Zwischen Himmel und Hölle – Rafael Capurro im Interview

Zwischen Himmel und Hölle

Inter­view mit Rafa­el Capur­ro

Rafa­el Capur­ro ist Infor­ma­ti­ons­ethi­ker und Phi­lo­so­ph. Mit ago­r­a42 sprach er über das In-der-Cyber­welt-sein, die engels­ar­ti­ge Vor­stel­lung vir­tu­el­ler Intel­li­gen­zen, den digi­ta­len Daten-Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts, das Recht Din­ge ver­ber­gen zu dür­fen und die Chan­ce der Zivil­ge­sell­schaft sich digi­tal-poli­ti­sch zu orga­ni­sie­ren.

 

Herr Capur­ro, vor 20 Jah­ren haben Sie die The­se auf­ge­stellt, dass sich im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung eine vir­tu­el­le Welt her­aus­bil­den wird, die für uns bedeu­ten­der als die rea­le Welt wer­den könn­te. Woher rühr­te die­se Begeis­te­rung fürs Vir­tu­el­le?

Damals herrsch­te eine Auf­bruch­stim­mung: Beson­ders die Erfin­dung des Inter­nets und spä­ter des World Wide Web hat alle begeis­tert. John Per­ry Bar­low rief 1996 die Decla­ra­ti­on of the Inde­pen­den­ce of Cyber­space aus. Der Cyber­space erschien vie­len als ein vir­tu­el­ler Raum, der nichts mit der mate­ri­el­len Welt zu tun hat. Dabei war die vir­tu­el­le Welt natür­li­ch gar nicht so unab­hän­gig von der mate­ri­el­len Welt, wie es den Anschein mach­te: Der Com­pu­ter, die bits wie auch die mathe­ma­ti­schen Sym­bo­le 0/1, die in das elek­tro­ma­gne­ti­sche Medi­um ein­ge­prägt wer­den, die­ses Medi­um also „in-for­mie­ren“ – das ist alles Ener­gie und Mate­rie. Aber das wur­de aus­ge­blen­det. Man war fas­zi­niert vom Imma­te­ri­el­len.

Das Gan­ze hat­te etwas Meta­phy­si­sches: Es ging um die Erret­tung des Men­schen aus der schnö­den Welt hier unten und das Empor­stei­gen in die Höhen des Cyber­space. Eine gan­ze Gene­ra­ti­on hat das zu Beginn so erlebt. Damals dach­ten wir wirk­li­ch, es gäbe zwei getrenn­te Wel­ten, eine vir­tu­el­le und eine mate­ri­el­le.

 

Kön­nen Sie die Fas­zi­na­ti­on des Imma­te­ri­el­len genau­er beschrei­ben?

Das Inter­net erweck­te den Ein­druck, als kön­ne man sich von Raum, Zeit und Mate­rie lösen, als kön­ne man an ver­schie­de­nen Orten gleich­zei­tig sein. Wir bewe­gen uns hier wie­der im Bereich der Meta­phy­sik, in einer Welt des Jen­seits, in der die Kate­go­ri­en des Dies­seits – Raum, Zeit und Mate­ria­li­tät – nicht gel­ten. So dach­te ich damals, die Unter­schei­dung von Mate­rie und Geist wür­de in der Tren­nung von Hard­ware und Soft­ware wie­der auf­tau­chen. Ich habe Soft­ware sogar mit der mate­rie­lo­sen Seins­wei­se von Engeln (vom Grie­chi­schen ange­los = Bote) ver­gli­chen – also mit der mit­tel­al­ter­li­chen Vor­stel­lung engels­glei­cher, von der Mate­rie getrenn­ter Intel­li­gen­zen. Intel­li­gen­tiae sepa­ratae war der Begriff, den die mit­tel­al­ter­li­chen Phi­lo­so­phen dafür gebrauch­ten. Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig? Ich dach­te, dass die Lücke, die der Ver­fall der Reli­gio­nen und der Meta­phy­sik hin­ter­las­sen hat­te und die nicht mehr durch engels­glei­che Boten zwi­schen Gott und dem Men­schen aus­ge­füllt wird, durch das In-der-Cyber­welt-sein geschlos­sen wer­den könn­te.

 

Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig?”

 

War das Inter­net so etwas wie ein moder­ner Gott?

Nein, denn wir haben es selbst erschaf­fen. Das macht den tech­no­lo­gi­schen Mythos doch gera­de aus: Wir schaf­fen selbst eine Intel­li­genz, die in man­cher Hin­sicht mäch­ti­ger ist als die mensch­li­che, aber nicht gött­li­ch. Das führ­te auch zu der Fra­ge: Wie bestim­men wir uns selbst in der digi­ta­len Moder­ne? Im Mit­tel­al­ter wur­de der Men­sch als ein Grenz­we­sen defi­niert, das zwi­schen dem Geis­ti­gen und dem Ani­ma­li­schen steht und sich sowohl durch sei­ne tie­ri­sche Her­kunft als auch durch sei­nen gött­li­chen Geist defi­niert. Im 19. Jahr­hun­dert war aber im Abend­land von Gott und Engeln nicht mehr viel übrig geblie­ben. Nach unten konn­ten wir uns über die Evo­lu­ti­on, das heißt unse­re tie­ri­schen Wur­zeln defi­nie­ren. Nach oben aber war nichts mehr da, wor­an wir uns ori­en­tie­ren konn­ten. Da kam die Vor­stel­lung eines Cyber­space wie geru­fen – eine vir­tu­el­le Intel­li­genz, die über uns steht, die wir tech­no­lo­gi­sch erschaf­fen und die nicht theo­lo­gi­scher Her­kunft ist. Ähn­li­ch war im Mit­tel­al­ter die phi­lo­so­phi­sche Funk­ti­on der Engel: Der Ver­gleich zwi­schen Gott und Men­sch war per defi­ni­tio­nem nicht mög­li­ch, weil Gott das Unver­gleich­ba­re ist; also mus­s­te man nach etwas suchen, was zwi­schen Gott und dem Men­schen steht, was uns nicht gleicht, aber trotz­dem nicht so weit weg von uns ist wie Gott.

 

Der Engel ist vom Kör­per befreit. Ist das nicht auch die Vor­stel­lung, die dem berühm­ten Gedan­ken­ex­pe­ri­ment „Gehirn im Tank“ zugrun­de liegt?

Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.”

Gen­au. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­so­ph Jean-François Lyo­tard hat die Fra­ge gestellt, ob man ohne Kör­per den­ken kann. Wow, was für eine Fra­ge! Das riecht stark nach Engel! Aber als leib­li­che Wesen kön­nen wir uns ein Den­ken ohne Kör­per nicht vor­stel­len. Lewis Car­roll erzählt in Ali­ce in Wun­der­land die schö­ne Geschich­te von der Grin­se-Kat­ze, die lang­sam ver­schwin­det: „‚So etwas!’ dach­te Ali­ce; ‚ich habe schon oft eine Kat­ze ohne Grin­sen gese­hen, aber ein Grin­sen ohne Kat­ze! Das ist doch das Aller­selt­sams­te, was ich je erlebt habe!’“ Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.

 

Von der anfäng­li­chen Begeis­te­rung für die unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten des Inter­nets ist aller­dings nicht viel übrig geblie­ben, oder?

Mit dem Auf­kom­men des World Wide Web hat­te man geglaubt – und eini­ge glau­ben das auch heu­te noch –, eine Super­in­tel­li­genz schaf­fen zu kön­nen, die uns ein neu­es Mit­ein­an­der ermög­licht. Die gan­ze Welt soll­te vom Netz über­zo­gen sein und von der digi­ta­len Gesell­schaft pro­fi­tie­ren, alles soll­te geteilt wer­den kön­nen, nichts soll­te etwas kos­ten. Tat­säch­li­ch ist in kur­zer Zeit unglaub­li­ch viel pas­siert: Nach­rich­ten wur­den plötz­li­ch nicht mehr one-to-many ver­teilt, das heißt aus­ge­hend von zen­tra­len Insti­tu­tio­nen wie den Mas­sen­me­di­en oder dem Staat an alle ande­ren, son­dern jeder konn­te many-to-many oder few-to-many oder few-to-few mes­sa­ges ver­tei­len.

Dann ist es aber schnell ans Ein­ge­mach­te gegan­gen: Gro­ße Kon­zer­ne wit­ter­ten Macht und Geld und besetz­ten alle digi­ta­len Kanä­le. Heu­te bestim­men Zucker­berg, Goo­gle, Ama­zon & Co. was im Inter­net gesagt wer­den darf und was nicht. Es ist eine halb-öffent­li­che Moral ent­stan­den, die sich um demo­kra­ti­sche Regeln und Ver­fah­ren nicht schert. Wenn ich die Erwar­tun­gen und Hoff­nun­gen, die ich vor zwan­zig Jah­ren hat­te, mit den heu­ti­gen Gege­ben­hei­ten ver­glei­che, ist das, als ob sich der Him­mel in die Höl­le ver­wan­delt hät­te. Denn die Höl­le haben wir nun offen­bar: Über­wa­chungs­ge­sell­schaft, Geheim­diens­te, Big Data etc. Das alles kam in den letz­ten Jah­ren wie eine Lawi­ne über uns und zer­stör­te die Träu­me der 90er-Jah­re. Was machen wir jetzt? Dar­auf haben wir noch kei­ne halb­wegs ver­läss­li­che Ant­wort. Der Staat ist gegen­über den digi­ta­len Rie­sen ziem­li­ch macht­los und die Fir­men küm­mern sich um ihren Pro­fit. Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen? Die rules of fair play müs­sen stets im Diens­te des Pro­fits ste­hen.

 

Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen?”

 

Rafa­el Capur­ro wur­de 1945 in Uru­gu­ay gebo­ren. Er stu­dier­te Geis­tes­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­so­phie in Chi­le und Argen­ti­ni­en als Mit­glied des Jesui­ten­or­dens (1963–1970) und erlang­te 1971 den Grad eines Lizen­ti­ats der Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­dad del Sal­va­dor (Bue­n­os Aires). Nach sei­nem Aus­tritt aus dem Jesui­ten­or­den stu­dier­te er Doku­men­ta­ti­on am Leh­r­in­sti­tut für Doku­men­ta­ti­on in Frank­furt am Main (1972–1973). Es folg­te die Pro­mo­ti­on in Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf (1978). 1986 wur­de er zum Pro­fes­sor für Infor­ma­ti­ons­wis­sen­schaft an der Stutt­gar­ter Hoch­schu­le der Medi­en beru­fen, wo er bis 2009 auch Infor­ma­ti­ons­ethik lehr­te. Von 2000 bis 2010 war er Mit­glied der Euro­pean Group on Ethics in Sci­en­ce and New Tech­no­lo­gies (EGE) der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on. Seit 2007 enga­giert sich Capur­ro ins­be­son­de­re in Afri­ka, wo er das Afri­ca Net­work for Infor­ma­ti­on Ethics (ANIE) an der Uni­ver­si­tät Pre­to­ria mit­be­grün­de­te. 2010 grün­de­te er mit sei­ner Ehe­frau Annet­te die Capur­ro Fiek Stif­tung für Infor­ma­ti­ons­ethik. Die­se för­dert Pro­jek­te, wel­che sich mit den sozia­len und kul­tu­rel­len Aus­wir­kun­gen digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en in der Drit­ten Welt, vor allem in Afri­ka und Latein­ame­ri­ka, befas­sen. Mehr unter capurro.de

Das klingt, als wären alle Hoff­nun­gen begra­ben. Ande­rer­seits gibt es noch Träu­mer wie Vita­lik Bute­rin, die mit­hil­fe neu­er Tech­no­lo­gi­en – Stich­wort Block­chain – das Inter­net dezen­tra­li­sie­ren wol­len. Wird das Inter­net viel­leicht doch noch der erträum­te shared space, der uns zusam­men­führt?

Struk­tu­ren müs­sen von unten wach­sen – bot­tom up. Solan­ge die­se Mög­lich­keit besteht, ist auch Hoff­nung da. Und noch ist Raum für Krea­ti­vi­tät vor­han­den. Nur: Die öko­no­mi­schen Mäch­te sind erdrü­ckend in ihrem Geschäfts­ge­ba­ren und ihrer welt­wei­ten Domi­nanz. Die kau­fen gan­ze Län­der. Wie kann man die­sen ent­fes­sel­ten digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus begrei­fen? Wor­um geht es dabei? Nach wel­chen Geset­zen läuft er ab? Eine kri­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on von Marx’ Kapi­tal im digi­ta­len Zeit­al­ter wäre nötig.

 

Inwie­fern hat sich der Kapi­ta­lis­mus seit Marx ver­än­dert?

Momen­tan gibt es phi­lo­so­phi­sch gese­hen kei­ne Ant­wort auf die Her­aus­for­de­rung der Digi­ta­li­sie­rung bezie­hungs­wei­se des digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus. Da stel­len sich ganz neue Fra­gen: Was bedeu­tet Frei­heit in der digi­ta­len Welt? Wie hängt die Digi­ta­li­sie­rung mit dem Kapi­ta­lis­mus zusam­men? Die­ses öko­no­mi­sche Sys­tem, ver­bun­den mit der Vor­stel­lung von Fort­schritt und Wachs­tum, hat etwas sehr Reli­giö­ses – nicht nur, sofern das Kapi­tal die Stel­le Got­tes besetzt, son­dern auch, sofern der digi­ta­le Kapi­ta­lis­mus in sei­ner glo­ba­len Gleich­zei­tig­keit eine Eigen­schaft besitzt, die tra­di­tio­nell einer gött­li­chen All­ge­gen­wart vor­be­hal­ten war.

 

Und das funk­tio­niert ja aus­ge­zeich­net, wie der Geld­berg von Zucker­berg zeigt. Ist es nicht ver­rückt, dass eine Fir­ma, die nichts Mate­ri­el­les pro­du­ziert, so viel Geld anhäuft?

