Gedankenspiel – Nervenkitzel mit der Agentur für Extremerfahrungen

18.03.2051

Liebes Tagebuch,

ich sit­ze jetzt im Hyper­loop-Express auf dem Weg von Baishan zurück nach Hau­se und bin immer noch stark eupho­ri­siert von der Grenz­erfah­rung, die ich heu­te gemacht habe. Ich kom­me gera­de vom Apnoe-Tau­chen.

Die digi­ta­le Diät in der vor­he­ri­gen Woche hat­te mich Fol­gen­des gelehrt: Ich lebe in einer Sicher­heits­bla­se. Es gibt über­haupt kei­ne Risi­ken mehr. Die Apps lei­ten mich an poten­zi­ell Kri­mi­nel­len und Amok­läu­fern in mei­nem Umfeld vor­bei. Die Nano­bots eli­mi­nie­ren Krebs­zel­len und hal­ten mei­ne Tumo­re in Schach. Und auch das Wet­ter haben die Behör­den eini­ger­ma­ßen unter Kon­trol­le. Mir fehl­te der Ner­ven­kit­zel. Das merk­te auch Rosa, mein digi­ta­ler But­ler, und emp­fahl mir eine Agen­tur für Extre­mer­fah­run­gen. Ges­tern hat­te ich dort einen Ter­min. Sie hat­te Wing­su­it-Flü­ge, Stra­to­sphä­ren­sprün­ge, No-Limit-Apnoe-Tau­chen, Free-Solo-Safa­ris und Vul­kan­ab­stie­ge im offi­zi­el­len Ange­bot. Inof­fi­zi­ell wür­den sie auch orga­ni­sier­te Ent­füh­run­gen mit oder ohne Schein­exe­ku­ti­on anbie­ten, Ampu­ta­tio­nen und kon­trol­lier­te Herz­still­stän­de, erklär­te mir der Mit­ar­bei­ter. Das sei­en unglaub­lich inten­si­ve Erfah­run­gen. Mir fiel auf, dass ihm drei Fin­ger an der lin­ken Hand fehl­ten. Ich ent­schied mich für das Apnoe-Tau­chen, nicht zuletzt, weil ich als Kind ein­mal fast ertrun­ken wäre.

Heu­te Mor­gen nahm ich dann die Express­ver­bin­dung nach Baishan, wo mich ein Gui­de abhol­te und zum Hea­ven Lake brach­te. Der See ist gigan­tisch. Einer der höchs­ten, größ­ten und tiefs­ten Kra­ter­se­en der Welt. Auch das Pan­ora­ma des Chang­bai-Gebir­ges war beein­dru­ckend. Herb, der Gui­de, zeig­te mir und drei wei­te­ren Kurs­teil­neh­mern zunächst eini­ge Atem­übun­gen, mit denen wir unse­re Lun­gen dehn­ten. Dann führ­te er uns in das Mate­ri­al ein. Wir beka­men Tauch­mas­ken, Nasen­klam­mern und rela­tiv dick­wan­di­ge Neo­pren­an­zü­ge. Die Anzü­ge ver­füg­ten über ein Ret­tungs­sys­tem für den Fall, dass uns in gro­ßer Tie­fe der Druck­aus­gleich nicht gelin­gen soll­te. Er zeig­te uns, wie sich das Neo­pren explo­si­ons­ar­tig ver­steif­te und uns so vor dem gigan­ti­schen Was­ser­druck schüt­zen wür­de. „Andern­falls rei­ßen eure Lun­ge, Kie­fer- und Stirn­höh­len“, warn­te uns Herb. Dann spritz­te er uns noch einen Cock­tail aus Koh­len­di­oxid-Sca­ven­gern, Sauer­stoff-Releasern und künst­li­chen roten Blut­kör­per­chen. Vor allem die Sca­ven­ger waren wich­tig, um den Atem­re­flex län­ger zu unter­drü­cken. Die Sauer­stoff-Releaser wür­den eine Ohn­macht ver­hin­dern. In rela­tiv fla­chem Gewäs­ser übten wir noch den Druck­aus­gleich und fuh­ren schließ­lich mit dem Boot hin­aus auf den See. Herb steu­er­te eine Boje an, an der ein Seil­zug­sys­tem befes­tigt war. Ich war als Ers­ter an der Rei­he. Herb und ich spran­gen ins Was­ser und er hak­te mich an einem gro­ßen metal­li­schen Schlit­ten ein. Ich nahm drei tie­fe Atem­zü­ge, wie Herb es mir gezeigt hat­te, und tauch­te mit dem Kopf vor­an ab. Der Schlit­ten setz­te sich sofort in Bewe­gung und zog mich mit einer Geschwin­dig­keit von viel­leicht drei Metern pro Sekun­de hin­ab. Ich glitt in die Tie­fe. Es wur­de rasch dunk­ler und spür­bar käl­ter. Schnell spür­te ich den stei­gen­den Was­ser­druck, der sich als hef­ti­ger Schmerz im Ohr bemerk­bar mach­te. „Ihr müsst den Druck per­ma­nent aus­glei­chen!“, hat­te Herb uns ange­wie­sen. Ich press­te die Luft aus mei­nen Lun­gen in die Ohren. Ich hat­te die 100-Meter-Mar­ke längst pas­siert. Der Druck war kaum mehr aus­zu­hal­ten. Ich hät­te das Not­fall­sys­tem akti­vie­ren kön­nen. Aber ich war schon längst im Tie­fen­rausch. Endor­phi­ne durch­ström­ten mein Gehirn. Dann riss mein Trom­mel­fell. Aber ich hat­te es fast geschafft. Als ich die 200-Meter-Ziel­mar­ke schließ­lich erreich­te, war mei­ne Lun­ge auf die Grö­ße einer Oran­ge zusam­men­ge­presst. Und ich spür­te auch hier die Mikro­ris­se und schmeck­te Blut auf der Zun­ge. Wäh­rend mich ein mit Press­luft gefüll­ter Bal­lon wie­der nach oben zog, spür­te ich, wie die Nanoro­bo­ter in mei­nem Blut­kreis­lauf die Lun­gen­ris­se und das Trom­mel­fell bereits wie­der repa­rier­ten. Es krib­bel­te. Ich war schon eine gefühl­te Ewig­keit unter Was­ser. Der Atem­re­flex wur­de immer mäch­ti­ger.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Aber die Macht mei­nes Wil­lens war stär­ker. Ich unter­drück­te den Reflex. Ich war Herr über mei­nen Kör­per. Ich fühl­te die sich nähern­de Bewusst­lo­sig­keit. Doch kleins­te, genau dosier­te Sauer­stoff­schü­be aus den Oxy­gen-Releasern, die Herb mir gespritzt hat­te, hiel­ten mich in einem Schwe­be­zu­stand zwi­schen Bewusst­sein und Ohn­macht. Es fühl­te sich groß­ar­tig an. Dann schoss ich wie ein Kor­ken aus dem Was­ser und flu­te­te mei­ne Lun­gen mit fri­scher Luft. Als Herb mir an Deck half, war ich ein neu­er Mensch.

Jetzt bin ich auf dem Heim­weg, rau­sche mit dem Express­zug laut­los durch die Vaku­um­röh­re und über­le­ge bereits, wel­che Gren­ze ich als Nächs­tes über­win­den wer­de. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 

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wahre angstDie neue agora42 zum Thema WA(H)RE ANGST

mit

  • Heinz Bude im Inter­view
  • Frank Ruda: “Mut zur Angst”
  • Franz Kaf­ka im Por­trät
  • Spe­cial: Kunst­wer­ke zum The­ma von Jonas Bur­gert, Roger Bal­len, Sami­ra Frei­tag uvm.

 

Gegen die Angst – Interview mit Margarete Mitscherlich und Julia Friedrichs

In der Aus­ga­be 2/12 “jung&alt – Gene­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit” führ­ten wir ein Inter­view mit der Gran­de Dame der Psy­cho­ana­ly­se Marag­re­te Mit­scher­lich, die am 12. Juni 2012 ver­starb, und der 62 Jah­re jün­ge­ren Julia Fried­richs. Das Inter­view trägt den Titel “Gegen die Angst” und passt nicht nur auf­grund des Titels, son­dern vor allem auch auf­grund des Inhalts zur aktu­el­len Aus­ga­be. Wir wün­schen viel Freu­de bei der Lek­tü­re.

 

Gegen die Angst

 

Interview mit Margarete Mitscherlich und Julia Friedrichs

 

Frau Mit­scher­lich, was unter­schei­det jün­ge­re von älte­ren Men­schen?

M: Dass die Jugend den Groß­teil ihres Lebens noch vor sich hat, wäh­rend ich schon an mei­nen fünf Fin­gern abzäh­len kann, wann ich ins Gras bei­ßen muss.

 

Und in Bezug auf Wer­te und Ein­stel­lun­gen?

Mar­ga­re­te Mit­scher­lich-Niel­sen wur­de 1917 in Däne­mark gebo­ren. Die Toch­ter eines däni­schen Arz­tes und einer deut­schen Leh­re­rin stu­dier­te Medi­zin und Lite­ra­tur in Mün­chen und Hei­del­berg und wur­de 1950 in Tübin­gen zum Dr. med. pro­mo­viert. 1947 traf sie in der Schweiz den Arzt und Psy­cho­ana­ly­ti­ker Alex­an­der Mit­scher­lich (1908–1982), den sie 1955 hei­ra­te­te. Gemein­sam mit Alex­an­der Mit­scher­lich bemüh­te sie sich nach dem Krieg um die Wie­der­be­le­bung der Psy­cho­ana­ly­se in Deutsch­land. 1960 war sie Mit­be­grün­de­rin des Sig­mund-Freud-Insti­tuts in Frank­furt, wo sie fort­an vor­ran­gig arbei­te­te, und fun­gier­te vie­le Jah­re als Her­aus­ge­be­rin der Zeit­schrift Psy­che. Gemein­sam mit ihrem Mann ver­öf­fent­lich­te sie 1967 das Buch Die Unfä­hig­keit zu trau­ern, das zu einem der wich­tigs­ten Bücher für die Aus­ein­an­der­set­zung der Deut­schen mit dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regime wur­de. Es folg­ten unter ande­rem die Bücher Die fried­fer­ti­ge Frau (1985), Die Zukunft ist weib­lich (1987), Die Müh­sal der Eman­zi­pa­ti­on (1990) und Die Radi­ka­li­tät des Alters (2010). Mar­ga­re­te Mit­scher­lich leb­te bis zu ihrem Tod in Frank­furt am Main.

