ownworld – Bausatz für ein nachhaltiges Leben auf kleinem Raum

Aus der Rubrik “Land in Sicht” in der wir Pro­jek­te vor­stel­len, die öko­no­mi­sches und gesell­schaft­li­ches Neu­land betre­ten.

 

 

Ownhome

Bausatz für ein nachhaltiges Leben auf kleinem Raum

Er ist wohl der Urva­ter der deut­schen Tiny Hou­se-Bewe­gung: In der Serie Löwen­zahn leb­te Peter Lus­tig über vie­le Jah­re in sei­nem blau­en Bau­wa­gen mit der selbst­ge­bau­ten Stuhl­trep­pe. Er zeig­te damit schon in den 1980er Jah­ren, dass ein nach­hal­ti­ger und res­sour­cen­scho­nen­der Lebens­stil gleich­zei­tig recht gemüt­lich sein kann. Ursprüng­lich kommt die Tiny Hou­se-Bewe­gung jedoch aus den USA und bezeich­net den Trend, in win­zi­gen Häu­sern von oft nicht mehr als 15m² zu leben. Aber auch in Deutsch­land gibt es immer mehr Men­schen, die ger­ne auf klei­nem Raum leben. Die Viel­falt reicht von Baum­häu­sern und mobi­len Zir­kus­wa­gen bis hin zu futu­ris­ti­schen Glas­ka­bi­nen. Die Grün­de lie­gen auf der Hand: Ein gerin­ger öko­lo­gi­scher Fuß­ab­druck sowie enor­me Kos­ten­er­spar­nis­se.

Schwie­rig wur­de es bis jetzt jedoch, wenn man ohne gro­ßes Know-How selbst ein Tiny Hou­se bau­en woll­te. So gibt es zwar rund ein Dut­zend Anbie­ter in Deutsch­land, aber die­se ver­kau­fen die Tiny Hou­ses meist als fer­ti­ges Pro­dukt. Ein klei­nes Unter­neh­men im süd­li­chen Baden-Würt­tem­berg möch­te Abhil­fe schaf­fen und hat einen Bau­satz für ein Tiny Hou­se ent­wi­ckelt, das sich voll­stän­dig unab­hän­gig von der öffent­li­chen Ener­gie- und Was­ser­ver­sor­gung betrei­ben lässt. Der Bau­satz besteht dabei aus num­me­rier­ten und exakt vor­ge­fer­tig­ten Holz­tei­len sowie Pho­to­vol­ta­ik­mo­du­len, einer Was­ser­auf­be­rei­tungs­an­la­ge und einer Tro­cken-Trenn-Toi­let­te und lässt sich laut des Unter­neh­mens von zwei Men­schen ohne beson­de­re hand­werk­li­che Vor­kennt­nis­se auf­bau­en. Mit 18m² ist das fer­ti­ge own­home dann nicht viel grö­ßer als ein Bau­wa­gen und kos­tet je nach tech­ni­scher Aus­stat­tung zwi­schen 25.000 Euro und 100.000 Euro.

Der Grün­der des Unter­neh­mens lebt selbst im ers­ten fer­tig­ge­stell­ten own­home. Über die Crowd­fun­ding-Platt­form start­next wird im Moment ver­sucht, Geld für ein zwei­tes Modell-own­home zu sam­meln, in dem Men­schen dann pro­be­wei­se woh­nen kön­nen. Auf lan­ge Sicht ist geplant, ein voll­um­fas­sen­des Kon­zept zu erstel­len, das auf der Basis von Open Source von allen inter­es­sier­ten Men­schen genutzt und wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den kann. Schon jetzt sind aber Besich­ti­gun­gen des own­home an jedem ers­ten Sams­tag im Monat mög­lich. Der Tüft­ler Peter Lus­tig wäre sicher­lich begeis­tert gewe­sen.

 

Mehr dazu unter: ownworld.org

 

Nach­ge­fragt bei Kle­mens Jakob, Geschäfts­füh­rer der own­world GbR

 

Wie ist die Idee ent­stan­den, neben dem eige­nen Haus gleich einen Bau­satz anzu­fer­ti­gen?

Das war ein­fach die Hoff­nung und die Zuver­sicht, dass es auch ande­re Men­schen gibt, die in Zukunft zukunfts­fä­hig leben möch­ten.

 

Wer in Deutsch­land ein Haus bau­en will, muss sich an etli­che gesetz­li­che Vor­ga­ben hal­ten. Wo gibt es mög­li­che Kon­flik­te mit dem own­home?

Da gibt es meh­re­re Din­ge zu beach­ten. Zunächst ein­mal gibt es bestimm­te Bebau­ungs­li­ni­en außer­halb derer man das own­home nicht hin­stel­len darf. Schwie­rig ist es auch, einen aut­ar­ken Was­ser­kreis­lauf zu eta­blie­ren, da in Deutschand Anschluss­pflicht an das Was­ser­netz besteht. Behör­den und neue Ide­en sind da etwa wie der Teu­fel und das Weih­was­ser. Natür­lich ist ein Abwas­ser­an­schluss auch gewollt, denn das kos­tet Geld. Strom hin­ge­gen ist unpro­ble­ma­tisch. Wenn ich kei­nen Anschluss will, dann ist das in Ord­nung, da küm­mert sich nie­mand drum.

 

Durch Regen­was­ser und eine Pho­to­vol­ta­ik­an­la­ge soll im own­home ein Leben unab­hän­gig von der öffent­li­chen Ver­sor­gung mit Ener­gie und Was­ser ermög­licht wer­den. Reicht das denn über­haupt?

Es ist sogar immer zu viel, das Regen­was­ser ist bei uns nur Zuga­be. Denn wir ver­wen­den das Was­ser im Kreis­lauf: es gibt eine Pflan­zen­klär­an­la­ge und das Trink­was­ser wird zusätz­lich durch eine Umkehr­os­mo­se-Anla­ge gefil­tert. Bis auf den Kaf­fee und Tee den wir trin­ken, wird alles in den Kreis­lauf zurück­ge­führt. Und der Rest wird mit Regen­was­ser auf­ge­füllt.

 

Das Haus misst 18m². Fühlt sich das nicht an wie ewi­ges Zel­ten?

Nein, was 100 Pro­zent aller Men­schen ein­heit­lich sagen, ist: „Wow, das fühlt sich viel grö­ßer an“. Die erleb­ten 18 m² haben nichts mit der Vor­stel­lung davon zu tun. Ein Teil der Decke ist sehr hoch und es gibt vie­le Fens­ter. Im Grun­de fühlt es sich an wie 32 m².

 

Sehen Sie sich als Teil der Tiny Hou­se Bewe­gung oder gibt es viel­leicht sogar ein Kon­kur­renz­ver­hält­nis zwi­schen den Anbie­tern?

Es gibt ganz und gar kein Kon­kur­renz­ver­hält­nis zu ande­ren Anbie­tern. Es geht dar­um, einen ande­ren Lebens­stil zu prak­ti­zie­ren. Und je mehr, des­to bes­ser!

 

Ordnung im Jahr 2051 – ein Gedankenspiel von Kai Jannek

31.03.2051

Liebes Tagebuch,

 

ein auf­re­gen­der Tag geht zu Ende. Ich habe heu­te viel über die all­täg­li­che Poli­zei­ar­beit erfah­ren. Es ist jetzt schon eine gan­ze Wei­le her, dass Yong sus­pen­diert wor­den ist und ich hat­te sei­ne Ter­mi­ne wahr­neh­men müs­sen. Dazu gehör­te das heu­ti­ge Tref­fen mit dem Chef der loka­len Poli­zei­agen­tur, um zu erfah­ren, wie sich die Robo­ter aus unse­rer Manu­fak­tur bis­lang im Ein­satz bewäh­ren. Aus­ge­rech­net auf dem Weg zur Poli­zei ging ich über eine rote Ampel. Ich war zu Fuß unter­wegs – die Behör­de ist ja nur zwei Blocks von mei­nem Apart­ment ent­fernt. Ich war so in Gedan­ken, dass ich weder die rote Ampel wahr­nahm noch die Warn­si­gna­le, die mei­ne Kon­takt­lin­sen mir in mein Sicht­feld ein­spiel­ten. Die Über­wa­chungs­ka­me­ras hiel­ten den Vor­gang natür­lich sofort fest. Als ich die ande­re Stra­ßen­sei­te erreich­te, sah ich mein Bild auf dem Dis­play am Ampel­mast. Dar­un­ter ver­riet ein kur­zer Schrift­zug mein aktu­el­les Ver­ge­hen; eben­so wie eini­ge wei­te­re klei­ne Ord­nungs­wid­rig­kei­ten, die ich mir in den letz­ten fünf Jah­ren hat­te zu Schul­den kom­men las­sen. Oh, wie pein­lich! Hin­zu kam der auto­ma­ti­sier­te Straf­zet­tel, der zeit­gleich ver­sen­det wor­den war, sowie die Tat­sa­che, dass sich mein Soci­al Score im sel­ben Augen­blick ver­mut­lich um zwei Punk­te ver­schlech­tert hat­te – mit ent­spre­chen­den Fol­gen für mein Kre­dit-Rating, mein Mie­ter-Rating und mein Employee-Rating.

Zum Glück sprach mich Mr. Kim, der Chef der Poli­zei­agen­tur, nicht auf den Vor­fall an. Er begrüß­te mich herz­lich und erkun­dig­te sich statt­des­sen nach dem Dota12-E-Sports-Event, das ich mir am Vor­tag ange­schaut hat­te. Sei­ne Soci­al-App hat­te ihm sicher meh­re­re per­sön­li­che Small-Talk-Gesprächs­ein­stie­ge vor­ge­schla­gen. Es ist immer inter­es­sant zu sehen, für wel­ches The­ma sich jemand ent­schei­det. „Wir haben immer mehr Gewalt im Spiel und immer weni­ger Gewalt auf der Stra­ße“, lei­te­te Mr. Kim zum eigent­li­chen Anlass des Tref­fens über. Wir schau­ten uns eini­ge Bal­ken­dia­gram­me auf einem holo­gra­fi­schen Dis­play an. Sie zeig­ten die jüngs­ten Erfol­ge in der Ver­bre­chens­prä­ven­ti­on und der Auf­klä­rungs­ar­beit sowie den Score, der das all­ge­mei­ne Sicher­heits­emp­fin­den und das Ver­trau­en in die Poli­zei­ar­beit ver­an­schau­licht. „Wir sind sehr zufrie­den mit den Ein­satz­kräf­ten aus ihrer Manu­fak­tur“, erklär­te Mr. Kim.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

