Kann uns Bildung retten? – Teil 3

Wird uns Bildung retten? – Teil 3

Je gebildeter, desto umweltschädlicher?

 

Dies ist die Fort­set­zung des Nach­den­kens über die Fra­ge, ob uns Bil­dung ret­ten kann. Vor­aus­ge­gan­gen sind bereits:

Wird uns Bil­dung ret­ten? – Teil 1: Haben wir ein Bil­dungs­de­fi­zit?

Wird uns Bil­dung ret­ten? – Teil 2: Macht uns Bil­dung zu bes­se­ren Men­schen?

 

Okay, wir saßen also inzwi­schen alle in einem net­ten Tübin­ger Restau­rant und knab­ber­ten an unse­rer Kür­bispiz­za und Niko Paech erzähl­te uns, dass es unter dem Strich nichts aus­macht, ob man sich nun beson­ders umwelt­be­wusst wähnt oder nicht – ja erstaun­li­cher noch: Gemäß der von ihn zitier­ten Stu­die vom Umwelt­bun­des­amt liegt der Res­sour­cen­ver­brauch von “Bevöl­ke­rungs­seg­men­ten, in denen posi­ti­ve Umwelt­ein­stel­lun­gen wei­ter ver­brei­tet sind als im Bevöl­ke­rungs­mit­tel, (…) nicht unter, son­dern über dem in weni­ger umwelt­ori­en­tier­ten Seg­men­ten.”

 

Das ist natür­lich eine ver­blüf­fen­de Aus­sa­ge und man wun­dert sich, dass die BILD Zei­tung die­se Stu­die nie für ihre berühmt berüch­tig­ten Schlag­zei­len ver­wen­det hat, könn­te man in BILD-Manier den Sach­ver­halt wun­der­bar ver­kürzt auf die Aus­sa­ge brin­gen “Ökos sind die wah­ren Kli­ma­sün­der”. Und das trau­ri­ge an die­ser Aus­sa­ge ist, dass sie irgend­wie auch zutrifft. Und doch muss man die so ver­un­glimpf­ten Ökos zunächst in Schutz neh­men, denn schließ­lich ver­brau­chen sie ja nicht vor­sätz­lich mehr Res­sour­cen als das Bevöl­ke­rungs­mit­tel.

 

Doch schau­en wir uns zunächst ein­mal an, wer denn Teil die­ser “Bevöl­ke­rungs­seg­men­te, in denen posi­ti­ve Umwelt­ein­stel­lun­gen wei­ter ver­brei­tet sind als im Bevöl­ke­rungs­mit­tel” ist. In aller Regel sind das über­durch­schnitt­lich gebil­de­te Per­so­nen, denen es auch wich­tig ist, über den eige­nen Tel­ler­rand zu schau­en. Per­so­nen also, die sich durch­aus als welt­of­fen bezeich­nen wür­den und die auf­grund ihres Welt­bür­ger­tums (ver­stan­den als “ich bin zuhau­se in der gan­zen Welt und am Wochen­en­de auch eben mal kurz in Rom”) ein über­durch­schnitt­li­ches Mobi­li­täts­be­dürf­nis haben und aus­le­ben; Per­so­nen, die auf­grund ihrer Bil­dung oft auch ein höhe­res Ein­kom­men haben als der Durch­schnitt und des­halb in grö­ße­ren Woh­nun­gen leben, sich Haus­tie­re hal­ten und even­tu­ell sogar eine Sau­na ihr eigen nen­nen kön­nen. Dabei über­se­hen die oben flap­sig als Ökos bezeich­ne­ten Per­so­nen lei­der, dass all die­se Aspek­te den Pro-Kopf-Ver­brauch natür­li­cher Res­sour­cen in die Höhe schnel­len las­sen.

 

Wir kön­nen an die­ser Stel­le also ein kur­zes Zwi­schen­fa­zit zie­hen: In dem Maße, in dem Bil­dung zu einem höhe­ren Ein­kom­men führt, führt dies in der Regel auch zu einem erhöh­ten Res­sour­cen­ver­brauch. Fer­ner scheint es einen Zusam­men­hang zu geben zwi­schen einer erhöh­ten Sen­si­bi­li­sie­rung für Umwelt­the­men und dem Bedürf­nis in ein Flug­zeug zu stei­gen. Doch da das Bewusst­sein für den Umwelt­schutz unwei­ger­lich nur durch Bil­dung erreicht wer­den kann, kommt man nicht umhin, sich zu fra­gen, ob fol­gen­der Zusam­men­hang wahr ist: Je gebil­de­ter, des­to umwelt­schäd­li­cher.

 

Solan­ge man der erwähn­ten Stu­die kei­ne gro­ben Män­gel vor­wer­fen kann, muss man sich ein­ge­ste­hen, dass ein Zusam­men­hang nicht von der Hand zu wei­sen ist. Uff. Das ist zunächst ein­mal schwe­re Kost, aber ein Grund zum Ver­zwei­feln ist das noch lan­ge nicht. Viel­mehr führt uns die­se Erkennt­nis zu einem zen­tra­len Pro­blem der heu­ti­gen Zeit, dass wir näm­lich ein selt­sam gear­te­tes Ver­ständ­nis von Bil­dung haben. Die­se Fest­stel­lung hilft uns auch zu erken­nen, dass die häu­fig gehör­te For­de­rung nach mehr Bil­dung – mit der man jede Dis­kus­si­on zum Schwei­gen brin­gen kann – nicht ziel­füh­rend ist, sofern nicht gleich­zei­tig erläu­tert wird, wel­che Art der Bil­dung eigent­lich gefor­dert wird.

 

Anstatt Sie an die­ser Stel­le mit eige­nen Aus­füh­run­gen zu lang­wei­len, möch­ten wir Ihnen ger­ne zwei Kurz­vor­trä­ge ans Herz legen in denen sich die Refe­ren­ten mit dem Wider­spruch zwi­schen – einer­seits – Bil­dung als Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und Vor­aus­set­zung für selbst­stän­di­ges Den­ken und freie For­schung sowie – ande­rer­seits – Wis­sen als Aus­wen­dig­ler­nen bzw. als dog­ma­ti­sche Wis­sen­schaft, die grund­le­gend neue Erkennt­nis­se nicht zulässt.

 

Die­se Vor­trä­ge hiel­ten Marie Glück und Richard David Precht auf der von uns mit­or­ga­ni­sier­ten PAЯADOX Kon­fe­renz – Stutt­gar­ter Dia­log über Wirt­schaft und Gesell­schaft. Viel Freu­de beim Zuse­hen:

 

Der gesunde Menschenverstand und darüber hinaus – Interview mit Nikil Mukerji

Nikil Mukerji
Anläss­lich der neu­en agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Nikil Muker­ji, Geschäfts­füh­rer des Exe­cu­ti­ve-Stu­di­en­gangs Phi­lo­so­phie Poli­tik Wirt­schaft (PPW) an der LMU Mün­chen, zum The­ma eini­ge Fra­gen gestellt. Er spricht über den gesun­den Men­schen­ver­stand, die Vor- und Nach­tei­le von Wirt­schafts­wachs­tum und gibt den Tipp, ab und zu mit Men­schen zu spre­chen, die anders den­ken als man selbst …

 

 

Als wir vor acht Jah­ren die agora42 grün­de­ten, frag­te man uns oft, wie Öko­no­mie und Phi­lo­so­phie zusam­men­pas­sen. Was ant­wor­ten Sie, wenn Sie gefragt wer­den, war­um man einen Mas­ter stu­die­ren soll, der bei­des ver­bin­det?

Dafür gibt es meh­re­re Grün­de. Eini­ge davon sind theo­re­tisch, ande­re prak­tisch. Ich gebe Ihnen jeweils ein Bei­spiel. Auf der theo­re­ti­schen Ebe­ne schaut man sich in einem phi­lo­so­phisch infor­mier­ten Wirt­schafts­stu­di­um an, wie die grund­le­gen­den Begrif­fe und Annah­men der Wirt­schafts­wis­sen­schaft eigent­lich zu deu­ten sind. Hier gibt es vie­le popu­lä­re Miss­ver­ständ­nis­se. Zum Bei­spiel wer­den wirt­schaft­li­che Akteu­re als „homi­nes oeco­no­mici“ model­liert. Vie­le Men­schen – und sogar vie­le Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler! – den­ken, dass damit ange­nom­men wird, wirt­schaft­li­che Akteu­re sei­en ego­is­tisch, kalt und berech­nend. Auf die­se Wei­se hat die Wirt­schafts­wis­sen­schaft eine schlech­te Pres­se bekom­men. Inter­es­san­ter­wei­se besagt aber die wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che Grund­la­gen­theo­rie über­haupt nicht, was man ihr unter­stellt. Sie besagt ledig­lich, dass wirt­schaft­li­che Akteu­re wis­sen, was sie wol­len und dass ihre Prä­fe­ren­zen wider­spruchs­frei sind. Ein theo­re­ti­scher, phi­lo­so­phisch infor­mier­ter Blick hilft also zu erken­nen, dass das Men­schen­bild der Wirt­schafts­wis­sen­schaft gar nicht so düs­ter ist, wie dies häu­fig ange­nom­men wird.

 

Und das zwei­te Bei­spiel?

