Alles nicht so einfach: Wie entscheiden wir in komplexen Situationen?

Entscheiden in komplexen Situationen

von Marc Linz­ma­jer

Was ler­nen wir aus der Beschäf­ti­gung mit unse­rem Gehirn über die Art und Wei­se, wie wir Ent­schei­dun­gen tref­fen?

 

 

Sci­en­tists have final­ly dis­co­ve­r­ed what’s wrong with the brain: on the left side, the­re is not­hing right, and on the right side, the­re is not­hing left …“

Anony­mous

 

Pro­ble­me ratio­na­ler Ent­schei­dungs­fin­dung

Lie­be agora42-Leser, wie tref­fen Sie Ent­schei­dun­gen? Wenn Sie zur Beant­wor­tung die­ser Fra­ge die ein­schlä­gi­ge Lite­ra­tur über ratio­na­les Urtei­len, Den­ken oder Ver­hal­ten zura­te zie­hen, wer­den Sie wahr­schein­lich fol­gen­des lesen: Gute, „rich­ti­ge“ Ent­schei­dun­gen fol­gen den Regeln der Logik, den Geset­zen der Wahr­schein­lich­keits­theo­rie oder der Maxi­mie­rung des erwar­te­ten Nut­zens. Die­se Prin­zi­pi­en prä­gen in sämt­li­chen Berei­chen das Bild vom ver­nünf­ti­gen Men­schen – ange­fan­gen von der Öko­no­mie, der Phi­lo­so­phie, der Risi­ko­for­schung über die kogni­ti­ve Psy­cho­lo­gie und die Poli­tik­wis­sen­schaft bis hin zu Moral­theo­ri­en. Wenn Ihr Den­ken von die­sen Prin­zi­pi­en abweicht, ste­hen Sie im Ver­dacht, „falsch“ oder irra­tio­nal zu urtei­len. Die­se Prin­zi­pi­en waren jah­re­lang die Eck­pfei­ler der öko­no­mi­schen Theo­rie, anhand derer Model­le erstellt wur­den, die erklär­ten, wie wir Ent­schei­dun­gen tref­fen.

Komplexität

Die­ser Arti­kel ist erst­mals in agora42 Was macht das Leben kom­plex? erschie­nen. Die­se Aus­ga­be erhal­ten Sie gra­tis dazu, wenn Sie das aktu­el­le Heft zum The­ma EINFACH LEBEN bestel­len.

Doch bereits der gro­ße bri­ti­sche Öko­nom Alfred Mar­shall (1842–1924) erläu­ter­te im Vor­wort sei­nes bekann­tes­ten Werks, den Princi­ples of Eco­no­mics, dass die Öko­no­mie sich sowohl mit der Fra­ge nach dem mate­ri­el­len Wohl­stand befas­sen müs­se als auch mit der Fra­ge nach dem Wesen des Men­schen an sich. In die­ser Tra­di­ti­on defi­nier­te 1979 der US-ame­ri­ka­ni­sche Öko­nom Her­bert Simon den Kern der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten wie folgt: Sie – die Öko­no­mie – beto­ne die mensch­li­che Ver­nunft, ins­be­son­de­re die Anwen­dung der mensch­li­chen Ver­nunft zur mög­lichst effek­ti­ven und effi­zi­en­ten Ver­wen­dung knap­per Res­sour­cen. Wenn Sie sich vor Augen füh­ren, wie Sie tag­täg­lich Ent­schei­dun­gen tref­fen, kön­nen Sie bestimmt bestä­ti­gen, dass Sie Ent­schei­dun­gen nicht anhand eines voll­stän­di­gen Wis­sens der Situa­ti­on, eines per­fek­ten Gedächt­nis­ses und einer Rechen­leis­tung, die jener der neu­es­ten Super­com­pu­ter gleicht, tref­fen. Wir fol­gen oft Gewohn­hei­ten, Dau­men­re­geln („Pi mal Dau­men“) oder ver­las­sen uns auf das Urteil ande­rer. Para­do­xer­wei­se zeigt sich sogar, dass, je mehr Fak­to­ren wir iden­ti­fi­zie­ren, wel­che einer kom­ple­xen Ent­schei­dung zugrun­de lie­gen, wir des­to weni­ger in der Lage sind, die­se zu berück­sich­ti­gen – wir fan­gen dann auto­ma­tisch an, die­se zu redu­zie­ren. Die­se Sack­gas­se, in die uns die öko­no­mi­schen Ent­schei­dungs­mo­del­le führ­ten, erkann­te der berühm­te Essay­ist und Sozio­bio­lo­ge Edward Wil­son und argu­men­tier­te in einem Auf­satz im Jah­re 1998, dass wir, um zu ver­ste­hen, wie wir in unse­rem kul­tu­rel­len und sozia­len Umfeld Ent­schei­dun­gen tref­fen, die Evo­lu­ti­ons­theo­rie, die Human­ge­ne­tik und vor allem die Hirn­for­schung befra­gen müs­sen.

Wir fol­gen oft Gewohn­hei­ten, Dau­men­re­geln („Pi mal Dau­men“) oder ver­las­sen uns auf das Urteil ande­rer.

Nun, wir waren bei der Fra­ge: Wie tref­fen Sie Ent­schei­dun­gen? Sehen Sie sich jede Alter­na­ti­ve genau an, den­ken Sie über alle mög­li­chen Kon­se­quen­zen nach, und schät­zen Sie jedes Mal ab, mit wel­cher Wahr­schein­lich­keit die­se ein­tre­ten wer­den? Rech­nen Sie sich den (erwar­te­ten) Nut­zen sorg­fäl­tig ab und rech­nen die­sen die (erwart­ba­ren) Risi­ken gegen? Ver­hal­ten Sie sich also so, wie es gemäß der Defi­ni­ti­on des Homo oeco­no­mi­c­us zu erwar­ten wäre? Wenn nein: kei­ne Sor­ge, Sie ste­hen mit Ihrem Ent­schei­dungs­ver­hal­ten nicht allei­ne da. Zahl­rei­che Bei­spie­le wider­le­gen das Bild vom Homo oeco­no­mi­c­us. Ein beson­ders beein­dru­cken­des beschreibt Gerd Gige­ren­zer, deut­scher Psy­cho­lo­ge und Direk­tor am Max-Planck-Insti­tut für Bil­dungs­for­schung in Ber­lin. Bei beson­ders wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen, wie zum Bei­spiel der Ent­schei­dung, eine Ehe ein­zu­ge­hen, schei­nen wir nach beson­ders weni­gen Infor­ma­tio­nen zu suchen. So haben etwa 75 Pro­zent aller heu­te 50- bis 60-jäh­ri­gen Ame­ri­ka­ner die ers­te (!) Freun­din dann auch gehei­ra­tet. Bei den 40- bis 50-jäh­ri­gen sind es immer noch 50 Pro­zent und bei den 30- bis 40-jäh­ri­gen 33 Pro­zent. Bar­ba­ra Bush, die Gat­tin des frü­he­ren Prä­si­den­ten der USA, Geor­ge H. W. Bush, erklär­te ein­mal: „I mar­ried the first man I ever kis­sed.“ Wäre es nicht ratio­nal, mehr poten­zi­el­le Part­ner zu tes­ten, um sich über so vie­le Alter­na­ti­ven wie mög­lich bewusst zu wer­den? Auf die­se Wei­se soll der Astro­nom Johan­nes Kep­ler vor­ge­gan­gen sein: Als er nach einer unglück­li­chen ers­ten Ehe eine zwei­te Frau such­te, hat er sich ein bis zwei Jah­re Zeit genom­men, um etwa ein Dut­zend Frau­en genau­er zu stu­die­ren …

Ist weni­ger Suche, weni­ger Infor­ma­ti­on bes­ser? Oder umge­kehrt? Ist der deut­sche Wald von Steu­er­ge­set­zen bes­ser als ein ein­fa­che­res und damit durch­schau­ba­re­res Sys­tem? Könn­te nicht durch Ein­fach­heit mehr Trans­pa­renz erzeugt und damit das Ver­trau­en der Bür­ger in das Sys­tem gestärkt wer­den? Oder soll­te man auf kom­ple­xe Pro­ble­me auch mit kom­ple­xen Lösun­gen reagie­ren?