M: In der Jugend ist man schon sehr viel mehr auf Zukunft ein­ge­stellt. Man hat bestimm­te Zie­le, die man errei­chen, und bestimm­te Inter­es­sen, die man ver­fol­gen will. Ich per­sön­lich habe mich immer sehr für ande­re Men­schen und deren Leben inter­es­siert. Wie den­ken sie, was tun sie? Ich war immer ein gro­ßes Mut­ter­kind und habe mich sehr auf mei­ne Mut­ter ein­ge­stellt, woll­te wis­sen, was in ihr vor­geht. Das waren mei­ne Inter­es­sen, und wenn Sie so wol­len, ist das auch spä­ter mein Beruf gewor­den.

 

Frau Fried­richs, den­ken Sie, es gibt spe­zi­fisch jun­ge und alte Per­spek­ti­ven auf das Leben?

F: Ich den­ke, theo­re­tisch ist es schon so, wie Frau Mit­scher­lich sagt: In der Jugend befin­det man sich in einer Auf­bruch­pha­se; man will Din­ge ver­än­dern. Das ist auch das Bild, das ich von Jugend hat­te, bevor ich mit mei­nen Recher­chen für mein letz­tes Buch begann. Was ich aber her­aus­ge­fun­den habe, ist, dass die­ses Bild für die jet­zi­ge jun­ge Gene­ra­ti­on nicht mehr so recht zutrifft. Denn ich bin oft­mals auf ver­zag­te, ver­ängs­tig­te Leu­te getrof­fen, die in vie­lem rück­wärts­ge­wand­ter sind als die mitt­le­re Gene­ra­ti­on. Die­ses Auf­bre­chen, das Wis­sen, wo man hin­will, und das Anpa­cken­wol­len von Din­gen – vie­le Jugend­li­che glau­ben, sich das nicht mehr leis­ten zu kön­nen. Vie­le Jugend­li­che, die ich nach ihren Zie­len befrag­te, hat­ten die Vor­stel­lung, sich mit ihren Ehe­part­nern in ihren Häu­sern ein­zu­bau­en und alles Frem­de und auch Leben­di­ge außen vor zu las­sen.

 

Woher rührt die­se Angst? Die Jugend­li­chen wach­sen doch in einem sehr siche­ren Umfeld auf.

M: Ich bin im Ers­ten Welt­krieg gebo­ren wor­den, als eine Welt zusam­men­brach. Die Frau­en nach dem Ers­ten Welt­krieg bra­chen in eine neue Welt auf. Dies wur­de bereits an der stark ver­än­der­ten Klei­dungs­wei­se deut­lich. Die Frau­en hat­ten plötz­lich einen Bubi­kopf und tru­gen kur­ze Klei­der. Es war aber auch eine gefähr­li­che Zeit, ein ein­zi­ger Auf­ruhr mit vie­len Gefah­ren: Bom­ben, Hit­ler, Tod – end­los. Es war eben ganz anders als heu­te, wo sich alles nur noch um Sicher­heit dreht. Ich habe noch nie in mei­nem Leben so sicher gelebt wie in den letz­ten Jahr­zehn­ten. Die Men­schen waren in die­sen gefähr­li­chen Zei­ten sehr viel auf­bruchs­lus­ti­ger. Heu­te sind sie viel ängst­li­cher.

F: Ich glau­be, das ist eine gefühl­te Angst. Ich wur­de schon bei mei­nem Start ins Berufs­le­ben mit dem Gere­de über die Kri­se kon­fron­tiert, das einem heu­te über­all ent­ge­gen­schlägt. Des­halb ver­ste­he auch, dass das die Jün­ge­ren belas­tet. Aber trotz allem ist das kei­ne exis­ten­zi­el­le Angst. Den­noch scheint die­se eigen­ar­ti­ge gefühl­te Angst die Leu­te sehr zu läh­men.

 

Ent­steht die­se Angst dadurch, dass man sich nur als Räd­chen in einem schein­bar alter­na­tiv­lo­sen Sys­tem begreift, das kei­ne Mög­lich­keit zur Abgren­zung bie­tet? In dem es kei­nen Raum für die eige­ne Lebens­ge­stal­tung gibt?

Julia Fried­richs wur­de 1979 in Gronau/Westfalen gebo­ren. Sie stu­dier­te Jour­na­lis­tik in Dort­mund und Brüs­sel. Nach einem Volon­ta­ri­at beim West­deut­schen Rund­funk arbei­tet sie heu­te als freie Auto­rin von Fern­seh­re­por­ta­gen und Maga­zin­bei­trä­gen, unter ande­rem für die WDR-Redak­ti­on die sto­ry und für die Zeit. Einem grö­ße­ren Publi­kum wur­de sie durch eine Zei­tungs­re­por­ta­ge über die Unter­neh­mens­be­ra­tung McK­in­sey bekannt. Um her­aus­zu­fin­den, wie Bera­ter­fir­men arbei­ten, nahm sie dort 2006 an einem Rekru­tie­rungs­pro­zess für Nach­wuchs­be­ra­ter teil – eine ver­deck­te Recher­che. Als sie von McK­in­sey tat­säch­lich ein Job­an­ge­bot bekam, lehn­te sie ab und ver­zich­te­te damit auf einen Dienst­wa­gen sowie 67.000 Euro Ein­stiegs­ge­halt. Zuletzt sind von ihr die Bücher Gestat­ten: Eli­te. Auf den Spu­ren der Mäch­ti­gen von mor­gen (2008), Deutsch­land drit­ter Klas­se. Leben in der Unter­schicht (mit Eva Mül­ler und Boris Baum­holt, 2009) und Idea­le. Auf der Suche nach dem, was zählt (2011) erschie­nen. Julia Fried­richs lebt in Ber­lin.

F: Es gibt sehr viel, woge­gen man sich abgren­zen könn­te. Es wird ja immer gesagt: „Die 68er haben alles libe­ra­li­siert – woge­gen sol­len wir jetzt revol­tie­ren?“ Aber wir könn­ten bei­spiels­wei­se gegen die kom­plett durch­öko­no­mi­sier­te Welt revol­tie­ren, dage­gen, dass wir uns der Wirt­schaft unter­wer­fen sol­len, dass wir Jobs haben, die uns völ­lig aus­lau­gen. Wir könn­ten dage­gen revol­tie­ren, dass es in Deutsch­land wie­der mehr Arme gibt als frü­her …

 

Fehlt es womög­lich an einem gemein­schaft­li­chen Ziel? Etwas, wofür wir uns begeis­tern kön­nen? Etwas, bei dem wir kei­ne Angst hät­ten, weil wir davon über­zeugt sind, dass wir etwas Sinn­vol­les tun?

M: Es ist sicher­lich sinn­voll, die Zie­le wei­ter zu ste­cken; das Ide­al zu haben, dass es mög­lichst vie­len Men­schen gut gehen soll. Das ist kei­ne Fra­ge.

F: Aber dafür müss­te man auch Zuver­sicht ver­brei­ten. Was ich höre, seit ich 18 bin, ist Fol­gen­des: „Mit ganz viel Glück wird es dir so gut gehen wie dei­nen Eltern.“ Das heißt, es wur­de einem ein­ge­impft, dass es immer dar­um geht, den Sta­tus quo zu bewah­ren. Wenn man nicht gesagt bekommt: „Es gibt einen Platz für dich, da gehörst du hin, da kannst du anfan­gen, dich als Mensch zu ent­fal­ten“, dann lässt das einen ziem­lich ver­za­gen.

 

Bis zu der Gene­ra­ti­on der heu­te 30- bis 40-Jäh­ri­gen ging es den Nach­kriegs­ge­ne­ra­tio­nen – gemes­sen am Wohl­stand – immer bes­ser. Der Fort­schritt war qua­si sys­tem­im­ma­nent. Und die­ser Fort­schritts­ge­dan­ke hat­te sinn­stif­ten­de Funk­ti­on. Liegt das Pro­blem heu­te auch dar­in, dass der Fort­schritts­be­griff nicht mehr funk­tio­niert?

F: Der Fort­schritts­be­griff müss­te neu gedacht wer­den. „Bes­ser“ kann nicht hei­ßen, mehr zu kon­su­mie­ren. Wir kön­nen nicht gewähr­leis­ten, dass die jun­ge Gene­ra­ti­on mehr Güter haben wird – das braucht sie eigent­lich auch nicht. Aber wir kön­nen gewähr­leis­ten, dass die Jun­gen einen Platz bekom­men, an dem sie sich ent­fal­ten kön­nen und an dem sie sich zu Hau­se füh­len. Wir müs­sen Fort­schritt als Fort­schrei­ten in ein gutes Leben für mög­lichst vie­le Leu­te begrei­fen.

M: Statt sich immer nur am mate­ri­el­len Wohl­stand zu ori­en­tie­ren, soll­te man sich mehr um den ande­ren küm­mern, ihn ver­ste­hen ler­nen und ent­spre­chend han­deln. Nicht umsonst lau­tet die Gol­de­ne Regel: „Behand­le ande­re so, wie du von ihnen behan­delt wer­den willst.“ Wer für den ande­ren Gefüh­le ent­wi­ckelt und danach han­delt, hat ein gutes Leben. Ihm wird dann deut­lich, dass der ande­re genau­so viel wert ist wie er selbst.

F: Genau das mein­te ich mit der Neu­de­fi­ni­ti­on von Fort­schritt. Nur ist in den letz­ten Jah­ren im Bereich Bil­dung und Aus­bil­dung genau das Gegen­teil pas­siert: Man hat per­ma­nent den Kon­kur­renz­druck und die Anfor­de­run­gen erhöht. Bei­spiels­wei­se wird man als Bache­lor­stu­dent per­ma­nent gerankt; stän­dig geht es dar­um, ob man wei­ter mit ihm Boot blei­ben darf. Das ist nicht unbe­dingt eine Situa­ti­on, in der die Leu­te sagen: „Oh, ich lie­be jetzt erst mal mich selbst und mei­nen Nächs­ten.“ Aber ich glau­be, genau da muss man wie­der hin­kom­men.

 

Wür­de das nicht bedeu­ten, dass wir unse­ren kom­plet­ten All­tag revo­lu­tio­nie­ren müs­sen – die Art und Wei­se, wie man mit­ein­an­der umgeht? Und das kom­plet­te Aus­bil­dungs­sys­tem auf den Kopf stel­len müss­te?

