Blockchain & Bitcoin – Was noch gesagt werden musste, Teil 1

Blockchain & Bitcoin

Start einer Blogserie

 

Vergangenen Sonntag stolperte ich per Zufall – sofern man in diesem Fall von stolpern sprechen kann – über einen Twitter Account, der es offensichtlich zur Aufgabe hat, Werbung für Kryptowährungen zu machen. Als ich mir diesen Twitter Account ansah, fielen mir zwei Dinge auf: Erstens, der Boom um Kryptowährungen als Spekulationsobjekt ist nach wie vor ungebrochen und zweitens, die Blockchain, als die zugrundeliegende Technologie der Kryptowährungen dient nach wie vor als Story, um den Hype um Bitcoins und Co. zu rechtfertigen. Beides verwundert mich nicht. Aber da ich in meinem Artikel “To blockchain or not to blockchain, that is the question” in der Ausgabe DIGITLAISIERUNG damit endete, dass man gut beraten ist, die Entwicklungen um Bitcoin und Blockchain zu verfolgen, möchte ich gerne noch paar Gedanken zu diesem Thema formulieren, die nicht mehr in besagten Artikel Platz fanden. Diese Gedanken werde ich in loser Abfolge zu Papier – bzw. zu Tastatur, zu Bildschirm zu was auch immer man heute verwendet – bringen.

 

Diese Gedanken betreffen ganz unterschiedliche Bereiche, wie den naheliegenden, das Kryptowährungen weiterhin zu Spekulationszwecken gekauft und verkauft werden, wie aber auch Fragestellungen, ganz anderer Natur:

  • Können Kryptowährungen als Geldersatz dienen?
  • Ist die Blockchain eine weltverändernde Technologie?
  • Gibt es einen Wettbewerb der unterschiedlichen Blockchain Standards?
  • Inwiefern führen die digitalen Technologien zu einer Verflachung der Welt?
  • Wird das Reale die Hoheit über das Virtuelle behalten?

 

Der Artikel “To blockchain or not to blockchain, that is the question” erschien in der Ausgabe DIGITALISIERUNG 2/17

Dabei will ich mit dieser Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Ich bin überzeugt, dass diese Liste umso länger wird, je länger ich mich mit Blockchain&Bitcoin beschäftige. Auch bin ich offen für Vorschläge (am besten via E-Mail: wbernhardt(at)agora42(Punkt)de), immerhin beginne ich gerade erst an der Oberfläche dessen zu kratzen, was in diesem Zusammenhang noch wert wäre, Erwähnung zu finden.

Als Start der Reihe möchte ich gerne besagten Artikel “To blockchain or not to blockchain, that is the question” in vier kurzen Blogbeiträgen zusammenfassen. Und ja, ich weiß sehr wohl, dass es korrekt “To be or not to be” heißt. Aber was vielleicht nicht explizit im Artikel ausgedrückt wird, ist, dass es mir genau darum geht: Ganz oder gar nicht. Die Blockchain ist nicht einfach nur scheibchenweise zu bekommen. Es geht insofern sehr wohl um die Wurst. 99% Blockchain ist immer noch nicht Blockchain, es müssen 100% sein – wie beispielsweise gerade die Börse von Australien zeigt, die gerade auf Blockchain Technologien umstellt. Aber da ich das erst im Nachgang zum Artikel herausfand, will ich nicht vorgreifen.

 

Was ist die Blockchain?

Die wichtigste Frage, wenn man sich mit der Blockchain auseinandersetzt ist, was die Blockchain eigentlich ist. Hier die Antwort: Die Blockchain ist die abgesicherten Verkettung einzelner zu Blöcken zusammengefasster Daten und baut auf einer dezentralen digitalen Datenbank auf, die man auch mit einem Journal oder Register der Buchführung vergleichen kann. Dies kann man sich ganz einfach anhand der Funktionsweise von Bitcoins vorstellen, denen die älteste Blockchain zugrunde liegt. So werden in dieser Blockchain beispielsweise die Besitzrechte an den Bitcoins sowie Transaktionen der jeweiligen Bitcoins festgeschrieben, damit man wie bei einer guten Finanzbuchhaltung jederzeit nachvollziehen kann, wo jeder einzelne Geldbetrag herkommt und wohin er wieder verschwindet. Das besondere an dieser Art der Buchführung ist nun, dass es zahlreiche solcher Bücher oder Datenbanken gibt, weil die „Bucheinträge“ in zahlreicher Ausfertigung und dezentral gespeichert werden und dass alles vollständig automatisiert und anonymisiert von statten geht.

Diese Transaktionen oder Bucheinträge werden dann zu Blöcken zusammengefasst und chronologisch gespeichert, gewissermaßen wie Kettenglieder, die ineinandergreifen – daher auch der Name „chain“ (deutsch: Kette). Durch die aufeinander aufbauende Speicherung von Daten in einer Blockchain können die Daten nicht nachträglich geändert werden, ohne die Integrität der betreffenden Blockchain insgesamt zu beschädigen. Hierdurch wird die Manipulation von Daten erheblich erschwert – und so erübrigt sich auch eine dritte Instanz zur Bestätigung der Integrität von Transaktionen.

An diesem Beispiel wird bereits deutlich, dass die Idee der Kryptowährung nicht funktioniert, wenn sie nur zu 50% über eine Blockchain abgewickelt wird – also: ganz oder gar nicht. Gleiches gilt übrigens auch für die Bitcoin als Spekulationsobjekt, was ich in dem nächsten Beitrag zeigen werde.

 

von Wolfram Bernhardt, den 15.März 2017

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Gedankenspiele: Tagebucheintrag vom 06.03.2051

GEDANKENSPIELE aus der Ausgabe 2/2017 DIGITALISIERUNG

 

06.03.2051

Liebes Tagebuch,

es ist passiert, was irgendwann passieren musste. Meine Bauchspeicheldrüse ist gehackt worden. Ich habe das künstliche Organ seit fast vier Jahren und es produziert eigentlich sehr zuverlässig Insulin. Jetzt haben sich Hacker Zugang verschafft. Wahrscheinlich haben sie eine Schwachstelle in dem Update ausgenutzt, das ich mir am Wochenende über die Kontaktlinsen eingespielt hatte. Sie drohten mit einem Unterzuckerungsschock, sollte ich nicht 100 Bitcoins auf ein britisches Konto überweisen. Und um ihre Drohung zu unterstreichen, ließen sie mich kurz bewusstlos werden. Als ich wieder zu mir kam, überwies ich umgehend die geforderte Summe. Beruhigt war ich anschließend allerdings nicht. Vielleicht würden die Hacker es in ein paar Tagen noch einmal versuchen. Rosa, mein digitaler Butler, suchte sofort nach Erfahrungsberichten in der Cloud, fand dort aber nur einige Berichte über manipulierte Herzschrittmacher. Ich zögerte trotzdem nicht und bestellte ein Robo-Taxi, um sofort ins Huashan Hospital im Stadtzentrum zu fahren. Es gilt mit seinen 50 Betten als eines der gößten und renommiertesten Krankenäuser der Stadt.

Kai Jannek

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jannek, Director Foresight Consulting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wundern, Staunen und Lachen.

