Gedankenspiel – Nervenkitzel mit der Agentur für Extremerfahrungen

18.03.2051

Liebes Tagebuch,

ich sit­ze jetzt im Hyper­loop-Express auf dem Weg von Baishan zurück nach Hau­se und bin immer noch stark eupho­ri­siert von der Grenz­erfah­rung, die ich heu­te gemacht habe. Ich kom­me gera­de vom Apnoe-Tau­chen.

Die digi­ta­le Diät in der vor­he­ri­gen Woche hat­te mich Fol­gen­des gelehrt: Ich lebe in einer Sicher­heits­bla­se. Es gibt über­haupt kei­ne Risi­ken mehr. Die Apps lei­ten mich an poten­zi­ell Kri­mi­nel­len und Amok­läu­fern in mei­nem Umfeld vor­bei. Die Nano­bots eli­mi­nie­ren Krebs­zel­len und hal­ten mei­ne Tumo­re in Schach. Und auch das Wet­ter haben die Behör­den eini­ger­ma­ßen unter Kon­trol­le. Mir fehl­te der Ner­ven­kit­zel. Das merk­te auch Rosa, mein digi­ta­ler But­ler, und emp­fahl mir eine Agen­tur für Extre­mer­fah­run­gen. Ges­tern hat­te ich dort einen Ter­min. Sie hat­te Wing­su­it-Flü­ge, Stra­to­sphä­ren­sprün­ge, No-Limit-Apnoe-Tau­chen, Free-Solo-Safa­ris und Vul­kan­ab­stie­ge im offi­zi­el­len Ange­bot. Inof­fi­zi­ell wür­den sie auch orga­ni­sier­te Ent­füh­run­gen mit oder ohne Schein­exe­ku­ti­on anbie­ten, Ampu­ta­tio­nen und kon­trol­lier­te Herz­still­stän­de, erklär­te mir der Mit­ar­bei­ter. Das sei­en unglaub­lich inten­si­ve Erfah­run­gen. Mir fiel auf, dass ihm drei Fin­ger an der lin­ken Hand fehl­ten. Ich ent­schied mich für das Apnoe-Tau­chen, nicht zuletzt, weil ich als Kind ein­mal fast ertrun­ken wäre.

Heu­te Mor­gen nahm ich dann die Express­ver­bin­dung nach Baishan, wo mich ein Gui­de abhol­te und zum Hea­ven Lake brach­te. Der See ist gigan­tisch. Einer der höchs­ten, größ­ten und tiefs­ten Kra­ter­se­en der Welt. Auch das Pan­ora­ma des Chang­bai-Gebir­ges war beein­dru­ckend. Herb, der Gui­de, zeig­te mir und drei wei­te­ren Kurs­teil­neh­mern zunächst eini­ge Atem­übun­gen, mit denen wir unse­re Lun­gen dehn­ten. Dann führ­te er uns in das Mate­ri­al ein. Wir beka­men Tauch­mas­ken, Nasen­klam­mern und rela­tiv dick­wan­di­ge Neo­pren­an­zü­ge. Die Anzü­ge ver­füg­ten über ein Ret­tungs­sys­tem für den Fall, dass uns in gro­ßer Tie­fe der Druck­aus­gleich nicht gelin­gen soll­te. Er zeig­te uns, wie sich das Neo­pren explo­si­ons­ar­tig ver­steif­te und uns so vor dem gigan­ti­schen Was­ser­druck schüt­zen wür­de. „Andern­falls rei­ßen eure Lun­ge, Kie­fer- und Stirn­höh­len“, warn­te uns Herb. Dann spritz­te er uns noch einen Cock­tail aus Koh­len­di­oxid-Sca­ven­gern, Sauer­stoff-Releasern und künst­li­chen roten Blut­kör­per­chen. Vor allem die Sca­ven­ger waren wich­tig, um den Atem­re­flex län­ger zu unter­drü­cken. Die Sauer­stoff-Releaser wür­den eine Ohn­macht ver­hin­dern. In rela­tiv fla­chem Gewäs­ser übten wir noch den Druck­aus­gleich und fuh­ren schließ­lich mit dem Boot hin­aus auf den See. Herb steu­er­te eine Boje an, an der ein Seil­zug­sys­tem befes­tigt war. Ich war als Ers­ter an der Rei­he. Herb und ich spran­gen ins Was­ser und er hak­te mich an einem gro­ßen metal­li­schen Schlit­ten ein. Ich nahm drei tie­fe Atem­zü­ge, wie Herb es mir gezeigt hat­te, und tauch­te mit dem Kopf vor­an ab. Der Schlit­ten setz­te sich sofort in Bewe­gung und zog mich mit einer Geschwin­dig­keit von viel­leicht drei Metern pro Sekun­de hin­ab. Ich glitt in die Tie­fe. Es wur­de rasch dunk­ler und spür­bar käl­ter. Schnell spür­te ich den stei­gen­den Was­ser­druck, der sich als hef­ti­ger Schmerz im Ohr bemerk­bar mach­te. „Ihr müsst den Druck per­ma­nent aus­glei­chen!“, hat­te Herb uns ange­wie­sen. Ich press­te die Luft aus mei­nen Lun­gen in die Ohren. Ich hat­te die 100-Meter-Mar­ke längst pas­siert. Der Druck war kaum mehr aus­zu­hal­ten. Ich hät­te das Not­fall­sys­tem akti­vie­ren kön­nen. Aber ich war schon längst im Tie­fen­rausch. Endor­phi­ne durch­ström­ten mein Gehirn. Dann riss mein Trom­mel­fell. Aber ich hat­te es fast geschafft. Als ich die 200-Meter-Ziel­mar­ke schließ­lich erreich­te, war mei­ne Lun­ge auf die Grö­ße einer Oran­ge zusam­men­ge­presst. Und ich spür­te auch hier die Mikro­ris­se und schmeck­te Blut auf der Zun­ge. Wäh­rend mich ein mit Press­luft gefüll­ter Bal­lon wie­der nach oben zog, spür­te ich, wie die Nanoro­bo­ter in mei­nem Blut­kreis­lauf die Lun­gen­ris­se und das Trom­mel­fell bereits wie­der repa­rier­ten. Es krib­bel­te. Ich war schon eine gefühl­te Ewig­keit unter Was­ser. Der Atem­re­flex wur­de immer mäch­ti­ger.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Aber die Macht mei­nes Wil­lens war stär­ker. Ich unter­drück­te den Reflex. Ich war Herr über mei­nen Kör­per. Ich fühl­te die sich nähern­de Bewusst­lo­sig­keit. Doch kleins­te, genau dosier­te Sauer­stoff­schü­be aus den Oxy­gen-Releasern, die Herb mir gespritzt hat­te, hiel­ten mich in einem Schwe­be­zu­stand zwi­schen Bewusst­sein und Ohn­macht. Es fühl­te sich groß­ar­tig an. Dann schoss ich wie ein Kor­ken aus dem Was­ser und flu­te­te mei­ne Lun­gen mit fri­scher Luft. Als Herb mir an Deck half, war ich ein neu­er Mensch.