In die­sem Moment leuch­te­ten eini­ge Signal­lam­pen auf. „Wol­len Sie einen Ein­satz live ver­fol­gen?“, frag­te mich Mr. Kim. Ohne mei­ne Ant­wort abzu­war­ten, schob er das vir­tu­el­le Fens­ter mit den Bal­ken­dia­gram­men zur Sei­te und öff­ne­te zwei neue Fens­ter mit Video­streams. Das eine Fens­ter zeig­te den Innen­raum eines Poli­zei­fahr­zeugs, in dem ein mensch­li­cher Poli­zist und ein Poli­zei­ro­bo­ter aus unse­rer Manu­fak­tur saßen. Der ande­re Stream zeig­te das Sicht­feld der bei­den Akteu­re, in die­sem Fall die vor­bei­rau­schen­de Stra­ße und die sich auf grün schal­ten­den Ampeln. „Der smar­te Boden­be­lag in einem der High-Rise Resi­den­ti­al Buil­dings an der 16. Stra­ße hat ein ver­däch­ti­ges Schritt­pro­fil detek­tiert“, erklär­te Mr. Kim. „Glück­li­cher­wei­se haben wir Ein­satz­kräf­te in der Nähe. Unser Pre­dic­tive-Poli­cing-Sys­tem hat­te uns eine erhöh­te Ein­bruchs­wahr­schein­lich­keit im ent­spre­chen­den Stadt­teil pro­gnos­ti­ziert.“ Das Fahr­zeug kam vor einem Hoch­haus zum Ste­hen und auf dem Dis­play öff­ne­te sich ein drit­tes Fens­ter. Es zeig­te den Video­stream einer Poli­zei­droh­ne, die sich offen­sicht­lich vom Fahr­zeug­dach gelöst hat­te und nun rasch an Höhe gewann, um das Umfeld des Hoch­hau­ses zu über­wa­chen. Die bei­den Poli­zei­kräf­te stürm­ten ins Gebäu­de. Auf unse­rem Dis­play öff­ne­ten sich wei­te­re Fens­ter, die die Streams ver­schie­de­ner Über­wa­chungs­ka­me­ras im Inne­ren des Hoch­hau­ses zeig­ten. Man erkann­te den Ver­däch­ti­gen zunächst nur im Pro­fil. Er trug eine Schirm­müt­ze und eine Jacke mit hohem Kra­gen. Wei­te­re Fens­ter popp­ten auf unse­rem Dis­play auf. Eines zeig­te den auto­ma­ti­schen Abgleich des eini­ger­ma­ßen erkenn­ba­ren Gesichts­aus­schnitts mit einer Per­so­nen­da­ten­bank. In ande­ren Fens­tern sahen wir, wie das Sys­tem anhand von Kame­ra­auf­zeich­nun­gen den Weg des Unbe­kann­ten zurück­ver­folg­te. In dem Augen­blick, als die Ein­satz­kräf­te mit gezück­ten Tasern vor dem Ver­däch­ti­gen stan­den, ver­mel­de­te das Sys­tem, das den Abgleich mit der Per­so­nen­da­ten­bank durch­führ­te, einen Tref­fer. Bei dem Ver­däch­ti­gen han­del­te es sich um Yong. Kaum zu glau­ben! Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 

 

Vor­he­ri­ge Gedan­ken­spie­le ver­passt? Hier geht es zu allen bis­her erschie­ne­nen Tage­buch­ein­trä­gen.

 


 

Die­ser Bei­trag ent­stammt der Aus­ga­be 2/2018 der agora42 ORDNUNG, die Sie noch bis zum 28.06.18 ver­sand­kos­ten­frei bestel­len kön­nen.

Zurück zum Alten? Natur und Ideologie – von Michael Hampe

Zurück zum Alten? – Natur und Ideologie

von Micha­el Ham­pe

 

In Zeiten des Wandels, wenn Orientierungspunkte verschwinden, neue jedoch nicht sichtbar sind, führt die menschliche Suchbewegung oft zurück auf alte Fixpunkte, die vermeintlich jedem Wandel entzogen sind. Es sind vor allem zwei Ordnungen, die dabei in den Sinn kommen: die göttliche und die natürliche. So wurde von der Stoa bis zu den Überlegungen des Heidelberger Philosophen Karl Löwith in den 60er-Jahren „Natur“ mit Vorstellungen einer harmonischen Ordnung verbunden. Wer ein „naturgerechtes Leben“ führe, sich an der natürlichen Ordnung des Kosmos orientiere, sei auf der sicheren Seite, habe eine verlässlichere Orientierung, als die moralische und politische Welt sie jemals bieten könne. Sich an politischen Verhältnissen zu orientieren, erschien Löwith, der vor den Nazis nach Italien und Japan geflohen und nach dem Krieg nach Heidelberg zurückgekehrt war, so, als wolle man sich als Schiffbrüchiger an den Wellen des Meeres festhalten.

 

Heu­te schei­nen die Ver­hält­nis­se ähn­lich wie vor sech­zig Jah­ren. Der Markt scheint als nor­ma­ti­ve Ori­en­tie­rung aus­zu­die­nen (wenn er denn je dafür getaugt hat). Neue Ori­en­tie­run­gen sind noch nicht in Sicht. So hat der reli­giö­se Fun­da­men­ta­lis­mus und nor­ma­ti­ve Natu­ra­lis­mus wie­der Kon­junk­tur. Doch wie plau­si­bel ist vor allem der Letz­te­re?

 

Natu­ra­lis­mus: Natu­ra­lis­mus (von lat. natu­ra­lis = natür­lich) bezeich­net die Auf­fas­sung, wonach alles Sei­en­de Teil einer natür­li­chen Ord­nung ist, die mit­hil­fe von natur­wis­sen­schaft­li­chen Metho­den beschrie­ben und erklärt wer­den kann. Inso­fern sind Erkennt­nis­se über die Welt nur auf natur­wis­sen­schaft­li­chem Wege zu gewin­nen.

 

Was nicht gezeigt wer­den kann

Wenn ein Kind noch nicht weiß, was die Wör­ter „Karot­te“ oder „Ele­fant“ bedeu­ten, kön­nen wir auf Gemü­se oder Tie­re zei­gen. Zwar machen auch Zei­ge­hand­lun­gen nicht immer ein­deu­tig klar, wor­um es geht. Den­noch kann zwi­schen der Ver­wen­dungs­wei­se von Wör­tern, die durch Zei­gen halb­wegs kon­trol­lier­bar ist, und einer, bei der das nicht mög­lich ist, unter­schie­den wer­den: Denn fragt das Kind, was die Natur ist, kann man auf nichts zei­gen. Des­halb spre­chen wir davon, dass „Natur“ genau­so wie „Pi“ und „0“ ein Zei­chen für einen abs­trak­ten Begriff ist. Man lernt den Gebrauch die­ser Abs­trak­ta erst, wenn man in der Ver­wen­dung kon­kre­ter Ter­mi­ni wie „Mama“, „Papa“, „Apfel“, „Karot­te“, „Hund“, „Kat­ze“ etc. eini­ge Ver­siert­heit erlangt hat.

Nun ist seit Imma­nu­el Kant (1724–1804) klar, dass es zwei ver­schie­de­ne Arten von Abs­trak­ta gibt. Die einen sind die der Arith­me­tik und Geo­me­trie und die ande­ren die nicht-mathe­ma­ti­schen, zu denen auch die Zei­chen „Natur“ und „Frei­heit“ gehö­ren. Auch wenn man auf die Zahl Pi nicht zei­gen kann und kein an die Tafel gemal­ter Kreis im mathe­ma­ti­schen Sin­ne rund ist (der Kreis an der Tafel also nicht der „wirk­li­che Kreis“ der Geo­me­trie ist, son­dern nur ein Hin­weis auf ihn), herrscht über die kor­rek­te Ver­wen­dung mathe­ma­ti­scher Zei­chen Einig­keit. Nach Kant liegt das dar­an, dass Mathe­ma­tik von Aspek­ten unse­rer Sub­jek­ti­vi­tät – genau­er: unse­res Erkennt­nis­ver­mö­gens – han­delt, die wir mit­ein­an­der tei­len: den Anschau­ungs­for­men von Raum und Zeit. Die Geo­me­trie ist die Wis­sen­schaft der ers­te­ren, Arith­me­tik die der letz­te­ren. Das macht Mathe­ma­tik zu einer Wis­sen­schaft unwan­del­ba­rer Struk­tu­ren der Sub­jek­ti­vi­tät.

Ob man sie heu­te noch so ver­ste­hen kann, ist seit der Explo­si­on mathe­ma­ti­scher Theo­ri­en im 19. Jahr­hun­dert, als nicht-eukli­di­sche Geo­me­tri­en und die Men­gen­leh­re ent­wi­ckelt wur­den, frag­lich. Sicher ist jedoch, dass es unmög­lich ist, über Abs­trak­ta wie „Natur“ und „Frei­heit“ zu der­sel­ben Art Kon­sens vor­zu­sto­ßen, wie er in den mathe­ma­ti­schen Dis­zi­pli­nen immer noch mög­lich ist. Alle Men­schen füh­ren Wör­ter wie „ Natur“ und „Frei­heit“ im Mun­de. Doch kaum zwei Per­so­nen ver­ste­hen wirk­lich das­sel­be dar­un­ter. Mit Kant könn­te man die­se Zei­chen, deren Ver­wen­dung nicht auf die Mathe­ma­tik bezo­gen wer­den kann und die nicht durch Zei­ge­hand­lun­gen kon­trol­lier­bar sind, als Benen­nun­gen von Ide­en anse­hen.

 

Natur als Idee

Natur“ könn­te eine Idee sein, mit der Pflan­zen und Tie­re, Ele­men­tar­teil­chen und Gene, schwar­ze Löcher und Gra­vi­ta­ti­ons­fel­der in einen Zusam­men­hang gebracht wer­den. Doch mit was für einer Art von Zusam­men­hang haben wir es hier zu tun? Es ist nicht der einer Theo­rie. Denn eine Theo­rie all der eben genann­ten „Din­ge“ gibt es nicht. Es ist auch nicht der Zusam­men­hang einer Anschau­ung. Denn wir kön­nen uns nicht gleich­zei­tig Ele­men­tar­teil­chen, Gene, Karot­ten und schwar­ze Löcher vor Augen füh­ren. Es han­delt sich also um einen ima­gi­nier­ten Zusam­men­hang, das heißt einen Zusam­men­hang, der nur in unse­rer Vor­stel­lung exis­tiert. „Irgend­wie“ besteht ja auch die Karot­te aus Ele­men­tar­teil­chen und kommt in dem­sel­ben Raum vor, in dem sehr weit weg schwar­ze Löcher exis­tie­ren sol­len, mögen wir uns den­ken.

Aller­dings kann man sich eine sol­che all­ge­mei­ne Natur auf vie­ler­lei Wei­se vor­stel­len. Sie unter­liegt, anders als das Den­ken im Rah­men der Mathe­ma­tik, kei­nen Mus­tern, die für jeden Men­schen nach­voll­zieh­bar wären und über die man inso­fern Einig­keit erzie­len könn­te. Das führt dazu, dass Ter­mi­ni wie „Natur“ auch mit ver­schie­de­nen Bewer­tun­gen asso­zi­iert wer­den und in Ideo­lo­gi­en eine Schlüs­sel­rol­le spie­len kön­nen.

