Blockchain & Bitcoin – Was noch gesagt werden musste, Teil 1

Blockchain & Bitcoin

Start einer Blogserie

 

Vergangenen Sonntag stolperte ich per Zufall – sofern man in diesem Fall von stolpern sprechen kann – über einen Twitter Account, der es offensichtlich zur Aufgabe hat, Werbung für Kryptowährungen zu machen. Als ich mir diesen Twitter Account ansah, fielen mir zwei Dinge auf: Erstens, der Boom um Kryptowährungen als Spekulationsobjekt ist nach wie vor ungebrochen und zweitens, die Blockchain, als die zugrundeliegende Technologie der Kryptowährungen dient nach wie vor als Story, um den Hype um Bitcoins und Co. zu rechtfertigen. Beides verwundert mich nicht. Aber da ich in meinem Artikel “To blockchain or not to blockchain, that is the question” in der Ausgabe DIGITLAISIERUNG damit endete, dass man gut beraten ist, die Entwicklungen um Bitcoin und Blockchain zu verfolgen, möchte ich gerne noch paar Gedanken zu diesem Thema formulieren, die nicht mehr in besagten Artikel Platz fanden. Diese Gedanken werde ich in loser Abfolge zu Papier – bzw. zu Tastatur, zu Bildschirm zu was auch immer man heute verwendet – bringen.

 

Diese Gedanken betreffen ganz unterschiedliche Bereiche, wie den naheliegenden, das Kryptowährungen weiterhin zu Spekulationszwecken gekauft und verkauft werden, wie aber auch Fragestellungen, ganz anderer Natur:

  • Können Kryptowährungen als Geldersatz dienen?
  • Ist die Blockchain eine weltverändernde Technologie?
  • Gibt es einen Wettbewerb der unterschiedlichen Blockchain Standards?
  • Inwiefern führen die digitalen Technologien zu einer Verflachung der Welt?
  • Wird das Reale die Hoheit über das Virtuelle behalten?

 

Der Artikel “To blockchain or not to blockchain, that is the question” erschien in der Ausgabe DIGITALISIERUNG 2/17

Dabei will ich mit dieser Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Ich bin überzeugt, dass diese Liste umso länger wird, je länger ich mich mit Blockchain&Bitcoin beschäftige. Auch bin ich offen für Vorschläge (am besten via E-Mail: wbernhardt(at)agora42(Punkt)de), immerhin beginne ich gerade erst an der Oberfläche dessen zu kratzen, was in diesem Zusammenhang noch wert wäre, Erwähnung zu finden.

Als Start der Reihe möchte ich gerne besagten Artikel “To blockchain or not to blockchain, that is the question” in vier kurzen Blogbeiträgen zusammenfassen. Und ja, ich weiß sehr wohl, dass es korrekt “To be or not to be” heißt. Aber was vielleicht nicht explizit im Artikel ausgedrückt wird, ist, dass es mir genau darum geht: Ganz oder gar nicht. Die Blockchain ist nicht einfach nur scheibchenweise zu bekommen. Es geht insofern sehr wohl um die Wurst. 99% Blockchain ist immer noch nicht Blockchain, es müssen 100% sein – wie beispielsweise gerade die Börse von Australien zeigt, die gerade auf Blockchain Technologien umstellt. Aber da ich das erst im Nachgang zum Artikel herausfand, will ich nicht vorgreifen.

 

Was ist die Blockchain?

Die wichtigste Frage, wenn man sich mit der Blockchain auseinandersetzt ist, was die Blockchain eigentlich ist. Hier die Antwort: Die Blockchain ist die abgesicherten Verkettung einzelner zu Blöcken zusammengefasster Daten und baut auf einer dezentralen digitalen Datenbank auf, die man auch mit einem Journal oder Register der Buchführung vergleichen kann. Dies kann man sich ganz einfach anhand der Funktionsweise von Bitcoins vorstellen, denen die älteste Blockchain zugrunde liegt. So werden in dieser Blockchain beispielsweise die Besitzrechte an den Bitcoins sowie Transaktionen der jeweiligen Bitcoins festgeschrieben, damit man wie bei einer guten Finanzbuchhaltung jederzeit nachvollziehen kann, wo jeder einzelne Geldbetrag herkommt und wohin er wieder verschwindet. Das besondere an dieser Art der Buchführung ist nun, dass es zahlreiche solcher Bücher oder Datenbanken gibt, weil die „Bucheinträge“ in zahlreicher Ausfertigung und dezentral gespeichert werden und dass alles vollständig automatisiert und anonymisiert von statten geht.

Diese Transaktionen oder Bucheinträge werden dann zu Blöcken zusammengefasst und chronologisch gespeichert, gewissermaßen wie Kettenglieder, die ineinandergreifen – daher auch der Name „chain“ (deutsch: Kette). Durch die aufeinander aufbauende Speicherung von Daten in einer Blockchain können die Daten nicht nachträglich geändert werden, ohne die Integrität der betreffenden Blockchain insgesamt zu beschädigen. Hierdurch wird die Manipulation von Daten erheblich erschwert – und so erübrigt sich auch eine dritte Instanz zur Bestätigung der Integrität von Transaktionen.

