­vat­ban­ken wäre es erschwert, Kre­di­te zu ver­ge­ben und ihre Macht wäre stark beschnit­ten. Ins­ge­samt wür­de es weni­ger und klei­ne­re pri­va­te Ban­ken geben – so die Annah­me der Voll­geld Befür­wor­ter.
  • Das Geld wür­de nicht mehr als Kre­dit und im Zusam­men­hang mit Schul­den in Umlauf gebracht wer­den. Wird ein Wirt­schafts­wachs­tum erwar­tet, dann wird die Geld­men­ge durch die Natio­nal­bank in glei­chem Maße erhöht. Die Auf­tei­lung auf Bund, Kan­to­nen und Bür­ger müss­te gesetz­lich regle­men­tiert wer­den. (Auch eine Art Grund­ein­kom­men wäre denk­bar.)

 

In jedem Fall wäre die Ein­füh­rung des Voll­gel­des ein gewag­ter Ver­such, jedoch auch ein Schritt wider die all­ge­mei­ne Undurch­sich­tig­keit und Varia­bi­li­tät des Geld­wer­tes, wenn natür­lich auch kein Garant gegen Kri­sen. Sicher­lich wür­de die neue Rege­lung der Geld­ver­ga­be auch eine lan­ge Umstel­lungs­zeit nach sich zie­hen (man rech­net mit 15 Jah­ren), in der sich die Natio­nal­bank neu auf­stel­len und den spe­zi­fi­schen Wün­schen der ein­zel­nen Kre­dit­su­chen­den anpas­sen müss­te.

Die grund­le­gen­de Fra­ge für die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger läuft auf jene zwi­schen finanz­ka­pi­ta­lis­ti­schem Libe­ra­lis­mus und poli­ti­scher Regle­men­tie­rung hin­aus. Wür­de die Ver­ant­wor­tung in die Hän­de der Zen­tral­bank gelan­gen, wäre die nächs­te Auf­ga­be, die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Men­schen und der Bank direk­ter zu gestal­ten, sodass gesell­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Inter­es­sen zu ent­spre­chen­der Kre­dit­ver­ga­be füh­ren mit dem lang­fris­ti­gen Sinn, das Geld­sys­tem zu demo­kra­ti­sie­ren und even­tu­ell der rasen­den Geschwin­dig­keit moder­ner Pro­duk­ti­on eine Note Schwei­zer Gemüt­lich­keit ent­ge­gen­zu­set­zen.

 

Der Ausgang der Volksabstimmung

Bei der gest­ri­gen Abstim­mung gaben rund 34 % der Wahl­be­rech­tig­ten ihre Stim­me ab von denen nur rund 24% für die Ände­rung stimm­te. Damit das Grund­ge­setz geän­dert wor­den wäre, hät­te es einer Zustim­mung der Mehr­heit der Stimm­bür­ger sowie der Kan­to­ne benö­tigt. Die Voll­geld-Initia­ti­ve erziel­te jedoch in kei­nem ein­zi­gen Kan­ton eine Mehr­heit. Den­noch spre­chen die Initia­to­ren von einem Ach­tungs­er­folg. Das deut­sche Pen­dant zu der Schwei­zer Initia­ti­ve der Ver­ein Mon­eta­ti­ve e.V. geht sogar noch wei­ter und schreibt in der Pres­se­mit­tei­lung zum Aus­gang des Schwei­zer Refe­ren­dums: “Die­ser Sonn­tag bedeu­tet eine Zäsur – auch wenn die Schwei­zer Akti­vis­ten ihr Begeh­ren nicht durch­set­zen konn­ten. Im Vor­feld hat­te es in der inter­na­tio­na­len Pres­se und unter Öko­no­men eine brei­te Aus­ein­an­der­set­zung über die Rol­le pri­va­ter Ban­ken bei der Geld­schöp­fung gege­ben. Für den Ver­ein Mon­eta­ti­ve e.V. und die vie­len Voll­geld-Initia­ti­ven in aller Welt ist das Abstim­mungs­er­geb­nis in der Schweiz eine Ermu­ti­gung, in ihren Wäh­rungs­räu­men noch stär­ker für die Ein­füh­rung von Voll­geld-Sys­te­men zu wer­ben. Die Dis­kus­si­on über die bestehen­de Geld­ord­nung ist in Gang gekom­men. Sie lässt sich welt­weit nicht mehr zurück­dre­hen. Ins­be­son­de­re hal­ten wir es für wich­tig, dass jetzt wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Sze­na­ri­en für die Umstel­lung des Euro-Wäh­rungs­ge­biets auf ein Voll­geld­sys­tem erar­bei­tet wer­den. Denn die dadurch mög­li­che Ent­schul­dung der staat­li­chen Haus­hal­te bie­tet eine Chan­ce, die Euro-Zone nach­hal­tig zu sta­bi­li­sie­ren.”