Beginnt die Krise am 1. Oktober 2015?

Anläss­lich der Film­pre­mie­re des Tübin­ger Doku­men­tar­fil­mers Mar­cus Vet­ter “The Fore­cas­ter” über den der SWR schrieb: „Wun­der­ba­rer Para­noia Film – mit dem Unter­schied, dass die Ver­schwö­rung wahr sein könn­te.“ führ­ten wir ein Inter­view mit dem Prot­ago­nis­ten des Films Mar­tin Arm­strong.

The Forecaster

Herr Arm­strong, mit Ihrem Modell ver­su­chen Sie, durch die Ana­ly­se von Ereig­nis­sen aus der Ver­gan­gen­heit Vor­aus­sa­gen über die Zukunft zu tref­fen. Es gibt jedoch Ereig­nis­se, deren Ein­tre­ten als extrem unwahr­schein­lich gilt, die aber trotz­dem auf­tre­ten und die als Schwar­ze Schwä­ne bekannt gewor­den sind. Gibt es inso­fern Ereig­nis­se, die sich nicht in ihr Modell inte­grie­ren las­sen?

Nein, die gibt es nicht. Damit dies der Fall ist, braucht es aller­dings eine Daten­bank, die Jahr­hun­der­te zurück­reicht und somit jedes bis­her statt­ge­fun­de­ne Ereig­nis erfas­sen kann. Das Pro­blem der meis­ten Model­le ist, dass sie einen viel zu kur­zen Zeit­ho­ri­zont berück­sich­ti­gen. Wenn man sich inten­siv mit der Geschich­te aus­ein­an­der­setzt, stellt man fest, dass die Grund­mus­ter sich stän­dig wie­der­ho­len. Wir sehen im Prin­zip stän­dig die glei­chen Dra­men von Shake­speare und nur die Schau­spie­ler wech­seln.
Trotz­dem ändern sich natür­lich gewis­se Umstän­de: In der Welt­wirt­schafts­kri­se von 1929/30 kam es zu sehr vie­len Ban­ken­plei­ten. Damals waren es aber vie­le Ban­ken und eher rei­che Bevöl­ke­rungs­schich­ten, wel­che die Staats­an­lei­hen hiel­ten. Heu­te sind es im Gegen­satz dazu etli­che Pen­si­ons­fonds, die gro­ße Sum­men inves­tiert haben. Es ist die brei­te Mas­se, die so direkt um ihre Ren­ten gebracht wer­den wür­de. Des­halb wären die Fol­gen eines Staats­bank­rotts heu­te noch viel gra­vie­ren­der für die Gesell­schaft als 1931.

Bei Ihren Ana­ly­sen gehen Sie pri­mär auf öko­no­mi­sche Ereig­nis­se ein. Aller­dings gibt es auch poli­ti­sche Ereig­nis­se wie bei­spiels­wei­se die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, durch die Gesell­schaf­ten völ­lig ver­än­dert wer­den. Kann man auch sol­che Ereig­nis­se berech­nen?

Man kann das eine nicht vom ande­ren tren­nen. Es wäre nie zu Ereig­nis­sen wie der Fran­zö­si­schen oder Ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on gekom­men, hät­te es nicht die öko­no­mi­schen Fak­to­ren gege­ben, die Druck auf die Men­schen aus­ge­übt haben. Die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen pas­sie­ren nicht ohne Grund. Es ist wie mit Krie­gen, die sich auch nicht ereig­nen, wenn es der Wirt­schaft gut geht. Flacht die Wirt­schaft ab, sind die Men­schen eher wil­lens zu kämp­fen und las­sen sich viel leich­ter auf­rüh­ren.
Bei genaue­rer Betrach­tung erkennt man, dass es die Mis­sis­sip­pi Bub­b­le von 1720 war, wel­che die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on aus­ge­löst hat. Men­schen aus ganz Euro­pa hat­ten in die fran­zö­si­sche Mis­sis­sip­pi Kom­pa­nie inves­tiert. Als die Bla­se platz­te, über­nahm die Regie­rung die Schul­den der Kom­pa­nie – ein klas­si­scher Bail-out – und erhöh­te im Nach­gang die Steu­ern, wodurch der Druck auf die Bevöl­ke­rung stieg. Es gibt also immer tie­fer­lie­gen­de Grün­de, wes­halb Revo­lu­tio­nen wie in Frank­reich oder den USA statt­fin­den.

Wenn sich denn die Dra­men Shake­speares stets wie­der­ho­len und wir dar­an letzt­lich nichts ändern kön­nen, wes­halb sol­len wir uns dann über­haupt Gedan­ken machen?