Wenn wir Men­schen in kom­ple­xen Situa­tio­nen gera­de auf­grund der Kom­ple­xi­tät nicht in der Lage sind, ratio­nal zu han­deln – weil es bei­spiels­wei­se zu vie­le Infor­ma­tio­nen gibt, die sich dann auch noch rasch ändern –, was befä­higt uns dann über­haupt noch zu han­deln? Sind es Dau­men­re­geln, derer wir uns in Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen bedie­nen? Ist es die Intui­ti­on, wie der Stra­te­gie­for­scher Karl Weick vor­schlägt? Sind Ent­schei­dun­gen abhän­gig von einem bio­lo­gisch regu­lier­ten Signal­sys­tem, das auf unse­ren Erfah­run­gen beruht – Fach­leu­te spre­chen hier von der Theo­rie der soma­ti­schen Mar­ker, die 1991 von dem Neu­ro­wis­sen­schaft­ler Anto­nio Dama­sio ein­ge­führt wor­den ist? Es scheint nicht mög­lich, eine end­gül­ti­ge Ant­wort auf die Fra­ge zu geben, wie wir kom­ple­xe Ent­schei­dun­gen tref­fen.

Soll­ten Sie den­noch wei­ter­le­sen, wer­den Sie eine Idee davon bekom­men, wie For­scher heu­te ver­su­chen, durch die Betrach­tung bis­lang ver­bor­ge­ner Pro­zes­se im Gehirn von Indi­vi­du­en in Zukunft bes­ser ver­ste­hen und erklä­ren zu kön­nen, wie wir Ent­schei­dun­gen tref­fen.

 

Das Wis­sen um das Wis­sen des Gehirns

Der Ver­such, die Hand­lungs­lo­gik des Indi­vi­du­ums im öko­no­mi­schen Kon­text durch neu­ro­na­le Pro­zes­se zu erklä­ren, ist der Aus­gangs­punkt einer gera­de ent­ste­hen­den Dis­zi­plin: der Neu­ro­öko­no­mie. Der Name ergibt sich dar­aus, dass die­se Dis­zi­plin die bis­her iso­liert neben­ein­an­der exis­tie­ren­den Dis­zi­pli­nen Bio­lo­gie (ins­be­son­de­re ihrer Aus­prä­gung als Hirn­for­schung) und Öko­no­mie ver­bin­det. Ziel die­ser Dis­zi­plin ist es, mit­hil­fe neu­ro­wis­sen­schaft­li­cher Ver­fah­ren her­aus­zu­fin­den, wie Kauf­ent­schei­dun­gen (und damit auch kom­ple­xe Ent­schei­dun­gen) von Kon­su­men­ten zustan­de kom­men. Sie haben Angst? Soll­ten Sie auch, denn die Neu­ro­öko­no­mie macht Ihre tiefs­ten Geheim­nis­se beob­acht­bar: War­um und unter wel­chen Umstän­den kau­fen Sie ein bestimm­tes Pro­dukt? Wenn die­se unbe­wuss­te Dimen­si­on Ihrer Ent­schei­dun­gen tat­säch­lich erkannt wer­den kann, was hin­dert dann bei­spiels­wei­se Unter­neh­men dar­an, die­se Ent­schei­dun­gen zu mani­pu­lie­ren? Kein Wun­der, dass die Neu­ro­öko­no­mie in der Öffent­lich­keit zunächst neu­gie­rig, dann zuse­hends kri­tisch dis­ku­tiert wur­de.

War­um kau­fen Sie ein bestimm­tes Pro­dukt? Sind wir bald alle Opfer des Neu­ro­mar­ke­tings und wan­deln wie Zom­bies durch die Shop­ping­mei­len der Innen­städ­te?

Die­se neu ent­stan­de­ne Dis­zi­plin bedient sich dabei einer Tech­nik, die in den letz­ten Jah­ren mit zuneh­men­dem Erfolg in der Hirn­for­schung ein­ge­setzt und als funk­tio­nel­le Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie bezeich­net wird. Mit­hil­fe die­ses Ver­fah­rens wer­den die Akti­vi­tä­ten in bestimm­ten Hirn­area­len, die durch äuße­re Impul­se (die Bewäl­ti­gung sozia­ler Kon­flikt­si­tua­tio­nen, öko­no­mi­scher Ent­schei­dungs­druck, Mar­ken­ver­glei­che) her­vor­ge­ru­fen wer­den, sicht­bar gemacht. Die Beob­ach­tun­gen eines ein­zel­nen Indi­vi­du­ums (Gehirns) die­nen dabei als Grund­la­ge, um auf ver­all­ge­mei­ner­ba­re Hand­lungs­lo­gi­ken aller Indi­vi­du­en (Gehir­ne) zu schlie­ßen. Nun ver­geht kein Tag mehr, an dem die stau­nen­de Öffent­lich­keit nicht mit neu­en Befun­den über die Eigen­mäch­tig­kei­ten des Gehirns unter­rich­tet wird, illus­triert durch gelb und rot „feu­ern­de“ Neu­ro­nen in grau­er Hirn­mas­se. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Erkennt­nis­se aus der Neu­ro­öko­no­mie auch die Fan­ta­si­en der Mana­ger und Mar­ke­ting­ex­per­ten beflü­gelt. Exper­ten im Bereich des Neu­ro­mar­ke­tings beschäf­ti­gen sich nun damit, Schleich­we­ge um die „ratio­na­len“ Ent­schei­dungs­pro­zes­se der Kun­den her­um zu fin­den, um die­se zu irra­tio­na­len Käu­fen zu ver­füh­ren.

Was nun? Sind wir bald alle Opfer des Neu­ro­mar­ke­tings und wan­deln wie Zom­bies durch die Shop­ping­mei­len der Innen­städ­te und fin­den uns nach einer Sams­tag­nach­mit­tag­shop­ping­tour mit lau­ter unnüt­zem Kram wie­der, von dem wir nicht mehr wis­sen, wann und war­um wir ihn gekauft haben?

 

Sind wir alle Zom­bies?

Die Vor­stel­lung eines Schal­ters, den man nur betä­ti­gen muss, um per Reflex ein gewünsch­tes Ver­hal­ten zu erzie­len, ist zu kurz gegrif­fen. Gäbe es den, wäre in der Tat die Neu­ro­wis­sen­schaft ethisch äußerst bedenk­lich für das Mar­ke­ting. Es stün­de zu befürch­ten, dass dies leid­lich aus­ge­nutzt wer­den wür­de. Zugleich wer­den die fas­zi­nie­ren­den Ein­sich­ten in die Arbeits­wei­se des mensch­li­chen Gehirns durch die Redu­zie­rung auf Mar­ke­ting­stra­te­gi­en tri­via­li­siert, und die höchst kom­ple­xe For­schung wird damit um ihre eigent­li­che Bedeu­tung gebracht. Zu einem gewis­sen Grad hängt das Neu­ro­mar­ke­ting der Illu­si­on nach, den Men­schen unbe­merkt Bedürf­nis­se ein­zu­pflan­zen, wel­che die Unter­neh­men dann ohne viel Pfle­ge nur noch zu ern­ten brau­chen. Nein, die bun­ten Bil­der aus der funk­tio­nel­len Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie lie­fern noch längst kei­ne voll­stän­di­ge Beschrei­bung des indi­vi­du­el­len Gehirns – und damit kei­ne umfas­sen­de und all­ge­mein­gül­ti­ge Vor­her­sa­ge über das Ver­hal­ten einer bestimm­ten Per­son. Denn Gehir­ne orga­ni­sie­ren sich auf­grund gene­ti­scher Unter­schie­de und nicht repro­du­zier­ba­rer Prä­gungs­vor­gän­ge durch Umwelt­ein­flüs­se selbst – und zwar auf sehr unter­schied­li­che Wei­se und indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­sen sowie einem indi­vi­du­el­len Wer­te­sys­tem fol­gend.

