Kann man Krisen vorhersagen?

Schein­bar aus dem Nichts gehen die Bör­sen welt­weit in die Knie and aller­orts wer­den Erklä­run­gen für die teils dra­ma­ti­schen Kurs­ein­brü­che gesucht bzw. ange­bo­ten – der US-ame­ri­ka­ni­sche Leit­in­dex hat ges­tern den größ­ten Tages­ver­lust seit sei­nem Bestehen ver­zeich­net. Auch wenn noch nicht sicher ist, ob die­se Kurs­ver­lus­te ledig­lich auf eine soge­nann­te Kurs­kor­rek­tur hin­deu­ten oder ob damit der Anfang einer Kri­se mar­kiert wird, haben wir in unse­rem Archiv doch etwas pas­sen­des zu die­sen Kurs­stür­zen gefun­den: eine Pro­phe­zei­ung.

In der Aus­ga­be 3/2018 BESITZ & EIGENTUM berich­te­ten wir über den Finanz­ma­the­ma­ti­ker (oder Betrü­ger, oder das Genie?) Mar­tin Arm­strong, der bereits zahl­rei­che Kri­sen vor­her­ge­sagt hat. Und wie das so ist mit Vor­her­sa­gen – mal tra­ten sie ein, mal lag er mit sei­ner Pro­gno­se dane­ben. Die Kri­se, die er am 8. Mai 2015 vor­her­sag­te, trat auf jeden Fall nicht ein, aber da die Grün­de für den von ihm pro­phe­zei­ten Beginn der nächs­ten gro­ßen Kri­se (den er für den 1. Okto­ber 2015 vor­her­ge­sagt hat­te) nach wie vor aktu­el­le sind und viel­leicht eine Erklä­rung für die Tur­bu­len­zen an den Bör­sen sein kön­nen, möch­ten wir Ihnen die­se Pro­phe­zei­ung nicht vor­ent­hal­ten. Zumal es ein äußerst kurz­wei­li­ges und infor­ma­ti­ves Lese­ver­gnü­gen ist:

 

Detail des Film­pla­kats The Fore­cas­ter

 

Beginnt die Krise am 1. Oktober 2015?

Filmpremiere von The Forecaster

Der SWR schrieb über den neu­en Film The Fore­cas­ter des Tübin­ger Doku­men­tar­fil­mers Mar­cus Vet­ter: „Wun­der­ba­rer Para­noia Film – mit dem Unter­schied, dass die Ver­schwö­rung wahr sein könn­te.“ Damit wird ein Gefühl zum Aus­druck gebracht, dem man sich selbst als kri­ti­scher und reflek­tier­ter Zuschau­er schwer ent­zie­hen kann, ein Gefühl der Beun­ru­hi­gung, weil man sich zwangs­läu­fig fragt: Was ist wahr an der Geschich­te? Auch wenn der Film vor­wie­gend die Zeit in den Blick nimmt, in der die US-ame­ri­ka­ni­schen Geheim­diens­te in das Leben des Prot­ago­nis­ten Mar­tin Arm­strong tra­ten und somit das bereits außer­ge­wöhn­li­che Leben eines Zah­len­ge­nies in einen Kri­mi ver­wan­del­ten, den sich kein Buch­au­tor bes­ser hät­te aus­den­ken kön­nen, lohnt es sich, einen kur­zen Blick auf die Bio­gra­fie Arm­strongs zu wer­fen: So soll er im zar­ten Alter von vier Jah­ren sei­ne Lei­den­schaft für sel­te­ne und dadurch wert­vol­le Mün­zen ent­deckt haben. Zuge­ge­ben, es ist eher unty­pisch für Kin­der, dass sie sich mit wert­vol­len Mün­zen aus­ein­an­der­set­zen, aber Kin­der kön­nen – wie jeder weiß – schnell zu einem ech­ten Exper­ten wer­den, wenn sie sich für etwas inter­es­sie­ren.

Da Arm­strong sei­ner Lei­den­schaft für Mün­zen treu blieb, ist es schon fast nicht mehr ver­wun­der­lich, dass er knapp zehn Jah­re spä­ter sei­ne bis dahin gewon­ne­nen Erfah­run­gen für sich zu nut­zen wuss­te und sei­ne ers­te Mil­li­on ver­dien­te, indem er sel­te­ne Mün­zen güns­tig kauf­te und teu­er ver­kauf­te. Doch wie man es von einem Zah­len­ge­nie erwar­ten wür­de, wand­te er sich bald abs­trak­te­ren Din­gen zu. In sei­nem Fall waren das die Preis­ent­wick­lun­gen von Roh­stof­fen und ande­ren Han­dels­gü­tern, die er ab Mit­te zwan­zig genau­er unter die Lupe nahm. War die Ver­öf­fent­li­chung die­ser Ana­ly­sen anfangs noch ein rei­nes Hob­by, bil­de­te es bald die Grund­la­ge für einen kos­ten­pflich­ten News­let­ter, den er par­al­lel zu sei­nen Stu­di­en­jah­ren an meh­re­ren Uni­ver­si­tä­ten her­aus­gab. Einen aka­de­mi­schen Abschluss erlang­te er übri­gens nicht. Statt­des­sen ent­wi­ckel­te er sei­ne Ana­ly­sen wei­ter und über­führ­te sie in ein Com­pu­ter­mo­dell. Mit die­sem Modell konn­te Arm­strong gro­ße Bör­sen­crashs und Wäh­rungs­kri­sen vor­her­sa­gen. So pro­phe­zei­te er etwa den Black Mon­day im Herbst 1987, den ers­ten Bör­sen­krach nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Damals erlitt der Dow-Jones-Index mit 22 Pro­zent den größ­ten Tages­ver­lust sei­ner Geschich­te. Auch den his­to­ri­schen Nik­kei-Abstieg im Jahr 1989 und die Russ­land-Kri­se in den Jah­ren 1998/1999 hat Arm­strong ziel­si­cher ange­kün­digt.