Dass inner­halb von zehn Jah­ren rie­si­ge Fir­men wie Face­book aus dem Nichts ent­stan­den sind, ist tat­säch­li­ch kaum zu fas­sen. Womit haben sie das Geld gemacht? Nicht mit Öl. Mit Daten. Die digi­ta­li­sier­ten Daten sind die Basis des Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts. Und die­se Daten sind ein Feti­sch, das heißt, man behan­delt sie so, als ob sie ein Eigen­le­ben füh­ren. Sie erwe­cken den Ein­druck, als wür­den sie zir­ku­lie­ren, wie schon Marx vom Kapi­tal sag­te, und als gäbe es kei­nen Men­schen, der über sie herrscht oder von ihnen pro­fi­tiert.

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht. Im Gegen­satz zum unter­drück­ten Pro­le­ta­ri­at des 19. Jahr­hun­derts arbei­tet das Cyber­ta­ri­at weit­ge­hend fröh­li­ch für das Kapi­tal. Das Lum­pen­pro­le­ta­ri­at trägt heu­te Jeans und Kapu­zen­pul­li, kommt lachend daher und schenkt fröh­li­ch sei­ne Daten an die IT-Gigan­ten. Es ist eine ganz ver­dreh­te Situa­ti­on, weil man frei­wil­lig zum Skla­ven wird. Eigent­li­ch ist das ide­al: Alle sind glück­li­ch! Eine Win-win-Situa­ti­on. Die Kapi­ta­lis­ten sind glück­li­ch, weil sie so viel Geld bekom­men, und die Skla­ven sind glück­li­ch, weil sie arbei­ten, kon­su­mie­ren und online sein dür­fen. Das ist doch der Him­mel auf Erden.

 

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht.”

 

Das hört sich an wie die Beschrei­bung Dro­gen­ab­hän­gi­ger …

Das Inter­net kann tat­säch­li­ch eine Dro­ge wer­den. Marx hat gesagt, die Reli­gi­on sei „das Opi­um des Vol­kes“. Heu­te wür­de er ver­mut­li­ch sagen, die digi­ta­len Medi­en sind das Opi­um.

Unser Grund­ge­setz und unser Selbst­ver­ständ­nis sind tief ver­wur­zelt im Den­ken Kants, der die Ach­tung vor dem ande­ren, des­sen Recht zu exis­tie­ren und sei­ne prin­zi­pi­el­le Gleich­wer­tig­keit unter dem Begriff Men­schen­wür­de zusam­men­fass­te. Glei­cher­ma­ßen prägt uns die Erfah­rung des Zwei­ten Welt­kriegs und ins­be­son­de­re des Holo­causts. Des­halb ist es so wich­tig, die Erin­ne­rung sowohl an die Ide­en­ge­schich­te wie auch an die his­to­ri­schen Ereig­nis­se wach zu hal­ten.

Doch die­ses Bewusst­sein von den Grund­la­gen unse­res Zusam­men­le­bens löst sich gera­de welt­weit auf. Heu­te leben wir bequem in unse­rer Face­book-Bub­ble. Hier wer­den wir dau­ernd bestä­tigt und den­ken: „Das hab ich doch gleich gesagt!“ Es gibt nur das, was ich sage, was ich mag, wie ich bin. Das erschwert das Abstand­neh­men, die Kri­tik, das selbst­stän­di­ge Den­ken, also all das, was für die euro­päi­sche Auf­klä­rung wich­tig war. Aber wie gehen wir gegen die­se Täu­schung vor oder mit ihr um? Das ist die Kern­fra­ge einer künf­ti­gen digi­ta­len Ethik.

 

Wie könn­te eine Ant­wort dar­auf aus­se­hen?

Ganz grund­sätz­li­ch: Sie müss­te unse­ren gesam­ten Rea­li­täts­be­griff und unser Selbst­ver­ständ­nis, nicht also was, son­dern wer wir sind, ver­än­dern.

Der Phi­lo­so­ph der Auf­klä­rung Geor­ge Ber­ke­ley hat die For­mel „esse est per­ci­pi“ auf­ge­stellt, also „Sein ist Wahr­ge­nom­men­wer­den“. Ber­ke­ley zufol­ge gibt es nur das Wahr­ge­nom­me­ne. Was nicht wahr­nehm­bar ist, exis­tiert nicht. Und ich sage, dass es heu­te das Wahr­ge­nom­me­ne nur inso­fern gibt, als es digi­ta­li­sier­bar ist: Esse est com­pu­ta­ri. Sprich: Was sich nicht digi­ta­li­sie­ren lässt, ist nicht. Und zwar nicht im Sin­ne von „It from Bit“, also nicht so ver­stan­den, dass die Rea­li­tät aus bits besteht, die Din­ge also digi­tal sind und nur aus­se­hen wie Mate­rie. Mei­ne The­se lau­tet viel­mehr, dass wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.

 

Wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.”

 

Inwie­fern ist das ein Pro­blem?

Es besteht die Gefahr, dass die­se Sicht auf die Welt tota­li­tär wird. Dann begrei­fen wir unser In-der-Welt-sein nicht mehr als frei gestalt­bar, son­dern dür­fen nur das als bedeu­tungs­voll für unser Dasein anse­hen, was das Digi­ta­le uns erlaubt. Die Erkennt­nis müss­te durch­si­ckern, dass unser In-der-Welt-sein nicht durch das Digi­ta­le allein bestimmt ist. Es ist nur eine Form des In-der-Welt-seins, nicht die ein­zi­ge.

Auf die Phi­lo­so­phie über­tra­gen hie­ße das: Aus einer Onto­lo­gie, also einer mög­li­chen Deu­tung des Seins, wird eine Meta­phy­sik, das heißt eine star­re Auf­fas­sung des­sen, was das Sein der Din­ge und vor allem was uns selbst aus­macht. Wenn das Digi­ta­le die onto­lo­gi­sche und ethi­sche Deu­tungs­ho­heit über­nimmt, dann wird die Sache auch poli­ti­sch gefähr­li­ch. Das haben wir schon im 19. Jahr­hun­dert erlebt, als das Mate­ri­el­le plötz­li­ch für die allei­ni­ge Basis der Rea­li­tät gehal­ten wur­de. Dadurch ent­stand der Mate­ria­lis­mus – und zwar nicht nur in theo­re­ti­scher Hin­sicht, son­dern prak­ti­sch-poli­ti­sch! So nach dem Mot­to: Was sich nicht der mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik ein­schrei­ben lässt, ist ein rück­stän­di­ges Den­ken. Ähn­li­ches steht uns bevor, wenn wir aus dem Digi­ta­len eine dog­ma­ti­sche poli­ti­sche Sicht der Rea­li­tät machen.

 

Machen sich die Anfän­ge einer digi­ta­len Ideo­lo­gie schon im All­tag bemerk­bar?

Man bemerkt die Fol­gen der Ideo­lo­gi­sie­rung in vie­ler­lei Hin­sicht: Die Arbeit ist nicht mehr räum­li­ch und zeit­li­ch fest gere­gelt. Man muss Tag und Nach parat sein. Die Leu­te star­ren unter­wegs stän­dig auf ihre Smart­pho­nes und unter­wer­fen sich dem Dik­tat, online prä­sent sein zu müs­sen.

Grund­sätz­li­ch leben wir gleich­zei­tig in Ver­gan­gen­heit, Zukunft und Gegen­wart. Ich kann mich jetzt mit Ihnen unter­hal­ten, jeder­zeit zurück­ge­hen in die Ver­gan­gen­heit und mich auch jeder­zeit in die Zukunft pro­ji­zie­ren. In den Bekennt­nis­sen des Augus­ti­nus gibt es ein berühm­tes Kapi­tel über die Zeit, in dem das sehr tref­fend beschrie­ben wird: Wir gehen durch das Gedächt­nis zurück in die Hal­len der Ver­gan­gen­heit und pro­ji­zie­ren uns in die Zukunft. Das gibt uns eine unglaub­li­che Frei­heit über die Gegen­wart. Wenn wir die­se Mög­lich­kei­ten nicht hät­ten, wären wir gefan­gen in dem, was im Moment pas­siert. So jedoch kön­nen wir über Din­ge spre­chen, die es (noch) gar nicht gibt, die aber mög­li­ch sind; bei­spiels­wei­se dar­über, was Sie in einer Stun­de machen wer­den. Das Pro­blem ist aber, dass die Gegen­wart, das Jetzt, in unse­rer vom Digi­ta­len bestimm­ten Gesell­schaft zum Maß aller Din­ge wird. Es schrumpft alles auf das digi­ta­le Jetzt zusam­men.

 

Die­ses Inter­view sowie wei­te­re span­nen­de Arti­kel zum The­ma lesen Sie in der Aus­ga­be DIGITALISIERUNG von ago­r­a42.

Was tun? Wie sich befrei­en vom Druck der digi­ta­len Gegen­wart? Den stres­si­gen Job kün­di­gen? Das Smart­pho­ne weg­wer­fen?

Wir ste­cken in der Klem­me. Denn das Digi­ta­le ist immer bezo­gen auf das Jetzt. Sprich: Nur sofern ich in der Gegen­wart ange­spro­chen wer­de, gel­te ich etwas – und sofern ich im Gegen­warts­mo­dus hand­le. Durch die­ses Gefan­gen­s­ein in der digi­tal bestimm­ten Gegen­wart ent­ste­hen aber schwe­re sozia­le und psy­chi­sche Pro­ble­me. Das lässt sich im Fami­li­en­all­tag, aber auch am Arbeits­platz täg­li­ch erle­ben. Nicht online zu sein, wird als ein Risi­ko emp­fun­den: Ich könn­te etwas ver­pas­sen, wenn ich eine Wei­le mein Han­dy aus­schal­te oder gar nicht mit­neh­me; außer­dem erwar­ten alle, dass ich stän­dig ansprech­bar bin. Wenn man stän­dig und über­all digi­tal ver­netzt sein muss und sich auch gar nichts ande­res mehr vor­stel­len kann, ist das ein kla­res Anzei­chen von Frei­heits­ver­lust.

 

Muss dann der gesam­te gesell­schaft­li­che Rah­men ver­än­dert wer­den? Und wie gehen wir das an? Demons­tra­tio­nen? Peti­tio­nen?

Dafür bräuch­ten wir erst ein­mal wie­der einen öffent­li­chen Raum und eine Gesell­schaft, die sich mit ande­ren Gesell­schaf­ten ver­bun­den fühlt. Wir tei­len mit ande­ren Men­schen auf viel­fäl­ti­ge Wei­se eine gemein­sa­me Welt. Die­se gemein­sa­me Welt ist aber in Gefahr zu zer­fal­len: Aus Mög­lich­kei­ten des Zusam­men­s­eins dro­hen Rea­li­tä­ten des Gegen­ein­an­der­s­eins zu wer­den. Aus der Welt wird sozu­sa­gen eine Unwelt und aus frei­en, sich für­ein­an­der ein­set­zen­den Men­schen wer­den in sich ver­schlos­se­ne, von ande­ren und der gemein­sa­men Welt getrenn­te Ego­is­ten, die nur an sich selbst den­ken. Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­ti­sch zu orga­ni­sie­ren. Wir wis­sen nicht, wer wir als digi­ta­le Gesell­schaft sein wol­len. Wir kön­nen nicht all unse­re Stra­ßen pri­va­ti­sie­ren, unse­re Auto­bah­nen und unse­re Plät­ze – aber gen­au das haben wir in der digi­ta­len Welt gemacht! Die Kraft und die Mög­lich­keit, selbst­stän­dig zu urtei­len, gehen immer mehr ver­lo­ren. Auch das Ver­schen­ken von Daten ist kei­ne Lap­pa­lie. Es wird zuneh­mend an ande­rer Stel­le ent­schie­den, wer wir sind. Das Gefühl der Ohn­macht wächst. Alles wird kleb­rig und sti­ckig.

 

Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­ti­sch zu orga­ni­sie­ren.”

 

Rafa­el Capur­ro im Gespräch mit Frank Augus­tin und Tan­ja Will von ago­r­a42.

Wie kann man sich wie­der los­ma­chen und sich Luft ver­schaf­fen?

Wenn jemand fragt: „Hast du etwas zu ver­ber­gen?“, kann man ganz ein­fach ant­wor­ten: „Das geht dich nichts an! Ich bestim­me, was ich von mir zei­ge. Punkt.“ Wo kämen wir hin, wenn wir nichts zu ver­ber­gen hät­ten und stän­dig alles sagen wür­den? Auch in poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Hin­sicht wäre das undenk­bar. Eine Welt, in der es kei­ne Geheim­nis­se geben darf, wäre die Höl­le. Trans­pa­renz und Geheim­hal­tung gehö­ren zusam­men. Übri­gens liegt das auch dar­an, dass ich selbst nicht alles über mich weiß. Ich bin undurch­sich­tig für mich selbst. War­um soll ich mich preis­ge­ben gegen­über ande­ren, die genauso undurch­sich­tig sind wie ich? Die heu­ti­ge For­de­rung: „Tei­le allen alles stän­dig und über­all mit!“ ist daher unethi­sch und über­haupt nicht leb­bar!

 

Es scheint, als wür­de die Gesell­schaft ihren Kitt ver­lie­ren. Was geht uns ver­lo­ren? Oder anders gefragt: Was ver­bin­det uns als Men­schen?