Nein, die bun­ten Bil­der aus der funk­tio­nel­len Magnet­re­so­nanz­to­mo­gra­fie lie­fern noch längst kei­ne voll­stän­di­ge Beschrei­bung des indi­vi­du­el­len Gehirns – und damit kei­ne umfas­sen­de und all­ge­mein­gül­ti­ge Vor­her­sa­ge über das Ver­hal­ten einer bestimm­ten Per­son.

Die neu­ro­öko­no­misch gewon­ne­nen Befun­de im Rah­men wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­cher Expe­ri­men­te sind in einer Hin­sicht jedoch höchst bemer­kens­wert: Wird die neu­ro­na­le Akti­vi­tät bei wirt­schaft­li­chen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen beob­ach­tet, stellt sich regel­mä­ßig her­aus, dass Men­schen sich von tief ver­an­ker­ten sozia­len Prä­fe­ren­zen, von Gefüh­len und offen­sicht­lich auch von kul­tu­rel­len Lern­pro­zes­sen lei­ten las­sen. Damit lie­fern sie, wie schon die Befun­de der Ver­hal­tens­öko­no­mie, wei­te­re gewich­ti­ge Argu­men­te, die dem Stan­dard­theo­rem der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten (ratio­na­le Hand­lung) wider­spre­chen.

Die Erkennt­nis­se der Neu­ro­öko­no­mie sind jedoch dahin­ge­hend begrenzt, dass eine gewis­se Por­ti­on Ratio­na­li­tät kei­nem Kun­den abge­spro­chen wer­den kann, ohne ihn auf einen rei­nen Reiz-Reak­ti­ons-Zom­bie zu redu­zie­ren. So bie­tet die Neu­ro­öko­no­mie vor allem die Mög­lich­keit, Pro­zes­se, die zu einer Ent­schei­dung füh­ren, dif­fe­ren­zier­ter betrach­ten zu kön­nen. Auch wenn der Trans­fer für die Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten (Stich­wort: Neu­ro­mar­ke­ting) das momen­tan wohl am meis­ten beach­te­te Teil­ge­biet der Neu­ro­wis­sen­schaf­ten ist, so sind die For­schungs­ge­bie­te so viel­fäl­tig wie das Leben und rei­chen von den natur­ge­ge­be­nen Grund­la­gen mensch­li­cher Lern­pro­zes­se über gene­ti­sche Vor­be­din­gun­gen des Den­kens bis hin zu Kon­se­quen­zen von Hirn­schä­di­gun­gen. Der­ar­ti­ge Stu­di­en illus­trie­ren sehr anschau­lich, dass der Begriff der „Neu­ro­öko­no­mie“ erst ein­mal nur die Beob­ach­tung von neu­ro­na­len Pro­zes­sen wäh­rend wirt­schaft­li­cher Hand­lun­gen defi­niert und nicht unbe­dingt mit jenen Vor­stel­lun­gen ver­ein­bar ist, die als Träu­me vom ent­rät­sel­ten Kun­den­hirn in den Köp­fen man­cher Mana­ger und Mar­ke­ting­ex­per­ten her­um­spu­ken.

Bei allem Fort­schritt kann die wah­re Natur kom­ple­xer Ent­schei­dun­gen noch nicht gänz­lich durch einen Blick in unser wich­tigs­tes Ent­schei­dungs­or­gan – das Gehirn – ergrün­det wer­den. Folgt man aber aktu­el­len Erkennt­nis­sen, soll­ten Sie vor wich­ti­gen (kom­ple­xen) Ent­schei­dun­gen eini­ge Din­ge beher­zi­gen: Schla­fen Sie aus (Har­r­i­son and Hor­ne 2000), essen Sie kein Junk­food (David­son et al. 2011), rau­chen Sie nicht (Kühn et al. 2010), und, natür­lich, berück­sich­ti­gen Sie alle zur Ver­fü­gung ste­hen­den Infor­ma­tio­nen …

 

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Blockchain & Bitcoin – was noch gesagt werden musste, Teil 3

Blockchain & Bitcoin

 Weiterentwicklung der Blockchain

Eine Fra­ge, um die man nicht her­um­kommt zu stel­len, wenn man sich mit dem The­ma Block­chain beschäf­tigt ist: Wird die Block­chain die Welt ver­än­dern?

 

Die­se Fra­ge ist nahe­lie­gend, wenn man sich nur mal ansieht, wer sich gera­de alles inten­siv mit dem The­ma beschäf­tigt. Die Bank of Eng­land ist ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel, wobei die ande­ren Inter­es­sen­ten an der Tech­no­lo­gie nicht weni­ger pro­mi­nent sind. So tüf­teln der­zeit 42 Ban­ken – dar­un­ter die Deut­sche Bank und die Com­merz­bank – gemein­sam an einem tech­ni­schen Stan­dard für Block­chains, weil die­se ihre Arbeit wesent­lich erleich­tern könn­ten. Und die aus­tra­li­sche Bör­se hat gera­de ver­lau­ten las­sen, dass sie die Tech­no­lo­gie tes­ten wird, um letzt­lich den gesam­ten Betrieb auf eine decen­tra­li­sed led­ger tech­no­lo­gy (DLT) umzu­stel­len. Das Inter­es­se für die­se Tech­no­lo­gie ist nicht wei­ter ver­wun­der­lich, wenn man sich ansieht, dass die Bit­co­ins zahl­rei­che zen­tra­le The­men der Finanz­welt betref­fen: z.B. das Mono­pol der Zen­tral­ban­ken der Geld­schaf­fung, die Mög­lich­keit Geld zu trans­fe­rie­ren, usw.

 

Man sieht also, dass die Block­chain im Main­stream ange­kom­men ist und zahl­rei­che wich­ti­ge Akteu­re sich mit der Anwen­dung die­ser Tech­no­lo­gie für ihre jeweils ganz spe­zi­fi­schen kon­kre­ten Anwen­dungs­fel­der beschäf­ti­gen. Doch was man nicht ver­ges­sen darf: Längst beschäf­ti­gen sich zahl­rei­che Per­so­nen mit der Weit­ent­wick­lung die­ser Tech­no­lo­gie. So haben bereits 2014 eini­ge jun­ge Pro­gram­mie­rer eine neue Block­chain-Tech­no­lo­gie ent­wi­ckelt, die weit über die Anwen­dung für eine Kryp­towäh­rung hin­aus­geht. Die­se neue Block­chain-Tech­no­lo­gie wur­de als Platt­form für soge­nann­te Dapps (Dis­tri­bu­t­ed Apps), die aus Smart Con­tracts bestehen, ent­wi­ckelt.

 

Die Idee der „Smart Con­tract“ ist es, gewis­ser­ma­ßen die old-fashio­ned Ver­trä­ge in Papier­form durch ein Com­pu­ter­pro­gramm zu erset­zen, der auto­ma­tisch die vor­her fest­ge­leg­ten Bestim­mun­gen über­prüft und ent­spre­chen­de Aktio­nen ver­an­lasst. Dies ermög­licht es (sofern eine vor­her defi­nier­te Ver­trags­be­din­gung erfüllt ist), dass bestimm­te Aktio­nen (zum Bei­spiel Aus­zah­lun­gen) auto­ma­tisch aus­ge­führt wer­den kön­nen. Wenn man das kon­se­quent vor dem Hin­ter­grund des Inter­net 4.0 zu Ende denkt, also berück­sich­tigt, dass bald mehr als 50 Mil­li­ar­den Maschi­nen unter­ein­an­der ver­netzt sein sol­len, für deren “Kom­mu­ni­ka­ti­on” unter­ein­an­der die Block­chain ein “Betriebs­sys­tem” sein könn­te, dann sieht man schnell, dass Smart Con­tracts den erlauch­ten Kreis der durch die Block­chain vom Aus­ster­ben bedroh­ten Insti­tu­tio­nen und Beru­fe (Zen­tral­ban­ken, Ban­ken) um zahl­rei­che wei­te­re ergän­zen muss (z.B. Nota­re, Bör­sen­händ­ler, Ver­wal­tungs­mit­ar­bei­ter in sämt­li­chen Tätig­keist­fel­dern).

