The European Balcony Project

Die Ausrufung der Europäischen Republik

In einem Monat wird die Euro­päi­sche Repu­blik aus­ge­ru­fen. Was es damit auf sich hat und wer dahin­ter steckt lesen Sie in fol­gen­dem Bei­trag, der aus der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 stammt.

Eines ist klar: So wie Euro­pa jetzt kon­zi­piert ist, hat es kei­ne Per­spek­ti­ve. Davon zeugt nicht zuletzt der auf­kei­men­de Natio­na­lis­mus, der – wie jede ande­re Rück­zugs­be­we­gung auch – Aus­druck des Aus­blei­bens einer fäl­li­gen gesell­schaft­li­chen Wei­ter­ent­wick­lung ist. Klar: Der Natio­nal­staat hat sich fast 200 Jah­re lang wacker gehal­ten und die euro­päi­schen Gesell­schaf­ten durch eini­ge Moder­ni­sie­rungs­schü­be gelotst. Aber schon im letz­ten Jahr­hun­dert ging es kata­stro­phal dane­ben mit ihm, als die natio­na­lis­ti­sche Idee zu zwei Welt­krie­gen führ­te. Ulri­ke Gué­rot, Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin und Grün­de­rin des Euro­pean Demo­cra­cy Labs, schreibt dazu: „Natio­na­lis­mus und sein häss­li­cher Bru­der, der Popu­lis­mus, sind (…) Sym­pto­me, Mecha­nis­men der Abschot­tung, wo der Weg, die gesell­schaft­li­chen Pro­ble­me (…) gesamt­eu­ro­pä­isch zu lösen, insti­tu­tio­nell wie poli­tisch ver­sperrt ist.“

Ange­sichts der tie­fen euro­päi­schen Kri­se, die Euro­pa nicht nur in Nord und Süd, Ost und West gespal­ten hat, son­dern auch die natio­na­len Gesell­schaf­ten selbst zer­setzt, soll­te man also erst ein­mal vor der eige­nen Haus­tü­re keh­ren, anstatt sich mit Ver­weis auf Trump, Putin oder Xi Jin­ping davor zu drü­cken, längst über­fäl­li­ge Refor­men anzu­ge­hen. Ent­spre­chend plä­diert Gué­rot schon seit Jah­ren für einen radi­ka­len Neu­an­fang: Dem gemein­sa­men Markt und der gemein­sa­men Wäh­rung muss end­lich eine gemein­sa­me euro­päi­sche Demo­kra­tie fol­gen – eine Euro­päi­sche Repu­blik.

 

Nous ne coali­sons pas des États, nous unis­sons les hom­mes.” – „Wir schaf­fen kein Staa­ten­bünd­nis, wir ver­ei­nen Men­schen.“

 

Die­se Wor­te stam­men aus dem Jahr 1952 und von kei­nem Gerin­ge­ren als Jean Mon­net, dem Grün­dungs­va­ter der heu­ti­gen EU. Genau dar­um geht es auch Ulri­ke Gué­rot und dem öster­rei­chi­schen Schrift­stel­ler Robert Men­as­se: Die Men­schen Euro­pas sol­len in stür­mi­scher wer­den­den Zei­ten zusam­men­ge­bracht wer­den. Des­halb haben sie The Euro­pean Bal­co­ny Pro­ject ins Leben geru­fen.

In die­sem Pro­jekt geht es nicht um den Urlaub auf Bal­ko­ni­en, son­dern dar­um, eine alte Tra­di­ti­on wie­der­auf­le­ben zu las­sen. So wird am 10. Novem­ber 2018 um 16 Uhr die Euro­päi­sche Repu­blik von (Theater-)Balkonen und an öffent­li­chen Plät­zen in ganz Euro­pa aus­ge­ru­fen. Die­ses Datum wur­de gewählt, weil es zwi­schen zwei für die euro­päi­sche Geschich­te wich­ti­gen Gedenk­ta­gen liegt: Am 9. Novem­ber 1918 wur­den die Repu­bli­ken Wei­mar, Bay­ern und Öster­reich aus­ge­ru­fen und am 11. Novem­ber 1918 ende­te der Ers­te Welt­krieg.

Das Euro­pean Bal­co­ny Pro­ject wird unter ande­rem von Milo Rau und Elfrie­de Jeli­nek unter­stützt. Es umfasst Ver­an­stal­tun­gen, Gesprä­che, Podi­ums­dis­kus­sio­nen und künst­le­ri­sche Inter­ven­tio­nen, die vom 9. bis 11. Novem­ber 2018 in zahl­rei­chen euro­päi­schen Städ­ten statt­in­den. Es ist an der Zeit, eine gesamt­eu­ro­päi­sche Staat­lich­keit ins Visier zu neh­men, die für eine euro­päi­sche Gemein­wohl­si­che­rung und die Nut­zung euro­päi­scher öffent­li­cher Güter sorgt. Sechs Mona­te vor den nächs­ten Wah­len zum Euro­päi­schen Par­la­ment sol­len die Wei­chen für ein gemein­sa­mes, sozia­les und demo­kra­ti­sches Euro­pa gestellt wer­den – für ein bür­ger­na­hes, dezen­tra­les Euro­pa ohne Natio­nen und Gren­zen. Die Idee des Gemein­wohls – der res publi­ca – dient als Leit­prin­zip die­ser zukünf­ti­gen euro­päi­schen Ord­nung: ein Markt, eine Wäh­rung, eine Demo­kra­tie. So soll sich der euro­päi­sche Wahl­spruch von der „Ein­heit in Viel­falt“ ver­wirk­li­chen.

Und so lau­tet das Mani­fest:

 

MANIFEST

Heu­te, am 10. Novem­ber 2018 um 16 Uhr, 100 Jah­re nach Ende des I WK, der auf Jahr­zehn­te die euro­päi­sche Zivi­li­sa­ti­on zer­stört hat­te, geden­ken wir nicht nur der Geschich­te, son­dern neh­men unse­re Zukunft selbst in die Hand.

Es ist Zeit, das Ver­spre­chen Euro­pas zu ver­wirk­li­chen und sich an die Grün­dungs­idee des euro­päi­schen Eini­gungs­pro­jekts zu erin­nern.

Wir erklä­ren alle, die sich in die­sem Augen­blick in Euro­pa befin­den, zu Bür­ge­rin­nen und Bür­gern der euro­päi­schen Repu­blik. Wir neh­men unse­re Ver­ant­wor­tung für das uni­ver­sa­le Erbe der all­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te an, und gelo­ben, sie end­lich zu ver­wirk­li­chen.

Wir sind uns bewusst, dass der Reich­tum Euro­pas auf Jahr­hun­der­ten der Aus­beu­tung ande­rer Kon­ti­nen­te und der Unter­drü­ckung ande­rer Kul­tu­ren beruht. Wir tei­len des­halb unse­ren Boden mit jenen, die wir von ihrem ver­trie­ben haben. Euro­pä­er ist, wer es sein will. Die Euro­päi­sche Repu­blik ist der ers­te Schritt auf dem Weg zur glo­ba­len Demo­kra­tie.

