Besser, anders, und vor allem weniger – Interview mit Barbara Unmüßig

Besser, anders, und vor allem weniger – Interview mit Barbara Unmüßig

Anläss­li­ch der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­te Per­so­nen um Ant­wor­ten auf die zen­tra­len Fra­gen des Hef­tes gebe­ten. Hier die Ant­wor­ten von Bar­ba­ra Unmü­ßig.

Wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

Barbara Unmüßig

Bar­ba­ra Unmüßig ist seit 2002 Vor­stand der Heinrich-Böll-Stiftung. Sie ver­ant­wor­tet die inter­na­tio­na­le Arbeit der Stif­tung in Latein­ame­ri­ka, Afri­ka, Asi­en, dem Nahen und Mitt­le­ren Osten und die des Gun­da-Wer­ner-Insti­tuts für Femi­nis­mus und Geschlech­ter­de­mo­kra­tie. Sie ist außer­dem Vor­sit­zen­de der Jury des Anne-Klein-Frau­en­prei­ses.

Der fas­zi­nie­rends­te Aspekt ist sicher­li­ch die schöp­fe­ri­sche Kraft, die ste­ti­ge Neu­erfin­dung und Anpas­sung. Sie geht aber ein­her mit Zer­stö­rung und Aus­beu­tung von Men­schen und Natur. Er bringt lei­der –unge­zähmt —  mas­si­ve Ungleich­heit her­vor und macht unse­re natür­li­chen Lebens­grund­la­gen kaputt und heizt das Treib­haus.  Schum­pe­ter hat am bes­ten die­se schöp­fe­ri­sche Zer­stö­rung beschrie­ben, die der Kapi­ta­lis­mus braucht, um Neu­es aus Zer­stör­tem her­vor­zu­brin­gen. Das hat lei­der sehr viel Unrecht und Leid für Men­schen gebracht. Zu Recht wird die­se Vari­an­te als Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus bezeich­net und Men­schen und ihre sozia­len Kämp­fe ver­su­chen immer wie­der die sozia­len Fol­gen der Aus­beu­tung und der zer­stö­re­ri­schen Kraft ein­zu­däm­men oder zu zäh­men.

Was der Kapi­ta­lis­mus, sein Zwang zur Expan­si­on mit der Natur, mit den Öko­sys­tem und dem Pla­ne­ten als Gan­zes macht, nimmt heu­te irrever­si­ble Züge an. Das machen wir uns immer noch viel zu wenig bewusst. Und wie­der stellt sich hier die Hoff­nung ein, dass selbst die­se bru­ta­le Zer­stö­rung mit tech­no­lo­gi­scher Inno­va­ti­on und mit noch mehr Öko­no­mi­sie­rung der Natur wie­der zu repa­rie­ren sei. Eine sehr ris­kan­te Wet­te auf die Zukunft. Ein wesent­li­ches Ele­ment kapi­ta­lis­ti­scher Pro­duk­ti­on und Akku­mu­la­ti­on ist es, mehr Eigen­tum – oder mehr Kapi­tal – zu erwirt­schaf­ten. Ob wir es wol­len oder nicht, nicht alles kann pri­va­tes Eigen­tum sein – Die Luft zum Atmen, Was­ser, Arten­viel­falt, z. B, wer­den von allen gebraucht und genutzt. Kapi­ta­lis­mus denkt die­se Gemein­gü­ter nicht mit.

War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Es gab und gibt doch Alter­na­ti­ven zum Kapi­ta­lis­mus, die von eini­gen Völ­kern auch heu­te noch gelebt wer­den. Der Kapi­ta­lis­mus hat alte, feu­da­le Macht­struk­tu­ren abge­löst.  Und es hat nicht unbe­merkt die Welt erobert. Es gab immer Wider­stand gegen ihn aus ganz unter­schied­li­chen Rich­tun­gen. Einer sei­ner Erfol­ge: Auch, wenn es ein lan­ger und hart erkämpf­ter Weg und mit Rück­schlä­gen ver­bun­den war, hat er in den Kern­län­dern des Kapi­ta­lis­mus Gesell­schaf­ten demo­kra­ti­siert. Und er hat mit der „schar­fen Waf­fe” der güns­ti­gen Prei­se (Karl Marx) ein Wohl­stands­ver­spre­chen für brei­te­re Bevöl­ke­rungs­schich­ten ein­ge­löst. Das macht ihn heu­te ja gera­de so attrak­tiv für die Gesell­schaf­ten im glo­ba­len Süd­en, die teil­ha­ben wol­len an der Welt der bun­ten Waren. Der auto­kra­ti­sche Typus von Kapi­ta­lis­mus bezieht in Län­dern wie Chi­na ja gera­de hier­aus wesent­li­ch sei­ne Legi­ti­ma­ti­on Ver­ges­sen wir jedoch nicht:  Kapi­ta­lis­mus ist ein Gesell­schafts­ver­hält­nis von meh­re­ren mög­li­chen und ein rela­tiv neu­es in der Geschich­te der Mensch­heit.  Ob und wie wir ihn trans­for­mie­ren kön­nen ange­sichts der öko­lo­gi­schen Groß­kri­sen und der sozia­len Ungleich­heit und dabei demo­kra­ti­sche Errun­gen­schaf­ten und Men­schen­rech­te erhal­ten kön­nen, ist die gro­ße Fra­ge des 21. Jahr­hun­dert. Zum Glück haben das schon vie­le Men­schen begrif­fen und arbei­ten an Alter­na­ti­ven. Der Kapi­ta­lis­mus ist also mei­nes Erach­tens nicht unbe­dingt die logi­sche natür­li­che Kon­se­quenz für unse­re Gesell­schaf­ten und er liegt nicht in der Natur des Men­schen.