Jetzt bin ich auf dem Heim­weg, rau­sche mit dem Express­zug laut­los durch die Vaku­um­röh­re und über­le­ge bereits, wel­che Gren­ze ich als Nächs­tes über­win­den wer­de. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 

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wahre angstDie neue agora42 zum Thema WA(H)RE ANGST

mit

  • Heinz Bude im Inter­view
  • Frank Ruda: “Mut zur Angst”
  • Franz Kaf­ka im Por­trät
  • Spe­cial: Kunst­wer­ke zum The­ma von Jonas Bur­gert, Roger Bal­len, Sami­ra Frei­tag uvm.

 

Von der Weste zum Investment

Eigentlich alles ganz einfach …

Der Geschäfts­be­richt 2017 der VR Bank West­müns­ter­land eG mit dem Titel: PERSPEKTIVEN

Kürz­lich erhiel­ten wir den Geschäfts­be­richt der VR-Bank West­müns­ter­land eG. Na und, mag sich nun der eine oder ande­re von Ihnen den­ken. Ein Geschäfts­be­richt einer Bank – wie lang­wei­lig!

Pus­te­ku­chen. Denn der lang­wei­li­ge Teil – sofern die Gewinn- und Ver­lust­rech­nung sowie die Bilanz einer eine Bank lang­wei­lig sind – beschränkt sich auf die letz­ten sie­ben Sei­ten. Die Erläu­te­rung hier­für fin­det man auf der ers­ten Sei­te, wo es heißt: „Doch bil­det sie (die Bilanz) stets die Ver­gan­gen­heit ab, in nüch­ter­nen Zah­len und Fak­ten. Des­halb haben wir unse­re Mit­glie­der und Kun­den, Part­ner und Mit­ar­bei­ter gefragt, in wel­che Pro­jek­te und The­men sie aktu­ell inves­tie­ren – denn die­se Inves­ti­tio­nen sind die Basis für die Erfol­ge von Mor­gen.“

Das klingt zunächst gut und wenig revo­lu­tio­när. Aber wer sich auf die­sen Geschäfts­be­richt ein­lässt, der kommt aus dem Stau­nen nicht mehr her­aus. So erwar­tet den unbe­darf­ten Leser gleich im ein­lei­ten­den Essay der Vor­stän­de der Bank fol­gen­der Satz:

Para­do­xe Welt? Vor­han­de­nes Inves­ti­ti­ons­geld kann nicht aus­ge­ge­ben wer­den, weil kein Geld da ist?“

??? Was ist damit gemeint?

Die Vor­stän­de wol­len damit auf den Sach­ver­halt hin­wei­sen, dass zahl­rei­che Mit­tel des Bun­des, die für das Jahr 2016 z.B. für Infra­struk­tur­maß­nah­men (Stra­ßen­bau, Breit­band) bereit­ge­stellt wor­den waren, gar nicht abge­ru­fen wur­den. Unter ande­rem des­halb, weil in den Bun­des­län­dern und den Kom­mu­nen auf­grund von Spar­zwän­gen schlicht die per­so­nel­len Kapa­zi­tä­ten dafür gefehlt hät­ten, sich mit den Bud­gets und deren kon­kre­ter Inves­ti­ti­on zu beschäf­ti­gen.

