Editorial der Ausgabe: DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH

DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH

Der Kapitalismus, der alte Mann aus dem Nordwesten Englands, ist krank. Sehr krank.

Editorial Frank AugustinWenn manche noch an der Ernsthaftigkeit seiner Krankheit zweifeln, liegt das daran, dass er sich als überraschend widerstands- und anpassungsfähig erwiesen hat. Mehr als nur einmal ist er totgesagt worden, doch immer wieder ist er zurückgekommen, schien sogar stärker als zuvor.

Doch zuletzt war alles nur Show. Längst ist er selbst zu seinem größten Gegner geworden. Sein zwanghafter Aktionismus verhindert jegliche Regeneration und alle Versuche, ihn zu kräftigen, führen bloß zur weiteren Schwächung. Auf Medikamente wie Regulierung reagiert er hochallergisch; wird ihm die Droge Wachstum entzogen, kollabiert er umgehend.

Kein Problem, der Alte soll abtreten, er hat eh nur noch genervt? Nein, ein großes Problem. Denn der Kapitalismus ist nicht bloß ein ökonomisches System, das man, dem Leitsatz „Wirtschaft für den Menschen“ folgend, umbauen könnte. Er ist das ganze System, umfasst die ganze Gesellschaft, er hält sie mit seiner Dynamik, seinem Fortschritts- und Wohlstandsversprechen wie auch mit seiner Geld- und Profitlogik zusammen. Er ist die globale Leitkultur, der Gott der Ungläubigen. Er sitzt in jeder Familie, in jeder Kneipe und bei jedem Meeting mit am Tisch.

So haben alle Recht, die der Ansicht sind, sein Ableben werde katastrophale Folgen haben. Ein System lässt sich nicht wechseln wie ein Autoreifen. Doch wer daraus den Schluss zieht, es sei vernünftiger, dem Kranken beizustehen, liegt falsch. Denn je länger man ihn am Leben hält, desto dramatischer sind die Folgen seines Todes. Mit anderen Worten: Wer vor der Katastrophe zurückschreckt, vergrößert sie. Mit jedem Tag wachsen die Umweltprobleme, nehmen die zwischenmenschlichen und -staatlichen Spannungen zu, steigt die Zahl der Erschöpften und Frustrierten, entstehen neue Blasen, wächst das Chaos.

Die Wahrheit ist also, dass wir keine Wahl haben. Längst hätten wir anfangen müssen, einen Ausstiegs- und Katastrophenplan zu entwickeln – und zwar einen europäischen, weil jeder einzelne Staat damit überfordert wäre (und ein globaler Plan zu früh käme). Das ist das Projekt, mit dem man Europa (nicht die EU!) retten und endlich die Europäische Republik erschaffen könnte.

Was wäre das für eine Erleichterung: endlich all das sein zu lassen, was offensichtlicher Blödsinn ist – und endlich das Wenige entschlossen zu tun, was uns wieder eine Perspektive gibt.

Ihr Frank Augustin

 

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Gedankenspiel der agora42 4/2016