An diesem Beispiel wird bereits deutlich, dass die Idee der Kryptowährung nicht funktioniert, wenn sie nur zu 50% über eine Blockchain abgewickelt wird – also: ganz oder gar nicht. Gleiches gilt übrigens auch für die Bitcoin als Spekulationsobjekt, was ich in dem nächsten Beitrag zeigen werde.

 

von Wolfram Bernhardt, den 15.März 2017

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Warum betreiben wir ein 200-jähriges Krisenprojekt überhaupt noch weiter? – Interview mit David Hemmerle

Anlässlich der aktuellen Ausgabe zum Thema “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir ausgewählte Personen um Antworten auf die zentralen Fragen des Heftes gebeten. Hier die Antworten von David Hemmerle.

Wenn ich mir die historischen Entwicklungen anschaue, hat der Kapitalismus noch nie so wirklich geblüht

1. Welchen Aspekt des Kapitalismus finden Sie am interessantesten und am ehesten zu bedenken?

David Hemmerle

David Hemmerle, Jahrgang 1990, ist Masterstudent in Ökonomie und Gesellschaftsgestaltung an der Cusanus Hochschule. In seinem dortigen Studiumsschwerpunkt beschäftigt ihn die historische Genese des Eigentumsbegriffs, speziell im Hinblick auf seine rechtsökonomische sowie ontologische Begründung. In seiner Masterarbeit untersucht er, wie sich das Eigentum im Zusammenhang mit der technologischen Entwicklung der Blockchain verhält.

Interessant am wirtschaftlichen System finde ich, wie eng das Entstehen des Geldes mit dem des abstrakten Denkens verflochten ist. Wie die Forscher David Graeber und Karl-Heinz Brodbeck zeigen, prägt der Umgang mit Geld unser Denken seit Jahrtausenden. Die heutigen Errungenschaften der Naturwissenschaften und der Technik gehen darauf zurück. Allerdings läuft diese Entwicklung Gefahr, sich gegen uns zu kehren. Die Dialektik der Aufklärung ist eben, dass die monolithische Wahrheit einer aufgehenden mathematischen Gleichung im von der Realität entkoppelten Verstand eine eigene anthropozentrische Mythologie entfaltet. Wenn die von Ökonomen entdeckten „Gesetze“ gelten, weil ihre innere Konsistenz mathematisch beweisbar ist, dann stellt sich vor dem Hintergrund eines unsere eigene Existenz gefährdenden Kapitalismus die Frage, ob dies die einzig legitime Wahrheitsfindung ist. Ich denke daher, das der omnipräsenten Bedeutung der Zahl (auch in Form des Geldes) eine Reflexion über die ontologischen Grenzen dieses Blicks auf die Welt entgegengesetzt werden sollte, die um die Diskussion alternativer epistemischer Symboliken ergänzt wird.

 

2. Warum konnten sich die Menschen so schnell und unbemerkt für das kapitalistische Denken begeistern? Entspricht der Kapitalismus unserer Natur?

Ich denke nicht, dass die menschliche Natur den Kapitalismus notwendig hervorbringt. Er wird allerdings häufig als notwendige Konsequenz der menschlichen Entwicklung dargestellt. Der Mensch kann seine Handlungsweisen jedoch kulturell reflektieren. Wenn Ökonomen von den Gesetzen des Marktes oder alternativlosen Sachzwängen sprechen, bin ich skeptisch, welche Annahmen sie zuvor über die menschliche Natur getroffen haben. Werfe ich dann einen Blick auf die mathematisch-funktionalen Axiome, die den Menschen als nutzenmaximierenden homo oeconomicus beschreiben, stelle ich mir die Frage: Wo sind da die reflexiven Fähigkeiten des Menschen, durch die er sein Handeln hinterfragen könnte? Brauchen wir noch RichterInnen, PsychotherapeutInnen oder LehrerInnen, die uns dazu anleiten, unser Handeln zu überdenken, oder Meditation, um uns seiner Impulse bewusst zu werden, wenn ohnehin alle Präferenzen gegeben sind und Entscheidungen nutzenorientiert fallen?
Welchen Einfluss hat Denken und Handeln mit Geld darauf, dass ich meinen Vorteil suche? Ist der Umgang mit Geld auf Märkten alternativlos oder können wir uns andere Verhaltensmodelle vorstellen? Im Neoliberalismus werden das Geld und das Preissystem als anthropologische Konstanten dargestellt, die jenseits eines gestalterischen Zugangs liegen. Stattdessen sollen wir uns ihnen unbewusst unterordnen. Inzwischen warnt bereits der vorsitzende Richter des Verfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, vor einer Verhandlung über den ESM, dass eine Entscheidung vor dem Hintergrund der Reaktion der Märkte getroffen werden sollte. Wem überlassen wir es damit, die Regeln unserer Gesellschaft zu setzen – einem Markt?

 

3. In unserer aktuellen Ausgabe liegt der Kapitalismus auf der Couch. Er ist ausgebrannt, kaum jemand glaubt noch ernsthaft an ihn, immer häufiger fragt man sich “wozu”, Krisenstimmung macht sich breit. Ist die Blütezeit des Kapitalismus vorüber? Und wie geht es weiter?