All dies ist jedoch noch nichts gegen das, was am 29. Sep­tem­ber 1999 sei­nen Anfang nahm. An die­sem Tag wur­de er fest­ge­nom­men, weil man ihn beschul­dig­te, ein Schnee­ball­sys­tem im Umfang von drei Mil­li­ar­den US-Dol­lar auf­ge­baut zu haben. Zahl­rei­che Unre­gel­mä­ßig­kei­ten wäh­rend des Ver­fah­rens, sie­ben Jah­re Beu­ge­haft – ohne Pro­zess oder rich­ter­li­ches Urteil – und danach wei­te­re fünf Jah­re in einem Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis (ohne Anrech­nung sei­ner bereits ver­büß­ten Zeit) sowie die Tat­sa­che, dass der Vor­wurf, ein Schnee­ball­sys­tems auf­ge­baut zu haben, nie bewie­sen wer­den konn­te, bie­ten Spiel­raum für Spe­ku­la­tio­nen über die Recht­mä­ßig­keit der Anschul­di­gun­gen. Für Arm­strong indes ist der Fall klar: Mit sei­nem Com­pu­ter­pro­gramm und sei­nen Vor­her­sa­gen war er eini­gen Men­schen zu mäch­tig gewor­den. Schließ­lich bie­tet ein Pro­gramm, mit dem man die Preis­ent­wick­lun­gen von Akti­en, Roh­stof­fen oder Wäh­run­gen vor­her­sa­gen kann, gewis­ser­ma­ßen die Mög­lich­keit, Geld zu dru­cken – was alle ande­ren Geld­ver­wal­ter, allen vor­an die mäch­ti­gen Häu­ser der Wall Street, zu poten­zi­el­len Fein­den macht. Außer­dem hat die­ses Wis­sen auch eine poli­ti­sche Spreng­kraft. Wer den Auf­stieg und Fall gan­zer Volks­wirt­schaf­ten vor­her­sa­gen kann, hat geo­po­li­tisch den ande­ren Natio­nen eini­ges vor­aus, was erklärt, war­um das FBI oder ande­re Geheim­diens­te ein so gro­ßes Inter­es­se an sei­nem Com­pu­ter­pro­gramm gehabt haben sol­len. Arm­strong wei­ger­te sich jedoch beharr­lich, sein Pro­gramm zugäng­lich zu machen, sodass er sich mäch­ti­ge Fein­de schuf, die ihn letzt­lich, so sei­ne Über­zeu­gung, für zwölf Jah­re hin­ter Git­ter brach­ten.

 

So span­nend dies alles auch ist, wünscht man sich im Ver­lauf des Films doch die eine oder ande­re kri­ti­sche Stim­me, die mit etwas Distanz die Figur Arm­strong und deren teils aben­teu­er­li­che The­sen ein­ord­net. Umso erfreu­li­cher war es, dass die Film­pre­mie­re vom Welt­ethos-Insti­tut, dem Kino Muse­um und der Fir­ma Film­per­spek­ti­ve in einen The­men­tag mit zahl­rei­chen Dis­kus­si­ons­run­den ein­ge­bet­tet wur­de und der Prot­ago­nist nach Tübin­gen ange­reist war. So wur­de am 8. Mai 2015 dem Publi­kum die Mög­lich­keit gege­ben, sich ein dif­fe­ren­zier­tes Bild von Mar­tin Arm­strong zu machen.

Am Ende des Abends war es jedoch gar nicht die Per­son Mar­tin Arm­strong, die im Fokus stand, son­dern die neu­es­te Pro­phe­zei­ung sei­nes Com­pu­ter­mo­dells, die an Dra­ma­tik noch nicht ein­mal von Arm­strongs Lebens­ge­schich­te zu über­bie­ten ist:

Arm­strong sagt vor­aus, dass am 1. Okto­ber 2015 die nächs­te Kri­se in Form eines Staats­an­lei­hen­crashs über uns her­ein­bricht.

Und so stand auch die Dis­kus­si­ons­run­de im Anschluss an die Film­prä­sen­ta­ti­on unter dem Titel „Staats­ver­schul­dung – ein gigan­ti­sches Schnee­ball­sys­tem?“ Um eine Ant­wort auf die­se Fra­ge zu fin­den, ver­sam­mel­ten sich Arm­strong selbst, der Bör­sen­ex­per­te Max Otte, Die­ter Schnaas, Chef­re­por­ter der Wirt­schafts­Wo­che, und Claus Dierks­mei­er, Direk­tor des Welt­ethos-Insti­tuts, auf dem Podi­um.

 

von li n. re.: Chris­to­pher Gohl, Claus Dierks­mei­er, Max Otte, Die­ter Schnaas, Mar­tin Arm­strong

Erstaun­li­cher­wei­se herrsch­te unter den Dis­ku­tan­ten voll­kom­me­ne Einig­keit dar­über, dass man bei der titel­ge­ben­den Fra­ge das Fra­ge­zei­chen durch ein Aus­ru­fe­zei­chen erset­zen kann. Schließ­lich ist es schon Jahr­zehn­te her, dass eine der gro­ßen Volks­wirt­schaf­ten Über­schüs­se erwirt­schaf­tet und die­se zur Til­gung ihrer Staats­ver­schul­dung ver­wen­det hat. Statt­des­sen wer­den jedes Jahr immer wei­te­re Schul­den auf­ge­nom­men, um alte Schul­den zu bezah­len. Doch damit nicht genug, wie Schnaas aus­führ­te: Berei­nigt man das Wirt­schafts­wachs­tum um die Neu­ver­schul­dung, so erkennt man, dass wirt­schaft­li­ches Wachs­tum seit Jahr­zehn­ten nur noch über wach­sen­de Schul­den erkauft wird; folg­lich han­de­le es sich dabei nur um eine Wachs­tums­il­lu­si­on.

Wie man in einer sol­chen Zeit den­noch Geld ver­die­nen kann, führ­ten Otte und Arm­strong mit unter­schied­li­cher Akzen­tu­ie­rung aus. Natur­ge­mäß unter­strich Otte die Vor­tei­le von Akti­en als lang­fris­ti­ge Ver­mö­gens­an­la­ge (ist er doch Namen­s­pa­te für einen Fonds über knapp 80 Mil­lio­nen Euro, die fast aus­schließ­lich in Akti­en inves­tiert sind), stimm­te jedoch mit Arm­strong über­ein, dass es für Otto-Nor­mal­in­ves­to­ren immer schwie­ri­ger sei, gegen die Ver­ban­de­lung von Spit­zen­po­li­ti­kern und Wall-Street-Finanz­eli­te anzu­kom­men. Am Bei­spiel von Gold­man Sachs wird dies beson­ders deut­lich. Die­se Bank unter­stützt gegen­wär­tig sowohl den repu­bli­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts­an­wär­ter Jeb Bush wie auch die demo­kra­ti­sche Kon­tra­hen­tin Hil­la­ry Clin­ton. „Who ever wins – Gold­man Sachs is on top.“ (Anmer­kung der Redak­ti­on: Dazu auf youtube.de unbe­dingt den kur­zen Clip „Erwin Pel­zig über Gold­man Sachs“ anse­hen.)