Das Euro­pa der Natio­nal­staa­ten ist geschei­tert.

Die Idee des euro­päi­schen Eini­gungs­pro­jekts wur­de ver­ra­ten.

Der Bin­nen­markt und der Euro konn­ten ohne poli­ti­sches Dach zur leich­ten Beu­te einer neo­li­be­ra­len Agen­da wer­den, die der Idee der sozia­len Gerech­tig­keit wider­spricht.

Daher muss die Macht in den euro­päi­schen Insti­tu­tio­nen erobert wer­den, um den gemein­sa­men Markt und die gemein­sa­me Wäh­rung in einer gemein­sa­men euro­päi­schen Demo­kra­tie zu gestal­ten.

Denn Euro­pa heißt: Men­schen zu einen und nicht Staa­ten zu inte­grie­ren.

An die Stel­le der Sou­ve­rä­ni­tät der Staa­ten tritt hier­mit die Sou­ve­rä­ni­tät der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. Wir begrün­den die Euro­päi­sche Repu­blik auf dem Grund­satz der all­ge­mei­nen poli­ti­schen Gleich­heit jen­seits von Natio­na­li­tät und Her­kunft. Die kon­sti­tu­tio­nel­len Trä­ger der euro­päi­schen Repu­blik sind die Städ­te und Regio­nen. Der Tag ist gekom­men, dass sich die kul­tu­rel­le Viel­falt Euro­pas end­lich in poli­ti­scher Ein­heit ent­fal­tet.

Der Euro­päi­sche Rat ist abge­setzt.
Das Euro­päi­sche Par­la­ment hat gesetz­ge­be­ri­sche Gewalt.
Es wählt eine euro­päi­sche Regie­rung, die dem Woh­le aller euro­päi­schen Bür­ge­rin­nen und Bür­ger glei­cher­ma­ßen ver­pflich­tet ist.

Es lebe die Euro­päi­sche Repu­blik!

Ulri­ke Gué­rot undRobert Men­as­se

Unter­stützt von Milo Rau

 


Aus der Aus­ga­be 42 der agora42. In die­ser Aus­ga­be befas­sen wir uns in vier Kapi­teln mit der Ideo­lo­gie, die zur Finanz­kri­se geführt hat. Und wie sich das für eine ago­ra (gr. für Markt­platz) gehört, haben wir die­se Aus­ga­be nicht mono-per­spek­ti­visch geschrie­ben, son­dern haben vie­le Men­schen zu Wort kom­men las­sen, die uns in den letz­ten Jah­ren begeg­net sind, u.a.:

So fragt die Jena­er Phi­lo­so­phin PEGGY HETMANK-BREITENSTEIN im Inter­view: “Wer möch­te heu­te eigent­lich in einer der nächs­ten Gene­ra­tio­nen leben? Ich nicht. Ist das nicht fins­ter?”

RICHARD DAVID PRECHT, Phi­lo­soph und Bei­rat der agora42, zur Fra­ge, wie er sich eine gelin­gen­de Zukunft vor­stellt: “Wir wer­den die Huma­ni­tät und das Sozia­le in den Mit­tel­punkt unse­res Lebens stel­len und nicht den Pro­fit, den Kon­sum und die Tech­nik.”

Kon­kre­te Hin­wei­se für den Über­gang in eine zukunfts­fä­hi­ge Wirt­schaft lie­fert der Publi­zist und Com­mons-Akti­vist HANS E. WIDMER: “Bevor wir smart schrump­fen kön­nen, müss­ten wir es zuerst schaf­fen smart zu wach­sen.”

Sight, Seeing, Society – Katalogpräsentation

Sight, Seeing, Society

Am gest­ri­gen Sonn­tag den 23. Sep­tem­ber 2018 fand die Kata­log­prä­sen­ta­ti­on zur Aus­stel­lung Sight, See­ing, Socie­ty von Janusch Czech im Kunst­ver­ein Pforz­heim statt. Der Kata­log ist im agora42 Ver­lag erschie­nen und doku­men­tiert die ers­te gro­ße insti­tu­tio­nel­le Ein­zel­aus­stel­lung des in Mün­chen und Pforz­heim arbei­ten­den Künst­lers Janusz Czech (*1975, Ked­zier­zyn).

 

Janusch Czech im Gespräch mit Bet­ti­na Schön­fel­der anläss­lich der Kata­log­prä­sen­ta­ti­on. Im Hin­ter­grund ein paar Wer­ke aus der Serie Sight­see­ing.

Janusz Czech beglei­tet die agora42 seit 2011 in viel­fäl­ti­ger Hin­sicht. Seit 2011 hat er fast jedes Inter­view der agora42 foto­gra­fisch doku­men­tiert. Dar­über hin­aus ist die Aus­ga­be 4/2018 Wa(h)re Angst, die wir in Koope­ra­ti­on mit dem EMMA – Krea­tiv­zen­trum Pforz­heim kon­zi­piert haben, auf sein Enga­ge­ment zurück­zu­füh­ren. Auch kura­tier­te er die gleich­na­mi­ge Grup­pen­aus­stel­lung, die zeit­gleich mit der Aus­ga­be in Pforz­heim statt­fand.

 

Unter dem Titel „Sight, See­ing, Socie­ty“ prä­sen­tiert er in den zwei Aus­stel­lungs­räu­men des Kunst­ver­eins Pforz­heim gro­ße Instal­la­tio­nen und foto­gra­fi­sche Bild­se­ri­en, die das hoch­ak­tu­el­le Span­nungs­feld von Archi­tek­tur, Gesell­schaft, Poli­tik und Reprä­sen­ta­ti­on aus unter­schied­li­chen Blick­win­keln the­ma­ti­sie­ren. Kon­kret wer­den 45 Foto­gra­fi­en von Wahr­zei­chen bedeu­ten­der Städ­te wie dem Eifel­turm in Paris, dem Ato­mi­um in Brüs­sel und dem Bran­den­bur­ger Tor in Ber­lin gezeigt. Und doch haben die­se Foto­gra­fi­en nichts mit den Bil­dern zu tun, die man von die­sen Bau­wer­ken von Post­kar­ten oder Urlaubs­bil­dern kennt. Es durch­weg unge­wöhn­li­che Per­spek­ti­ven aus denen die­se Moti­ve auf­ge­nom­men wur­den. Einen Zugang zu die­ser Art der Doku­men­ta­ti­on bie­tet die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Dr. Ana Kug­li in ihrem den Kata­log ein­lei­ten­den Text Sight, See­ing, Socie­ty im Spie­gel von Ber­tolt-Brecht-Tex­ten. Wie Brecht hin­ter­fragt auch Czech den Sinn und Unsinn von sol­chen “Sehens­wür­dig­kei­ten”, die oft­mals von den Herr­schen­den ent­wor­fen und gebaut wur­den und das Volk die­se Pro­jek­te ledig­lich zu finan­zie­ren hat­te. Die­sen Gedan­ken illus­triert Kug­li mit dem Gedicht Fra­gen eines lesen­den Arbei­ters* von Ber­tolt Brecht:

 

Wer bau­te das sie­ben­to­ri­ge The­ben?