F: Man könn­te zunächst ein­mal die Ent­wick­lung des Schul­sys­tems in den letz­ten zehn Jah­ren wie­der rück­gän­gig machen. Man hat in den letz­ten Jah­ren vie­le „Refor­men“ gemacht, die den All­tag von jun­gen Leu­ten zusam­men­ge­presst und ihnen Frei­raum genom­men haben. Da braucht man sich nicht zu wun­dern, dass das Ergeb­nis eine rela­tiv ver­zag­te Grup­pe ist. Und wenn man sich bei­spiels­wei­se die Stu­die Deut­sche Zustän­de ansieht, stellt man fest, dass aus die­ser Ver­zagt­heit Feind­se­lig­kei­ten ent­ste­hen – „Wir gegen die“. Ich habe viel vor Gym­na­si­as­ten gele­sen und war erstaunt dar­über, wie abwer­tend sie über Haupt­schü­ler reden. Aber klar, man tritt nach unten. Da muss man auf jeden Fall drei Gän­ge zurück­schal­ten und sagen: „Leu­te, ihr müsst nicht per­ma­nent gegen­ein­an­der kämp­fen.“

M: Könn­te man nicht sagen, dass man den Ver­stand nur auf dem Gebiet ein­setzt, in dem man beruf­lich zu Hau­se ist? Es stu­die­ren immer mehr Leu­te Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. Zu mei­ner Zeit woll­ten wir als Wis­sen­schaft­ler die Welt ver­än­dern, wir woll­ten die Men­schen ver­än­dern. Aber mei­ne Enkel inter­es­siert das über­haupt nicht. Die wol­len in die Wirt­schaft.

 

Könn­te man zusam­men­fas­send sagen, dass die­ses wirt­schaft­li­che Leit­bild – Fort­schritts­glau­be, Wachs­tums­glau­be etc. –, das nach 1945 ent­stan­den ist, für den Men­schen nicht aus­reicht?

M: Nein, das ist trost­los. Die Wirt­schaft ist kein Ziel, das einen befrie­digt. Geld macht nicht glück­lich – das ist ein uraltes Sprich­wort, das auch heu­te noch gilt.

 

Was sind Ihre Idea­le? Was erfüllt Sie?

M: Din­ge an mir selbst zu erken­nen, die ich vor­her nicht gese­hen habe. Das fin­de ich toll. Bei­spiels­wei­se, wenn ich plötz­lich fest­stel­le: „Da hast du aus Neid oder Eifer­sucht gehan­delt, ohne es zu mer­ken.“ Und wenn man so etwas erkennt, ist das eine beson­de­re Befrie­di­gung. Dann kann man sei­ne nega­ti­ven Emo­tio­nen ein biss­chen bes­ser in den Griff bekom­men und fühlt sich viel woh­ler. Neid macht unglück­lich, Neid ist ein sehr unan­ge­neh­mes Gefühl. Man ist glück­lich, wenn man es los ist.

Ein Ide­al ist es natür­lich auch, ande­re Men­schen zu ver­ste­hen und mit ihnen über ihre Gefüh­le spre­chen zu kön­nen. Das ist ja mein Job: Men­schen zu hel­fen, die unglück­lich sind, weil sie das, was sie an sich selbst nicht mögen, andau­ernd auf ande­re pro­ji­zie­ren. „Immer sind die ande­ren schuld“ – wenn man sie davon befrei­en kann, ist das für die­se Men­schen eine gro­ße Erleich­te­rung. Es ist sehr befrie­di­gend zu sehen, dass die Men­schen ler­nen kön­nen, mit ihren Mit­men­schen bes­ser umzu­ge­hen. Dass dann bei­spiels­wei­se auch Ehen nicht geschie­den wer­den müs­sen. Das ist übri­gens inter­es­sant: Trotz Klein­fa­mi­lie wer­den 50 Pro­zent der Ehen geschie­den. Die Men­schen füh­len sich nicht in den ande­ren ein. Bezie­hungs­ar­beit inter­es­siert die Leu­te nicht – Wirt­schaft ist inter­es­san­ter.

 

Was sind Ihre Idea­le, Frau Fried­richs?

F: Auf beruf­li­cher Ebe­ne ist das recht leicht zu sagen: Als Jour­na­lis­tin – ich bin vor allem Repor­te­rin – ist es mein Ide­al, Men­schen eine Stim­me zu geben, die nicht gehört wer­den. Ich habe sehr vie­le Fil­me über arme Leu­te gemacht. Ich woll­te, dass sie nicht instru­men­ta­li­siert und funk­tio­na­li­siert wer­den, son­dern dass sie selbst ihre Lage beur­tei­len und schil­dern kön­nen. Das bedeu­tet, sie zu respek­tie­ren. Idea­le zu nen­nen, die über das Beruf­li­che hin­aus­ge­hen, fällt mir nicht leicht. Vor der Recher­che für das Buch Idea­le wäre mir da rela­tiv wenig ein­ge­fal­len. Ich bin da immer sehr zurück­hal­tend, weil mir vie­le Wenn und Aber ein­fal­len. Aber am Ende der Recher­che stand für mich das Ide­al fest: Soli­da­ri­tät und Zusam­men­halt. Ich bin fest davon über­zeugt, dass es, über die Fami­lie hin­aus, einen Zusam­men­halt geben muss – zum Bei­spiel auch in Stadt­vier­teln. Es muss den Raum geben, in dem ein sol­cher Zusam­men­halt mög­lich ist und in dem sich Men­schen soli­da­risch mit ande­ren füh­len.

M: Oder neh­men wir Euro­pa und Grie­chen­land: Man hat den Euro ein­ge­führt, ohne zu ahnen, was es heißt, eine gemein­sa­me Wäh­rungs­uni­on zu haben, wo alle nur auf Geld aus sind. Wir haben den Euro ein­ge­führt, ohne Bezie­hungs­ar­beit zu leis­ten, ohne gemein­sa­me Geset­ze und Wer­te zu ent­wi­ckeln. Das hät­ten wir zuerst tun müs­sen.

 

Die „Bezie­hungs­ar­beit“, die ins­be­son­de­re die Bou­le­vard­pres­se in Deutsch­land leis­tet, scheint eher anti­eu­ro­päi­sche Res­sen­ti­ments zu schü­ren …

F: Ich habe das Gefühl, dass es in den letz­ten zwei, drei Jah­ren zu mas­si­ven Grenz­über­schrei­tun­gen gekom­men ist. Die Ton­art hat sich geän­dert. Ich glau­be, es ist vor allem eine Fra­ge des Stils. Dass es in Grie­chen­land Kor­rup­ti­on gibt und dass die Behör­den Pro­ble­me haben, Steu­ern ein­zu­trei­ben, kann man nicht von der Hand wei­sen. Aber anstatt zu sagen: „Bei die­sen Pro­ble­men wol­len wir euch hel­fen“, heißt es: „Den grie­chi­schen Rent­nern, die monat­lich 350 Euro zur Ver­fü­gung haben, soll die Ren­te gekürzt wer­den“; oder: „Die Plei­te-Grie­chen wol­len unser Geld“. Die­ser Ton passt defi­ni­tiv nicht zu mei­nem Deutsch­land­bild, das ich vor­her hat­te. Für mich ist das nicht der ein­zi­ge Fall der Grenz­über­schrei­tung. Auch die Art, wie in Deutsch­land über Ein­wan­de­rer gespro­chen wird, hat sich mas­siv ver­än­dert. Was ich in den 80er-Jah­ren sehr geschätzt habe, war, dass man eine Leh­re aus der Nazi­zeit gezo­gen zu haben schien. Es gab ein Ein­ver­ständ­nis, das sich etwa so cha­rak­te­ri­sie­ren lie­ße: „Nein, du darfst nicht sagen, die Tür­ken sei­en so und so; wir Deut­schen dür­fen nie wie­der sagen, dass Leu­te, nur weil sie eine bestimm­te Natio­na­li­tät haben, auch einen bestimm­ten Cha­rak­ter haben.“ Ich habe das Gefühl, dass die­ses Ein­ver­ständ­nis in den letz­ten Jah­ren auf­ge­kün­digt wur­de.

 

Könn­te es sein, dass der Ein­druck getäuscht hat und die­ser schein­bar ver­ständ­nis­vol­le und mode­ra­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stil nur so lan­ge Bestand hat­te, wie es wirt­schaft­lich gut ging?

M: Ich glau­be schon, dass wir alle Euro­pa woll­ten, denn das war nicht so schön mit die­sem total defor­mier­ten, zer­rüt­te­ten Deutsch­land. Aber die Fra­ge ist, ob man durch den schnel­len wirt­schaft­li­chen Auf­bau nach dem Krieg nicht auch zu schnell ver­ges­sen hat, dass wir eigent­lich eini­ges gut zu machen haben. Wir haben schließ­lich den Welt­krieg aus­ge­löst, wir sind schuld an den eige­nen Mil­lio­nen Toten und an den Mil­lio­nen Toten der ande­ren.

 

Und an dem eige­nen kaput­ten Gefühls­le­ben.

M: Genau. Das ist der Grund, war­um ich Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin gewor­den bin. Und das erscheint mir nach wie vor das Wich­tigs­te zu sein: das eige­ne kaput­te Gefühls­le­ben zu repa­rie­ren, über­haupt das Gefühl mehr in den Mit­tel­punkt zu stel­len.

 

 

Ist nach dem Zwei­ten Welt­krieg das Leit­bild der Drei­ei­nig­keit aus Wachs­tum, Wohl­stand, Fort­schritt an die Stel­le des Leit­bilds des Füh­rers getre­ten?

M: Ja, nur dass die bei­den Leit­bil­der so ganz ver­schie­den waren. Das Leit­bild des Füh­rers hat­te unend­lich viel mit Gefühl zu tun. In Kin­der­gär­ten bete­te man für den Füh­rer – er war Gott. Der Füh­rer konn­te alles. Selbst Anti-Nazis sag­ten zum Schluss, als der Krieg offen­sicht­lich längst ver­lo­ren war: „Der Füh­rer wird’s schon schaf­fen, er hat die Wun­der­waf­fe.“ Auch wenn die Leu­te ver­rückt waren, waren man­che unter Hit­ler glück­lich, weil sie von Gefüh­len leb­ten. Und die ver­rück­tes­ten Gefüh­le – näm­lich, dass die Juden Deutsch­lands Unglück sind, dass sie ver­schwin­den sol­len und dass man sich für die Her­ren der Welt hält – waren den­noch die­je­ni­gen, die all­zu vie­le Men­schen mit­ein­an­der ver­bun­den haben.