Bei der Empfangsdame handelte es sich um einen sehr zuvorkommenden Service-Roboter aus unserer Manufaktur. Sie zeigte sich äußerst verständnisvoll angesichts meiner Situation und brachte mich umgehend in ein Behandlungszimmer. Der Arzt, Prof. Dr. Wat-Son, sei eine absolute Koryphäe, erklärte sie mir auf dem Weg. Er kenne alle medizinischen Publikationen und alle dokumentierten Krankenakten weltweit. Die Erfolgsquoten seiner Therapien lägen im Spitzenfeld und er veröffentlichte selbst nur in den renommiertesten Fachzeitschriften. Bei dem Arzt handelte es sich ebenfalls um einen Service-Roboter, allerdings aus einer anderen Manufaktur. Er trug einen weißen Kittel und würdigte die Empfangsdame keines Blickes. Dass Roboter Roboter diskriminierten, war mir neu. Ich hatte jedoch keine Zeit darüber nachzudenken. Stattdessen schilderte ich Dr. Wat-Son mein Anliegen. Ich wollte eine neue Bauchspeicheldrüse. Ein biologisches, kein digitales Organ. Während die Empfangsdame eine Blut- und Speichelprobe von mir nahm und ein molekulares Abbild von mir erstellte, ging ich mit Dr. Wat-Son einen Katalog mit verschiedenen Bauchspeicheldrüsen durch. Es handelte sich um kleine Gen-Anpassungen, die an meinen Stammzellen durchgeführt werden würden, bevor daraus die neuen Alpha- und Betazellen wachsen würden. Ich entschied mich für eine Variante mit verkürzten Reaktionszeiten in der Hormonausschüttung, eine Standardanpassung, nichts Besonderes. Anschließend erklärte mir Dr. Wat-Son den Eingriff. Via Endoskop würde er mir mit einem assistierenden Operationsroboter ein Formgedächtnispolymer punktgenau applizieren. Es würde sich über die nächsten Tage entfalten und ein Organgerüst bilden. Durch die Körperwärme würden zudem die auf dem Polymer sitzenden Stammzellen aktiviert, die sich teilten und das Gerüst bevölkerten. Eine Woche später ließe sich dann in einem zweiten ambulanten Eingriff das digitale Organ entfernen.

Doch aus der Operation wurde nichts. Die Empfangsdame hatte Dr. Wat-Son auf eine Unregelmäßigkeit in meinen Blutbild aufmerksam gemacht, die sich als ein Grippevirus bislang unbekannten Typs entpuppte. Irgendein Designer-Virus. Kein Hinterhof-Do-it-Yourself-Biohack mit bekannten Bausteinen. Das Virus hatte bei mir offensichtlich keinerlei Symptome ausgelöst. Aber es war nun mal da. Und für Dr. Wat-Son was es ein Grund, mich nicht zu operieren. Er wollte seine Quote nicht gefährden. Er beriet sich mit mehreren klugen Algorithmen. Sie recherchierten. Sie suchten nach Ähnlichkeiten und Analogien. Sie abstrahierten und schätzten ab. Und sie kamen zu komplett unterschiedlichen Empfehlungen. Dr. Wat-Son beriet sich mit einer Meta-KI und entwickelte schließlich eine Strategie auf Basis der verschiedenen Ratschläge. Er würde zunächst einige weiße Blutkörperchen entnehmen und manipulieren, sodass sie das Virus angriffen. Gleichzeitig würde er mir einige aktivierbare Nanobots spritzen, die Insulinüberschüsse in meinem Blut binden sollten. Die neue Bauchspeicheldrüse sollte ich dann erst in einer Woche bekommen. Ich stimmte der Therapie zu und Dr. Wat-Son nahm den Eingriff sofort vor. Zur Verabschiedung riet er mir noch, für die nächste Woche meine digitalen Kontaktlinsen und mein Hörgerät auszuschalten, um mich vor weiteren Hacks zu schützen. Durchgehalten habe ich das keine zehn Minuten. Die ungefilterte Geräuschkulisse und die schrillen Licht- und Farbeindrücke waren nicht auszuhalten. Ich versuche später noch einmal, mich der Realität zu stellen. Dann melde ich mich wieder. Versprochen!

Ruhe und Ordnung

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Studentinnen und Studenten,

Ruhe und Ordnunges ist mir eine ganz besondere Ehre und eine große Freude zugleich, heute, am 25. Gründungstag unserer Republik, diese Festrede halten zu dürfen. 25 Jahre, also seit einer Generation, ist diese Utopie bereits Realität.

Wenn ich mich umschaue, dann blicke ich heute in die Gesichter vieler Menschen, die in dieser neuen Realität groß geworden sind; eine Realität, von der vor 30 Jahren wohl jeder geglaubt hätte, dass sie für alle Zeiten eine Utopie bleiben wird. Hätte man mich vor 30 Jahren gefragt, für wie wahrscheinlich ich es halten würde, dass es diese Europäische Republik je geben würde, dann hätte ich mit einem Gleichnis aus der Bibel geantwortet: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass sich am nanzmarktliberalen Staatsschuldenkapitalismus etwas ändert.

An Ihrem Blick erkenne ich, dass Sie sich nun fragen, ob ich noch recht bei Trost bin. In der Tat muss es für jemanden, der die Verhältnisse vor der Gründung der Republik nicht erlebt hat, eigentümlich erscheinen, dass man diese Gründung mit einem Wunder gleichsetzt. Für viele dürfte es schwer vorstellbar sein, dass man damals hoffen musste, die Wirklichkeit sei nur ein absurder Traum, wenn man nicht verzweifeln wollte – wobei allerdings nichts darauf hingedeutet hat, dass man aus diesem Traum aufwachen könne.

Was also war dieser absurde Traum?

Beginnen wir mit dem Chaos. Denn das war im Jahr 2017 allgegenwärtig. Dabei dürfen Sie sich das Chaos jedoch nicht so vorstellen, dass überall Krieg herrschte – auch wenn das an vielen Orten der Welt tatsächlich der Fall war. Vielmehr bestand das Chaos in einer großen Orientierungslosigkeit, die dadurch ausgelöst wurde, dass die große Erzählung, die ihren Anfang ungefähr im Jahr 1870 genommen hatte, an ihr Ende gelangt war. Diese Erzählung, die jahrelang für Orientierung gesorgt hatte, kann man im Wesentlichen auf folgende Formel reduzieren: Technologischer Fortschritt führt zum Wachstum der Wirtschaft, das wiederum Menschen zu Wohlstand verhilft. Doch damit nicht genug. Mit dem Wirtschaftswachstum und der tatsächlichen Verbesserung der Lebensumstände von vielen, vielen Menschen wurden die Ideale der Aufklärung zum gesellschaftlichen Konsens und damit Wirklichkeit: ein demokratischer Staat, freie Bildung, gleiche politische Rechte für alle Bürger, politischer Schutz der Minderheiten und ein Sozialsystem, das die Menschen ein Leben in Würde führen ließ.

agora42 Kapitalismus auf der Couch

Diese Rede zum 25 jährigen Jubiläum der Europäischen Republik entstammt der Ausgabe 1/17 DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH

Die Orientierungslosigkeit wurzelte in der Erkenntnis, dass der technologische Fortschritt zwar noch stattfand, aber dies nicht mehr automatisch bessere Lebensbedingungen zur Folge hatte. Viele Menschen schafften es zwar lange Zeit, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen; davor, dass sich inzwischen eine neofeudale Gesellschaftsstruktur herausgebildet hatte und sie bestenfalls noch dazu gebraucht wurden, als Konsumenten das System am Laufen zu halten. Doch spätestens als ihr eigener Job immer ungemütlicher wurde beziehungsweise sie ihn verloren, stürzte dies viele Menschen in eine Sinnkrise. Plötzlich stand nur noch ein großes Fragezeichen an der Stelle, wo es vorher Antworten auf Fragen wie diese gab: Was ist das Ziel in meinem Leben? Wie erreiche ich dieses Ziel?