 

Doch so unglaub­lich das Poten­zi­al die­ser Smart Con­tracts ist, so müs­sen all die­se Anwen­dun­gen erst noch pro­gram­miert wer­den, müs­sen sich Kun­den fin­den, die für die­se Anwen­dun­gen auch bezah­len. Denn von irgend­et­was müs­sen all die Pro­gram­mie­rer ja leben. Da dies jedoch nicht so ein­fach ist, kamen Anfang 2016 eini­ge Pro­gram­mie­rer auf die Idee, eine vir­tu­el­le Betei­li­gungs­fir­ma zu grün­den, die via Crowd­fun­ding Geld von Inves­to­ren ein­sam­melt. Die so kapi­ta­li­sier­te Betei­li­gungs­fir­ma soll­te dann als Inves­tor selbst die Pro­jek­te ihrer Erfin­der finan­zie­ren. Der Clou an der Sache war, dass die­se Betei­li­gungs­fir­ma selbst als Block­chain ange­legt war. Als Inves­tor an die­ser Betei­li­gungs­fir­ma unter­schrieb man kon­se­quen­ter Wei­se auch kei­nen Ver­trag,  der durch einen Notar beglau­bigt und dann im Han­dels­re­gis­ter archi­viert wur­de – nein, viel­mehr erklär­te man durch die Benut­zung die­ser Block­chain-Tech­no­lo­gie sei­ne Zustim­mung zum Gesell­schafts­ver­trag, der nichts ande­res war als der Pro­gramm­code. Die­se Idee ist nicht ganz abwe­gig, denn letzt­lich kann man einen Ver­trag wie einen Pro­gramm­code lesen. Defi­niert ein Ver­trag doch wie ein Code, was zu tun ist, wenn ein vor­her defi­nier­ter Fall ein­tritt. Der Unter­schied ist jedoch (und die­ser wur­de im Zuge des DAO Hacks, den ich wei­ter unten schil­de­re, inten­siv dis­ku­tiert) dass man sich bei der Pro­gram­mie­rung die­ser Betei­li­gungs­fir­ma nicht am gel­ten­den Recht ori­en­tier­te, son­dern an dem, was tech­nisch mach­bar war und als rele­vant für solch ein Unter­fan­gen erach­tet wur­de. Und so hat man sich im Vor­feld auch nicht mit der Fra­ge beschäf­tigt, ob das BGB oder der Pro­gramm­code gilt, wenn ein “Ver­trags­pas­sus” des Pro­gramm­codes für eine Funk­ti­on miss­braucht wird, für die sie nicht beab­sich­tigt war. Viel­leicht wur­de die­se Fra­ge­stel­lung zwar bedacht aber letzt­lich als irrele­vant erach­tet, weil die “Gesell­schaf­ter” die­ser Betei­li­gungs­fir­ma völ­lig anonym sind.

 

Gedacht getan. Die Idee war in der Welt und bis zum 28. Mai 2016 konn­te die Betei­li­gungs­fir­ma mit dem Namen Decen­tra­li­zed Auto­no­mous Orga­ni­sa­ti­on (DAO) ca. 150 Mil­lio­nen US-Dol­lar von über 11.000 Inves­to­ren ein­sam­meln. Was nun folg­te, war ein Wirt­schafts­kri­mi aller­ers­ter Güte. Denn nur drei Wochen spä­ter, am 17. Juni 2016, muss­ten die Grün­der und Inves­to­ren der DAO fest­stel­len, dass durch einen Hack der Soft­ware Gel­der von der DAO abge­zo­gen wur­den. Ins­ge­samt han­del­te es sich um rund 50 Mil­lio­nen US-Dol­lar. Der Hacker hat­te dabei eine Funk­ti­on in der DAO als Sicher­heits­lü­cke ent­deckt, die die Inves­to­ren eigent­lich schüt­zen soll­te. Doch zum Glück gab es eine wei­te­re Schutz­funk­ti­on, die der Com­mu­ni­ty 28 Tage Zeit gab, um das Geld zurück­zu­ho­len. Erst wenn die­se 28 Tage ver­stri­chen wären, hät­te der Hacker auf das abge­zo­ge­ne Geld zugrei­fen kön­nen.

Wäh­rend die Com­mu­ni­ty noch berat­schlag­te, tauch­te ein anony­mes Beken­ner­schrei­ben auf, in dem der Hacker dar­auf ver­wies, dass er ledig­lich im Rah­men des von der Tech­no­lo­gie Erlaub­ten gehan­delt habe. Und auch wenn er damit irgend­wie recht hat­te: Das Geld war erst mal weg. Wich­ti­ger noch waren die Fol­gen des Hacks: Denn die Reak­ti­on der DAO hat gezeigt, dass es – auch wenn bis­lang Gegen­tei­li­ges gesagt wur­de – doch mög­lich ist, eine Block­chain zu mani­pu­lie­ren (zumal wenn die­se noch so jung ist wie die, auf der die DAO auf­bau­te und wenn die­se von einer zen­tra­len Stel­le wie der Ethe­re­um Foun­da­ti­on ent­wi­ckelt wird). Denn kurz vor Ablauf der 28 Tage ent­schied man sich, die Block­chain zu mani­pu­lie­ren und so das Geld der Inves­to­ren zu sichern.

 

Damit wur­de zwar das Ver­spre­chen der Block­chain-Tech­no­lo­gie – die Unmög­lich­keit der Mani­pu­la­ti­on von Daten – gebro­chen, aber so para­dox es klin­gen mag, damit wur­de zugleich gezeigt, dass die Block­chain für zahl­rei­che kom­mer­zi­el­le Anwen­dun­gen ver­wen­den lässt. Schließ­lich ist es manch­mal klar von Vor­teil, wenn es eine Instanz gibt, die Feh­ler revi­die­ren kann und gene­rell die Kon­trol­le behält.

 

Wird die Block­chain also die Welt ver­än­dern? Auf die­se Fra­ge will ich hier kei­ne abschlie­ßen­de Ant­wort geben, aber man soll­te die­se Fra­ge bei den fol­gen­den Blog­bei­trä­gen stets im Hin­ter­kopf haben …

 

von Wolf­ram Bern­hardt, der sich über Feed­back wie immer freut  (wbernhardt(at)agora42(Punkt)de), den 30. Mai 2017

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Blockchain & Bitcoin – Was noch gesagt werden musste, Teil 2

Blockchain & Bitcoin

Bitcoin als Spekulationsobjekt

 

Der Grund wes­halb das The­ma Blockchain&Bitcoin so gro­ße Reso­nanz in der Pres­se erfährt, liegt zu einem gro­ßen Teil auch dar­an, dass es wohl kaum solch ein lukra­ti­ves Invest­ment in den ver­gan­ge­nen Jah­ren gab, wie der Kauf von Bit­co­ins – zumin­dest, wenn man früh genug ein­ge­stie­gen ist. Und sofern man den Kauf von Bit­co­ins als Inves­ti­ti­on bezeich­nen kann und nicht als Spe­ku­la­ti­on aller­ers­ter Güte. Denn hät­te man im März 2011 für 1.000 US-Dol­lar Bit­co­ins gekauft, ent­sprä­chen die­se heu­te einem Wert von 3.085.754 US-Dol­lar. Wow!

 

Kurs: unter 4USD/BTC

Ich glau­be mich zu erin­nern, dass ich das ers­te Mal von Bit­co­ins in Jahr 2011 in irgend­wel­chen Finanz­fo­ren im Inter­net gele­sen habe. Ich habe mich damals inten­siv mit sämt­li­chen Deri­va­ten aus­ein­an­der­ge­setzt, die mit­ver­ant­wort­lich für die Finanz­kri­se aus 2007/08 waren und fand dazu eini­ges in Foren, die man getrost als ner­dig bezeich­nen konn­te. Dort las ich das ers­te Mal von der Kryp­towäh­rung Bit­coin, konn­te mir dar­un­ter jedoch nicht wirk­lich etwas vor­stel­len und hielt das gan­ze noch für eine Spie­le­rei der Tech-Com­mu­ni­ty.