Unter Ideo­lo­gi­en kann man Gedan­ken­ge­bäu­de ver­ste­hen, die von Men­schen errich­tet wur­den, weil sie auf­grund ihrer Bedürf­nis­se bestimm­te Inter­es­sen haben (ohne dass ihnen dies bewusst wäre). Die Ver­wen­dung von „Natur“ war in die­sem Sin­ne fast immer ideo­lo­gisch. Von der „Unna­tür­lich­keit“ der Homo­se­xua­li­tät zu spre­chen oder der „Natür­lich­keit“ des Flei­sches als Nah­rungs­mit­tel kann man als eben­so berech­tigt oder unbe­rech­tigt anse­hen, als hät­te man die Was­ser­stoff­bom­be eine natür­li­che Waf­fe genannt (schließ­lich funk­tio­niert sie wie die Son­ne) oder Blau­säu­re als ein natür­li­ches Mord­in­stru­ment bezeich­net (kann es doch aus Man­deln oder Apri­ko­sen­ker­nen her­ge­stellt wer­den). Im Gegen­satz zu den letzt­ge­nann­ten Bei­spie­len soll­te „das Natür­li­che“ Men­schen in den meis­ten Zusam­men­hän­gen eine posi­ti­ve Ori­en­tie­rung geben.

 

Natür­li­che Ori­en­tie­run­gen?

Sicher erfah­ren Men­schen die regel­mä­ßi­ge Wie­der­kehr der Son­ne am Mor­gen, den Wech­sel der Jah­res­zei­ten, das Kom­men und Gehen der Zug­vö­gel und so wei­ter als etwas Ver­läss­li­ches. Doch die­se Rhyth­men sind, wie wir heu­te wis­sen, kei­ne ewi­gen. Die Kon­ti­nen­tal­plat­ten drif­ten, das Kli­ma ändert sich mit und ohne mensch­li­chen Ein­fluss und irgend­wann wird das Leben auf der Erde durch die expan­die­ren­de Son­ne, die es jetzt spen­det, aus­ge­löscht wer­den. Wenn man das unter „natür­lich“ ver­steht, was ohne Ein­fluss des Men­schen geschieht, dann sind Blitz­ein­schlä­ge, Erd­be­ben und Vul­kan­aus­brü­che eben­so natür­lich wie spon­ta­ne Wund­hei­lun­gen, süße Him­bee­ren und güns­ti­ge Mee­res­strö­mun­gen, wie­der­keh­ren­de Zyklen so natür­lich wie Kata­stro­phen und grund­le­gen­de, aber lang­sam ablau­fen­de Ver­än­de­run­gen.

Was soll es vor die­sem Hin­ter­grund hei­ßen, sich an der Natur zu ori­en­tie­ren? Sol­len Men­schen sich so hier­ar­chisch zuein­an­der ver­hal­ten wie die Mit­glie­der eines Wolfs­ru­dels oder die einer Grup­pe Schim­pan­sen? Sol­len sie ihre Geschlechts­part­ner nach dem Sex töten wie die Schwar­ze Wit­we? Oder sol­len sie sich eher ein Bei­spiel an den sich für ihre Kin­der auf­op­fern­den Pin­gui­nen neh­men? Sol­len sie ihr Leben in unver­än­der­li­chen Zyklen ein­rich­ten oder nach stän­di­ger Ver­än­de­rung stre­ben? Wenn wir ein bestimm­tes tie­ri­sches Ver­hal­tens­mus­ter aus der Natur Men­schen zum Vor­bild set­zen und ein ande­res nicht, liegt das nicht dar­an, dass „die Natur an sich“ gut wäre, son­dern dass die ent­spre­chen­den natür­li­chen Bei­spie­le eher zu unse­ren ethi­schen Intui­tio­nen pas­sen – die wir jedoch nicht begrün­den kön­nen.

Wenn wir nach uner­schüt­ter­li­chen Quel­len für unse­re Bewer­tun­gen suchen, so ist eine Mög­lich­keit, sie in dem ima­gi­nier­ten Zusam­men­hang der Natur zu ver­an­kern, die ande­re, sie in einem reli­giö­sen Jen­seits anzu­sie­deln. Bei­des jedoch über­schrei­tet (tran­szen­diert) die Erfah­rungs­welt des Men­schen. Ent­spre­chend ist die­ses ima­gi­nier­te Reich der Natur wie auch das reli­giö­se Jen­seits ein Ort frei­er Pro­jek­tio­nen. Es macht kei­nen Unter­schied, ob man sagt, Gott wol­le kei­ne Homo­se­xua­li­tät oder Homo­se­xua­li­tät sei unna­tür­lich – oder ob man behaup­tet, Gott gebie­te, dass Auge um Auge und Zahn um Zahn ver­gol­ten wer­den müs­se oder dass Kon­kur­renz natür­lich sei. In all den Fäl­len wird ein für unse­ren beschränk­ten Erfah­rungs­ho­ri­zont tran­szen­den­tes Wesen – Gott oder der Gesamt­zu­sam­men­hang der Natur – als Quel­le bewer­ten­der Auto­ri­tät genannt, die nicht infra­ge gestellt wer­den darf.

 

Ins Neue

Doch die Geschich­te zeigt, dass Men­schen sich mit guten Grün­den immer wie­der gegen die­se Auto­ri­tä­ten gewen­det, dass sie sie nicht aner­kannt haben. Die Erfah­rung, dass Ver­gel­tung in eine Gewalt­spi­ra­le führt, die Men­schen letzt­lich nicht wol­len, lie­fert Grün­de gegen das ent­spre­chen­de gött­li­che Gebot. Die­se Erfah­rung kann Men­schen dazu brin­gen, die reli­giö­se Auto­ri­tät infra­ge zu stel­len und neue gesell­schaft­li­che Regeln zu eta­blie­ren. Die Erfah­rung, dass in bestimm­ten Situa­tio­nen Koope­ra­ti­on eine bes­se­re Pro­blem­lö­sungs­stra­te­gie ist als Kon­kur­renz, ja dass koope­ra­ti­ves Ver­hal­ten von Men­schen als sinn­vol­ler ange­se­hen wird als kon­kur­ren­zie­ren­des, das immer „Ver­lie­rer“ erzeugt, kann dazu füh­ren, dass Men­schen die angeb­li­che Natür­lich­keit der Kon­kur­renz um Nah­rungs­res­sour­cen und Sexu­al­part­ner nicht als Vor­bild für ihr sons­ti­ges Ver­hal­ten neh­men – dass sie also das Kon­kur­renz­spiel nicht mehr spie­len wol­len. War­um soll­ten sie auch? Ein Krebs­ge­schwür ist eine natür­li­che Erschei­nung, die viel­leicht mit natür­li­chen Selek­ti­ons­me­cha­nis­men zu tun hat, die wir als Kon­kur­renz deu­ten kön­nen; die Medi­zin wird den­noch ent­wi­ckelt, um die­se natür­li­che Erschei­nung als eine Krank­heit zu bekämp­fen. Auch die Sturm­flut ist natür­lich; der Deich wird gebaut, um sie auf­zu­hal­ten.

Men­schen müs­sen sich zu reli­giö­sen Tra­di­tio­nen und zu natür­li­chen Erschei­nun­gen ver­hal­ten. Weder die Tra­di­ti­on noch die Natur kann ihnen abneh­men, Stel­lung zu bezie­hen. Es kann ihnen aller­dings von poli­ti­schen Instan­zen ver­bo­ten wer­den, Tra­di­tio­nen oder natür­li­che Vor­gän­ge als Auto­ri­tä­ten für das Han­deln infra­ge zu stel­len. Es wird jedoch immer Men­schen geben, die die Tra­di­ti­on oder die natür­li­chen Not­wen­dig­kei­ten nicht akzep­tie­ren. Wer solch auto­no­men Per­so­nen begeg­net, muss ent­schei­den, ob er sich so oder anders ver­hält.

Appel­le an Got­tes Wil­len oder die Natur sind nichts ande­res als Ver­su­che, auf die­se Ent­schei­dungs­pro­zes­se auf eine nicht argu­men­ta­ti­ve Wei­se Ein­fluss zu neh­men. Das ist legi­tim. Jeder soll­te für sei­ne nor­ma­ti­ven Intui­tio­nen wer­ben kön­nen, mit Argu­men­ten und Appel­len. Solan­ge klar ist, dass Ver­wei­se auf Gott oder die Natur nicht das Ende einer Aus­ein­an­der­set­zung um Bewer­tun­gen sein müs­sen, solan­ge sol­che Ver­wei­se nicht bloß dazu die­nen, die Ent­ste­hung von Neu­em im Keim zu ersti­cken, muss dar­aus kein Pro­blem ent­ste­hen. Pro­ble­ma­tisch wird es dann, wenn durch reli­giö­sen oder natu­ra­len Dog­ma­tis­mus (die oft Hand in Hand gehen) die argu­men­ta­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung gestoppt wer­den soll. Dann wird die Tra­di­ti­on der Abwä­gung von Grün­den und Gegen­grün­den gegen die des Ver­wei­ses auf tran­szen­den­te Auto­ri­tä­ten aus­ge­spielt – mit dem Ziel, Ent­schei­dungs­pro­zes­se ein für alle­mal zu been­den. Dafür wird sich nie­mand erwär­men kön­nen, dem das Ide­al der Auto­no­mie aus der Auf­klä­rung noch prä­sent ist.

 

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Micha­el Ham­pe ist Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie im Depart­ment für Geis­tes-, Sozi­al- und Staa­tes­wis­sen­schaf­ten an der ETH Zürich. Im April 2014 ist sein Buch Die Leh­ren der Phi­lo­so­phie. Eine Kri­tik im Suhr­kamp Ver­lag erschie­nen.

Die­ser Arti­kel ist erst­mals in agora42 4/2014 Das Neue erschie­nen.

Den Kapitalismus verschlafen

Widerstand im Lummerland

»Schla­fen kann ich, wenn ich tot bin.« sag­te einst der umtrie­bi­ge Fil­me­ma­cher Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der. Er starb dann mit 37 Jah­ren. Wer durch den Druck und Arbeits­wahn einer Rund-um-die-Uhr-Gesell­schaft, unbe­grenz­tes Anneh­men aller Lebens­op­tio­nen, oder die digi­ta­len Ver­füh­run­gen stän­dig sei­ne Schlaf­be­dürf­nis­se igno­riert, stirbt nicht nur eher, son­dern lebt auch unglück­li­cher. Dabei ist Schlaf kost­ba­re Zeit und kann ein wah­rer Genuss sein. Wir soll­ten eine neue Schlaf-Wach-Kul­tur ent­wi­ckeln.

Pho­to by Nigel Tadya­ne­hon­do on Uns­plash

Ein Drit­tel sei­ner Lebens­zeit ver­schläft der Mensch. Wir brau­chen den Schlaf nicht nur kör­per­lich, son­dern auch als Aus­zeit vom hek­ti­schen All­tag. Ins Bett zu gehen bedeu­tet eine inne­re Ein­kehr zu uns selbst. Wir schir­men uns in die­ser Zeit von unse­ren all­täg­li­chen Auf­ga­ben und Anfor­de­run­gen ab. Nachts sind wir allein, wir haben kei­nen Kon­takt zu unse­ren Mit­men­schen – die Rück­zugs­zeit Schlaf gehört heu­te zu den letz­ten Idyl­len unse­rer Welt. Der Schlaf ent­zieht sich unse­rer Kon­trol­le, dem Wach­be­wusst­sein und der Erin­ne­rung. Die Vor­gän­ge des Ein­schla­fens, Durch­schla­fens und Aus­schla­fens kön­nen wir nicht wirk­lich wil­lent­lich steu­ern.