In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über? Und wie geht es wei­ter?

Es herrscht nicht nur Kri­sen­stim­mung, son­dern wir ste­hen rea­len mul­ti­plen glo­ba­len Kri­sen gegen­über: die wach­sen­de Ungleich­heit, der Ver­lust der Bio­di­ver­si­tät, der Kli­ma­wan­del, glo­ba­le Migra­ti­ons- und Flücht­lings­strö­me, der immer stär­ke­re Gegen­wind gegen Demo­kra­tie und ihre Wer­te all das nagt vor allem am Wohl­stands- und Glücks­ver­spre­chen des Kapi­ta­lis­mus. Unser Wirt­schafts­mo­dell, unse­re Pro­duk­ti­ons- und Kon­sum­mus­ter, und die immer wei­ter vor­an­schrei­ten­de Glo­ba­li­sie­rung mit all ihren Vor­tei­len, pro­du­ziert auch vie­le Ver­lie­rer und Abge­häng­te – Men­sch wie Natur. Es gibt eine glo­ba­le Mit­tel­klas­se, die die Kos­ten ihres Kon­sum- und Pro­duk­ti­ons­mo­dells exter­na­li­siert. Sozia­le Unge­rech­tig­keit und öko­lo­gi­sche Zer­stö­rung sind die Fol­gen. Unser wachs­tums­ge­trie­be­nes „wei­ter so“, die­se Jagd nach dem immer mehr, immer bes­ser, immer grö­ßer, immer schnel­ler ist nicht nach­hal­tig und nicht ver­ein­bar mit den natür­li­chen Gren­zen unse­res Pla­ne­ten. Die­se haben wir jetzt schon über­schrit­ten und ste­hen gleich­zei­tig einem gra­vie­ren­den Ver­tei­lungs- und Gerech­tig­keits­pro­blem auf der Welt gegen­über. Wir müs­sen uns end­li­ch von unse­rer Abhän­gig­keit vom Wachs­tum um jeden Preis befrei­en, uns vom fos­si­len Zeit­al­ter ver­ab­schie­den, und Alter­na­ti­ven erkun­den, die ein bes­se­res Leben für alle ermög­li­chen könn­ten. Dazu müs­sen wir Fra­gen rund um unser Wirt­schafts­mo­dell und wie es wei­ter gehen kann mehr denn je repo­li­ti­sie­ren und Ant­wor­ten demo­kra­ti­sch aus­han­deln.

Ist eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung im Kapi­ta­lis­mus denk­bar? Wie kön­nen Bedürf­nis­se zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen, in einer Welt end­li­cher Res­sour­cen, gesi­chert wer­den?

Wir haben ja in den letz­ten Jah­ren erlebt, wie der Main­stream von Welt­bank bis Bun­des­re­gie­rung uns zu ver­spre­chen ver­sucht, dass unser Kapi­ta­lis­mus „ergrü­nen“ kann, und so zukunfts­fä­hig und nach­hal­tig wer­den kann. So sehr ich mir eine Ver­söh­nung von Öko­no­mie und Öko­lo­gie wünsch­te: ich glau­be sie ist eine Illu­si­on, solan­ge wir nicht radi­kal Emis­sio­nen aller Art unter­las­sen und Res­sour­cen­ver­brauch mas­siv redu­zie­ren. Ein sol­ches Ver­spre­chen kann nur machen, wer bewusst Kom­ple­xi­tät redu­ziert, stark an Wun­der des Mark­tes und der tech­no­lo­gi­schen Inno­va­ti­on glaubt und gleich­zei­tig rea­le Macht­struk­tu­ren im öko­no­mi­schen wie poli­ti­schen Kon­text igno­riert und nicht anpa­cken will. Wir dür­fen uns nicht täu­schen las­sen von der Annah­me, dass ein ergrün­ter Kapi­ta­lis­mus, der unse­re aktu­el­len Pro­duk­ti­ons- und Kon­sum­mus­ter nicht in Fra­ge stellt, die not­wen­di­ge Nach­hal­tig­keit gewähr­leis­ten kann, die wir unse­rem Pla­ne­ten und nach­kom­men­den Gene­ra­tio­nen schul­dig sind. Der Aus­stieg aus dem fos­si­len und finanz­markt­ge­trie­be­nen Kapi­ta­lis­mus selbst muss die Prio­ri­tät sein. Bes­ser, anders, und vor allem weni­ger – das Über­win­den von unsin­ni­gen Pro­duk­ti­ons- und Kon­sum­mus­tern. Die­ser Drei­klang ist mein Mot­to für die prak­ti­sche und theo­re­ti­sche Suche nach Neu­em.

wbernhardt