Logisch, dass es zu dieser Zeit auch viele Vorschläge gegeben hat, was nun zu tun sei – und dass jene, die sie vorbrachten, um die mediale und gesellschaftliche Vorherrschaft kämpften. Im sogenannten Informationszeitalter wuchs dieses mediale Ringen jedoch schnell zu einem Informationsterror aus. Man wurde permanent mit Informationen bombardiert, sodass man am Ende aufgrund der Informations ut weder ein noch aus wusste. In einer solchen Situation gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man hinterfragt permanent jede Information und versucht, sich ein eigenes Bild zu machen, oder man ndet eine Person, deren Erzählung man Glauben schenkt – beispielsweise, weil diese Person sagt, dass man selbst der Gute ist und das Chaosnurdaherrührt,dassalleanderen böse sind. Eine Person, die verspricht, Ruhe und Ordnung in dieses Chaos zu bringen.

Erstaunlicherweise waren es jedoch nicht die Konservativen, die aus der Orientierungslosigkeit Profit schlagen konnten, obwohl sich ihr Selbstverständnis doch wesentlich auf dem Versprechen gründet, für Ordnung zu sorgen. Doch die Konservativen standen damals bereits unter dem Generalverdacht der Lüge, denn letztlich waren sie es, welche den finanzmarktliberalen Staatsschuldenkapitalismus erst ermöglicht hatten, der das Ende der großen Erzählung markierte.

Ich muss gestehen, dass es mir bereits beim Klang dieses Wortpaars jedes Mal kalt den Rücken runterläuft – immer vorausgesetzt, ich kann es aussprechen, ohne mich dabei zu verhaspeln. Ist es nicht verrückt, dass es Epochen gab, die man mit so schönen Worten wie Renaissance oder Aufklärung bezeichnen konnte? Und dann das: das Zeitalter des finanzmarktliberalen Staatsschuldenkapitalismus. Brrrrr.

Lassen Sie mich im Weiteren daher vom fSK sprechen, denn letztlich bestand der fSK im Kern aus einer toxischen Mischung von Buchstabenkürzeln, die nur noch ein paar Insider zu deuten wussten. Was also war der fSK und was hatte er damit zu tun, dass die Konservativen sich selbst ins Abseits manövrierten? Und zuletzt: Warum war dies die Voraussetzung dafür, dass die Gründung der Europäischen Republik gelingen konnte und so Ruhe und Ordnung wieder in der Gesellschaft einkehrten?

Seit dem Entstehen des Kapitalismus – der großen Erzählung – wohnte diesem eine Dynamik inne, die gleichzusetzen war mit einem diffusen Begriff von Wachstum. Ja mehr noch, dieses Wachstum war die Voraussetzung und Triebkraft des Kapitalismus. Doch handelte es sich um ein Wachstum, das keine Grenzen kannte. Im Gegensatz zu natürlichen Wachstumsprozessen blieb hier stets unbestimmt, wann der Kapitalismus je ausgewachsen oder auch erwachsen sein würde. Die Folgen dieses unstillbaren Wachstumszwangs können am besten mit der Sage des Erysichthon aus der griechischen Mythologie beschrieben werden: Der Königsohn Erysichthon dringt in den heiligen Hain der Göttin Demeter ein und fällt den größten Baum, um aus dessen Holz die Decke seines Prunksaals zu bauen. Die Göttin straft ihn mit einem heftigen, wilden und glühenden Hunger, der ihn zunächst veranlasste, seinen ganzen Besitz aufzufressen, um zuletzt seine eigenen Glieder zu verschlingen – „Er nährt seinen Leib, indem er ihn aufzehrt.“

ErysichthonWomit wir bei den Konservativen sind. Diese waren seit jeher ein wichtiger Teil der gesellschaftlichen wie auch wirtschaftlichen Eliten und bestimmten somit maßgeblich den Lauf der Dinge. Zugleich profitierten sie überproportional vom Wachstum, das der Kapitalismus in Gang gesetzt und befeuerte hatte. So entstand eine Rückkopplung, die ihre Autorität zunächst weiter festigte: Zum einen wuchs ihr Ein uss durch das von ihnen angehäufte Kapital, zum anderen gab ihnen der Erfolg vorerst recht, weil, zumindest in Europa, die gesamte Gesellschaft vom Wachstum profitierte. Doch damit hatten sie sich gleichzeitig einer Dynamik verschrieben, die sie irgendwann nicht mehr kontrollieren konnten und die sie letztlich dazu zwang, ihre eigenen Werte „aufzuzehren“ beziehungsweise zu korrumpieren, was im Erysichthon’schen Sinne ihren Untergang bedeutete.

Dies zeigte beispielhaft die Finanzkrise von 2008, als die Habgier der Finanzelite die ganze Welt in die Knie zwang. Aufgrund massiver Fehlspekulationen standen im Jahr 2008 zahlreiche Kreditinstitute vor dem Kollaps. Der daraus folgende Vertrauensverlust ließ den Interbankenmarkt versiegen und die Gefahr eines Bank Runs war permanent gegeben. Kurz, die Weltwirtschaft stand am Rande eines totalen Zusammenbruchs. Die Machthabenden ergriff die blanke Panik: teils aufgrund der tatsächlich vorhandenen Gefahr, dass die globalen Handelsströme schlagartig versiegen könnten und so weltweit die Grundversorgung der Bevölkerung zusammengebrochen wäre; teils aber auch, weil sie sich eingestehen mussten, dass sie dies durch ihre Gesetzgebung und mangelnde Aufsicht erst ermöglicht hatten. Und so mussten sie dringlichst eine Antwort auf die Frage finden, die sich auch Lenin vor der kommunistischen Revolution in Russland gestellt hatte: Was tun?

Klar war, es musste weitergehen. Nicht nur, um den Zusammenbruch zu verhindern, sondern auch, um sich als Retter der Welt feiern und so aus der Verantwortung stehlen zu können. Anstatt also die Habgier als Todsünde anzuprangern, was dem konservativen Werteverständnis entsprochen hätte, erteilten sie den Habgierigen eine Generalabsolution.

Dies war der Zeitpunkt, als sich der liberalisierte Finanzmarktkapitalismus in den fSK verwandelte und offensichtlich wurde, dass die Konservativen nicht mehr für Ordnung, geschweige denn für Ruhe sorgen konnten. Zwar hielten sie nach wie vor ihre geliebten Ordnungskonzepte wie die soziale Marktwirtschaft, den ordnenden Staat oder den ehrbaren Kaufmann hoch und beanspruchten für sich, sozial, christlich und demokratisch zu agieren. Zugleich aber legten ihre Taten Zeugnis davon ab, dass sie ihr Schicksal schon längst bedingungslos an das Wohl und Wehe der wachsenden Wirtschaft geknüpft und auf deren Altar ihre einstige Ordnungsvorstellung geopfert hatten.

Im Rückblick müssen wir verwundert feststellen, dass die Elite der damaligen Zeit tiefgläubig war, es aber ironischerweise versäumt hatte, die Schriften ihrer Propheten genauer zu lesen. Hatte nicht bereits Adam Smith darauf hingewiesen, dass unruhige Zeiten anbrechen würden, wenn ein großer Teil der Bevölkerung von den Früchten des Wachstums abgeschnitten wird?