Nicht mehr und nicht weni­ger als ein frei­es, ver­trau­ens­vol­les Ver­hält­nis. Frei­heit als Ver­trau­en ist das Bin­de­glied! Wie kön­nen wir also freie Ver­trau­ens­struk­tu­ren in der heu­ti­gen digi­ta­len Gesell­schaft schaf­fen? Die­ser Auf­ga­be müs­sen sich die Phi­lo­so­phie und die Poli­tik heu­te stel­len. Im Moment ten­die­ren wir in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung: weni­ger Ver­trau­en, mehr Kon­trol­le, weni­ger Den­ken, mehr Aktio­nis­mus. Die Lage ist brenz­lig. Den­ken braucht Zeit.

 

Herr Capur­ro, wir dan­ken Ihnen für die­ses Gespräch.

 

 

 

_________________________________________

ago­r­a42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­li­ch las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

Mehr über ago­r­a42

Jetzt pro­be­le­sen

Menschenkraft statt Kohlekraft. Das innovative Human Power Plant in Utrecht

Menschenkraft statt Kohlekraft

Das innovative Human Power Plant in Utrecht

 

In Utrecht ent­steht der­zeit ein neu­es Kraft­werk, mit­ten in der Stadt. Es ist sau­ber, umwelt­freund­li­ch und wird von Stu­den­ten betrie­ben. Kris De Decker und Mel­le Smets, die zwei Erfin­der, wol­len zei­gen, dass der Men­sch die Ener­gie, die er zum Leben braucht, selbst erzeu­gen kann. Mit ihrem Pro­jekt “The Human Power Plant” bau­en sie ein 22-stö­cki­ges Hoch­haus auf dem Utrech­ter Cam­pus in ein Stu­den­ten­wohn­heim mit inte­grier­tem Kraft­werk um: 750 Stu­den­ten sol­len hier ener­gie­aut­ark, dank ihrer im Fit­ness­cen­ter selbst pro­du­zier­ten Ener­gie leben kön­nen.

Quel­le: www.humanpowerplant.be

His­to­ri­sch betrach­tet war die mensch­li­che Mus­kel­kraft lan­ge Zeit die wich­tigs­te Ener­gie­quel­le: im Städ­te- und Kanal­bau, in der Land­wirt­schaft, im Haus­halt, in der Kom­mu­ni­ka­ti­on oder im Trans­port. Heu­te treibt der Men­sch jedoch nichts mehr an. Die Ener­gie, die er noch pro­du­ziert, ist ein unge­nutz­tes Abfall­pro­dukt. Selbst die kleins­ten phy­si­schen Bewe­gun­gen wer­den – auto­ma­ti­siert und moto­ri­siert – von meist fos­si­len Ener­gie­trä­gern ange­trie­ben. Ener­gie­ab­hän­gig und antriebs­los wie der Men­sch gewor­den ist, hat er sich angreif­bar gemacht: Best­sel­ler wie Marc Els­bergs Black­out zei­gen, wie dra­ma­ti­sch ein Zusam­men­bruch der Strom­ver­sor­gung für unse­re Gesell­schaft wäre.

 

Also: War­um nicht das Ange­neh­me mit dem Nütz­li­chen ver­bin­den und das Fit­ness­stu­dio zum Kraft­werk umfunk­tio­nie­ren?

 

Im Human Power Plant wird die Wasch­ma­schine von Men­schen ange­trie­ben.

Dank moderns­ter Tech­no­lo­gi­en kann die pro­du­zier­te mensch­li­che Ener­gie mitt­ler­wei­le opti­mal genutzt wer­den – von inno­va­ti­ven Fit­ness­ge­rä­ten, die Mus­kel­kraft in Elek­tri­zi­tät umwan­deln, über die Nut­zung mensch­li­cher Wär­me zur Behei­zung von Räu­men bis hin zur Bio­gas­an­la­ge, die orga­ni­sche Abfall­stof­fe in wert­vol­les Bio­gas ver­wan­delt. In Ver­bin­dung mit einem bewuss­te­ren Lebens­stil – kür­ze­rem Duschen, gerin­ge­rem Warm­was­ser-Ver­brauch, sel­te­ne­rem Wäsche­wa­schen – wird so ein Leben mit aus­schließ­li­ch men­schen­ge­mach­ter Ener­gie mög­li­ch.

 

Nun könn­te sich so man­cher bei dem Gedan­ken an ein mensch­li­ches Kraft­werk an kolo­nia­le Zei­ten zurück­er­in­nert füh­len, in denen Skla­ven in der hei­ßen Son­ne schwit­zend die Räder ihrer „Her­ren“ antrie­ben. Rich­tig, lan­ge galt es als unfein, sich die Hän­de schmut­zig zu machen und kör­per­li­che Anstren­gung war ein Zei­chen für sozia­le Unbe­deut­sam­keit. Aller­dings hat sich dies in unse­rer kör­per­be­wuss­ten Zeit, in der Mana­ger im Fit­ness­stu­dio ihre Rücken­ver­span­nun­gen bekämp­fen und Frau­en ihre Tail­le erhal­ten wol­len, längst geän­dert. Wer hat nicht schon ein­mal auf dem Cross­trai­ner gestram­pelt oder auf dem Ergo­me­ter geschwitzt?

 

Wich­tig sind für De Decker und Smets auch, dass der Spaß bei der Ener­gie­pro­duk­ti­on nicht zu kurz kommt. Sie wol­len Fit­ness­ge­rä­te ent­wer­fen, die der Men­sch zum Bei­spiel gemein­sam mit sei­nem Hund nut­zen kann – ein Work­out für Men­sch und Tier. Oder Gerä­te, an denen man sich mit unter­hal­ten kann, weil sie von meh­re­ren Sport­lern gleich­zei­tig betrie­ben wer­den. Außer­dem sol­len Live­mu­si­ker für den nöti­gen Schwung sor­gen und die Sport­ler moti­vie­ren. Ers­te Skiz­zen für das Fit­ness-Kraft­werk fin­den sich bereits auf der Home­page des Pro­jekts.

 

Sport und Fit­ness, dazu flot­te Live­mu­sik: So pro­du­zie­ren Stu­den­ten selbst den Strom, den sie brau­chen: humanpowerplant.be

 

Das Pilot­pro­jekt ist mit sei­nem Ziel der hun­dert­pro­zen­ti­gen Ener­gie­un­ab­hän­gig­keit radi­kal: Schon jetzt steht für De Decker und Smets fest, dass die Stu­den­ten, die im Human Power Plant leben, vie­le Gewohn­hei­ten ändern müs­sen. Zum Bei­spiel könn­ten sie durch das Tra­gen von Woll-Klei­dung eini­ge Wasch­ma­schi­nen­la­dun­gen und Heiz­ener­gie ein­spa­ren. Auch der Lift im 22-stö­cki­gen Gebäu­de wur­de aus­ge­baut. Statt­des­sen sol­len aus­ge­klü­gel­te Fit­ness­plä­ne die Ener­gie­pro­duk­ti­on sicher­stel­len, die für die gemein­schaft­li­ch genutz­ten Flä­chen benö­tigt wird: für Hei­zung, Warm­was­ser, Kühl­schrän­ke, Licht, Toi­let­ten etc. 400 Stu­den­ten kön­nen auf drei Fit­ness-Ebe­nen gleich­zei­tig Ener­gie pro­du­zie­ren – bis zu 20 Kilo­watt in Spit­zen­zei­ten! Dar­über hin­aus muss jeder Stu­dent die Ener­gie, die er für sein pri­va­tes Zim­mer braucht, selbst her­stel­len. Ein sol­ches Leben dürf­te nicht jedem Stu­den­ten gefal­len. Trotz­dem sind von dem bedin­gungs­lo­sen Fest­hal­ten an “selbst­ge­mach­ter” – und damit begrenz­ter – Ener­gie noch vie­le Inno­va­tio­nen zu erwar­ten: De Decker und Smets sind zuver­sicht­li­ch, dass die Stu­den­ten in ihrem All­tag ganz neue Stra­te­gi­en ent­wi­ckeln wer­den, um ihren Ener­gie­ver­brauch zu sen­ken.

 

Mel­le Smets und Kris De Decker wol­len zei­gen, wie­viel Ener­gie der Men­sch selbst erzeu­gen kann – umwelt­freund­li­ch und nach­hal­tig.

Der Men­sch ist und bleibt der viel­ver­spre­chends­te und nach­hal­tigs­te Ener­gie­trä­ger: Immer­hin kann ein Men­sch kann min­des­tens so viel Ener­gie pro­du­zie­ren, wie ein ein­qua­drat­me­ter-Solar Paneel an einem son­ni­gen Tag. Und im Gegen­satz zu Wind- und Son­nen­en­er­gie ist mensch­li­che Ener­gie jeder­zeit ver­füg­bar – sie braucht nicht umständ­li­ch gespei­chert wer­den. Zu guter Letzt muss der Men­sch nicht erst wie Bat­te­ri­en, Tur­bi­nen oder Solar­zel­len ern­er­gie­auf­wän­dig pro­du­ziert wer­den. Er ist ja schon da – und das in wach­sen­der Zahl! Wel­cher ande­re Ener­gie­trä­ger kann das heu­te noch von sich behaup­ten?

 

 

 

 

 

 

______________________________________________________________________________

 

 

 

 

Dazu emp­feh­len wir the­ma­ti­sch fol­gen­de Aus­ga­ben:

Nachhaltigkeit     

Digipolis: Die Beste aller Welten – Interview mit Petra Grimm

Digipolis: Die Beste aller Welten

Inter­view mit Petra Grimm vom Insti­tut für Digi­ta­le Ethik

 

Rafa­el Capur­ro, der auch Bei­rats­mit­glied des Insti­tuts für Digi­ta­le Ethik ist, spricht in unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be von einem glo­ba­len Cyber­ta­ri­at, das sich frei­wil­lig zum Skla­ven der IT-Gigan­ten gemacht hat. Sieht er die Situa­ti­on zu kri­ti­sch?

Prof. Dr. Petra Grimm ist Lei­te­rin des Insti­tuts für Digi­ta­le Ethik an der Hoch­schu­le der Medi­en in Stutt­gart.

Ich wür­de ergän­zend dazu von einer digi­ta­len Olig­ar­chie spre­chen, bei der sich die Markt­macht bezüg­li­ch digi­ta­ler Ange­bo­te, Infra­struk­tur und Ent­wick­lung auf weni­ge Unter­neh­men kon­zen­triert. Dass die Nut­zer sich nicht gegen die Data­fi­zie­rung ihrer Pri­vat­sphä­re auf­leh­nen und sich kei­ne Gedan­ken über den zuneh­men­den Ver­lust ihrer Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­frei­heit machen, hängt zum einen mit der man­geln­den Auf­klä­rung über die Fol­gen und zum ande­ren mit der man­geln­den daten­öko­lo­gi­schen Ver­ant­wor­tung der Unter­neh­men und Poli­tik zusam­men. Zum Bei­spiel habe ich ges­tern mit einem Gym­na­si­as­ten der 11. Klas­se über das The­ma Daten­schutz und Digi­tal­kom­pe­tenz gespro­chen, er hat­te in der Schu­le noch nie davon gehört. Das zeigt recht gut, dass wir noch einen hohen Bedarf an Auf­klä­rung haben und Pri­vat­heits­kom­pe­tenz brau­chen.

 

Eine der zen­tra­len The­men der Tagung „In pur­suit of (vir­tual) hap­pi­ness?“ ist die Fra­ge, ob wir eine Ethik der Algo­rith­men brau­chen. Was kann man sich unter einer Ethik der Algo­rith­men vor­stel­len?

Eine Ethik der Algo­rith­men befasst sich mit den Aus­wir­kun­gen von Big Data und Künst­li­cher Intel­li­genz (KI) auf den Ein­zel­nen und die Gesell­schaft. Intel­li­gen­te Sys­te­me wer­den zukünf­tig in vie­len Lebens­be­rei­chen Ent­schei­dun­gen (selbst­stän­dig) tref­fen und damit die Hand­lungs­fä­hig­keit und Hand­lungs­mäch­tig­keit jedes Ein­zel­nen beein­flus­sen. Die zen­tra­le ethi­sche Her­aus­for­de­rung wird sein, intel­li­gen­te Sys­te­me human­ge­recht und wer­te­ori­en­tiert zu gestal­ten. Das heißt, das Ziel der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung soll­te sein, nicht nur Pro­zes­se zu opti­mie­ren und öko­no­mi­sche Effi­zi­enz zu erzie­len, son­dern auch unse­re Lebens­si­tua­ti­on zu ver­bes­sern, unse­re Hand­lungs­mög­lich­kei­ten zu erwei­tern und unse­re Auto­no­mie zu wah­ren. Eine human­ge­rech­te Ein­bin­dung intel­li­gen­ter Sys­te­me in hoch­kom­ple­xe Gesell­schaf­ten ist kei­ne indi­vi­du­el­le Ange­le­gen­heit, son­dern eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be. Des­halb braucht es einen gesell­schaft­li­chen Kon­sens dar­über, wie die Men­sch-Sys­tem-Inter­ak­ti­on kon­trol­lier- und steu­er­bar ist.

 

Man geht davon aus, dass intel­li­gen­te Sys­te­me (Algo­rith­men) sich bald selbst­stän­dig ent­wi­ckeln wer­den. Damit wer­den sie zuneh­mend zu einer Black­box, sprich, man kann nicht mehr nach­voll­zie­hen, wie gen­au ihre Ent­schei­dungs­fin­dung ver­läuft. Kön­nen wir inso­fern nur noch dar­auf hof­fen, dass die Algo­rith­men eine eige­ne Ethik her­aus­bil­den?