Der Schlaf lässt sich nicht erzwin­gen und hat sei­ne eige­nen Spiel­re­geln. Er muss über uns kom­men, ganz von allein und ohne Wil­lens­kraft oder Anstren­gung. Je mehr wir uns anstren­gen ein­zu­schla­fen, des­to ange­spann­ter wer­den wir, und umso weni­ger kön­nen wir schla­fen. Es ist eine Zeit der Frei­heit, denn der Akt des Schla­fens ist eine wirt­schaft­lich unpro­duk­ti­ve Zeit. Sozu­sa­gen die letz­te Bas­ti­on gegen den 24/7 Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus, denn in einer glo­ba­li­sier­ten Welt ist immer irgend­wer irgend­wo wach. Wer schläft, kon­su­miert nicht und pro­du­ziert auch kei­nen Mehr­wert. Aus­gie­bi­ges Schla­fen ist von daher eine Rebel­li­on gegen herr­schen­de Zeit­ver­hält­nis­se – gegen das Funk­tio­nie­ren der Welt.

 

Die unausgeschlafene Gesellschaft

Men­schen haben eine inne­re Uhr, die unter­schied­lich getak­tet sein kann. Es wird zwi­schen Eulen und Ler­chen unter­schie­den: Ler­chen gehen abends früh schla­fen und wachen mor­gens zei­tig wie­der auf. Ihr Leis­tungs­hoch liegt am frü­hen Vor­mit­tag. Eulen gehen am Abend lie­ber spät zu Bett und schla­fen mor­gens lie­ber län­ger. Ihr Leis­tungs­hoch haben sie eher am Nach­mit­tag oder sogar erst am Abend.

Mit Beginn der Indus­tria­li­sie­rung wur­de Schlaf zu einem nutz­lo­sen Stör­fak­tor. Nächt­li­cher Schlaf gilt heu­te – eben­so wie das Nicker­chen tags­über – oft­mals als Pro­duk­ti­ons­hemm­nis und wird mit Inef­fek­ti­vi­tät, Müßig­gang oder Faul­heit gleich­ge­setzt. Wenig schla­fen hin­ge­gen ist in unse­rer Kul­tur ange­sagt und gilt als Beweis für Leis­tungs­fä­hig­keit. Der Schlaf ist zu einem Instru­ment der Beschleu­ni­gungs­ge­sell­schaft gewor­den. Den­ken wir an den Schlaf, dann geht es meist schon um den nächs­ten Tag, und dass wir wie­der leis­tungs­fä­hig sein müs­sen. Für vie­le ist die Nacht kei­ne Zeit zum Genie­ßen, son­dern soll vor allem eins: effi­zi­ent sein.

Dabei lei­det fast die Hälf­te der deut­schen Bevöl­ke­rung min­des­tens gele­gent­lich unter Schlaf­stö­run­gen. Schlech­ter Schlaf gehört zum moder­nen Leben dazu, denn die Rund-um-die-Uhr-Gesell­schaft lässt uns ungern rich­tig zur Ruhe kom­men. Dazu kommt, dass ein Groß­teil der Men­schen in unse­rer Gesell­schaft jen­seits ihres eige­nen bio­lo­gi­schen Rhyth­mus lebt, denn ihr natür­li­cher Chro­no­typ ist die „Eule“, also der bio­lo­gi­sche Spät­auf­ste­her. Sie ste­hen viel zu zei­tig auf und häu­fen unter der Woche ein Schlaf­de­fi­zit an. Arbeits­zei­ten und Schul­be­ginn oder Schicht­ar­beit wider­spre­chen ihrem inne­ren Rhyth­mus. Die Fol­gen sind Schlaf­de­fi­zi­te, Müdig­keit und gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gun­gen. Es kommt zum „sozia­len Jet­lag“.

Aus wirt­schaft­li­cher Sicht mag es attrak­tiv erschei­nen, rund um die Uhr geschäf­tig zu sein und den eige­nen inne­ren Rhyth­mus zu ver­nach­läs­si­gen. Die Kos­ten einer schlaf­lo­sen Gesell­schaft sind hoch – jedoch schwer abzu­schät­zen. Wer nicht genug schläft ist müder, unkon­zen­trier­ter und macht mehr Feh­ler.

 

Schlaflosigkeit lässt die Kassen klingeln

Schlaf­lo­sig­keit hat zwei Sei­ten: Lärm und Licht las­sen uns nicht schla­fen – oder aber wir fin­den selbst kei­nen Schlaf. Oft ist es der Lärm in unse­ren eige­nen Köp­fen: Stress, Leis­tungs­druck, Lebens­pro­ble­me oder ande­re Sor­gen. In west­li­chen Indus­trie­ge­sell­schaf­ten ist die Angst vor Schlaf­stö­run­gen omni­prä­sent; die Beschäf­ti­gung mit dem Schlaf ist gera­de­zu zwang­haft.

Es wird erzählt, dass Napo­lé­on Bona­par­te mit nur drei Stun­den und Tho­mas Edi­son mit vier Stun­den Schlaf aus­ka­men. Nobel­preis­trä­ger Ein­stein wie­der­um benö­tig­te gan­ze elf Stun­den Schlaf. Und von Goe­the sagt man, dass er ein wah­rer Schlaf­künst­ler war. Schlaf war für ihn einer der „höchs­ten Genüs­se“, er schätz­te sei­ne „pro­duk­tiv machen­den Kräf­te“ und konn­te angeb­lich bis zu 24 Stun­den durch­schla­fen.

So hat sich die Schlaf­for­schung als eigen­stän­di­ge Wis­sen­schaft fest eta­bliert – und die Schla­f­in­dus­trie boomt mit Ange­bo­ten für teu­re Matrat­zen, Kopf­kis­sen oder Bet­ten, die uns zu einem guten Schla­fen ver­hel­fen sol­len. Spe­zi­el­le Wecker oder ent­spre­chen­de Apps sol­len uns ein per­fek­tes Wach­wer­den besche­ren und sind äußerst beliebt. Nicht zu ver­ges­sen die Flut von Schlaf­rat­ge­bern, Sen­dun­gen im Fern­se­hen oder Bei­trä­ge in Zei­tun­gen oder Zeit­schrif­ten, die uns leh­ren wol­len, wie wir per­fekt zu schla­fen haben.

 

Schlafe ausgiebig! Der Aufbruch in eine ausgeschlafene Zeit

Pho­to by Hern­an San­chez on Uns­plash

Dabei müs­sen wir, um gut zu schla­fen, uns vor allem wie­der erlau­ben, genug zu schla­fen. Wir müs­sen ver­su­chen, gelas­se­ner gegen­über dem Schlaf zu wer­den. Gelin­gen kann das nur, indem wir uns nicht nur von Wirt­schafts­wachs­tum und neu­en mate­ri­el­len Gütern lei­ten las­sen, son­dern auch für aus­rei­chend Schlaf und eine neue Zeit­kul­tur sor­gen. Das heißt, so wie wir einen nach­hal­ti­gen Umgang mit den Res­sour­cen unse­rer Erde brau­chen, benö­ti­gen wir auch einen nach­hal­ti­gen Umgang mit uns selbst. Wir müs­sen unse­re inne­re Uhr wie­der­ent­de­cken und gesell­schaft­lich umden­ken. Aus­rei­chen­der und erhol­sa­mer Schlaf ist ein wich­ti­ger Schritt auf dem Weg in eine glück­li­che Gesell­schaft und in ein gutes Leben.
Fol­gen­de zeit­po­li­tisch rele­van­te Punk­te könn­ten gesell­schaft­lich einen Weg dahin eröff­nen:

  • Lärm- und Licht­ver­schmut­zung redu­zie­ren: Nächt­li­cher Lärm und Licht stö­ren unse­ren Schlaf mas­siv. Des­halb soll­ten die­se auf ein Mini­mum redu­ziert wer­den.
  • Künst­li­ches Licht abends ver­ban­nen: Künst­li­ches Licht, das längst nicht mehr nur aus Lam­pen, son­dern vor allem auch aus den Bild­schir­men und Smart­pho­nes strahlt, stört den Schlaf. Dazu gehört, die stän­di­ge Erreich­bar­keit zu redu­zie­ren und Han­dys aus dem Schlaf­zim­mer zu ver­ban­nen.
  • Leben nach dem eige­nen Chro­no­typ: Ob Eule oder Ler­che, wir soll­ten auf unse­ren eige­nen chro­no­bio­lo­gi­schen Typ hören. Unter­neh­men soll­ten Arbeit­neh­mer ent­spre­chend ihres Chro­no­typs ein­set­zen.
  • Nur noch unver­meid­ba­re Nacht­ar­beit: Nacht­ar­beit soll­te auf das Not­wen­di­ge redu­ziert wer­den, und Schicht­plä­ne soll­ten an den ent­spre­chen­den Chro­no­typ ange­passt wer­den. Schicht­wech­sel soll­ten ent­spre­chend den Erkennt­nis­sen der schlaf- und arbeits­me­di­zi­ni­schen For­schung ange­passt wer­den.
  • Schaf­fen wir die Som­mer­zeit ab: Die Som­mer­zeit ist ein wah­rer Schlaf­räu­ber. Vie­le Men­schen erfah­ren nach der Uhren­um­stel­lung einen Mini-Jet­lag. Schlaf­pro­ble­me, die Zahl der Arzt­be­su­che sowie der Ver­brauch von Schlaf­mit­teln stei­gen nach der Zeit­um­stel­lung sprung­haft an und die Unfall­ge­fahr ist erhöht.
  • Die Schu­le spä­ter begin­nen las­sen: Gera­de Jugend­li­che haben ein höhe­res Schlaf­be­dürf­nis als Erwach­se­ne und wer­den mor­gens spä­ter wach. Die Schu­le beginnt dann, wenn Jugend­li­che noch nicht rich­tig wach und in ihrem Leis­tungs­tief sind.
  • Das Nicker­chen in den Mit­tags­stun­den för­dern: Hier­zu­lan­de ist der Mit­tags­schlaf als Zeit­ver­schwen­dung ver­pönt. Dabei för­dert die­ser die Lei­tungs­fä­hig­keit und hilft uns, auch tags­über mal abzu­schal­ten und inne­zu­hal­ten. Weh­ren wir uns also gegen das Dik­tat des Weckers und der All­zeit­leis­tungs­be­reit­schaft!

 

Guten Schlaf!

 


Die­ser Bei­trag ist zuerst auf der Home­page des trans­form Maga­zin – Das Maga­zin für das Gute Leben erschie­nen. Das etwa halb­jähr­lich erschei­nen­de Print­ma­ga­zin wird von Men­schen aus Ber­lin, Leip­zig und Ham­burg sowie vie­len frei­en Zuar­bei­ten­den pro­du­ziert. Das Team ver­zich­tet dabei bewusst auf Wer­bung, ganz dem trans­form-Ansatz fol­gend, dass weni­ger Kon­sum den Weg zu einem schö­ne­ren Leben erst mög­lich macht.

Der Bei­trag stammt von Elke Gro­ßer, die Sozio­lo­gin und Mit­glied im bera­ten­den Vor­stand der Deut­schen Gesell­schaft für Zeit­po­li­tik und Redak­teu­rin des „Zeit­po­li­ti­schen Maga­zins“ ist. Sie forscht u.a. an Zeit­ge­stal­tung im All­tag und Zeit­wohl­stand.