Im Zen­trum der Dis­kus­si­on stan­den jedoch Wachs­tums­il­lu­si­on und Wachs­tums­zwang, die Hand in Hand mit einer stei­gen­den Staats­ver­schul­dung gehen. Beson­ders inter­es­sant waren die unter­schied­li­chen Mei­nun­gen, inwie­weit die­se Ent­wick­lung über­haupt zu beein­flus­sen ist. Phi­lo­so­phisch gese­hen ging es also um die Fra­ge, ob der ein­zel­ne Mensch (und mit­hin auch die Gesell­schaft) die Mög­lich­keit zur Selbst­be­stim­mung hat oder ob die wirt­schaft­li­chen wie auch gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen einem Mus­ter fol­gen, das man letzt­lich nicht beein­flus­sen kann. Da dies eine Fra­ge ist, die auch die agora42-Redak­ti­on seit gerau­mer Zeit umtreibt, freu­ten wir uns, dass wir die Mög­lich­keit hat­ten, dies mit Arm­strong in einem kur­zen Inter­view zu dis­ku­tie­ren. Doch dazu mehr in nächs­ten Blog­bei­trag.

 

Mehr zu dem Film und dar­über hin­aus­ge­hen­den Mate­ri­al fin­den Sie unter: The Fore­cas­ter

Die Vermeidung der Steuervermeidung

Steuervermeidung
Die­ser Bei­trag ist in der Rubrik “Land in Sicht” in der aktu­el­len Aus­ga­be WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH erschie­nen. In die­ser Rubrik stel­len wir Unter­neh­men oder zivil­ge­sell­schaft­li­che Pro­jek­te vor, die öko­no­mi­sches und gesell­schaft­li­ches Neu­land betre­ten.
Steuervermeidung

Die Vermeidung der Steuervermeidung

und die Arbeit der EU-Kommission

Die Ver­öf­fent­li­chung der Para­di­se Papers am 5. Novem­ber 2017 beleg­te erneut, wie ver­mö­gen­de Pri­vat­per­so­nen und Unter­neh­men mit­tels Geld­wä­sche, Steu­er­split­ting und Ver­schleie­rung – unter ande­rem durch Grün­dung von Brief­kas­ten­ge­sell­schaf­ten und Nut­zung von Offshore-„Steueroasen“ – Steu­er­ver­mei­dung und Steu­er­hin­ter­zie­hung betrei­ben. Bereits durch die soge­nann­ten Luxem­burg-Leaks im Jahr 2014 wur­den vie­le die­ser Prak­ti­ken zur „aggres­si­ven Steu­er­ver­mei­dung“ bekannt. Bei­spiels­wei­se hat­te eine Luxem­bur­ger Toch­ter­ge­sell­schaft euro­päi­schen Part­ner- Nie­der­las­sun­gen Nut­zungs­rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums in Rech­nung gestellt, so dass die­se Nie­der­las­sun­gen ihr zu ver­steu­ern­des Ein­kom­men dra­ma­tisch redu­zie­ren konn­ten. Die­ses Vor­ge­hen war in den meis­ten Fäl­len voll­kom­men legal oder es gab, wie in vie­len durch die Pana­ma und Para­di­se Papers bekannt gewor­de­nen Fäl­len, kei­ne Mög­lich­keit dage­gen vor­zu­ge­hen – auch wenn die öffent­li­che Empö­rung dar­über unmiss­ver­ständ­lich zum Aus­druck brach­te, dass die­se Steu­er­ver­mei­dungs­prak­ti­ken als ille­gi­tim emp­fun­den wur­den.
Bei der EU-Kom­mis­si­on hat man die­se Empö­rung nun zum Anlass genom­men, eine Stra­te­gie gegen Steu­er­ver­mei­dung zu ent­wi­ckeln. Die Eck­pfei­ler die­ser Stra­te­gie sind ers­tens, eine schwar­ze Lis­te von Steu­er­oa­sen, zwei­tens, eine Trans­pa­renz­pflicht für Inter­me­diä­re (Anwäl­te, Bera­ter, Ban­ken etc.) und drit­tens das soge­nann­te Coun­try-by-Coun­try Reporting.

 

Nach­ge­frgat bei Mari­na Pop­zov, Beauf­trag­te für das Netz­werk Steu­er­ge­rech­tig­keit von Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal

 

Die Pana­ma Papers wie auch die Para­di­se Papers legen den Ein­druck nahe, dass man heu­te Steu­ern hin­ter­zie­hen kann, ohne dabei gel­ten­de Geset­ze zu bre­chen. Stimmt das?
Nicht ganz. Es gibt kei­ne Juris­dik­ti­on, die Steu­er­hin­ter­zie­hung oder Geld­wä­sche erlaubt, jedoch gibt es jene, die Mecha­nis­men zulas­sen, wel­che es fast unmög­lich machen, dabei erwischt zu wer­den. Die­se beru­hen immer auf der Ver­schleie­rung und Geheim­hal­tung von Infor­ma­tio­nen. So wird zum Bei­spiel die Ein­sicht in Unter­neh­mens­re­gis­ter für aus­län­di­sche Insti­tu­te erschwert und die Infor­ma­tio­nen ber wirt­schaft­lich Berech­tig­te nicht zen­tral erfasst. Das Pro­blem sind also nicht die Geset­ze, son­dern die man­gel­haf­ten Kon­troll- und Trans­pa­renz­maß­nah­men in den betref­fen­den Regio­nen.

 

Beim Tref­fen der EU-Finanz­mi­nis­ter in Brüs­sel sag­te der EU-Finanz­kom­mis­sar Pierre Mosco­vici: „Es ist abso­lut nötig, dass wir unser Pro­gramm gegen Steu­er­ver­mei­dung und aggres­si­ve Steu­er­pla­nung beschleu­ni­gen.“ Das Druck­mit­tel, das die rund 60 ange­schrie­be­nen Staa­ten dazu bewe­gen soll, ihre Steu­er­ge­set­ze zu refor­mie­ren, ist die Dro­hung, bei Nicht­ko­ope­ra­ti­on auf einer schwar­zen Lis­te zu lan­den. Ist die­ses Mit­tel aus­rei­chend?