 

Kurs: Okto­ber 2013 120 USD/BTC, Dezem­ber 2013 1.150 USD/BTC

Als Ende 2013 in den Medi­en groß über die Platt­form Silk Road, die als vir­tu­el­ler Schwarz­markt in Schlag­zei­len kam, im Zusam­men­hang mit der Ver­haf­tung des mut­maß­li­chen Erfin­ders und Betrei­bers der Platt­form berich­tet wur­de, stol­per­te ich das nächs­te Mal über die Bit­co­ins. War doch die ein­zi­ge Wäh­rung, mit der man bei Silk Road Dro­gen, Waf­fen und Auf­trags­mor­de bezah­len konn­te, der Bit­coin. Nicht zuletzt durch die­se Bericht­erstat­tung erfuhr die Wäh­rung einen mas­si­ven Boom. Inner­halb von nur knapp 2 Mona­ten ver­zehn­fach­te sich fast der Kurs.

Grund der Ral­ly ist das zuneh­men­de Inter­es­se von Anle­gern aus Chi­na und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, wäh­rend gleich­zei­tig immer mehr Händ­ler Bit­co­ins akzep­tie­ren. Mitt­ler­wei­le kann mit ihnen im Inter­net alles Mög­li­che bezahlt wer­den — von Gum­mi­bär­chen bis zu Stu­di­en­ge­büh­ren.

Mei­len­stei­ne ver­mit­teln ten­den­zi­ell eine gewis­se Vali­die­rung, selbst wenn sie abso­lut will­kür­lich sind”, schrieb Nicho­las Colas, Chef-Markt­stra­te­ge von Con­verg-Ex Group in einer E-Mail. „1000 Dol­lar für einen Bit­coin zieht Auf­merk­sam­keit auf sich und gibt den Leu­ten, die der Wäh­rung gegen­über posi­tiv ein­ge­stellt sind, einen wei­te­ren Grund den Schwarz­se­hern mit­ten ins Gesicht zu lachen.”

 

Kurs: Janu­ar (2015) 220 USS/BTC

Nach die­ser spek­ta­ku­lä­ren Kurs­ex­plo­si­on ging der Kurs ein­mal in den Kel­ler. Die­se Nega­tiv­ten­denz wur­de durch die Fest­nah­me von zwei Betrei­bern von unab­hän­gig von­ein­an­der ope­rie­ren­den Tausch­bör­sen für Bit­co­ins unter­stützt. Doch zugleich akzep­tier­ten immer mehr Fir­men die Bit­co­ins als Zah­lungs­mit­tel – dar­un­ter das Rei­se­por­tal Expe­dia, die tages­zei­tung TAZ, die Wiki­me­dia Foun­da­ti­on und sogar Micro­soft. Den­noch trat zunächst ein­mal eine Ernüch­te­rung ein, was den Wech­sel­kurs bzw. den Wert der Wäh­rung betraf.

 

Kurs: Mai (2016) 450 UUS/BTC

Im Novem­ber 2015 schien sich der Kurs des Bit­co­ins wie­der zu erho­len und sta­bi­li­sier­te sich bis Mai 2016 um +/- 400 USD. Für die wei­te­ren Bei­trä­ge soll jedoch bereits dar­auf ver­wie­sen wer­den, dass bis Febru­ar 2016 die Fir­ma Namen Digi­tal Asset Hol­ding ihre ers­te Kapi­tal­run­de erfolg­reich schloss: Von insti­tu­tio­nel­len Inves­to­ren sam­mel­te die Fir­ma rund 60 Mil­lio­nen USD ein, dar­un­ter JP Mor­gan, Accen­ture PLC. Deut­sche Bank, Gold­man Sachs und IBM. Frei­lich waren das kei­ne Inves­ti­tio­nen in Bit­co­ins, son­dern in die zugrun­de­lie­gen­de Tech­no­lo­gie der Block­chain, ist es doch das Ziel der Fir­ma, die­se für Anwen­dun­gen in der Finanz­in­dus­trie nutz­bar zu machen.

 

Kurs: Mai (2017) 2.344 USD/BTC

Ab Juni 2016 setz­te dann ein erneu­ter Höhen­flug der Bit­co­ins ein, der bis­lang noch unge­bro­chen ist. Aus die­ser Zeit will ich nur auf die erstaun­li­che Ent­wick­lung rund die Grün­dung der Ethe­re­um Platt­form ver­wei­sen und in des­sen Zusam­men­hang auf die DAO – bei­des wer­de ich eben­so in spä­te­ren Arti­kel aus­führ­lich beschrei­ben.

Gleich­zei­tig wur­den zahl­rei­chen ETFs bei der SEC, also bei der US-ame­ri­ka­ni­schen Bör­sen­auf­sicht, zur Prü­fung ange­mel­det.  Was sich mit ETF so kom­pli­ziert anhört, ist letzt­lich nichts ande­res als ein Wert­pa­pier, des­sen Kurs sich fix aus dem Kurs von irgend­et­was ande­rem ergibt: Roh­stof­fen, Akti­en, gan­ze Akti­en­in­di­zes (DAX) oder eben auch – so die Idee all der Antrag­stel­ler – Bit­co­ins. Der Grund dafür, dass die Bit­coin Com­mu­ni­ty die­ser Aner­ken­nung so her­bei­sehn­te, ist, weil ab die­sem Zeit­punkt auch insti­tu­tio­nel­le Inves­to­ren in die “Wäh­rung” Bit­coin inves­tie­ren kön­nen. Dabei ver­steht man unter insti­tu­tio­nel­len Inves­to­ren gro­ße Ver­mö­gens­ver­wal­ter, Ban­ken, Ver­si­che­run­gen etc. Und genau die­se Inves­to­ren sit­zen gera­de auf enorm viel Geld, das nach Anla­ge­mög­lich­kei­ten sucht.

 

Was kann man nun aus all­dem fol­gern?

Jeder soll­te schon ein­mal von Bit­co­ins gehört haben, denn die Idee der Kryp­towäh­rung ist nicht mehr aus der Welt zu den­ken. Die Fra­ge, ob man solch eine “Wäh­rung”, als das Bit­co­ins gemein­hin bezeich­net wer­den, über­haupt braucht, stellt kei­ner – die Kurs­ent­wick­lung ist so spek­ta­ku­lär, dass sich die­se Fra­ge zu erüb­ri­gen scheint. Ja, soll­ten die Bit­coin-ETFs in abseh­ba­rer Zeit zuge­las­sen wer­den – wovon die Com­mu­ni­ty fest über­zeugt ist – ist zu erwar­ten, dass der Kurs auch locker die 5.000 USD/BTC sprengt. Wer spe­ku­lie­ren will, fin­det hier sei­ne Bestim­mung.

Der zwei­te Punkt ist die erstaun­li­che Tat­sa­che, dass bereits eini­ge Per­so­nen zu Mil­lio­nä­ren wur­den, ein­zig und allein des­halb, weil sie früh genug tat­säch­li­ches Geld – Euro, US-Dol­lar – in etwas gesteckt haben, was nicht mehr ist, als ein ver­dammt lan­ger Com­pu­ter­code. Im Jahr 2013 lagen auf 1.350 Kon­ten mehr als 1.000 Bit­co­ins von denen heu­te jeder USD-Mil­lio­när sein dürf­te. Und offen­sicht­lich gab es zu dem Zeit­punkt auch ein Kon­to dem 111.111 Bit­co­ins zuge­rech­net wur­den. Ange­nom­men der Besit­zer des Kon­tos hat sie immer noch, dann darf er sich inzwi­schen über ein Ver­mö­gen von ca. 260 Mil­lio­nen US-Dol­lar freu­en. Das dum­me an den Bit­co­ins ist nur: Wenn man sein Pass­wort zu sei­nem Kon­to ver­ges­sen hat, dann darf man sich zwar als Mil­lio­när füh­len aber hat kei­ne Mög­lich­keit mehr, an das Geld zu kom­men.