Kapitalismus: der Widerspruch steckt im System – Martin Kornberger

Die­ser Arti­kel ist erst­mals in der Aus­ga­be 02/2016 SYSTEME erschie­nen.

 

Keine Aufregung. Der Widerspruch hat System

von Mar­tin Korn­ber­ger

Kapitalismus

Illus­tra­ti­on: Car­los Gar­cía-San­cho, dedesign.tumblr.com

Die Paradoxie ist die Orthodoxie unserer Zeit“, schreibt Niklas Luhmann, und nirgends trifft das besser zu als im Fall des Kapitalismus. Der Kapitalismus stellt den Betrachter vor eklatante Widersprüche – und zwar mit solcher Regelmäßigkeit, dass der systemisch geschulte Analytiker den Widerspruch erwartet wie einen alten Freund. Doch um welche Widersprüche geht es genau? Und sind sie wirklich alte Freunde?

 

Vom Wider­spruch zwi­schen Geist und Kör­per des Kapi­ta­lis­mus

Geist, Ungeist oder Gespenst – wie auch immer man zum Kapi­ta­lis­mus steht, einen Hang zur Meta­phy­sik kann man ihm nicht abspre­chen. In Adam Smiths (1723–1790) Sys­tem – und dar­in liegt sei­ne gro­ße Errun­gen­schaft – muss die Natur des Men­schen nicht unter­drückt wer­den, um gesell­schaft­li­che Ord­nung zu gewähr­leis­ten. Im Gegen­teil: Sie darf nicht unter­drückt wer­den, denn Ord­nung ent­steht aus der Natur des Men­schen – nicht trotz, son­dern wegen sei­ner Man­gel­haf­tig­keit, wegen sei­nes Ego­zen­tris­mus. Eben gera­de weil wir unse­re Ein­zel­in­ter­es­sen ver­fol­gen und weil wir auf unse­ren pri­va­ten Nut­zen aus sind, schaf­fen wir über kurz oder lang ein funk­tio­nie­ren­des Gan­zes. Und das Gan­ze beruht nicht auf gesell­schaft­li­cher Hier­ar­chie, Reli­gi­on oder Stän­den, son­dern auf dem Prin­zip der „grea­test hap­pi­ness of the grea­test num­ber“, wie es Jere­my Ben­t­ham (1748–1832) for­mu­lier­te. Das ist das gro­ße Ver­spre­chen des Kapi­ta­lis­mus, dass er näm­lich unse­re pri­va­ten Las­ter in öffent­li­che Tugen­den zu ver­wan­deln weiß. Man braucht kei­nen über­ir­di­schen Gott, kei­nen Gesell­schafts­ver­trag und kei­nen Levia­than, um ein geord­ne­tes Zusam­men­le­ben zu ermög­li­chen; man muss ledig­lich der Natur ihren Lauf las­sen und gesell­schaft­li­che Har­mo­nie stellt sich ein.

 

Die­ser Geist des Kapi­ta­lis­mus steht in klaf­fen­dem Wider­spruch zu sei­nem Kör­per.

 

Mar­tin Korn­ber­ger arbei­tet der­zeit an der Copen­ha­gen Busi­ness School als Pro­fes­sor für Stra­te­gie und Orga­ni­sa­ti­on. Zum The­ma ist von ihm Plan B im Mur­mann Ver­lag erschie­nen.

Die­ser Geist des Kapi­ta­lis­mus steht in klaf­fen­dem Wider­spruch zu sei­nem Kör­per. Denn um die „grea­test hap­pi­ness“ der vie­len zu garan­tie­ren, braucht es eine Unmen­ge an Gütern, die getauscht wer­den kön­nen. Pro­duk­ti­vi­tät ist die Vor­aus­set­zung der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft. Dar­um malt Smith gleich zu Beginn sei­nes Wer­kes das Bild der berühmt-berüch­tig­ten Steck­na­del­fa­brik gleich­sam als Kulis­se für sei­ne Phi­lo­so­phie. Die Steck­na­del­fa­brik ist der „unbe­weg­te Bewe­ger“ der smith­schen Phi­lo­so­phie. Die arbeits­tei­lig orga­ni­sier­te, hier­ar­chisch geglie­der­te Unter­neh­mung ist der Motor der Pro­duk­ti­vi­tät und Effi­zi­enz. Ohne Arbeits­tei­lung kann der Ein­zel­ne kei­nen Über­fluss erwirt­schaf­ten, der es ihm erlaubt, am Markt teil­zu­neh­men. Und hier schleicht sich der Wider­spruch ein: Auf der einen Sei­te ist der Kapi­ta­lis­mus ein Gesell­schafts­ent­wurf, der auf der Ord­nung des frei­en Mark­tes beruht. Auf der ande­ren Sei­te beruht der Kapi­ta­lis­mus auf Pro­duk­ti­vi­tät und Effi­zi­enz, die sich nur im Rah­men einer hier­ar­chi­schen Struk­tur erzie­len lässt. Smiths Visi­on einer frei­en Markt­ord­nung führt schnur­stracks in eine hier­ar­chi­sche Orga­ni­sa­ti­ons­ge­sell­schaft. Dar­aus resul­tiert das Para­dox: Der Markt braucht die Hier­ar­chie, die Hier­ar­chie aber ist sein Gegen­teil, der Anti-Markt schlecht­hin. Liegt denn nicht eine beson­de­re Iro­nie in dem Umstand, dass Unter­neh­mer, die doch gemein­hin als die Für­spre­cher der unsicht­ba­ren Hand des Mark­tes auf­tre­ten, in ihren eige­nen Orga­ni­sa­tio­nen auf die sicht­ba­re Hand des Mana­gers ver­trau­en? Aller libe­ra­len Rhe­to­rik zum Trotz setzt sich die freie Markt­wirt­schaft in Wirk­lich­keit aus unzäh­li­gen klei­nen Plan­wirt­schaf­ten zusam­men. Hier­ar­chie ist sys­tem­im­ma­nen­tes Markt­ver­sa­gen, der Mana­ger der obers­te Ver­wal­ter die­ses Markt­ver­sa­gens.

 

Der Wider­spruch zwi­schen Preis und Wert

Wie kei­ne ande­re Idee bil­det jene des Wer­tes die Grund­la­ge des Wirt­schaf­tens. Wert­schöp­fung, value chains, share­hol­der value, value add – die Lis­te lie­ße sich belie­big fort­set­zen. Doch im Her­zen die­ses zen­tra­len Begriffs vom Wert fin­det sich ein for­mi­da­bler Wider­spruch – denn was bedeu­tet Wert eigent­lich?

 

Im Her­zen die­ses zen­tra­len Begriffs vom Wert fin­det sich ein for­mi­da­bler Wider­spruch – denn was bedeu­tet Wert eigent­lich?

 

Wert, das ist zunächst ein­mal Pro­fit, also die Dif­fe­renz zwi­schen dem, was mich die Pro­duk­ti­on eines Gegen­stan­des oder einer Dienst­leis­tung kos­tet, und dem, was der Kun­de dafür zu zah­len bereit ist. Der Wert wird in Geld gemes­sen. Wert ist dabei eine öko­no­mi­sche Grö­ße, quan­ti­fi­zier­bar und der Orga­ni­sa­ti­on (dem Manage­ment) zuor­den­bar. Das jeden­falls hat ein Mana­ger vor Augen, wenn er sei­nen Share­hol­dern von „value“ erzählt oder wenn er mehr „Wert“ in der Unter­neh­mung gene­rie­ren will.

Wert ist aber gleich­zei­tig auch ziem­lich genau das Gegen­teil davon: Seit­dem der öster­rei­chi­sche Öko­nom Carl Men­ger (1840–1921) die Wert­theo­rie revo­lu­tio­nier­te, stel­len wir uns Wert nicht als eine Eigen­schaft eines Objekts vor, son­dern als sub­jek­ti­ven Nut­zen, den ein Indi­vi­du­um aus dem Gebrauch eines Objekts zu zie­hen ver­mag. In der Tat, ob eine The­ra­pie, eine Bera­tung, eine Fla­sche Wein oder eine Rei­se ihren Preis Wert waren, hängt ent­schei­dend von der Fähig­keit des Nut­zers ab, sie gewusst zu kon­su­mie­ren. Extrem­bei­spiel Kunst: John Cages Musik­stück 4’33 besteht aus vier Minu­ten und 33 Sekun­den Stil­le – auf­ge­führt in einem Kon­zert­haus, in Ide­al­be­set­zung umge­setzt von einem Orches­ter. Was geschieht hier? Ist das Musik? Ja – weil es Cage dar­um ging, die Zuhö­rer auf die klei­nen, zufäl­li­gen und schein­bar neben­säch­li­chen Geräu­sche auf­merk­sam zu machen, die wir stän­dig um uns mit­pro­du­zie­ren, jedoch sel­ten wahr­neh­men. Wer pro­du­ziert hier aber das Kunst­stück? Wer schafft hier etwas Wert­vol­les? Liegt der Wert in der Inter­pre­ta­ti­on des Musik­stücks – und nicht im Stück selbst? Die Orga­ni­sa­ti­on – das Orches­ter und sein Diri­gent – tun nichts, und trotz­dem ent­steht ein Wert; und die­ser Wert ist eben die kol­lek­ti­ve Inter­pre­ta­ti­ons­leis­tung des Publi­kums, das sein kul­tu­rel­les Kapi­tal mobi­li­siert, einen musik­ge­schicht­li­chen Kon­text ent­wirft und eben damit 4’33 einen Wert zuschreibt.

Auf den zwei­ten Blick ist 4’33 kein Extrem­bei­spiel. In einer expe­ri­ence eco­no­my bemisst sich der Wert eines Pro­dukts weni­ger am Pro­dukt selbst als anhand der Fähig­keit des Kon­su­men­ten, die expe­ri­ence in sei­nem Kon­text, sei­nem Erwar­tungs- und Erfah­rungs­ho­ri­zont mit­zu­er­zeu­gen. Muss der Kon­su­ment nicht hart arbei­ten, um ein paar Amei­sen, die er im New Nor­dic Cui­sine Tem­pel Noma auf sei­nem Tel­ler fin­det, in einen kuli­na­ri­schen Genuss zu ver­wan­deln? Wie­viel Vor­stel­lungs­kraft, wie­viel Inter­pre­ta­ti­on, wie­viel Vor­wis­sen ist da nötig, um Amei­sen in eine expe­ri­ence zu ver­wan­deln? Noch­mals: Die­ser Wert kommt nicht aus der Küche und er fin­det sich auch nicht in einem Amei­sen­hau­fen im Wald, son­dern er ist das ima­gi­nä­re Pro­dukt des Kon­sum­ak­tes.