Der berufs­be­glei­ten­de Wei­ter­bil­dungs­stu­di­en­gang M.A. Phi­lo­so­phie Poli­tik Wirt­schaft (PPW) an der LMU Mün­chen lehrt den sys­te­ma­ti­schen Umgang mit Kom­ple­xi­tät und hilft dabei, ver­steck­te Prä­mis­sen zu erken­nen, über­eil­te Ant­wor­ten zu hin­ter­fra­gen und das Spek­trum an Lösun­gen zu erwei­tern. Die inter­dis­zi­pli­nä­ren Per­spek­ti­ven von Poli­tik- und Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, Ethik, Phi­lo­so­phie, Orga­ni­sa­ti­ons- und Ent­schei­dungs­theo­rie befä­hi­gen Ent­schei­dungs­trä­ger, ratio­nal mit der Diver­si­tät funk­tio­na­ler, ethi­scher, kul­tu­rel­ler und per­sön­li­cher Per­spek­ti­ven umzu­ge­hen.

Das zwei­te Bei­spiel ist prak­ti­scher Natur. Ein rei­nes Wirt­schafts­stu­di­um bereit dar­auf vor, Ent­schei­dungs­fra­gen wirt­schaft­lich ver­nünf­tig zu durch­den­ken. Nicht mehr und nicht weni­ger. Wir stel­len jedoch fest, dass das in der Pra­xis häu­fig nicht reicht. Wenn Sie mit Ent­schei­dungs­trä­gern aus der Wirt­schaft spre­chen, dann erfah­ren Sie, dass es in vie­len prak­ti­schen Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen nicht nur eine wirt­schaft­li­che Dimen­si­on gibt. Hin­zu kom­men Aspek­te der Ethik und der Kul­tur. Bis­wei­len müs­sen auch poli­ti­sche, psy­cho­lo­gi­sche und sozio­lo­gi­sche Aspek­te ein­be­zo­gen wer­den. Mit ande­ren Wor­ten: Es gibt ver­schie­de­ne wich­ti­ge Per­spek­ti­ven, die Sie auf ein und das sel­be Ent­schei­dungs­pro­blem ein­neh­men kön­nen. Die müs­sen Sie ers­tens erken­nen, und zwei­ten müs­sen Sie in der Lage sein, schwie­ri­ge Ziel­kon­flik­te zu lösen. Etwa wenn eine wirt­schaft­lich gebo­te­ne Ent­schei­dung aus ethi­scher Sicht pro­ble­ma­tisch ist.

 

Die neue Aus­ga­be der agora42 hat den Titel „Wirt­schaft im Wider­spruch“. Wel­cher Wider­spruch im öko­no­mi­schen Bereich ist für Sie der bedeut­sams­te?

Ich den­ke, in wirt­schaft­li­chen Fra­gen wider­spricht häu­fig unser Bauch­ge­fühl dem, was wirk­lich ver­nünf­tig ist. Die­ses Phä­no­men wird inten­siv von der Ver­hal­tens­öko­no­mik stu­diert, die beson­ders die psy­cho­lo­gi­schen Aspek­te wirt­schaft­li­cher Ent­schei­dun­gen im Blick hat. Es gibt vie­le Bei­spie­le für intui­ti­ves Den­ken, das uns in die Irre führt. Wenn Sie sich z.B. vor­stel­len, dass Sie zwei Akti­en gekauft haben. Aktie A ist um 20% gestie­gen, Aktie B um 20% gefal­len. Nun brau­chen Sie Geld für eine drin­gen­de Anschaf­fung und über­le­gen, wel­che Aktie Sie ver­kau­fen soll­ten. Wenn Sie Ihrem Bauch­ge­fühl ver­trau­en, wer­den Sie ver­mut­lich Aktie A ver­kau­fen. War­um? Weil die im Plus ist und Sie einen Gewinn mit­neh­men kön­nen. Bei der ande­ren Aktie sind Sie im Minus. Hier wür­den Sie den Ver­lust rea­li­sie­ren, wenn Sie ver­kau­fen. Des­we­gen scheu­en Sie sich davor, das zu tun. Wenn Sie aller­dings ein wenig über­le­gen, dann soll­te Ihnen klar wer­den, dass die Fra­ge, mit wel­cher Aktie Sie im Plus sind und mit wel­cher im Minus, völ­lig belang­los ist. Was zählt, ist, wie Sie die Zukunfts­per­spek­ti­ve der bei­den Akti­en ein­schät­zen. Wenn man ver­kom­pli­zie­ren­de Fak­to­ren wie etwa Steu­er­fra­gen aus­blen­det, dann soll­ten Sie die­je­ni­ge Aktie ver­kau­fen, die eine ver­gleichs­wei­se schlech­te­re Zukunfts­aus­sicht hat.

 

Sie haben ein Buch über die Grund­sät­ze ver­nünf­ti­gen Den­kens geschrie­ben: “Die 10 Gebo­te des gesun­den Men­schen­ver­stands”. Gibt es Mög­lich­kei­ten, sein Leben wider­spruchs­frei aus­zu­rich­ten? Oder ist die unbe­ding­te Wider­spruchs­frei­heit selbst ein Wider­spruch?

Nikil Mukerji

Nikil Muker­ji ist Phi­lo­soph und Buch­au­tor (u.a. „Die 10 Gebo­te des gesun­den Men­schen­ver­stands“, 2017). Er stu­dier­te BWL, VWL, Phi­lo­so­phie, Logik und Wis­sen­schafts­theo­rie. Heu­te ist er Geschäfts­füh­rer des Exe­cu­ti­ve-Stu­di­en­gangs PPW an der LMU Mün­chen und frei­be­ruf­li­cher Bera­ter für das Insti­tut für Argu­men­ta­ti­on in Mün­chen.

Wider­spruchs­frei­heit ist für mich ein Gebot des gesun­den Men­schen­ver­stands. Das heißt, es ist aus mei­ner Sicht völ­lig unkon­tro­vers, dass Sie Wider­spruchs­frei­heit anstre­ben soll­ten. Ein sehr ein­fa­ches Argu­ment zeigt das. (1) Sie haben ein Inter­es­se dar­an, Din­ge zu tun, die Ihren Zie­len die­nen. (2) Wenn Sie fal­sche Über­zeu­gun­gen haben, dann lau­fen Sie Gefahr, etwas zu tun, was Ihre Zie­le kon­ter­ka­riert. Wenn Sie z.B. zum Bahn­hof wol­len und den­ken, es gehe nach links, obwohl es tat­säch­lich nach rechts geht, dann ver­pas­sen Sie unter Umstän­den Ihren Zug. Also haben Sie ein Inter­es­se dar­an, fal­sche Über­zeu­gun­gen zu ver­mei­den. (3) Wenn Sie wider­sprüch­li­che Über­zeu­gun­gen haben, dann garan­tiert das, dass Sie fal­sche Über­zeu­gun­gen haben. Denn ein Wider­spruch ist ja ledig­lich eine Men­ge von Aus­sa­gen, die nicht gleich­zei­tig wahr sein kön­nen. Also haben Sie ein Inter­es­se dar­an, Wider­sprü­che im Den­ken zu ver­mei­den. Soviel zur Fra­ge, war­um man Wider­sprü­che eigent­lich ver­mei­den soll­te. Aber Sie woll­ten ja wis­sen, wie man das tun kann. Hier­zu muss man erken­nen, dass nicht jeder Wider­spruch offen­sicht­lich ist. In den meis­ten Fäl­len muss man eine Wei­le gründ­lich nach­den­ken. Dafür braucht man Metho­den, und die beschrei­be ich im sechs­ten Kapi­tel mei­nes Buches „Die 10 Gebo­te des gesun­den Men­schen­ver­stands“. Ein nahe­lie­gen­der Tipp, den ich Ihnen geben kann, ist ziem­lich ein­fach umset­zen: Reden Sie mit Men­schen, die anders den­ken als Sie. Die wer­den Wider­sprü­che in Ihrem Den­ken ver­mut­lich leich­ter erken­nen als Sie selbst.

 

Es ist weit­hin Com­mon Sen­se, etwas haben zu wol­len, das die eige­nen Lebens­grund­la­gen zer­stört – näm­lich Wirt­schafts­wachs­tum. Wie kann es sein, dass der gesun­de Men­schen­ver­stand im öko­no­mi­schen Bereich der­art ver­sagt?

Ich weiß gar nicht, ob ich Ihre Ein­schät­zung da tei­len wür­de. Ers­tens: Was wir – d.h. jeder Ein­zel­ne von uns – wol­len, ist nicht Wirt­schafts­wachs­tum, son­dern ein bes­se­res Leben. Weil wir aber alle indi­vi­du­ell die­ses Ziel haben, und weil wir dafür zumin­dest teil­wei­se auf Mit­tel ange­wie­sen sind, die wir nur mit­hil­fe wirt­schaft­li­cher Pro­duk­ti­on erhal­ten, kön­nen wir als Gesell­schaft nicht auf Wirt­schafts­wachs­tum ver­zich­ten. Sonst kommt es zu Ver­tei­lungs­kämp­fen und Kon­flik­ten. Wirt­schafts­wachs­tum ist also eine not­wen­di­ge Bedin­gung des indi­vi­du­el­len Stre­bens nach einem bes­se­ren Leben. Kei­ner von uns hat aber indi­vi­du­ell die­ses Ziel. Das ist ein Punkt, der wich­tig ist. Vie­le Pro­ble­me der moder­nen Welt ent­ste­hen näm­lich nicht, weil sich Ein­zel­ne unver­nünf­tig ver­hal­ten. Viel­mehr füh­ren die ziel­ori­en­tier­ten Hand­lun­gen von Indi­vi­du­en dazu, dass Ergeb­nis­se ent­ste­hen, die eigent­lich kei­ner will.