F: Ich fin­de es falsch zu sagen, unse­re Wirt­schaft – als das­je­ni­ge, was Wachs­tum, Wohl­stand und Fort­schritt in sich ver­eint – habe nichts mit Gefüh­len zu tun. Für mich hat sie das sehr wohl.

M: Ja, mit ego­is­ti­schen Gefüh­len. Die nur dann eine Berech­ti­gung haben, wenn sie das Wohl­erge­hen der All­ge­mein­heit för­dern.

F: Seit dem Zusam­men­bruch des Sozia­lis­mus, und in den letz­ten Jah­ren ver­stärkt, ist das Wirt­schaft­li­che tota­li­tär gewor­den. Und weil es das Ein­zi­ge ist, hat es eben nicht mehr viel mit Ver­nunft zu tun. Wir tun vie­le Din­ge, die die­sem Gott der Wirt­schaft die­nen, die aber eigent­lich nicht ratio­nal sind. Ver­nünf­tig wäre es zum Bei­spiel, weni­ger zu ver­brau­chen. Inso­fern muss man es als einen genia­len Trick der Wirt­schaft bezeich­nen, dass es ihr gelingt, den Men­schen zu sug­ge­rie­ren, dass sie mit ihren Pro­duk­ten etwas Ver­nünf­ti­ges erwer­ben wür­den – etwas, das der ratio­na­le Mensch für sein Leben benö­tigt. Tat­säch­lich ist es aber eine Ideo­lo­gie in Rein­form. Denn sobald etwas nichts ande­res mehr neben sich tole­riert, ist es ideo­lo­gisch.

 

Aller­dings gilt der Kapi­ta­lis­mus offen­bar gera­de bei den Jun­gen als alter­na­tiv­los. Das ist ein Dilem­ma: Auf der einen Sei­te wis­sen wir, dass es in die­ser Form nicht mehr wei­ter­geht, auf der ande­ren Sei­te sieht nie­mand eine Mög­lich­keit, wie man ein alter­na­ti­ves Sys­tem gestal­ten könn­te. Es gibt kei­ne Kon­kur­renz­sys­te­me mehr.

F: Es muss auch kein Kon­kur­renzsys­tem sein. Ich fin­de den Kapi­ta­lis­mus gut. Es geht mir nicht dar­um, ein ande­res Sys­tem zu fin­den. Aber das, was Sie beschrei­ben, stimmt. Ich glau­be, wir alle haben das Gefühl, an einem Epo­chen­wech­sel ange­kom­men zu sein. Die­ser Kapi­ta­lis­mus hat sich über­lebt, er funk­tio­niert ein­fach nicht mehr. Es hat in allen Län­dern eine gigan­ti­sche Umver­tei­lung von unten nach oben gege­ben, und die ein­zi­ge Fra­ge ist die, wann das Gan­ze explo­die­ren wird. In Deutsch­land sicher­lich nicht so bald, aber anders­wo schon. Was ist das für ein Sys­tem, das so weni­gen dient und alle ande­ren stram­peln lässt?

Aber Sie sagen den­noch, es sei ein gutes Sys­tem.

F: Ja, aber ich glau­be, dass es den Kapi­ta­lis­mus in ver­schie­de­nen Aus­ge­stal­tun­gen gibt, und in der Art, wie er jetzt gera­de Wirk­lich­keit ist, ist er an einem End­punkt ange­langt.

 

Könn­ten die­se Extre­me nicht dem Kapi­ta­lis­mus als sol­chem ein­ge­schrie­ben sein? Der Kapi­ta­lis­mus als Fahr­rad: Ent­we­der man fährt oder man fällt um …

F: Deutsch­land und vie­le euro­päi­sche Län­der haben bewie­sen, dass der Kapi­ta­lis­mus durch Demo­kra­tie zu bän­di­gen ist; dass er in bestimm­te Bah­nen gelenkt wer­den kann. Es gibt die Mög­lich­keit, den Kapi­ta­lis­mus durch poli­ti­sche Ein­grif­fe zu regu­lie­ren – und die­se Mög­lich­keit ist nach wie vor vor­han­den. Man muss sie nur ergrei­fen. Der Kapi­ta­lis­mus ist kei­ne anony­me Macht, die uns regiert, son­dern wird durch Men­schen gestal­tet, die jeden Tag Ent­schei­dun­gen tref­fen. Genau­so, wie man sich bei Ent­schei­dun­gen in die eine Rich­tung ori­en­tie­ren kann, kann man sich auch in die ande­re Rich­tung ori­en­tie­ren.

M: Also sagen Sie im Grun­de, dass der Kapi­ta­lis­mus mit Demo­kra­tie ver­bun­den wer­den muss, das heißt mit Gemein­sinn. Der Ego­is­mus muss raus, und der Gemein­sinn rein.

F: Genau. Der Kapi­ta­lis­mus muss gezähmt wer­den, eben durch Poli­tik. Die Poli­tik muss sich wie­der als Gegen­ge­wicht zum Kapi­ta­lis­mus posi­tio­nie­ren.

 

Wo soll man da anset­zen? Die Par­tei­en­de­mo­kra­tie ist mit die­ser Auf­ga­be offen­sicht­lich über­for­dert.

M: Die Par­tei­en­de­mo­kra­tie ist not­wen­dig, ob wir wol­len oder nicht. Die eige­ne Fami­lie steht einem immer ein biss­chen näher als die Nach­bars­fa­mi­lie. Jeder ver­tritt im Prin­zip Klein­fa­mi­li­en und die müs­sen sich eini­gen. Wir müs­sen den gemein­sa­men Punkt fin­den, den alle Par­tei­en tei­len. Es müs­sen Kom­pro­mis­se gefun­den wer­den.

F: Ich fin­de es fatal zu sagen, die Par­tei­en könn­ten nichts aus­rich­ten. Das macht die Bür­ger ohn­mäch­tig, weil sie das Gefühl bekom­men, es gäbe kei­ne Vor­bil­der. Die gibt es aber sehr wohl. Aller­dings sind die Par­tei­en ver­pflich­tet, ihre Posi­tio­nen ganz klar dar­zu­stel­len. Und die Poli­tik könn­te die Ent­schei­dun­gen – bei­spiels­wei­se die Hedge­fonds in Deutsch­land zuzu­las­sen, den Finanz­markt zu dere­gu­lie­ren und die Gewer­be­steu­er für Kon­zer­ne bei­na­he zu erlas­sen – wie­der zurück­neh­men. Man müss­te nichts neu erfin­den, son­dern könn­te auf das zurück­grei­fen, was man mal hat­te.

M: Der Kapi­ta­lis­mus darf nicht mehr nur eini­gen weni­gen zugu­te­kom­men. Irgend­wie muss die­ser Kapi­ta­lis­mus wirk­lich demo­kra­tisch wer­den.

F: Aber dafür braucht es die Leu­te. Doch gera­de die Grup­pen, die wütend sein müss­ten, brin­gen sich wenig ein. So gehen arme Arbeits­lo­se sehr sel­ten demons­trie­ren und sehr sel­ten wäh­len. Und ich glau­be, das hängt auch mit die­sem Gefühl der Ohn­macht zusam­men. Die arbeits­lo­sen Leu­te, die ich teil­wei­se über Wochen besucht habe, waren so gelähmt, so sehr in ihre eige­ne Woh­nung ein­ge­kap­selt … Damit sich die Bür­ger über­haupt wie­der als Han­deln­de wahr­neh­men kön­nen, muss man damit begin­nen, sie aus die­sem Rück­zugs­raum her­aus­zu­ho­len und in gemein­schaft­li­che Akti­vi­tä­ten ein­zu­bin­den.

 

Nimmt man nicht den­noch die heu­ti­gen Poli­ti­ker zu ernst? Gera­de in einer Demo­kra­tie könn­te man doch sagen: „Wir sind die, auf die wir gewar­tet haben. Die sind es jeden­falls nicht, weil sie die Inter­es­sen des Vol­kes nicht ver­tre­ten kön­nen oder wol­len. Wir las­sen die ein­fach außen vor und machen es selbst.“

F: Ich hal­te über­haupt nichts von Poli­ti­ker-Bashing. Ich fin­de, Poli­ti­ker zu sein, ist einer der wich­tigs­ten Beru­fe in einer Demo­kra­tie, und ich wür­de mir sehr wün­schen, dass er auch wie­der ein biss­chen höher geschätzt wird – ohne dass dies bedeu­ten wür­de, dass man Poli­ti­kern alles unhin­ter­fragt abneh­men soll­te. Inso­fern waren die Ers­ten, zu denen ich mich bei mei­ner Suche nach Idea­len bege­ben habe, Poli­ti­ker. Schließ­lich ist und bleibt es deren Kern­auf­ga­be zu ent­schei­den, nach wel­chen Regeln wir mit­ein­an­der leben; dafür sind sie da. Funk­tio­nie­ren­de Par­tei­en sind mit das klügs­te Ele­ment, um demo­kra­ti­sche Eli­ten her­aus­zu­bil­den.

 

War­um gehen Sie nicht selbst in die Poli­tik?

F: Weil ich Jour­na­lis­tin bin. Das ist mei­ne Bestim­mung. Seit mei­nem 15. Lebens­jahr woll­te ich Jour­na­lis­tin wer­den. Und ich glau­be, dass sich die bei­den Beru­fe aus­schlie­ßen. Der Jour­na­list ist ver­pflich­tet, die Mäch­ti­gen zu kon­trol­lie­ren und zu hin­ter­fra­gen.

 

Frau Mit­scher­lich, Sie schrie­ben in Ihrem 1967 erschie­ne­nen Buch Die Unfä­hig­keit zu trau­ern über den „heu­te herr­schen­den Immo­bi­lis­mus ange­sichts bren­nen­der Pro­ble­me unse­rer Gesell­schaft“. Und: Der Mehr­heit der Bür­ger sei es „nicht gelun­gen, sich in unse­rer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft mit mehr als ihrem Wirt­schafts­sys­tem zu iden­ti­fi­zie­ren“. Das wirkt wie eine aktu­el­le Bestands­auf­nah­me. Sind das immer noch die Fol­gen man­geln­der Auf­ar­bei­tung des im „Drit­ten Reich“ Gesche­he­nen?