Wenn ich mir die historischen Entwicklungen anschaue, hat der Kapitalismus noch nie so wirklich geblüht – wenn dann, nur für wenige. Schon immer war der Kapitalismus von Krisen geprägt, die mit gesellschaftlichen Veränderungen einhergingen. Vielleicht ist der Kapitalismus selbst das Resultat einer gesellschaftlichen Veränderung, wie beispielsweise der Bevölkerungsexplosion im 18. Jahrhundert. Warum betreiben wir ein 200jähriges Krisenprojekt überhaupt noch weiter?
Wenn wir den Kapitalismus jedoch tiefenpsychologisch „auf der Couch“ behandeln, könnten wir einen Blick auf die unbewussten Prozesse werfen, die einer kapitalistischen Gesellschaft zugrunde liegen. Welche Instinkte und Emotionen werden getriggert, welche liegen brach? Ganz offensichtlich sind Angst, Gier und referentieller Selbstbezug die Zugpferde einer wettbewerbsorientierten Marktgesellschaft. Wie daraus jemals ein harmonisches Gleichgewicht entstehen soll, ist den Menschenkenntnissen der ökonomischen Theoretiker überlassen.
Wenden wir uns stattdessen den gesellschaftlichen Bedingungen für eine lebenswerte Zukunft zu, erscheint mir die Frage relevant, welchen strukturellen Nährboden wir für unser soziales Miteinander anstreben. Ängste können abgefangen und Begierden Grenzen gesetzt werden. Aber welche menschlichen Verhaltensweisen wollen wir fördern? In der Antike oder im Mittelalter war viel von Tugenden die Rede. „Märkte“ verlangen nur unseren blinden Egoismus, der inzwischen selbst zur Tugend der Selbstoptimierung wurde. Die Frage danach, wie es weitergeht, erschließt sich mir nur vor dem Hintergrund der menschlichen Fähigkeit, sich zu entwickeln. Kapitalistisch gesehen wird der Mensch frei, in dem er von äußeren Zwängen unabhängig Wahlentscheidungen treffen darf. Aber ist ein alternativloser Marktgehorsam nicht auch ein Zwang? Humanistisch gesehen wird der Mensch nur frei, in dem er sich bildet. Wie es weiter geht ist für mich eine Frage des Lernens und eines bewussten Gestaltens von Beziehungen. Jederzeit stehen wir in sozialer Gemeinschaft mit anderen, dass sollte uns bewusst sein, auch wenn wir uns in anonymen Strukturen bewegen. Beispielgebend für Kontexte in denen das wieder eingeübt wird ist für mich die Solidarische Landwirtschaft, in der Menschen miteinander im Dialog aushandeln, wie sie die landwirtschaftliche Leistung des Bauern gemeinsam finanziell ermöglichen.

 

4. Ist eine nachhaltige Entwicklung im Kapitalismus denkbar?

Wir haben verschiedene Möglichkeiten, Nachhaltigkeit zu definieren. Wenn wir sie im Hinblick auf die ökologische Erhaltung der menschlichen Art betrachten, ist der Kapitalismus sicher in der Lage, die Existenz der Menschheit fortzuführen. Zur Not ernähren wir uns mit Lebensmitteln aus dem Labor wenn die Natur regenerieren muss. Derzeit wird die Natur zur Kühltheke der Menschheit degradiert und hat keinen Wert an sich. Ich denke, die Frage, wie wir in eine wechselseitig fruchtbare Beziehung zur Natur treten können, werden wir nicht in Geldwerten beantworten können, sondern eine Sprache abseits quantitativer Logik finden müssen.
Hinsichtlich einer sozial nachhaltigen Entwicklung ist es komplizierter, weil sie historisch kontingent ist. Sklaven zu halten war einmal sozial verträglich, ebenso wie die Unterdrückung der Frauen. Heute gehen wir wie selbstverständlich davon aus, in einem Arbeitsverhältnis inhaltlich, zeitlich und örtlich weisungsgebunden sein zu müssen, wenn wir dafür entsprechend kompensiert werden. Auch hier frage ich mich, ob wir den Wert einer menschlichen Leistung beziffern und gleichzeitig ihre Würde beibehalten können.
Die ökonomische Perspektive auf Nachhaltigkeit ist angesichts von den Wachstumszwängen, Krisen und Ungleichheiten vielleicht ein Dreh- und Angelpunkt einer nachhaltigen Entwicklung. Wir können viel darüber diskutieren, inwiefern sich der Kapitalismus ohne Wachstum denken lässt, aber für mich ist die Idee eines allseitigen Profits ohne entsprechende Expansion schlicht utopisch.

Orientierung als Überlebensfrage – Interview mit Werner Weidenfeld

Anlässlich der aktuellen Ausgabe haben wir ausgewählten Personen zum Thema LEITBILDER ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Werner Weidenfeld.

Orientierung als Überlebensfrage

Interview mit Werner Weidenfeld

 

Allerorten macht sich Orientierungslosigkeit breit (EU – wohin? Wachstum – ja, nein, wo? Nachhaltigkeit – wie?). Haben wir den Glauben an Leitbilder verloren, die früher Orientierung boten?

Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München und Rektor der Alma Mater Europaea der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg)

Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München und
Rektor der Alma Mater Europaea der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg)

Mit einem Hinweis auf ‘Glauben an Leitbilder’ würden wir uns den Sachverhalt zu einfach zurechtlegen. Es geht um den angemessenen Umgang mit Komplexität. Dramatische, tiefgreifende Veränderungen geben uns fast täglich neue Rätsel auf. Wir erleben eine umfassende Globalisierung, Internationalisierung, Europäisierung der Problemstrukturen. Dies alles wird unterfüttert durch  die ‘Digitale Revolution’. Alle Daten sind in der Jetzt-Zeit verfügbar. Die Geschwindigkeit des Informationstransfers hat sich um ein Vielfaches gesteigert. Dieser Strukturwandel wird ergänzt durch Phänomene wie demographischer Wandel, Migration, neue Sicherheitsbedrohungen.

 

Klare Leitbilder versprechen klare Orientierung. So helfen Leitbilder in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft handlungsfähig zu bleiben. Bricht also eine Zeit der Auseinandersetzung um neue Leitbilder an? Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass allzu einfache (populistische) Lösungen propagiert werden. Ist also die Zeit der Leitbilder in einer modernen Gesellschaft, von der erwartet wird, stets konsensfähig und offen zu sein, vorbei?

Wie sollen wir in dieser komplexen Welt des dramatisch schnellen Informationsflusses den Überblick behalten? Wie sollen wir all das verstehen? Wir benötigen dazu geradezu existentiell in jedem Augenblick Orientierung. Nur Orientierungswissen bietet uns die Möglichkeit, die permanent eingehenden Informationen zu ordnen – in wichtige und unwichtige, in relevante und irrelevante, in gute und schlechte. Dieses Orientierungswissen wird nun um so wichtiger, als jeder von uns nur einen Ausschnitt des jeweiligen universalen Wissens erfasst. Die arbeitsteilige Welt lebt vom Vertrauen in die Kompetenz des Anderen. Nun stellen wir aber fest, dass in unserer Gesellschaft das Misstrauen wächst. So wird unserem sozialen Leben der Sauerstoff entzogen.

 

Welches Projekt oder welche Person würden Sie gerne stärker in der Öffentlichkeit vertreten sehen, weil es/sie für ein Leitbild steht, das Ihrer Ansicht nach wichtig für die Gesellschaft ist?

Es geht um strategische Perspektiven, strategische Problemlösungen – also um mehr als situatives Krisenmanagement. Insofern wäre es eine drastische Verkürzung,  diese große kulturelle Aufgabe auf ein einziges Projekt oder auf eine einzige Person zu reduzieren. Alle relevanten Eliten – Politik, Wissenschaft, Wirtschaft,  Medien – müssen an diesem Diskurs mitwirken. Sie müssen ‘Smart Power’ (Joseph Nye) entwickeln, also Deutungs- und Erklärungsleistungen erbringen.

 

Digitale Transformation – Oder: Der Abschied vom Standard

Digitale Transformation
Oder: Der Abschied vom Standard

 

 

Digitale Transformation

Der Text stammt von Markus Turber und ist in der Ausgabe 2/2016 zum Thema SYSTEME erschienen.

Die digitale Transformation dringt mit hoher Geschwindigkeit, einer zunehmenden Kapitalflut und der damit einhergehenden Marktmacht in unsere Arbeits- und Lebensbereiche vor. Neue Themen, die uns als Menschen und Gesellschaft begegnen, wie autonomes Fahren, Industrial Internet, Smart Cities, vernetzte Produkte etc. werfen Gestaltungsfragen auf. Dabei geht es weniger um technische Machbarkeit oder Effizienz, sondern vielmehr um die künftige Bedeutung von Menschen und Unternehmen in der digitalen Welt.

 

Status quo

Die verbreiteten Organisationsmodelle der Unternehmen sind meist eine Weiterentwicklung ursprünglich nationalstaatlicher Organisationsmodelle. Sie wurden im vergangenen Jahrhundert durch Vordenker wie Alfred Sloan dahingehend optimiert, kompliziertere Produkte in gleichbleibend hoher Qualität und steigender Anzahl zu erzeugen, um damit globale Märkte zu erschließen. Die Vielfalt der Organisationsmodelle hat seither abgenommen. De facto kann man von einer Standardisierung des Organisationsmodells sprechen. Diese führte dazu, dass es lukrativer wurde, Standardsoftware (zum Beispiel ERP-Systeme) zu entwickeln und millionenfach zu distribuieren. Die ersten IT-Riesen entstanden. Gleichermaßen konnten Beratungsunternehmen weltweit wachsen, da Konzepte, wie beispielsweise das Shareholder-Value-Konzept, plötzlich millionenfach anwendbar wurden. Nachdem nun alle in vergleichbaren Strukturen mit ähnlichen Mitteln arbeiten, ist es nicht verwunderlich, dass sich der Wettbewerb verschärft hat – und zwar nicht nur gefühlt.

 

Abschied vom Standard

Die nach 1980 Geborenen zeigen ein kritischeres Verhältnis zu kollektiven Standards und hierarchischen Strukturen. Beispiele wie die Open-Source-Software-Bewegung verdeutlichen den Nutzen, der durch lose Netzwerke gestiftet werden kann. Die freie beziehungsweise günstige Verfügbarkeit von Software, gepaart mit kritischer „Respektlosigkeit“ gegenüber orthodoxen Unternehmensstrukturen, führte dazu, dass eine neue Gattung von digitalen Unternehmen entstand.