Sol­che schwar­zen Lis­ten wur­den in den letz­ten 20 Jah­ren immer wie­der erstellt, mal vom IWF, mal von der OECD oder FATF und sind alle geschei­tert. Der Teu­fel steckt wie immer im Detail. Wie defi­niert man Steu­er­ver­mei­dung und wann genau wird die­se aggres­siv? Wie unter­schei­det man gute Buch­hal­tung von Aus­nut­zung? Sich auf eini­ge weni­ge Eck­punk­te in sol­chen Debat­ten zu eini­gen, ist sehr schwer und lang­wie­rig. Sobald sie ste­hen, wer­den die­se, aber auch nur die­se und meist nur auf dem Papier von den gelis­te­ten Län­dern erfüllt, um schnell wie­der von der Lis­te zu kom­men. Schwar­ze Lis­ten die­nen nicht als Dro­hung, son­dern bie­ten den Län­dern ledig­lich eine neue Platt­form zum „White­wa­shing“.
Eine bes­se­re Lösung ist Trans­pa­renz. Gro­ße Kon­zer­ne haben ganz unter­schied­li­che Geschäfts­mo­del­le und Struk­tu­ren und daher lässt sich nicht pau­schal, son­dern nur indi­vi­du­ell fest­stel­len, ob Steu­er­ver­mei­dung vor­liegt. Um eine sol­che Fra­ge über­haupt ange­hen zu kön­nen, muss man wis­sen, wie die Sach­la­ge aus­sieht und den Fall trans­na­tio­nal dis­ku­tie­ren. In wel­chem Land ver­dient das Unter­neh­men wie viel und in wel­chem Land zahlt es wie viel Steu­ern? Daher unter­stützt Trans­pa­r­en­cy Deutsch­land das auf EU- Ebe­ne vor­ge­schla­ge­ne Coun­try-by-Coun­try Reporting. Die­ses soll mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne zwin­gen, ihre Gewin­ne und Steu­er­zah­lun­gen voll­stän­dig, glo­bal und öffent­lich auf­zu­schlüs­seln. – Lei­der blo­ckiert aus­ge­rech­net Deutsch­land seit Jah­ren die­se Bemü­hun­gen. Man hat Angst, der Wirt­schafts­stand­ort könn­te an Attrak­ti­vi­tät ver­lie­ren.

 

Was spricht dage­gen, das EU- Steu­er­recht zu har­mo­ni­sie­ren? Damit könn­te man nicht nur das EU-inter­ne Steu­er­dum­ping been­den, son­dern auch glaub­wür­di­ger in den Ver­hand­lun­gen mit exter­nen Steu­er­oa­sen auf­tre­ten …
Schon jetzt wer­den vie­le inter­na­tio­na­le Stan­dards auch in Steu­er­fra­gen nicht natio­nal ent­wi­ckelt, son­dern von den Emp­feh­lun­gen glo­ba­ler Orga­ni­sa­tio­nen wie der OECD über­nom­men. Lang­fris­tig soll­te das auf EU-Ebe­ne und glo­bal wei­ter vor­an­ge­trie­ben wer­den. Nur so las­sen sich glo­ba­le Pro­ble­me lösen.

Schatz­in­seln – Wie Steu­er­oa­sen die Demo­kra­tie unter­gra­ben von Nicho­las Shax­son, erschie­nen im rot­punkt­ver­lag

Den­noch darf man nicht Stan­dards nur um der Stan­dar­di­sie­rung wil­len ein­füh­ren. Da kom­men wie­der die Details ins Spiel. Die ein­zel­nen EU-Mit­glie­der haben trotz des gemein­sa­men Wirt­schafts­raums unter­schied­li­che Bin­nen­wirt­schaf­ten. Alle gleich zu besteu­ern, könn­te Nach­tei­le für Ein­zel­ne berei­ten. Man muss also mit Augen­maß an die Sache her­an­ge­hen.
Glaub­wür­dig­keit wür­den wir vor allem dann gewin­nen, wenn wir Groß­bri­tan­ni­en und die USA als Ver­hand­lungs­part­ner über­zeu­gen könn­ten. Vie­le der „exter­nen Steu­er­oa­sen“, wie die US Vir­gin Islands, Ber­mu­da, Cayman Islands, Isle of Man und Jer­sey, sind in ihrer Gesetz­ge­bung immer noch an den Ein­fluss von West­mis­ter und Washing­ton gebun­den. War­um zwei der größ­ten Finanz­mäch­te der Welt sich für Maß­nah­men gegen Steu­er­hin­ter­zie­hung ein­set­zen und gleich­zei­tig bestimm­te Schat­ten­fi­nanz­plät­ze tole­rie­ren, ist eine span­nen­de Fra­ge, die den Rah­men des Inter­views sprengt. Allen inter­es­sier­ten Lesern lege ich an die­ser Stel­le das Buch Schatz­in­seln von Nicho­las Shaxon ans Herz, der auch für das Netz­werk Steu­er­ge­rech­tig­keit tätig ist.

 

Anmer­kung der Redak­ti­on: Im Rah­men die­ses Bei­trags stan­den wir auch im Aus­tausch mit der Pres­se­stel­le des Bereichs Taxa­ti­on and Custom Uni­on der Euro­päi­sch­ne Kom­mis­si­on. Wir baten die­se um Ant­wor­ten von Pierre Mosco­vici auf ähn­li­che Fra­gen, wie wir Sie Frau Pop­zov gestellt haben. Ant­wor­ten haben wir bekom­men (“back­ground infor­ma­ti­on”), dür­fen sie aber nicht ver­öf­fent­li­chen. Aller­dings ist in die­sem Fall auch nicht so inter­es­sant was gesagt wur­de, son­dern viel­mehr die Art und Wei­se, wie etwas nicht gesagt wur­de.

Zu die­ser back­ground infor­ma­ti­on  erhiel­ten wir auch Links zu den Ver­öf­fent­li­chun­gen der Arbei­ten der Kom­mis­si­on zur Bekämp­fung der Steu­er­ver­mei­dung:

 

EUROPE.MANIFESTO! — Eine Zukunft für Europa

Die­ser Bei­trag ist in der Rubrik “Land in Sicht” in der aktu­el­len Aus­ga­be WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH erschie­nen. In die­ser Rubrik stel­len wir Unter­neh­men oder zivil­ge­sell­schaft­li­che Pro­jek­te vor, die öko­no­mi­sches und gesell­schaft­li­ches Neu­land betre­ten.
Europe.Manifesto!

 

Fern­ab der Epi­zen­tren eines Euro­pas, das um sei­ne eige­ne Iden­ti­tät ringt, eines Euro­pas, das sich zwi­schen Trump, Putin und Erdo­gan fra­gen muss, wo es steht, eines Euro­pas, das sich mit Unab­hän­gig­keits­be­we­gun­gen, einem erstar­ken­den Rechts­po­pu­lis­mus, einer Flücht­lings­kri­se und einem ent­fes­sel­ten Finanz­ka­pi­ta­lis­mus aus­ein­an­der­set­zen muss – fern­ab von all dem fand in der Main Public Libra­ry of Copen­ha­gen zwi­schen Sep­tem­ber und Novem­ber eine Ver­an­stal­tungs­rei­he mit dem Titel „Europe.Manifesto!“ statt. Die Orga­ni­sa­to­ren sag­ten dazu:

Im Lich­te der welt­po­li­ti­schen Situa­ti­on und der ideo­lo­gi­schen Ent­wick­lung beleuch­ten wir die kom­ple­xe Geschich­te und die gegen­sätz­li­chen Vor­stel­lun­gen, die zusam­men die Idee Euro­pa aus­ma­chen. Die Gesprächs­rei­he ‚Europe.Manifesto!’ möch­te ein visio­nä­res und offe­nes Gespräch über Euro­pa als phi­lo­so­phi­sche Idee in einer zukunfts­ori­en­tier­ten Per­spek­ti­ve eta­blie­ren und alter­na­ti­ve poli­ti­sche Ide­en zu bei­spiels­wei­se Gemein­schaft, natio­na­le Iden­ti­tät und das Ver­hält­nis zwi­schen Stadt und Land for­mu­lie­ren. In einer Gesell­schaft, die von ideo­lo­gi­scher Pola­ri­sie­rung geprägt ist, möch­ten wir eher eine Grund­la­ge für den Dia­log als für die Debat­te schaf­fen.“