M: Eins ist klar: Es wird auch kei­ne Auf­ar­bei­tung geben kön­nen. Vor 1945 hat­ten wir eine Volks­ge­mein­schaft auf Basis der Wahn­idee, irgend­je­mand sei so böse, dass er mit Mann und Maus aus­ge­rot­tet wer­den muss. Ich den­ke es noch immer: Es las­tet eine Art Schuld­ge­fühl auf uns, mit dem wir nicht fer­tig wer­den. Mitt­ler­wei­le ist Deutsch­land hoch ange­se­hen und steht wirt­schaft­lich so gut da wie kaum ein ande­res Land. Trotz­dem sind die Men­schen hier ängst­li­cher als anders­wo in der Welt.

Mitscherlich

 

Nicht nur in Deutsch­land sind wir mit der Finanz- und Wirt­schafts­kri­se, hohen und unge­bremst wach­sen­den Staats­schul­den, Res­sour­cen­knapp­heit, Umwelt­zer­stö­rung und Kli­ma­wan­del etc. pp. kon­fron­tiert. Die Pro­ble­me unse­rer Zeit sind man­nig­fal­tig und wer­den den­noch zu zöger­lich ange­gan­gen. Sie wer­den ver­drängt, hin­aus­ge­scho­ben. Was ist heu­te das Opi­um fürs Volk?

M: Wie Sie wis­sen, bin ich Freu­dia­ne­rin. Freud war in mei­nen Augen ein Genie und hat bestimm­te Din­ge erst­mals gese­hen: Dass die Leu­te ver­leug­nen, ver­drän­gen, ver­nei­nen oder ratio­na­li­sie­ren. Wenn ich die Leh­re Freuds als Maß­stab neh­me, den­ke ich nicht, dass heu­te neue Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men da sind. Aber viel­leicht wis­sen Sie mehr, Frau Fried­richs, Sie haben über Idea­le gespro­chen.

F: Ich bin poli­ti­sche Jour­na­lis­tin. Ich kann mich nicht auf Freud bezie­hen, ich kann nur die Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men beschrei­ben, die ich bei jun­gen Leu­ten gese­hen habe: die abso­lu­te Kon­zen­tra­ti­on auf das eige­ne Fort­kom­men, auf das eige­ne Leben, die Kern­fa­mi­lie. Das Drum­her­um wird aus­ge­blen­det. Man kap­selt sich ein, man zieht sich zurück. Ein wei­te­rer Mecha­nis­mus: Man blen­det all die Kri­sen um sich her­um aus. Wür­de man das alles nicht aus­blen­den, müss­te man sich anders ver­hal­ten, als man es tut. Ein wei­te­res Prin­zip, das gut funk­tio­niert, ist Ablen­kung – das Aktiv­sein in all den sozia­len Netz­wer­ken. Eine ganz enor­me Akti­vi­tät in ganz klei­nen Por­tio­nen. Bei den jun­gen Leu­ten beob­ach­tet man ein per­ma­nen­tes Sich-Zuschüt­ten mit All­tags­ak­tua­li­tät, was letzt­lich dazu führt, dass lang­fris­ti­ges Den­ken aus­ge­schal­tet wird. Wir wis­sen: Wenn wir so wei­ter­le­ben wie bis­her, wer­den wir – auf 50, 60, 70 Jah­re gese­hen – nicht über­le­ben.

 

Sind die Men­schen heu­te zu ego­is­tisch? Müs­sen wir eine Art psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Pra­xis für die Gesell­schaft ein­rich­ten?

M: Nein, man muss ihnen nur bei­brin­gen, dass Ego­is­mus nicht glück­lich macht. Du bist unglück­lich, wenn du ande­re schlecht behan­delst. Zugleich gibt es nicht das Rich­ti­ge und das Fal­sche. Eini­ge Men­schen brau­chen dies, ande­re das. Einer den Gar­ten, der ande­re den Geist, der Nächs­te will den Men­schen direkt hel­fen und dem Arbei­ter macht es Spaß, in einer Gemein­schaft Gleich­ge­sinn­ter zusam­men­zu­ar­bei­ten. Es kön­nen über­all dort gute Gemein­schaf­ten ent­ste­hen, wo einer dar­auf trai­niert ist, für den ande­ren ein­zu­ste­hen. In der Ehe ist das nicht anders.

 

Ihr ver­stor­be­ner Mann, Alex­an­der Mit­scher­lich, ist mit sei­ner Ana­ly­se zur vater­lo­sen Gesell­schaft bekannt gewor­den. Inwie­fern könn­te man sagen, dass wir auch heu­te in einer vater­lo­sen Gesell­schaft leben, und wenn ja, wel­che Fol­gen hat das?

M: Mein Mann hat­te einen sehr auto­ri­tä­ren Vater, sodass für ihn die vater­lo­se Gesell­schaft eigent­lich etwas Posi­ti­ves dar­ge­stellt hat. Die auto­ri­tä­ren Väter waren ziem­lich uner­träg­lich, sie haben sowohl ihre Frau­en als auch die Kin­der unter­drückt. Ande­rer­seits war es für mei­nen Mann ein Pro­blem zu sehen, dass die Väter und mit ihnen die Tra­di­tio­nen, die nicht nur schlecht waren, nach dem Zwei­ten Welt­krieg end­gül­tig ver­lo­ren gin­gen. Und sein Ver­such bestand dar­in her­aus­zu­fin­den, was es statt­des­sen geben könn­te.

 

Väter sind heu­te doch auch weni­ger sicht­bar. Müs­sen Sie wie­der auto­ri­tä­rer auf­tre­ten?

M: Wenn ich mein fast 95-jäh­ri­ges Leben über­bli­cke, muss ich sagen, dass ich die Väter heu­te unend­lich viel sym­pa­thi­scher fin­de als die zu mei­ner Kind­heit. Damals hat­ten die Väter immer recht, man muss­te gehor­chen, durf­te nicht fra­gen und durf­te nicht über­le­gen, ob es nun rich­tig war, was einem da vor­ge­setzt wur­de. Die Väter, die ich heu­te ken­ne, küm­mern sich um ihre Kin­der, lie­ben ihre Kin­der.

 

Aller­dings gibt es davon immer weni­ger. In Stutt­gart leben noch in 18 Pro­zent der Haus­hal­te Kin­der.

M: Ich bin auch eine Zeit lang Mut­ter eines Kin­des gewe­sen, ohne ver­hei­ra­tet zu sein. Dies stieß in mei­ner gesell­schaft­li­chen Schicht häu­fig auf Miss­ach­tung. Aber, offen gestan­den, ich habe die­se Schicht nach der Nazi­zeit nicht mehr beson­ders hoch geach­tet. Deren Moral hat­te ich schon vor­her abge­legt. Des­halb habe ich nur gegrinst, das war mir ziem­lich wurscht. Und heu­te ist das ohne­hin kein Pro­blem mehr.

F: Man beklagt ger­ne, dass es so vie­le Allein­er­zie­hen­de gibt. Aber ande­rer­seits ist es für Frau­en eine Rie­sen­frei­heit und ein gro­ßer Fort­schritt, dass sie die­sen Weg gehen kön­nen; dass sie nicht mehr die­se Män­ner, die­se „Herr­scher im Haus“ ertra­gen müs­sen. Auch wenn es trau­rig ist, wenn eine Fami­lie zer­bricht.

M: Wobei die Part­ner zu schnell aus­ein­an­der­ge­hen; da könn­te schon mehr Bezie­hungs­ar­beit geleis­tet wer­den. Aber viel­leicht war die Ent­wick­lung nicht anders zu machen. Ich möch­te schon beto­nen: Wir müs­sen uns in den ande­ren ein­füh­len und wir müs­sen mit­ein­an­der über unse­re Gefüh­le spre­chen. Schließ­lich sind wir so ver­schie­de­ne Men­schen und plötz­lich müs­sen wir ganz eng zusam­men­le­ben. Die kör­per­li­che Lust ist sehr schön und sehr gut – die kann auch gut blei­ben, aber die Span­nung des Ver­liebt­seins lässt im all­täg­li­chen Leben mit all den Sor­gen unwei­ger­lich nach. Dass wir ein beson­de­res kör­per­li­ches Ver­gnü­gen anein­an­der fin­den, hält uns auf Dau­er nicht zusam­men.

 

Wel­che gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung wün­schen Sie sich vor allem, damit die ganz Klei­nen eine bes­se­re Zukunft haben?

F: Ich wün­sche mir für die Klei­nen, dass ihnen Gelas­sen­heit, Nor­ma­li­tät und ein Leben in der Gemein­schaft ver­mit­telt wer­den. Es kann nicht gut sein, dass schon ganz klei­ne Kin­der Stress emp­fin­den. Vie­le Kin­der wer­den von den Eltern und Groß­el­tern unter Druck gesetzt; und zwar in der Hin­sicht, dass sie etwas Beson­de­res sein und extre­me Leis­tun­gen voll­brin­gen müs­sen. Die­sen Druck von den Kin­dern zu neh­men, ihnen zu sagen, dass sie nicht nur Nach­zucht für eine funk­tio­nie­ren­de Wirt­schaft sind, son­dern dass sie als Mensch wich­tig sind und dass auch alle ande­ren um sie her­um als Men­schen respek­tiert und akzep­tiert wer­den müs­sen – das wür­de ich mir wün­schen. Ich woh­ne in einer Groß­stadt und habe die Sor­ge, dass sich die Fron­ten zwi­schen den gesell­schaft­li­chen Grup­pen ver­här­ten – „wir gegen die“; „wir Mit­tel­schicht gegen die Arbeits­lo­sen“; „wir in Deutsch­land Gebo­re­nen gegen die Zuge­zo­ge­nen“. Das ist für jeman­den, der groß wird, kei­ne gute Atmo­sphä­re. Ich möch­te mei­nem Sohn auch das Gefühl geben, dass es gut ist zu träu­men.