Nun zum zwei­ten Punkt: Ich den­ke nicht ein­mal, dass Wirt­schafts­wachs­tum per se ein Pro­blem ist. Pro­ble­ma­tisch ist eher eine bestimm­te Form wirt­schaft­li­cher Pro­duk­ti­on. Wirt­schafts­zwei­ge, die z.B. eine gro­ße Men­ge fos­si­le Brenn­stof­fe ver­brau­chen, tra­gen zur Erd­er­wär­mung bei. Man­che Che­mie­kon­zer­ne ver­schmut­zen die Umwelt. Das sind für sich genom­men Pro­ble­me. Wachs­tum macht sie nur grö­ßer. Es gibt aber auch Pro­duk­ti­ons­wei­sen, die unschäd­lich sind. Ich den­ke da z.B. an neue Ener­gie­tech­no­lo­gi­en, die eine CO2-neu­tra­le Pro­duk­ti­on ermög­li­chen. Wenn hier Wachs­tum ent­steht, dann sehe ich damit kein Pro­blem. Es wäre dann aus Sicht des gesun­den Men­schen­ver­stands eher gebo­ten mehr davon zu ver­lan­gen.

 

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Die aktuelle Ausgabe

mit u.a.

Ulrich von Weiz­sä­cker “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech “Jen­seits grü­ner Wachs­tums­träu­me”

Sven Bött­cher “Anders! ist das neue Bas­ta!”

Ant­je von Dewitz (VAUDE) “Wir alle müs­sen Kon­trol­le abge­ben”

Ver­sand­kos­ten­frei im Online­shop erhält­lich.

Die Menschen werden sich erheben – Interview mit Martin Armstrong

Im Nach­gang zu der Film­pre­mie­re des Films The Fore­cas­ter, über die wir in dem Bei­trag “Kann man Kri­sen vor­her­sa­gen?” berich­te­ten, führ­ten wir ein Inter­view mit dem Prot­ago­nis­ten des Films Mar­tin Arm­strong. Wir spra­chen mit ihm über die Model­le, mit denen er die Zukunft vor­aus­sa­gen will, über gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung und die Wahr­schein­lich­keit einer Revo­lu­ti­on.

 

Herr Arm­strong, mit Ihrem Modell ver­su­chen Sie, durch die Ana­ly­se von Ereig­nis­sen aus der Ver­gan­gen­heit Vor­aus­sa­gen über die Zukunft zu tref­fen. Es gibt jedoch Ereig­nis­se, deren Ein­tre­ten als extrem unwahr­schein­lich gilt, die aber trotz­dem auf­tre­ten und die als Schwar­ze Schwä­ne bekannt gewor­den sind. Gibt es inso­fern Ereig­nis­se, die sich nicht in ihr Modell inte­grie­ren las­sen?

Detail des Film­pla­kats The Fore­cas­ter von Mar­cus Vet­ter und Karin Stein­ber­ger.

Nein, die gibt es nicht. Damit dies der Fall ist, braucht es aller­dings eine Daten­bank, die Jahr­hun­der­te zurück­reicht und somit jedes bis­her statt­ge­fun­de­ne Ereig­nis erfas­sen kann. Das Pro­blem der meis­ten Model­le ist, dass sie einen viel zu kur­zen Zeit­ho­ri­zont berück­sich­ti­gen. Wenn man sich inten­siv mit der Geschich­te aus­ein­an­der­setzt, stellt man fest, dass die Grund­mus­ter sich stän­dig wie­der­ho­len. Wir sehen im Prin­zip stän­dig die glei­chen Dra­men von Shake­speare und nur die Schau­spie­ler wech­seln.

Trotz­dem ändern sich natür­lich gewis­se Umstän­de: In der Welt­wirt­schafts­kri­se von 1929/30 kam es zu sehr vie­len Ban­ken­plei­ten. Damals waren es aber vie­le Ban­ken und eher rei­che Bevöl­ke­rungs­schich­ten, wel­che die Staats­an­lei­hen hiel­ten. Heu­te sind es im Gegen­satz dazu etli­che Pen­si­ons­fonds, die gro­ße Sum­men inves­tiert haben. Es ist die brei­te Mas­se, die so direkt um ihre Ren­ten gebracht wer­den wür­de. Des­halb wären die Fol­gen eines Staats­bank­rotts heu­te noch viel gra­vie­ren­der für die Gesell­schaft als 1931.

 

Bei Ihren Ana­ly­sen gehen Sie pri­mär auf öko­no­mi­sche Ereig­nis­se ein. Aller­dings gibt es auch poli­ti­sche Ereig­nis­se wie bei­spiels­wei­se die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, durch die Gesell­schaf­ten völ­lig ver­än­dert wer­den. Kann man auch sol­che Ereig­nis­se berech­nen?

Man kann das eine nicht vom ande­ren tren­nen. Es wäre nie zu Ereig­nis­sen wie der Fran­zö­si­schen oder Ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on gekom­men, hät­te es nicht die öko­no­mi­schen Fak­to­ren gege­ben, die Druck auf die Men­schen aus­ge­übt haben. Die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen pas­sie­ren nicht ohne Grund. Es ist wie mit Krie­gen, die sich auch nicht ereig­nen, wenn es der Wirt­schaft gut geht. Flacht die Wirt­schaft ab, sind die Men­schen eher wil­lens zu kämp­fen und las­sen sich viel leich­ter auf­rüh­ren.

Bei genaue­rer Betrach­tung erkennt man, dass es die Mis­sis­sip­pi Bub­b­le von 1720 war, wel­che die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on aus­ge­löst hat. Men­schen aus ganz Euro­pa hat­ten in die fran­zö­si­sche Mis­sis­sip­pi Kom­pa­nie inves­tiert. Als die Bla­se platz­te, über­nahm die Regie­rung die Schul­den der Kom­pa­nie – ein klas­si­scher Bail-out – und erhöh­te im Nach­gang die Steu­ern, wodurch der Druck auf die Bevöl­ke­rung stieg. Es gibt also immer tie­fer­lie­gen­de Grün­de, wes­halb Revo­lu­tio­nen wie in Frank­reich oder den USA statt­fin­den.

 

Wenn sich denn die Dra­men Shake­speares stets wie­der­ho­len und wir dar­an letzt­lich nichts ändern kön­nen, wes­halb sol­len wir uns dann über­haupt Gedan­ken machen?

Man kann Kon­junk­tur­zy­klen, ein Auf und Ab der Wirt­schaft, nicht grund­sätz­lich abschaf­fen. Aber wenn man die Wirk­me­cha­nis­men die­ser Zyklen ver­steht – es ist wie mit Josef in der Bibel: Auf sie­ben ertrag­rei­che Jah­re fol­gen sie­ben schlech­te Jah­re –, kann man ver­su­chen, die Aus­schlä­ge bezie­hungs­wei­se Ampli­tu­den sol­cher Zyklen zu ver­rin­gern, um nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen zu redu­zie­ren.

 

Eine Mög­lich­keit, wie die Gesell­schaft grund­sätz­lich ver­än­dert wer­den kann, sehen Sie nicht?

Es gibt natür­lich auch den tech­ni­schen Fort­schritt, der für Ver­än­de­rung sorgt – Din­ge wie die Eisen­bahn oder heu­te das Inter­net. Jede Inno­va­ti­on ver­ur­sacht Ver­än­de­rung.

 

Die Rah­men­be­din­gun­gen des Wirt­schaf­tens ändern sich mas­siv, Stich­wort Kli­ma­wan­del und Umwelt­zer­stö­rung. Den­noch wirt­schaf­tet man im Prin­zip noch so wie im letz­ten Jahr­hun­dert. War­um wer­den die Scheu­klap­pen nicht abge­legt?

Die meis­ten Pro­ble­me wer­den von Regie­run­gen ver­ur­sacht. Denn Regie­run­gen han­deln nicht ratio­nal. Sie sehen die Arbeits­be­völ­ke­rung haupt­säch­lich als eine end­lo­se Ein­nah­me­quel­le an. Im Gegen­satz zu Unter­neh­men, die sich stän­dig refor­mie­ren und ver­än­dern müs­sen, erhöht die Regie­rung ein­fach die Steu­ern. Als ich mein Unter­neh­men auf­ge­baut habe, hat­te ich ein Start­ka­pi­tal von 600 Dol­lar. Stel­len Sie sich das heu­te ein­mal vor.

 

Wenn es ein all­ge­mei­nes Pro­blem dar­stellt, dass Poli­ti­ker Wäh­lern, die für sie stim­men sol­len, Geschen­ke machen und sich hier­für Geld lei­hen, wie soll man dann ohne Crash aus der Schul­den­fal­le her­aus­kom­men?