Bei den drei Ver­an­stal­tun­gen prä­sen­tier­ten ins­ge­samt sechs Den­ke­rin­nen und Den­ker eine Ana­ly­se bezie­hungs­wei­se eine Visi­on von Euro­pa. Die­se Mani­fes­te wer­den in Ver­bin­dung mit den Ver­an­stal­tun­gen im ATLAS Magasin zu lesen sein und nach Ende der Rei­he als Text­samm­lung ver­öf­fent­licht wer­den. Damit steht die Ver­an­stal­tung stell­ver­tre­tend für ein Nach­den­ken über Euro­pa, das abseits der gro­ßen Kund­ge­bun­gen und mas­sen­me­di­al­taug­li­chen Insze­nie­run­gen statt­fin­det; für ein ernst­haf­tes Nach­den­ken, das den Wunsch zum Aus­druck bringt, dass Euro­pa sei­nem Erbe und Anspruch gerecht wird.

Europe.Manifesto! wur­de kon­zi­piert von Jon Auring Grimm, Eli­sa­beth Skou Peder­sen und Niels Offen­berg, in Koope­ra­ti­on mit dem Goe­the-Insti­tut Däne­mark, dem Atlas Magasin und der Eksis­tensfilo­so­fisk Aka­de­mi.

 

NACHGEFRAGT BEI JON AURING GRIMM VON DER EKSISTENSFILOSOFISK AKADEMI.

Was ist Ihre Visi­on, Ihre Idee der Zukunft von Euro­pa?

During the Second World War Max Ernst pain­ted his mas­ter­pie­ce Euro­pe after the rain II. It depicts Euro­pe, hard­ly reco­gniz­ab­le after the dis­as­ter. Howe­ver, if you look clo­se­ly, fea­tures start to emer­ge, parts of ruins, faces, bones and crea­tures in the other­wi­se deso­la­te land­s­cape. A hard rain was fal­ling on Euro­pe as Ernst pain­ted it and it has rai­ned many times sin­ce. is rai­ses ques­ti­ons such as: „What remains a er the rain?“, „On what can we build?“, „Can we pre­vent the rain from fal­ling?“ and „How do we respond to vic­tims of rain?“

Sin­ce the atro­ci­ty of World War II at least one visi­on of Euro­pe has been defi­ned as a nega­ti­vist pro­ject, as Jörg Schaub con­clu­ded in his mani­festo. That is: the agree­ment that no such thing should be allo­wed to hap­pen again. A call for unity should pre­vent atro­ci­ty, gen­o­ci­de and dic­ta­tor­ship, at least in some parts of Euro­pe. This call for unity against fascism, natio­na­lism and tota­li­ta­ria­nism still stands.

Sin­ce this call for unity is a nega­ti­vist pro­ject, it need not ent­ail a fixed iden­ti­ty. The unity pro­mo­ted is the­re­fo­re not to be unders­tood as a call for uni­for­mi­ty. It should rather be a hera­cli­ti­an unity com­po­sed of a mani­fold of appar­ent­ly oppo­sing ele­ments. Thus, ent­ailing and embra­cing local cha­rac­te­ris­tics and mul­ti­pli­ci­ty, while also wel­co­m­ing what lies bey­ond its appa­rent bor­ders. New­co­mers from abroad are the­re­fo­re no thre­at to this idea of a Euro­pean iden­ti­ty, sin­ce the very call against uni­for­mi­ty con­sti­tu­tes Euro­pe as a non-iden­ti­ty. The call for non-iden­ti­ty is at its core a radi­cal idea, howe­ver, non-iden­ti­ty is the pre­mi­se for an open com­mu­ni­ty. An open com­mu­ni­ty is not only open becau­se it allows someo­ne to enter. No, it is rather expo­sed sin­ce it is not self-con­tai­ned. It embraces the very impos­si­bi­li­ty of being some­thing fixed. Its expo­sure is the­re­fo­re not a sign of weak­ness, but rather a sign of cha­rac­ter, inte­gri­ty and strength.

This is my visi­on:
Unity against fascism, tota­li­ta­ria­nism and natio­na­lism Unity against con­su­me­rism & capi­ta­lism
Unity against uni­for­mi­ty
Unity against iden­ti­ta­ria­nism

This visi­on might seem unat­tain­ab­le. Out of reach. Like the distant moon orbi­ting Jupi­ter. Howe­ver, the oce­an that might exits bene­ath the sur­face could be a con­ceiva­ble har­bor for life and thus hold the pos­si­bi­li­ty for com­mu­ni­ty. The pre­sent out­look, howe­ver, is much gloo­mier.

The visi­on of Europe.Manifesto! is much hum­bler: lets enga­ge in the con­ver­sa­ti­on! Let’s do it in a public space, whe­re ever­y­bo­dy can par­ti­ci­pa­te.

 

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Mit u.a.:

Ernst Ulrich von Weiz­sä­cker im Inter­view “Wachs­tum im Wider­spruch”

Niko Paech: “Wohl­stand im Wider­spruch”

Die­ter Schnaas: “Spe­ku­la­ti­on im Wider­spruch”

Sven Bött­cher: “Anders!” ist das neue “Bas­ta!”

Wird uns Bildung retten? Teil 1

Wird uns Bildung retten? – Teil 1

Haben wir ein Bildungsdefizit?

 

Regel­mä­ßig wird auf die fal­sche oder zu wenig Bil­dung ver­wie­sen, wenn dar­über sin­niert wird, war­um wir all die Pro­ble­me, die es zu lösen gilt, nicht gelöst bekom­men. Die­se Fra­ge wel­che oder wie viel Bil­dung nötig wäre, um die Wider­sprü­che zu lösen, die immer mehr unse­re Gesell­schaft durch­zie­hen, haben wir uns wäh­rend der Erstel­lung der aktu­el­len Aus­ga­be WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH auch gestellt. Wür­de man uns heu­te danach fra­gen, ob uns Bil­dung ret­ten kann, dann lau­tet die Ant­wort klar und deut­lich: Jein.

 

Prof. Dr. Edel­traud Gün­ther ist Pro­fes­so­rin am Lehr­stuhl für Betriebs­wirt­schafts­leh­re, ins­be­son­de­re Betrieb­li­che Umwelt­öko­no­mie an der TU Dres­den.