Wolfram Bernhardt agora42

Diese prophetische Rede entstammt der Tastatur von Wolfram Bernhardt – Mitherausger der agora42.

Diese unruhigen Zeiten kündigten sich in Gestalt eines Schreckgespenstes an, das man mit dem Ende Nazideutschlands gehofft hatte, endgültig besiegt zu haben: Populismus. Dieser fiel auf den denkbar besten Nährboden: war es doch ein Leichtes, das Establishment als verlogen hinzustellen; machte der Informationsterror doch eine unaufgeregte und objektive Berichterstattung unmöglich; konnte doch die Beschleunigung aller Lebensbereiche und die Angst vor dem Wohlstandsverlust als willkommene Ausreden dienen, sich nicht mit den großen Zusammenhängen beschäftigen zu müssen. Und so schien die Welt 2017 endgültig im Chaos zu versinken.

Warum es nicht so kam, muss ich Ihnen nicht erzählen. Ihnen allen ist die Konferenz von Toledo aus dem Jahr 2018 ein Begriff. Die Konferenz in der Hauptstadt der zentralspanischen Region La Mancha, wo bereits Don Quijote den Kampf gegen die Windmühlen aufgenommen hatte und von der aus die Idee der Europäischen Republik in die letzten Winkel Europas gelangte. Sie alle wissen, dass dort neben dem politischen Ordnungsrahmen auch die Agenda für die Wirtschaftliche Neuordnung beschlossen wurde – woraufhin endlich Ruhe in die Wirtschaft und in das Leben jedes Einzelnen einkehrte.

Ich sprach anfangs von einem Wunder und hoffe, Ihnen durch die Schilderung der damaligen Verhältnisse dargelegt zu haben, warum dies nicht übertrieben ist. Lassen Sie mich dieses Wunder anhand der wichtigsten Reformen – zwei im politischen und zwei im wirtschaftlichen Bereich – illustrieren. Schließlich schienen solche Reformen noch 2017 absolut unrealistisch. Und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, blieb als einzige Möglichkeit, das Unrealistische zu versuchen.

Fangen wir mit der Rahmenordnung, also der Politik an.

Der erste Punkt war die Abschaffung der Nationalstaaten – sicherlich das einschneidenste Erlebnis für die europäischen Bürger. Auch wenn sich die Bürger in einigen Regionen schon seit Langem eher als Katalanen denn Spanier oder als Tiroler denn Italiener empfanden, identifizierten sich die meisten Bürger nach wie vor mit Deutschland, Polen oder Frankreich.

Zweitens wurde mit dem „Naturgesetz“ gebrochen, demzufolge ein Bürokratieabbau nur infolge einer kriegerischen Auseinandersetzung möglich ist. Doch genau dies ist geschehen: 1. aufgrund des erwähnten Wegfalls der nationalstaatlichen Ebene inklusive der entsprechenden Beamtenschaft; 2. indem sämtliche Sozialhilfe- und Arbeitslosenleistungen durch eine einheitliche und republikübergreifende Pauschale ersetzt wurden und 3. durch die Einführung einheitlicher Steuersätze in der gesamten Republik.

Die Vereinheitlichung der wichtigsten Steuersätze in der gesamten Republik war zwar eine politische Maßnahme, hatte aber massive Auswirkungen auf die Wirtschaft. Jetzt aber zu den beiden explizit ökonomischen Punkten:

1. Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit ist es gelungen, freien Wettbewerb zu ermöglichen. So wurden zunächst die Oligopole aufgelöst, die sich europaweit in allen wichtigen Industrien entwickelt und dadurch Wettbewerb blockiert hatten. Da Freiheit untrennbar von Verantwortung ist, wurde außerdem die persönliche Haftung für ökologische und soziale Schäden, die auf unternehmerisches Handeln zurückzuführen sind, zum obersten Prinzip erklärt. Nicht zuletzt wurden sämtliche Regeln und Abgaben abgeschafft, welche eine Selbstversorgung unabhängig vom Markt verhinderten. So entstanden unterschiedliche Modelle für Haus- und Wirtschaftsgemeinschaften, die verschiedensten Lebensentwürfen einen Raum boten.

2. Um zu verhindern, dass es jemals wieder in Europa zu einer solch dramatischen Ungleichheit kommt, wie sie heute noch in vielen Teilen der Welt zu beobachten ist, wurde eine Obergrenze für materiellen Besitz eingeführt. Entsprechend wurde es ab einem bestimmten Punkt unattraktiv, Geld anzuhäufen, da es nicht mehr für den Konsum verwendet werden konnte. Diese Maßnahme zog einiges an Entrüstung seitens kapitalstarker Ex-Bürger der Republik nach sich; aber wie Sie wissen, sind 63 Prozent der Republikflüchtlinge inzwischen freiwillig wieder zurückgekehrt, weil sie ihr Leben im goldenen Käfig nicht länger ausgehalten haben.

So zeigte sich immer wieder, dass es gerade jene Maßnahmen waren, die gemeinhin als unrealistisch bezeichnet wurden, jene Maßnahmen also, mit denen wir nicht die Lebensweise anderer nachgeäfft haben, die uns Freiheit und Glück brachten. Heute dient die Republik selbst als Vorbild, das alle anderen nachahmen wollen.

Lassen Sie mich mit einem physikalischen Wunder zum Schluss kommen.

Wir wissen nicht, wie es passiert ist, aber wir wissen, dass es passiert ist: Das Kamel ging durchs Nadelöhr. Zum Glück für uns alle haben sich die Worte des französischen Schriftstellers Victor Hugo, die prophetisch über unserer Idee schwebten, letztlich doch bewahrheitet: Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 

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VOM AUTOR ZU DEM THEMA EMPFOHLEN:

Ulrike Guérot: Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie (Verlag J.H.W. Dietz Nachf., 2016): Die Utopie der Europäischen Republik stammt natürlich von Ulrike Guérot. Dass es bereits eine recht konkrete Utopie ist, wird deutlich, wenn man sich in dieses grundlegende Werk vertieft.

Kapitalismus – ein Sachcomic (TibiaPress Verlag, 2010)
Eine unterhaltsame und informative Einführung in den Kapitalismus. Der Bogen, der gespannt wird, reicht vom Templerorden über den Freihandel, die Arbeiterkämpfe bis hin zum Ende der Geschichte.

Christoph Binswanger: Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen, in “Glaubensgemein- schaft der Ökonomen – Essays zur Kultur der Wirtschaft” (Murmann Verlag, 2011): Binswanger zeigt in diesem Essay auf, dass die Wirtschaft nur so ist, wie ist, weil wir glauben, dass sie so sein müsste. Was aber, wenn wir glauben, dass sie anders sein müsste? Auch der Vergleich des Kapitalismus mit dem Fluch des Erysichthon entstammt eines Essays in dieser Sammlung.

Wohlstand oder Stolz. Endet der Kapitalismus?

Wohlstand oder Stolz. Endet der Kapitalismus?

von Birger Priddat

Birger Priddat

Birger Priddat ist Seniorprofessor für Wirtschaft und Philosophie an der privaten Universität Witten/Herdecke. Herr Priddat ist Mitherausgeber der agora42. Professor

‚Make America great again’? Amerika soll wieder groß gemacht werden, so dass alle stolz auf es sein können. Zugleich aber soll es auch wachsen, d.h. höheren Wohlstand erlangen. Was nun aber?