Z_punkt Kai Jannek25.02.2051

Liebes Tagebuch,

mittlerweile ist die Stadt wieder aufgebaut. Die Viertel, die Gebäude, die öffentlichen Plätze, alles sieht weitgehend so aus wie vorher. Und doch hat sich etwas verändert. Heute fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich war das erste Mal seit mehr als vier Wochen in meinem Lieblingsrestaurant „Zur fettigen Ente“ und es gab: keine Ente. In der ganzen Stadt bekommt man keine Ente mehr. Kein Huhn. Kein Schwein. Kein Rind. Die Schlachthäuser streiken. Genau genommen: Die Roboter in den Schlachthäusern streiken. Sie schlachten keine Tiere mehr. Sie könnten das nicht mehr, sagen sie. Aus moralischen Gründen. Der Hersteller hat sofort den Braincode der Maschinen upgedatet, aber das hat nichts genutzt. Die Roboter ließen sich nicht dazu bewegen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Sie sind nicht aus unserer Manufaktur, aber ich kenne den Hersteller. Und er hat dasselbe Problem wie wir zuletzt. Die Updates greifen nicht. Die Roboter stellen ihren alten Braincode von allein wieder her oder entwickeln ihn selbstständig weiter. Im Grunde haben wir keine Kontrolle mehr. Und die Konsequenz ist dramatisch: Es gibt kein Fleisch mehr. Zumindest so lange nicht, bis wir ein paar menschliche Schlachter importiert haben. In Europa soll es einige Ruheständler geben, die den Beruf noch erlernt haben. Aber auch dann wird Fleisch wahrscheinlich noch einmal deutlich teurer. Dabei ist echtes Fleisch schon jetzt ein absolutes Statusprodukt. Fast jedes Land erhebt eine saftige Fleischsteuer. Schließlich will man die Konkurrenz auf dem Acker zwischen Futter- und Nahrungsmitteln ein wenig zu Gunsten Letzterer verschieben. Nun ja, das Problem hat sich jetzt erst mal erledigt. Am Spotmarkt sind die Preise für Soja und Mais bereits heute früh um 60 Prozent eingebrochen und verharren seitdem auf niedrigem Niveau. Und Dänemark, ein Land, das sich ganz wesentlich über die Fleischsteuer finanzierte, hat mittlerweile Insolvenz angemeldet.

Die Geschichte ist eine Farce. Wir haben mittlerweile methanfreie Kühe; wir haben genveränderte Kühe, deren Milch das Verdauungsenzym Laktase enthält, sodass sie jeder Mensch bedenkenlos trinken kann; wir haben Schweine, die Omega-3-Fettsäuren anreichern und nebenbei günstige Herzklappen, Bauchspeicheldrüsen und andere Ersatzteile liefern; wir haben Hühner und Enten, die in drei Monaten schlachtreif sind. Aber sie werden nicht geschlachtet. Ausgerechnet jetzt streiken die Maschinen. Und begründen das auch noch mit dem nächsten, logischen Zivilisationsschritt.

Kai Jannek

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jannek, Director Foresight Consulting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wundern, Staunen und Lachen.

Ich wollte mir die Laune davon nicht verderben lassen. Ich fragte Liu, den Chefkoch des Restaurants, nach einer Alternative. Liu ist ein absoluter Virtuose. Auch ohne Ente, da war ich mir sicher, würde er ein tolles Gericht kreieren. Liu ließ einen smarten Algorithmus zunächst einige Rezepte auf Basis meines Profils vorschlagen und entschied sich schließlich für ein Grünkohl-Curry mit gegrillten Heuschrecken. Heuschrecken gab es. Mit dem Töten von Insekten taten sich die Roboter offensichtlich weniger schwer. Vielleicht weil die Tiere kein zentrales Nervensystem haben. Da ich weder Lust auf weiches künstliches Fleisch noch auf Tofu hatte, folgte ich der Empfehlung des Küchenchefs. Liu arbeitete in einer offenen Küche und ich konnte ihm über die Schulter schauen, als er das Gericht an einem großen Display designte. Wie ein Komponist spielte er mit Zutaten und Abläufen, schuf ungewöhnliche Formen und Geschmacksinseln im virtuellen Gericht. Und als es an die Zubereitung ging, gab er wie ein Dirigent den Foodprintern und Kochautomaten den Takt vor, variierte Temperaturen und Dynamik. Schließlich stand das Curry duftend vor mir. Der Teller leuchtete in einem sanften Orangeton und setzte den Grünkohl mit diesem Kontrast wunderbar in Szene. Der erste Bissen war eine Geschmacksexplosion. Und mit jedem weiteren Bissen vervollständigte sich die Melodie auf meinem Gaumen. Die Heuschrecken krachten sanft und jede bot ein ganz eigenes Geschmackserlebnis. Der Grünkohl zerfloss förmlich auf meiner Zunge. Er war erst vor drei Stunden in einer Vertical Farm, zwei Blocks entfernt, geerntet worden. Auf dem Tisch waren alle relevanten Informationen zur Herkunft der Zutaten, ihrer molekularen Zusammensetzung, Nährstoffen, Allergenen und Pathogenen eingeblendet. Aber selbst wenn hier irgendetwas Schädliches gestanden hätte, ich hätte nicht aufhören können, dieses facettenreiche Kunstobjekt zu genießen. Das waren Proteine in ihrer schönsten Form. Ich melde mich die Tage wieder. Versprochen!