Wenn dem so ist, was wird dann aus Orga­ni­sa­ti­on, deren Hier­ar­chie wir akzep­tie­ren, weil sie uns eben als die effi­zi­en­tes­te Form der Pro­duk­ti­on erscheint? War­um Hier­ar­chie, Über- und Unter­ord­nung, Fremd­be­stim­mung, Machtasym­me­tri­en und all die ande­ren Din­ge dul­den, die wir nur des­halb in der Orga­ni­sa­ti­on akzep­tie­ren, weil sie der Wert­schöp­fung die­nen? Smiths Steck­na­del­fa­brik legi­ti­miert sich durch die simp­le Tat­sa­che, dass sie mehr Steck­na­deln aus­spuckt als die Sum­me der Indi­vi­du­en ein­zeln erzeu­gen könn­ten. In einer ent­wi­ckel­ten Öko­no­mie, in der es um Wer­te, nicht Pro­duk­te, um out­co­mes, nicht out­puts geht, in einer sol­chen Öko­no­mie wird der Wider­spruch zwi­schen der Idee der wer­te­schöp­fen­den Orga­ni­sa­ti­on und des wer­te­ver­brau­chen­den Kon­sums immer augen­schein­li­cher. Was aber wird aus Orga­ni­sa­ti­on, die­ser Bas­ti­on des Kapi­ta­lis­mus, wenn der Kon­sum als die sub­tils­te Form der Pro­duk­ti­on ver­stan­den wird?

 

Der Wider­spruch zwi­schen Öko­lo­gie und Öko­no­mie

Viel­leicht tritt der ekla­tan­tes­te Wider­spruch in jener Kul­tur­tech­no­lo­gie zuta­ge, dem wir die Pfle­ge des Kapi­ta­lis­mus und sein Wachs­tum anver­traut haben: dem Manage­ment. Manage­ment ist ein Sam­mel­su­ri­um von Stra­te­gi­en und Prak­ti­ken, die die Orga­ni­sa­ti­on von Pro­duk­ti­on ziel­ge­rich­tet und effi­zi­ent steu­ern soll. Was aber, wenn Manage­ment durch sein Tun eben­die­se Pro­duk­ti­on hin­ter­treibt? Was, wenn – frei nach der hei­sen­berg­schen Unschär­fe­re­la­ti­on – der Pro­zess der mana­ge­ri­el­len Beob­ach­tung die beob­ach­te­te Orga­ni­sa­ti­on unge­wollt ver­än­dert?

Beob­ach­ten wir den Beob­ach­ter bei der Arbeit. Der Mana­ger ist im eigent­li­chen Sinn des Wor­tes ein Büro­krat, also jemand, der Herr­schaft vom Büro, vom Schreib­tisch aus aus­übt. Um dies zu bewerk­stel­li­gen, muss er die Orga­ni­sa­ti­on les­bar machen: Er muss sie so for­ma­tie­ren, dass das kom­ple­xe Gesche­hen im Betrieb auf sei­nen Schreib­tisch passt. Er muss Res­sour­cen, Pro­zes­se, Abläu­fe, Rol­len, Ver­ant­wor­tun­gen, Kos­ten, Inputs und Out­puts defi­nie­ren, er muss ein­gren­zen, abgren­zen und aus­gren­zen, um über­haupt mana­gen zu kön­nen. Inso­fern trifft Nietz­sches Ana­ly­se zu, wonach ein jeder Erkennt­nisap­pa­rat immer auch ein Sim­pli­fi­zie­rungs­ap­pa­rat sei, der nicht der Wahr­heits­fin­dung, son­dern viel­mehr der Bemäch­ti­gung der Din­ge dient. Und sind die mäch­tigs­ten Mana­ger nicht die, die qua­si die gesam­te Orga­ni­sa­ti­on nur als Reprä­sen­ta­ti­on gel­ten las­sen? Die ihre Ent­schei­dun­gen auf­grund von Zah­len, Berich­ten, bera­ter­in­du­zier­ten Power-Point-Foli­en, Dia­gram­men und so wei­ter tref­fen?

 

Inso­fern trifft Nietz­sches Ana­ly­se zu, wonach ein jeder Erkennt­nisap­pa­rat immer auch ein Sim­pli­fi­zie­rungs­ap­pa­rat sei, der nicht der Wahr­heits­fin­dung, son­dern viel­mehr der Bemäch­ti­gung der Din­ge dient.

 

Auf dem Weg nach oben wird die Orga­ni­sa­ti­on platt gemacht, bis eine erlauch­te Grup­pe auf­grund von Abs­trak­tio­nen Ent­schei­dun­gen tref­fen kann. Das hat Kon­se­quen­zen – Kon­se­quen­zen, die James Scott in sei­nem Buch See­ing Like a Sta­te meis­ter­lich ana­ly­siert hat. Er erzählt fol­gen­de Geschich­te: In der zwei­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­te sich in Deutsch­land eine neue Form von Wis­sen und Prak­tik der Forst­wirt­schaft. Johann Gott­lieb Beck­mann (1700–1777), Avant­gar­dist der Forst­wirt­schafts­leh­re, begann sei­ne Sys­te­ma­ti­sie­run­gen damit, den Wald akri­bisch zu ver­mes­sen. Er schritt durch den Wald mit einer Schach­tel unter dem Arm, in der sich Nägel in fünf ver­schie­de­nen Far­ben befan­den. Jede Far­be ent­sprach einer Kate­go­rie von Baum­grö­ße. So wur­de der Wald einer Inven­tur unter­zo­gen, in der jeder Baum erfasst und klas­si­fi­ziert wur­de. Mit der Set­zung eines „Nor­mal­bau­mes“ als Stan­dard konn­te sich pla­nen las­sen, wie viel Holz der Wald pro Jahr lie­fern wür­de. Dank der Ver­mes­sung des Manage­ments wur­de der Wald zu einer Res­sour­ce, zu einem öko­no­mi­schen Objekt, mit dem sich rech­nen ließ. Die Krux an der Sache: Unter Beck­manns Hand wird der Wald in Sym­bo­le, Kate­go­ri­en, Zah­len und Begrif­fe über­setzt. Das Wuchern und Trei­ben wird in Tabel­len und Zah­len dis­zi­pli­niert. Dabei wird vom Phä­no­men des Wal­des abs­tra­hiert, gleich­zei­tig aber ent­steht dadurch eine neue Rea­li­tät, die ihre Sub­stanz in der Dar­stel­lung, in der Visua­li­sie­rung des Wal­des fin­det. Der finan­zi­el­le Wert des Wal­des, die Qua­li­tät und Ertrag in n-Jah­ren, Wachs­tum und Ver­gleichs­zah­len mit ande­ren Wäl­dern – das sind alles neue Qua­li­tä­ten, die wohl­ge­merkt nicht im Wald wach­sen, son­dern Deri­va­te des Mana­gens sind.

Und es sind eben die­se Reprä­sen­ta­tio­nen, die die Arbeit des Mana­gers über­haupt ermög­li­chen. Er kann aus der Distanz han­deln, soll hei­ßen: Er kann Auf­ga­ben an sei­ne Unter­lin­ge dele­gie­ren und er kann ihre Tätig­keit kon­trol­lie­ren, ohne selbst in den Wald gehen zu müs­sen; er kann sei­nem Herrn Rechen­schaft über sei­ne Leis­tung able­gen, in dem er auf Zah­len und Tabel­len ver­weist; er kann Inves­to­ren den Wald ver­kau­fen, ohne dass sie den Wald jemals zu Gesicht bekom­men. Dank der Visua­li­sie­rung des Wal­des kann er sei­ne Macht in die Fer­ne pro­jek­tie­ren; und nur Dank der Visua­li­sie­rung kann er sich als das Zen­trum des Gesche­hens instal­lie­ren. Dar­in liegt die Ver­mes­sung des Manage­ments.

Was uns zum Unter­ti­tel von Scotts Buch bringt: How Cer­tain Sche­mes to Impro­ve the Human Con­di­ti­on Have Fai­led. Denn in der Art und Wei­se, wie Manage­ment die Welt sicht­bar macht, liegt das Pro­blem. Was geschieht, wenn der Wald zu einer Sum­me von Bäu­men und die Bäu­me zum Objekt des Manage­ment­han­delns wer­den? Was ist der Preis der Abs­trak­ti­on?

Zunächst wird der Wald les­bar, dar­stell­bar gemacht; er wird auf das, was zählt, und das heißt: was zähl­bar ist, redu­ziert. Das sind in unse­rem Fall die Bäu­me, deren Anzahl, der Umfang der Stäm­me, das Volu­men an Holz, das sich zu einem gewis­sen Zeit­punkt dar­aus erwirt­schaf­ten lässt. Viel­leicht auch die Anzahl der Häu­ser, die sich damit bau­en las­sen, oder die Schiffs­mas­ten, die sich damit her­stel­len las­sen. Und natür­lich der Preis, der sich durch unter­schied­li­che Ver­wen­dungs­zwe­cke erzie­len lässt. Dabei wird all das aus­ge­blen­det, was den Wald als öko­no­mi­sches Objekt unscharf, ver­schwom­men wer­den lie­ße. Zum Bei­spiel wird all das Unter­holz, das Klein­wüch­si­ge und Krum­me, das Nicht-Ver­wert­ba­re und Para­si­tä­re aus der Dar­stel­lung ver­bannt. Es inter­es­sie­ren den Mana­ger nicht die Wür­mer im Boden und die Eich­hörn­chen auf den Baum­wip­feln und auch nicht das gefal­le­ne Laub und die Feuch­tig­keit nach dem Regen. Vor lau­ter Bäu­men sieht er den Wald nicht.

 

Es sind eben genau jene Din­ge, die der Mana­ger außer Acht lässt, die den Wald zum Wald machen.

 

Das Pro­blem liegt auf der Hand: Es sind eben genau jene Din­ge, die der Mana­ger außer Acht lässt, die den Wald zum Wald machen. In Wirk­lich­keit haben wir es mit einer Öko­lo­gie zu tun, die der Mana­ger in eine Öko­no­mie umin­ter­pre­tiert. In Scotts Geschich­te rächt sich die­se Umdeu­te­lei recht bald: Die Forst­wirt­schafts­leh­re mar­kiert para­do­xer­wei­se die Geburt des Wald­ster­bens. Denn im Lau­fe der Geschich­te wird die Dar­stel­lung des Wal­des als öko­no­mi­sches Objekt immer mehr zum Modell für die Gestal­tung des Wal­des. Die ver­ein­fa­chen­de Dar­stel­lung führt zu einem ver­ein­fach­ten Wald – und solch ein ver­ein­fach­ter Wald, von sei­ner kom­ple­xen Öko­lo­gie getrennt, ist nicht nach­hal­tig. Die dar­aus resul­tie­ren­den Mono­kul­tu­ren lau­gen den Boden aus, sie sind für Schäd­lin­ge und Sturm­schä­den anfäl­lig. Dies – und vie­les mehr – macht den ver­ein­fach­ten Wald in kur­zer Zeit zu einer höchst kom­pli­zier­ten Sache, die sich mit den Mit­teln des Manage­ments nicht beherr­schen lässt.

Die Moral der Geschich­te? Die instru­men­tel­le Dar­stel­lung des Wal­des igno­riert, was sei­ne eigent­li­che Exis­tenz ermög­licht und sei­ne Repro­duk­ti­on sicher­stellt. Die Abs­trak­ti­on des Mana­gers macht aus dem Wald ein Objekt, das einen Preis hat; aber eben damit zer­stört er jene Wer­te, die den Wald her­vor­brin­gen.