So ist es vielen Menschen heute klar, dass eine Wurstfabrik nicht nur andere Wertschöpfungsprozesse, sondern auch andere Organisationsmodelle braucht als eine Bank oder eine Internetsuchmaschine. Heute könnte prinzipiell jedes Unternehmen seine Organisation und digitalen Prozesse entsprechend seiner Identität und Wertströme selbst gestalten. Diese Erkenntnis würde sich noch schneller durchsetzen, wenn nicht immer noch ganze Branchen großen Nutzen aus den alten Standards ziehen würden.

 

99 % digital ist beinahe noch analog

Unter Digitalisierung wird auch die zunehmende Automation von Geschäftsprozessen durch Software und Vernetzung verstanden. Der Erfolg rein digitaler Geschäftsmodelle wie bei Airbnb oder Uber zeigen deutlich, dass es wertvoller ist, sich auf einzelne Prozesse zu fokussieren und diese vollständig zu digitalisieren, statt zu versuchen, das große Ganze (hier: die Hotellerie oder das Taxifahren) zu digitalisieren, diese Digitalisierung aber nicht durchgängig zu verwirklichen. Das heißt wir müssen unsere Geschäftsprozesse nach und nach zu 100 % digitalisieren!

Genau darin steckt die Krux, vor allem für deutsche Hightech-Exportchampions. Der Erfolg der letzten Jahrzehnte beruht vor allem darauf, dass wir im Rennen um komplexe Produkte und Dienstleistungen die Nase vorn hatten. Dummerweise lässt sich die Komplexität, mit der wir ein so inniges Verhältnis pflegen, nicht zu 100 % in Software abbilden.

Dies ist keine Frage des IT-Budgets, sondern geht schlichtweg auf absehbare Zeit nicht. Denn die Computersysteme, die uns umgeben, sind zwar schnell, aber leider erschreckend dumm. Die Kunst, die wir erlernen müssen, wird sein, dass wir unsere Organisations- und Produktionsstrukturen mitsamt deren Prozessen neu sortieren. In solche, die sich zu 100 % digital abbilden lassen und solche, die wir noch nicht digital umsetzen können oder wollen. Letzteres wird vernachlässigt, denn niemand zeichnet sich heute für das Non-Digitale verantwortlich. So müsste es neben dem heutigen CIO (Chief Innovation Officer) auch einen CAO (Chief Analog Officer) geben. In der Folge würde der CIO nicht am Grad des Einsatzes von Software insgesamt gemessen, sondern könnte sich darauf konzentrieren, Prozesse zu isolieren, die sich beim jeweiligen Stand der Technik zu 100 % digital abbilden lassen.

Bei diesem Ansatz sinkt die Komplexität der Einzelsysteme. Stattdessen würde die Metaebene, also die Verknüpfung der vielen Einzelsysteme, an Bedeutung gewinnen. Der Effizienzgewinn aus den zu 100 % digitalisierten Prozessen dürfte dabei den Verlust des Vorteils einer Standardsoftware überwiegen. Simplere Subsysteme dürften zudem den Einsatz von Machine Learning begünstigen.

 

Abschied von Linearität

Obwohl soziale Systeme per se nichtlinear sind, und Unternehmen sowohl im Verhältnis zum Markt, als auch im Innenverhältnis ein soziales System darstellen, sind lineare Prozessbeschreibungen das vorherrschende Paradigma. Das hat auch einen guten Grund, denn durch das Zähmen des Chaos lassen sich billige Energie und billige Rohstoffe in wertvolle Produkte und Dienstleistungen verwandeln. Das System ist effizient. Bei aller Kritik am vorherrschenden Paradigma muss erwähnt werden, dass hierdurch in den vergangenen Dekaden riesige Werte geschaffen wurden.

Gleichzeitig stellt sich die Frage nach den Grenzen dieses Wachstums, und leider lässt sich immer häufiger beobachten, wie alte Mechanismen darin versagen, die Märkte verlässlich zu regulieren. (Das heißt, ein System verlässt den Bereich, in dem es sich linear beschreiben ließ.) Unternehmen werden folglich immer häufiger mit unvorhersehbaren Ereignissen konfrontiert – und reagieren entweder chaotisch oder schlimmstenfalls gar nicht. So ist der Zwang entstanden, flexibel auf nichtlineare Einflüsse zu reagieren und gleichzeitig die Potenziale aus der „Welt der Effizienz“ zu heben. Künftig muss es also darum gehen, Neues zu erkunden (Exploration) und gleichzeitig das bestehende Potential voll auszunutzen (Exploitation) – sprich Geld zu verdienen. Gerade im Nachgang an die Pleite der Lehman Brothers im Jahr 2008 wurde vielerorts einseitig auf Exploitation gesetzt. Verlorene Jahre! Denn wirklich zukunftsweisende Geschäftsmodelle zu entwickeln, braucht Zeit. Während in Europa die Effizienz zumeist im einstelligen Prozentbereich optimiert wurde, haben digitale Riesen (vor allem in den USA) mit ihren Ideen und Konzepten gigantische Werte akkumuliert und so die Machtverhältnisse bei der Akquisition (M&A) von innovativen Unternehmen verschoben.