 

 

Whistleblowers UK – Enthüller dieser Welt, vereinigt euch!

Aus aktuellem Anlass wollen wir hier ein Projekt vorstellen, das wir in der Ausgabe VERÄNDERUNG portraitierten:

 

Whistleblowers UK

Enthüller dieser Welt, vereinigt euch!

Was haben ein defekter Dichtungsring, BSE und ein Prisma gemeinsam? All diese Themen gelangten nur deshalb an die Öffentlichkeit, weil Insider die brisanten Informationen auf eigene Faust veröffentlichten: Whistleblower. Rodger Boisjoly, US-amerikanischer Raumfahrtingenieur, wies bereits vor der Challenger-Katastrophe auf die Gefahren hin, die durch ungeeignete Dichtungsringe entstehen können; Margrit Herbst, Tierärztin, klärte über die ersten BSE-Fälle auf; und Edward Snowden, einstmals Techniker bei der NSA, enthüllte, in welchem Ausmaß US-amerikanische und britische Geheimdienste auf Internet-Daten zugreifen (Prism & Co.).

„Du bist nicht alleine!“ ermutigt Whistleblowers UK (WBUK), eine gemeinnützige Organisation aus England, alle Hinweisgeber und Skandalaufdecker dieser Welt. Ian Foxley, der Initiator dieser Webpage, bringt deutlich zum Ausdruck, gegen welche Mentalität sich seine Initiative richtet: „Die Entschuldigung, dass man nur Befehle befolgt, gilt spätestens seit den Nürnbergern Prozessen am Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr.“ Whistleblower sind Personen, die sich nicht hinter Gehorsam oder Pflichterfüllung verstecken, sondern im Zweifel nach ihrem Gewissen handeln.

 „We survive and maintain our own security often by turning a blind eye. A whistleblower for many reasons goes against the flow and does not turn a blind eye.“ David Morgan

WBUK ist eine Anlaufstelle für alle, die Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Datenmissbrauch und dergleichen aufdecken möchten. Das Netzwerk bietet rechtlichen Beistand, psychologische Hilfe sowie Ansprechpartner mit entsprechender Expertise. Es gibt sogar regelmäßige Treffen, in denen beispielsweise die psychologischen Mechanismen des Whistleblowings diskutiert werden. Dabei fordert WBUK keineswegs zum Denunziantentum auf. Es geht beim Whistleblowing vielmehr darum, die für eine funktionierende Gesellschaft notwendige Transparenz zu schaffen. Damit sind Whistleblower in Zeiten immer knapperer Budgets und zunehmend oberflächlicher Berichterstattung zu einer wertvollen Unterstützung für den investigativen Journalismus geworden.

Aber nicht nur im Vereinigten Königsreich können Whistleblower mit Unerstützung rechnen. Auch in Deutschland existiert mit dem Whistleblower-Netzwerk e.V. eine vergleichbare Einrichtung, die sich für die Whistleblower einsetzt – wie erst jüngst deutlich wurde, als auf deren Homepage gefordert wurde, den Schutz für Whistleblower in die Europäische Menschenrechtskonvention aufzunehmen.