Poli­ti­ker han­deln häu­fig nicht sehr wei­se. Aber das Sys­tem kann sich auch ohne sie ver­än­dern. Schon Tho­mas Jef­fer­son hat gesagt, dass eine Revo­lu­ti­on ab und an recht hilf­reich sein kann. Und das ist ja im Grun­de auch genau das, was in der Rea­li­tät pas­siert.

 

Steht uns also eine Revo­lu­ti­on bevor?

Es gibt heu­te genü­gend Men­schen, die ver­ste­hen, was vor sich geht. Wir haben einen Zeit­punkt erreicht, an dem die Staats­ver­schul­dung, je nach Berech­nung, zwi­schen 70 Pro­zent und 100 Pro­zent des BIP erreicht. Folg­lich stei­gen auch die Aus­ga­ben für Zins­zah­lun­gen als Anteil der Staats­aus­ga­ben. Die Idee, dass man Steu­ern zahlt, weil die­se dem Gemein­wohl zugu­te kom­men, hat aus­ge­dient, denn das Geld wird ein­fach aus dem Fens­ter gewor­fen. Es kommt nie dort an, wo es eigent­lich hin soll. Kon­stant wird alles redu­ziert. Frü­her muss­te mei­ne Mut­ter nie etwas für ihre Medi­zin bezah­len. Wenn ich heu­te ihre Medi­ka­men­te abho­le, zah­le ich immer drauf. Die Regie­rung redu­ziert kon­stant die­je­ni­gen Leis­tun­gen, die tat­säch­lich bei den Men­schen ankom­men.

Die Men­schen wer­den sich erhe­ben. Man schaue sich ein­mal an, wie die USA ihre Krie­ge gerecht­fer­tigt haben. Lyn­don B. John­son nahm den Ton­kin-Zwi­schen­fall als Anlass, in den Viet­nam-Krieg ein­zu­tre­ten, beim Irak­krieg war es die angeb­li­che Exis­tenz von Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen. Als Oba­ma dann in Syri­en ein­grei­fen woll­te, haben die Men­schen gesagt: Jetzt ist Schluss, was hat uns denn Syri­en getan, das einen Krieg recht­fer­tigt? Er hat­te also nicht die Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung. Es kommt zu Ver­än­de­run­gen immer dann, wenn die Men­schen sich gegen etwas auf­leh­nen. Anfangs wur­de die ame­ri­ka­ni­sche Revo­lu­ti­on nur von einem Drit­tel der Bevöl­ke­rung unter­stützt. Dann ist das Pam­phlet Com­mon Sen­se von Tho­mas Pai­ne erschie­nen und bewirk­te einen Mei­nungs­um­schwung. Es ist ein wirk­lich bemer­kens­wer­tes Schrift­stück, in dem Pai­ne davon aus­geht, dass Regie­run­gen häu­fig davon über­zeugt sind, selbst die Nati­on zu sein, dabei sind es alle Ein­woh­ner, wel­che die Nati­on reprä­sen­tie­ren.

 

Sehen wir mit den Unru­hen in Bal­ti­more und Fer­gu­son bereits Vor­zei­chen für die nächs­te Revo­lu­ti­on in Nord­ame­ri­ka?

Der gro­ße Unter­schied zu den Bür­ger­rechts­be­we­gun­gen in den 1960ern ist, dass es beim nächs­ten Mal nicht nur Schwar­ze sein wer­den, die sich auf­leh­nen. Schon heu­te ver­trau­en 75 Pro­zent der ame­ri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung nicht mehr den Poli­ti­kern. Es wird also einen Zeit­punkt geben, an dem alles in die Luft gehen wird.

 

Sie haben den nächs­ten grö­ße­ren Crash für den 1. Okto­ber 2015 vor­ge­sagt. Was kommt danach?

Es wird auf jeden Fall Refor­men geben. Was ich mit Sicher­heit sagen kann, ist, dass die USA nicht län­ger die größ­te Volks­wirt­schaft der Welt sein wer­den. Die­se Rol­le wird Chi­na über­neh­men. Aber Finanz­ka­pi­tal hat sich schon immer bewegt. Es ist von Baby­lon nach Athen gewan­dert, von dort nach Maze­do­ni­en, nach Rom und irgend­wann nach Indi­en und Chi­na. Die Bri­ten hat­ten es von den Nie­der­län­dern. Die Spa­ni­er hat­ten es und haben es ver­lo­ren. Es waren dann die ita­lie­ni­schen und die deut­schen Ban­ker, die gro­ße Men­gen an Kapi­tal beses­sen haben und von dort ist es nach Ams­ter­dam gewan­dert. Kapi­tal bewegt sich immer als eine Fol­ge von Miss­ma­nage­ment. Die USA sind auf dem Höhe­punkt ange­kom­men und die Macht wird sich anschlie­ßend nach Chi­na bege­ben.

 

Abge­se­hen von den wirt­schaft­li­chen Macht­ver­schie­bun­gen: Wel­che Chan­ce sehen Sie für eine freie­re Gesell­schaft?

Wir haben eine Wahl. His­to­risch betrach­tet, bewe­gen sich Gesell­schaf­ten ent­we­der hin zu mehr Auto­ri­ta­ris­mus oder sie bewe­gen sich hin zu mehr Frei­heit. Das ist auch der Grund dafür, dass ich den Film machen woll­te. Wenn gezeigt wird, wie weit die USA sich bereits auf dem Pfad des Auto­ri­ta­ris­mus bege­ben haben, wird die Gesell­schaft sich künf­tig wie­der mehr in Rich­tung Frei­heit bewe­gen. Ich hege die Hoff­nung, dass die gan­zen Geheim­dienst­skan­da­le und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen den Höhe­punkt des auto­kra­ti­schen Regie­rungs­han­delns dar­stel­len, dass sie nur noch das letz­te ver­zwei­fel­te Auf­bäu­men einer Groß­macht mar­kie­ren.

 

Wagen Sie noch eine Vor­her­sa­ge in gesell­schaft­li­cher Hin­sicht?

Die Gesell­schaf­ten wer­den frag­men­tier­ter wer­den. Die Volks­wirt­schaf­ten, wie wir sie heu­te ken­nen, wer­den sich aus­ein­an­der­ent­wi­ckeln. Schon heu­te gibt es zum Bei­spiel in Schott­land oder Spa­ni­en sepa­ra­tis­ti­sche Bewe­gun­gen.

 

Letz­te Fra­ge: Was sind Ihre per­sön­li­chen Plä­ne für den 1. Okto­ber?

Ich wer­de wahr­schein­lich beschäf­tigt sein, wie immer, aber nichts Beson­de­res tun.

 

Herr Arm­strong, vie­len Dank für die­ses Gespräch.

 

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Die­ses Inter­view ent­stammt der Aus­ga­be 3/2018 BESITZ & EIGENTUM

Kann man Krisen vorhersagen?

Schein­bar aus dem Nichts gehen die Bör­sen welt­weit in die Knie and aller­orts wer­den Erklä­run­gen für die teils dra­ma­ti­schen Kurs­ein­brü­che gesucht bzw. ange­bo­ten – der US-ame­ri­ka­ni­sche Leit­in­dex hat ges­tern den größ­ten Tages­ver­lust seit sei­nem Bestehen ver­zeich­net. Auch wenn noch nicht sicher ist, ob die­se Kurs­ver­lus­te ledig­lich auf eine soge­nann­te Kurs­kor­rek­tur hin­deu­ten oder ob damit der Anfang einer Kri­se mar­kiert wird, haben wir in unse­rem Archiv doch etwas pas­sen­des zu die­sen Kurs­stür­zen gefun­den: eine Pro­phe­zei­ung.

In der Aus­ga­be 3/2018 BESITZ & EIGENTUM berich­te­ten wir über den Finanz­ma­the­ma­ti­ker (oder Betrü­ger, oder das Genie?) Mar­tin Arm­strong, der bereits zahl­rei­che Kri­sen vor­her­ge­sagt hat. Und wie das so ist mit Vor­her­sa­gen – mal tra­ten sie ein, mal lag er mit sei­ner Pro­gno­se dane­ben. Die Kri­se, die er am 8. Mai 2015 vor­her­sag­te, trat auf jeden Fall nicht ein, aber da die Grün­de für den von ihm pro­phe­zei­ten Beginn der nächs­ten gro­ßen Kri­se (den er für den 1. Okto­ber 2015 vor­her­ge­sagt hat­te) nach wie vor aktu­el­le sind und viel­leicht eine Erklä­rung für die Tur­bu­len­zen an den Bör­sen sein kön­nen, möch­ten wir Ihnen die­se Pro­phe­zei­ung nicht vor­ent­hal­ten. Zumal es ein äußerst kurz­wei­li­ges und infor­ma­ti­ves Lese­ver­gnü­gen ist:

 

Detail des Film­pla­kats The Fore­cas­ter

 

Beginnt die Krise am 1. Oktober 2015?