 

Neue Unternehmen

„M&A auf der Resterampe“ ist keine Zukunftsoption! Unternehmen, die das erkannt haben, fördern verstärkt ihre Fähigkeit, sich aus sich selbst heraus zu erneuern – zum Beispiel, indem sie Firmen ausgründen, die neue Ideen fernab vom Kerngeschäft realisieren und testen dürfen.

Allein damit wird es aber nicht getan sein. Die Bedeutung der Unternehmen, vor allem der großen, muss künftig weit über das Unternehmen selbst hinausgehen. Der Markt wird durch Vernetzungstechnologien dynamischer. Wer in solchen Systemen nachhaltig erfolgreich sein will, muss über die Fähigkeit verfügen, mit diesen Systemen in Interaktion zu treten. Das Ziel ist es, selbst ein wertvoller Systembestandteil im Sinne des Nutzens für die anderen zu werden. Unternehmen müssen letztlich dahingehend „sozialer“ werden, dass sie sich nicht an ihr überliefertes Selbstverständnis (Stichwort Shareholder Value) klammern, sondern sich aktiv in die technische und soziale Infrastruktur einbringen. Wenn Unternehmen Einfluss auf unsere soziale Verflechtung nehmen, eine Stellung makroökonomischer Bedeutung erreichen, oder einen hohen Einfluss auf unseren Ressourcenverbrauch haben, müssen sie ihre Bedeutung als Gemeinwohlfaktor im gesellschaftlichen Sinne schärfen. In einer hochvernetzten systemischen Ökonomie, in der Wachstum nicht mehr das alleinige Paradigma ist, würde ein solches Unternehmen sonst obsolet.

Transformation heißt immer: Das Alte hört auf zu funktionieren, während das Neue noch nicht ganz einsatzbereit ist (Sigmund Malik). Es gilt daher, einen kühlen Kopf zu bewahren. Lösungen müssen transdisziplinär und unter Einbeziehung gesellschaftlicher Organisationsformen erarbeitet werden. Die digitale Transformation muss auf die neuen sozialen Organisationsformen und Prozesse abgestimmt werden. Sicher ist dabei nur, dass Lösungen im alten Muster nicht zu finden sind. Mit den Worten Albert Einsteins: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

 

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Markus Turber ist Designer und Unternehmer. Als Gründer des strategischen Designbüros Intuity gestaltet er vernetzte Produkte und Dienstleistungen. Er ist Mitgründer des Start-ups e Native Web.

 

Nichts ist alternativlos – Interview mit Doris Mathilde Lucke

Anlässlich der aktuellen Ausgabe haben wir ausgewählten Personen zum Thema “SYSTEME” ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Prof. Dr. Doris Mathilde Lucke von dem Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn. Sie ist u.a. Mitherausgeberin der Zeitschrift für Rechtssoziologie und Patin im 1000-Fragen-Projekt zur Gentechnologie der Aktion Mensch.

 

Nichts ist alternativlos

Interview mit Prof. Dr. rer. pol. Doris Mathilde Lucke, Diplom Soziologin

Abstrakte komplexe Gebilde werden heute schnell als Systeme bezeichnet, ohne zu wissen, was darunter genau zu verstehen ist. Ganze Wissenschaften erforschen Entstehung, Entwicklung, Einfluss und Beeinflussung von Systemen. Was bringt uns das Nachdenken über Systeme?

Foto: Sam F. Johanns

Das stimmt. Zunächst einmal verhält es sich mit der Allgegenwärtigkeit von „Systemen“ ganz ähnlich wie mit dem ebenfalls inflationär gebrauchten Begriff der „Theorie“, einer Theorie der Subkultur oder des Internet beispielsweise. Wenn ich erst einmal die System-Brille auf der Nase habe, sehe ich – mit Übertragbarkeit auf andere Brillen – nur noch Systeme.
Gleichwohl erlaubt das Nachdenken über bzw. das Denken in Systemen m.E. das Erkennen von Zusammenhängen, Ordnungsprinzipien und des Zusammenwirkens von Funktionsweisen. Das System als Analyseeinheit ist z.B. dann überlegen, wenn es darum geht, Strukturen, Muster, Regelhaftigkeiten und wiederkehrende Situationen zu identifizieren und deren Komplexität zu reduzieren, sie also soweit zu vereinfachen und über- und durchschaubar zu machen, dass sie besser „handlebar“ sind.

 

Woran bemerkt man Systeme im Alltag? Sind Sie in Ihrem Leben einmal einem System begegnet, haben sich daran gestoßen oder wurden dadurch gar unterstützt? Wie sind Sie damit umgegangen?

Bemerkt werden Systeme erfahrungsgemäß meist erst dann, wenn man – wie z.B. bei plötzlich nicht mehr funktionierender Technik – an deren Grenzen stößt. Dann lautet der Rat: Umgang durch Umgehen – soweit möglich! Negative Erfahrung: Ohnmacht gegen Mega-Systeme wie Wikipedia und Google. Positive Begegnung: mein persönliches Durchlaufen des deutschen Bildungssystems.

 

Perspektiven und Meinungen junger Menschen werden in systemrelevanten Entscheidungen – sei es in der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft etc. – kaum berücksichtigt. Von systemverursachten Krisen hingegen sind sie besonders betroffen (Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Rentenausfall, Umweltzerstörung). Welchen Rat geben Sie dieser Generation?