In den Büchern ste­hen die Namen von Köni­gen.

Haben die Köni­ge die Fels­bro­cken her­bei­ge­schleppt?

Und das mehr­mals zer­stör­te Baby­lon,

Wer bau­te es so vie­le Male auf?

(…)

Fried­rich der Zwei­te sieg­te im Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg. Wer

Sieg­te außer ihm?

Jede Sei­te ein Sieg.

Wer koch­te den Sie­ges­schmaus?

Alle zehn Jah­re ein gro­ßer Mann.

Wer bezahl­te die Spe­sen?

 

So vie­le Berich­te,

So vie­le Fra­gen.

 

Neben den 45 gezeig­ten Bil­dern der Sehens­wür­dig­kei­ten sind außer­dem drei Instal­la­tio­nen zu sehen: Konetaph Cul­tu­re, Anar­chie-Tek­tur und Cross of Chan­ge.

 

Konetaph Cul­tu­re ist ein zwei Meter hoher Beton­qua­der, der in der Mit­te der ansons­ten licht­durch­flu­te­ten Aus­stel­lungs­räu­me steht. Die Form weist dabei bereits auf die aus­ge­stell­ten Bil­der im Inne­ren des Qua­ders hin: Fünf Foto­gra­fi­en der U-Boot­bun­ker an der fran­zö­si­schen Atlan­tik­küs­te, wel­che das Stadt­bild der Städ­te Brest, Lori­ent, Saint Nazai­re, La Rochel­le und Bor­deaux bis heu­te prä­gen.

 

Anar­chie-Tek­tur: Anhand meh­re­rer Bil­der wird die Ent­wick­lung der Archi­tek­tur der Moder­ne gegen­über­ge­stellt. So sind zum einen Bil­der der “Wei­ßen Stadt” in Tel Aviv zu sehen, zum ande­ren sieht man eine rie­si­ge Wand­ta­pe­te der Tra­ban­ten­stadt Lobe­da in Jena.

 

Cross of Chan­ge: Eine mehr­tei­li­ge Foto­gra­fie der welt­weit höchs­ten Chris­tus-Sta­tue im pol­ni­schen Swie­bod­zin vor der ein Kreuz in den Regen­bo­gen­far­ben der Schu­len- und Les­ben­be­we­gung auf­ge­bahrt ist und der zur Sei­te das Tri­kot der fik­ti­ven Natio­nal­mann­schaft des König­reichs Jesus von Polen gestellt ist.

 

Den Aus­stel­lungs­ka­ta­log kön­nen Sie über unse­ren Shop oder über den Kunst­ver­ein Pforz­heim bezie­hen. Bis zum 7. Okto­ber kön­nen Sie noch die Aus­stel­lung besu­chen.

 

* Ber­tolt Brecht: Wer­ke. Gro­ße kom­men­tier­te Ber­li­ner und Frank­fur­ter Aus­ga­be. Hg. von Wer­ner Hecht, Jan Knopf, Wer­ner Mit­ten­zwei, Klaus-Det­lef Mül­ler. Ber­lin, Wei­mar, Frank­furt am Main 1988–2000. Hier GBA 12, S. 29

Lieber locker lassen – von Viola Nordsieck | Teil 2

Aus der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 BEFREIUNG.

Pho­to by Maar­ten van den Heu­vel on Uns­plash

Lieber locker lassen – Teil 2

Locker lassen

Wie aber kön­nen wir über Frei­heit nach­den­ken, die nicht bloß wie­der Herr­schaft wäre, wie kön­nen wir uns von die­sem Frei­heits­be­griff befrei­en? Wäre es mög­lich, locker zu las­sen? Das soll nicht hei­ßen „uns mal locker zu machen“, also Arten von Krän­kun­gen und Über­grif­fen wider­stands­los über uns erge­hen zu las­sen, um nicht als „unlo­cker“ zu gel­ten. Locker las­sen, das heißt: nicht so fest zugrei­fen, son­dern tas­ten; fra­gen; erst ein­mal spü­ren, was da ist, wie wir selbst sind – und wo sich die Gren­zen der ande­ren befin­den; kom­mu­ni­zie­ren und ler­nen, sich aus­tau­schen.

Locker las­sen, das heißt auch, durch­läs­sig wer­den, und das ist für den (neo-)liberal gepräg­ten Erwach­se­nen beson­ders angst­be­setzt. Wir glau­ben, geschlos­se­ne Sub­jek­te zu sein, und sind in Wahr­heit erfah­ren­de, spü­ren­de Pro­zes­se in Ver­flech­tun­gen von Wir­kun­gen, die wir nicht kon­trol­lie­ren kön­nen. Die dunk­le Sei­te die­ser Fremd­ein­wir­kun­gen macht uns sol­che Angst, dass wir sie nicht ein­mal zu den­ken wagen. Ver­skla­vung, Krank­heit, Wahn­sinn, Auf­lö­sung ver­drän­gen wir durch unse­re ima­gi­nier­te Geschlos­sen­heit, in die nichts ein­drin­gen kann, und fan­ta­sie­ren uns ein sou­ve­rä­nes Leben, das wir durch Kon­sum zemen­tie­ren. „Was kos­tet uns die Fähig­keit, zu emp­fin­den?“ fragt die Phi­lo­so­phin Rosi Brai­dot­ti.

Locker las­sen wäre auch ein Zulas­sen der Angst. Es wäre ein Anneh­men neu­er Gewohn­hei­ten. Denn wenn wir an eine Hal­tung nicht gewöhnt sind, wird sie sich fremd­be­stimmt anfüh­len, wenn man uns dazu zwingt. Sie wird sich danach anfüh­len, erzo­gen zu wer­den und nicht nach einer eige­nen Ent­schei­dung. Um uns aber an ein ande­res Ver­ständ­nis von Frei­heit zu gewöh­nen, müs­sen wir neue Geschich­ten über uns erzäh­len. Denn, so bringt es die öster­rei­chi­sche Auto­rin Ste­fa­nie Sarg­na­gel auf den Punkt: „In Kom­fort und Luxus fin­det man zwar Ent­span­nung und das Gefühl, etwas Bes­se­res zu sein, aber gute Geschich­ten hat man kei­ne zu erzäh­len.“

Die Frei­heit des Locker­las­sens wäre erst ein­mal, eine ande­re Geschich­te über uns selbst, unse­re Rech­te und unse­re Pflich­ten zu erzäh­len. Statt einer­seits ent­hemmt zu kon­su­mie­ren und sich ande­rer­seits zu dis­zi­pli­nie­ren, um die glän­zen­de Fas­sa­de des Selbst auf­recht­zu­er­hal­ten, soll­ten wir mehr auf Pfle­ge und Sor­ge für uns selbst set­zen und dabei nicht gleich wer­ten, was wir dafür benö­ti­gen. Um noch ein­mal Brai­dot­ti zu bemü­hen: „Was immer dich durch den Tag bringt [ist] legi­tim.“ Statt uns auf Per­fek­ti­on und Funk­ti­on in Rich­tung eines geschlos­se­nen Sys­tems zuzu­rich­ten und zu mana­gen, könn­te Frei­heit bedeu­ten, Offen­heit, Brü­che, neue Schwel­len, neue Kon­tak­te und neue For­men der Kom­mu­ni­ka­ti­on zuzu­las­sen. Die ers­te Emp­feh­lung wäre also: Weni­ger arbei­ten, weni­ger Geld aus­ge­ben und sich dafür mehr Zeit neh­men! Um was zu tun?

