Blut in den Straßen oder: Wie beeinflusst der Terror den Aktienmarkt

Blut in den Straßen
Oder: Wie beeinflusst der Terror den Aktienmarkt

 

Im „New Yorker“ erschien vor einigen Jahren ein Cartoon, der eine Dinnerparty zeigt. Am Kamin stehen zwei Herren im Gespräch. Der eine trägt einen Bombengürtel, der andere (im Smoking und mit Sektglas in der Hand) sagt zu ihm: „Ach, Sie sind Selbstmordattentäter? Wie interessant! Aber sagen Sie – kann man denn davon leben?“

Hier beruht der Witz darauf, dass zwei fundamental verschiedene Welten aufeinandertreffen – Geschäft und Gewalt.

Wie verändert die Gewalt das Geschäft? Und – lassen sich die beiden überhaupt so deutlich voneinander trennen?

Auch Anleger und Investoren leben in der Gegenwart des Terrors. Der Schrecken sitzt immer mit am Tisch; er ist überall anwesend, wie ein Schatten, der auf allem liegt. Und es sieht danach aus, als hätten wir bisher nur die ersten Anfänge der zukünftigen Kriege gesehen.

Daher wird es notwendig, sich einmal grundsätzlich zu fragen, wie der Terror auf die Märkte, auf die Investmenthorizonte und die Anlagestrategien wirkt. Vor allem sollten wir die Auswirkungen von vorausschauenden Investments auf die Terrorismusbedrohung im Auge behalten.

Kurzfristig werden nach Terroranschlägen die Gewinnaussichten bestimmter Branchen eingetrübt. Klassische Beispiele sind die Tourismusindustrie und der Flugverkehr. Nach 9/11 verzeichneten die Börsen einen Kursverfall der Aktien von Fluggesellschaften um bis zu 50%. Der Anschlag in Tunesien im Frühjahr 2015 hatte auch unmittelbare Folgen: im ersten Halbjahr verringerte sich die Anzahl der Touristen um 20,9%.

In den direkt betroffenen Branchen sinkt die Nachfrage: weniger Menschen verreisen (bzw. sie benutzen andere Verkehrsmittel, die sie für ungefährlich halten).

Ebenso verringern sich schlagartig die Gewinnaussichten der Versicherer. Zudem setzt oft spontan eine Flucht in scheinbar sichere Investments ein, Rohstoffe beispielsweise oder Immobilien. Auch die Entwicklung der Bitcoins wird zu beobachten sein.

Langfristig ändert sich die Gewichtung der Investitionen und in bestimmten Bereichen erhöhen sich die Transaktionskosten. Die OECD schätzt, dass nach dem 11. September Transaktionskostensteigerungen um 1-3 % des Werts der gehandelten Güter für den internationalen Warenverkehr angefallen sind.

Erhebliche wirtschaftliche und finanzstrategische Bedeutung haben langfristig auch Immunisierungs- und Schutzstrategien. Wer kann sich wie gegen den Terror schützen? Es ist zum Beispiel plausibel, dass in Zeiten steigender Anschlagsgefahr Konferenztechniken an Bedeutung gewinnen: wenn Geschäftsreisen wegen Anschlagsdrohungen nicht möglich sind, dann muss mit Videokonferenzen gearbeitet werden. Warum noch um die Welt reisen wenn man alles von Haus aus erledigen kann. Oder noch besser: warum nicht alles automatisierten Handelssystem und Investment.KI überlassen. Die Expertensysteme der nächsten Fintech-Generation können ohnehin schneller entscheiden und mehr Informationen einbeziehen als Warren Buffett.

Sicherheitstechnologie ist ein weiterer Themenbereich. Der Schutz von Einrichtungen, von Infrastrukturen, von Menschen und Material muss organisiert werden. In diesem Bereich werden sicherlich noch weitere Technologien und Geschäftsmodelle entstehen. Der Markt der Überwachungs- und Schutzdrohnen steckt zum Beispiel noch in den Kinderschuhen. Glaubt jemand ernsthaft, es würden noch Menschen auf das Schlachtfeld gebracht, wo doch Drohnen die schmutzige Arbeit viel besser machen können?