Systemzwängen nicht als (vorgeblichen) Sachzwängen aufsitzen – eine alte Juso-Forderung –, sondern sie als das erkennen und ihnen be- und entgegnen, was sie sind, nämlich in aller Regel von Menschen geschaffene und von (Definitions-)Mächtigen erfolgreich durchgesetzte Sozialzwänge. Im Zweifel lassen Systemzwänge sich durch nicht systemkonforme Lösungen überraschen und z.B. Bürokratien durch unbürokratische Vorgehensweisen überrumpeln. D.h. „challenge“- statt „exit“-Strategie.
Sich nicht einreden lassen, etwas sei alternativlos. Zumindest aus Sicht der Soziologie ist alles immer kontingent, d.h. alles was (so) ist, kann prinzipiell auch (ganz) anders sein. Auch Systemrelevanz selbst ist eine Frage der Definition und keine Naturkonstante.
Wie trügerisch Systemvertrauen, z.B. in die Sicherheit der Rente, sein kann, zeigt sich jetzt beim (wort-)brüchig gewordenen, freilich so auch nie geschlossenen Generationenvertrag, aber auch in der Banken-, Schulden- oder Finanzkrise, wo sich der von Ulrich Beck in „Gegengifte“ beschriebene Weg in die organisierte Unverantwortlichkeit im „Too big to fail“ (System) und „Too small to matter“ (einzelner Mensch) zeigt.

 

Seit Luhmanns Systemtheorie glaubt niemand mehr daran, dass sich soziale Systeme von Einzelpersonen verändern lassen. Trotzdem wächst das Unbehagen gegenüber Systemen, wie dem Wirtschaftssystem oder dem Staatssystem. Mal utopisch gefragt: Kann es eine systemfreie Zukunft geben?

Nein, das wäre wie die Frage nach der Möglichkeit einer normlosen oder herrschaftsfreien Gesellschaft.

Unternehmensberatung im Dschungel der Systeme – Interview mit Robert A. Sedlák

Unternehmensberatung im Dschungel der Systeme – Interview mit Prof. Robert A. Sedlák

Anlässlich der aktuellen Ausgabe haben wir ausgewählten Personen zum Thema “SYSTEME” ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Robert A. Sedlák, Gastprofessor an der East China Normal University in Shanghai.

 

Robert A. Sedlák ist Gastprofessor an der East China Normal University in Shanghai sowie Mitgründer und Director des ECNU-S&P Research Center for ICT-Enabled Systemic Changes and Innovations in Shanghai. Darüber hinaus Gründer und CEO der SEDLÁK & PARTNER International Consulting Group. Basierend auf der Neueren Systemtheorie beschäftigt er sich intensiv mit der Selbstbezüglichkeit von Organisationen und entwickelte mit führenden Wissenschaftlern der Neueren Systemtheorie ein Konzept zur "Vorausschauenden Selbsterneuerung für Organisationen". Insbesondere für Familienunternehmen gestaltet und begleitet er bedeutende Übergänge.

Robert A. Sedlák ist Gastprofessor an der East China Normal University in Shanghai sowie Mitgründer und Director des ECNU-S&P Research Center for ICT-Enabled Systemic Changes and Innovations in Shanghai. Darüber hinaus ist er Gründer und CEO der SEDLÁK & PARTNER International Consulting Group.
Seit 1987 berät Sedlák DAX notierte Unternehmen und mittelständige Firmen, hier insbesondere Familienunternehmen. Aufgrund seiner jahrelangen Tätigkeit in Asien mit dem Fokus China verfügt er über ein tiefes Verständnis der Unterschiede westlicher und asiatischer Kulturen zur Überbrückung interkultureller Differenzen. Basierend auf der Neueren Systemtheorie beschäftigt er sich intensiv mit der Selbstbezüglichkeit von Organisationen und entwickelte mit führenden Wissenschaftlern der Neueren Systemtheorie ein Konzept zur “Vorausschauenden Selbsterneuerung für Organisationen”.

Abstrakte komplexe Gebilde werden heute schnell als Systeme bezeichnet, ohne zu wissen, was darunter genau zu verstehen ist. Ganze Wissenschaften erforschen Entstehung, Entwicklung, Einfluss und Beeinflussung von Systemen. Was bringt uns das Nachdenken über Systeme?