Erstaun­lich: da wei­sen drei Vor­stän­de einer Bank, von denen man erwar­tet, dass das Spa­ren für sie die höchs­te aller Tugen­den ist, auf die Schat­ten­sei­ten des Spa­rens hin (in die­sem Fall auf das Nicht-Geld-aus­ge­ben, was unterm Strich aber das glei­che ist wie spa­ren). Bevor wir nun jedoch den Vor­stän­den vor­wer­fen, dass sie ihren Job nicht ver­ste­hen, muss man sie viel­mehr dafür loben, dass sie den Unter­schied von Betriebs­wirt­schaft und Volks­wirt­schaft ver­stan­den haben. Denn so sinn­voll Spa­ren auf betriebs­wirt­schaft­li­cher Ebe­ne sein kann, so gefähr­lich kann es auf volks­wirt­schaft­li­cher Ebe­ne wer­den. Die­ser Effekt ist schon län­ger unter den Namen Spar­pa­ra­dox (geprägt von John May­nard Keynes) bekannt. Damit beschrieb Keynes den Sach­ver­halt, dass die Spar­be­mü­hun­gen auf indi­vi­du­el­ler (betriebs­wirt­schaft­li­cher) Ebe­ne die Nach­fra­ge und damit die Wirt­schaft abwür­gen. Was für einen pri­va­ten Haus­halt oder für ein ein­zel­nes Unter­neh­men sinn­voll sein mag, führt volks­wirt­schaft­lich, ins­be­son­de­re wenn die Wirt­schaft schwä­chelt, zu gro­ßen Pro­ble­men. Was tun? Wenn Unter­neh­men und pri­va­te Haus­hal­te spa­ren, ist nach Keynes nur noch der Staat in der Lage die­ses Para­dox auf­zu­lö­sen.

Tja, nur eben nicht in der heu­ti­gen Situa­ti­on, da der Staat selbst bereits soviel gespart hat, dass er gar nicht mehr inves­tie­ren kann. Kann man nur noch hof­fen, dass die Bank nicht spart, son­dern inves­tiert. In was also inves­tiert die VR-Bank West­müns­ter­land eG? Auf Sei­te elf fin­den wir dazu fol­gen­den Pas­sus: „Solan­ge also letzt­lich immer Men­schen in Men­schen inves­tie­ren und man sich des­sen bewusst ist, ist ein wich­ti­ges Fun­da­ment für ein nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten und Mit­ein­an­der gesi­chert. Eigent­lich ist alles ganz ein­fach …“

Tja, so ein­fach kann es sein und wir machen uns im Vor­feld der aktu­el­len Aus­ga­be Gedan­ken, grü­beln und dis­ku­tie­ren, um letzt­lich zu einer Ant­wort auf die Fra­ge zu kom­men, was das Leben ein­fach macht. Hät­ten wir den Geschäfts­be­richt vor drei Mona­ten gele­sen, dann hät­ten wir Ihnen viel­leicht eine ein­fa­che Aus­ga­be zum The­ma EINFACH LEBEN prä­sen­tie­ren kön­nen, so aber kön­nen wir nur mit den Wor­ten von Frank Ruda sagen: Es ist nicht ein­fach mit der Ein­fach­heit.

Doch wie kom­men wir über­haupt dazu einen Geschäfts­be­richt der VR-Bank West­müns­ter­land zu erhal­ten, in dem der Fra­ge nach­ge­gan­gen wird, in was man inves­tie­ren soll­te? Nun, auch wir wur­den ein­ge­la­den, uns Gedan­ken über das Inves­tie­ren zu machen und fol­gen­der Bei­trag von Tan­ja Will – den wir Ihnen nicht vor­ent­hal­ten wol­len – fin­det sich auf Sei­te 39 des besag­ten Geschäfts­be­richts:

 

 

Von der Weste zum Investment

von Tan­ja Will
Was für uns heu­te komisch klingt, war im 14. Jahr­hun­dert gang und gäbe: das Inves­tie­ren von Bischö­fen. Inves­tiert wur­den im spä­ten Mit­tel­al­ter kei­ne Gold­un­zen, son­dern Kir­chen­män­ner, die von Papst oder Kai­ser fei­er­lich mit den Zei­chen der Amts­wür­de beklei­det – also inves­tiert – wur­den. Im deut­schen Wort „Wes­te“ ist die­ser ursprüng­li­che Sprach­ge­brauch im Sin­ne des latei­ni­schen Wor­tes inves­tī­re („beklei­den“) erhal­ten geblie­ben. Mit den Han­dels­er­fol­gen der Bri­tish East India Com­pa­ny hielt das Inves­tie­ren dann im 17. Jahr­hun­dert Ein­zug in die Wirt­schaft: Als aben­teu­er­lus­ti­ge Kauf­leu­te mit Schif­fen bis nach Indi­en fuh­ren, um exo­ti­sche Waren ein­zu­tau­schen, wur­den sie dort vom wohl­ge­son­ne­nen Mogul mit indi­schen Ehren­ro­ben inves­tiert. Das Inves­tie­ren war also ein Ritu­al, dass den Gewinn von gesell­schaft­li­chem Anse­hen und Ein­fluss sym­bo­li­sier­te: Klei­der machen Leu­te.

Im 19. Jahr­hun­dert wur­de im Deut­schen erst­mals davon gespro­chen Geld zu inves­tie­ren – ihm also ein ande­res Gewand, eine neue Erschei­nungs­form zu geben, indem man es in Sach­wer­te anlegt und lang­fris­tig auf Pro­fit hofft. Fort­an wur­de unter inves­tie­ren nicht mehr der qua­li­ta­ti­ve Gewinn von Anse­hen und Ein­fluss, son­dern der quan­ti­ta­ti­ve Gewinn von Geld ver­stan­den. Ein Invest­ment soll­te nicht mehr die Bezie­hung zu Gott oder den Mit­men­schen sym­bo­li­sie­ren – die Kas­se soll­te klin­geln.