Filmpremiere von The Forecaster

Der SWR schrieb über den neu­en Film The Fore­cas­ter des Tübin­ger Doku­men­tar­fil­mers Mar­cus Vet­ter: „Wun­der­ba­rer Para­noia Film – mit dem Unter­schied, dass die Ver­schwö­rung wahr sein könn­te.“ Damit wird ein Gefühl zum Aus­druck gebracht, dem man sich selbst als kri­ti­scher und reflek­tier­ter Zuschau­er schwer ent­zie­hen kann, ein Gefühl der Beun­ru­hi­gung, weil man sich zwangs­läu­fig fragt: Was ist wahr an der Geschich­te? Auch wenn der Film vor­wie­gend die Zeit in den Blick nimmt, in der die US-ame­ri­ka­ni­schen Geheim­diens­te in das Leben des Prot­ago­nis­ten Mar­tin Arm­strong tra­ten und somit das bereits außer­ge­wöhn­li­che Leben eines Zah­len­ge­nies in einen Kri­mi ver­wan­del­ten, den sich kein Buch­au­tor bes­ser hät­te aus­den­ken kön­nen, lohnt es sich, einen kur­zen Blick auf die Bio­gra­fie Arm­strongs zu wer­fen: So soll er im zar­ten Alter von vier Jah­ren sei­ne Lei­den­schaft für sel­te­ne und dadurch wert­vol­le Mün­zen ent­deckt haben. Zuge­ge­ben, es ist eher unty­pisch für Kin­der, dass sie sich mit wert­vol­len Mün­zen aus­ein­an­der­set­zen, aber Kin­der kön­nen – wie jeder weiß – schnell zu einem ech­ten Exper­ten wer­den, wenn sie sich für etwas inter­es­sie­ren.

Da Arm­strong sei­ner Lei­den­schaft für Mün­zen treu blieb, ist es schon fast nicht mehr ver­wun­der­lich, dass er knapp zehn Jah­re spä­ter sei­ne bis dahin gewon­ne­nen Erfah­run­gen für sich zu nut­zen wuss­te und sei­ne ers­te Mil­li­on ver­dien­te, indem er sel­te­ne Mün­zen güns­tig kauf­te und teu­er ver­kauf­te. Doch wie man es von einem Zah­len­ge­nie erwar­ten wür­de, wand­te er sich bald abs­trak­te­ren Din­gen zu. In sei­nem Fall waren das die Preis­ent­wick­lun­gen von Roh­stof­fen und ande­ren Han­dels­gü­tern, die er ab Mit­te zwan­zig genau­er unter die Lupe nahm. War die Ver­öf­fent­li­chung die­ser Ana­ly­sen anfangs noch ein rei­nes Hob­by, bil­de­te es bald die Grund­la­ge für einen kos­ten­pflich­ten News­let­ter, den er par­al­lel zu sei­nen Stu­di­en­jah­ren an meh­re­ren Uni­ver­si­tä­ten her­aus­gab. Einen aka­de­mi­schen Abschluss erlang­te er übri­gens nicht. Statt­des­sen ent­wi­ckel­te er sei­ne Ana­ly­sen wei­ter und über­führ­te sie in ein Com­pu­ter­mo­dell. Mit die­sem Modell konn­te Arm­strong gro­ße Bör­sen­crashs und Wäh­rungs­kri­sen vor­her­sa­gen. So pro­phe­zei­te er etwa den Black Mon­day im Herbst 1987, den ers­ten Bör­sen­krach nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Damals erlitt der Dow-Jones-Index mit 22 Pro­zent den größ­ten Tages­ver­lust sei­ner Geschich­te. Auch den his­to­ri­schen Nik­kei-Abstieg im Jahr 1989 und die Russ­land-Kri­se in den Jah­ren 1998/1999 hat Arm­strong ziel­si­cher ange­kün­digt.

All dies ist jedoch noch nichts gegen das, was am 29. Sep­tem­ber 1999 sei­nen Anfang nahm. An die­sem Tag wur­de er fest­ge­nom­men, weil man ihn beschul­dig­te, ein Schnee­ball­sys­tem im Umfang von drei Mil­li­ar­den US-Dol­lar auf­ge­baut zu haben. Zahl­rei­che Unre­gel­mä­ßig­kei­ten wäh­rend des Ver­fah­rens, sie­ben Jah­re Beu­ge­haft – ohne Pro­zess oder rich­ter­li­ches Urteil – und danach wei­te­re fünf Jah­re in einem Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis (ohne Anrech­nung sei­ner bereits ver­büß­ten Zeit) sowie die Tat­sa­che, dass der Vor­wurf, ein Schnee­ball­sys­tems auf­ge­baut zu haben, nie bewie­sen wer­den konn­te, bie­ten Spiel­raum für Spe­ku­la­tio­nen über die Recht­mä­ßig­keit der Anschul­di­gun­gen. Für Arm­strong indes ist der Fall klar: Mit sei­nem Com­pu­ter­pro­gramm und sei­nen Vor­her­sa­gen war er eini­gen Men­schen zu mäch­tig gewor­den. Schließ­lich bie­tet ein Pro­gramm, mit dem man die Preis­ent­wick­lun­gen von Akti­en, Roh­stof­fen oder Wäh­run­gen vor­her­sa­gen kann, gewis­ser­ma­ßen die Mög­lich­keit, Geld zu dru­cken – was alle ande­ren Geld­ver­wal­ter, allen vor­an die mäch­ti­gen Häu­ser der Wall Street, zu poten­zi­el­len Fein­den macht. Außer­dem hat die­ses Wis­sen auch eine poli­ti­sche Spreng­kraft. Wer den Auf­stieg und Fall gan­zer Volks­wirt­schaf­ten vor­her­sa­gen kann, hat geo­po­li­tisch den ande­ren Natio­nen eini­ges vor­aus, was erklärt, war­um das FBI oder ande­re Geheim­diens­te ein so gro­ßes Inter­es­se an sei­nem Com­pu­ter­pro­gramm gehabt haben sol­len. Arm­strong wei­ger­te sich jedoch beharr­lich, sein Pro­gramm zugäng­lich zu machen, sodass er sich mäch­ti­ge Fein­de schuf, die ihn letzt­lich, so sei­ne Über­zeu­gung, für zwölf Jah­re hin­ter Git­ter brach­ten.

 

So span­nend dies alles auch ist, wünscht man sich im Ver­lauf des Films doch die eine oder ande­re kri­ti­sche Stim­me, die mit etwas Distanz die Figur Arm­strong und deren teils aben­teu­er­li­che The­sen ein­ord­net. Umso erfreu­li­cher war es, dass die Film­pre­mie­re vom Welt­ethos-Insti­tut, dem Kino Muse­um und der Fir­ma Film­per­spek­ti­ve in einen The­men­tag mit zahl­rei­chen Dis­kus­si­ons­run­den ein­ge­bet­tet wur­de und der Prot­ago­nist nach Tübin­gen ange­reist war. So wur­de am 8. Mai 2015 dem Publi­kum die Mög­lich­keit gege­ben, sich ein dif­fe­ren­zier­tes Bild von Mar­tin Arm­strong zu machen.

Am Ende des Abends war es jedoch gar nicht die Per­son Mar­tin Arm­strong, die im Fokus stand, son­dern die neu­es­te Pro­phe­zei­ung sei­nes Com­pu­ter­mo­dells, die an Dra­ma­tik noch nicht ein­mal von Arm­strongs Lebens­ge­schich­te zu über­bie­ten ist:

Arm­strong sagt vor­aus, dass am 1. Okto­ber 2015 die nächs­te Kri­se in Form eines Staats­an­lei­hen­crashs über uns her­ein­bricht.

Und so stand auch die Dis­kus­si­ons­run­de im Anschluss an die Film­prä­sen­ta­ti­on unter dem Titel „Staats­ver­schul­dung – ein gigan­ti­sches Schnee­ball­sys­tem?“ Um eine Ant­wort auf die­se Fra­ge zu fin­den, ver­sam­mel­ten sich Arm­strong selbst, der Bör­sen­ex­per­te Max Otte, Die­ter Schnaas, Chef­re­por­ter der Wirt­schafts­Wo­che, und Claus Dierks­mei­er, Direk­tor des Welt­ethos-Insti­tuts, auf dem Podi­um.

 

von li n. re.: Chris­to­pher Gohl, Claus Dierks­mei­er, Max Otte, Die­ter Schnaas, Mar­tin Arm­strong

Erstaun­li­cher­wei­se herrsch­te unter den Dis­ku­tan­ten voll­kom­me­ne Einig­keit dar­über, dass man bei der titel­ge­ben­den Fra­ge das Fra­ge­zei­chen durch ein Aus­ru­fe­zei­chen erset­zen kann. Schließ­lich ist es schon Jahr­zehn­te her, dass eine der gro­ßen Volks­wirt­schaf­ten Über­schüs­se erwirt­schaf­tet und die­se zur Til­gung ihrer Staats­ver­schul­dung ver­wen­det hat. Statt­des­sen wer­den jedes Jahr immer wei­te­re Schul­den auf­ge­nom­men, um alte Schul­den zu bezah­len. Doch damit nicht genug, wie Schnaas aus­führ­te: Berei­nigt man das Wirt­schafts­wachs­tum um die Neu­ver­schul­dung, so erkennt man, dass wirt­schaft­li­ches Wachs­tum seit Jahr­zehn­ten nur noch über wach­sen­de Schul­den erkauft wird; folg­lich han­de­le es sich dabei nur um eine Wachs­tums­il­lu­si­on.