Die­se Geschich­te ist frei­lich eine Para­bel: Von der Forst­wirt­schafts­leh­re ist es nur ein klei­ner Schritt zur moder­nen Finanz­wirt­schafts­leh­re. Sind denn nicht Rating­agen­tu­ren moder­ne Sim­pli­fi­zie­rungs­ma­schi­ne­ri­en, die ihre Bewer­tun­gen wie farb­co­dier­te Nägel in Unter­neh­men trei­ben? Zwei­fels­oh­ne gehö­ren die­se Ver­ein­fa­chun­gen zur nume­ri­schen Infra­struk­tur der glo­ba­li­sier­ten Finanz­wirt­schaft. Aber wie die Forst­wirt­schaft zum Wald­ster­ben, so führ­ten die Ratings in die Kri­se. Und in der Kri­se besinnt man sich jener Din­ge, die die Wirt­schaft aller­erst mög­lich machen, die aber in ihrem Kal­kül außen vor blei­ben – allen vor­an der eigent­li­chen Bedeu­tung des Wor­tes Kre­dit, latei­nisch für „Ver­trau­en“. Wir sehen den beck­mann­schen Stil am Werk: Eine kom­ple­xe Öko­lo­gie wird immer wei­ter abs­tra­hiert, in immer fei­ne­re Tran­chen zer­legt und zu col­la­te­ra­li­zed debt obli­ga­ti­ons und credit default swaps und ande­ren Deri­va­ten syn­the­ti­siert. Die­se neu­en Objek­te exis­tie­ren nur als Dar­stel­lun­gen, sie drü­cken Bezie­hun­gen und Ver­hält­nis­se aus, die ohne die Kunst des Mana­gers nicht exis­tie­ren wür­den. Aber wie beck­mann­sche Dar­stel­lun­gen des Wal­des sind auch sie Dar­stel­lun­gen, die ihre eige­ne Exis­tenz­be­din­gung igno­rie­ren. Karl Marx hat in die­sem selbst­de­struk­ti­ven Pro­zess das Wesen des Kapi­ta­lis­mus erkannt: Fort­wäh­rend zer­stört er das Fun­da­ment, auf dem sein Erfolg basiert.

 

Wider­spruch als List der Mäeu­tik oder Plan B?

Frei­lich könn­te man, all dem fol­gend, dem Wider­spruch eine wich­ti­ge Funk­ti­on zuschrei­ben: Er hält das Sys­tem in Bewe­gung, die Akteu­re auf Trab, ganz im Sin­ne von Goe­thes Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft (und deren säku­la­ri­sier­te Les­ar­ten, von Joseph Schum­pe­ters schöp­fe­ri­scher Zer­stö­rung bis hin zu Albert Hirsch­mans hiding hand).

Viel­leicht macht man es sich mit die­ser Les­art zu ein­fach; wird nicht durch die Nor­ma­li­sie­rung des Wider­spruchs als nor­mal akzep­tiert, was eigent­lich pro­ble­ma­tisch ist, wor­an Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen zer­bre­chen – und was inso­fern Ansporn der Ver­än­de­rung sein soll­te? Mehr noch, wird damit der Ansporn zur Ver­än­de­rung nicht in ihr Gegen­teil ver­kehrt? Haben wir es uns (mit Luh­mann) im Wider­spruch bequem gemacht? Soll­te er aber nicht viel mehr Grund des mora­li­schen Auf­schreis, Abgrund des Den­kens, Unter­grund für alter­na­ti­ves Han­deln sein?

Viel­leicht soll­ten wir nicht die Wider­sprü­che und Kri­sen im Sys­tem, son­dern das Sys­te­ma­ti­sche der Wider­sprü­che und Kri­sen zu ver­ste­hen suchen. Erle­ben wir denn nicht fort­wäh­rend den Kapi­ta­lis­mus als Zwang, der nach Eigen­ge­setz­lich­kei­ten wal­tet, wäh­rend wir ihn doch wegen sei­nes Frei­heits­ver­spre­chens als Idee akzep­tie­ren? Führt nicht die unge­heu­re kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­on in eine Situa­ti­on, wo alles einen Preis, aber nichts einen Wert hat? Und sind nicht die Prä­mis­sen der Öko­no­mie das eigent­li­che Gegen­stück zum Ver­ständ­nis der Öko­lo­gie?

Gesetzt, das wäre rich­tig, müss­ten wir dann nicht auf die vie­len Dr. Pan­gloß zuge­hen, die auf Lehr­stüh­len, Par­la­ments­bän­ken und in Vor­stands­eta­gen sit­zen, und anstatt es uns in ihren Para­do­xie-Ortho­do­xi­en bequem zu machen, mit ihnen, gegen sie, einen Plan B erstrei­ten?

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin. Seit 2009.

Hier stel­len wir uns vor.

Verkehrte Welt: Qualität ist menschlich – Rainer Dollase

Verkehrte Welt: Qualität ist menschlich

von Rainer Dollase

 

Im Ute­rus – eine gesun­de Mut­ter vor­aus­ge­setzt – haben wir die opti­ma­le Kom­fort­zo­ne erfah­ren: Für alles wur­de gesorgt, Qua­li­tät pur. Nach der Geburt fing das Leid an. Es zwack­te, piek­te, brann­te, tat nicht das, was man woll­te. Die Natur gab uns das Plär­ren mit auf den Weg, damit wir Bezugs­per­so­nen her­bei­zi­tie­ren konn­ten, die unse­re Kom­fort­zo­ne restau­rier­ten, weil ihnen das Geschrei auf die Ner­ven ging. Sel­ber an unse­rer Qua­li­tät arbei­ten konn­ten wir noch nicht. Das war die Geburts­stun­de des Qua­li­täts­ma­nage­ments: ein Soll defi­nie­ren – han­deln las­sen – eva­lu­ie­ren. Oder: Ziel­ver­ein­ba­rung tref­fen – her­um­pro­bie­ren las­sen – bewer­ten. Wie auch immer, der Tenor ist: „Ich will Qua­li­tät und zwar sofort, und wenn ich sie nicht bekom­me, dann plär­re ich.“

 
Wal­dorf und Stat­ler, die bei­den älte­ren Her­ren in der Loge der Mup­pet Show, ste­hen stell­ver­tre­tend für die mosern­den, regres­si­ven Nichts­kön­ner, deren ein­zi­ge Kom­pe­tenz im Mäkeln an dem Gebo­te­nen besteht; für die­je­ni­gen, die nicht wis­sen, wie man Gutes her­stellt; für jene, die Über­le­gen­heit auf dem Wege der Ersatz­be­frie­di­gung zu gewin­nen glau­ben: „Indem ich Kri­ti­ker und Kon­trol­leur bin, weiß ich bes­ser als ande­re, wie es geht.“ – Natür­lich wis­sen sie es nicht. In der ermü­den­den Pri­mi­tiv­lo­gik von „plan – do – check – act“, die auch nicht dadurch intel­lek­tu­el­ler wird, dass man sie als Deming­kreis oder She­whart-Zyklus bezeich­net, ver­steckt sich kind­li­che, mensch­li­che Hand­lungs­lo­gik. Eine Hand­lungs­lo­gik, die auch beim Krab­bel­kind, das einen Ball ergat­tern möch­te, vor­liegt und zu der jeder psy­chisch gesun­de Mensch immer und in jedem (Zeit-)Alter fähig ist und war. Also: Bana­li­tät pur.

Die Säug­lings­lo­gik weicht im Nor­mal­fall im Lau­fe des Lebens einer kom­ple­xe­ren, anstren­gen­den Bewäl­ti­gungs­phi­lo­so­phie: Du musst wis­sen, wie es geht und was du kannst. Per aspe­ra ad astra. Ohne har­te Lehr­jah­re, Beloh­nungs­auf­schub und Ver­zicht auf Bequem­lich­keit kei­ne Hand­lungs­kom­pe­tenz. Sicher, du musst wis­sen, was du willst und was der Kun­de will, du darfst auch an das Para­dies auf Erden glau­ben, an ein drei­ecki­ges Vier­eck – aber Zie­le zu set­zen, ist die Fähig­keit der Unter­stu­fe, der Klipp­schü­ler. In der Ober­stu­fe muss man Zie­le nicht nur for­mu­lie­ren, son­dern auch umset­zen kön­nen. Erwach­se­ne mit Säug­lings­lo­gik machen nur Pro­ble­me.

Erwach­se­ne mit Säug­lings­lo­gik machen nur Pro­ble­me.

Nun, in einer Zeit, in der unspe­zi­fi­sche Heils­er­war­tun­gen an Pro­duk­te der Com­pu­ter­bran­che genährt wer­den, brei­tet sich der regres­si­ve Irr­glau­be aus, Visio­nen sei­en der Schlüs­sel zum Erfolg. Sie zu haben, sei das Ent­schei­den­de, die Umset­zung bes­ten­falls nach­ran­gig. Aber weder Ken­ne­dys legen­dä­re Visi­on vom 25. Mai 1961 – „First, I belie­ve that this nati­on should com­mit its­elf to achie­ving the goal, befo­re this deca­de is out, of lan­ding a man on the moon and retur­ning him safe­ly to the earth“ – noch die berühm­te Rede von Ste­ve Jobs am 12. Juni 2005, die mit den Wor­ten endet: „Stay hungry, stay foolish“, kamen von Phan­tas­ten, Illu­sio­nis­ten oder Qua­li­täts-Büro­kra­ten, son­dern von Rea­lis­ten, die der Wirk­lich­keit in enger Abspra­che mit Machern all das abpres­sen konn­ten, was tat­säch­lich erreich­bar ist und war.

 

Qua­li­täts­kon­trol­le – der Mensch als Maschi­ne?

Wenn nun jemand daher­kommt und mit dem für man­che offen­bar neu­en Wort „Qua­li­täts­ma­nage­ment“ so tut, als prä­sen­tie­re er eine noch nie da gewe­se­ne Metho­de, so täuscht er aus mis­sio­na­ri­schen Grün­den sei­ne Zeit­ge­nos­sen. Denn die­se Metho­de stellt ledig­lich die nor­ma­le mensch­li­che Hand­lungs­lo­gik dar: Sie beschreibt, dass man das, was man möch­te oder was man tun soll, anschlie­ßend kon­trol­liert, und wenn man es nicht erreicht hat, sein eige­nes Ver­hal­ten ändert. Die­se Hand­lungs­lo­gik gibt es seit der Stein­zeit. Was heißt das? Jeder Hand­wer­ker, was auch immer er macht, kon­trol­liert die Effek­te sei­ner Hand­ar­beit und greift kor­ri­gie­rend ein. Das ist sein Qua­li­täts­ma­nage­ment.

Jeder Hand­wer­ker, was auch immer er macht, kon­trol­liert die Effek­te sei­ner Hand­ar­beit und greift kor­ri­gie­rend ein. Das ist sein Qua­li­täts­ma­nage­ment.

Inso­fern war es durch­aus sinn­voll, mensch­li­che Hand­lungs­lo­gik auf Band­stra­ßen und Maschi­nen zu über­tra­gen; es war sogar ein genia­ler tech­ni­scher Ent­wick­lungs­schritt, den wir der Kyber­ne­tik – als Wis­sen­schaft der Steue­rung und Rege­lung von Maschi­nen – zu ver­dan­ken haben. Mensch­li­che Hand­lungs­pla­nung macht Maschi­nen wie Men­schen. Wenn bei­spiels­wei­se in einer Band­stra­ße ein Feh­ler auf­taucht, dann kann das Qua­li­täts­ma­nage­ment die­sen in aller Regel inner­halb einer Vier­tel­stun­de fin­den und die Ursa­che abstel­len. Das ist dar­um mög­lich, weil es nur eine end­li­che Anzahl von Feh­ler­mög­lich­kei­ten gibt.