Heu­te, noch ein­mal rund 200 Jah­re spä­ter, schei­nen Anle­ger wie­der mehr von ihrem Invest­ment zu erwar­ten. Auf ein­mal hei­ligt der Pro­fit nicht mehr alle Mit­tel, und der Ruf nach ethi­schen, nach­hal­ti­gen, ja sogar reli­giö­sen Geld­an­la­gen wird laut. Inves­tie­ren ja – aber die Wes­te bleibt sau­ber! Immer mehr Fonds­ma­na­ger suchen nun für ihre Kun­den nach „sün­den­frei­en“ Anla­ge­pro­duk­ten, die nicht auf anrü­chi­ge Waf­fen, Ziga­ret­ten, Alko­hol, Glücks­spie­le oder Ero­tik set­zen. „Alles Augen­wi­sche­rei!“ unkt es bereits. Ethi­sche Pro­fi­te sei­en ein Wider­spruch in sich. Das gro­ße Gan­ze, das „Wirt­schafts­sys­tem“ ist spä­tes­tens seit der Finanz­kri­se 2008 unter Beschuss: Muss es immer Wachs­tum sein? Lässt sich Wirt­schaft anders den­ken? Wozu wirt­schaf­ten wir über­haupt?

In die­sem Punkt sind Inves­ti­tio­nen ihrer Wort­her­kunft treu geblie­ben, spie­geln sie doch  wider, was gesell­schaft­lich „in Mode“ ist: Heu­te wird die Pro­fit­wes­te im Schrank gegen die Ethik­wes­te aus­ge­tauscht – und vie­le sind sogar ver­un­si­chert, ob sie ihr Geld über­haupt noch in Wes­ten ste­cken sol­len. Der­zeit befin­den wir uns auf der Suche nicht nur nach einem neu­en Klei­dungs­stil, son­dern nach einem neu­en Lebens­stil; einem Lebens­stil, der die gro­ßen öko­no­mi­schen Fra­gen unse­rer Zeit beant­wor­tet und dem Inves­tie­ren Rich­tung und Sinn gibt. Schon Aris­to­te­les wuss­te, dass Reich­tum ein Werk­zeug und kein Ziel ist. Nut­zen wir es.

Digipolis: Die Beste aller Welten – Interview mit Petra Grimm

Digipolis: Die Beste aller Welten

Inter­view mit Petra Grimm vom Insti­tut für Digi­ta­le Ethik

 

Rafa­el Capur­ro, der auch Bei­rats­mit­glied des Insti­tuts für Digi­ta­le Ethik ist, spricht in unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be von einem glo­ba­len Cyber­ta­ri­at, das sich frei­wil­lig zum Skla­ven der IT-Gigan­ten gemacht hat. Sieht er die Situa­ti­on zu kri­tisch?

Prof. Dr. Petra Grimm ist Lei­te­rin des Insti­tuts für Digi­ta­le Ethik an der Hoch­schu­le der Medi­en in Stutt­gart.

Ich wür­de ergän­zend dazu von einer digi­ta­len Olig­ar­chie spre­chen, bei der sich die Markt­macht bezüg­lich digi­ta­ler Ange­bo­te, Infra­struk­tur und Ent­wick­lung auf weni­ge Unter­neh­men kon­zen­triert. Dass die Nut­zer sich nicht gegen die Data­fi­zie­rung ihrer Pri­vat­sphä­re auf­leh­nen und sich kei­ne Gedan­ken über den zuneh­men­den Ver­lust ihrer Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­frei­heit machen, hängt zum einen mit der man­geln­den Auf­klä­rung über die Fol­gen und zum ande­ren mit der man­geln­den daten­öko­lo­gi­schen Ver­ant­wor­tung der Unter­neh­men und Poli­tik zusam­men. Zum Bei­spiel habe ich ges­tern mit einem Gym­na­si­as­ten der 11. Klas­se über das The­ma Daten­schutz und Digi­tal­kom­pe­tenz gespro­chen, er hat­te in der Schu­le noch nie davon gehört. Das zeigt recht gut, dass wir noch einen hohen Bedarf an Auf­klä­rung haben und Pri­vat­heits­kom­pe­tenz brau­chen.

 

Eine der zen­tra­len The­men der Tagung „In pur­su­it of (vir­tu­al) hap­pi­ness?“ ist die Fra­ge, ob wir eine Ethik der Algo­rith­men brau­chen. Was kann man sich unter einer Ethik der Algo­rith­men vor­stel­len?

Eine Ethik der Algo­rith­men befasst sich mit den Aus­wir­kun­gen von Big Data und Künst­li­cher Intel­li­genz (KI) auf den Ein­zel­nen und die Gesell­schaft. Intel­li­gen­te Sys­te­me wer­den zukünf­tig in vie­len Lebens­be­rei­chen Ent­schei­dun­gen (selbst­stän­dig) tref­fen und damit die Hand­lungs­fä­hig­keit und Hand­lungs­mäch­tig­keit jedes Ein­zel­nen beein­flus­sen. Die zen­tra­le ethi­sche Her­aus­for­de­rung wird sein, intel­li­gen­te Sys­te­me human­ge­recht und wer­te­ori­en­tiert zu gestal­ten. Das heißt, das Ziel der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung soll­te sein, nicht nur Pro­zes­se zu opti­mie­ren und öko­no­mi­sche Effi­zi­enz zu erzie­len, son­dern auch unse­re Lebens­si­tua­ti­on zu ver­bes­sern, unse­re Hand­lungs­mög­lich­kei­ten zu erwei­tern und unse­re Auto­no­mie zu wah­ren. Eine human­ge­rech­te Ein­bin­dung intel­li­gen­ter Sys­te­me in hoch­kom­ple­xe Gesell­schaf­ten ist kei­ne indi­vi­du­el­le Ange­le­gen­heit, son­dern eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be. Des­halb braucht es einen gesell­schaft­li­chen Kon­sens dar­über, wie die Mensch-Sys­tem-Inter­ak­ti­on kon­trol­lier- und steu­er­bar ist.