Wie man in einer sol­chen Zeit den­noch Geld ver­die­nen kann, führ­ten Otte und Arm­strong mit unter­schied­li­cher Akzen­tu­ie­rung aus. Natur­ge­mäß unter­strich Otte die Vor­tei­le von Akti­en als lang­fris­ti­ge Ver­mö­gens­an­la­ge (ist er doch Namen­s­pa­te für einen Fonds über knapp 80 Mil­lio­nen Euro, die fast aus­schließ­lich in Akti­en inves­tiert sind), stimm­te jedoch mit Arm­strong über­ein, dass es für Otto-Nor­mal­in­ves­to­ren immer schwie­ri­ger sei, gegen die Ver­ban­de­lung von Spit­zen­po­li­ti­kern und Wall-Street-Finanz­eli­te anzu­kom­men. Am Bei­spiel von Gold­man Sachs wird dies beson­ders deut­lich. Die­se Bank unter­stützt gegen­wär­tig sowohl den repu­bli­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts­an­wär­ter Jeb Bush wie auch die demo­kra­ti­sche Kon­tra­hen­tin Hil­la­ry Clin­ton. „Who ever wins – Gold­man Sachs is on top.“ (Anmer­kung der Redak­ti­on: Dazu auf youtube.de unbe­dingt den kur­zen Clip „Erwin Pel­zig über Gold­man Sachs“ anse­hen.)

Im Zen­trum der Dis­kus­si­on stan­den jedoch Wachs­tums­il­lu­si­on und Wachs­tums­zwang, die Hand in Hand mit einer stei­gen­den Staats­ver­schul­dung gehen. Beson­ders inter­es­sant waren die unter­schied­li­chen Mei­nun­gen, inwie­weit die­se Ent­wick­lung über­haupt zu beein­flus­sen ist. Phi­lo­so­phisch gese­hen ging es also um die Fra­ge, ob der ein­zel­ne Mensch (und mit­hin auch die Gesell­schaft) die Mög­lich­keit zur Selbst­be­stim­mung hat oder ob die wirt­schaft­li­chen wie auch gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen einem Mus­ter fol­gen, das man letzt­lich nicht beein­flus­sen kann. Da dies eine Fra­ge ist, die auch die agora42-Redak­ti­on seit gerau­mer Zeit umtreibt, freu­ten wir uns, dass wir die Mög­lich­keit hat­ten, dies mit Arm­strong in einem kur­zen Inter­view zu dis­ku­tie­ren. Doch dazu mehr in nächs­ten Blog­bei­trag.

 

Mehr zu dem Film und dar­über hin­aus­ge­hen­den Mate­ri­al fin­den Sie unter: The Fore­cas­ter

Die Vermeidung der Steuervermeidung

Steuervermeidung
Die­ser Bei­trag ist in der Rubrik “Land in Sicht” in der aktu­el­len Aus­ga­be WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH erschie­nen. In die­ser Rubrik stel­len wir Unter­neh­men oder zivil­ge­sell­schaft­li­che Pro­jek­te vor, die öko­no­mi­sches und gesell­schaft­li­ches Neu­land betre­ten.
Steuervermeidung

Die Vermeidung der Steuervermeidung

und die Arbeit der EU-Kommission

Die Ver­öf­fent­li­chung der Para­di­se Papers am 5. Novem­ber 2017 beleg­te erneut, wie ver­mö­gen­de Pri­vat­per­so­nen und Unter­neh­men mit­tels Geld­wä­sche, Steu­er­split­ting und Ver­schleie­rung – unter ande­rem durch Grün­dung von Brief­kas­ten­ge­sell­schaf­ten und Nut­zung von Offshore-„Steueroasen“ – Steu­er­ver­mei­dung und Steu­er­hin­ter­zie­hung betrei­ben. Bereits durch die soge­nann­ten Luxem­burg-Leaks im Jahr 2014 wur­den vie­le die­ser Prak­ti­ken zur „aggres­si­ven Steu­er­ver­mei­dung“ bekannt. Bei­spiels­wei­se hat­te eine Luxem­bur­ger Toch­ter­ge­sell­schaft euro­päi­schen Part­ner- Nie­der­las­sun­gen Nut­zungs­rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums in Rech­nung gestellt, so dass die­se Nie­der­las­sun­gen ihr zu ver­steu­ern­des Ein­kom­men dra­ma­tisch redu­zie­ren konn­ten. Die­ses Vor­ge­hen war in den meis­ten Fäl­len voll­kom­men legal oder es gab, wie in vie­len durch die Pana­ma und Para­di­se Papers bekannt gewor­de­nen Fäl­len, kei­ne Mög­lich­keit dage­gen vor­zu­ge­hen – auch wenn die öffent­li­che Empö­rung dar­über unmiss­ver­ständ­lich zum Aus­druck brach­te, dass die­se Steu­er­ver­mei­dungs­prak­ti­ken als ille­gi­tim emp­fun­den wur­den.
Bei der EU-Kom­mis­si­on hat man die­se Empö­rung nun zum Anlass genom­men, eine Stra­te­gie gegen Steu­er­ver­mei­dung zu ent­wi­ckeln. Die Eck­pfei­ler die­ser Stra­te­gie sind ers­tens, eine schwar­ze Lis­te von Steu­er­oa­sen, zwei­tens, eine Trans­pa­renz­pflicht für Inter­me­diä­re (Anwäl­te, Bera­ter, Ban­ken etc.) und drit­tens das soge­nann­te Coun­try-by-Coun­try Reporting.

 

Nach­ge­frgat bei Mari­na Pop­zov, Beauf­trag­te für das Netz­werk Steu­er­ge­rech­tig­keit von Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal

 

Die Pana­ma Papers wie auch die Para­di­se Papers legen den Ein­druck nahe, dass man heu­te Steu­ern hin­ter­zie­hen kann, ohne dabei gel­ten­de Geset­ze zu bre­chen. Stimmt das?
Nicht ganz. Es gibt kei­ne Juris­dik­ti­on, die Steu­er­hin­ter­zie­hung oder Geld­wä­sche erlaubt, jedoch gibt es jene, die Mecha­nis­men zulas­sen, wel­che es fast unmög­lich machen, dabei erwischt zu wer­den. Die­se beru­hen immer auf der Ver­schleie­rung und Geheim­hal­tung von Infor­ma­tio­nen. So wird zum Bei­spiel die Ein­sicht in Unter­neh­mens­re­gis­ter für aus­län­di­sche Insti­tu­te erschwert und die Infor­ma­tio­nen ber wirt­schaft­lich Berech­tig­te nicht zen­tral erfasst. Das Pro­blem sind also nicht die Geset­ze, son­dern die man­gel­haf­ten Kon­troll- und Trans­pa­renz­maß­nah­men in den betref­fen­den Regio­nen.

 

Beim Tref­fen der EU-Finanz­mi­nis­ter in Brüs­sel sag­te der EU-Finanz­kom­mis­sar Pierre Mosco­vici: „Es ist abso­lut nötig, dass wir unser Pro­gramm gegen Steu­er­ver­mei­dung und aggres­si­ve Steu­er­pla­nung beschleu­ni­gen.“ Das Druck­mit­tel, das die rund 60 ange­schrie­be­nen Staa­ten dazu bewe­gen soll, ihre Steu­er­ge­set­ze zu refor­mie­ren, ist die Dro­hung, bei Nicht­ko­ope­ra­ti­on auf einer schwar­zen Lis­te zu lan­den. Ist die­ses Mit­tel aus­rei­chend?

Sol­che schwar­zen Lis­ten wur­den in den letz­ten 20 Jah­ren immer wie­der erstellt, mal vom IWF, mal von der OECD oder FATF und sind alle geschei­tert. Der Teu­fel steckt wie immer im Detail. Wie defi­niert man Steu­er­ver­mei­dung und wann genau wird die­se aggres­siv? Wie unter­schei­det man gute Buch­hal­tung von Aus­nut­zung? Sich auf eini­ge weni­ge Eck­punk­te in sol­chen Debat­ten zu eini­gen, ist sehr schwer und lang­wie­rig. Sobald sie ste­hen, wer­den die­se, aber auch nur die­se und meist nur auf dem Papier von den gelis­te­ten Län­dern erfüllt, um schnell wie­der von der Lis­te zu kom­men. Schwar­ze Lis­ten die­nen nicht als Dro­hung, son­dern bie­ten den Län­dern ledig­lich eine neue Platt­form zum „White­wa­shing“.
Eine bes­se­re Lösung ist Trans­pa­renz. Gro­ße Kon­zer­ne haben ganz unter­schied­li­che Geschäfts­mo­del­le und Struk­tu­ren und daher lässt sich nicht pau­schal, son­dern nur indi­vi­du­ell fest­stel­len, ob Steu­er­ver­mei­dung vor­liegt. Um eine sol­che Fra­ge über­haupt ange­hen zu kön­nen, muss man wis­sen, wie die Sach­la­ge aus­sieht und den Fall trans­na­tio­nal dis­ku­tie­ren. In wel­chem Land ver­dient das Unter­neh­men wie viel und in wel­chem Land zahlt es wie viel Steu­ern? Daher unter­stützt Trans­pa­r­en­cy Deutsch­land das auf EU- Ebe­ne vor­ge­schla­ge­ne Coun­try-by-Coun­try Reporting. Die­ses soll mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne zwin­gen, ihre Gewin­ne und Steu­er­zah­lun­gen voll­stän­dig, glo­bal und öffent­lich auf­zu­schlüs­seln. – Lei­der blo­ckiert aus­ge­rech­net Deutsch­land seit Jah­ren die­se Bemü­hun­gen. Man hat Angst, der Wirt­schafts­stand­ort könn­te an Attrak­ti­vi­tät ver­lie­ren.