Ja, das ist die ers­te wich­ti­ge Fra­ge. Von hier aus kann es nur inter­es­san­ter wer­den.

Mehr Zeit für echte Freiheiten

Eine Frei­heit wäre bei­spiels­wei­se die Frei­heit des Suchens: sich einen Weg zu suchen, statt ein Ziel zu set­zen. Vie­le Berei­che, in denen Men­schen frei sein konn­ten, gemein­sa­me öffent­li­che Räu­me in Stadt und Natur, sind immer mehr in Besitz genom­men und an Ein­zel­ne ver­kauft wor­den. Wo es sich ein­mal frei und ohne Geld her­um­wan­dern, zel­ten oder im Frei­en schla­fen, in den Fluss sprin­gen und durch den Wald strei­fen ließ, wer­den Grund­stü­cke pri­va­ti­siert, Zugän­ge ver­baut und neue, pri­vi­le­gier­te Zugän­ge eigens geschaf­fen.

Ein Weg aus der Kon­trol­le wäre ein Weg des Wan­derns und Ent­de­ckens

Ein Weg aus der Kon­trol­le wäre ein Weg des Wan­derns und Ent­de­ckens: Nicht die Zeit ver­schwin­den las­sen, in- dem ich mich durch die Qua­si-Magie der Tech­nik an einen ande­ren Ort zau­be­re, um dann dort zu sein und das Maxi­mum an Erleb­nis oder Ent­span­nung her­aus­zu­ho­len, son­dern die Zeit selbst nut­zen, in- dem ich mich auf einen Weg mache. Am bes­ten mit Freun­den oder sol­chen, die wel­che wer­den könn­ten, in den Wald, an den See, in die Stadt, um dort etwas zu ent­de­cken, das ich so noch nicht gese­hen habe.

Eine ande­re Frei­heit wäre eine Frei­heit des Gebens, wie sie der fran­zö­si­sche Kon­vi­via­list Alain Cail­lé mit Bezug auf Mar­cel Mauss’ Die Gabe (1924) ent­wirft. Zusam­men­le­ben als koope­ra­ti­ve Pra­xis zu den­ken, ist schon ein­mal eine gute Vor­aus­set­zung für ein neu­es Nach­den­ken über Frei­heit, die nicht auf einer Erklä­rung der Unab­hän­gig­keit, son­dern auf einer Aner­ken­nung der „wech­sel­sei­ti­gen Abhän­gig­kei­ten“ beruht, wie es im kon­vi­via­lis­ti­schen Mani­fest heißt.

Wenn wir in die­sem Gefecht von Abhän­gig­kei­ten ste­cken, ist die freie Gabe nicht ein sou­ve­rä­nes Abge­ben der Rei­chen an die Armen, son­dern ein frei­wil­li­ger Bei­trag zu einem Gan­zen, dem wir sel­ber auch ange­hö­ren. Und geben kann man vie­les: Zeit, Auf­merk­sam­keit, Lie­be, Zuwen­dung, Gehör, Gedan­ken, Hil­fe, Unter­stüt­zung.

Und geben kann man vie­les: Zeit, Auf­merk­sam­keit, Lie­be, Zuwen­dung, Gehör, Gedan­ken, Hil­fe, Unter­stüt­zung.

Wich­tig ist dabei nur, dass nicht erwar­tet wird, nach einer markt­wirt­schaft­li­chen Tau­sch­lo­gik etwas zurück­zu­be­kom­men. Die Frei­heit liegt in der Bewe­gung in die Teil­nah­me hin­ein: Ich tra­ge etwas bei, da- mit das Gan­ze zu mei­nem Gan­zen wird.

Eine ande­re Frei­heit wäre eine Frei­heit des Gestal­tens. Das Gan­ze zu mei­nem Gan­zen zu machen, geht am bes­ten in krea­ti­ver Zusam­men­ar­beit, in der man sich orga­ni­siert, um die gemein­sa­men Bedürf­nis­se zu ver­tre­ten. Dabei kann man fei­ern, Musik machen, sich poli­tisch arti­ku­lie­ren, kochen, malen, Maga­zi­ne her- aus­ge­ben, sich aus­tau­schen oder Räu­me schaf­fen, in denen es sich tätig sein lässt. Die Selbst­wirk­sam­keit der Ein­zel­nen ist oft auf eine Dicho­to­mie des Kon­sums redu­ziert: etwas tun (kau­fen) oder nichts tun (ster­ben). Aber im gemein­sa­men Han­deln erschließt sich neue Selbst­wirk­sam­keit, weil Grup­pen anders wirk­mäch­tig sind als Ein­zel­ne. Sie kön­nen Din­ge tun, die allei­ne nicht gelin­gen. Und so ist es auch mög­lich, die Bil­der zu ver­än­dern, die wir von uns selbst haben.

Eine ande­re Frei­heit wäre schließ­lich noch die Frei­heit, zu gehen und es ein­fach sein zu las­sen. „I would pre­fer not to“

Eine ande­re Frei­heit wäre schließ­lich noch die Frei­heit, zu gehen und es ein­fach sein zu las­sen. „I would pre­fer not to“, ich möch­te lie­ber nicht, erwi­der­te Her­man Mel­vil­les „Bart­le­by the Scri­vener“ (1853) auf jedes Ansin­nen, das man an ihn rich­te­te. Es ist eine Geschich­te über die Unmög­lich­keit von Frei­heit – wenn man sie als die Sou­ve­rä­ni­tät des Indi­vi­du­ums denkt, sei­ne Frei­hei­ten aus­zu­üben. Doch der Ansatz einer ande­ren Frei­heit fin­det sich in der For­mel „I would pre­fer“. Ich wür­de es vor­zie­hen – wenn es etwas vor­zu­zie­hen gäbe. Wie müss­te die Welt aus­se­hen, damit ich etwas vor- zuzie­hen hät­te, damit ich mich frei bewe­gen könn­te zwi­schen der Ver­wei­ge­rung und der Beja­hung? In der bru­ta­len Logik unse­rer Welt bedeu­tet Ver­wei­ge­rung den Tod, die freie Wahl ist eine Illu­si­on. „I would pre­fer not to“ deu­tet einen Bewe­gungs­spiel­raum an, den wir uns erst ein­mal selbst erlau­ben müss­ten.