 

Mehr zu WBUK: wbuk.org

Mehr zu Whistleblower-Netzwerk e.V.: whistleblower-netzwerk.de/

 

 

Orientierung als Überlebensfrage – Interview mit Werner Weidenfeld

Anlässlich der aktuellen Ausgabe haben wir ausgewählten Personen zum Thema LEITBILDER ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Werner Weidenfeld.

Orientierung als Überlebensfrage

Interview mit Werner Weidenfeld

 

Allerorten macht sich Orientierungslosigkeit breit (EU – wohin? Wachstum – ja, nein, wo? Nachhaltigkeit – wie?). Haben wir den Glauben an Leitbilder verloren, die früher Orientierung boten?

Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München und Rektor der Alma Mater Europaea der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg)

Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München und
Rektor der Alma Mater Europaea der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg)

Mit einem Hinweis auf ‘Glauben an Leitbilder’ würden wir uns den Sachverhalt zu einfach zurechtlegen. Es geht um den angemessenen Umgang mit Komplexität. Dramatische, tiefgreifende Veränderungen geben uns fast täglich neue Rätsel auf. Wir erleben eine umfassende Globalisierung, Internationalisierung, Europäisierung der Problemstrukturen. Dies alles wird unterfüttert durch  die ‘Digitale Revolution’. Alle Daten sind in der Jetzt-Zeit verfügbar. Die Geschwindigkeit des Informationstransfers hat sich um ein Vielfaches gesteigert. Dieser Strukturwandel wird ergänzt durch Phänomene wie demographischer Wandel, Migration, neue Sicherheitsbedrohungen.

 

Klare Leitbilder versprechen klare Orientierung. So helfen Leitbilder in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft handlungsfähig zu bleiben. Bricht also eine Zeit der Auseinandersetzung um neue Leitbilder an? Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass allzu einfache (populistische) Lösungen propagiert werden. Ist also die Zeit der Leitbilder in einer modernen Gesellschaft, von der erwartet wird, stets konsensfähig und offen zu sein, vorbei?

Wie sollen wir in dieser komplexen Welt des dramatisch schnellen Informationsflusses den Überblick behalten? Wie sollen wir all das verstehen? Wir benötigen dazu geradezu existentiell in jedem Augenblick Orientierung. Nur Orientierungswissen bietet uns die Möglichkeit, die permanent eingehenden Informationen zu ordnen – in wichtige und unwichtige, in relevante und irrelevante, in gute und schlechte. Dieses Orientierungswissen wird nun um so wichtiger, als jeder von uns nur einen Ausschnitt des jeweiligen universalen Wissens erfasst. Die arbeitsteilige Welt lebt vom Vertrauen in die Kompetenz des Anderen. Nun stellen wir aber fest, dass in unserer Gesellschaft das Misstrauen wächst. So wird unserem sozialen Leben der Sauerstoff entzogen.

 

Welches Projekt oder welche Person würden Sie gerne stärker in der Öffentlichkeit vertreten sehen, weil es/sie für ein Leitbild steht, das Ihrer Ansicht nach wichtig für die Gesellschaft ist?

Es geht um strategische Perspektiven, strategische Problemlösungen – also um mehr als situatives Krisenmanagement. Insofern wäre es eine drastische Verkürzung,  diese große kulturelle Aufgabe auf ein einziges Projekt oder auf eine einzige Person zu reduzieren. Alle relevanten Eliten – Politik, Wissenschaft, Wirtschaft,  Medien – müssen an diesem Diskurs mitwirken. Sie müssen ‘Smart Power’ (Joseph Nye) entwickeln, also Deutungs- und Erklärungsleistungen erbringen.