Wenn Trump seinen Protektionismus durchsetzt, bedeutet es, dass viele Güter teuer werden. Und ob die Staatssubventionen, die Trump vorhat, längerfristig Arbeitsplätze schaffen, ist ungewiss, zumal die digital revolution massiv weiterhin Arbeitsplätze einsparen wird. Es ist unklar, ob Trump überhaupt die digitale Transformation auf dem Schirm hat. So bleibt die Frage, ob man dafür, dass man auf sein Land wieder stolz sein kann, bereit ist, an Wohlstand einzubüßen.

Der Traum, dass alle Amerikaner wieder gut verdienen – wie in den 50iger und 60iger Jahren des vorherigen Jahrhunderts – wird der Ernüchterung weichen, dass der Wohlstand eher noch mehr sinken könnte. Ein paar alte Berg- und Stahlwerke werden, hochsubventioniert, aufgemöbelt, aber die Digitalisierung baut weiterhin mehr und mehr Arbeitsplätze ab. Nicht nur im ‚Rost Belt’. Und die großen Sharing-Konzerne (Uber, Airnb etc.) drücken die Löhne mehr und mehr, so dass die Leute trotz Beschäftigung ärmer werden.

Ob dann noch das Gefühl der Würde reicht? Möglichweise ja.

Wir haben es mit einem neuen Phänomen zu tun: in Russland verarmt die Bevölkerung massiv, aber alle glauben, dass Russland ein starker Staat sei, den viele andere fürchten. Auf den man deshalb stolz sein kann. In der Türkei schäumt ein Nationalismus hoch, der parallel mit einer wirtschaftlichen beginnenden Stagnation verläuft, vor allem aber mit einem Demokratieabbau einhergeht. Ähnlich in den arabischen Ländern, die durchweg nicht in der Lage sind, ihre Wirtschaftsgesellschaften zu entwickeln. Man wendet sich gegen den Westen, den man bewundert, dessen materiellen Wohlstand man aber verachtet und die eigene Würde – als Araber, als Muslime – hochhält. Der Dschihadismus ist die Extremform dieser Haltung: die Würde so hoch zu erachten, dass man lieber in Armut lebt und die westliche Kultur bekämpft. In Europa werden in England, Polen, Frankreich etc. die nationalen Stolzheiten hochgefahren. Auch in Deutschland haben wir Tendenzen, nationalistisch und völkisch zu denken: stolz auf Deutschland sein.

Der entscheidende Punkt ist nicht der Stolz – warum soll man den nicht haben, wenn man gleichzeitig deshalb nicht andere diskreditiert? -, sondern die damit verbundenen einseitigen wirtschaftlichen Maßnahmen, der Protektionismus und die Re-Nationalisierung, die den aus der Globalisierung gewonnenen Wohlstand zurückfallen lassen werden. Was mag das für Stolz sein, der darauf beruht, sein Land abzuschotten, um ‚unter sich’ zu bleiben? Eine Art von cocooning (wie es im Privatleben auch zunimmt).

Zitat PriddatSind wir ans Ende der Wohlfahrtsgesellschaft gelangt, gar ans Ende des Kapitalismus, den Adam Smith als Prinzip ‚to higher the comfort of life’ beschrieb? In den Lectures of Jurisprudence stellte Smith zur Wahl: virtues or wealth. Das Prinzip der neuen Politischen Ökonomie um 1776 lautete: weniger den Tugenden folgen, dafür materiell besser leben. Eben dieses Konzept scheint an sein Ende geraten zu sein, wenn man den Stolz bzw. die Würde höher veranschlagt als die wirtschaftliche Prosperität. Der Test für den Kapitalismus lautet: sind die Trump-Wähler gewillt, den vom Präsidenten geschürten Patriotismus höher zu schätzen als die Enttäuschung, die sie ereilen wird, wenn die Arbeitsplätze noch geringer werden (statt mehr)?

Möglicherweise geht der Kapitalismus zu Ende, jedenfalls der Kapitalismus, der Wohlstand-/ Wohlfahrt- und Zivilisationsentwicklung parallel laufen lassen konnte. Wenn wir zulassen, dass wir populistisch genährte autokratische Politiken bekommen, werden wir uns mit Ideologien begnügen müssen, bei sinkenden Einkommen. Wir werden ‚tugendhaft’ ärmer. Das aber ist eine Größe, an die man wahrscheinlich nicht dachte, als man ‚America great’ hoffte. Zur kulturellen Verarmung durch Ideologisierung kommt die wirtschaftliche durch protektionistische Verteuerung.

 

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Der Texte ist zuerst auf der Homepage von Herrn Priddat erschienene.

Besser, anders, und vor allem weniger – Interview mit Barbara Unmüßig

Besser, anders, und vor allem weniger – Interview mit Barbara Unmüßig

Anlässlich der aktuellen Ausgabe zum Thema “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir ausgewählte Personen um Antworten auf die zentralen Fragen des Heftes gebeten. Hier die Antworten von Barbara Unmüßig.

Welchen Aspekt des Kapitalismus finden Sie am interessantesten und am ehesten zu bedenken?

Barbara Unmüßig

Barbara Unmüßig ist seit 2002 Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie verantwortet die internationale Arbeit der Stiftung in Lateinamerika, Afrika, Asien, dem Nahen und Mittleren Osten und die des Gunda-Werner-Instituts für Feminismus und Geschlechterdemokratie. Sie ist außerdem Vorsitzende der Jury des Anne-Klein-Frauenpreises.

Der faszinierendste Aspekt ist sicherlich die schöpferische Kraft, die stetige Neuerfindung und Anpassung. Sie geht aber einher mit Zerstörung und Ausbeutung von Menschen und Natur. Er bringt leider –ungezähmt –  massive Ungleichheit hervor und macht unsere natürlichen Lebensgrundlagen kaputt und heizt das Treibhaus.  Schumpeter hat am besten diese schöpferische Zerstörung beschrieben, die der Kapitalismus braucht, um Neues aus Zerstörtem hervorzubringen. Das hat leider sehr viel Unrecht und Leid für Menschen gebracht. Zu Recht wird diese Variante als Raubtierkapitalismus bezeichnet und Menschen und ihre sozialen Kämpfe versuchen immer wieder die sozialen Folgen der Ausbeutung und der zerstörerischen Kraft einzudämmen oder zu zähmen.

Was der Kapitalismus, sein Zwang zur Expansion mit der Natur, mit den Ökosystem und dem Planeten als Ganzes macht, nimmt heute irreversible Züge an. Das machen wir uns immer noch viel zu wenig bewusst. Und wieder stellt sich hier die Hoffnung ein, dass selbst diese brutale Zerstörung mit technologischer Innovation und mit noch mehr Ökonomisierung der Natur wieder zu reparieren sei. Eine sehr riskante Wette auf die Zukunft. Ein wesentliches Element kapitalistischer Produktion und Akkumulation ist es, mehr Eigentum – oder mehr Kapital – zu erwirtschaften. Ob wir es wollen oder nicht, nicht alles kann privates Eigentum sein – Die Luft zum Atmen, Wasser, Artenvielfalt, z. B, werden von allen gebraucht und genutzt. Kapitalismus denkt diese Gemeingüter nicht mit.

Warum konnten sich die Menschen so schnell und unbemerkt für das kapitalistische Denken begeistern? Entspricht der Kapitalismus unserer Natur?