 

von Wolf­ram Bern­hardt, der sich über Feed­back wie immer freut  (wbernhardt(at)agora42(Punkt)de), den 30. Mai 2017

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Blockchain & Bitcoin – Was noch gesagt werden musste, Teil 1

Blockchain & Bitcoin

Start einer Blogserie

 

Ver­gan­ge­nen Sonn­tag stol­per­te ich per Zufall – sofern man in die­sem Fall von stol­pern spre­chen kann – über einen Twit­ter Account, der es offen­sicht­lich zur Auf­ga­be hat, Wer­bung für Kryp­towäh­run­gen zu machen. Als ich mir die­sen Twit­ter Account ansah, fie­len mir zwei Din­ge auf: Ers­tens, der Boom um Kryp­towäh­run­gen als Spe­ku­la­ti­ons­ob­jekt ist nach wie vor unge­bro­chen und zwei­tens, die Block­chain, als die zugrun­de­lie­gen­de Tech­no­lo­gie der Kryp­towäh­run­gen dient nach wie vor als Sto­ry, um den Hype um Bit­co­ins und Co. zu recht­fer­ti­gen. Bei­des ver­wun­dert mich nicht. Aber da ich in mei­nem Arti­kel “To block­chain or not to block­chain, that is the ques­ti­on” in der Aus­ga­be DIGITLAISIERUNG damit ende­te, dass man gut bera­ten ist, die Ent­wick­lun­gen um Bit­coin und Block­chain zu ver­fol­gen, möch­te ich ger­ne noch paar Gedan­ken zu die­sem The­ma for­mu­lie­ren, die nicht mehr in besag­ten Arti­kel Platz fan­den. Die­se Gedan­ken wer­de ich in loser Abfol­ge zu Papier – bzw. zu Tas­ta­tur, zu Bild­schirm zu was auch immer man heu­te ver­wen­det – brin­gen.

 

Die­se Gedan­ken betref­fen ganz unter­schied­li­che Berei­che, wie den nahe­lie­gen­den, das Kryp­towäh­run­gen wei­ter­hin zu Spe­ku­la­ti­ons­zwe­cken gekauft und ver­kauft wer­den, wie aber auch Fra­ge­stel­lun­gen, ganz ande­rer Natur:

  • Kön­nen Kryp­towäh­run­gen als Geld­ersatz die­nen?
  • Ist die Block­chain eine welt­ver­än­dern­de Tech­no­lo­gie?
  • Gibt es einen Wett­be­werb der unter­schied­li­chen Block­chain Stan­dards?
  • Inwie­fern füh­ren die digi­ta­len Tech­no­lo­gi­en zu einer Ver­fla­chung der Welt?
  • Wird das Rea­le die Hoheit über das Vir­tu­el­le behal­ten?

 

Der Arti­kel “To block­chain or not to block­chain, that is the ques­ti­on” erschien in der Aus­ga­be DIGITALISIERUNG 2/17

Dabei will ich mit die­ser Lis­te kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit erhe­ben. Ich bin über­zeugt, dass die­se Lis­te umso län­ger wird, je län­ger ich mich mit Blockchain&Bitcoin beschäf­ti­ge. Auch bin ich offen für Vor­schlä­ge (am bes­ten via E-Mail: wbernhardt(at)agora42(Punkt)de), immer­hin begin­ne ich gera­de erst an der Ober­flä­che des­sen zu krat­zen, was in die­sem Zusam­men­hang noch wert wäre, Erwäh­nung zu fin­den.

Als Start der Rei­he möch­te ich ger­ne besag­ten Arti­kel “To block­chain or not to block­chain, that is the ques­ti­on” in vier kur­zen Blog­bei­trä­gen zusam­men­fas­sen. Und ja, ich weiß sehr wohl, dass es kor­rekt “To be or not to be” heißt. Aber was viel­leicht nicht expli­zit im Arti­kel aus­ge­drückt wird, ist, dass es mir genau dar­um geht: Ganz oder gar nicht. Die Block­chain ist nicht ein­fach nur scheib­chen­wei­se zu bekom­men. Es geht inso­fern sehr wohl um die Wurst. 99% Block­chain ist immer noch nicht Block­chain, es müs­sen 100% sein – wie bei­spiels­wei­se gera­de die Bör­se von Aus­tra­li­en zeigt, die gera­de auf Block­chain Tech­no­lo­gi­en umstellt. Aber da ich das erst im Nach­gang zum Arti­kel her­aus­fand, will ich nicht vor­grei­fen.

 

Was ist die Blockchain?

Die wich­tigs­te Fra­ge, wenn man sich mit der Block­chain aus­ein­an­der­setzt ist, was die Block­chain eigent­lich ist. Hier die Ant­wort: Die Block­chain ist die abge­si­cher­ten Ver­ket­tung ein­zel­ner zu Blö­cken zusam­men­ge­fass­ter Daten und baut auf einer dezen­tra­len digi­ta­len Daten­bank auf, die man auch mit einem Jour­nal oder Regis­ter der Buch­füh­rung ver­glei­chen kann. Dies kann man sich ganz ein­fach anhand der Funk­ti­ons­wei­se von Bit­co­ins vor­stel­len, denen die ältes­te Block­chain zugrun­de liegt. So wer­den in die­ser Block­chain bei­spiels­wei­se die Besitz­rech­te an den Bit­co­ins sowie Trans­ak­tio­nen der jewei­li­gen Bit­co­ins fest­ge­schrie­ben, damit man wie bei einer guten Finanz­buch­hal­tung jeder­zeit nach­voll­zie­hen kann, wo jeder ein­zel­ne Geld­be­trag her­kommt und wohin er wie­der ver­schwin­det. Das beson­de­re an die­ser Art der Buch­füh­rung ist nun, dass es zahl­rei­che sol­cher Bücher oder Daten­ban­ken gibt, weil die „Buch­ein­trä­ge“ in zahl­rei­cher Aus­fer­ti­gung und dezen­tral gespei­chert wer­den und dass alles voll­stän­dig auto­ma­ti­siert und anony­mi­siert von stat­ten geht.

Die­se Trans­ak­tio­nen oder Buch­ein­trä­ge wer­den dann zu Blö­cken zusam­men­ge­fasst und chro­no­lo­gisch gespei­chert, gewis­ser­ma­ßen wie Ket­ten­glie­der, die inein­an­der­grei­fen – daher auch der Name „chain“ (deutsch: Ket­te). Durch die auf­ein­an­der auf­bau­en­de Spei­che­rung von Daten in einer Block­chain kön­nen die Daten nicht nach­träg­lich geän­dert wer­den, ohne die Inte­gri­tät der betref­fen­den Block­chain ins­ge­samt zu beschä­di­gen. Hier­durch wird die Mani­pu­la­ti­on von Daten erheb­lich erschwert – und so erüb­rigt sich auch eine drit­te Instanz zur Bestä­ti­gung der Inte­gri­tät von Trans­ak­tio­nen.

An die­sem Bei­spiel wird bereits deut­lich, dass die Idee der Kryp­towäh­rung nicht funk­tio­niert, wenn sie nur zu 50% über eine Block­chain abge­wi­ckelt wird – also: ganz oder gar nicht. Glei­ches gilt übri­gens auch für die Bit­coin als Spe­ku­la­ti­ons­ob­jekt, was ich in dem nächs­ten Bei­trag zei­gen wer­de.

 

von Wolf­ram Bern­hardt, den 15.März 2017

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Warum betreiben wir ein 200-jähriges Krisenprojekt überhaupt noch weiter? – Interview mit David Hemmerle

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­te Per­so­nen um Ant­wor­ten auf die zen­tra­len Fra­gen des Hef­tes gebe­ten. Hier die Ant­wor­ten von David Hem­mer­le.