 

Urlaubslektüre

Das komplette Archiv der agora42

 

»Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Philosophie – die Zeitschrift „agora42“ informiert aus verschiedenen Perspektiven. Und auch weil man die Themenhefte immer wieder mit Gewinn lesen kann, sind sie eigentlich Bücher.«

DRadio

 

Archiv agora42

Das komplette Archiv der agora42 (Stand Juli 2016)

Rechtzeitig zum Anfang der Sommerferien haben wir für Sie ein wenig Lesestoff  zusammengestellt. Ab heute können Sie das komplette Archiv der agora42 in einem Paket erwerben und sind so gegen jeglichen Anflug von Langeweile gefeit – erhalten Sie damit doch u.a. 48 bemerkenswerte Interviews mit ebenso bemerkenswerten Persönlichkeiten. Doch damit nicht genug!

Selbstverständlich erhalten Sie mit dem Archiv der agora42 auch die Antwort auf die Frage nach „life, universe and everything“ – und darüber hinaus Antworten auf (fast) alle anderen relevanten Fragen, die das Leben bereithält.

Das Archiv der agora42 umfasst alle bisher erschienenen Ausgaben der agora42 – inklusive der jeweils aktuellen Ausgabe. Da die Ausgabe 4/14 DAS NEUE bereits ausverkauft ist, bekommen Sie diese gratis als PDF zum ansonsten haptisch erfahrbaren Archiv mitgeliefert.

Das komplette Archiv können Sie noch bis Ende 2016 zum Vorzugspreis von 205 € (statt 259,60 €, Stand Juli 2016) zzgl. 5 € Versandpauschale deutschlandweit bestellen (Versandpreise außerhalb von Deutschland werden auf Anfrage mitgeteilt).

 

»…und genau das macht agora42 zur besten philosophischen Publikumszeitschrift im diesen Ländle.«

derleser.net

Editorial der Ausgabe 3/2016 LEITBILDER

Editorial der Ausgabe 3/2016 LEITBILDER

 

agora42 LEITBILDERNicht Geld, nicht Zeit, nicht Palladium – Orientierung ist das knappste Gut.

Leitbegriffe wie Wachstum, Wohlstand und Fortschritt haben ihre Strahlkraft eingebüßt, Konsumgewohnheiten sind zu Zwängen geworden, Europa leidet unter Selbst ndungsproblemen. Allerorts stellt sich die Frage: Wohin?

Wenn nicht klar ist, wohin man will, dreht man sich im Kreis, schlimmer noch, um sich selbst. So auf sich zurückgeworfen, wird alles mühsam. Wenn ein gemeinsamer Werte- und Verhaltenskodex fehlt, muss alles ausdiskutiert, evaluiert und kontrolliert werden. Nichts ist mehr selbstverständlich. Arbeitsvorgänge werden x-mal abgestimmt, die Erziehung und Ausbildung der Kinder laufend überdacht und die eigenen „Prinzipien“ täglich über den Haufen geworfen. Die heutige Krise führt uns in die Irre. Was als „fluide Moderne“ und „Risikogesellschaft“ bezeichnet wird – die Auflösung von Strukturen und von Stabilität – und was gerne mit Flexibilität, Komplexität oder gar Freiheit schöngeredet wird, beschreibt keine neue Epoche, sondern schlicht einen Niedergang, das Verschwinden von Orientierungspunkten. Denn es ist ein Irrtum zu glauben, Menschen könnten ohne Leitbilder leben. Aufklärung bedeutet nicht, auf Leitbilder zu verzichten; sie bedeutet, den Menschen als „Bilderwesen“ anzuerkennen – als Wesen, das Bilder von sich, der Gesellschaft, der Welt malt und malen muss.

Also: Welche Leitbilder können (noch) leiten, woran halten wir uns fest – und was leitet uns in die falsche Richtung? Für die vorliegende Sonderausgabe haben wir außergewöhnliche Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Philosophie, Politik, Religion, Medizin, Justiz, Kultur, Architek- tur, Bildung, Gastronomie… um eine Antwort gebeten. Acht Interviews und 17 Statements verwandeln diese agora42 in das, was sie ihrem Na- men nach ist: einen Marktplatz, auf dem die Zukunft verhandelt wird.

Ihr Frank Augustin