Die Algo­rith­men kön­nen nicht selbst eine Ethik bil­den. Sobald Maschi­nen nicht mehr von Men­schen steu­er- und kon­trol­lier­bar sind, haben wir ein Pro­blem. Den Ste­cker zu zie­hen, ist kei­ne rea­lis­ti­sche Opti­on. Die zen­tra­le Her­aus­for­de­rung wird sein, ein Value-Based-Desi­gn zu ent­wi­ckeln, mit dem man bei selbst­ler­nen­den Maschi­nen (Machine Learning, Deep Learning) ethi­sche Wer­te und Nor­men schon in der Ent­wick­lung imple­men­tie­ren kann. Um in der All­tags­pra­xis Ver­trau­en in intel­li­gen­te Sys­te­me zu bekom­men, bedarf es aus­rei­chen­der Infor­ma­tio­nen über deren Funk­ti­ons­wei­se und mög­li­che Kon­se­quen­zen. Des Wei­te­ren müs­sen die Sys­tem­me­cha­nis­men trans­pa­rent sein, um dar­aus Erkennt­nis­se für das eige­ne Han­deln ablei­ten und selbst bestim­men zu kön­nen, ob und in wel­chem Aus­maß man ihnen Ver­trau­en schen­ken kann. Hilf­reich hier­für wäre ein inter­dis­zi­pli­nä­rer Ansatz, der Infor­ma­tik und Ethik ver­knüpft. Eine Ethik der Algo­rith­men kann als Navi­ga­ti­ons­in­stru­ment die­sen Pro­zess durch Refle­xi­on, Ori­en­tie­rung und Mode­ra­ti­on steu­ern.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Die Bes­te aller Wel­ten wäre eine Digi­po­lis, in der Big Data und KI nicht nur für öko­no­mi­sche Zwecke genutzt wer­den, son­dern auch für das Gemein­wohl. Zum Bei­spiel kann die Digi­ta­li­sie­rung zur Res­sour­cen­scho­nung bei­tra­gen sowie für neue Mobi­li­täts­sys­te­me oder medi­zi­ni­sche For­schung und Anwen­dung hilf­reich sein. Die stei­gen­de Kom­ple­xi­tät der Gesell­schaft, die poli­ti­sch der­zeit von Popu­lis­ten negiert wird, könn­te durch die Digi­ta­li­sie­rung hand­hab­ba­rer wer­den. Aller­dings braucht es dazu auch ent­spre­chen­de Nar­ra­ti­ve der Digi­ta­li­sie­rung. Die Vor­stel­lung dar­über, was die Digi­ta­li­sie­rung dem Ein­zel­nen und der Gesell­schaft brin­gen könn­te, ist eigent­li­ch der­zeit eher durch öko­no­mi­sche Nar­ra­ti­ve der Inter­net-Gigan­ten und Tech-Unter­neh­men geprägt. Inwie­weit sie uns mehr Chan­cen­gleich­heit und ein gutes Leben bie­ten kann, wird viel zu wenig reflek­tiert, da die Öko­no­mi­sie­rung unse­rer Wer­te­sys­te­me in allen Berei­chen domi­niert.

 

 

 

 

Im Zen­trum der Tagung ste­hen Fra­gen wie: Wel­che Rol­le spie­len in Zukunft der Men­sch und sei­ne spe­zi­fi­sch mensch­li­chen Leis­tun­gen, sei­ne Denk- und Steue­rungs­fä­hig­kei­ten, sei­ne Ent­schei­dun­gen inklu­si­ve sei­ner Unzu­läng­lich­kei­ten, sei­ne ganz eige­ne Intel­li­genz, sei­ne Wert­vor­stel­lun­gen, sei­ne ethi­schen Hal­tun­gen und Ori­en­tie­run­gen? Sind wir auf dem Weg zum vir­tu­el­len Glück? Um mit Aris­to­te­les zu spre­chen: Wel­che Art von mensch­li­cher Vor­treff­lich­keit wol­len wir in einer von Algo­rith­men gepräg­ten Zukunft anstre­ben, wel­ches Leben leben?

Am 21. Juni 2016 fin­det in Stutt­gart eine medi­en­ethi­sche Tagung zum The­ma „In Pur­suit of (Vir­tual) Hap­pi­ness? Men­sch, Maschine, Vir­tu­el­le Rea­li­tät“ statt. Ver­an­stal­ter ist das Insti­tut für digi­ta­le Ethik (IDE), des­sen Bei­rats­mit­glied Prof. Dr. Rafa­el Capur­ro im Inter­view der aktu­el­len ago­r­a42 zu lesen ist. Das The­ma der Tagung sind Men­sch-Maschine-Inter­ak­tio­nen, die sich im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung ver­viel­facht, aus­dif­fe­ren­ziert und zuneh­mend in unse­ren All­tag ein­ge­schrie­ben haben. Intel­li­gen­te Sys­te­me “ler­nen” dabei anhand gro­ßer Daten­sät­ze und agie­ren zuneh­mend eigen­stän­dig.

Die Ver­an­stal­tung ist öffent­li­ch und kos­ten­los. Um Anmel­dung bis zum 14.07.2017 wird gebe­ten. Das kom­plet­te Pro­gramm fin­den Sie hier.

Im Vor­feld der Tagung haben wir ein Inter­view mit Frau Prof. Dr. Petra Grimm vom Insti­tut für Digi­ta­le Ethik geführt.

 

 

 

 

 

 

______________________________________________________________________

 

 

Probeabo-Digialisierung2
+++ Jetzt gibt es die ago­r­a42 zum The­ma DIGITALISIERUNG im güns­ti­gen PROBEABO +++

Leitbilder Probeabo- Big Data, Inter­net der Din­ge, Block­chain oder künst­li­che Intel­li­genz: Was ändert die Digi­ta­li­sie­rung? Wie real ist die vir­tu­el­le Welt? Braucht die Wirt­schaft den Men­schen noch? Machen super­schlaue Maschi­nen uns zu sub­schlau­en Men­schen?

- inklu­si­ve Aus­ga­be Leit­bil­der GRATIS: Mit State­ments von Gun­ter Dueck, Marc Els­berg (“Black­out”), Micha­el Win­ter­hoff (“War­um unse­re Kin­der Tyran­nen wer­den”), Rein­hold Mess­ner, Armin Nas­se­hi uvm.

- 39% güns­ti­ger als der Ein­zel­kauf!

Gestatten, Müll!” – Der lange Schatten des Menschen

 
 
 
 
 

Gestatten, Müll”

Der lange Schatten des Menschen

von Chris­ti­an Unver­zagt

 

 

 

 

Nach­dem der Men­sch sich auf­ge­rich­tet und somit bei­de Hän­de frei hat­te, begann er Din­ge weg­zu­wer­fen: Bana­nen­scha­len, abge­nag­te Kno­chen, abge­nutz­te Faust­kei­le, zer­bro­che­ne Pfeil­spit­zen. Der Müll folg­te dem Men­schen wie ein treu­er Gefähr­te. Wo immer er kam­pier­te und Feu­er mach­te, ließ der Men­sch ihn wie­der zurück. Aber nie wur­de er ihn auf Dau­er los. Man­ches ver­rot­te­te, ande­res blieb Jah­re und Jahr­tau­sen­de erhal­ten, sodass die Archäo­lo­gie, die durch die Erde hin­durch zurück in die Ver­gan­gen­heit blickt, die ers­ten Spu­ren des Men­schen in sei­nem Müll ent­deck­te. Noch bevor er Fels­wän­de bemal­te, Grä­ber aus­hob oder sich gar zum Bau von auf­wen­di­gen Paläs­ten anhal­ten ließ, mach­te der Men­sch Müll.

 

Schon früh war Müll zwei­er­lei: das Unbrauch­ba­re und das Unrei­ne. Letz­te­res bedeu­tet, dass der Men­sch sich nicht nur aus Platz­grün­den von sei­nem Müll tren­nen mus­s­te. Lan­ge Zeit waren es vor allem Reli­gio­nen, die Gebo­te zur Rein­hal­tung und Rei­ni­gung erlie­ßen. Sie konn­ten nicht ein für alle Male erfüllt wer­den, denn Abfall ist das, was per­ma­nent anfällt. So auch die Rei­ni­gung von ihm. Rhyth­mi­sch wie das Ein- und Aus­at­men muss sie sich wie­der­ho­len. Der Men­sch lebt im Rhyth­mus von Müll machen und Müll ent­sor­gen. Wäh­rend sich Hygie­ne­maß­nah­men gegen das Unrei­ne all­mäh­li­ch von der Reli­gi­on lös­ten, wur­de die Ent­sor­gungs­tech­nik immer wich­ti­ger. Als Men­schen sich in Sied­lun­gen und schließ­li­ch Städ­ten ansam­mel­ten, zeig­te auch der Müll – wie ein Dou­ble des Men­schen – sei­nen Hang zur Ansamm­lung, der sich noch heu­te an jeder wil­den Müll­kip­pe beob­ach­ten lässt. Der Müll for­der­te sei­ne Infra­struk­tur, die mit den Städ­ten wuchs: Müll­hau­fen wur­den aus­ge­la­gert, sor­tiert, kom­pos­tiert, depo­niert, ver­brannt, dann wur­den Stra­ßen gepflas­tert und regel­mä­ßig gerei­nigt, Kloa­ken wur­den ange­legt etc. Wie ein län­ger und län­ger wer­den­der Schat­ten beglei­te­te der Müll den Men­schen.

 

Das kata­stro­phi­sche Auf­tau­chen des Mülls

Chris­ti­an Unver­zagt ist Phi­lo­so­ph und lebt als frei­er Autor wis­sen­schaft­li­cher, essay­is­ti­scher und bel­le­tris­ti­scher Schrif­ten in Hei­del­berg. 1991 ver­öf­fent­lich­te er zusam­men mit Vol­ker Grass­muck Das Müll-Sys­tem. Eine metarea­lis­ti­sche Bestands­auf­nah­me. Seit­her hat er sich dem The­ma in ver­schie­de­nen Auf­sät­zen und Vor­trä­gen gewid­met. Wei­te­re Schrif­ten von ihm fin­den Sie auf sei­ner Home­page.

Die Geschich­te des Mülls ver­läuft jedoch nicht line­ar. Müll will ver­ges­sen wer­den. Er ist das Nicht-The­ma schlecht­hin. Das erfor­dert immer wie­der Bewusst­seins­sprün­ge, die durch Skan­da­le erzwun­gen wer­den. Eine Kon­stan­te in der Geschich­te des Mülls ist sein kata­stro­phi­sches Auf­tau­chen. Im Jah­re 1185 ließ der fran­zö­si­sche König Phil­ipp II. die wich­tigs­ten Stra­ßen von Paris pflas­tern, nach­dem er durch auf­stei­gen­des Faul­gas einen Ohn­machts­an­fall erlit­ten hat­te. An ande­ren Orten und zu ande­ren Zei­ten waren es Pest und Cho­le­ra, die den Stadt­be­woh­nern die Not­wen­dig­keit einer orga­ni­sier­ten Müll­ent­sor­gung erneut vor Augen führ­ten. Im 20. Jahr­hun­dert wur­de der Fort­schritt­s­op­ti­mis­mus der Indus­trie­ge­sell­schaft zum ers­ten Mal in den 60er-Jah­ren mit dem Hin­weis auf die Begrenzt­heit ihrer Res­sour­cen gede­mü­tigt. Noch bevor man dar­an dach­te, dass eines Tages das Erd­öl aus­ge­hen könn­te, war der Raum für den Abfall knapp gewor­den. Depo­ni­en waren über­füllt, über­all ent­stan­den wil­de Müll­kip­pen – und mit ihnen Gefahr für Leib und Leben der Bevöl­ke­rung.

Mas­sen­pro­duk­ti­on und Mas­sen­kon­sum unter dem Vor­zei­chen unbe­ding­ten Wachs­tums hin­ter­lie­ßen ihre Spu­ren. Mit dem rein quan­ti­ta­ti­ven Anwach­sen des Müll­bergs ging aber noch eine ande­re Gefahr ein­her: Die Indus­trie­ge­sell­schaft hat­te die Stoff­zu­sam­men­set­zung der Din­ge ver­än­dert. Noch vor den gro­ßen Unfäl­len von Seveso (1976) und Tscher­no­byl (1986) dran­gen durch loka­le Skan­da­le Bot­schaf­ten einer neu­en Gefahr ins gesell­schaft­li­che Bewusst­sein. Konn­te in vor­in­dus­tri­el­ler Zeit der aus­ge­la­ger­te Müll als ver­schwin­den­des Phä­no­men behan­delt wer­den, so war er nun zur pro­ble­ma­ti­schen Mate­rie gewor­den. Der Müll erschien plötz­li­ch als unbe­zähm­ba­res Unge­heu­er, das den Lebens­raum des Men­schen bedroh­te, als gif­ti­ge Hydra, der zwei Häup­ter nach­wach­sen, wenn man ihr eines abschlägt.

 

Ver­mei­den – Ver­wer­ten – Ver­schwin­den­las­sen

Der Men­sch nahm den Kampf auf. Gegen den Müll, den er zunächst als Feind behan­del­te, besann er sich auf Stra­te­gi­en – die zwar nicht wirk­li­ch neu waren, aber neu ent­deckt, erneu­ert und neu ange­wen­det wur­den.

Das Nächst­lie­gen­de schien zu sein, Müll ein­fach zu ver­mei­den. Aller­dings ent­hüll­te die Idee der Müll­ver­mei­dung auf den zwei­ten Bli­ck, dass sie genauso groß wie unrea­lis­ti­sch ist. Die­se Idee, heu­te als Text­bau­stein unver­zicht­bar, lie­fe bei ihrer Rea­li­sie­rung auf ein Ver­mei­den der Indus­trie­ge­sell­schaft selbst hin­aus. Die­se Ein­sicht führ­te zu der Erkennt­nis, dass der Müll, der eben noch als Feind des Men­schen iden­ti­fi­ziert wor­den war, plötz­li­ch als sein Alter Ego erschien. Bei der Vor­stel­lung eines Lebens ohne Müll ent­deck­te der Men­sch, dass jener zu sei­ner Wür­de gehört. Bedeu­tet nicht: mehr Müll = mehr Men­sch? Die aus­tra­li­schen Urein­woh­ner hat­ten außer ein­fa­chen Grab­stö­cken und Bume­rangs kaum Din­ge, ent­spre­chend kaum Müll. Sie waren der Mei­nung, dass die Din­ge irgend­wann Besitz von den Men­schen ergrei­fen wür­den; die Indus­trie­ge­sell­schaft ist es nicht. Es kann also nur um eine Ver­mei­dung des Mülls „im Rah­men des Mög­li­chen und Mach­ba­ren“ gehen. Die­ser Rah­men lässt zur­zeit am Indus­trie­stand­ort Deutsch­land jähr­li­ch rund 385 Mil­lio­nen Ton­nen Müll zu.