Es gab und gibt doch Alternativen zum Kapitalismus, die von einigen Völkern auch heute noch gelebt werden. Der Kapitalismus hat alte, feudale Machtstrukturen abgelöst.  Und es hat nicht unbemerkt die Welt erobert. Es gab immer Widerstand gegen ihn aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Einer seiner Erfolge: Auch, wenn es ein langer und hart erkämpfter Weg und mit Rückschlägen verbunden war, hat er in den Kernländern des Kapitalismus Gesellschaften demokratisiert. Und er hat mit der „scharfen Waffe” der günstigen Preise (Karl Marx) ein Wohlstandsversprechen für breitere Bevölkerungsschichten eingelöst. Das macht ihn heute ja gerade so attraktiv für die Gesellschaften im globalen Süden, die teilhaben wollen an der Welt der bunten Waren. Der autokratische Typus von Kapitalismus bezieht in Ländern wie China ja gerade hieraus wesentlich seine Legitimation Vergessen wir jedoch nicht:  Kapitalismus ist ein Gesellschaftsverhältnis von mehreren möglichen und ein relativ neues in der Geschichte der Menschheit.  Ob und wie wir ihn transformieren können angesichts der ökologischen Großkrisen und der sozialen Ungleichheit und dabei demokratische Errungenschaften und Menschenrechte erhalten können, ist die große Frage des 21. Jahrhundert. Zum Glück haben das schon viele Menschen begriffen und arbeiten an Alternativen. Der Kapitalismus ist also meines Erachtens nicht unbedingt die logische natürliche Konsequenz für unsere Gesellschaften und er liegt nicht in der Natur des Menschen.

In unserer aktuellen Ausgabe liegt der Kapitalismus auf der Couch. Er ist ausgebrannt, kaum jemand glaubt noch ernsthaft an ihn, immer häufiger fragt man sich “wozu”, Krisenstimmung macht sich breit. Ist die Blütezeit des Kapitalismus vorüber? Und wie geht es weiter?

Es herrscht nicht nur Krisenstimmung, sondern wir stehen realen multiplen globalen Krisen gegenüber: die wachsende Ungleichheit, der Verlust der Biodiversität, der Klimawandel, globale Migrations- und Flüchtlingsströme, der immer stärkere Gegenwind gegen Demokratie und ihre Werte all das nagt vor allem am Wohlstands- und Glücksversprechen des Kapitalismus. Unser Wirtschaftsmodell, unsere Produktions- und Konsummuster, und die immer weiter voranschreitende Globalisierung mit all ihren Vorteilen, produziert auch viele Verlierer und Abgehängte – Mensch wie Natur. Es gibt eine globale Mittelklasse, die die Kosten ihres Konsum- und Produktionsmodells externalisiert. Soziale Ungerechtigkeit und ökologische Zerstörung sind die Folgen. Unser wachstumsgetriebenes „weiter so“, diese Jagd nach dem immer mehr, immer besser, immer größer, immer schneller ist nicht nachhaltig und nicht vereinbar mit den natürlichen Grenzen unseres Planeten. Diese haben wir jetzt schon überschritten und stehen gleichzeitig einem gravierenden Verteilungs- und Gerechtigkeitsproblem auf der Welt gegenüber. Wir müssen uns endlich von unserer Abhängigkeit vom Wachstum um jeden Preis befreien, uns vom fossilen Zeitalter verabschieden, und Alternativen erkunden, die ein besseres Leben für alle ermöglichen könnten. Dazu müssen wir Fragen rund um unser Wirtschaftsmodell und wie es weiter gehen kann mehr denn je repolitisieren und Antworten demokratisch aushandeln.

Ist eine nachhaltige Entwicklung im Kapitalismus denkbar? Wie können Bedürfnisse zukünftiger Generationen, in einer Welt endlicher Ressourcen, gesichert werden?

Wir haben ja in den letzten Jahren erlebt, wie der Mainstream von Weltbank bis Bundesregierung uns zu versprechen versucht, dass unser Kapitalismus „ergrünen“ kann, und so zukunftsfähig und nachhaltig werden kann. So sehr ich mir eine Versöhnung von Ökonomie und Ökologie wünschte: ich glaube sie ist eine Illusion, solange wir nicht radikal Emissionen aller Art unterlassen und Ressourcenverbrauch massiv reduzieren. Ein solches Versprechen kann nur machen, wer bewusst Komplexität reduziert, stark an Wunder des Marktes und der technologischen Innovation glaubt und gleichzeitig reale Machtstrukturen im ökonomischen wie politischen Kontext ignoriert und nicht anpacken will. Wir dürfen uns nicht täuschen lassen von der Annahme, dass ein ergrünter Kapitalismus, der unsere aktuellen Produktions- und Konsummuster nicht in Frage stellt, die notwendige Nachhaltigkeit gewährleisten kann, die wir unserem Planeten und nachkommenden Generationen schuldig sind. Der Ausstieg aus dem fossilen und finanzmarktgetriebenen Kapitalismus selbst muss die Priorität sein. Besser, anders, und vor allem weniger – das Überwinden von unsinnigen Produktions- und Konsummustern. Dieser Dreiklang ist mein Motto für die praktische und theoretische Suche nach Neuem.

Der falsche Gott

Der falsche Gott

von Jens Böttcher

Von der Notwendigkeit, den Kapitalismus als scheiternde Ersatzreligion zu erkennen – und von der unerhörten Möglichkeit einer Revolution. Aus der Ausgabe DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH

Jens Böttcher

Jens Böttcher lebt als Schriftsteller, Musiker und Medienschaffender im Süden Hamburgs. Sein jüngster Roman Herr Sturm und die Farbe des Windes (SCM-Verlag, 2016) handelt vom Glauben der Menschheit, auf seinem aktuellen Album V: Unsterblich besingt er die Schönheit und Unvergänglichkeit der Liebe.

Es mag befremdlich sein, es so zu betrachten, aber all die diffusen Begriffe, die wir für die systemischen Wirren unserer Zeit immer wieder zu finden suchen – Kapitalismus, Neoliberalismus, Konsumismus – verbergen doch nur mäßig geschickt, dass wir in ihren verborgenen Erlösungsversprechen eine tief in uns selbst verankerte, ausgesprochen religiös gefärbte Sehnsucht zu befriedigen suchen. Oder suchten.

Wollen wir es wagen, aufrichtig zu sein? Aufhören, angeblich Säkulares von angeblich Spirituellem zu trennen? Den Mut aufbringen, unser eigenes wahnhaftes Scheitern zuzugeben? Endlich für möglich halten, dass wir viel mehr sind als die Summe unserer sichtbaren Teile? In die Tiefe unserer Herzen hinabspüren und bar jeder intellektuellen Rüstung fragen: Worum geht es denn bei tatsächlich allem, was wir tun und suchen und ersehnen, sei es in Ost oder West, Nord oder Süd? Worum ging es in all unseren Systemen und System-Revolutionen, seien sie laut oder leise gewesen, gewalttätig oder friedlich?

Es ging stets um den tiefen menschlichen Wunsch nach innerem Ankommen. Es ging immer um die Möglichkeit – vielleicht die Illusion – finaler Geborgenheit. Um die kindliche Hoffnung, unsere tiefsten Ängste vor Verlassenheit mögen von Zauberhand fortgeweht werden und nicht dereinst als neues Trauma zurückkehren. Es geht immer um Bedingungslosigkeit, um das Gefühl hingegeben sein zu dürfen. Es geht immer um Liebe. Nur geben wir das natürlich nicht gern zu. Das klingt so schrecklich kitschig. So trivial. So leer. Jedenfalls solange wir die Liebe in ihrer ganzen Größe abweisen, solange wir sie behandeln wie den störenden Bettler, der es am Heiligen Abend wagt, an unsere Türen zu klopfen.