Wenn ich mir die historischen Entwicklungen anschaue, hat der Kapitalismus noch nie so wirklich geblüht

1. Wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

David Hemmerle

David Hem­mer­le, Jahr­gang 1990, ist Mas­ter­stu­dent in Öko­no­mie und Gesell­schafts­ge­stal­tung an der Cusa­nus Hoch­schu­le. In sei­nem dor­ti­gen Stu­di­ums­schwer­punkt beschäf­tigt ihn die his­to­ri­sche Gene­se des Eigen­tums­be­griffs, spe­zi­ell im Hin­blick auf sei­ne rechts­öko­no­mi­sche sowie onto­lo­gi­sche Begrün­dung. In sei­ner Mas­ter­ar­beit unter­sucht er, wie sich das Eigen­tum im Zusam­men­hang mit der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung der Block­chain ver­hält.

Inter­es­sant am wirt­schaft­li­chen Sys­tem fin­de ich, wie eng das Ent­ste­hen des Gel­des mit dem des abs­trak­ten Den­kens ver­floch­ten ist. Wie die For­scher David Graeber und Karl-Heinz Brod­beck zei­gen, prägt der Umgang mit Geld unser Den­ken seit Jahr­tau­sen­den. Die heu­ti­gen Errun­gen­schaf­ten der Natur­wis­sen­schaf­ten und der Tech­nik gehen dar­auf zurück. Aller­dings läuft die­se Ent­wick­lung Gefahr, sich gegen uns zu keh­ren. Die Dia­lek­tik der Auf­klä­rung ist eben, dass die mono­li­thi­sche Wahr­heit einer auf­ge­hen­den mathe­ma­ti­schen Glei­chung im von der Rea­li­tät ent­kop­pel­ten Ver­stand eine eige­ne anthro­po­zen­tri­sche Mytho­lo­gie ent­fal­tet. Wenn die von Öko­no­men ent­deck­ten „Geset­ze“ gel­ten, weil ihre inne­re Kon­sis­tenz mathe­ma­tisch beweis­bar ist, dann stellt sich vor dem Hin­ter­grund eines unse­re eige­ne Exis­tenz gefähr­den­den Kapi­ta­lis­mus die Fra­ge, ob dies die ein­zig legi­ti­me Wahr­heits­fin­dung ist. Ich den­ke daher, das der omni­prä­sen­ten Bedeu­tung der Zahl (auch in Form des Gel­des) eine Refle­xi­on über die onto­lo­gi­schen Gren­zen die­ses Blicks auf die Welt ent­ge­gen­ge­setzt wer­den soll­te, die um die Dis­kus­si­on alter­na­ti­ver epis­te­mi­scher Sym­bo­li­ken ergänzt wird.

 

2. War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Ich den­ke nicht, dass die mensch­li­che Natur den Kapi­ta­lis­mus not­wen­dig her­vor­bringt. Er wird aller­dings häu­fig als not­wen­di­ge Kon­se­quenz der mensch­li­chen Ent­wick­lung dar­ge­stellt. Der Mensch kann sei­ne Hand­lungs­wei­sen jedoch kul­tu­rell reflek­tie­ren. Wenn Öko­no­men von den Geset­zen des Mark­tes oder alter­na­tiv­lo­sen Sach­zwän­gen spre­chen, bin ich skep­tisch, wel­che Annah­men sie zuvor über die mensch­li­che Natur getrof­fen haben. Wer­fe ich dann einen Blick auf die mathe­ma­tisch-funk­tio­na­len Axio­me, die den Men­schen als nut­zen­ma­xi­mie­ren­den homo oeco­no­mi­c­us beschrei­ben, stel­le ich mir die Fra­ge: Wo sind da die refle­xi­ven Fähig­kei­ten des Men­schen, durch die er sein Han­deln hin­ter­fra­gen könn­te? Brau­chen wir noch Rich­te­rIn­nen, Psy­cho­the­ra­peu­tIn­nen oder Leh­re­rIn­nen, die uns dazu anlei­ten, unser Han­deln zu über­den­ken, oder Medi­ta­ti­on, um uns sei­ner Impul­se bewusst zu wer­den, wenn ohne­hin alle Prä­fe­ren­zen gege­ben sind und Ent­schei­dun­gen nut­zen­ori­en­tiert fal­len?
Wel­chen Ein­fluss hat Den­ken und Han­deln mit Geld dar­auf, dass ich mei­nen Vor­teil suche? Ist der Umgang mit Geld auf Märk­ten alter­na­tiv­los oder kön­nen wir uns ande­re Ver­hal­tens­mo­del­le vor­stel­len? Im Neo­li­be­ra­lis­mus wer­den das Geld und das Preis­sys­tem als anthro­po­lo­gi­sche Kon­stan­ten dar­ge­stellt, die jen­seits eines gestal­te­ri­schen Zugangs lie­gen. Statt­des­sen sol­len wir uns ihnen unbe­wusst unter­ord­nen. Inzwi­schen warnt bereits der vor­sit­zen­de Rich­ter des Ver­fas­sungs­ge­richts, Andre­as Voß­kuh­le, vor einer Ver­hand­lung über den ESM, dass eine Ent­schei­dung vor dem Hin­ter­grund der Reak­ti­on der Märk­te getrof­fen wer­den soll­te. Wem über­las­sen wir es damit, die Regeln unse­rer Gesell­schaft zu set­zen – einem Markt?

 

3. In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über? Und wie geht es wei­ter?

Wenn ich mir die his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen anschaue, hat der Kapi­ta­lis­mus noch nie so wirk­lich geblüht – wenn dann, nur für weni­ge. Schon immer war der Kapi­ta­lis­mus von Kri­sen geprägt, die mit gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen ein­her­gin­gen. Viel­leicht ist der Kapi­ta­lis­mus selbst das Resul­tat einer gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung, wie bei­spiels­wei­se der Bevöl­ke­rungs­ex­plo­si­on im 18. Jahr­hun­dert. War­um betrei­ben wir ein 200jähriges Kri­sen­pro­jekt über­haupt noch wei­ter?
Wenn wir den Kapi­ta­lis­mus jedoch tie­fen­psy­cho­lo­gisch „auf der Couch“ behan­deln, könn­ten wir einen Blick auf die unbe­wuss­ten Pro­zes­se wer­fen, die einer kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft zugrun­de lie­gen. Wel­che Instink­te und Emo­tio­nen wer­den getrig­gert, wel­che lie­gen brach? Ganz offen­sicht­lich sind Angst, Gier und refe­ren­ti­el­ler Selbst­be­zug die Zug­pfer­de einer wett­be­werbs­ori­en­tier­ten Markt­ge­sell­schaft. Wie dar­aus jemals ein har­mo­ni­sches Gleich­ge­wicht ent­ste­hen soll, ist den Men­schen­kennt­nis­sen der öko­no­mi­schen Theo­re­ti­ker über­las­sen.
Wen­den wir uns statt­des­sen den gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen für eine lebens­wer­te Zukunft zu, erscheint mir die Fra­ge rele­vant, wel­chen struk­tu­rel­len Nähr­bo­den wir für unser sozia­les Mit­ein­an­der anstre­ben. Ängs­te kön­nen abge­fan­gen und Begier­den Gren­zen gesetzt wer­den. Aber wel­che mensch­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen wol­len wir för­dern? In der Anti­ke oder im Mit­tel­al­ter war viel von Tugen­den die Rede. „Märk­te“ ver­lan­gen nur unse­ren blin­den Ego­is­mus, der inzwi­schen selbst zur Tugend der Selb­st­op­ti­mie­rung wur­de. Die Fra­ge danach, wie es wei­ter­geht, erschließt sich mir nur vor dem Hin­ter­grund der mensch­li­chen Fähig­keit, sich zu ent­wi­ckeln. Kapi­ta­lis­tisch gese­hen wird der Mensch frei, in dem er von äuße­ren Zwän­gen unab­hän­gig Wahl­ent­schei­dun­gen tref­fen darf. Aber ist ein alter­na­tiv­lo­ser Markt­ge­hor­sam nicht auch ein Zwang? Huma­nis­tisch gese­hen wird der Mensch nur frei, in dem er sich bil­det. Wie es wei­ter geht ist für mich eine Fra­ge des Ler­nens und eines bewuss­ten Gestal­tens von Bezie­hun­gen. Jeder­zeit ste­hen wir in sozia­ler Gemein­schaft mit ande­ren, dass soll­te uns bewusst sein, auch wenn wir uns in anony­men Struk­tu­ren bewe­gen. Bei­spiel­ge­bend für Kon­tex­te in denen das wie­der ein­ge­übt wird ist für mich die Soli­da­ri­sche Land­wirt­schaft, in der Men­schen mit­ein­an­der im Dia­log aus­han­deln, wie sie die land­wirt­schaft­li­che Leis­tung des Bau­ern gemein­sam finan­zi­ell ermög­li­chen.