Von der Auto­rin emp­foh­len:

SACH-/FACHBUCH
Rosi Brai­dot­ti: Poli­tik der Affir­ma­ti­on (Mer­ve Ver­lag, 2017)

ESSAY
Vir­gi­na Wolf: Ein Zim­mer für sich allein (Reclam, 2012)

ROMAN
Jona­than Fran­zen: Frei­heit (Rowohlt Ver­lag, 2012)

FILM
Sys­tem Error von Flo­ri­an Opitz (2018)

 


Lieber locker lassen – von Viola Nordsieck | Teil 1

Aus der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 BEFREIUNG.

Lieber locker lassen

von Viola Nordsieck

Die Gesell­schaft fürch­tet Unfrei­heit, denn Moral­apos­tel und Staat dro­hen mit Ver­bo­ten. Aus Angst ent­steht Trotz und jede ver­blie­be­ne Frei­heit wird kon­se­quent ver­tei­digt – wie kann es sein, dass wir nicht tun und las­sen kön­nen, was wir wol­len? Die­ses Ver­tei­di­gen hält uns so sehr in Atem, dass wir dar­über ver­ges­sen, was da über­haupt ver­tei­digt wird und Gar­ten­par­tys zum poli­ti­schen Wider­stands­sym­bol auf­ge­la­den wer­den. Kon­sum ist Teil der Rebel­li­on gewor­den – aber ist Frei­heit über­haupt mit Kon­sum ver­ein­bar?

 

Pfings­ten 2018: herr­li­ches Wet­ter, bes­te Grill­sai­son; gro­ße Men­gen Fleisch ein­kau­fen, mehr als einer essen kann; es mit dem Auto nach Hau­se trans­por­tie­ren, im Gar­ten des Ein­fa­mi­li­en­hau­ses den Grill anwer­fen und den Holz­koh­le-Qualm schön lang­sam durch die Gegend zie­hen las­sen. Das ist ein tra­di­tio­nel­les deut­sches Ver­gnü­gen, in das man sich nur ungern rein­re­den lässt. Auch wenn wir wis­sen, dass etwas schäd­lich ist, las­sen wir es uns nicht ver­bie­ten oder gar ein schlech­tes Gewis­sen machen. Die AfD-Frak­ti­on im Deut­schen Bun­des­tag hat das ver­stan­den. Sie pos­tet auf Face­book: „Schatz, ich bin noch mal kurz mit dem Die­sel zur Tank­stel­le. Holz­koh­le ein­kau­fen! – Wir wün­schen Ihnen ein schö­nes Wochen­en­de – ohne Ver­bo­te!“ Und dane­ben wird noch bekräf­tigt: „Sei­en Sie ver­si­chert: Wir ste­hen hin­ter Ihnen.“

Die AfD posi­tio­niert sich mit die­sem Post in einer Linie mit dem poli­ti­schen Libe­ra­lis­mus: der Ver­tei­di­gung der per­sön­li­chen Frei­hei­ten des Bür­gers, des­sen Besitz – Grund­stück, Fami­lie, Die­sel – und des­sen Rech­te vor staat­li­chen Ein­grif­fen geschützt wer­den sol­len. Nie­mand lässt sich ger­ne etwas ver­bie­ten, und das Miss­trau­en gegen­über repres­si­ven Staats­for­men, in denen die Men­schen zu ihrem Glück gezwun­gen wer­den sol­len, ist groß. Der Staat soll sich zurück­hal­ten, so die libe­ra­le Hal­tung, der freie Markt wird es schon regeln. Statt auf Ver­bo­te setzt man daher lie­ber auf ver­hal­tens­öko­no­mi­sche Stra­te­gi­en aus dem Mar­ke­ting, das soge­nann­te „Nud­ging“ durch Anrei­ze in die rich­ti­ge Rich­tung. Den Libe­ra­len gilt aber auch das als unver­schäm­ter Ein­griff, denn es schmeckt nach Erzie­hung. Kei­ne Ver­bo­te, kei­ne Erzie­hung, da bleibt nur die viel­ge­rühm­te Auf­klä­rung. Doch auch die wird schnau­bend abge­wun­ken oder weg­ra­tio­na­li­siert. Redet man uns jetzt in alles rein und ver­sucht uns ein schlech­tes Gewis­sen zu machen? Sind wir nicht frei, um das gute Leben zu genie­ßen, für das wir stän­dig so hart arbei­ten?

 

Freiheit durch Herrschaft

Das sozia­le Gefü­ge unse­rer Welt ist immer auch öko­no­misch geprägt. In sei­nem Buch Schul­den. Die ers­ten 500 Jah­re hat David Graeber dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die in allen Gesell­schaf­ten lau­ern­de Gefahr des Ver­sklavt-Wer­dens his­to­risch gese­hen dazu bei­ge­tra­gen hat, eine selt­sa­me Vor­stel­lung von Frei­heit ent­ste­hen zu las­sen: Frei­heit sei der sou­ve­rä­ne Besitz des eige­nen Kör­pers. Das bedeu­tet, dass Frei­heit auch ein Abspal­ten vom eige­nen Kör­per ist, den ich dabei als Objekt den­ken muss, das ich besit­ze. Das bedeu­tet aber auch, dass Frei­heit durch Unfrei­heit defi­niert wird: Die Fremd­herr­schaft ist zuerst da, die Frei­heit besteht in der Rebel­li­on gegen sie – in der Selbst­be­herr­schung.

Die bür­ger­li­che Vor­stel­lung vom Selbst ist eine Geschich­te des Sich-Aneig­nens der eige­nen His­to­rie, der eige­nen See­le, bis hin zur bür­ger­li­chen Klein­fa­mi­lie als leben­di­ge Aus­stat­tung die­ses rei­chen Innen­le­bens. Wir stel­len uns das Selbst als etwas vor, das sich sou­ve­rän besit­zen lässt. Die­se Sou­ve­rä­ni­tät scheint bedroht, wenn das Recht auf die Aus­übung bür­ger­li­cher Frei­hei­ten ein­ge­schränkt wird: Frei­hei­ten sind etwas, das uns zusteht.

Die Frei­heit zu sagen, was man möch­te, ohne dabei auf ande­re Rück­sicht neh­men zu müs­sen; die Frei­heit, Auto zu fah­ren und mal kurz in den Urlaub zu flie­gen, ohne sich über das Kli­ma und die Umwelt Gedan­ken zu machen; die Frei­heit, zu rau­chen und Fleisch zu essen, ohne … und so wei­ter: Wir erken­nen ein Mus­ter. Das bür­ger­li­che Indi­vi­du­um defi­niert sich bis zu einem gewis­sen Grad über die­se Frei­hei­ten, die es sich nimmt. An ihre Gren­zen stößt es durch mög­li­che Ansprü­che der ande­ren. Die­ses Pro­blem ver­schwin­det, wenn das Sich-Neh­men nicht als Frei­heit, son­dern als Kon­sum ange­se­hen wird. Denn sind Kon­sum­pro­duk­te nicht prin­zi­pi­ell für alle da?

Die­ses Pro­blem ver­schwin­det, wenn das Sich-Neh­men nicht als Frei­heit, son­dern als Kon­sum ange­se­hen wird.