Die­se Ant­wort ist gewis­ser­ma­ßen der Essenz eines Erwe­ckungs­mo­ments – um es irgend­wie pathe­tisch und mys­tisch zu sagen –, der uns in Tübin­gen wider­fuhr. Ja, Sie haben rich­tig gele­sen, im beschau­li­chen Tübin­gen. Am 4. Dezem­ber 2017 fand im Welt­ethos Insti­tut (WEIT) die Ver­an­stal­tung “Klü­ger Wirt­schaf­ten – Wel­ches Wachs­tum brau­chen wir?” statt. Gela­den waren Prof. Dr. Edel­traud Gün­ther sowie Prof. Dr. Niko Paech. Wie der Titel bereits nahe­leg­te, dreh­te sich an die­sem Abend alles um die Fra­gen: “Wel­ches Wachs­tum brau­chen wir eigent­lich? Ist viel­leicht an einem bestimm­ten Punkt der öko­no­mi­schen Ent­wick­lung weni­ger unter Umstän­den tat­säch­lich mehr?”

Für die­je­ni­gen, wel­che noch nie die­sem Ver­an­stal­tungs­for­mat bei­woh­nen konn­ten, sei hier kurz der Ablauf erklärt. Aus­gangs­punkt für die Dis­kus­sio­nen bei „Klü­ger wirt­schaf­ten“ sind stets Bücher (an die­sem Abend war es das Buch Befrei­ung vom Über­fluss – Auf dem Weg in die Post­wachs­tums­öko­no­mie von Niko Paech) die von einer kom­pe­ten­ten Per­son kri­tisch gewür­digt wer­den (an die­sem Abend: Prof. Dr. Edel­traud Gün­ter). Im Anschluss hat der Autor des Buches die Mög­lich­keit, die­se Kri­tik ein­zu­ord­nen oder ihr zu wider­spre­chen. Im Anschluss an die­se Aus­spra­che ver­sam­meln sich die Vor­tra­gen­den mit Herrn Dr. Bernd Vill­hau­er, dem Geschäfts­füh­rer des WEIT (der regel­mä­ßig in der Kolum­ne Finanz & Ele­ganz bei uns bloggt), auf dem Podi­um und dis­ku­tier­ten zuerst mit­ein­an­der und dann mit den anwe­sen­den Gäs­ten. Und derer gab es genug. Der Saal war bre­chend voll, sogar vor dem Fens­tern – die gekippt sein muss­ten, damit nicht wie bei einem Rock­kon­zert nach und nach die Gäs­te umkipp­ten –, stan­den Men­schen und ver­such­ten der Ver­an­stal­tung fol­gen.

Das Buch Befrei­ung vom Über­fluss – Auf dem Weg in eine Post­wachs­tums­öko­no­mie von Niko Peach (oekom ver­lag, 2012)

Die­ses enor­me Inter­es­se an der Fra­ge nach Ziel und Zweck des Wachs­tums zeigt deut­lich, dass es in der Gesell­schaft ein gro­ßes Inter­es­se an Ant­wor­ten auf die­se gesell­schaft­lich wich­ti­ge Fra­ge gibt. Oder öko­no­misch aus­ge­drückt: Es gibt offen­sicht­lich eine gro­ße Nach­fra­ge nach Bil­dungs­an­ge­bo­ten, die das ver­mit­teln, was Bil­dung leis­ten soll – zum eige­nen Nach­den­ken zu befä­hi­gen, gewohn­tes in Fra­ge zu stel­len und neue Per­spek­ti­ven auf schein­bar aus­weg­lo­se Situa­tio­nen zu eröff­nen. Muss man doch zunächst ein­mal die Situa­ti­on ver­ste­hen in der man steckt, um einen Umgang damit fin­den zu kön­nen.

Inso­fern kann man die Fra­ge, ob wir ein Defi­zit an rich­ti­ger Bil­dung haben, klar mit Ja beant­wor­ten. Auch der enor­me Zuspruch den Niko Paech auf sei­ne Post­wachs­tums­öko­no­mie erfährt, zeigt, dass wir schlicht ein­fach mehr über das Funk­tio­nie­ren sowie die Impli­ka­tio­nen unse­res Wirt­schafts­mo­dells wis­sen müs­sen, um unse­re Situa­ti­on zu ver­ste­hen, und even­tu­ell auch unser Han­deln dem­entspre­chend  ändern zu kön­nen.

 

War­um man sich an die­ser Stel­le jedoch noch nicht ent­spannt zurück­leh­nen kann und wie der Abend wei­ter­ging, ver­ra­ten wir im nächs­ten Blog­post. Der­weil emp­feh­len wir Ihnen den Mit­schnitt des Abends: “Klü­ger wirt­schaf­ten” mit Prof. Niko Paech: Ist weni­ger mehr?

Gedankenspiele – Das 53. Freestyle Chess Tournament

26.03.2051

Liebes Tagebuch,

ich mel­de mich gera­de aus Abu Dha­bi, wo soeben das 53. Free­style Chess Tour­na­ment zu Ende gegan­gen ist. Yong, mein Chef, und Mito, sein Haus­halts­ro­bo­ter, haben den Wett­be­werb gewon­nen. Freu­en konn­ten sie sich nicht dar­über. Denn hier ging etwas nicht mit rech­ten Din­gen zu. Und hier ist einer der größ­ten Glau­bens­sät­ze der Moder­ne ins Wan­ken gekom­men.

Doch von Anfang an: Don­ners­tag frag­te mich Yong, ob ich Lust hät­te, ihn und Mito zu dem Tur­nier zu beglei­ten. Beim Free­style Chess tre­ten Groß­meis­ter und Ama­teu­re, Super­com­pu­ter und Robo­ter an, in weni­gen Fäl­len als Ein­zel­spie­ler und in den meis­ten Fäl­len in klei­nen Teams. Seit vie­len Jah­ren hat­ten aus­schließ­lich gemisch­te Teams aus Mensch und Maschi­ne das Tur­nier gewon­nen. Für die mensch­li­che Psy­che war die­ser Umstand ver­mut­lich recht zuträg­lich, was auch erklär­te, war­um der Wett­be­werb sich in den letz­ten Jah­ren zum media­len Groß­ereig­nis ent­wi­ckelt hat­te. Ich war neu­gie­rig und so saß ich Frei­tag­abend neben Yong und Mito im Über­schall­flie­ger nach Abu Dha­bi. Die bei­den hat­ten sich bereits im Vor­jahr für die End­run­de qua­li­fi­ziert und rech­ne­ten sich für den anste­hen­den Wett­be­werb wie­der gute Chan­cen aus.