M: Dem kann ich voll­kom­men zustim­men. Aber wir müs­sen auch mehr Wert auf die Aus­bil­dung der Erzie­he­rin­nen legen, die die Kin­der in ihren ers­ten Jah­ren betreu­en. Wir müs­sen mehr Ach­tung vor der unge­heu­ren Wich­tig­keit der Erzie­hung in die­ser Lebens­span­ne haben. Das bedeu­tet nicht, dass die Mut­ter zu Hau­se blei­ben soll. Es geht dar­um, dass Kin­der von früh an gern mit ande­ren Kin­der zusam­men sind. Ich bin immer wie­der begeis­tert, wie schnell Kin­der eine Bezie­hung zu ande­ren Kin­der auf­bau­en; wie gern sie mit ande­ren zusam­men sind und wie schnell sie, gute Anlei­tung vor­aus­ge­setzt, Gemein­schafts­sinn ent­wi­ckeln. Des­halb plä­die­re ich auch dafür, dass die­se Leu­te bes­ser bezahlt wer­den.

F: Eine Kin­der­gärt­ne­rin in Ost­deutsch­land hat mir gesagt, dass die­se ers­ten Jah­re auch des­halb eine tol­le Zeit sind, um den Gemein­schafts­sinn zu prä­gen, weil es den Kin­dern noch völ­lig egal ist, woher die ande­ren kom­men und was deren Eltern machen. Oft­mals sind die­se Ras­ter schon total ver­in­ner­licht, wenn sie erst in der Schu­le mit ande­ren Kin­dern zusam­men­kom­men. Mei­nem Sohn ist es noch völ­lig egal, wer da mit ihm den Tag teilt. Die ande­ren sind für ihn alle erst mal nur Men­schen. Der Vor­wurf, dass da die Kin­der nur „geparkt“ wer­den, ist des­halb voll­kom­men absurd.

M: Ja, die­se ers­te Zeit in Gemein­schaft ist unge­heu­er wert­voll. Aber man muss die Spra­che kön­nen. Wir müs­sen stren­ger sein in der For­de­rung, die deut­sche Spra­che zu erler­nen. Wenn man nicht mit­ein­an­der reden kann, bekommt man Streit. Das haben wir beim Turm­bau zu Babel gese­hen.

 

War­um muss man kei­ne Angst vor dem Alter haben? Sie wir­ken noch sehr juve­nil …

M: Oh, man muss fürch­ter­li­che Angst vor dem Alter haben. Ich kann Ihnen sagen: Es ist kein Ver­gnü­gen, alt zu wer­den. Sie sehen, dass ich ohne Rol­la­tor gar nicht mehr gehen kann, und ich bin jemand, der unglaub­lich gern gelau­fen ist. Ich bin viel gewan­dert, viel gegan­gen, viel gereist. Jetzt bin ich meis­tens zu Hau­se. Eigent­lich füh­re ich ein Höh­len­da­sein. Aber da ich hier viel Unter­stüt­zung bekom­me, füh­le ich mich noch rela­tiv selbst­stän­dig. Den­noch sind unzäh­li­ge Din­ge sehr, sehr müh­sam. Der Grund, war­um ich Ihnen rela­tiv jugend­lich erschei­ne, ist, dass ich Gott sei Dank nicht senil bin. Mein Kör­per ist nicht mehr viel wert, aber solan­ge der Kopf funk­tio­niert … Es ist hart, alt zu wer­den. Es ist hart, die­sen gott­ver­fluch­ten Kör­per jeden Tag aus dem Bett zu krie­gen. Es gehört Mut dazu, alt zu wer­den. Glau­ben Sie ja nicht, dass es schön wäre. Es ist ein har­ter Job.

 

Frau Mit­scher­lich, Frau Fried­richs, wir dan­ken Ihnen für die­ses Gespräch.

Das Inter­view führ­ten Frank Augus­tin und Gabri­el Ger­lin­ger.

 

 

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alt und jung

Die­ses Inter­view ist in der Aus­ga­be alt&jung – Gene­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit erschie­nen. Das Heft kön­nen Sie hier bestel­len:

Künstlerin Samira Freitag und ihr Werk: Sea Change

Samira Freitag

Sea Change

von Samira Freitag

 

Sea Chan­ge nennt man im Eng­li­schen sowohl einen Wan­del der Gezei­ten als auch eine tief­grei­fen­de Ver­än­de­rung im Gefü­ge der Gesell­schaft oder im Leben eines Indi­vi­du­ums.

Sea Change

© Sami­ra Frei­tag, 2016: Acryl, Gou­ache, Aqua­rel­le, Tusche, Krei­de, Gra­phit auf Pig­ment­druck, 250 × 160 cm. Das 2,50 Meter hohe Werk ist noch bis zum 29. Okto­ber in der Aus­stel­lung WA(H)RE ANGST in Pforz­heim zu besich­ti­gen. 20 inter­na­tio­na­le Künst­ler stel­len dort ihre Arbei­ten zu poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen, exis­ten­ti­el­len und aktu­el­len Ängs­ten aus.

 

Sami­ra Frei­tag stu­dier­te nach einer Gra­fik­de­sign-Aus­bil­dung Bil­den­de Kunst in Ber­lin und Wien. Seit 2016 ist sie Meis­ter­schü­le­rin. samirafreitag.com

Mei­ne Zeich­nung erzählt von unse­ren Zei­ten des Umbruchs, des Auf und Ab, der tas­ten­den Bewe­gung. Sie zeigt einen Stru­del der Unsi­cher­heit, der Ohn­macht und die fun­da­men­ta­le ‚Wet­ter­ver­än­de­rung’, die uns alle erfasst. Bei nähe­rem Blick kann man Vers­zei­len im gemal­ten Mee­res­stru­del lesen – die­ses Lied singt der Luft­geist Ari­el in Shake­speares Stück The Tem­pest. Er warnt vor einem auf­kom­men­den Sturm, der vie­le Men­schen­le­ben kos­ten wird. Die Ord­nung, die wir ken­nen, gerät ins Wan­ken. Struk­tu­ren ‚ver­flüs­si­gen sich‘ in ein toxi­sches Flui­dum, das ande­ren Spiel­re­geln zu fol­gen scheint als wir sie bis­her kann­ten. Men­schen raf­fen ihr letz­tes Hab und Gut zusam­men, um aus ihrer Hei­mat zusam­men­ge­pfercht auf Schlauch­boo­ten über das Mit­tel­meer nach Euro­pa zu flüch­ten. Das Meer wird zum Schick­sals­ort, der zwi­schen Leben und Tod ent­schei­det. Es ist ein Schwe­be­zu­stand zwi­schen einer alten und einer neu­en Welt, ein Ort vol­ler Ver­zweif­lung, Über­le­bens­kampf und letz­ter Hoff­nung. Auf ein­mal gel­ten die Geset­ze der archai­schen Natur.
Es geht um das blan­ke Über­le­ben – kein Boden – kei­ne Haf­tung – kei­ne Sicher­heit – nur Rota­ti­on um die eige­ne nack­te Exis­tenz. Die Angst sitzt im Nacken und nagt an der See­le. Der Sog in die Tie­fe ist omni­prä­sent. Die Ord­nung ist aus den Fugen gera­ten. Es gibt kein Zurück. Nichts ist, wie es war. Das Neue ist unge­wiss, aber es trägt auch den Schim­mer einer Hoff­nung in sich.”

 

 

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Unruhe – Ralf Konersmann über ein Leitbild der Moderne

Unruhe

von Ralf Kon­ers­mann

 

Ralf Konersmann

Ralf Kon­ers­mann ist Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Kiel und Direk­tor des dor­ti­gen Phi­lo­so­phi­schen Semi­nars. Er ist Her­aus­ge­ber des Wör­ter­buchs der phi­lo­so­phi­schen Meta­phern, Mit­her­aus­ge­ber der Zeit­schrift für Kul­tur­phi­lo­so­phie sowie des His­to­ri­schen Wör­ter­buchs der Phi­lo­so­phie. Foto: Bodo Krem­min

Lan­ge Zeit war der Begriff des Leit­bil­des ver­pönt. Der 1967 von Theo­dor W. Ador­no für eine Samm­lung phi­lo­so­phi­scher Essays gewähl­te Titel Ohne Leit­bild war Pro­gramm. Kei­nes­falls durf­te der Lauf der Din­ge durch die Befan­gen­hei­ten des Augen­blicks behin­dert wer­den, die Zukunft soll­te offen sein.

Geschichts­phi­lo­so­phisch war der Ver­zicht kon­se­quent, aber er war auch unpo­li­tisch. Die Absa­ge igno­rier­te die Tat­sa­che, dass die Gegen­wart ihre Leit­bil­der längst schon besitzt und dass die­se von den Leit­me­di­en und der Poli­tik, von Wis­sen­schaft und Wer­bung stän­dig in Anspruch genom­men wer­den – Leit­bil­der im Übri­gen, die kaum jemals als sol­che aus­ge­wie­sen sind und, weil sie sich gleich­sam von selbst ver­ste­hen, umso über­zeu­gen­der wir­ken.

Zu die­ser Art Leit­bil­der, die in aus­ge­such­ten Momen­ten macht­voll auf­schei­nen, ansons­ten aber im Bereich des kul­tu­rell Unbe­wuss­ten zu Hau­se sind, gehört die Unru­he. Die Unru­he ist da, sie ist über­all, tritt aber kaum jemals rein als sol­che her­vor. Und doch wis­sen wir alle nur zu gut, was es heißt, dass wir vor­wärts­kom­men müs­sen, dass wer nicht kämpft, schon ver­lo­ren hat, dass wir die Hän­de nicht in den Schoß legen dür­fen und öfter mal was Neu­es anfan­gen müs­sen. Die all­tags­sprach­li­chen Echos der Unru­he sind uns allen ver­traut, und es wäre falsch zu mei­nen, hier geschä­he etwas heim­lich oder im Ver­bor­ge­nen. Der Kon­sens der Unru­he ist mit Hän­den zu grei­fen und braucht, eben weil das Ein­ver­neh­men total ist, weder über­prüft noch gerecht­fer­tigt zu wer­den. In die­sem Kli­ma frag­lo­ser Akzep­tanz dient uns das Abc der Unru­he als eine Art Kom­pass, der uns durch den Tag führt und der uns die Stich­wor­te lie­fert, wenn es gilt, das Leben so zu leben, wie es heu­te gelebt sein will.

 

Unru­he als Lei­den­schaft

Seit rund sech­zig Jah­ren kla­gen die Men­schen über Stress, seit der Jahr­tau­send­wen­de über Burn-out. Umso drin­gen­der stellt sich die Fra­ge: Wie hat die­ses Leit­bild der Unru­he ent­ste­hen, wie hat es sich in den Köp­fen und Her­zen fest­set­zen kön­nen? Wie ist es zuge­gan­gen, dass wir, obgleich wir offen­sicht­lich an ihr lei­den, zu Enthu­si­as­ten der Unru­he gewor­den sind?