 

4. Ist eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung im Kapi­ta­lis­mus denk­bar?

Wir haben ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, Nach­hal­tig­keit zu defi­nie­ren. Wenn wir sie im Hin­blick auf die öko­lo­gi­sche Erhal­tung der mensch­li­chen Art betrach­ten, ist der Kapi­ta­lis­mus sicher in der Lage, die Exis­tenz der Mensch­heit fort­zu­füh­ren. Zur Not ernäh­ren wir uns mit Lebens­mit­teln aus dem Labor wenn die Natur rege­ne­rie­ren muss. Der­zeit wird die Natur zur Kühl­the­ke der Mensch­heit degra­diert und hat kei­nen Wert an sich. Ich den­ke, die Fra­ge, wie wir in eine wech­sel­sei­tig frucht­ba­re Bezie­hung zur Natur tre­ten kön­nen, wer­den wir nicht in Geld­wer­ten beant­wor­ten kön­nen, son­dern eine Spra­che abseits quan­ti­ta­ti­ver Logik fin­den müs­sen.
Hin­sicht­lich einer sozi­al nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung ist es kom­pli­zier­ter, weil sie his­to­risch kon­tin­gent ist. Skla­ven zu hal­ten war ein­mal sozi­al ver­träg­lich, eben­so wie die Unter­drü­ckung der Frau­en. Heu­te gehen wir wie selbst­ver­ständ­lich davon aus, in einem Arbeits­ver­hält­nis inhalt­lich, zeit­lich und ört­lich wei­sungs­ge­bun­den sein zu müs­sen, wenn wir dafür ent­spre­chend kom­pen­siert wer­den. Auch hier fra­ge ich mich, ob wir den Wert einer mensch­li­chen Leis­tung bezif­fern und gleich­zei­tig ihre Wür­de bei­be­hal­ten kön­nen.
Die öko­no­mi­sche Per­spek­ti­ve auf Nach­hal­tig­keit ist ange­sichts von den Wachs­tums­zwän­gen, Kri­sen und Ungleich­hei­ten viel­leicht ein Dreh- und Angel­punkt einer nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung. Wir kön­nen viel dar­über dis­ku­tie­ren, inwie­fern sich der Kapi­ta­lis­mus ohne Wachs­tum den­ken lässt, aber für mich ist die Idee eines all­sei­ti­gen Pro­fits ohne ent­spre­chen­de Expan­si­on schlicht uto­pisch.

Orientierung als Überlebensfrage – Interview mit Werner Weidenfeld

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma LEITBILDER ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Wer­ner Wei­den­feld.

Orientierung als Überlebensfrage

Interview mit Werner Weidenfeld

 

Aller­or­ten macht sich Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit breit (EU – wohin? Wachs­tum – ja, nein, wo? Nach­hal­tig­keit – wie?). Haben wir den Glau­ben an Leit­bil­der ver­lo­ren, die frü­her Ori­en­tie­rung boten?

Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München und Rektor der Alma Mater Europaea der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg)

Prof. Dr. Dr. h.c. Wer­ner Wei­den­feld ist Direk­tor des Cen­trums für ange­wand­te Poli­tik­for­schung der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen und
Rek­tor der Alma Mater Euro­paea der Euro­päi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten und Küns­te (Salz­burg)

Mit einem Hin­weis auf ‘Glau­ben an Leit­bil­der’ wür­den wir uns den Sach­ver­halt zu ein­fach zurecht­le­gen. Es geht um den ange­mes­se­nen Umgang mit Kom­ple­xi­tät. Dra­ma­ti­sche, tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen geben uns fast täg­lich neue Rät­sel auf. Wir erle­ben eine umfas­sen­de Glo­ba­li­sie­rung, Inter­na­tio­na­li­sie­rung, Euro­päi­sie­rung der Pro­blem­struk­tu­ren. Dies alles wird unter­füt­tert durch  die ‘Digi­ta­le Revo­lu­ti­on’. Alle Daten sind in der Jetzt-Zeit ver­füg­bar. Die Geschwin­dig­keit des Infor­ma­ti­ons­trans­fers hat sich um ein Viel­fa­ches gestei­gert. Die­ser Struk­tur­wan­del wird ergänzt durch Phä­no­me­ne wie demo­gra­phi­scher Wan­del, Migra­ti­on, neue Sicher­heits­be­dro­hun­gen.

 

Kla­re Leit­bil­der ver­spre­chen kla­re Ori­en­tie­rung. So hel­fen Leit­bil­der in einer immer kom­ple­xer wer­den­den Gesell­schaft hand­lungs­fä­hig zu blei­ben. Bricht also eine Zeit der Aus­ein­an­der­set­zung um neue Leit­bil­der an? Gleich­zei­tig besteht die Gefahr, dass all­zu ein­fa­che (popu­lis­ti­sche) Lösun­gen pro­pa­giert wer­den. Ist also die Zeit der Leit­bil­der in einer moder­nen Gesell­schaft, von der erwar­tet wird, stets kon­sens­fä­hig und offen zu sein, vor­bei?

Wie sol­len wir in die­ser kom­ple­xen Welt des dra­ma­tisch schnel­len Infor­ma­ti­ons­flus­ses den Über­blick behal­ten? Wie sol­len wir all das ver­ste­hen? Wir benö­ti­gen dazu gera­de­zu exis­ten­ti­ell in jedem Augen­blick Ori­en­tie­rung. Nur Ori­en­tie­rungs­wis­sen bie­tet uns die Mög­lich­keit, die per­ma­nent ein­ge­hen­den Infor­ma­tio­nen zu ord­nen — in wich­ti­ge und unwich­ti­ge, in rele­van­te und irrele­van­te, in gute und schlech­te. Die­ses Ori­en­tie­rungs­wis­sen wird nun um so wich­ti­ger, als jeder von uns nur einen Aus­schnitt des jewei­li­gen uni­ver­sa­len Wis­sens erfasst. Die arbeits­tei­li­ge Welt lebt vom Ver­trau­en in die Kom­pe­tenz des Ande­ren. Nun stel­len wir aber fest, dass in unse­rer Gesell­schaft das Miss­trau­en wächst. So wird unse­rem sozia­len Leben der Sauer­stoff ent­zo­gen.

 

Wel­ches Pro­jekt oder wel­che Per­son wür­den Sie ger­ne stär­ker in der Öffent­lich­keit ver­tre­ten sehen, weil es/sie für ein Leit­bild steht, das Ihrer Ansicht nach wich­tig für die Gesell­schaft ist?

Es geht um stra­te­gi­sche Per­spek­ti­ven, stra­te­gi­sche Pro­blem­lö­sun­gen — also um mehr als situa­ti­ves Kri­sen­ma­nage­ment. Inso­fern wäre es eine dras­ti­sche Ver­kür­zung,  die­se gro­ße kul­tu­rel­le Auf­ga­be auf ein ein­zi­ges Pro­jekt oder auf eine ein­zi­ge Per­son zu redu­zie­ren. Alle rele­van­ten Eli­ten — Poli­tik, Wis­sen­schaft, Wirt­schaft,  Medi­en — müs­sen an die­sem Dis­kurs mit­wir­ken. Sie müs­sen ‘Smart Power’ (Joseph Nye) ent­wi­ckeln, also Deu­tungs- und Erklä­rungs­leis­tun­gen erbrin­gen.