Man kann Kon­junk­tur­zy­klen, ein Auf und Ab der Wirt­schaft, nicht grund­sätz­lich abschaf­fen. Aber wenn man die Wirk­me­cha­nis­men die­ser Zyklen ver­steht – es ist wie mit Josef in der Bibel: Auf sie­ben ertrag­rei­che Jah­re fol­gen sie­ben schlech­te Jah­re –, kann man ver­su­chen, die Aus­schlä­ge bezie­hungs­wei­se Ampli­tu­den sol­cher Zyklen zu ver­rin­gern, um nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen zu redu­zie­ren.

Eine Mög­lich­keit, wie die Gesell­schaft grund­sätz­lich ver­än­dert wer­den kann, sehen Sie nicht?

Es gibt natür­lich auch den tech­ni­schen Fort­schritt, der für Ver­än­de­rung sorgt – Din­ge wie die Eisen­bahn oder heu­te das Inter­net. Jede Inno­va­ti­on ver­ur­sacht Ver­än­de­rung.

Die Rah­men­be­din­gun­gen des Wirt­schaf­tens ändern sich mas­siv, Stich­wort Kli­ma­wan­del und Umwelt­zer­stö­rung. Den­noch wirt­schaf­tet man im Prin­zip noch so wie im letz­ten Jahr­hun­dert. War­um wer­den die Scheu­klap­pen nicht abge­legt?

Die meis­ten Pro­ble­me wer­den von Regie­run­gen ver­ur­sacht. Denn Regie­run­gen han­deln nicht ratio­nal. Sie sehen die Arbeits­be­völ­ke­rung haupt­säch­lich als eine end­lo­se Ein­nah­me­quel­le an. Im Gegen­satz zu Unter­neh­men, die sich stän­dig refor­mie­ren und ver­än­dern müs­sen, erhöht die Regie­rung ein­fach die Steu­ern. Als ich mein Unter­neh­men auf­ge­baut habe, hat­te ich ein Start­ka­pi­tal von 600 Dol­lar. Stel­len Sie sich das heu­te ein­mal vor.

Wenn es ein all­ge­mei­nes Pro­blem dar­stellt, dass Poli­ti­ker Wäh­lern, die für sie stim­men sol­len, Geschen­ke machen und sich hier­für Geld lei­hen, wie soll man dann ohne Crash aus der Schul­den­fal­le her­aus­kom­men?

Poli­ti­ker han­deln häu­fig nicht sehr wei­se. Aber das Sys­tem kann sich auch ohne sie ver­än­dern. Schon Tho­mas Jef­fer­son hat gesagt, dass eine Revo­lu­ti­on ab und an recht hilf­reich sein kann. Und das ist ja im Grun­de auch genau das, was in der Rea­li­tät pas­siert.

Steht uns also eine Revo­lu­ti­on bevor?

Es gibt heu­te genü­gend Men­schen, die ver­ste­hen, was vor sich geht. Wir haben einen Zeit­punkt erreicht, an dem die Staats­ver­schul­dung, je nach Berech­nung, zwi­schen 70 Pro­zent und 100 Pro­zent des BIP erreicht. Folg­lich stei­gen auch die Aus­ga­ben für Zins­zah­lun­gen als Anteil der Staats­aus­ga­ben. Die Idee, dass man Steu­ern zahlt, weil die­se dem Gemein­wohl zugu­te kom­men, hat aus­ge­dient, denn das Geld wird ein­fach aus dem Fens­ter gewor­fen. Es kommt nie dort an, wo es eigent­lich hin soll. Kon­stant wird alles redu­ziert. Frü­her muss­te mei­ne Mut­ter nie etwas für ihre Medi­zin bezah­len. Wenn ich heu­te ihre Medi­ka­men­te abho­le, zah­le ich immer drauf. Die Regie­rung redu­ziert kon­stant die­je­ni­gen Leis­tun­gen, die tat­säch­lich bei den Men­schen ankom­men.
Die Men­schen wer­den sich erhe­ben. Man schaue sich ein­mal an, wie die USA ihre Krie­ge gerecht­fer­tigt haben. Lyn­don B. John­son nahm den Ton­kin-Zwi­schen­fall als Anlass, in den Viet­nam-Krieg ein­zu­tre­ten, beim Irak­krieg war es die angeb­li­che Exis­tenz von Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen. Als Oba­ma dann in Syri­en ein­grei­fen woll­te, haben die Men­schen gesagt: Jetzt ist Schluss, was hat uns denn Syri­en getan, das einen Krieg recht­fer­tigt? Er hat­te also nicht die Unter­stüt­zung der Bevöl­ke­rung. Es kommt zu Ver­än­de­run­gen immer dann, wenn die Men­schen sich gegen etwas auf­leh­nen. Anfangs wur­de die ame­ri­ka­ni­sche Revo­lu­ti­on nur von einem Drit­tel der Bevöl­ke­rung unter­stützt. Dann ist das Pam­phlet Com­mon Sen­se von Tho­mas Pai­ne erschie­nen und bewirk­te einen Mei­nungs­um­schwung. Es ist ein wirk­lich bemer­kens­wer­tes Schrift­stück, in dem Pai­ne davon aus­geht, dass Regie­run­gen häu­fig davon über­zeugt sind, selbst die Nati­on zu sein, dabei sind es alle Ein­woh­ner, wel­che die Nati­on reprä­sen­tie­ren.