Mei­ne The­se ist, dass Leit­bil­der Ori­en­tie­run­gen sind – Ori­en­tie­run­gen, die nicht des­halb ange­nom­men wer­den, weil sie im anspruchs­vol­len Sinn des Wor­tes wahr sind, son­dern weil sie all­ge­mei­nen Über­zeu­gun­gen ent­spre­chen und jeder­mann unmit­tel­bar ein­leuch­ten. Die enor­me Kul­tur­be­deu­tung der Unru­he ent­springt aus ihrer Aktua­li­tät: aus dem, was der Unru­he zuge­traut wird.

Die Unru­he hat eine lan­ge und höchst wider­spruchs­vol­le Bedeu­tungs­ge­schich­te durch­lau­fen – vom Ver­häng­nis und dem Zei­chen der Sün­de, von dem die Theo­lo­gen jahr­hun­der­te­lang gespro­chen haben, bis hin zum Ver­spre­chen, das der frü­he Auf­klä­rungs­phi­lo­soph Fran­cis Bacon aus der Unru­he her­aus­le­sen woll­te. Die Geschich­te der Neu­zeit ist ganz wesent­lich die Aner­ken­nungs­ge­schich­te der Unru­he. Selbst die Freu­de sei Unru­he, ver­si­chert Lud­wig Feu­er­bach in sei­nen Leib­niz-Stu­di­en: „Ja, die Unru­he ist selbst wesent­lich zur Glück­se­lig­keit der Geschöp­fe, denn sie besteht nicht in einem voll­komm­nen Besit­ze, der sie nur fühl­los und stumpf machen wür­de, son­dern in einem fort­wäh­ren­den und unun­ter­broch­nen Fort­schritt zu immer grö­ßern Gütern, ein Fort­schritt, wel­cher nicht ohne ein Ver­lan­gen oder eine bestän­di­ge Unru­he denk­bar ist.“

Leit­bil­der, auch dar­an ent­zün­de­te sich die Kri­tik Ador­nos, müs­sen sich nicht erklä­ren – sie müs­sen ein­leuch­tend sein. Die Zei­len Feu­er­bachs heben die­se Qua­li­tät leit­bild­haf­ter Ori­en­tie­run­gen her­vor, indem sie ein­mal unum­wun­den aus­spre­chen, was auf dem Boden der west­li­chen Kul­tur jedes Kind ver­stan­den und sich, wenn es klug ist, zuei­gen gemacht hat: die Lei­den­schaft für Bewe­gung, Wan­del und Ver­än­de­rung; das Fie­ber des Auf­bruchs und des Vor­wärts­kom­men­wol­lens; die Begeis­te­rung für Ande­res, Frem­des und Neu­es.

 

Kri­tik der Unru­he

Schon zur Zeit ihrer Ent­fes­se­lung, also im Ver­lauf des 17. Jahr­hun­derts, ist die pro­ble­ma­ti­sche Sei­te der Unru­he gese­hen wor­den, am deut­lichs­ten viel­leicht von Blai­se Pas­cal. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph und Mathe­ma­ti­ker spricht von Zer­streu­ung, vom diver­tis­se­ment, und meint damit die Kor­rum­pie­rung der über­lie­fer­ten Vor­stel­lungs- und Emp­fin­dungs­welt durch die Unru­he. Unmit­tel­bar an der his­to­ri­schen Schwel­le zählt Pas­cal auf, was sich eben gera­de jetzt zu ver­än­dern beginnt: dass wir nun offen­bar zu allem bereit sind, wenn uns nur das Elend der Lan­ge­wei­le erspart bleibt; dass wir uns von den Gegen­stän­den ablen­ken und weg­zie­hen las­sen, denen unse­re Sor­ge gel­ten müss­te; dass wir uns mit unse­rem vol­len Ein­ver­ständ­nis aus unse­rer Mit­te rei­ßen und in eine Wirk­lich­keit trei­ben las­sen, in der wir uns nur ver­lie­ren kön­nen.

Pas­cal bestimmt die mensch­li­che Situa­ti­on, wie sie mit Beginn der Neu­zeit ent­stan­den ist, als Situa­ti­on der Unru­he. Unter dem maß­geb­li­chen Ein­fluss der Psy­cho­lo­gie ist die­se Situa­ti­on seit­her auf das For­mat der „inne­ren Unru­he“ geschrumpft. Erkennt­nis­för­dernd ist die­se Dia­gno­se nicht. Sie trübt den Blick für die Zwei­deu­tig­keit des The­mas: dafür, dass die Unru­he Ver­häng­nis und Ver­spre­chen zugleich ist – eine Pas­si­on. Noch weni­ger ist sich die­se dia­gnos­ti­sche Rou­ti­ne ihrer eige­nen Ver­stri­ckung bewusst: der Tat­sa­che, dass der sche­ma­ti­sche Kreis­lauf von Pro­blem und Lösung selbst ein Echo der Unru­he ist. Tat­säch­lich ist die Unru­he Lebens­form und Denk­form zugleich: die west­li­che Art, das Leben anzu­neh­men.

Da dies aber so ist und die Unru­he mit der Kul­tur­wirk­lich­keit des Wes­tens ver­schmol­zen ist, gibt es kein Rezept. Wir kön­nen die Unru­he nicht abschaf­fen und über­win­den. Wohl aber kön­nen wir beson­nen mit ihr umge­hen und die Viel­falt ihrer Erschei­nungs­for­men zur Kennt­nis neh­men. Das führt zu der alten Ein­sicht, dass auch die Leit­bil­der (exem­p­la nobi­lia) Ver­füh­rer zur Unru­he sind. Der Ideo­lo­gie­kri­ti­ker Ador­no hät­te dem wohl zustim­men kön­nen: Indem sie uns dazu auf­for­dern, dem ver­meint­lich Bes­se­ren und Voll­kom­me­ne­ren nach­zu­ei­fern, über­win­den die Leit­bil­der nicht die Schwä­che unse­res Bewusst­seins, son­dern nut­zen sie aus. Die Kri­tik der Unru­he ist auch eine Kri­tik der Leit­bil­der, genau­er: eine Kri­tik ihrer Kom­pli­zen­schaft.

 

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Die­ser Arti­kel ist erst­mals in der agora42-Aus­ga­be 03/2016 LEITBILDER erschie­nen.agora42 LEITBILDER

Kunstausstellung WA(H)RE ANGST in Pforzheim öffnet

Kunstausstellung WA(H)RE ANGST eröffnet in Pforzheim

Kunstausstellung

Die Neon­schrift der Künst­le­rin Kath­rin Borer wird in Pforz­heim aus­ge­stellt. © Kath­rin Borer “Don’t sell me fear”, 2016. Foto: Andre­as Hagen­bach

Wa(h)re Angst“ – das ist der Name einer Kunst­aus­stel­lung, die vom 6. bis zum 29. Okto­ber 2017 im EMMA – Krea­tiv­zen­trum Pforz­heim statt­fin­det. Wir freu­en uns auf die Wer­ke von:

 

Angst kennt jeder. Sie beein­flusst wesent­lich unse­re Hand­lun­gen und ist ein grund­le­gen­der Fak­tor ratio­na­ler und emo­tio­na­ler Ent­schei­dun­gen. Doch wel­che Ereig­nis­se lösen Ängs­te in uns aus und wovor haben wir eigent­lich Angst? Vor Sta­tus­ver­lust? Vor frem­den Kul­tu­ren? Vor dem Rechts­ruck? Vor ande­ren Reli­gio­nen? Vor der Zukunft? Vor Ver­ant­wor­tung, Ver­än­de­rung oder Kom­ple­xi­tät? Oder gar vor dem Tod? Unse­re ein­sei­ti­ge Aus­rich­tung auf Mate­ri­el­les (Haus, Auto, Geld) ruft außer­dem eine wei­te­re Angst her­vor: die Angst vor einer Wirt­schafts­kri­se und den damit ver­bun­de­nen Gefähr­dun­gen und Wohl­stands­ein­bu­ßen.

Jetzt ver­sand­kos­ten­frei erhält­lich: Die Aus­ga­be zum The­ma mit Heinz Bude (“Die Gesell­schaft der Angst”), Tho­mas Gut­knecht (“Mut und Hal­tung statt Wut und Spal­tung”), Peter-André Alt (“Franz Kaf­ka – Exper­te für die dunk­len Gefüh­le”), Otto Tei­schel (“Angst und Ideo­lo­gie”) uvm.

Die Aus­stel­lung „Wa(h)re Angst“ hin­ter­fragt die durch Ängs­te her­vor­ge­ru­fe­nen und gepräg­ten aktu­el­len poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen und ermög­licht so einen kri­ti­schen Blick auf deren Ursprün­ge und mög­li­che Fol­gen. Der Aus­stel­lungs­ti­tel „Wa(h)re Angst“ bezieht sich dabei zum einen auf Angst als Ware, mit der in Poli­tik und Wirt­schaft gehan­delt wird, und zum ande­ren auf die Fra­ge, ob es eine „wah­re“ Angst gibt und wie die­se aus­se­hen könn­te. Inter­na­tio­na­le Künst­ler eröff­nen unge­wohn­te Per­spek­ti­ven auf mensch­li­che Ängs­te und bezie­hen mit ihren Wer­ken Stel­lung zu poli­ti­schen The­men.

Die Kunst­aus­stel­lung wird vom EMMA — Krea­tiv­zen­trum Pforz­heim ver­an­stal­tet und von dem Künst­ler Janusz Czech kura­tiert. Czech ist Redak­teur der agora42 und schon lan­ge mit dem Maga­zin ver­bun­den – es lag also auf der Hand, das The­ma gemein­sam anzu­pa­cken. So wer­den in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 die Künst­ler der Aus­stel­lung vor­ge­stellt und ihre Wer­ke auf den grü­nen Heft­sei­ten prä­sen­tiert.
Die Aus­stel­lung wird am 5. Okto­ber eröff­net und fin­det im EMMA — Krea­tiv­zen­trum Pforz­heim (Emma-Jae­ger Stra­ße 20, 75175 Pforz­heim) sowie im gegen­über­lie­gen­den Alfons-Kern-Turm statt, einem denk­mal­ge­schütz­ten Trep­pen­turm der im Jahr 2010 abge­ris­se­nen Alfons-Kern-Schu­le.