 

Man geht davon aus, dass intel­li­gen­te Sys­te­me (Algo­rith­men) sich bald selbst­stän­dig ent­wi­ckeln wer­den. Damit wer­den sie zuneh­mend zu einer Black­box, sprich, man kann nicht mehr nach­voll­zie­hen, wie genau ihre Ent­schei­dungs­fin­dung ver­läuft. Kön­nen wir inso­fern nur noch dar­auf hof­fen, dass die Algo­rith­men eine eige­ne Ethik her­aus­bil­den?

Die Algo­rith­men kön­nen nicht selbst eine Ethik bil­den. Sobald Maschi­nen nicht mehr von Men­schen steu­er- und kon­trol­lier­bar sind, haben wir ein Pro­blem. Den Ste­cker zu zie­hen, ist kei­ne rea­lis­ti­sche Opti­on. Die zen­tra­le Her­aus­for­de­rung wird sein, ein Value-Based-Design zu ent­wi­ckeln, mit dem man bei selbst­ler­nen­den Maschi­nen (Machi­ne Learning, Deep Learning) ethi­sche Wer­te und Nor­men schon in der Ent­wick­lung imple­men­tie­ren kann. Um in der All­tags­pra­xis Ver­trau­en in intel­li­gen­te Sys­te­me zu bekom­men, bedarf es aus­rei­chen­der Infor­ma­tio­nen über deren Funk­ti­ons­wei­se und mög­li­che Kon­se­quen­zen. Des Wei­te­ren müs­sen die Sys­tem­me­cha­nis­men trans­pa­rent sein, um dar­aus Erkennt­nis­se für das eige­ne Han­deln ablei­ten und selbst bestim­men zu kön­nen, ob und in wel­chem Aus­maß man ihnen Ver­trau­en schen­ken kann. Hilf­reich hier­für wäre ein inter­dis­zi­pli­nä­rer Ansatz, der Infor­ma­tik und Ethik ver­knüpft. Eine Ethik der Algo­rith­men kann als Navi­ga­ti­ons­in­stru­ment die­sen Pro­zess durch Refle­xi­on, Ori­en­tie­rung und Mode­ra­ti­on steu­ern.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Die Bes­te aller Wel­ten wäre eine Digi­po­lis, in der Big Data und KI nicht nur für öko­no­mi­sche Zwe­cke genutzt wer­den, son­dern auch für das Gemein­wohl. Zum Bei­spiel kann die Digi­ta­li­sie­rung zur Res­sour­cen­scho­nung bei­tra­gen sowie für neue Mobi­li­täts­sys­te­me oder medi­zi­ni­sche For­schung und Anwen­dung hilf­reich sein. Die stei­gen­de Kom­ple­xi­tät der Gesell­schaft, die poli­tisch der­zeit von Popu­lis­ten negiert wird, könn­te durch die Digi­ta­li­sie­rung hand­hab­ba­rer wer­den. Aller­dings braucht es dazu auch ent­spre­chen­de Nar­ra­ti­ve der Digi­ta­li­sie­rung. Die Vor­stel­lung dar­über, was die Digi­ta­li­sie­rung dem Ein­zel­nen und der Gesell­schaft brin­gen könn­te, ist eigent­lich der­zeit eher durch öko­no­mi­sche Nar­ra­ti­ve der Inter­net-Gigan­ten und Tech-Unter­neh­men geprägt. Inwie­weit sie uns mehr Chan­cen­gleich­heit und ein gutes Leben bie­ten kann, wird viel zu wenig reflek­tiert, da die Öko­no­mi­sie­rung unse­rer Wer­te­sys­te­me in allen Berei­chen domi­niert.

 

 

 

 

Im Zen­trum der Tagung ste­hen Fra­gen wie: Wel­che Rol­le spie­len in Zukunft der Mensch und sei­ne spe­zi­fisch mensch­li­chen Leis­tun­gen, sei­ne Denk- und Steue­rungs­fä­hig­kei­ten, sei­ne Ent­schei­dun­gen inklu­si­ve sei­ner Unzu­läng­lich­kei­ten, sei­ne ganz eige­ne Intel­li­genz, sei­ne Wert­vor­stel­lun­gen, sei­ne ethi­schen Hal­tun­gen und Ori­en­tie­run­gen? Sind wir auf dem Weg zum vir­tu­el­len Glück? Um mit Aris­to­te­les zu spre­chen: Wel­che Art von mensch­li­cher Vor­treff­lich­keit wol­len wir in einer von Algo­rith­men gepräg­ten Zukunft anstre­ben, wel­ches Leben leben?

Am 21. Juni 2016 fin­det in Stutt­gart eine medi­en­ethi­sche Tagung zum The­ma „In Pur­su­it of (Vir­tu­al) Hap­pi­ness? Mensch, Maschi­ne, Vir­tu­el­le Rea­li­tät“ statt. Ver­an­stal­ter ist das Insti­tut für digi­ta­le Ethik (IDE), des­sen Bei­rats­mit­glied Prof. Dr. Rafa­el Capur­ro im Inter­view der aktu­el­len agora42 zu lesen ist. Das The­ma der Tagung sind Mensch-Maschi­ne-Inter­ak­tio­nen, die sich im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung ver­viel­facht, aus­dif­fe­ren­ziert und zuneh­mend in unse­ren All­tag ein­ge­schrie­ben haben. Intel­li­gen­te Sys­te­me “ler­nen” dabei anhand gro­ßer Daten­sät­ze und agie­ren zuneh­mend eigen­stän­dig.