Sehen wir mit den Unru­hen in Bal­ti­more und Fer­gu­son bereits Vor­zei­chen für die nächs­te Revo­lu­ti­on in Nord­ame­ri­ka?

Der gro­ße Unter­schied zu den Bür­ger­rechts­be­we­gun­gen in den 1960ern ist, dass es beim nächs­ten Mal nicht nur Schwar­ze sein wer­den, die sich auf­leh­nen. Schon heu­te ver­trau­en 75 Pro­zent der ame­ri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung nicht mehr den Poli­ti­kern. Es wird also einen Zeit­punkt geben, an dem alles in die Luft gehen wird.

Sie haben den nächs­ten grö­ße­ren Crash für den 1. Okto­ber vor­ge­sagt. Was kommt danach?

Es wird auf jeden Fall Refor­men geben. Was ich mit Sicher­heit sagen kann, ist, dass die USA nicht län­ger die größ­te Volks­wirt­schaft der Welt sein wer­den. Die­se Rol­le wird Chi­na über­neh­men. Aber Finanz­ka­pi­tal hat sich schon immer bewegt. Es ist von Baby­lon nach Athen gewan­dert, von dort nach Maze­do­ni­en, nach Rom und irgend­wann nach Indi­en und Chi­na. Die Bri­ten hat­ten es von den Nie­der­län­dern. Die Spa­ni­er hat­ten es und haben es ver­lo­ren. Es waren dann die ita­lie­ni­schen und die deut­schen Ban­ker, die gro­ße Men­gen an Kapi­tal beses­sen haben und von dort ist es nach Ams­ter­dam gewan­dert. Kapi­tal bewegt sich immer als eine Fol­ge von Miss­ma­nage­ment. Die USA sind auf dem Höhe­punkt ange­kom­men und die Macht wird sich anschlie­ßend nach Chi­na bege­ben.

Abge­se­hen von den wirt­schaft­li­chen Macht­ver­schie­bun­gen: Wel­che Chan­ce sehen Sie für eine freie­re Gesell­schaft?

Wir haben eine Wahl. His­to­risch betrach­tet, bewe­gen sich Gesell­schaf­ten ent­we­der hin zu mehr Auto­ri­ta­ris­mus oder sie bewe­gen sich hin zu mehr Frei­heit. Das ist auch der Grund dafür, dass ich den Film machen woll­te. Wenn gezeigt wird, wie weit die USA sich bereits auf dem Pfad des Auto­ri­ta­ris­mus bege­ben haben, wird die Gesell­schaft sich künf­tig wie­der mehr in Rich­tung Frei­heit bewe­gen. Ich hege die Hoff­nung, dass die gan­zen Geheim­dienst­skan­da­le und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen den Höhe­punkt des auto­kra­ti­schen Regie­rungs­han­delns dar­stel­len, dass sie nur noch das letz­te ver­zwei­fel­te Auf­bäu­men einer Groß­macht mar­kie­ren.

Wagen Sie noch eine Vor­her­sa­ge in gesell­schaft­li­cher Hin­sicht?

Die Gesell­schaf­ten wer­den frag­men­tier­ter wer­den. Die Volks­wirt­schaf­ten, wie wir sie heu­te ken­nen, wer­den sich aus­ein­an­der­ent­wi­ckeln. Schon heu­te gibt es zum Bei­spiel in Schott­land oder Spa­ni­en sepa­ra­tis­ti­sche Bewe­gun­gen.

Letz­te Fra­ge: Was sind Ihre per­sön­li­chen Plä­ne für den 1. Okto­ber?

Ich wer­de wahr­schein­lich beschäf­tigt sein, wie immer, aber nichts Beson­de­res tun.

Herr Arm­strong, vie­len Dank für die­ses Gespräch.

wbernhardt