Bei unserer Arbeit unterscheiden wir zunächst zwischen trivialen und nicht-trivialen Systemen. Ein triviales System, wie z. B. ein Motor, ist zwar kompliziert, kann jedoch nach dem klassischen Ursache-Wirkungs-Prinzip bearbeitet werden. Über eine Fehleranalyse können die Ursachen für einen unerwünschten Zustand oder ein unerwünschtes Ergebnis festgestellt und dann behoben werden.
Nicht-triviale Systeme sehen wir als komplexe und operativ geschlossene Systeme, die von außen nicht einsehbar oder veränderbar sind. Die Beseitigung eines unerwünschten Zustands ist nicht unmittelbar möglich, sondern kann nur mit kommunikativen Interventionen innerhalb des Systems versucht werden. Das Ergebnis einer Intervention ist jedoch vorher nicht berechenbar. Bei einer Wiederholung der gleichen Intervention kann nicht einmal davon ausgegangen werden, dass das gleiche Ergebnis zustande kommt. Zu den nicht-trivialen Systemen zählen wir biologische, psychische und soziale Systeme, die selbstorganisierend existieren. So ist das psychische System eines Hundes unberechenbar, denn wenn Sie ihm z.B. aus Versehen auf den Schwanz treten, gibt es ganz unterschiedliche Möglichkeiten der Reaktion: So kann es beim ersten Mal sein, dass er wegläuft und Sie bei einer Wiederholung fest ins Bein beißt. Organisationen verstehen wir in diesem Kontext als komplexe Sozialsysteme, die – wie ein psychisches System – unberechenbar sind.
Mich hat diese Erkenntnis sehr demütig gemacht, wenn es darum geht, Veränderungen in Organisationen zu begleiten, da Veränderung nur aus dem System heraus entstehen kann, was große Auswirkungen auf mein Interventions-Repertoire als Beraters hat.

Woran bemerkt man Systeme im Alltag? Sind Sie in Ihrem Leben einmal einem System begegnet, haben sich daran gestoßen oder wurden dadurch gar unterstützt? Wie sind Sie damit umgegangen?

Wie schon gesagt kommt es darauf an, welche Systeme gemeint sind. In der Unternehmensberatung stoßen wir insbesondere auf Organisationen, die wir als besondere Form komplexer Sozialsysteme sehen. In Familienunternehmen haben wir es dann z. B. auch mit der Familie, mit der Gesellschafterversammlung sowie dem Beirat zu tun, die wir ebenfalls als Sozialsysteme mit einer ganz unterschiedlichen Logik beobachten können. Kommen dann unterschiedliche Systemlogiken zusammen, haben wir es mit Paradoxien zu tun, die es gut zu managen gilt.
Nach meinem Verständnis ist das Basiselement dieser Sozialsysteme die Kommunikation. In Organisationen ist die Entscheidung das wichtigste kommunikative Ereignis. Als Berater sehe ich meine Aufgabe darin, zu beobachten, wie Kommunikation stattfindet und wie eine Entscheidung zustande kommt. Aus meiner Sicht ist eine der größten Leistungen, die ein Berater erbringen kann, ein Management-Team dabei zu unterstützen, entscheidungsfähig zu werden bzw. zu bleiben und kluge Entscheidungen zu treffen, die dann auch eine Umsetzung erfahren. Denn eine Entscheidung ist nur dann eine Entscheidung, wenn im Sinne der Entscheidung Folgeentscheidungen getroffen werden.

Perspektiven und Meinungen junger Menschen werden in systemrelevanten Entscheidungen – sei es in der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft etc. – kaum berücksichtigt. Von systemverursachten Krisen hingegen sind sie besonders betroffen (Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Rentenausfall, Umweltzerstörung). Welchen Rat geben Sie dieser Generation?

Die junge Generation ist gut beraten, sich mit den unterschiedlichen Systemlogiken zu beschäftigen und sich eine eigene Meinung zu bilden, ob sie das, was sie beobachtet, gut oder schlecht findet.
Nur über eine persönliche Meinungsbildung und Positionierung ist es möglich, notwendige Interventionen einzuleiten bzw. zu unterstützen. Ausgehend von dem gesellschaftlichen Nutzen, den die Funktionssysteme Politik, Wirtschaft und Wissenschaft bieten sollten, muss die nächste Generation entscheiden, ob sie die etablierten Strukturen und die damit erzielten Ergebnisse akzeptiert oder nicht. Schon in meiner Generation haben wir an unserem Bildungssystem vieles zu bemängeln gehabt – aber so richtige Systemveränderungen haben wir bisher nicht hinbekommen. Die anstehenden Herausforderungen werden jedoch Veränderungen erzwingen und hier sollte jeder junge Mensch für sich persönlich entscheiden, welche Erwartungen er an diese Systeme hat. Das ist dann die Voraussetzung, die richtigen Interventionen und die passenden Programme zu unterstützen, um den anstehenden Veränderungsbedarf in die Richtung zu beeinflussen, die man persönlich bevorzugt.

Seit Luhmanns Systemtheorie glaubt niemand mehr daran, dass sich soziale Systeme von Einzelpersonen verändern lassen. Trotzdem wächst das Unbehagen gegenüber Systemen, wie dem Wirtschaftssystem oder dem Staatssystem. Mal utopisch gefragt: Kann es eine systemfreie Zukunft geben?

Nach meinem Verständnis wird es immer Systeme geben, die unserer Gesellschaft einen Beitrag leisten und zu leisten haben. Anders wäre die Versorgung von 10 Mrd. Menschen und mehr nicht möglich. Da Sozialsysteme selbstorganisierende Systeme sind, wären wir gut beraten, genau hinzusehen, ob die Systeme den Beitrag leisten, den sie zu leisten haben. Ist dies nicht der Fall, sollten wir den Veränderungsbedarf in das gesellschaftliche Kommunikationssystem einspeisen und Entscheidungsprozesse unterstützen, die eine Systemveränderung ermöglichen. Wegschauen kann nicht die Lösung sein – das persönliche Engagement von jedem einzelnen ist gefragt, wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten!

Mehr zu Prof. Robert A. Sedlák finden Sie hier.