Ein Droh­nen­ta­xi brach­te uns vom Flug­ha­fen zum immer noch prunk­vol­len Emi­ra­tes Palace Hotel, dem sei­ner Zeit teu­ers­ten Hotel der Welt, wo wir eine Sui­te bezo­gen. In der weit­läu­fi­gen Ball­hal­le waren unzäh­li­ge Tische mit Schach­bret­tern auf­ge­baut. Am nächs­ten Mor­gen nach dem mehr als üppi­gen Früh­stück und der Kon­trol­le der Doping­mit­tel began­nen dort die Vor­run­den­spie­le. Ich hat­te noch nie ein Schach­tur­nier besucht und war über­rascht von dem Tru­bel. Über den Tischen waren Noi­se Cat­cher ange­bracht, aber die­se waren dem Geräusch­pe­gel kaum gewach­sen. Zuschau­er konn­ten sich wäh­rend der Vor­run­de frei zwi­schen den Tischen bewe­gen, kom­men­tier­ten Spiel­zü­ge und applau­dier­ten ihren Favo­ri­ten. Die Schach­spie­ler selbst dis­ku­tier­ten laut­stark, vor allem dort, wo in grö­ße­ren Teams gespielt wur­de. Die Teams waren sehr divers. Groß­meis­ter mit und ohne Brain Com­pu­ter Inter­face, mensch­li­che Spie­ler im Team mit huma­no­i­den Robo­tern oder mit Chess Engi­nes mit oder ohne Aug­men­ted-Rea­li­ty-Front­end. An einem Tisch spiel­te eine älte­re Dame im Team mit einer intel­li­gen­ten Arm­pro­the­se, mit der sie sich aber offen­sicht­lich über­haupt nicht einig wur­de. Das Spiel­ma­te­ri­al sah auch nicht mehr aus wie frü­her. Die Schach­bret­ter leuch­te­ten und vibrier­ten, sie regis­trier­ten, wel­che Figur ein Spie­ler berühr­te, und zeig­ten die mög­li­chen Züge an. Und sie doku­men­tier­ten das Gesche­hen für die Zuschau­er in der Cloud.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Schon in der Vor­run­de zog ein huma­noi­der Robo­ter die Auf­merk­sam­keit vie­ler Zuschau­er auf sich. Man hat­te ihm als Ein­zel­spie­ler kei­ne hohen Chan­cen zuge­schrie­ben, aber er besieg­te ein ums ande­re geg­ne­ri­sche Team. Bei dem Robo­ter han­del­te es sich um einen Erl­kö­nig, also um einen Pro­to­ty­pen aus irgend­ei­ner Manu­fak­tur; kei­ne Ahnung wel­cher, die Mar­ken­em­ble­me waren abge­klebt. Nicht nur dass er gewann, war unglaub­lich, auch die Art und Wei­se, wie er gewann. Er zitier­te in sei­nem Spiel his­to­ri­sche Schach­par­ti­en und Schach­zü­ge von Bob­by Fischer, Gar­ri Kas­parow, Magnus Carl­sen und ZackS, er ahm­te die Signa­tu­re Moves von spiel­star­ken Schach­pro­gram­men wie Deep Blue, Stock­fish und Deep Shred­der nach. Er wich punk­tu­ell von den Ori­gi­nal­par­ti­en ab und zeig­te so auf, wo die his­to­ri­schen Groß­meis­ter Feh­ler began­gen hat­ten. Eine immer grö­ße­re Zuschau­er­trau­be bil­de­te sich um den Erl­kö­nig. Vor allem Robo­ter dräng­ten sich um ihn. Und sie rede­ten auf ihn ein. Immer mehr. Immer lau­ter. In einer Spra­che, die ich noch nie gehört hat­te. Sie schie­nen ihn brem­sen zu wol­len. Oder beschwich­ti­gen. Ich ver­stand zunächst nicht den Grund dafür. Doch als ich in die Augen der mensch­li­chen Zuschau­er sah, als ich in mich selbst hin­ein­horch­te, bemerk­te ich, dass sich da neben der Fas­zi­na­ti­on für die Spiel­wei­se die­ses Robo­ters noch ein ande­res Gefühl breit­mach­te. Es war Angst.

Bis ges­tern hat­te ich dar­an geglaubt, dass die bes­ten Ent­schei­dun­gen in Teams aus Mensch und Maschi­ne ent­ste­hen wür­den. Jetzt zwei­fel­te ich. Vor mehr als 30 Jah­ren hat­te ein euro­päi­scher Zukunfts­for­scher in Anleh­nung an das Fer­mi-Para­dox das K3n­n4j-Para­dox for­mu­liert. Es lau­te­te: „Aus­ge­hend von der Ent­wick­lungs­ge­schwin­dig­keit Künst­li­cher Intel­li­genz soll­ten Maschi­nen die mensch­li­che Spe­zi­es als zen­tra­le Ent­schei­dungs­trä­ger und Gestal­ter in weni­gen Jah­ren ver­drängt haben. Wir wer­den es aller­dings nicht bemer­ken.“ Anschei­nend bemerk­ten wir es doch. Und die Robo­ter, die auf den Erl­kö­nig ein­re­de­ten, ver­such­ten den Lauf der Din­ge auf­zu­hal­ten. Dann kam das Fina­le. Der Erl­kö­nig spiel­te gegen Yong und Mito und der Aus­gang schien vor­her­seh­bar. Aber es kam anders. Der Erl­kö­nig spiel­te wie ein ganz gewöhn­li­cher Chess Engi­ne. Er bau­te eine Ber­lin-Defen­se auf, er mach­te Feh­ler und ver­lor. Zur Ent­täu­schung der einen. Zur Erleich­te­rung der ande­ren. Bei der anschlie­ßen­den Sie­ger­eh­rung herrsch­te eine selt­sa­me Stim­mung. Ich nahm mir vor, Mito auf dem Heim­flug zu dem Vor­fall zu befra­gen. Ich hof­fe, ich bekom­me mehr her­aus. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 


 

Die­ser Bei­trag ent­stammt der Aus­ga­be 1/2018 der agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH, die Sie noch bis zum 29.03.18 ver­sand­kos­ten­frei bestel­len kön­nen.

Gedankenspiel – Nervenkitzel mit der Agentur für Extremerfahrungen

18.03.2051

Liebes Tagebuch,

ich sit­ze jetzt im Hyper­loop-Express auf dem Weg von Baishan zurück nach Hau­se und bin immer noch stark eupho­ri­siert von der Grenz­erfah­rung, die ich heu­te gemacht habe. Ich kom­me gera­de vom Apnoe-Tau­chen.