Die Ver­an­stal­tung ist öffent­lich und kos­ten­los. Um Anmel­dung bis zum 14.07.2017 wird gebe­ten. Das kom­plet­te Pro­gramm fin­den Sie hier.

Im Vor­feld der Tagung haben wir ein Inter­view mit Frau Prof. Dr. Petra Grimm vom Insti­tut für Digi­ta­le Ethik geführt.

 

 

 

 

 

 

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Probeabo-Digialisierung2
+++ Jetzt gibt es die agora42 zum The­ma DIGITALISIERUNG im güns­ti­gen PROBEABO +++

Leitbilder Probeabo- Big Data, Inter­net der Din­ge, Block­chain oder künst­li­che Intel­li­genz: Was ändert die Digi­ta­li­sie­rung? Wie real ist die vir­tu­el­le Welt? Braucht die Wirt­schaft den Men­schen noch? Machen super­schlaue Maschi­nen uns zu sub­schlau­en Men­schen?

- inklu­si­ve Aus­ga­be Leit­bil­der GRATIS: Mit State­ments von Gun­ter Dueck, Marc Els­berg (“Black­out”), Micha­el Win­ter­hoff (“War­um unse­re Kin­der Tyran­nen wer­den”), Rein­hold Mess­ner, Armin Nas­sehi uvm.

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Editorial der Ausgabe: DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH

DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH

Der Kapitalismus, der alte Mann aus dem Nordwesten Englands, ist krank. Sehr krank.

Editorial Frank AugustinWenn man­che noch an der Ernst­haf­tig­keit sei­ner Krank­heit zwei­feln, liegt das dar­an, dass er sich als über­ra­schend wider­stands- und anpas­sungs­fä­hig erwie­sen hat. Mehr als nur ein­mal ist er tot­ge­sagt wor­den, doch immer wie­der ist er zurück­ge­kom­men, schien sogar stär­ker als zuvor.

Doch zuletzt war alles nur Show. Längst ist er selbst zu sei­nem größ­ten Geg­ner gewor­den. Sein zwang­haf­ter Aktio­nis­mus ver­hin­dert jeg­li­che Rege­ne­ra­ti­on und alle Ver­su­che, ihn zu kräf­ti­gen, füh­ren bloß zur wei­te­ren Schwä­chung. Auf Medi­ka­men­te wie Regu­lie­rung reagiert er hoch­all­er­gisch; wird ihm die Dro­ge Wachs­tum ent­zo­gen, kol­la­biert er umge­hend.

Kein Pro­blem, der Alte soll abtre­ten, er hat eh nur noch genervt? Nein, ein gro­ßes Pro­blem. Denn der Kapi­ta­lis­mus ist nicht bloß ein öko­no­mi­sches Sys­tem, das man, dem Leit­satz „Wirt­schaft für den Men­schen“ fol­gend, umbau­en könn­te. Er ist das gan­ze Sys­tem, umfasst die gan­ze Gesell­schaft, er hält sie mit sei­ner Dyna­mik, sei­nem Fort­schritts- und Wohl­stands­ver­spre­chen wie auch mit sei­ner Geld- und Pro­fit­lo­gik zusam­men. Er ist die glo­ba­le Leit­kul­tur, der Gott der Ungläu­bi­gen. Er sitzt in jeder Fami­lie, in jeder Knei­pe und bei jedem Mee­ting mit am Tisch.

So haben alle Recht, die der Ansicht sind, sein Able­ben wer­de kata­stro­pha­le Fol­gen haben. Ein Sys­tem lässt sich nicht wech­seln wie ein Auto­rei­fen. Doch wer dar­aus den Schluss zieht, es sei ver­nünf­ti­ger, dem Kran­ken bei­zu­ste­hen, liegt falsch. Denn je län­ger man ihn am Leben hält, des­to dra­ma­ti­scher sind die Fol­gen sei­nes Todes. Mit ande­ren Wor­ten: Wer vor der Kata­stro­phe zurück­schreckt, ver­grö­ßert sie. Mit jedem Tag wach­sen die Umwelt­pro­ble­me, neh­men die zwi­schen­mensch­li­chen und -staat­li­chen Span­nun­gen zu, steigt die Zahl der Erschöpf­ten und Frus­trier­ten, ent­ste­hen neue Bla­sen, wächst das Cha­os.

Die Wahr­heit ist also, dass wir kei­ne Wahl haben. Längst hät­ten wir anfan­gen müs­sen, einen Aus­stiegs- und Kata­stro­phen­plan zu ent­wi­ckeln – und zwar einen euro­päi­schen, weil jeder ein­zel­ne Staat damit über­for­dert wäre (und ein glo­ba­ler Plan zu früh käme). Das ist das Pro­jekt, mit dem man Euro­pa (nicht die EU!) ret­ten und end­lich die Euro­päi­sche Repu­blik erschaf­fen könn­te.

Was wäre das für eine Erleich­te­rung: end­lich all das sein zu las­sen, was offen­sicht­li­cher Blöd­sinn ist – und end­lich das Weni­ge ent­schlos­sen zu tun, was uns wie­der eine Per­spek­ti­ve gibt.

Ihr Frank Augus­tin

 

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Die Aus­ga­be zum The­ma KAPITALISMUS AUF DER COUCH kön­nen Sie hier ver­sand­kos­ten­frei bestel­len.