Da uns der Mut zu einem kollektiven Bekenntnis zur Liebe inklusiver all ihrer Herausforderungen fehlt, suchen wir seit Anbeginn unseres eigenen Urknalls nach Heilsversprechen, die stets von außen nach innen wirken sollen. Die von Erich Fromm einst gestellte Frage nach „Haben oder Sein“ war wohl nie aktueller als heute. Wir als Konsumgesellschaft haben sie nur falsch beantwortet – und leben in dem Glauben, dass ein zufriedenes Sein aus dem Haben entsteht. Tatsächlich geht es nur andersherum: Nur ein befriedetes Sein gibt uns die Möglichkeit, in ihm etwas zu haben, nämlich Selbstwert, Selbstliebe. Unsere Zufriedenheit müsste von einem geheimnisvollen inneren Kontinent kommen, den wir als Kollektiv bislang nicht entdeckt haben. Dieses „Haben“ käme aus dem Sein und wäre mit Gold nicht aufzuwiegen.

Die Lüge stirbt

Der Kapitalismus verpackt sein Heilsversprechen in ein Glaubenssystem, das im Gegensatz zu seinen monotheistischen Stiefgeschwistern nicht mal mehr „himmlisch“ zu sein hat, sondern uns aufgeklärte Geister, ganz und gar modisch-säkularisiert, in das Korsett eines rein weltlichen Pragmatismus zwängt. So werden wir in einem zwangsläufig kaltherzigen Hier und Jetzt verortet, zu Füßen des Götzenpriesters Konsum, dessen zuckrig-fauligen Zaubertrank wir schon hektoliterweise getrunken haben. Alles im Neonschein einer Ersatzreligion, die uns in sich zu bergen verspricht wie eine gute Mutter, ohne dass wir Gläubigen dabei länger die Unberechenbarkeit oder gar die Strafen jenseitiger Mächte zu fürchten hätten.

Nennen wir das garstige Kind also beim Namen: Der Kapitalismus hat sich zu einer Placebo-Religion aufgeschwungen, die es nun in finalem Zucken noch wagt, sich selbst als „alternativlos“ zu erklären, ohne dabei wenigstens mit Schamesröte im Antlitz einzuräumen, dass keine menschliche Idee das je historisch ungestraft von sich behaupten durfte. Und doch verheißt er uns weiterhin die allerschönste Erlösung, wenn auch mit dem Röcheln des sterbenden Psychopathen, der mit dem Messer in der Hand unter einem Mahagoni-Schreibtisch an der Wall Street hervorlugt: „Strengt euch nur an, geht voran! Ja, ihr könnt noch ankommen in eurem gelobten Land. Ihr könnt es noch erreichen: das volle Konto, die Motorjacht, die Sorglosigkeit. Arbeitet! Kauft! Mehr!“

Die Lüge lebt. Jeder Werbespot erzählt sie. Nur fallen jetzt nicht mehr alle auf sie rein. Es regt sich Widerstand im Herzen der Sektenopfer, die wir alle sind. Aber wie bei jedem Sektenopfer: Es gehört viel Mut dazu, sich den Irrglauben einzugestehen. Sich von den noch überzeugten oder lethargischen Glaubensbrüdern abzuwenden und zu rufen: „Wir wurden getäuscht! Es klang alles so gut, damals zu Wirtschaftswunderzeiten. Wir konnten wirklich nicht sehen, dass wir auf den nächsten Abgrund zufahren.“ Es wäre übrigens auch zu billig zu sagen, dass wir uns bloß von irgendwelchen bösen Mächten haben täuschen lassen – auch wenn die Großkonzerne dieser Welt die Rolle der Bösen mit bemerkenswertem Tatendrang spielen. Es geht aber viel tiefer. Wir selbst sind nicht nur willige Opfer, wir sind auch Meister der Selbsttäuschung – und deshalb stets auch Täter. „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“, sagte einst Adorno. Aber wir sind entschuldigt. Weil die Sehnsucht so stark in uns brennt, weil sie uns schwächt, solange wir nicht zu ihrem Kern vordringen und die vermeintliche Schwäche des Aufgebens als Stärke erkennen. Bis es so weit ist, korrumpieren wir jedes Wunder der Liebe und der Mitmenschlichkeit, weil wir deren simple Eindeutigkeit nicht ertragen wollen.

Wir suchen, wir brauchen Erlösung. Diese Sehnsucht ist die Wiege der Religionen, der Philosophie, der Poesie, der Künste, der politischen Systeme, die ja oft mit Klugheit beginnen und in starrer Dogmenwut enden. Wir suchen jene Begnadigung, die im christlichen Duktus, der Kreuzigung und Auferstehung Jesu entspringend, die „Errettung durch die Vergebung der menschlichen Sünde“ genannt wird (und dabei etwas grundsätzlich Menschliches beschreibt – nicht etwa moralische Verfehlungen des Individuums). Wir suchen das, was Muslime ihrem Glauben als jenseitiges Belohnungssystem zugrunde legen, das, was die Buddhisten als Nirvana bezeichnen und damit, wie ihre christlichen, jüdischen und muslimischen Sinnsucher-Brüder, den wonnevollen Zustand der Freiheit von allen allzu menschlichen Plagen meinen – inklusive der Freiheit von eigenen wertenden Gedankenwelten, von irreführenden Vorstellungen des Menschseins. Ja, verdammt, wir brauchen Erlösung. Wir suchen sie überall, vornehmlich in unseren Religionen. Da wir aber längst zu klug und zu reif geworden sind für die im Sinne unseres Pragmatismus verwelkten Weltreligionen, haben wir uns unterwegs eine neue erfunden, die angeblich gar keine ist. Ohne zu merken, dass sie, wie die anderen zuvor, ohne eine radikale Umkehr zur Liebe nicht zu jenem Heil führen kann, das wir alle ersehnen.

Die Idee vom Kapitalismus, von den freien Märkten, die uns ins Paradies kollektiven, globalen Reichtums führen würden, von der befreienden und welteinenden Kraft des gemeinsam genutzten „Kapitals“ hat in diesem Sinne ungeheures Heil nicht nur für unsere Geldbörsen, sondern auch für unsere Seelen verheißen: Am Ende des Weges wartet äußerer und somit innerer Wohlstand für alle. Die Lebensleistung des Einzelnen wird be- lohnt durch das Gefühl grenzenloser Sicherheit, geboren aus dem Schoß eines prallgefüllten Bankkontos. All das meint und zielt eben auf: Ankommen. Frieden. Erlösung. Hinfort mit Gebet und Beichtstuhl, hier gelten Kaufkraft, Zinserträge und Ansehen als wonnige Wundermittel. Aber was für ein Wahn!