Aber es gibt auch zahlreiche „softe“ Faktoren, die wir berücksichtigen müssen: psychologische, soziologische, etc. Firmen, die nicht nur in kurzfristige technologische Lösungen, sondern in langfristige Stabilisierung auf allen Ebenen investieren, könnten zu den Gewinnern gehören.

Da der rein militärische Kampf gegen den Terrorismus nicht zu gewinnen ist, wird es zunehmende Anstrengungen geben, in die Konsolidierung bestimmter Regionen zu investieren. Eine besondere Form von „Emerging Markets“!

Firmen, die dort aktiv sind und stabilisierend wirken, können zudem damit rechnen, staatliche Unterstützung zu erhalten. Wirtschaftswissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass eine wichtige Nachwirkung terroristischer Anschläge grundsätzlich das Ansteigen staatlicher Investitionen ist. 5 Milliarden Zuschuss und 10 Milliarden Dollar Darlehen gab es vom amerikanischen Steuerzahler für US-Fluggesellschaften nach 9/11… Wir werden also mit „politischen Märkten“ zu rechnen haben.

Beleuchtet werden muss noch die Rolle der Versicherungen und Rückversicherungen. Sie sind von großen Anschlägen betroffen, müssen ihre Risiken neu bewerten und ihr Prämiensystem überdenken. Es wird zunehmend Risiken geben, die nicht mehr versicherbar sind weil die Gefahr eines Totalausfalls zu groß ist. Besonders flächendeckender Terrorismus mit koordinierten Anschlagsserien (siehe Paris) stellt hier eine große Gefahr dar. Wenn das Feuer an vielen Stellen gleichzeitig ausbricht, dann reicht das Wasser nicht…

Gerade deshalb sind Versicherer und Rückversicherer an langfristigen Analysen interessiert. Nicht zufällig bauen sie Expertise in einem anderen Bereich langfristiger Veränderungen, nämlich denen durch den Klimawandel auf. Die Versicherungsbranche benötigt Sicherheit und Verlässlichkeit, überflutete Küsten machen ihr Angst.

Zusammengefasst und mit kühlem Realismus betrachtet, kann man sagen, dass wir es bei den Terrorfolgen meist mit einem Einbruch der Nachfrage, einer Erhöhung der Transaktionskosten, Anreizen für bestimmte Technologien und Umlenkung von Investitionen in den öffentlichen Sektor zu tun haben. Gerade die volkswirtschaftlich meist wenig produktiven Felder für zusätzliche Militärausgaben fallen hier ins Gewicht.

Aber kann uns das genügen? Der nur clevere Anleger wird wissen, wann „Blut in den Straßen fließt“ und wann er profitabel kaufen bzw. verkaufen kann: der mehr als nur clevere, nämlich wirklich kluge Anleger wird lernen, in welchen Bereichen er mit stabilisierenden und nachhaltigen Investitionen etwas erreichen kann. Manchmal ist es ganz einfach: je weniger wichtig die Erdölindustrie wird, desto mehr kann sich der Nahe Osten stabilisieren.

Die größte Gefahr überhaupt ist aber immer, dass die Angst regiert. Wie so oft geht es um den Kurs der ältesten Währung der Welt: Vertrauen.

 

Geschrieben bei einer Tasse Tee am 5. Januar 2016

Bernd Villhauer

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In der Kolumne “Finanz & Eleganz” geht Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos Instituts, den Zusammenhängen von eleganten Lösungen, Inszenierungen, Symbolen und Behauptungen einerseits sowie dem Finanzmarkt andererseits nach. Grundsätzliche Überlegungen zu der Kolumne finden Sie in der Einführung.