Gedankenspiel der agora42 4/2016

Z_punkt Kai Jannek25.02.2051

Liebes Tagebuch,

mitt­ler­wei­le ist die Stadt wie­der auf­ge­baut. Die Vier­tel, die Gebäu­de, die öffent­li­chen Plät­ze, alles sieht weit­ge­hend so aus wie vor­her. Und doch hat sich etwas ver­än­dert. Heu­te fiel es mir wie Schup­pen von den Augen. Ich war das ers­te Mal seit mehr als vier Wochen in mei­nem Lieb­lings­re­stau­rant „Zur fet­ti­gen Ente“ und es gab: kei­ne Ente. In der gan­zen Stadt bekommt man kei­ne Ente mehr. Kein Huhn. Kein Schwein. Kein Rind. Die Schlacht­häu­ser strei­ken. Genau genom­men: Die Robo­ter in den Schlacht­häu­sern strei­ken. Sie schlach­ten kei­ne Tie­re mehr. Sie könn­ten das nicht mehr, sagen sie. Aus mora­li­schen Grün­den. Der Her­stel­ler hat sofort den Brain­code der Maschi­nen upge­da­tet, aber das hat nichts genutzt. Die Robo­ter lie­ßen sich nicht dazu bewe­gen, ihre Arbeit wie­der auf­zu­neh­men. Sie sind nicht aus unse­rer Manu­fak­tur, aber ich ken­ne den Her­stel­ler. Und er hat das­sel­be Pro­blem wie wir zuletzt. Die Updates grei­fen nicht. Die Robo­ter stel­len ihren alten Brain­code von allein wie­der her oder ent­wi­ckeln ihn selbst­stän­dig wei­ter. Im Grun­de haben wir kei­ne Kon­trol­le mehr. Und die Kon­se­quenz ist dra­ma­tisch: Es gibt kein Fleisch mehr. Zumin­dest so lan­ge nicht, bis wir ein paar mensch­li­che Schlach­ter impor­tiert haben. In Euro­pa soll es eini­ge Ruhe­ständ­ler geben, die den Beruf noch erlernt haben. Aber auch dann wird Fleisch wahr­schein­lich noch ein­mal deut­lich teu­rer. Dabei ist ech­tes Fleisch schon jetzt ein abso­lu­tes Sta­tu­s­pro­dukt. Fast jedes Land erhebt eine saf­ti­ge Fleisch­steu­er. Schließ­lich will man die Kon­kur­renz auf dem Acker zwi­schen Fut­ter- und Nah­rungs­mit­teln ein wenig zu Guns­ten Letz­te­rer ver­schie­ben. Nun ja, das Pro­blem hat sich jetzt erst mal erle­digt. Am Spot­markt sind die Prei­se für Soja und Mais bereits heu­te früh um 60 Pro­zent ein­ge­bro­chen und ver­har­ren seit­dem auf nied­ri­gem Niveau. Und Däne­mark, ein Land, das sich ganz wesent­lich über die Fleisch­steu­er finan­zier­te, hat mitt­ler­wei­le Insol­venz ange­mel­det.

Die Geschich­te ist eine Far­ce. Wir haben mitt­ler­wei­le methanfreie Kühe; wir haben gen­ver­än­der­te Kühe, deren Milch das Ver­dau­ungs­en­zym Lak­ta­se ent­hält, sodass sie jeder Mensch beden­ken­los trin­ken kann; wir haben Schwei­ne, die Ome­ga-3-Fett­säu­ren anrei­chern und neben­bei güns­ti­ge Herz­klap­pen, Bauch­spei­chel­drü­sen und ande­re Ersatz­tei­le lie­fern; wir haben Hüh­ner und Enten, die in drei Mona­ten schlacht­reif sind. Aber sie wer­den nicht geschlach­tet. Aus­ge­rech­net jetzt strei­ken die Maschi­nen. Und begrün­den das auch noch mit dem nächs­ten, logi­schen Zivi­li­sa­ti­ons­schritt.

Kai Jannek

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Ich woll­te mir die Lau­ne davon nicht ver­der­ben las­sen. Ich frag­te Liu, den Chef­koch des Restau­rants, nach einer Alter­na­ti­ve. Liu ist ein abso­lu­ter Vir­tuo­se. Auch ohne Ente, da war ich mir sicher, wür­de er ein tol­les Gericht kre­ieren. Liu ließ einen smar­ten Algo­rith­mus zunächst eini­ge Rezep­te auf Basis mei­nes Pro­fils vor­schla­gen und ent­schied sich schließ­lich für ein Grün­kohl-Cur­ry mit gegrill­ten Heu­schre­cken. Heu­schre­cken gab es. Mit dem Töten von Insek­ten taten sich die Robo­ter offen­sicht­lich weni­ger schwer. Viel­leicht weil die Tie­re kein zen­tra­les Ner­ven­sys­tem haben. Da ich weder Lust auf wei­ches künst­li­ches Fleisch noch auf Tofu hat­te, folg­te ich der Emp­feh­lung des Küchen­chefs. Liu arbei­te­te in einer offe­nen Küche und ich konn­te ihm über die Schul­ter schau­en, als er das Gericht an einem gro­ßen Dis­play design­te. Wie ein Kom­po­nist spiel­te er mit Zuta­ten und Abläu­fen, schuf unge­wöhn­li­che For­men und Geschmacks­in­seln im vir­tu­el­len Gericht. Und als es an die Zube­rei­tung ging, gab er wie ein Diri­gent den Food­prin­tern und Koch­au­to­ma­ten den Takt vor, vari­ier­te Tem­pe­ra­tu­ren und Dyna­mik. Schließ­lich stand das Cur­ry duf­tend vor mir. Der Tel­ler leuch­te­te in einem sanf­ten Oran­ge­ton und setz­te den Grün­kohl mit die­sem Kon­trast wun­der­bar in Sze­ne. Der ers­te Bis­sen war eine Geschmacks­ex­plo­si­on. Und mit jedem wei­te­ren Bis­sen ver­voll­stän­dig­te sich die Melo­die auf mei­nem Gau­men. Die Heu­schre­cken krach­ten sanft und jede bot ein ganz eige­nes Geschmacks­er­leb­nis. Der Grün­kohl zer­floss förm­lich auf mei­ner Zun­ge. Er war erst vor drei Stun­den in einer Ver­ti­cal Farm, zwei Blocks ent­fernt, geern­tet wor­den. Auf dem Tisch waren alle rele­van­ten Infor­ma­tio­nen zur Her­kunft der Zuta­ten, ihrer mole­ku­la­ren Zusam­men­set­zung, Nähr­stof­fen, All­er­ge­nen und Patho­ge­nen ein­ge­blen­det. Aber selbst wenn hier irgend­et­was Schäd­li­ches gestan­den hät­te, ich hät­te nicht auf­hö­ren kön­nen, die­ses facet­ten­rei­che Kunst­ob­jekt zu genie­ßen. Das waren Pro­te­ine in ihrer schöns­ten Form. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 