 

Was spricht dage­gen, das EU- Steu­er­recht zu har­mo­ni­sie­ren? Damit könn­te man nicht nur das EU-inter­ne Steu­er­dum­ping been­den, son­dern auch glaub­wür­di­ger in den Ver­hand­lun­gen mit exter­nen Steu­er­oa­sen auf­tre­ten …
Schon jetzt wer­den vie­le inter­na­tio­na­le Stan­dards auch in Steu­er­fra­gen nicht natio­nal ent­wi­ckelt, son­dern von den Emp­feh­lun­gen glo­ba­ler Orga­ni­sa­tio­nen wie der OECD über­nom­men. Lang­fris­tig soll­te das auf EU-Ebe­ne und glo­bal wei­ter vor­an­ge­trie­ben wer­den. Nur so las­sen sich glo­ba­le Pro­ble­me lösen.

Schatz­in­seln – Wie Steu­er­oa­sen die Demo­kra­tie unter­gra­ben von Nicho­las Shax­son, erschie­nen im rot­punkt­ver­lag

Den­noch darf man nicht Stan­dards nur um der Stan­dar­di­sie­rung wil­len ein­füh­ren. Da kom­men wie­der die Details ins Spiel. Die ein­zel­nen EU-Mit­glie­der haben trotz des gemein­sa­men Wirt­schafts­raums unter­schied­li­che Bin­nen­wirt­schaf­ten. Alle gleich zu besteu­ern, könn­te Nach­tei­le für Ein­zel­ne berei­ten. Man muss also mit Augen­maß an die Sache her­an­ge­hen.
Glaub­wür­dig­keit wür­den wir vor allem dann gewin­nen, wenn wir Groß­bri­tan­ni­en und die USA als Ver­hand­lungs­part­ner über­zeu­gen könn­ten. Vie­le der „exter­nen Steu­er­oa­sen“, wie die US Vir­gin Islands, Ber­mu­da, Cayman Islands, Isle of Man und Jer­sey, sind in ihrer Gesetz­ge­bung immer noch an den Ein­fluss von West­mis­ter und Washing­ton gebun­den. War­um zwei der größ­ten Finanz­mäch­te der Welt sich für Maß­nah­men gegen Steu­er­hin­ter­zie­hung ein­set­zen und gleich­zei­tig bestimm­te Schat­ten­fi­nanz­plät­ze tole­rie­ren, ist eine span­nen­de Fra­ge, die den Rah­men des Inter­views sprengt. Allen inter­es­sier­ten Lesern lege ich an die­ser Stel­le das Buch Schatz­in­seln von Nicho­las Shaxon ans Herz, der auch für das Netz­werk Steu­er­ge­rech­tig­keit tätig ist.

 

Anmer­kung der Redak­ti­on: Im Rah­men die­ses Bei­trags stan­den wir auch im Aus­tausch mit der Pres­se­stel­le des Bereichs Taxa­ti­on and Custom Uni­on der Euro­päi­sch­ne Kom­mis­si­on. Wir baten die­se um Ant­wor­ten von Pierre Mosco­vici auf ähn­li­che Fra­gen, wie wir Sie Frau Pop­zov gestellt haben. Ant­wor­ten haben wir bekom­men (“back­ground infor­ma­ti­on”), dür­fen sie aber nicht ver­öf­fent­li­chen. Aller­dings ist in die­sem Fall auch nicht so inter­es­sant was gesagt wur­de, son­dern viel­mehr die Art und Wei­se, wie etwas nicht gesagt wur­de.

Zu die­ser back­ground infor­ma­ti­on  erhiel­ten wir auch Links zu den Ver­öf­fent­li­chun­gen der Arbei­ten der Kom­mis­si­on zur Bekämp­fung der Steu­er­ver­mei­dung:

 

Jede Konzentration ist eine Gefahr für die Demokratie – Interview mit Frank Simon

Berechnend

Wir laufen Gefahr, erpressbar zu werden

Anläss­lich der neu­en agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Frank Simon, Mit­glied im Vor­stand des Deut­schen Netz­werk Wirt­schafts­ethik (DNWE), zum The­ma eini­ge Fra­gen gestellt. Er spricht über die Dis­kre­panz zwi­schen Ein­sicht und Han­deln, die Reduk­ti­on des Men­schen, des Wirt­schaf­tens sowie über Ten­den­zen, wel­che die Demo­kra­tie gefähr­den …

 

Berechnend

 

Die neue Aus­ga­be hat den Titel „Wirt­schaft im Wider­spruch“. Wel­cher Wider­spruch ist für Sie der bedeut­sams­te?

Der für mich bedeut­sams­te Wider­spruch ist die Dis­kre­panz zwi­schen „ver­nünf­ti­gem“ und tat­säch­li­chem Han­deln. Es sind unse­re tag­täg­li­chen Ent­schei­dun­gen gegen gesun­de Lebens­wei­se, Schutz der Natur, mit­mensch­li­chen Umgang und vie­les ande­re mehr. Wir alle ken­nen das Leid von Krank­hei­ten, sind abge­sto­ßen von ver­müll­ten Strän­den oder ster­ben­den Bäu­men und lei­den unter Streit in Fami­lie, mit Freun­den oder am Arbeits­platz. Wir kön­nen lie­be­voll und gemein, berech­nend und altru­is­tisch, fried­fer­tig und kämp­fe­risch sein. Tan­ja Will zitiert in ihrem Arti­kel Nietz­sche:

Der moder­ne Mensch stellt, bio­lo­gisch, einen Wider­spruch der Wer­te dar, er sitzt zwi­schen zwei Stüh­len, er sagt in einem Atem Ja und Nein. (…) Wir alle haben wider Wis­sen, wider Wil­len, Wer­te, Wor­te, For­meln, Mora­len ent­ge­gen­ge­setz­ter Abkunft im Lei­be – wir sind, phy­sio­lo­gisch betrach­tet, falsch.“ (Sei­te 14, agora42 1/2018)

Dies ist zwar kein Wider­spruch, der nur auf das Wirt­schafts­le­ben beschränkt ist, hat aber hier beson­de­re Aus­wir­kun­gen, da wir die gesam­te Gestal­tung des Wirt­schafts­sys­tems auf den ver­nünf­tig han­deln­den homo oeco­no­mi­c­us aus­ge­rich­tet haben. Dass der Mensch in sei­nen Moti­ven und Ver­hal­tens­wei­sen viel­fäl­ti­ger und Ver­nunft z. B. in der Befol­gung mora­li­scher Regeln erst dann ein­setzt, wenn ethi­sche Pro­ble­me als sol­che erkannt und wahr­ge­nom­men wer­den, der Umgang mit ihnen geschult und mora­li­sches Han­deln mit erträg­li­chen per­sön­li­chen Opfern ver­bun­den ist, ist eine Erkennt­nis, die sich erst lang­sam ver­brei­tet. Die Ver­en­gung des Men­schen­bil­des auf den bewusst (über­legt) han­deln­den und dabei berech­nen­den Men­schen führt zur „self-ful­fil­ling pro­phe­cy“ und limi­tiert unse­re Ansät­ze zur Gestal­tung von Erzie­hung, Aus­bil­dung und letzt­lich unse­rer Wirt­schafts­ord­nung. Die Ver­schu­lung der Hoch­schul­aus­bil­dung, die Mathe­ma­ti­sie­rung der Betriebs­wirt­schafts­leh­re und der nur zöger­li­che Aus­bau von wirt­schafts­ethi­schen Lehr­an­ge­bo­ten sind hier nur klei­ne Bei­spie­le.

 

Die Pro­ble­me der Redu­zie­rung vie­ler Din­ge auf ein bestimm­tes Maß – Wirt­schafts­wachs­tum auf das BIP, Erfolg eines Unter­neh­mens auf den Pro­fit, Lebens­sinn auf Kar­rie­re etc. – tre­ten immer deut­li­cher zu Tage. Hal­ten Sie es für sinn­voll mehr­di­men­sio­na­le Mess­grö­ßen ein­zu­füh­ren oder müs­sen wir gar auf­hö­ren, alles mes­sen zu wol­len?

Die Ant­wort auf Ihre Fra­ge steckt schon im Begriff der „Redu­zie­rung“. Es ist nicht das Pro­blem der Mess­grö­ße, son­dern deren Inter­pre­ta­ti­on. Wir suchen in der kom­ple­xen Welt nach ein­fa­chen, schnell erfass­ba­ren Lösun­gen und machen uns nicht klar, was eine Mess­grö­ße aus­drü­cken kann und was nicht. Auch berück­sich­ti­gen wir nicht, dass sich unse­re Vor­stel­lun­gen von dem, was „Erfolg“, „Lebens­sinn“ oder „Kar­rie­re“ beinhal­ten, dras­tisch gewan­delt haben. Neh­men wir bei­spiels­wei­se den unter­neh­me­ri­schen Erfolg, für den die Mess­grö­ße des Pro­fits lan­ge Zeit als ange­mes­sen galt. Ver­gleicht man den gern zitier­ten Satz von Mil­ton Freed­man „The busi­ness of busi­ness is busi­ness“ mit der Defi­ni­ti­on der unter­neh­me­ri­schen Ver­ant­wor­tung der EU-Kom­mis­si­on von 2011, nach der Unter­neh­men für die Aus­wir­kun­gen auf die Gesell­schaft, d. h. in öko­no­mi­scher, sozia­ler und öko­lo­gi­scher Dimen­si­on, ver­ant­wort­lich sind, so wird die Ver­brei­te­rung des Erfolgs­be­griffs anschau­lich. Hier nur eine (alte), ein­di­men­sio­na­le Mess­grö­ße anwen­den zu wol­len, ist von vorn­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teilt.