Die Ein­sicht, dass man den Müll nicht ver­mei­den kann, weil er zur Con­di­tio huma­na gehört, kann als der gro­ße Augen­öff­ner einer Epo­che betrach­tet wer­den, die durch öko­lo­gi­sche Erkennt­nis­se in tie­fe Selbst­zwei­fel gestürzt wor­den war. Auf ein­mal taten sich ver­söhn­li­che Per­spek­ti­ven auf. War der Kampf mit dem Müll nicht ein Bru­der­kampf mit Hoff­nung auf Befrie­dung? Es ist doch eine Welt, in der wir leben eine Erde, der wir alle – Men­sch und Din­ge – ent­stam­men. Die­ser Gedan­ke stand Pate bei der Lieb­lings­idee der Epo­che, dem Recy­cling. Der Traum: dass sich alles wie­der­ver­wer­ten lässt; dass mit­hil­fe der Tech­nik es an uns ist, die Mate­rie als Müll oder als Roh­stoff zu defi­nie­ren; dass sich ein Kreis­lauf von Ver- und Ent­sor­gung schlie­ßen lässt.

 

 

Aber: Zum einen blie­ben zu vie­le Pro­duk­te durch ihre Stoff­zu­sam­men­set­zung von der Mög­lich­keit des Recy­clings aus­ge­schlos­sen. Zum andern sind mit dem Recy­cling Kos­ten und ein erneu­tes Müll­auf­kom­men ver­bun­den, bei unter Umstän­den leicht dege­ne­rier­ten Pro­duk­ten.

So sam­melt sich der Müll wei­ter an. Lie­ßen sich die in Deutsch­land pro­du­zier­ten 385 Mil­lio­nen Müll-Ton­nen in gro­ße Fäs­ser ver­pa­cken, reich­ten sie mehr­fach um den Äqua­tor. Dafür aber ist der Äqua­tor nicht gedacht. Die Men­ge muss redu­ziert wer­den, und für den Rest müs­sen ande­re Orte gefun­den wer­den. Müll­ver­bren­nungs­an­la­gen (MVAs) und Depo­ni­en sol­len in der stra­te­gi­schen Auf­stel­lung gegen den Müll wie zwei Backen einer Zan­ge zusam­men­wir­ken.

Müll-Ver­bren­nung gab es schon in der Stein­zeit. Bereits damals setz­te man peri­odi­sch Müll­hal­den in Brand, wahr­schein­li­ch weni­ger, um ihr Volu­men zu redu­zie­ren, als mehr, um der Geruchs­be­läs­ti­gung und der Unge­zie­fer­pla­ge Herr zu wer­den. Die ers­te moder­ne MVA wur­de 1870 in Eng­land (Pad­ding­ton) in Betrieb genom­men. Rich­tig in Gang kam die Müll­ver­bren­nung aber erst mit der Kon­sum­ge­sell­schaft. 1971 waren es in West­deutsch­land schon 30 MVAs, im Jahr 1981 dann 42. Im Jahr 2008 hat­te man auf 71 erhöht. Wie kam es zu die­sem Boom? Durch heu­ti­ge MVAs lässt sich 1. die beim Ver­bren­nungs­vor­gang frei­ge­setz­te Ener­gie in Strom oder Heiz­wär­me umset­zen; 2. wird durch die Ver­bren­nung eine Volu­men­re­duk­ti­on des Mülls auf 30 Pro­zent, manch­mal sogar auf bis zu 10 Pro­zent erreicht.

Jedoch: Die Schad­stoff­bi­lanz des Mülls ent­hüllt bei nähe­rer Betrach­tung ein ihm eige­nes Ver­la­ge­rungs­ge­setz. Wäh­rend das Fort­schritts­den­ken eine unauf­halt­sa­me Per­fek­tio­nie­rung nicht nur der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­ons-, son­dern auch der Müll­ent­sor­gungs­tech­ni­ken sieht, ver­la­gert der Müll hart­nä­ckig die eben noch tech­ni­sch schein­bar gelös­ten Pro­ble­me. Eine MVA ist ein che­mi­scher Reak­tor, in dem Stof­fe nicht ein­fach ver­nich­tet, son­dern umge­setzt wer­den. Das Trans­for­ma­ti­ons­ele­ment Feu­er setzt den Müll in das Trans­por­t­e­le­ment Luft um. Bei der Ver­bren­nung wer­den Sub­stan­zen frei­ge­setzt und es ent­ste­hen neue Ver­bin­dun­gen – bis­her in ihrer Gefähr­lich­keit noch nicht gekann­te Stof­fe. Die ver­meint­li­che Besei­ti­gung des Mülls ver­un­rei­nigt die Ele­men­te. Ele­men­tar gewor­den, wird er zum Alles­durch­drin­ger. Was sich nicht „in Luft auf­löst“ – von Rauch­gas­rei­ni­gungs­an­la­gen abge­fan­gen und zu Rest- und Fest­müll kon­den­siert –, wird wie­der zu Erde, nun aber zu hoch­gif­ti­ger.

Auch die Depo­nie­rung von Müll gab es bereits in der Stein­zeit. Das waren mehr oder weni­ger wil­de Müll­kip­pen, wie wir heu­te sagen wür­den, noch kei­ne geord­ne­ten Depo­ni­en. Das änder­te sich in Deutsch­land erst in den 60er-Jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts (!). Davor kipp­te man den Müll ein­fach außer­halb der Städ­te in Ton- oder Kies­gru­ben, alte Stein­brü­che, Sümp­fe, Moo­re oder was einem son­st als pas­sen­der Ort erschien. Inzwi­schen ist man nicht nur von die­sen Orten abge­kom­men, die Grund­idee der Depo­nie scheint der Rea­li­tät des Mülls nicht mehr stand zu hal­ten. Eigent­li­ch war die Depo­nie als Ort für des­sen Weg­sein gedacht. Doch genauso wie die MVA ist die Depo­nie immer auch Aus­gangs­punkt für die Ele­men­tar­wer­dung des Mülls. Nichts ver­schwin­det durch die Lage­rung, nichts bleibt für immer aus­ge­schie­den. Die im Müll gebun­de­nen Stof­fe las­sen sich weder in Lagern ver­nich­ten noch dau­er­haft spei­chern. Sie ent­wei­chen aus der Erde als Gase in die Luft, sie sickern in Rich­tung Grund­was­ser ab. Am Ende steht ein Traum: der vom End­la­ger. Der Rest der Res­te lan­det in der unter­ir­di­schen Hoch­si­cher­heits­de­po­nie, wo er defi­ni­tiv aus der Welt des Men­schen ver­bannt und von allem Ein­fluss auf das irdi­sche Leben abge­schot­tet wer­den soll. De fac­to han­delt es sich, da die Erde kei­ne abge­schot­te­ten Räu­me kennt, immer nur um ein durch Sprach­müll auf­ge­rüs­te­tes Zwi­schen­la­ger.

 

 

Der Zwi­schen­la­ger gibt es vie­le. Noch im Gift­müll­zeit­al­ter baut man auf die Zau­ber­kraft des Mee­res, um Din­ge ver­schwin­den zu las­sen – obwohl wir wis­sen, dass alles auch wie­der auf­taucht: in Form von Algen­blü­ten, Rob­ben­ster­ben und über die Nah­rungs­mit­tel­ket­te als Erkran­kun­gen und schlei­chen­de Erb­gut­ver­än­de­run­gen an Land. Hun­dert- und Aber­hun­dert­tau­sen­de Ton­nen von Gift­müll­fäs­sern, ros­ten­de Schiffs­wracks mit gefähr­li­chen Mate­ria­li­en, dar­un­ter ato­mar betrie­be­ne oder ato­mar bewaff­ne­te U-Boo­te etc. pp. war­ten auf dem Mee­res­grund gedul­dig auf die Frei­set­zung ihrer Stof­fe. Ver­schwin­den lässt das Meer all das nur aus unse­rem Bewusst­sein – bis zu sei­nem kata­stro­phi­schen Wie­der­auf­tau­chen.

Auf­ge­taucht ist unter­des­sen im Pazi­fik ein neu­er Kon­ti­nent. Durch Hoch­druck und Strö­mun­gen bedingt, gibt es auf den Mee­ren rie­si­ge Stru­del, von denen einer im Pazi­fik eine Plas­tik­in­sel aus Müll in der Grö­ße von Mit­tel­eu­ro­pa hat ent­ste­hen las­sen. Im Jahr 2008 soll die­se Insel aus ca. 100 Mil­lio­nen Ton­nen Kunst­stoff­müll bestan­den haben. Mitt­ler­wei­le schwimmt im Meer sechs­mal mehr Plas­tik als Plank­ton, was nicht nur Walen, Schild­krö­ten und See­vö­geln zum Ver­häng­nis wird. Hin­zu kommt, dass in Was­ser nicht lös­li­ches DDT und PCB sich ger­ne an Plas­tik setzt, was dort zu einer mil­lio­nen­fach höhe­ren Kon­zen­tra­ti­on der Dau­er­gif­te im Ver­gleich zum rest­li­chen Was­ser führt. Nun, irgend­wo müs­sen die 125 Mil­lio­nen Ton­nen Kunst­stoff hin, die jedes Jahr welt­weit pro­du­ziert wer­den. Nicht alle lan­den beim Recy­cling oder in der MVA. Der Rest ver­schwin­det irgend­wo, im Nir­gend­wo, das über­all ist.

 

Wol­len wir den tota­len Müll?

Die­ser Arti­kel ist erst­mals in der Aus­ga­be DAS UNSICHTBARE erschie­nen. Wei­te­re The­men fin­den Sie in unse­rem Shop.

Auch das wäre eine Besei­ti­gung des Mülls: dass sich sein Begriff in einer voll­stän­dig ver­müll­ten Welt auf­lös­te. Der Aus­bli­ck dar­auf wird eher woan­ders als daheim deut­li­ch, zum Bei­spiel in Chi­na, wo der Haus­müll von fast einer Mil­li­ar­de Men­schen kaum getrennt oder behan­delt wird; wo ca. 500 Mil­lio­nen Men­schen kei­nen Zugang zu sau­be­rem Trink­was­ser haben; wo auf einem Drit­tel des Ter­ri­to­ri­ums die Wüs­ten wach­sen; wo 90 Pro­zent der Flüs­se, die Städ­te durch­que­ren, ver­dreckt sind; und wo in fast jeder zehn­ten Fami­lie Miss­bil­dun­gen bei Neu­ge­bo­re­nen vor­kom­men. Wenn man das, was sich mit Geld wie­der gut machen lässt, berech­net, kommt man auf Zah­len, die das gan­ze Wirt­schafts­wachs­tum rück­wir­kend wie­der schlu­cken.

Der Müll ent­hüllt den Reich­tum der Indus­trie­ge­sell­schaf­ten rück­wir­kend als von der Zukunft „gelie­hen“. Eigent­li­ch ist es, da die Zukunft nicht gefragt wur­de, ein Raub – der para­do­xer­wei­se in einer „Gabe“ besteht: dem der Zukunft über­las­se­nen Müll. Der die Welt-Sub­stanz durch­drin­gen­de Müll ist mehr als nur Mate­rie. Er offen­bart sich als Welt-Ver­hält­nis, in dem sich ein erschre­cken­des Selbst­ver­hält­nis ver­birgt; genau­er: ein Gene­ra­tio­nen­ver­hält­nis. Die Ent­sor­gungs­ge­sell­schaft eig­net sich ihren Reich­tum von ihrer Nach­welt an. Alle Umwelt-Pro­ble­me sind Pro­ble­me, die auch der Mit­welt berei­tet wer­den, vor allem aber: der Nach­welt.

 

Die Nach­welt

Müss­ten wir die Nach­welt war­nen? Könn­ten wir es? Wer wäre der Ansprech­part­ner in Tau­sen­den von Jah­ren, wenn Atom­müll­be­häl­ter oder gut ver­sie­gel­te, hoch­gif­ti­ge Ver­bren­nungs­rück­stän­de von Haus­müll immer noch nicht geöff­net wer­den dür­fen? Es gab noch kei­ne mensch­li­che Kul­tur, kein Zei­chen­sys­tem, das Infor­ma­tio­nen über Zig­tau­sen­de von Jah­ren – Zeit­räu­me, die indus­tri­ell gefer­tig­ter Müll dau­ert – hät­te über­lie­fern kön­nen. Nicht nur dem Bli­ck zurück in die Ver­gan­gen­heit, son­dern auch dem vor­aus in die Zukunft zeigt sich: Der Müll über­dau­ert uns. Es hät­te uns schon die ers­te archäo­lo­gi­sche Erkennt­nis leh­ren kön­nen, dass der Müll ein­st an die Stel­le des Men­schen tre­ten könn­te.