Sich eine Frei­heit zu neh­men, ist mar­ke­ting­stra­te­gisch ein genia­ler Aus­druck für Kon­sum. Geni­al dar­um, weil „die Frei­heit nehm’ ich mir“ sug­ge­riert, dass mit die­sem „Neh­men“ ein Men­schen­recht ein­ge­löst, ja, das eige­ne Mensch­sein überhaupt erst ver­wirk­licht wird. In den 1990er Jah­ren war das der Wer­be­slo­gan für eine Kre­dit­kar­ten­fir­ma, womit die stra­te­gi­sche Syn­the­se von Wir­kung und Bedeu­tung noch einen Schritt wei­ter­ging: Das „Neh­men“ der Frei­heit war nicht ein­fach nur Kon­sum, nicht nur ein Kauf, son­dern der Kauf auf Kre­dit – das Hin­aus­grei­fen über die engen Gren­zen des vor­han­de­nen Gel­des hin­aus in ein Reich der Frei­heit. „Erle­ben ist das neue Besit­zen“, las ich kürz­lich (völ­lig iro­nie­frei) in einer Repor­ta­ge. Belieb­te Dis­tink­ti­ons­ge­win­ne sind nun auch Rei­sen, Bun­gee­jum­ping und Tief­see­tau­chen. Flü­ge ans ande­re Ende der Welt sind so bil­lig wie nie. Ihre Beliebt­heit liegt nicht nur dar­in, dass sie so güns­tig sind, son­dern dass sie unse­ren Kon­troll­be­reich, das schein­ba­re Reich der Frei­heit, fast ins Unend­li­che erwei­tern. In der weni­gen Zeit, die mir bleibt, wenn ich mein kon­sum­ori­en­tier­tes Leben durch­or­ga­ni­siert habe, steht mir jede Stadt des Pla­ne­ten, jedes fer­ne Land offen, für zwei Wochen oder nur ein paar Tage. Ich kann dahin, wo ich will – wenn ich das Geld dafür habe.

Frei­hei­ten sind etwas, das wir kon­su­mie­ren kön­nen. Und spä­tes­tens an die­sem Punkt, bei der Ver­schmel­zung mit einer Ideo­lo­gie des Kon­sums, kippt die Ver­tei­di­gung bür­ger­li­cher Frei­hei­ten gegen den Anspruch der All­ge­mein­heit in neo­li­be­ra­le Ideo­lo­gie.

Sich eine Frei­heit her­aus­zu­neh­men, ist auch ein alter Aus­druck dafür, frech zu sein.

Sich eine Frei­heit her­aus­zu­neh­men, ist auch ein alter Aus­druck dafür, frech zu sein. Es geht um das Sich-Her­aus­neh­men von Frei­hei­ten auf Kos­ten ande­rer, damals wie heu­te ein Pri­vi­leg weni­ger, die sozia­le Sank­tio­nen nicht zu fürch­ten haben. Frei­hei­ten sind etwas, das nur Ein­zel­ne sich erlau­ben kön­nen. Die Gesell­schaft als sank­tio­nie­ren­de Instanz erhält in die­ser libe­ra­len Vor­stel­lung die Spott­ge­stalt einer stren­gen Gou­ver­nan­te, die dem klei­nen Jun­gen auf die Fin­ger haut, wenn er über­grif­fig wird.

Es ist inter­es­sant, dass einer­seits oft die­ses Bild bemüht wird, wenn es dar­um geht, in gesell­schaft­li­chen Debat­ten „Frei­hei­ten“ zu ver­tei­di­gen: Femi­nis­tin­nen etwa, die im Rah­men der #metoo-Debat­te sexu­el­le Über­grif­fe sank­tio­nie­ren, wer­den als „vik­to­ria­nisch“ beschrie­ben (Sven­ja Flaß­pöh­ler), Trig­ger­war­nun­gen, die eben­falls als Ein­schrän­kung von Frei­hei­ten gedeu­tet wer­den, als „puri­ta­nisch“ (Robert Pfal­ler). Ein sich ein­mi­schen­der Staat wird in libe­ra­len Kon­tex­ten als „nan­ny sta­te“ bezeich­net, als Kin­der­mäd­chen­staat. Zugleich wird ande­rer­seits insis­tiert, es sei­en eben die vik­to­ria­nisch oder puri­ta­nisch prü­den Moralwächter(innen) selbst, die kind­lich-regres­si­ve Züge trü­gen. Bei Flaß­pöh­ler bei­spiels­wei­se gel­ten die besag­ten Femi­nis­tin­nen als „infan­til“, denn sie woll­ten Frau­en vor Über­grif­fen schüt­zen, als sei­en die­se Kin­der. Pfal­ler hat der „Erwach­se­nen­spra­che“ ein gan­zes Buch gewid­met, in dem als „erwach­sen“ gilt, dass man Befind­lich­kei­ten aus­hal­ten kön­ne und die­se nicht eigens the­ma­ti­sie­ren müs­se; Emp­find­sam­keit gilt im Umkehr­schluss als kind­lich.

Das heißt: Erwach­se­ne sind sou­ve­rän, sie sind in der Lage, Herr­schaft über ihre Gefüh­le und ihr Selbst aus­zu­üben. Kin­der dage­gen gehö­ren zur Welt des Leben­di­gen, sie spü­ren sich und sind mit ihrer Umwelt eng ver­bun­den. Dar­um gehö­ren sie zu dem, was beherrscht wer­den muss. Auf wel­che Sei­te man gehö­ren möch­te, so sug­ge­rie­ren die­se Argu­men­ta­tio­nen, müs­se man selbst ent­schei­den: herr­schen oder beherrscht wer­den; Sub­jekt oder Natur; Sou­ve­rä­ni­tät und Frei­heit von Emo­tio­nen – oder Skla­ve­rei, schutz­lo­ses Aus­ge­lie­fert­sein, Miss­brauch.

Die­ses Bild vom Kind hat das Bür­ger­tum selbst geschaf­fen und in ihm alles Ver­letz­li­che, Bedroh­li­che aus­ge­son­dert, das in Wahr­heit jedem Men­schen in sei­ner Ver­bun­den­heit mit sei­ner Umge­bung und sei­ner Geschich­te ange­hört. Wir alle sind ver­letz­lich, wir alle haben Gefüh­le, wir alle sind mit­ein­an­der ver­bun­den. Indem wir krampf­haft dar­an fest­hal­ten, sou­ve­rän sein zu wol­len, uns bestimm­te Din­ge her­aus­neh­men zu dür­fen, indem wir den Dis­tink­ti­ons­ge­winn unse­res bür­ger­li­chen Selbst am Maß unse­rer Macht über etwas mes­sen, womit wir eigent­lich nur unse­re eige­ne Hand­lungs­macht sym­bo­lisch zurück­kau­fen, machen wir uns gera­de unfrei.

Teil 2 folgt in Kür­ze.

Die­ser Text stammt aus der agora42 zum The­ma BEFREIUNG.

 


ownworld – Bausatz für ein nachhaltiges Leben auf kleinem Raum

Aus der Rubrik “Land in Sicht” in der wir Pro­jek­te vor­stel­len, die öko­no­mi­sches und gesell­schaft­li­ches Neu­land betre­ten.