Kon­fron­tiert mit so vie­len, so toll funk­tio­nie­ren­den Maschi­nen kommt so man­cher auf die Idee, die Maschi­nen­lo­gik zum Maß­stab zu neh­men und mensch­li­che Leis­tun­gen an ihr zu mes­sen. Die Rück­über­tra­gung der Maschi­nen­lo­gik auf Men­schen ist aller­dings wenig sinn­voll, da der Mensch ja eine ver­in­ner­lich­te Qua­li­täts­si­che­rung ein­ge­baut hat, gewis­ser­ma­ßen das Ori­gi­nal, die Blau­pau­se, die ihm mehr Fle­xi­bi­li­tät sichert als die rück­über­tra­ge­ne Maschi­nen­lo­gik. Mensch­li­che Hand­lungs­lo­gik ist hoch­fle­xi­bel, stra­te­gie­reich – sie ist unbe­re­chen­bar und kann des­halb mehr als die dem Men­schen zwar nach­emp­fun­de­ne, aber ver­ein­fach­te Maschi­nen­lo­gik. Die Kopie ist nicht bes­ser als das Ori­gi­nal. Und die Kopie einer Kopie ist noch schlech­ter. Abge­se­hen davon: Wenn man Men­schen ver­än­dern will, lie­gen Feh­ler­mög­lich­kei­ten vor, die uns (also auch der ver­ein­ten Wis­sen­schaft) unbe­kannt sind oder auch bloß unzu­gäng­lich.

 

Qua­li­tät – wie es bes­ser geht

Fach­li­che Stan­dards und rich­ti­ges Ver­hal­ten im Beruf wer­den in der Aus­bil­dung durch Vor­ge­setz­te ver­mit­telt, die etwas von der Sache ver­ste­hen; und sinn­vol­ler­wei­se von Men­schen kon­trol­liert, wel­che eine bestimm­te Tätig­keit auch aus­üben. Dazu ein Bei­spiel: die Qua­li­täts­ana­ly­se in der Schu­le. Längst ist klar, dass sie in der Hand der Macher, also der Lehr­kräf­te, wirk­sa­mer ist als in der Hand von exter­nen Super­vi­so­ren. Päd­ago­gi­sche Macher arbei­ten dem wohl welt­weit bekann­tes­ten Bil­dungs­for­scher John Hat­tie zufol­ge nach dem Prin­zip „Dia­gno­se – Inter­ven­ti­on – Eva­lua­ti­on“ (nied­lich als Esels­brü­cke for­mu­liert „Teach to DIE for“) und „Know thy impact“. Der gut aus­ge­bil­de­te Leh­rer hat kei­ne Kon­trol­leu­re nötig. Er macht sich die Unter­richts­qua­li­tät selbst – nein, er muss die Qua­li­tät selbst machen. Denn der Mensch ist bei der Suche nach Lösun­gen fle­xi­bler und krea­ti­ver als das star­re büro­kra­ti­sier­te Qua­li­täts­ma­nage­ment.

Qua­li­täts­ma­nage­ment dort, wo das Gesche­hen weder wis­sen­schaft­lich noch prak­tisch auf­ge­klärt wer­den kann – also zum Bei­spiel über­all dort, wo eine mensch­li­che Leis­tung dem Qua­li­täts­ma­nage­ment unter­zo­gen wird – ist hand­lungs­lo­gi­scher Unsinn. Neh­men wir einen Fuß­ball­ver­ein: Was könn­te wohl Out­put­steue­rung bei Bay­ern Mün­chen bedeu­ten? Viel­leicht eine Ziel­ver­ein­ba­rung „Die Mann­schaft bemüht sich, das Spiel zu gewin­nen“, die dann von hoch­be­zahl­ten Qua­li­täts-Exper­ten kon­trol­liert wird?

Qua­li­täts­ma­nage­ment gehört in die Hand der Macher und nicht in die Hand der Kon­trol­leu­re.

Qua­li­täts­ma­nage­ment gehört in die Hand der Macher und nicht in die Hand der Kon­trol­leu­re. Wer Qua­li­tät will, braucht Men­schen, die was vom Machen ver­ste­hen. Sie geben ihr Kön­nen Face-to-Face und inter­ak­tiv wei­ter, sie schrei­ben es nicht auf. Sie rei­sen als Spit­zen­kö­che in ande­rer Leu­te Hotel­kü­chen und machen vor, wie es bes­ser geht. Sie besu­chen den Unter­richt in inklu­siv arbei­ten­den Klas­sen und zei­gen, wie er sich bes­ser gestal­ten lässt. Sie ver­mei­den die Klug­schei­ße­rei der Her­ren Wal­dorf und Stat­ler. Sie kön­nen es tat­säch­lich bes­ser machen.

 

Kom­pe­tenz statt Büro­kra­tie

Im büro­kra­ti­schen Qua­li­täts­ma­nage­ment wer­den Zie­le und Pro­zes­se (ja, ja, Pro­zess­qua­li­tät muss von Ergeb­nis­qua­li­tät unter­schie­den wer­den wie Äpfel von Bir­nen, heißt es immer – aber wer bei­des nicht zu Obst zusam­men­fas­sen kann, gerät in das unpro­duk­ti­ve Dif­fe­ren­zie­rungs- und Ver­dun­ke­lungs­di­lem­ma, oder hat noch nie etwas von Men­gen­leh­re und Klas­si­fi­ka­tio­nen gehört) „ver­bal doku­men­tiert“. Das heißt nach der Inspek­ti­on der Rea­li­tät wird viel gere­det, ein Schrift­stück auf­ge­setzt, irgend­wo ein Kreuz­chen auf einer Ska­la gemacht und den Inspi­zier­ten ein Bericht zuge­stellt. Die­se Ver­bal­steue­rung von Qua­li­tät erin­nert fatal an einen Satz des Essay­is­ten Carl Ein­stein (1885–1940): „Um an den Erfolg der Fik­tio­nen glau­ben zu kön­nen, ver­such­ten die Intel­lek­tu­el­len, das Tat­säch­li­che zu ver­ges­sen oder aus­zu­schal­ten. Sie wähn­ten, es genü­ge eine Pho­to­gra­phie zu durch­boh­ren, um das Ori­gi­nal zu Tode zu brin­gen.“

Das Qua­li­täts­ma­nage­ment abs­tra­hiert zunächst vom Gege­be­nen und zer­legt dann das unter­such­te Phä­no­men in ein­zel­ne Bestand­tei­le, ord­net die­se und wer­tet sie aus. So wer­den effek­ti­ve ganz­heit­li­che Qua­li­täts­op­ti­mie­rungs­pro­zes­se aus­ein­an­der­ge­ris­sen. Dadurch dro­hen para­si­tä­re Büro­kra­ti­en zu ent­ste­hen, die nicht wirk­lich zur Pro­duk­ti­vi­tät bei­tra­gen, son­dern den Mana­gern ein gemüt­li­ches Plätz­chen in der Schreib­stu­be sichern. Wohin auch mit den vie­len Aka­de­mi­kern? In der Tat muss man die­se stei­le The­se akzep­tie­ren: Füh­rungs­kräf­te möch­ten heu­te am liebs­ten vom Abi auf die Eli­te­uni und dann sofort auf die Füh­rungs­eta­ge wech­seln, statt sich die Spo­ren von der Pike auf zu ver­die­nen, also erst zum Macher und dann zur Füh­rungs­kraft zu wer­den.

Füh­rungs­kräf­te möch­ten heu­te am liebs­ten vom Abi auf die Eli­te­uni und dann sofort auf die Füh­rungs­eta­ge wech­seln, statt sich die Spo­ren von der Pike auf zu ver­die­nen, also erst zum Macher und dann zur Füh­rungs­kraft zu wer­den.

Wah­res „Lea­dership“ heißt in die­sem Kon­text: Ich weiß, was ich will und ich kann es auch (vor)machen. Der „Boss“ ist dem­ge­gen­über nur der „Befeh­ler“ oder „Bestim­mer“, oder vor­nehm aus­ge­drückt der „Out­put-Steue­rer“. Oder ein­fach das plär­ren­de Balg, das wie­der in sei­ne Kom­fort­zo­ne will, sich aber nicht selbst dort­hin bewe­gen kann.

Fol­ge­rich­tig gibt es nur Ver­wir­rung, gerät man im Arbeits­pro­zess in die Fän­ge der Out­put­steue­rung. Es wird gesagt, was man tun soll (zum Bei­spiel in Bezug auf Inklu­si­on, auf das Out­put des Bil­dungs­sys­tems, der For­schung und Leh­re, der Pro­dukt­ent­wick­lung etc.) aber die Bestim­mer wis­sen selbst nicht, wie ihre Ziel­vor­ga­be erreicht wer­den kann. Sie ermun­tern zum Wag­nis und sagen dann, soll­te das Ergeb­nis nicht den Erwar­tun­gen ent­spre­chen: „Das haben wir so nicht gewollt. Wir woll­ten Qua­li­tät, das haben wir doch gesagt!“ Das führt zum „dou­ble bind“, zur Dop­pel­bin­dung: „Du darfst tun, was du willst, aber wehe, es ist nicht gut.“ Dou­ble binds, also wider­sprüch­li­che Simultan­bot­schaf­ten, kön­nen auch zum Irre­sein füh­ren. Eine unge­ziel­te Suche nach irgend­et­was Unbe­stimm­tem setzt dann ein, vie­le Irr­we­ge wer­den beschrit­ten. Woher soll man auch wis­sen, was rich­tig ist? Out­put­steue­rung (auch bei PISA den­ken man­che so) ist zwar sehr mensch­lich, fällt aber in klein­kind­li­che Mus­ter zurück. Wer nicht weiß, wie es geht, soll­te die Ein­hal­tung von Zie­len nicht auch noch kon­trol­lie­ren wol­len.

 

Zurück zur DDR?

Wie war das eigent­lich mit dem Qua­li­täts­ma­nage­ment in der DDR? Die Repu­blik war frag­los bemüht, in mehr­stu­fi­gen Pro­zes­sen die Ziel­vor­ga­ben mit den Machern abzu­stim­men. Dar­aus resul­tier­te über­all die hun­dert­pro­zen­ti­ge Plan­erfül­lung. War das gut? Stimm­te es über­haupt? Ein Kol­le­ge aus der ehe­ma­li­gen DDR sag­te: „Es ist erstaun­lich, dass selbst bekann­te Sozi­al­wis­sen­schaft­ler so ehr­furchts­voll von der Qua­li­täts­si­che­rung reden. Das hat­ten wir doch in der DDR, hieß Plan­wirt­schaft und war unwirk­sam.“ So ist es. Zumal jede büro­kra­ti­sche Kon­trol­le durch ein­fa­che Tricks hin­ters Licht geführt wer­den kann. Es geht eben nichts über eine moti­vie­ren­de Füh­rungs­kraft, die auch kann, was sie for­dert.

 

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