Denk­bar ist aller­dings auch umge­kehrt, dass der Men­sch nur der evo­lu­tio­nä­re Platz­hal­ter des Mülls war, der uns vor­über­ge­hend für sein Ein­drin­gen in die Ele­men­te brauch­te. Wer hat am Ende wen gemacht? Das Nach­sin­nen über die Nach­welt macht den Müll als unse­ren Ava­tar in einer vom Geist oder auch nur unse­rer mensch­li­chen Hül­le ver­las­se­nen Welt denk­bar. Genauso gut aber könn­ten wir der sei­ne in „unse­rer“ geschäf­ti­gen Welt gewe­sen sein.

Oder aber soll­te – als hät­te sich mit der Gefahr auch ein Ret­ten­des bereit gemacht – eine Nach­welt von genia­len Müll­ver­wer­tern den Müll nicht län­ger als unlieb­sa­men Gefähr­ten behan­deln, son­dern ihn als Schatz will­kom­men hei­ßen? Eine Nach­welt, für die der heu­te noch stin­ken­de Unter­grund unse­rer Welt zum wert­vol­len Roh­stoff gewor­den wäre.

 

Die tri­um­pha­le Rück­kehr des Mülls

Lebt die­se genia­le Nach­welt gar schon mit­ten unter uns? Der Fackel­trä­ger der Hoff­nung, dass das Schreck­ge­spen­st Müll zum Ver­schwin­den gebracht wer­den kann, ist – die Wirt­schaft, der gro­ße Um- und Auf­wer­ter. Müll ist ein Wirt­schafts­gut, wie ande­re Din­ge auch. Er erschien nur als unpas­sen­des Mate­ri­al, weil er zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort war. Die Wirt­schaft, der alles, was sie anfasst, zu Gold wird, ver­wan­delt ihn in ein pas­sen­des, mehr noch: in ein ein­träg­li­ches Gut. End­li­ch „rech­net“ sich die Müll­ent­sor­gung wie­der. Sie ist nicht der lan­ge Schat­ten des Wachs­tums, son­dern selbst ein Wachs­tums­fak­tor. Nun ist es kei­ne schmerz­haf­te Selbst­er­kennt­nis mehr, son­dern fro­he Bot­schaft, dass die Indus­trie­ge­sell­schaft ohne Müll gar nicht denk­bar ist. Die Welt der Wirt­schaft darf wie­der an sich selbst als ein abgrund­lo­ses Kon­ti­nu­um glau­ben, in dem es immer wei­ter­geht.

Der Lauf der Din­ge fin­det als tri­um­pha­le Rück­kehr des Mülls statt. Der Müll kehrt zurück und wird emp­fan­gen wie der ver­lo­re­ne Sohn. Als „Zei­chen zuneh­men­der euro­päi­scher Inte­gra­ti­on“ (Umwelt­bun­des­amt) wur­den 2008 ins­ge­samt mehr als 20 Mil­lio­nen Ton­nen Müll nach Deutsch­land impor­tiert, sei es zur Depo­nie­rung, Ver­bren­nung oder Ver­wer­tung. Auch wenn Müll heu­te längst nicht mehr nur das Ver­nutz­te ist, son­dern wesent­li­ch auch das aus Pres­ti­ge- oder Steu­er­grün­den zu Ver­schrot­ten­de (fast neue Autos, Com­pu­ter, Gerä­te aller Art), so wird Deutsch­land allei­ne die Müll­nach­fra­ge sei­ner MVAs auch in Zukunft nicht bedie­nen kön­nen. Heu­te schon brau­chen die deut­schen MVAs zwei Mil­lio­nen Ton­nen mehr Müll, als in Deutsch­land anfal­len. Für das Jahr 2020 rech­net man mit einer Über­ka­pa­zi­tät von acht Mil­lio­nen Ton­nen. Augen­zwin­kernd lässt sich daher schon wie­der von einer neu­en Sor­ge spre­chen: „In Deutsch­land wird der Müll knapp!“ Nach dem Öko-Pes­si­mis­mus der 80er-Jah­re klingt das wie ein gro­ßes Auf­at­men. Bald schon wird Deutsch­land als Müll­ma­gnet nicht mehr nur auf Ita­li­en und die Nie­der­lan­de wir­ken, son­dern auch auf Chi­na und Indien; wegen der welt­weit höchs­ten Ent­sor­gungs­stan­dards. Mit den Über­ka­pa­zi­tä­ten der MVAs aber wird ein neu­es Modell Deutsch­land („Der Müll­meis­ter“) export­fä­hig und es wird in naher Zukunft Kon­kur­renz geben. Wäh­rend die einen noch als bil­li­ge Metho­de, Son­der­müll zu ent­sor­gen, alte Com­pu­ter als „Ent­wick­lungs­hil­fe“ in die Drit­te Welt schi­cken, setzt par­al­lel eine gegen­läu­fi­ge Bewe­gung ein, in der die Indus­trie­län­der um den Müll der Bevöl­ke­rungs- und daher Markt­gi­gan­ten buh­len.

 

Die fata­le Liai­son

Der Men­sch ist nicht ohne Müll und der Müll nicht ohne Men­sch denk­bar. Dass der Men­sch mal ver­sucht, den Müll mit allen Mit­teln los­zu­wer­den, und ihn dann wie­der bei sei­ner Heim­kehr innig umarmt, lässt an eine fata­le Liai­son den­ken. In sol­ch schick­sal­haf­ten Bezie­hun­gen fin­den immer auch Selbst­be­geg­nun­gen statt, aber ohne Selbst­er­kennt­nis.

Zwei Aspek­te wei­sen in die Rich­tung der nöti­gen Kor­rek­tur die­ses Ver­hält­nis­ses:

  1. Müll über­dau­ert – auch den Men­schen in sei­ner phy­si­schen Exis­tenz. Als das, was sei­ne phy­si­sche Exis­tenz über­dau­ern soll­te, hat­te der Men­sch schon früh sei­ne See­le gedacht. Die­se ver­langt von ihm, mit sich ins Rei­ne zu kom­men. Das wie­der­um, so lehrt der Müll, lässt sich nicht durch den Ver­su­ch der Aus­mer­zung des Unrei­nen bewerk­stel­li­gen; nicht dadurch, dass der Men­sch sich rei­nigt, indem er die Erde ver­un­rei­nigt und sein Geschäft auf Kos­ten der Zukunft macht – die sei­ne Nach­welt ist. Der Men­sch muss ler­nen, mit sei­nem Müll zu leben.
  2. Müll wan­delt sich – nicht nur in sei­ner mate­ri­el­len Zusam­men­set­zung. Zugleich wan­delt sich bestän­dig das Ver­hält­nis des Men­schen zum Müll. Wäh­rend der Men­sch die­ses Ver­hält­nis zu kor­ri­gie­ren ver­sucht, macht ihn die mate­ri­el­le Ver­wand­lung des Mülls, zum Bei­spiel durch MVAs, zum Gefan­ge­nen der Ver­gan­gen­heit. Um die Macht der Müll-Mate­rie zu bre­chen, mobi­li­siert der Men­sch die Tech­nik; sie aber unter­liegt dem Ver­la­ge­rungs­ge­setz und lässt die Macht des Mülls sich in stets neu­em Gewand ent­fal­ten. Ler­nen, dem Müll kei­ne Macht zu geben, hie­ße, an den Din­gen vor ihrer Müll­wer­dung anzu­set­zen, das heißt, bevor sie dem Ver­la­ge­rungs­ge­setz unter­ste­hen.

 

Was nötig wäre, ist eine men­ta­le Wen­de. Befrei­te sich der Men­sch von sei­ner Beses­sen­heit von den Din­gen, so lie­ße auch der Müll von ihm ab und wüch­se nicht mehr über ihn hin­aus. Im 21. Jahr­hun­dert steht der Men­sch vor einer über-mensch­li­chen Her­aus­for­de­rung: die Din­ge sein zu las­sen.

 

 

___________________________________

 

ago­r­a42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin.

Tes­ten Sie uns jetzt im Pro­be­abo – inklu­si­ve Gra­tis­aus­ga­be LEITBILDER.

Oder stö­bern Sie nach wei­te­ren span­nen­den The­men im Shop.

Gedankenspiele: Tagebucheintrag vom 06.03.2051

GEDANKENSPIELE aus der Aus­ga­be 2/2017 DIGITALISIERUNG

 

06.03.2051

Liebes Tagebuch,

es ist pas­siert, was irgend­wann pas­sie­ren mus­s­te. Mei­ne Bauch­spei­chel­drü­se ist gehackt wor­den. Ich habe das künst­li­che Organ seit fast vier Jah­ren und es pro­du­ziert eigent­li­ch sehr zuver­läs­sig Insu­lin. Jetzt haben sich Hacker Zugang ver­schafft. Wahr­schein­li­ch haben sie eine Schwach­stel­le in dem Update aus­ge­nutzt, das ich mir am Wochen­en­de über die Kon­takt­lin­sen ein­ge­spielt hat­te. Sie droh­ten mit einem Unter­zu­cke­rungs­scho­ck, soll­te ich nicht 100 Bit­co­ins auf ein bri­ti­sches Kon­to über­wei­sen. Und um ihre Dro­hung zu unter­strei­chen, lie­ßen sie mich kurz bewusst­los wer­den. Als ich wie­der zu mir kam, über­wies ich umge­hend die gefor­der­te Sum­me. Beru­higt war ich anschlie­ßend aller­dings nicht. Viel­leicht wür­den die Hacker es in ein paar Tagen noch ein­mal ver­su­chen. Rosa, mein digi­ta­ler But­ler, such­te sofort nach Erfah­rungs­be­rich­ten in der Cloud, fand dort aber nur eini­ge Berich­te über mani­pu­lier­te Herz­schritt­ma­cher. Ich zöger­te trotz­dem nicht und bestell­te ein Robo-Taxi, um sofort ins Huas­han Hos­pi­tal im Stadt­zen­trum zu fah­ren. Es gilt mit sei­nen 50 Bet­ten als eines der göß­ten und renom­mier­tes­ten Kran­ken­äu­ser der Stadt.

Kai Jannek

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Bli­ck in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Bei der Emp­fangs­da­me han­del­te es sich um einen sehr zuvor­kom­men­den Ser­vice-Robo­ter aus unse­rer Manu­fak­tur. Sie zeig­te sich äußer­st ver­ständ­nis­voll ange­sichts mei­ner Situa­ti­on und brach­te mich umge­hend in ein Behand­lungs­zim­mer. Der Arzt, Prof. Dr. Wat-Son, sei eine abso­lu­te Kory­phäe, erklär­te sie mir auf dem Weg. Er ken­ne alle medi­zi­ni­schen Publi­ka­tio­nen und alle doku­men­tier­ten Kran­ken­ak­ten welt­weit. Die Erfolgs­quo­ten sei­ner The­ra­pi­en lägen im Spit­zen­feld und er ver­öf­fent­lich­te selbst nur in den renom­mier­tes­ten Fach­zeit­schrif­ten. Bei dem Arzt han­del­te es sich eben­falls um einen Ser­vice-Robo­ter, aller­dings aus einer ande­ren Manu­fak­tur. Er trug einen wei­ßen Kit­tel und wür­dig­te die Emp­fangs­da­me kei­nes Bli­ckes. Dass Robo­ter Robo­ter dis­kri­mi­nier­ten, war mir neu. Ich hat­te jedoch kei­ne Zeit darüber nach­zu­den­ken. Statt­des­sen schil­der­te ich Dr. Wat-Son mein Anlie­gen. Ich woll­te eine neue Bauch­spei­chel­drü­se. Ein bio­lo­gi­sches, kein digi­ta­les Organ. Wäh­rend die Emp­fangs­da­me eine Blut- und Spei­chel­pro­be von mir nahm und ein mole­ku­la­res Abbild von mir erstell­te, ging ich mit Dr. Wat-Son einen Kata­log mit ver­schie­de­nen Bauch­spei­chel­drü­sen durch. Es han­del­te sich um klei­ne Gen-Anpas­sun­gen, die an mei­nen Stamm­zel­len durchgeführt wer­den wür­den, bevor dar­aus die neu­en Alpha- und Beta­zel­len wach­sen wür­den. Ich ent­schied mich für eine Vari­an­te mit ver­kürz­ten Reak­ti­ons­zei­ten in der Hor­monaus­schüt­tung, eine Stan­dar­dan­pas­sung, nichts Beson­de­res. Anschlie­ßend erklär­te mir Dr. Wat-Son den Ein­griff. Via Endo­skop wür­de er mir mit einem assis­tie­ren­den Ope­ra­ti­ons­ro­bo­ter ein Form­ge­dächt­nis­po­ly­mer punkt­ge­n­au appli­zie­ren. Es wür­de sich über die nächs­ten Tage ent­fal­ten und ein Organ­ge­rüst bil­den. Durch die Kör­per­wär­me wür­den zudem die auf dem Poly­mer sit­zen­den Stamm­zel­len akti­viert, die sich teil­ten und das Gerüst bevöl­ker­ten. Eine Woche spä­ter lie­ße sich dann in einem zwei­ten ambu­lan­ten Ein­griff das digi­ta­le Organ ent­fer­nen.