 

 

Ownhome

Bausatz für ein nachhaltiges Leben auf kleinem Raum

Er ist wohl der Urva­ter der deut­schen Tiny Hou­se-Bewe­gung: In der Serie Löwen­zahn leb­te Peter Lus­tig über vie­le Jah­re in sei­nem blau­en Bau­wa­gen mit der selbst­ge­bau­ten Stuhl­trep­pe. Er zeig­te damit schon in den 1980er Jah­ren, dass ein nach­hal­ti­ger und res­sour­cen­scho­nen­der Lebens­stil gleich­zei­tig recht gemüt­lich sein kann. Ursprüng­lich kommt die Tiny Hou­se-Bewe­gung jedoch aus den USA und bezeich­net den Trend, in win­zi­gen Häu­sern von oft nicht mehr als 15m² zu leben. Aber auch in Deutsch­land gibt es immer mehr Men­schen, die ger­ne auf klei­nem Raum leben. Die Viel­falt reicht von Baum­häu­sern und mobi­len Zir­kus­wa­gen bis hin zu futu­ris­ti­schen Glas­ka­bi­nen. Die Grün­de lie­gen auf der Hand: Ein gerin­ger öko­lo­gi­scher Fuß­ab­druck sowie enor­me Kos­ten­er­spar­nis­se.

Schwie­rig wur­de es bis jetzt jedoch, wenn man ohne gro­ßes Know-How selbst ein Tiny Hou­se bau­en woll­te. So gibt es zwar rund ein Dut­zend Anbie­ter in Deutsch­land, aber die­se ver­kau­fen die Tiny Hou­ses meist als fer­ti­ges Pro­dukt. Ein klei­nes Unter­neh­men im süd­li­chen Baden-Würt­tem­berg möch­te Abhil­fe schaf­fen und hat einen Bau­satz für ein Tiny Hou­se ent­wi­ckelt, das sich voll­stän­dig unab­hän­gig von der öffent­li­chen Ener­gie- und Was­ser­ver­sor­gung betrei­ben lässt. Der Bau­satz besteht dabei aus num­me­rier­ten und exakt vor­ge­fer­tig­ten Holz­tei­len sowie Pho­to­vol­ta­ik­mo­du­len, einer Was­ser­auf­be­rei­tungs­an­la­ge und einer Tro­cken-Trenn-Toi­let­te und lässt sich laut des Unter­neh­mens von zwei Men­schen ohne beson­de­re hand­werk­li­che Vor­kennt­nis­se auf­bau­en. Mit 18m² ist das fer­ti­ge own­home dann nicht viel grö­ßer als ein Bau­wa­gen und kos­tet je nach tech­ni­scher Aus­stat­tung zwi­schen 25.000 Euro und 100.000 Euro.

Der Grün­der des Unter­neh­mens lebt selbst im ers­ten fer­tig­ge­stell­ten own­home. Über die Crowd­fun­ding-Platt­form start­next wird im Moment ver­sucht, Geld für ein zwei­tes Modell-own­home zu sam­meln, in dem Men­schen dann pro­be­wei­se woh­nen kön­nen. Auf lan­ge Sicht ist geplant, ein voll­um­fas­sen­des Kon­zept zu erstel­len, das auf der Basis von Open Source von allen inter­es­sier­ten Men­schen genutzt und wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den kann. Schon jetzt sind aber Besich­ti­gun­gen des own­home an jedem ers­ten Sams­tag im Monat mög­lich. Der Tüft­ler Peter Lus­tig wäre sicher­lich begeis­tert gewe­sen.

 

Mehr dazu unter: ownworld.org

 

Nach­ge­fragt bei Kle­mens Jakob, Geschäfts­füh­rer der own­world GbR

 

Wie ist die Idee ent­stan­den, neben dem eige­nen Haus gleich einen Bau­satz anzu­fer­ti­gen?

Das war ein­fach die Hoff­nung und die Zuver­sicht, dass es auch ande­re Men­schen gibt, die in Zukunft zukunfts­fä­hig leben möch­ten.

 

Wer in Deutsch­land ein Haus bau­en will, muss sich an etli­che gesetz­li­che Vor­ga­ben hal­ten. Wo gibt es mög­li­che Kon­flik­te mit dem own­home?

Da gibt es meh­re­re Din­ge zu beach­ten. Zunächst ein­mal gibt es bestimm­te Bebau­ungs­li­ni­en außer­halb derer man das own­home nicht hin­stel­len darf. Schwie­rig ist es auch, einen aut­ar­ken Was­ser­kreis­lauf zu eta­blie­ren, da in Deutschand Anschluss­pflicht an das Was­ser­netz besteht. Behör­den und neue Ide­en sind da etwa wie der Teu­fel und das Weih­was­ser. Natür­lich ist ein Abwas­ser­an­schluss auch gewollt, denn das kos­tet Geld. Strom hin­ge­gen ist unpro­ble­ma­tisch. Wenn ich kei­nen Anschluss will, dann ist das in Ord­nung, da küm­mert sich nie­mand drum.

 

Durch Regen­was­ser und eine Pho­to­vol­ta­ik­an­la­ge soll im own­home ein Leben unab­hän­gig von der öffent­li­chen Ver­sor­gung mit Ener­gie und Was­ser ermög­licht wer­den. Reicht das denn über­haupt?

Es ist sogar immer zu viel, das Regen­was­ser ist bei uns nur Zuga­be. Denn wir ver­wen­den das Was­ser im Kreis­lauf: es gibt eine Pflan­zen­klär­an­la­ge und das Trink­was­ser wird zusätz­lich durch eine Umkehr­os­mo­se-Anla­ge gefil­tert. Bis auf den Kaf­fee und Tee den wir trin­ken, wird alles in den Kreis­lauf zurück­ge­führt. Und der Rest wird mit Regen­was­ser auf­ge­füllt.

 

Das Haus misst 18m². Fühlt sich das nicht an wie ewi­ges Zel­ten?

Nein, was 100 Pro­zent aller Men­schen ein­heit­lich sagen, ist: „Wow, das fühlt sich viel grö­ßer an“. Die erleb­ten 18 m² haben nichts mit der Vor­stel­lung davon zu tun. Ein Teil der Decke ist sehr hoch und es gibt vie­le Fens­ter. Im Grun­de fühlt es sich an wie 32 m².

 

Sehen Sie sich als Teil der Tiny Hou­se Bewe­gung oder gibt es viel­leicht sogar ein Kon­kur­renz­ver­hält­nis zwi­schen den Anbie­tern?

Es gibt ganz und gar kein Kon­kur­renz­ver­hält­nis zu ande­ren Anbie­tern. Es geht dar­um, einen ande­ren Lebens­stil zu prak­ti­zie­ren. Und je mehr, des­to bes­ser!