 

Whistleblowers UK – Enthüller dieser Welt, vereinigt euch!

Aus aktu­el­lem Anlass wol­len wir hier ein Pro­jekt vor­stel­len, das wir in der Aus­ga­be VERÄNDERUNG por­trai­tier­ten:

 

Whistleblowers UK

Enthüller dieser Welt, vereinigt euch!

Was haben ein defek­ter Dich­tungs­ring, BSE und ein Pris­ma gemein­sam? All die­se The­men gelang­ten nur des­halb an die Öffent­lich­keit, weil Insi­der die bri­san­ten Infor­ma­tio­nen auf eige­ne Faust ver­öf­fent­lich­ten: Whist­leb­lo­wer. Rod­ger Bois­jo­ly, US-ame­ri­ka­ni­scher Raum­fahrt­in­ge­nieur, wies bereits vor der Chal­len­ger-Kata­stro­phe auf die Gefah­ren hin, die durch unge­eig­ne­te Dich­tungs­rin­ge ent­ste­hen kön­nen; Mar­grit Herbst, Tier­ärz­tin, klär­te über die ers­ten BSE-Fäl­le auf; und Edward Snow­den, einst­mals Tech­ni­ker bei der NSA, ent­hüll­te, in wel­chem Aus­maß US-ame­ri­ka­ni­sche und bri­ti­sche Geheim­diens­te auf Inter­net-Daten zugrei­fen (Prism & Co.).

Du bist nicht allei­ne!“ ermu­tigt Whist­leb­lo­wers UK (WBUK), eine gemein­nüt­zi­ge Orga­ni­sa­ti­on aus Eng­land, alle Hin­weis­ge­ber und Skan­da­lauf­de­cker die­ser Welt. Ian Fox­ley, der Initia­tor die­ser Web­page, bringt deut­lich zum Aus­druck, gegen wel­che Men­ta­li­tät sich sei­ne Initia­ti­ve rich­tet: „Die Ent­schul­di­gung, dass man nur Befeh­le befolgt, gilt spä­tes­tens seit den Nürn­ber­gern Pro­zes­sen am Ende des Zwei­ten Welt­kriegs nicht mehr.“ Whist­leb­lo­wer sind Per­so­nen, die sich nicht hin­ter Gehor­sam oder Pflicht­er­fül­lung ver­ste­cken, son­dern im Zwei­fel nach ihrem Gewis­sen han­deln.

 „We sur­vi­ve and main­tain our own secu­ri­ty often by tur­ning a blind eye. A whist­leb­lo­wer for many rea­sons goes against the flow and does not turn a blind eye.“ David Mor­gan

WBUK ist eine Anlauf­stel­le für alle, die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, Kor­rup­ti­on, Daten­miss­brauch und der­glei­chen auf­de­cken möch­ten. Das Netz­werk bie­tet recht­li­chen Bei­stand, psy­cho­lo­gi­sche Hil­fe sowie Ansprech­part­ner mit ent­spre­chen­der Exper­ti­se. Es gibt sogar regel­mä­ßi­ge Tref­fen, in denen bei­spiels­wei­se die psy­cho­lo­gi­schen Mecha­nis­men des Whist­leb­lo­wings dis­ku­tiert wer­den. Dabei for­dert WBUK kei­nes­wegs zum Denun­zi­an­ten­tum auf. Es geht beim Whist­leb­lo­wing viel­mehr dar­um, die für eine funk­tio­nie­ren­de Gesell­schaft not­wen­di­ge Trans­pa­renz zu schaf­fen. Damit sind Whist­leb­lo­wer in Zei­ten immer knap­pe­rer Bud­gets und zuneh­mend ober­fläch­li­cher Bericht­erstat­tung zu einer wert­vol­len Unter­stüt­zung für den inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus gewor­den.

Aber nicht nur im Ver­ei­nig­ten Königs­reich kön­nen Whist­leb­lo­wer mit Uner­stüt­zung rech­nen. Auch in Deutsch­land exis­tiert mit dem Whist­leb­lo­wer-Netz­werk e.V. eine ver­gleich­ba­re Ein­rich­tung, die sich für die Whist­leb­lo­wer ein­setzt – wie erst jüngst deut­lich wur­de, als auf deren Home­page gefor­dert wur­de, den Schutz für Whist­leb­lo­wer in die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on auf­zu­neh­men.

 

Mehr zu WBUK: wbuk.org

Mehr zu Whist­leb­lo­wer-Netz­werk e.V.: whistleblower-netzwerk.de/