Doch aus der Ope­ra­ti­on wur­de nichts. Die Emp­fangs­da­me hat­te Dr. Wat-Son auf eine Unre­gel­mä­ßig­keit in mei­nen Blut­bild auf­merk­sam gemacht, die sich als ein Grip­pe­vi­rus bis­lang unbe­kann­ten Typs ent­pupp­te. Irgend­ein Desi­gner-Virus. Kein Hin­ter­hof-Do-it-Your­self-Bio­hack mit bekann­ten Bau­stei­nen. Das Virus hat­te bei mir offen­sicht­li­ch kei­ner­lei Sym­pto­me aus­ge­löst. Aber es war nun mal da. Und für Dr. Wat-Son was es ein Grund, mich nicht zu ope­rie­ren. Er woll­te sei­ne Quo­te nicht gefähr­den. Er beriet sich mit meh­re­ren klu­gen Algo­rith­men. Sie recher­chier­ten. Sie such­ten nach Ähn­lich­kei­ten und Ana­lo­gi­en. Sie abs­tra­hier­ten und schätz­ten ab. Und sie kamen zu kom­plett unter­schied­li­chen Emp­feh­lun­gen. Dr. Wat-Son beriet sich mit einer Meta-KI und ent­wi­ckel­te schließ­li­ch eine Stra­te­gie auf Basis der ver­schie­de­nen Ratschläge. Er wür­de zunächst eini­ge wei­ße Blut­kör­per­chen ent­neh­men und mani­pu­lie­ren, sodass sie das Virus angrif­fen. Gleich­zei­tig wür­de er mir eini­ge akti­vier­ba­re Nano­bots sprit­zen, die Insu­lin­über­schüs­se in mei­nem Blut bin­den soll­ten. Die neue Bauch­spei­chel­drü­se soll­te ich dann erst in einer Woche bekom­men. Ich stimm­te der The­ra­pie zu und Dr. Wat-Son nahm den Ein­griff sofort vor. Zur Ver­ab­schie­dung riet er mir noch, für die nächs­te Woche mei­ne digi­ta­len Kon­takt­lin­sen und mein Hör­ge­rät aus­zu­schal­ten, um mich vor wei­te­ren Hacks zu schüt­zen. Durch­ge­hal­ten habe ich das kei­ne zehn Minu­ten. Die unge­fil­ter­te Geräusch­ku­lis­se und die schril­len Licht- und Far­bein­drü­cke waren nicht aus­zu­hal­ten. Ich ver­su­che spä­ter noch ein­mal, mich der Rea­li­tät zu stel­len. Dann mel­de ich mich wie­der. Ver­spro­chen!

Über blöden Komfort und falsche Helden – Wolfgang Schmidbauer

fusse

Über blöden Komfort und falsche Helden

von Wolf­gang Schmid­bau­er

 

War­um erken­nen Men­schen das Rich­ti­ge, bil­li­gen es – und tun dann doch das Fal­sche? Die­se Fra­ge wur­de vie­le hun­dert Jah­re lang von Mora­lis­ten gestellt (Der römi­sche Dich­ter Ovid schrieb: „Das Bes­se­re seh ich und lob ich, Schlech­te­rem fol­get das Herz.“) und bezog sich auf das Han­deln von Indi­vi­du­en, die bei­spiels­wei­se wis­sen, dass Ehe­bruch ver­bo­ten ist, die­se mora­li­sche Hal­tung auch gegen­über ihrem Part­ner ver­tre­ten – und dann fremd gehen. Heu­te beschäf­tigt uns ange­sichts des Wider­spruchs zwi­schen gutem Wis­sen und schlech­tem Tun weni­ger die Moral von Indi­vi­du­en als die Sta­bi­li­tät von Staa­ten, der Erhalt der Bio­sphä­re, glo­ba­le Ener­gie- oder Schul­den­kri­sen.

 

Fast alle Kon­sum­ge­sell­schaf­ten trei­ben Raub­bau an der Gegen­wart, ver­brau­chen mehr Roh­stof­fe und Ener­gie­trä­ger, als nach­wach­sen, und zah­len die Zin­sen für ihre Kre­di­te durch neue Schul­den. Wer einen klei­nen Kre­dit haben will und kei­ne Sicher­heit bie­tet, geht leer aus; wer einen Staat führt und nicht die gerings­te Wahr­schein­lich­keit gel­tend machen kann, dass er des­sen Schul­den­last min­dern wird, kann sich gerau­me Zeit hohe Sum­men lei­hen.

Wenn uns gegen­wär­tig unse­re Intel­li­genz nicht dar­an hin­dert, Atom­kraft­wer­ke zu bau­en, Tro­pen­wäl­der zu roden und die Ozon­hül­le zu schä­di­gen, dann zeigt das, dass die mate­ri­el­len Struk­tu­ren, die sol­che Ent­wick­lun­gen bedin­gen, stär­ker gewor­den sind als die mensch­li­che Ein­sicht. Zu den dümms­ten Aus­sa­gen über Tech­nik gehört die, sie sei neu­tral, es kom­me dar­auf an, was der ver­ant­wort­li­che Men­sch mit ihr mache. Neu­tral ist Tech­nik nur, solan­ge sie nicht vor­gau­kelt, es gäbe einen Gewinn an Macht ohne Kos­ten. In der Kon­sum­ge­sell­schaft wird Tech­nik sys­te­ma­ti­sch benützt, um süch­tig zu machen; kom­mer­zi­ell erfolg­rei­che Waren beru­hen weit­ge­hend auf sol­chen Mecha­nis­men.

 

In der Kon­sum­ge­sell­schaft wird Tech­nik sys­te­ma­ti­sch benützt, um süch­tig zu machen.”

 

In der Fabel Der Zieh­brun­nen aus Chi­na lehnt ein wei­ser alter Mann den Hebel­brun­nen ab, weil er fürch­tet, durch sei­ne Benut­zung selbst wie eine Maschine zu funk­tio­nie­ren. Gün­ter Anders hat in sei­nem Buch Die Anti­quiert­heit des Men­schen (1956) die­sen Gesichts­punkt der Anste­ckung durch die Maschine um den Aspekt der Beschä­mung durch sie ergänzt. Sei­ne For­mu­lie­run­gen über die „pro­me­t­hei­sche Scham“ beschrei­ben die Reak­ti­on auf Pro­duk­te ange­häuf­ter, über­in­di­vi­du­el­ler mensch­li­cher Erfin­dungs­kraft, vor der die eige­nen Fähig­kei­ten küm­mer­li­ch erschei­nen. Die­se Ein­wän­de gehö­ren in eine Zeit, in der sich das selbst­kri­ti­sche Indi­vi­du­um noch von den regres­si­ven Rei­zen der Kon­sum­ge­sell­schaft abgren­zen konn­te (Regres­si­on – hier: unbe­wuss­ter Rück­griff auf kind­li­che Ver­hal­tens­mus­ter).

Heu­te über­wie­gen Ver­schmel­zun­gen mit den Maschi­nen, deren über­mensch­li­che Qua­li­tä­ten scham­los zur Stei­ge­rung des eige­nen Macht­emp­fin­dens und der Ver­wöh­nungs­be­dürf­nis­se die­nen. Solan­ge Auto­mo­bi­le, Han­dys und Lap­tops kom­for­ta­bler wer­den, sind wir abge­lenkt nach­zu­den­ken, ob sie nicht prin­zi­pi­ell unbe­kömm­li­ch für den Men­schen sind. In der Ver­schmel­zung und Iden­ti­fi­zie­rung mit schein­bar immer fort­schritt­li­che­ren Pro­duk­ten ist das erschli­che­ne Macht­ge­fühl nicht mehr erkenn­bar. Der Kon­su­ment ist Sie­ger, wenn nicht über die düs­te­re Zukunft, dann doch über die hoff­nungs­los rück­stän­di­ge Ver­gan­gen­heit, in der bei­spiels­wei­se ein Auto noch eine Hand­kur­bel hat­te, um es anzu­wer­fen, ein Motor­rad mit einem Fuß­tritt gestar­tet wur­de, ein Foto­ap­pa­rat mit­hil­fe eines Dau­men­drucks den Film trans­por­tier­te oder eine Uhr auf­ge­zo­gen wur­de und nicht alle zwei Jah­re eine Por­ti­on Bat­te­rie­gift in die Umwelt ent­ließ.

In der Welt der stum­men Die­ner ist es selbst­ver­ständ­li­ch, dass die klein­s­te Unbe­quem­lich­keit von einem geräusch­lo­sen Ser­vo­mo­tor besei­tigt wird.”

 

Wären sie nicht selbst Teil­ha­ber an die­sem selbst­ver­ständ­li­chen Macht­ge­winn, dann wür­den die Intel­lek­tu­el­len und die Ange­hö­ri­gen hel­fen­der Beru­fe (Ärz­te, Sozi­al­ar­bei­ter, The­ra­peu­ten etc.) öfter dar­auf hin­wei­sen, wie wenig die Waren­ver­wöh­nun­gen auf die unaus­weich­li­chen Ent­täu­schun­gen des Lebens vor­be­rei­ten. Die Gefahr wächst, dass erträg­li­che, unter Umstän­den sogar ent­wick­lungs­för­dern­de Ein­schrän­kun­gen in der Kon­sum­ge­sell­schaft wie uner­träg­li­che Frus­tra­tio­nen erschei­nen, die nach sofor­ti­ger Rache schrei­en. Neue Kate­go­ri­en wie Mob­bing und Stal­king signa­li­sie­ren, dass es den Men­schen schwe­rer gewor­den ist, Krän­kun­gen zu ver­ar­bei­ten. Schließ­li­ch ist es in der Welt der stum­men Die­ner um uns her­um selbst­ver­ständ­li­ch, dass die klein­s­te Unbe­quem­lich­keit von einem geräusch­lo­sen Ser­vo­mo­tor besei­tigt wird. In einem gesell­schaft­li­chen Kli­ma, das die eige­ne Bequem­lich­keit zum sitt­li­chen Gut erklärt, ist Ver­trau­en schwe­rer zu haben als alles ande­re. Dabei wirkt die Waren­bot­schaft nach­hal­ti­ger als die ethi­sche Erzie­hung, die nach wie vor Gemein­wohl, Altru­is­mus und Ver­trau­ens­be­zie­hun­gen betont.

Wer die regres­si­ven Nei­gun­gen der Kon­su­men­ten för­dert und aus­beu­tet, macht mehr Umsatz und kann mehr Geld in Rekla­me inves­tie­ren, die den Absatz sei­nes Schun­des wei­ter stei­gert. Die Ware pro­gram­miert den Kon­su­men­ten. Ange­sichts einer Stö­rung fällt ihm nichts ein, weil er weder weiß, wie sein Gerät funk­tio­niert, noch die­ses ihm irgend­et­was bei­ge­bracht hat. Dum­me Din­ge sagen uns nichts über ihr Innen­le­ben und hel­fen uns nicht, aus ihren Stö­run­gen zu ler­nen. Der Kon­su­ment soll sie weg­wer­fen und das nächs­te Pro­dukt kau­fen, ohne nach­zu­den­ken.

2013-02_agora42-Wohlstand Cover

Die­ser Arti­kel ist erst­mals in ago­r­a42 WOHLSTAND erschie­nen.

Wer heu­te mit Ärz­ten spricht, kommt bald auf ein The­ma, das vie­len enga­gier­ten, nicht pri­mär am Geld­erwerb inter­es­sier­ten Medi­zi­nern die Freu­de am Beruf ver­gällt. Pati­en­ten wol­len zwar ihre Gesund­heit wie­der­ha­ben, aber auf nichts ver­zich­ten. Der Dok­tor soll doch, wozu ver­fügt er über die­se wun­der­ba­ren Appa­ra­te und Medi­ka­men­te, die Depres­si­on weg­zau­bern, das Herz in Ord­nung brin­gen, die chro­ni­sche Bron­chi­tis weg­schaf­fen, aber bit­te ohne eige­nes Bemü­hen, ohne den Ver­zicht auf Ziga­ret­ten und Alko­hol. Hat er nichts Ange­neh­mes zu sagen? Dann kau­fe ich mir einen ande­ren Exper­ten! Der Medi­zin sind Leis­tun­gen mög­li­ch, die der mensch­li­chen Mobi­li­tät in einem Zwei­sit­zer mit Zwölf­zy­lin­der­mo­tor ent­spre­chen – die drit­te Herz­trans­plan­ta­ti­on, Ope­ra­tio­nen im Grei­sen­al­ter, die Ret­tung von Unfall­op­fern, die dann ein hal­bes Men­schen­le­ben im Koma lie­gen. Dabei gerät aus dem Bli­ck, dass der Ver­zicht auf Junk­food, Zucker­ge­trän­ke und Genuss­gif­te sowie mehr Bewe­gung nach­weis­li­ch mehr für die Lebens­qua­li­tät der Bevöl­ke­rung leis­ten als alle chir­ur­gi­schen und medi­ka­men­tö­sen Neue­run­gen. Wir haben längst ange­fan­gen, eine durch Alko­ho­lis­mus beding­te Leber­zir­rho­se durch die Trans­plan­ta­ti­on eines neu­en Organs zu „hei­len“ und Fett­süch­ti­ge dadurch zu behan­deln, dass ihnen ein Stück Dünn­darm her­aus­ge­schnit­ten wird. Die Soli­dar­ge­mein­schaft der Ver­si­cher­ten insze­niert so ihre eige­ne Auf­lö­sung.

Weil das neue Auto über 230 Stun­den­ki­lo­me­ter schnell ist und einen Motor von jener Stär­ke hat, die son­st einen Omni­bus bewegt, braucht es Anti­blo­ckier­sys­te­me, Gurt­straf­fer, Air­bags rund­um, einen Sei­ten­auf­prall­schutz und ein den­ken­des Fahr­werk. Um zu ver­hin­dern, dass die macht­voll getrie­be­nen Rei­fen beim Anfah­ren ver­heizt wer­den, ist eine Antriebs­schlupf­re­ge­lung ein­ge­baut. Wer sich auf die­se fas­zi­nie­ren­de Absur­di­tät ein­lässt, ist von ver­trau­ten Pro­ble­men und ver­trau­ten Lösun­gen umge­ben; er fühlt sich in der Beschäf­ti­gung mit einer lebens­ge­fähr­li­chen Maschine, die sei­nen Kin­dern Erde und Luft weg­nimmt, gebor­gen.