 

 

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Europa einfach machen – Ulrike Guérot

Europa einfach machen – einfach Europa machen

von Ulrike Guérot

 

Die­ser Arti­kel von Ulri­ke Gué­rot ist erst­mals in agora42 3/2017 EINFACH LEBEN erschie­nen.

 

Die soge­nann­te „leich­te Spra­che“ ist im Kom­men: eine ein­fa­che Spra­che für alle. War­um die Din­ge immer so kom­pli­ziert oder gestelzt aus­drü­cken? Die Bibel gibt es jetzt in „leich­ter Spra­che“. Sogar im Deutsch­land­funk gibt es inzwi­schen ein­mal pro Woche frei­tags eine Sen­dung in „leich­ter Spra­che“ und der Ver­ein Inclu­si­on Euro­pe hat als Güte­sie­gel für Tex­te in leich­ter Spra­che ein „Euro­päi­sches Logo für leich­te Spra­che“ geschaf­fen. Doch war­um nur die Spra­che ver­ein­fa­chen und nicht gleich ganz Euro­pa? In ein­fa­chen Wor­ten könn­te sich das so anhö­ren:

 

Ulri­ke Gué­rot ist Grün­de­rin und Direk­to­rin des Euro­pean Demo­cra­cy Labs an der Euro­pean School of Gover­nan­ce in Ber­lin und seit 2016 Pro­fes­so­rin und Lei­te­rin des Depart­ments für Euro­pa­po­li­tik und Demo­kra­tie­for­schung an der Donau-Uni­ver­si­tät Krems/Österreich. Zuletzt von ihr erschien Der neue Bür­ger­krieg. Das offe­ne Euro­pa und sei­ne Fein­de (Ull­stein Ver­lag, 2017). Foto: Domi­nik Butz­mann

Euro­pa ist nach Aus­tra­li­en der zweit­kleins­te Kon­ti­nent. In Euro­pa gibt es vie­le Städ­te mit ganz eige­ner Geschich­te wie Dub­lin oder Hel­sin­ki im Nor­den und Thes­sa­lo­ni­ki oder Lis­sa­bon im Süden. In der Mit­te lie­gen Paris, Stutt­gart oder Buda­pest. In Euro­pa leben 500 Mil­lio­nen Men­schen, die unter­schied­li­che Spra­chen spre­chen und aus unter­schied­li­chen Kul­tu­ren stam­men: Die einen essen lie­ber Piz­za, die ande­ren lie­ber Hering, es gibt unter­schied­li­che Trach­ten und Bräu­che, sehr vie­le ver­schie­de­ne Käse­sor­ten und ganz unter­schied­li­che Häu­ser. Im Nor­den bestehen die­se oft aus Back­stein und im Süden eher aus Sand­stein. Es gibt ver­schie­de­ne euro­päi­sche Regio­nen, die ihre eige­ne Iden­ti­tät haben: zum Bei­spiel die Bre­to­nen, die Böh­mer, die Tiro­ler, die Bay­ern, die Kata­la­nen, die Schot­ten und vie­le, vie­le mehr.

Trotz die­ser kul­tu­rel­len Unter­schie­de ver­fol­gen die Euro­pä­er die glei­chen Zie­le und ver­tre­ten die glei­chen Wer­te. Die­se Wer­te sind Frei­heit, Rechts­staat­lich­keit, Men­schen­rech­te und eine sozia­le Markt­wirt­schaft. Man nennt sie die Wer­te der euro­päi­schen Auf­klä­rung.

Um die­se Wer­te ver­wirk­li­chen zu kön­nen, haben die Euro­pä­er eine Euro­päi­sche Repu­blik gegrün­det. Trä­ger die­ser Repu­blik sind die Regio­nen. Es gibt einen Senat, ein Reprä­sen­tan­ten­haus und einen Prä­si­den­ten. Die Regio­nen ent­sen­den jeweils zwei Sena­to­ren in den euro­päi­schen Senat, wel­che über die poli­ti­schen Zie­le Euro­pas dis­ku­tie­ren. Außer­dem gibt es ein Reprä­sen­tan­ten­haus, in dem die Sit­ze gemäß der Ein­woh­ner­zahl der Regio­nen ver­ge­ben wer­den. Das nennt man ein Zwei­kam­mer­sys­tem und man fin­det die­ses in fast allen Län­dern der Welt. Gleich­zei­tig wäh­len alle Euro­pä­er einen Prä­si­den­ten, der an der Spit­ze der Euro­päi­schen Repu­blik steht und die­se nach außen ver­tritt. Die­ser Prä­si­dent trifft sich dann bei­spiels­wei­se mit den ande­ren Prä­si­den­ten der Welt.

Die Euro­pä­er sind stolz dar­auf, als ers­te in der Welt eine „post­na­tio­na­le“ Demo­kra­tie ent­wi­ckelt zu haben. Eine „post­na­tio­na­le Demo­kra­tie“ ist eine Demo­kra­tie, in der natio­na­le Gren­zen über­wun­den wor­den sind und jeder euro­päi­sche Bür­ger, egal, wo er hin­geht, die glei­chen poli­ti­schen Rech­te und Pflich­ten hat.

Frü­her war es nicht so ein­fach. Frü­her hat­te es Natio­nal­staa­ten gege­ben. Man­che Staa­ten waren grö­ßer und wich­ti­ger als die ande­ren und immer ging es um die Fra­ge, wie man am meis­ten für die eige­ne Nati­on her­aus­ho­len kann. Es gab viel Kon­kur­renz und Geran­gel. Weil es neben der euro­päi­schen Ebe­ne und der regio­na­len Ebe­ne noch die natio­nal­staat­li­che Ebe­ne gab, wuss­te man nie genau, wen man bei einem bestimm­ten Pro­blem kon­tak­tie­ren soll. Den­noch hat man sich lan­ge Jah­re an den Natio­nal­staat geklam­mert. In der gan­zen Welt wur­de dar­über gespot­tet, dass sich die Euro­pä­er immer über Klei­nig­kei­ten gestrit­ten haben. Viel schlim­mer aber war, dass man die Euro­pä­er des­we­gen immer in die Enge trei­ben und aus­trick­sen konn­te, weil sie stän­dig mit ihren natio­na­len Strei­tig­kei­ten beschäf­tigt waren und nicht zusam­men­ar­bei­ten woll­ten. Das hat den Euro­pä­ern enorm gescha­det und sie letzt­lich auch viel Geld gekos­tet, weil sie vie­le Din­ge dop­pelt und drei­fach gemacht haben.

Heu­te ist in Euro­pa die Natio­na­li­tät nicht mehr wich­tig. So haben die Grün­dungvä­ter Euro­pas das auch gewollt. Jean Mon­net hat ein­mal gesagt: „Euro­pa, das heißt nicht, Staa­ten zu inte­grie­ren, son­dern Men­schen einen.“ Vie­le haben gesagt: „Aber das geht doch nicht.“ Alle woll­ten Euro­pa, aber immer gab es ein Aber: Aber die Völ­ker sind noch nicht reif dafür. Aber die Völ­ker sind zu unter­schied­lich. Aber, aber … Doch dann kam eine jun­ge Gene­ra­ti­on, die gese­hen hat, dass die Unter­schie­de in Euro­pa gar nicht so groß sind. Und so trat sie ent­schlos­sen für ein Euro­pa jen­seits von Natio­nen ein, ein Euro­pa, in der das Poli­ti­sche wich­ti­ger ist als das Natio­na­le. „Can­cel the but“, haben die­se jun­gen Leu­te gesagt. Sie woll­ten ein­fach Euro­pa machen; und Euro­pa ein­fach machen.

Sie haben auf ein Blatt Papier geschrie­ben, wie sie sich das vor­stel­len: 2025 Wahl­rechts­gleich­heit, 2035 steu­er­li­che Gleich­heit und 2045 glei­cher Zugang zu sozia­len Rech­ten. Mil­lio­nen jun­ger Men­schen in hun­der­ten euro­päi­schen Städ­ten haben für die­se For­de­run­gen demons­triert und aus die­sen Demons­tra­tio­nen erwuchs eine wich­ti­ge poli­ti­sche Bewe­gung. Die­se setz­te dann schließ­lich die euro­päi­sche Ver­fas­sung durch – eine Ver­fas­sung, an die sich Euro­pa seit­dem hält. Kurz: Die euro­päi­sche Demo­kra­tie wur­de ein­fach so gemacht, wie zuvor die natio­na­len Demo­kra­ti­en gemacht wor­den waren. Dabei befolg­te man den Grund­satz der all­ge­mei­nen poli­ti­schen Gleich­heit für alle Bür­ger und das Prin­zip der Gewal­ten­tei­lung – eigent­lich sind das Bin­sen­weis­hei­ten für alle Demo­kra­ti­en. Das war der Augen­blick, den der deut­sche His­to­ri­ker Theo­dor Schie­der schon 1963 vor­her­ge­se­hen hat: „Aber in dem Augen­blick, in dem für uns der Natio­nal­staat ein his­to­ri­sches Phä­no­men gewor­den ist, sind wir für die Gegen­wart und für die Zukunft im Grun­de schon über ihn hin­aus­ge­wach­sen.“

Heu­te haben die Euro­pä­er es ganz ein­fach: Sie haben eine ein­heit­li­che Wirt­schafts­ord­nung mit einer ein­heit­li­chen Wäh­rung, ein­heit­li­chen Steu­er­sät­zen und ein­heit­li­chen Sozi­al­leis­tun­gen; sie haben eine gemein­sa­me Armee, eine ein­heit­li­che Umwelt- und Ener­gie­po­li­tik und auch eine ein­heit­li­che Stra­te­gie im Umgang mit digi­ta­len Daten. Streit­bar sind die Euro­pä­er noch immer, gera­de wenn es um die Gestal­tung der Regio­nen geht, in denen sie leben, also um ihre nähe­re Umge­bung und all das, was sie unmit­tel­bar betrifft. Sobald es aber um die Wurst geht – und nicht etwa um Leber­würs­te, Gur­ken oder Glüh­bir­nen – spricht Euro­pa mit einer Stim­me, ver­tei­di­gen die Euro­pä­er ihre Wer­te mit gan­zer Kraft. Sie sind gleich, sie sind soli­da­risch, sie sind stark. Sie sind ein­fach Euro­pa.

 

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