Die digi­ta­le Diät in der vor­he­ri­gen Woche hat­te mich Fol­gen­des gelehrt: Ich lebe in einer Sicher­heits­bla­se. Es gibt über­haupt kei­ne Risi­ken mehr. Die Apps lei­ten mich an poten­zi­ell Kri­mi­nel­len und Amok­läu­fern in mei­nem Umfeld vor­bei. Die Nano­bots eli­mi­nie­ren Krebs­zel­len und hal­ten mei­ne Tumo­re in Schach. Und auch das Wet­ter haben die Behör­den eini­ger­ma­ßen unter Kon­trol­le. Mir fehl­te der Ner­ven­kit­zel. Das merk­te auch Rosa, mein digi­ta­ler But­ler, und emp­fahl mir eine Agen­tur für Extre­mer­fah­run­gen. Ges­tern hat­te ich dort einen Ter­min. Sie hat­te Wing­su­it-Flü­ge, Stra­to­sphä­ren­sprün­ge, No-Limit-Apnoe-Tau­chen, Free-Solo-Safa­ris und Vul­kan­ab­stie­ge im offi­zi­el­len Ange­bot. Inof­fi­zi­ell wür­den sie auch orga­ni­sier­te Ent­füh­run­gen mit oder ohne Schein­exe­ku­ti­on anbie­ten, Ampu­ta­tio­nen und kon­trol­lier­te Herz­still­stän­de, erklär­te mir der Mit­ar­bei­ter. Das sei­en unglaub­lich inten­si­ve Erfah­run­gen. Mir fiel auf, dass ihm drei Fin­ger an der lin­ken Hand fehl­ten. Ich ent­schied mich für das Apnoe-Tau­chen, nicht zuletzt, weil ich als Kind ein­mal fast ertrun­ken wäre.

Heu­te Mor­gen nahm ich dann die Express­ver­bin­dung nach Baishan, wo mich ein Gui­de abhol­te und zum Hea­ven Lake brach­te. Der See ist gigan­tisch. Einer der höchs­ten, größ­ten und tiefs­ten Kra­ter­se­en der Welt. Auch das Pan­ora­ma des Chang­bai-Gebir­ges war beein­dru­ckend. Herb, der Gui­de, zeig­te mir und drei wei­te­ren Kurs­teil­neh­mern zunächst eini­ge Atem­übun­gen, mit denen wir unse­re Lun­gen dehn­ten. Dann führ­te er uns in das Mate­ri­al ein. Wir beka­men Tauch­mas­ken, Nasen­klam­mern und rela­tiv dick­wan­di­ge Neo­pren­an­zü­ge. Die Anzü­ge ver­füg­ten über ein Ret­tungs­sys­tem für den Fall, dass uns in gro­ßer Tie­fe der Druck­aus­gleich nicht gelin­gen soll­te. Er zeig­te uns, wie sich das Neo­pren explo­si­ons­ar­tig ver­steif­te und uns so vor dem gigan­ti­schen Was­ser­druck schüt­zen wür­de. „Andern­falls rei­ßen eure Lun­ge, Kie­fer- und Stirn­höh­len“, warn­te uns Herb. Dann spritz­te er uns noch einen Cock­tail aus Koh­len­di­oxid-Sca­ven­gern, Sauer­stoff-Releasern und künst­li­chen roten Blut­kör­per­chen. Vor allem die Sca­ven­ger waren wich­tig, um den Atem­re­flex län­ger zu unter­drü­cken. Die Sauer­stoff-Releaser wür­den eine Ohn­macht ver­hin­dern. In rela­tiv fla­chem Gewäs­ser übten wir noch den Druck­aus­gleich und fuh­ren schließ­lich mit dem Boot hin­aus auf den See. Herb steu­er­te eine Boje an, an der ein Seil­zug­sys­tem befes­tigt war. Ich war als Ers­ter an der Rei­he. Herb und ich spran­gen ins Was­ser und er hak­te mich an einem gro­ßen metal­li­schen Schlit­ten ein. Ich nahm drei tie­fe Atem­zü­ge, wie Herb es mir gezeigt hat­te, und tauch­te mit dem Kopf vor­an ab. Der Schlit­ten setz­te sich sofort in Bewe­gung und zog mich mit einer Geschwin­dig­keit von viel­leicht drei Metern pro Sekun­de hin­ab. Ich glitt in die Tie­fe. Es wur­de rasch dunk­ler und spür­bar käl­ter. Schnell spür­te ich den stei­gen­den Was­ser­druck, der sich als hef­ti­ger Schmerz im Ohr bemerk­bar mach­te. „Ihr müsst den Druck per­ma­nent aus­glei­chen!“, hat­te Herb uns ange­wie­sen. Ich press­te die Luft aus mei­nen Lun­gen in die Ohren. Ich hat­te die 100-Meter-Mar­ke längst pas­siert. Der Druck war kaum mehr aus­zu­hal­ten. Ich hät­te das Not­fall­sys­tem akti­vie­ren kön­nen. Aber ich war schon längst im Tie­fen­rausch. Endor­phi­ne durch­ström­ten mein Gehirn. Dann riss mein Trom­mel­fell. Aber ich hat­te es fast geschafft. Als ich die 200-Meter-Ziel­mar­ke schließ­lich erreich­te, war mei­ne Lun­ge auf die Grö­ße einer Oran­ge zusam­men­ge­presst. Und ich spür­te auch hier die Mikro­ris­se und schmeck­te Blut auf der Zun­ge. Wäh­rend mich ein mit Press­luft gefüll­ter Bal­lon wie­der nach oben zog, spür­te ich, wie die Nanoro­bo­ter in mei­nem Blut­kreis­lauf die Lun­gen­ris­se und das Trom­mel­fell bereits wie­der repa­rier­ten. Es krib­bel­te. Ich war schon eine gefühl­te Ewig­keit unter Was­ser. Der Atem­re­flex wur­de immer mäch­ti­ger.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Aber die Macht mei­nes Wil­lens war stär­ker. Ich unter­drück­te den Reflex. Ich war Herr über mei­nen Kör­per. Ich fühl­te die sich nähern­de Bewusst­lo­sig­keit. Doch kleins­te, genau dosier­te Sauer­stoff­schü­be aus den Oxy­gen-Releasern, die Herb mir gespritzt hat­te, hiel­ten mich in einem Schwe­be­zu­stand zwi­schen Bewusst­sein und Ohn­macht. Es fühl­te sich groß­ar­tig an. Dann schoss ich wie ein Kor­ken aus dem Was­ser und flu­te­te mei­ne Lun­gen mit fri­scher Luft. Als Herb mir an Deck half, war ich ein neu­er Mensch.

Jetzt bin ich auf dem Heim­weg, rau­sche mit dem Express­zug laut­los durch die Vaku­um­röh­re und über­le­ge bereits, wel­che Gren­ze ich als Nächs­tes über­win­den wer­de. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 

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wahre angstDie neue agora42 zum Thema WA(H)RE ANGST

mit

  • Heinz Bude im Inter­view
  • Frank Ruda: “Mut zur Angst”
  • Franz Kaf­ka im Por­trät
  • Spe­cial: Kunst­wer­ke zum The­ma von Jonas Bur­gert, Roger Bal­len, Sami­ra Frei­tag uvm.