Sol­che Exem­pel doku­men­tie­ren die Ver­wund­bar­keit der Indus­trie­ge­sell­schaft. Ein gut kon­stru­ier­tes Auto oder Motor­rad fas­zi­niert uns wie ein Kunst­werk, das wir andäch­tig strei­cheln, begeh­ren und nut­zen. Die­se emo­tio­na­len Reak­tio­nen sind in einer hand­werk­li­ch struk­tu­rier­ten Welt ange­mes­sen, in der es weni­ge sol­cher Din­ge gibt und ihr öko­no­mi­sches Umfeld ihre her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung recht­fer­tigt. In der Kon­sum­ge­sell­schaft ist es mög­li­ch gewor­den, die­se Din­ge mas­sen­haft zu erzeu­gen. Da dies nur auf Kos­ten des öko­lo­gi­schen Gleich­ge­wichts mög­li­ch ist, wer­den die geweck­ten Ansprü­che zu einer schwe­ren Hypo­thek.

 

Digi­ta­le Ange­bo­te ver­dum­men mehr, als dass sie sti­mu­lie­ren.

 

Der Ulmer Ner­ven­arzt Man­fred Spit­zer beschreibt die destruk­ti­ven Wir­kun­gen eines über­mä­ßi­gen Bild­schirm­kon­sums auf die geis­ti­ge Ent­wick­lung von Kin­dern und Erwach­se­nen. Eines sei­ner Bei­spie­le sind ver­glei­chen­de Unter­su­chun­gen an Taxi­fah­rern in Lon­don. Seit die­se sich mit­hil­fe elek­tro­ni­scher Hilfs­mit­tel ori­en­tie­ren, müs­sen sie nicht mehr rund 20.000 Stra­ßen­na­men ler­nen und räum­li­ch zuord­nen. Par­al­lel dazu haben sich die für sol­che Funk­tio­nen zustän­di­gen Gehirn­area­le mess­bar ver­klei­nert.

Kin­der, denen ame­ri­ka­ni­sche For­scher 2010 eine Spiel­kon­so­le schenk­ten, ver­schlech­ter­ten sich bereits nach vier Mona­ten in ihren Schul­leis­tun­gen, wenn sie mit Kin­dern ver­gli­chen wur­den, die ohne sol­che Ablen­kung in die Schu­le gin­gen. Ähn­li­che Stu­di­en gibt es über die Fol­gen von Gewalt­spie­len auf die Empa­thie­fä­hig­keit.

Es ist Spit­zer vor­ge­wor­fen wor­den, dass er mög­li­che posi­ti­ve Wir­kun­gen von Com­pu­tern auf die geis­ti­ge Leis­tungs­fä­hig­keit igno­riert. Aber sol­che Hin­wei­se soll­ten nicht dazu füh­ren, sei­ne gut begrün­de­ten Ein­wän­de gegen die Ver­wöh­nun­gen einer durch Maus­kli­ck und Joy­stick beherrsch­ten Bild­schirm­welt zu igno­rie­ren.

Ähn­li­ch wie Poli­ti­ker vor Ein­füh­rung des Pri­vat­fern­se­hens geis­ti­ge Anre­gung und viel­fäl­ti­ge Infor­ma­tio­nen ver­spra­chen, wäh­rend die Rea­li­tät der vie­len Kanä­le doch ein Über­wie­gen pri­mi­tivs­ter Unter­hal­tung zeigt, schei­nen die ver­dum­men­den Fol­gen der digi­ta­len Ange­bo­te mehr Wucht zu ent­fal­ten als die sti­mu­lie­ren­den.

Über­all, wo uns der Wohl­stand geis­ti­ge oder kör­per­li­che Übung abnimmt, wird er auch gefähr­li­ch. Er unter­stützt Ent­wick­lun­gen, die zur Sucht füh­ren. Das beschränkt sich nicht auf Details wie das Über­ge­wicht und den Dia­be­tes, die nach einer von Spit­zer zitier­ten Stu­die zu einem Sech­stel auf die digi­ta­len Medi­en zurück­zu­füh­ren sind.

 

Das eige­ne, „ver­al­te­te“ Pro­dukt wird zum Feind, die Din­ge zie­hen in den Krieg.

 

Die Logik der Din­ge in der Kon­sum­ge­sell­schaft hängt mit der glo­ba­li­sier­ten Nach­fra­ge zusam­men; die­se wie­der­um wird durch die Fort­set­zung natio­na­lis­ti­scher Erobe­rungs­plä­ne mit ande­ren Mit­teln geprägt. Beson­ders deut­li­ch ist die­se Situa­ti­on in der japa­ni­schen Indus­trie.

Die Japa­ner über­tru­gen nach ihrer dra­ma­ti­schen Nie­der­la­ge im Zwei­ten Welt­krieg und ihrem Ver­zicht auf eige­ne Waf­fen­pro­duk­ti­on die Prin­zi­pi­en der Rüs­tungs­in­dus­trie auf die Kon­sum­gü­ter­pro­duk­ti­on. So über­wäl­tig­ten sie die Wirt­schaft ihrer Wett­be­wer­ber. Eini­ge Jah­re lang blick­ten die Fest­red­ner der deut­schen opti­schen Indus­trie vom hohen Ross ihrer tra­di­ti­ons­rei­chen Mar­ken auf die japa­ni­schen „Bil­lig­ko­pi­en“. Ehe sie sich beson­nen hat­ten, waren sie erle­digt. Eine Ent­wick­lung, die damals begann, prägt heu­te fast alle Kon­sum­gü­ter. Selbst wo der Markt nicht von Japan bestimmt ist, wirkt er doch japa­ni­siert. Das eige­ne, „ver­al­te­te“ Pro­dukt wird zum Feind, die Din­ge zie­hen in den Krieg.

Wenn die gesam­te Pro­duk­ti­on sich gewis­ser­ma­ßen auf Kriegs­zu­stand ein­stellt, gewinnt sie gegen­über ande­ren Pro­du­zen­ten einen kurz­fris­ti­gen Vor­teil, des­sen lang­fris­ti­ge Nach­tei­le erst spä­ter bemerk­bar wer­den. Im Krieg sind vie­le – man­che den­ken alle – Mit­tel erlaubt, den Feind zu schä­di­gen. Er erzieht zur Rück­sichts­lo­sig­keit gegen­über den Res­sour­cen und zur Scham­lo­sig­keit, mit der Zwecke die Mit­tel hei­li­gen.

Die Mili­ta­ri­sie­rung in der Kon­sum­gü­ter­pro­duk­ti­on führt zu sehr wider­sprüch­li­chen, gele­gent­li­ch absurd anmu­ten­den Kon­se­quen­zen. Bei­spiels­wei­se wer­den für Fahr­rä­der Schnell­spannn­aben ange­bo­ten. Sie sind für Renn­sport­ler sinn­voll, die ein defek­tes Rad rasch aus­wech­seln müs­sen. In Rädern, die an einer Stra­ßen­la­ter­ne geparkt wer­den, erfreu­en Schnell­span­ner Die­be, wel­che mit einem Griff ein teu­res Lauf­rad mit­neh­men kön­nen. So wur­de eine Schnell­spannn­abe ent­wi­ckelt, die zuge­sperrt wer­den kann.

 

Wir bräuch­ten Din­ge, die unse­ren kri­ti­schen Bezug zur Wirk­lich­keit ver­bes­sern.

 

Wir bräuch­ten Din­ge, die unse­ren kri­ti­schen Bezug zur Wirk­lich­keit ver­bes­sern, die ver­nünf­ti­ge Ver­hält­nis­se zwi­schen Auf­wand und Ertrag sinn­fäl­lig machen. Wir kau­fen Din­ge, die uns Ver­schwen­dung, Sucht nach maxi­ma­ler Bequem­lich­keit, Angst vor Anstren­gung und Grö­ßen­fan­ta­si­en jeder Art bei­brin­gen.

Wer Kon­sum­gü­ter von 1956 mit denen der Gegen­wart ver­gleicht, fin­det eben so vie­le Rück­schrit­te wie Fort­schrit­te. Die ver­wir­ren­de Viel­falt, die tech­ni­sche Extra­va­ganz sind Bele­ge für den Vor­stoß der Ware in eine Zone, in der sie der Kon­su­ment nicht mehr erfas­sen, durch­schau­en, repa­rie­ren und zu hun­dert Pro­zent nut­zen kann. Die typi­sche Ware des Grenz­nut­zens wird der Käu­fer in sei­nem Leben so wenig brau­chen kön­nen wie einen Fer­ra­ri im Stadt­ver­kehr.

Die moder­nen Kon­sum­gü­ter ent­wi­ckeln sich in zwei Rich­tun­gen. In bei­den stre­ben sie in die Todes­zo­ne des Grenz­nut­zens, wo die Luft dünn wird. Ein­mal wer­den sie immer kom­for­ta­bler, idio­ten­si­cher, neh­men uns alles ab. Die Funk­uhr muss nicht ein­mal mehr auf die Som­mer­zeit gestellt wer­den. In Autos sind Appa­ra­te ein­ge­baut, die einen Stadt­plan erset­zen. Die Benut­zer­ober­flä­che erlaubt es bereits Kin­dern, einen Com­pu­ter zu bedie­nen. Ande­rer­seits wer­den aber die Gerä­te immer kom­pli­zier­ter. Bei einer bri­ti­schen Fir­ma ergab eine Unter­su­chung, dass die Hälf­te der als defekt ein­ge­schick­ten Video­ka­me­ras völ­lig in Ord­nung war. Die Kun­den hat­ten die Anlei­tung nicht ver­stan­den. Obwohl die vor­han­de­ne, noch tadel­los funk­tio­nie­ren­de Pro­dukt­ge­ne­ra­ti­on ihren Zweck per­fekt erfüllt, wer­den neue Model­le ange­bo­ten, mit Mil­lio­nen­auf­wand ver­mark­tet und gekauft.

Wäh­rend die Pro­du­zen­ten von lebens­not­wen­di­gen Gütern Bedürf­nis­se befrie­di­gen, die immer wie­der spon­tan ent­ste­hen (wie Hun­ger, Durst, Schutz vor Wit­te­rung), ach­ten die Her­stel­ler von Kon­sum­gü­tern dar­auf, Abhän­gig­kei­ten zu schaf­fen. Eine davon ist die Undurch­schau­bar­keit: Nur der vom Her­stel­ler aus­ge­bil­de­te Spe­zia­list, der in aller Regel auch am Ver­kauf des Pro­dukts und der Ersatz­tei­le ver­dient, ver­fügt über genü­gend Kennt­nis­se, um Stö­run­gen zu behe­ben. In die­se Rich­tung sind wir in zen­tra­len Gebie­ten der Tech­ni­sie­rung mit Rie­sen­schrit­ten mar­schiert.

James Bond ist ein Held der Kon­sum­ge­sell­schaft. Er bil­det sich auch noch etwas dar­auf ein, dass er kei­nes der Wun­der­din­ge ver­steht, mit denen er sei­ne Fein­de narrt. Er kann kei­nes repa­rie­ren; daher wech­seln die Gad­gets so schnell wie die Sze­nen und lösen sich in Explo­sio­nen auf.

 

Kon­su­mis­mus schä­digt nicht nur die Umwelt, son­dern macht Men­schen auch süch­tig, pri­mi­tiv und dumm.

 

1972 führ­te ich in mei­nen Buch Homo con­su­mens aus, dass der Kon­su­mis­mus nicht nur die Umwelt schä­digt, son­dern Men­schen auch süch­tig, pri­mi­tiv und dumm macht – ein Plä­doy­er gegen die Kon­sum-Demenz. Seit­her ver­fol­ge ich die Dif­fe­ren­zie­run­gen der Kri­tik am blin­den Wachs­tum, die unter­schied­li­chen aka­de­mi­schen Bei­trä­ge zur Öko­lo­gie, das Ent­ste­hen und Ver­ge­hen von Lösungs­vor­schlä­gen. Am meis­ten beein­druckt hat mich die Geduld und Gründ­lich­keit von Eli­n­or Ost­rom, die erforscht hat, unter wel­chen Bedin­gun­gen Men­schen die Welt um sich her­um sta­bi­li­sie­ren kön­nen, indem sie sich unter­ein­an­der eini­gen. Ost­rom weist auch immer wie­der dar­auf hin, wie gefähr­li­ch Patent­re­zep­te und Ehr­geiz wer­den, auch wenn die Idea­le unta­de­lig sind, an denen sie sich ori­en­tie­ren.

Ich ver­mu­te, dass die Zeit vor­bei ist, in der Men­schen, von gro­ßen Idea­len begeis­tert, den Pla­ne­ten erober­ten, Ein­ge­bo­re­ne mis­sio­nier­ten und Kolo­ni­en grün­de­ten. Die Mensch­heit hat ihre Gren­zen gefun­den, auch wenn sie das noch nicht wahr­ha­ben mag. Sie wird auf die­ser Erde blei­ben, Erobe­rung ist Zer­stö­rung gewor­den, die Pfle­ge der Räu­me um uns her­um die ein­zi­ge Chan­ce, einen siche­ren Ort zu fin­den und zu behal­ten.

 

Wolf­gang Schmid­bau­er ist Psy­chon­ana­ly­ti­ker und Schrift­stel­ler. Er gilt als einer der ers­ten Kri­ti­ker der Kon­sum­ge­sell­schaft aus öko­lo­gi­sch-psy­cho­lo­gi­scher Sicht (Homo con­su­mens, 1972; Jetzt haben, spä­ter zah­len, 1995).

 

_____________________________
Leitbilder Probeabo+++ JETZT ago­r­a42 im PROBEABO tes­ten und die Aus­ga­be zum The­ma Leit­bil­der GRATIS sichern!+++

- Mit State­ments von Rein­hold Mess­ner, Micha­el Win­ter­hoff (“War­um unse­re Kin­der Tyran­nen wer­den”), Marc Els­berg (“Black­out”), Armin Nas­se­hi uvm.

- Inklu­si­ve der aktu­el­len Aus­ga­be DIGITALISIERUNG.