Aber auch mehr­di­men­sio­na­le Mess­grö­ßen lösen das Pro­blem nur unzu­rei­chend, da man dann zwar die Dimen­sio­nen abbil­det, aber noch nicht zu kon­kre­ten Hand­lungs­emp­feh­lun­gen kommt, wenn die Dimen­sio­nen nicht in glei­cher Wei­se ver­folgt wer­den kön­nen. Es zei­gen sich die (ggf. mora­li­schen) Dilem­ma­ta, für die wir Ent­schei­dungs­re­geln fin­den müs­sen. Eine Dis­kus­si­on hier­über fin­det aber nach mei­ner Beob­ach­tung nur unzu­rei­chend statt. Im Ergeb­nis dann aber gleich auf die Mess­ver­su­che zu ver­zich­ten, erscheint mir nicht sinn­voll zu sein. Nur mit Hil­fe der kon­kre­ten Aus­prä­gung der Kenn­zah­len und ihrer sach­ge­rech­ten Inter­pre­ta­ti­on erhal­te ich die Grund­la­gen für die Aus­ein­an­der­set­zung um den „rich­ti­gen“ Kurs und die Beur­tei­lung der Fort­schrit­te.

 

Die Real­wirt­schaft steht einem ent­fes­sel­ten und ihren Wert um ein Viel­fa­ches über­stei­gen­den Finanz­ka­pi­tal gegen­über. Hat die Wirt­schaft im mate­ri­el­len Sinn (Pro­duk­ti­on) nur noch Ali­bi­funk­ti­on?

Ich wür­de soweit momen­tan (noch) nicht gehen wol­len. Der Kapi­tal­markt hat sich in vie­len Fäl­len vom Güter­markt eman­zi­piert und hat sich von einem der Pro­duk­ti­on und dem Waren­aus­tausch die­nen­den Sys­tem zu einem selb­stän­di­gen ent­wi­ckelt. Ein beson­ders anschau­li­ches Bei­spiel sieht man gera­de bei der Bit­coin Ent­wick­lung. Finanz­pro­duk­te selbst sind zum Han­dels­pro­dukt und der Ein­fluss auf den Güter­markt ist zwei­fel­los grö­ßer und unbe­re­chen­ba­rer gewor­den. Den­noch erfüllt er tag­täg­lich wei­ter­hin auf den meis­ten Märk­ten sei­ne die­nen­de Funk­ti­on. Wahr ist jedoch, dass das Ver­trau­en in den Kapi­tal­markt als ein zuver­läs­si­ger Indi­ka­tor für Risi­ko und Ren­di­te abge­nom­men hat und Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen häu­fi­ger als in frü­he­ren Jah­ren vor­kom­men.

 

Ange­sichts der enor­men Bedeu­tung und der immer stär­ke­ren Kon­zen­tra­ti­on des Kapi­tals: Sehen Sie die Demo­kra­tie und mit ihr den Wohl­fahrts­staat durch die­se Ent­wick­lung gefähr­det?

Sicher­lich ist jede Kon­zen­tra­ti­on eine Gefahr für die Demo­kra­tie, da sie dazu ver­lei­tet jen­seits demo­kra­tisch legi­ti­mier­ter Pro­zes­se Ein­fluss auf die Gestal­tung unse­rer Lebens­wei­se zu erlan­gen. Das gilt für die Kon­zen­tra­ti­on von Kapi­tal, aber auch für Kon­zen­tra­ti­on von Infor­ma­tio­nen, Pro­duk­ti­ons­mit­teln, Boden­schät­ze oder Flä­chen in glei­cher Wei­se.

Die demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen lau­fen Gefahr erpress­bar oder kor­rum­pier­bar zu wer­den.

Die Rege­lungs­de­fi­zi­te und die man­geln­de Soli­da­ri­tät der Staa­ten auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne beför­dern die­se Gefahr eben­so wie Bequem­lich­keit und Kurz­frist­den­ken der Zivil­ge­sell­schaft.

Die oben genann­te Defi­ni­ti­on der EU-Kom­mis­si­on zur unter­neh­me­ri­schen Ver­ant­wor­tung gilt es natio­nal wie inter­na­tio­nal ernst zu neh­men und die Debat­te zu füh­ren, wel­che Aus­wir­kun­gen wir tole­rie­ren wol­len oder von uns gewünscht wer­den. Die bei­spiels­wei­se mit den Sustain­ab­le Deve­lop­ment Goals (SDGs) ange­sto­ße­ne Visi­on über das Zusam­men­le­ben der Völ­ker gilt es kon­se­quent wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Es reicht nicht, das Zustan­de­kom­men der Zie­le zu begrü­ßen, son­dern sich für deren Erfül­lung ein­zu­set­zen. Die SDGs müs­sen in Teil­zie­le, Ver­ant­wor­tun­gen und Maß­nah­men für alle Ebe­nen über­setzt wer­den. Das betrifft sowohl Staa­ten­ge­mein­schaf­ten, wie z. B. die EU, als auch die Natio­nal­staa­ten. Aber auch hier dür­fen wir nicht ste­hen blei­ben, son­dern soll­ten debat­tie­ren, was die­se Zie­le für Län­der und Gemein­den, für Unter­neh­men und zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen, aber auch für jeden ein­zel­nen von uns bedeu­ten.

Ich fürch­te, dass es uns erst in die­ser müh­sam zu erlan­gen­den Gesamt­sicht gelin­gen wird, die rich­ti­gen Ant­wor­ten auf „ange­mes­se­ne“ Kon­zen­tra­ti­on oder die gerech­te Aus­prä­gung unse­res Wohl­fahrts­staa­tes zu fin­den. Wir machen es uns zu ein­fach, wenn wir die Schuld an einem mög­li­chen Nie­der­gang der Demo­kra­tie im Kapi­tal­markt oder bei den mul­ti­na­tio­na­len Unter­neh­men suchen. In ers­ter Linie kommt es auf uns als Zivil­ge­sell­schaft an, uns ein­zu­brin­gen und die demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen zu nut­zen.

 

 

Anmer­kung der Redak­ti­on. Im Inter­view der aktu­el­len Aus­ga­be frag­te wir Ernst Ulrich von Weiz­sä­cker:

Mit der Agen­da 2030 der Ver­ein­ten Natio­nen wur­den 17 Nach­hal­tig­keits­ent­wick­lungs­zie­le defi­niert, öko­lo­gi­sche sowie sozia­le und wirt­schaft­li­che Zie­le. Dar­un­ter unter ande­rem: Die Bekämp­fung des Kli­ma­wan­dels (Ziel 13) sowie die Erhal­tung und nach­hal­ti­ge Nut­zung der Ozea­ne (Ziel 14). Kann man also der Zukunft doch hoff­nungs­voll ent­ge­gen­bli­cken?

Das kann man lei­der nicht. Denn was man nicht ver­ges­sen darf, ist, dass die Ver­wirk­li­chung der elf sozia­len und wirt­schaft­li­chen Zie­le, sofern sie auf der Grund­la­ge der kon­ven­tio­nel­len Wachs­tums­stra­te­gi­en gesche­hen wür­den, mas­siv im Wider­spruch zur Ver­wirk­li­chung der öko­lo­gi­schen Zie­le steht. Und so wie die poli­ti­schen Macht­ver­hält­nis­se in allen Län­dern der Welt sind, haben die sozio­öko­no­mi­schen Ent­wick­lungs­zie­le immer Vor­rang gegen­über den öko­lo­gi­schen Ent­wick­lungs­zie­len. Von den pro­gres­si­ve­ren Staats­chefs hört man bes­ten­falls: „Oh je, da steht uns ein gro­ße Ver­än­de­rung bevor, das ist eine enor­me Her­aus­for­de­rung. Aber um sie bewäl­ti­gen zu kön­nen, brau­chen wir erst ein­mal noch viel mehr Wachs­tum.“ Das ist die auto­ma­ti­sche Reak­ti­on. Sei es in Kiga­li, in Qui­to, in Ber­lin oder in Shang­hai.

Alle reden genau so: Wir brau­chen mehr Wachs­tum, um end­lich das Kli­ma zu ret­ten!

 

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Die aktuelle Ausgabe

mit u.a.

Ulrich von Weiz­sä­cker “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech “Jen­seits grü­ner Wachs­tums­träu­me”

Sven Bött­cher “Anders! ist das neue Bas­ta!”

Ant­je von Dewitz (VAUDE) “Wir alle müs­sen Kon­trol­le abge­ben”

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