Der Kapitalismus hat sich als Weltreligion übrigens einen Sonderplatz erschlichen, als er tönte, dass er sogar mit unserer großen Errungenschaft Demokratie im Bunde sei, dass zudem ausnahmslos alle Völker und Nationen in seinen heiligen Markthallen willkommen seien. All das, was uns an den totalitären Aussagen der monotheistischen Weltreligionen stets so missfallen hat – die Exklusivität, die ausgrenzende Alternativlosigkeit der jeweiligen Errettungskriterien – wird vom Kapitalismus mit einer feierlichen Einladung an alle ausgehebelt. Dass er dabei gelogen hat, wird uns erst jetzt bewusst: Das vermeintliche Heil musste ja zwangsläufig auf seine wenigen Hohepriester in den goldenen Kapellen begrenzt bleiben. Und es wurden immer schon blutige Kriege in seinem Namen geführt, auch wenn er das noch geschickt zu tarnen weiß – Verteidigung der Freiheit, heißt es dann. Aber wir sollten uns nicht vorwerfen, es nicht eher erkannt zu haben. Wie jedes andere bedingungslose Heilsversprechen musste der Kapitalismus sich an der schonungslosen Realität des Menschseins erweisen, reiben, schließlich zerreiben. Nun wird es zu seinem Unglück, dass er sich nicht auf himmlische Herkunft berufen kann.

Zitat Böttcher

Revolution – aber anders

Er, der große säkulare Angebergott, wird mit Karacho gegen die Wand fahren. Und wir, die wir schon all die Jahre jubelnd auf seinem Rücken reiten, werden mit Kopfschmerzen erwachen. Die Analyse des religiösen Subtextes des Kapitalismus wird uns vielleicht jetzt schon helfen und den Schmerz des Aufpralls zumindest intellektuell ein klein wenig lindern können. Von der Notwendigkeit einer Revolution, die unser verändertes Herz voraussetzt, wird sie uns allerdings nicht entbinden.

Werfen wir noch kurz und entschlossen einen Blick auf die heiligen Gebote des Kapitalismus und vergleichen sie mit dem wohl tiefsten spirituellen Gesetz, das je niedergeschrieben wurde – dem „höchsten Gebot“, wie es der Zimmermannssohn Jesus von Nazareth im Zwiegespräch mit den starrköpfig-religiösen Fundamentalisten seiner Zeit nannte.

Die höchsten Gebote des Kapitalismus sind: produzieren, kaufen, wachsen. Die höchsten Gebote laut Jesus sind: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Darin seien alle Gesetze erfüllt. Das klingt erstmal wieder nach einer unzulässigen Gegenüberstellung Ökonomie versus Spiritualität, aber, sie- he oben, das ist im Sinne der mensch- lichen Ganzheitlichkeit ein komplett falsches Urteil – was überdies dadurch bewiesen wird, dass der Kapitalismus ja auch den ganzen Menschen zerstört, sofern er nicht seinen Geboten folgt. Man denke an die grausame Armut und Ausbeutung ganzer Völker oder an die unermesslich wachsende Depression und weitere seelische Erkrankungen des Individuums in den vermeintlich „reichen“ Ländern. Wer im Kapitalismus scheitert, ist nicht nur bankrott, sondern wird auch an Leib und Seele gebrochen. Wir müssen nicht in die dritte Welt reisen, um die Opfer seiner brutalen Gier zu entdecken. Ein Besuch in der Kneipe neben dem Hartz-IV-Amt reicht.

Ein weiteres Jesus-Zitat könnte uns in den Sinn kommen und uns verstehen helfen, dass die Religion des Kapitalismus nicht mit jener der Liebe zusammengeht: „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“

Diese drastischen Worte sind nachzulesen im Matthäus-Evangelium. Dieser Mammon – damals musste er von den Ohrenzeugen wohl als dämonische Gestalt verstanden worden sein – ging später, nachdem Luther darauf verzichtet hatte, sich eine deutschsprachige Entsprechung des Begriffs auszudenken, auch in den hiesigen Sprachgebrauch über: als Bild für „unredlich erworbenen Gewinn oder unmoralisch eingesetzten Reichtum“. Eine ziemlich passende Metapher für das entseelte Geschehen auf unserer Welt. Eine unbequeme dazu. Es ist im Kapitalismus nicht möglich, ein Liebender zu sein. So sehr wir es uns auch wünschten.

Wir haben dem falschen Gott gedient. Eifrig. Überzeugt. So lange wir glaubten. So lange wir halt überzeugt waren. Nun kommt die Zeit für eine Revolution. Überall singen die Unzufriedenen und die Gescheiterten schon ihr Lied. Aber sie wird doch nur gelingen, wenn sie sich ans Herz der Menschlichkeit zurückbindet. Sonst wird sie wieder nur in neue Unfreiheit führen, die es eines Tages zu überwinden gilt.

Wir werden um diese Wahrheit nicht länger herumkommen. Sie wird uns ein- holen und versuchen, uns zu wecken, so wie sie es schon immer tat. Unsere Mammongläubigkeit wird enden, wenn das entfesselte Vehikel Kapitalismus sich mit großem Knall selbst pulverisiert. Durch den schmerzhaften Aufprall wird uns das Ausmaß seiner unverschämten Lüge bewusst werden. Und wir werden durch die Analyse seiner Gebote begreifen, dass es ihm gelungen war, uns reinzulegen, uns von etwas wirklich Bösem zu überzeugen, nämlich dem glatten Gegenteil dessen, was er verheißen hatte: Wir werden erkennen, dass wir die Welt in wertvollere und wertlosere Menschen eingeteilt haben, dass wir erneut bereit waren – den gutbürgerlichen Lemmingen des sogenannten Dritten Reiches gleich – weltweit die „Schwachen“ zu opfern, die wir uns allerdings selbst erschaffen und dann gewissenlos zu Kollateralschäden erklärt hatten. Wir werden erschrecken, jene Menschlichkeit verraten zu haben, die wir uns eigentlich wünschen – und an der Stelle von Güte und Nächstenliebe eine weitere Ideologie platziert zu haben, die uns die Sinne mit Gier vernebelte: alternativloses Wachstum. Dieser Wachstumsbegriff wird uns mit etwas Abstand plötzlich vorkommen wie ein Synonym für die komplette Ausbeutung von Ressourcen, Lebensräumen und vor allem: Seelen. Und so wie Her- mann Hesse einst wusste, als er die be- rühmten Worte niederschrieb, die vom Papier flüsterten „Ich bin du und du bist ich“, werden wir erkennen, dass diese Seelen doch stets wir alle waren.

Wir werden aufwachen. Und einen weiteren Versuch starten, alles besser zu machen. Vielleicht werden schließlich unsere Kinder beginnen, die Liebe höher zu achten, als wir es je taten. Vielleicht werden sie beginnen, sie allein als namenlose Religion zu akzeptieren, als eine, die im Sinne der Worte von Jesus (und auch Siddhartha und Gandhi und all den anderen wirklichen Helden der Menschheitsgeschichte) niemanden ausschließt, sondern auch die Schwachen in sich aufnimmt; als eine, die sich mit den Glücklichen freut und mit den Traurigen trauert; als eine, die uns teilen lehrt und uns darin unterweist, unsere Feinde zu lieben, um augenblicklich festzustellen, dass wir in der gleichen Sekunde, in der uns das gelingt, gar keine mehr haben. Vielleicht werden wir zu einem Bewusstsein gelangen, das zunächst ein poetisches, ein spirituelles sein muss – um dann ein ökonomisches, gesellschaftliches, systematisches, wirtschaftliches, mitmenschliches Ganzes werden zu können. Oder auch: Ertränken wir die bittere Erkenntnis des Scheiterns im Fluss des Lebens. Wagen wir den Weg. Lassen wir unterwegs kaputtgehen, was uns kaputt macht.