 

Ordnung im Jahr 2051 – ein Gedankenspiel von Kai Jannek

31.03.2051

Liebes Tagebuch,

 

ein auf­re­gen­der Tag geht zu Ende. Ich habe heu­te viel über die all­täg­li­che Poli­zei­ar­beit erfah­ren. Es ist jetzt schon eine gan­ze Wei­le her, dass Yong sus­pen­diert wor­den ist und ich hat­te sei­ne Ter­mi­ne wahr­neh­men müs­sen. Dazu gehör­te das heu­ti­ge Tref­fen mit dem Chef der loka­len Poli­zei­agen­tur, um zu erfah­ren, wie sich die Robo­ter aus unse­rer Manu­fak­tur bis­lang im Ein­satz bewäh­ren. Aus­ge­rech­net auf dem Weg zur Poli­zei ging ich über eine rote Ampel. Ich war zu Fuß unter­wegs – die Behör­de ist ja nur zwei Blocks von mei­nem Apart­ment ent­fernt. Ich war so in Gedan­ken, dass ich weder die rote Ampel wahr­nahm noch die Warn­si­gna­le, die mei­ne Kon­takt­lin­sen mir in mein Sicht­feld ein­spiel­ten. Die Über­wa­chungs­ka­me­ras hiel­ten den Vor­gang natür­lich sofort fest. Als ich die ande­re Stra­ßen­sei­te erreich­te, sah ich mein Bild auf dem Dis­play am Ampel­mast. Dar­un­ter ver­riet ein kur­zer Schrift­zug mein aktu­el­les Ver­ge­hen; eben­so wie eini­ge wei­te­re klei­ne Ord­nungs­wid­rig­kei­ten, die ich mir in den letz­ten fünf Jah­ren hat­te zu Schul­den kom­men las­sen. Oh, wie pein­lich! Hin­zu kam der auto­ma­ti­sier­te Straf­zet­tel, der zeit­gleich ver­sen­det wor­den war, sowie die Tat­sa­che, dass sich mein Soci­al Score im sel­ben Augen­blick ver­mut­lich um zwei Punk­te ver­schlech­tert hat­te – mit ent­spre­chen­den Fol­gen für mein Kre­dit-Rating, mein Mie­ter-Rating und mein Employee-Rating.

Zum Glück sprach mich Mr. Kim, der Chef der Poli­zei­agen­tur, nicht auf den Vor­fall an. Er begrüß­te mich herz­lich und erkun­dig­te sich statt­des­sen nach dem Dota12-E-Sports-Event, das ich mir am Vor­tag ange­schaut hat­te. Sei­ne Soci­al-App hat­te ihm sicher meh­re­re per­sön­li­che Small-Talk-Gesprächs­ein­stie­ge vor­ge­schla­gen. Es ist immer inter­es­sant zu sehen, für wel­ches The­ma sich jemand ent­schei­det. „Wir haben immer mehr Gewalt im Spiel und immer weni­ger Gewalt auf der Stra­ße“, lei­te­te Mr. Kim zum eigent­li­chen Anlass des Tref­fens über. Wir schau­ten uns eini­ge Bal­ken­dia­gram­me auf einem holo­gra­fi­schen Dis­play an. Sie zeig­ten die jüngs­ten Erfol­ge in der Ver­bre­chens­prä­ven­ti­on und der Auf­klä­rungs­ar­beit sowie den Score, der das all­ge­mei­ne Sicher­heits­emp­fin­den und das Ver­trau­en in die Poli­zei­ar­beit ver­an­schau­licht. „Wir sind sehr zufrie­den mit den Ein­satz­kräf­ten aus ihrer Manu­fak­tur“, erklär­te Mr. Kim.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

In die­sem Moment leuch­te­ten eini­ge Signal­lam­pen auf. „Wol­len Sie einen Ein­satz live ver­fol­gen?“, frag­te mich Mr. Kim. Ohne mei­ne Ant­wort abzu­war­ten, schob er das vir­tu­el­le Fens­ter mit den Bal­ken­dia­gram­men zur Sei­te und öff­ne­te zwei neue Fens­ter mit Video­streams. Das eine Fens­ter zeig­te den Innen­raum eines Poli­zei­fahr­zeugs, in dem ein mensch­li­cher Poli­zist und ein Poli­zei­ro­bo­ter aus unse­rer Manu­fak­tur saßen. Der ande­re Stream zeig­te das Sicht­feld der bei­den Akteu­re, in die­sem Fall die vor­bei­rau­schen­de Stra­ße und die sich auf grün schal­ten­den Ampeln. „Der smar­te Boden­be­lag in einem der High-Rise Resi­den­ti­al Buil­dings an der 16. Stra­ße hat ein ver­däch­ti­ges Schritt­pro­fil detek­tiert“, erklär­te Mr. Kim. „Glück­li­cher­wei­se haben wir Ein­satz­kräf­te in der Nähe. Unser Pre­dic­tive-Poli­cing-Sys­tem hat­te uns eine erhöh­te Ein­bruchs­wahr­schein­lich­keit im ent­spre­chen­den Stadt­teil pro­gnos­ti­ziert.“ Das Fahr­zeug kam vor einem Hoch­haus zum Ste­hen und auf dem Dis­play öff­ne­te sich ein drit­tes Fens­ter. Es zeig­te den Video­stream einer Poli­zei­droh­ne, die sich offen­sicht­lich vom Fahr­zeug­dach gelöst hat­te und nun rasch an Höhe gewann, um das Umfeld des Hoch­hau­ses zu über­wa­chen. Die bei­den Poli­zei­kräf­te stürm­ten ins Gebäu­de. Auf unse­rem Dis­play öff­ne­ten sich wei­te­re Fens­ter, die die Streams ver­schie­de­ner Über­wa­chungs­ka­me­ras im Inne­ren des Hoch­hau­ses zeig­ten. Man erkann­te den Ver­däch­ti­gen zunächst nur im Pro­fil. Er trug eine Schirm­müt­ze und eine Jacke mit hohem Kra­gen. Wei­te­re Fens­ter popp­ten auf unse­rem Dis­play auf. Eines zeig­te den auto­ma­ti­schen Abgleich des eini­ger­ma­ßen erkenn­ba­ren Gesichts­aus­schnitts mit einer Per­so­nen­da­ten­bank. In ande­ren Fens­tern sahen wir, wie das Sys­tem anhand von Kame­ra­auf­zeich­nun­gen den Weg des Unbe­kann­ten zurück­ver­folg­te. In dem Augen­blick, als die Ein­satz­kräf­te mit gezück­ten Tasern vor dem Ver­däch­ti­gen stan­den, ver­mel­de­te das Sys­tem, das den Abgleich mit der Per­so­nen­da­ten­bank durch­führ­te, einen Tref­fer. Bei dem Ver­däch­ti­gen han­del­te es sich um Yong. Kaum zu glau­ben! Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 

 

Vor­he­ri­ge Gedan­ken­spie­le ver­passt? Hier geht es zu allen bis­her erschie­ne­nen Tage­buch­ein­trä­gen.

 


 

Die­ser Bei­trag ent­stammt der Aus­ga­be 2/2018 der agora42 ORDNUNG, die Sie noch bis zum 28.06.18 ver­sand­kos­ten­frei bestel­len kön­nen.