Was macht das Leben einfacher ? Antworten 34–42

42 Dinge, die das Leben einfacher machen

Die Fort­set­zung unse­rer Lis­te der 42 Ant­wor­ten auf die Fra­ge, was das Leben ein­fa­cher macht (Teil 1, Teil 2 und Teil 3 fin­den Sie hier). Die kom­plet­te Lis­te fin­den Sie in der aktu­el­len Aus­ga­be EINFACH LEBEN auf den Sei­ten 40–49.

In die­sem letz­ten Teil der Lis­te wird es prak­tisch. So prä­sen­tie­ren wir ein Kon­zept, das – ein­mal reak­ti­viert – sämt­li­che Com­pli­an­ce-Kata­lo­ge über­flüs­sig machen wür­de. Und auch wenn wir nicht viel von Com­pli­an­ce hal­ten, so wider­spre­chen wir doch ent­schie­den den “any­thing-goes” der Post­mo­der­ne. Was wir brau­chen sind kla­re und ver­bind­li­che Gren­zen bzw. Ver­bo­te (ein paar Vor­schlä­ge haben wir parat) von Din­gen und Ver­hal­tens­wei­sen, die offen­sicht­lich schlecht für das All­ge­mein­wohl sind. Fer­ner bie­ten wir all jenen, die in Zei­ten des Nied­rig­zin­ses nicht wis­sen wohin mit ihrem Geld, die ulti­ma­ti­ve Lösung, befas­sen uns mit Woll­klei­dung, dem Öffent­lich­keits­prin­zip der Schwe­den und über­las­sen das letz­te Wort einem Zen-Meister.

Viel Freu­de bei der Lektüre!

34. Anstand.

Ganz ein­fach: Nicht alles, was expli­zit ver­bo­ten ist, ist des­halb erlaubt. Man­che Sachen tut man ein­fach nicht. Und wenn eine Gesell­schaft so weit ist, dass die­se eigent­lich selbst­ver­ständ­li­chen Regeln des Zusam­men­le­bens nicht mehr selbst­ver­ständ­lich sind, dann hel­fen auch noch so vie­le Geset­ze, Ver­ord­nun­gen oder Com­pli­an­ce-Maß­nah­men nicht wei­ter, die alles nur kom­pli­zier­ter, aber nicht bes­ser machen.

35. Mich mit anderen verbinden.

Das schafft Wohl­fühl-Momen­te für mich und macht mein Leben ein­fa­cher: stim­mi­ger, weil es zu gemein­sam getra­ge­nen Lösun­gen kommt, leich­ter, weil ich kei­nen Wider­stand leis­te, erfüll­ter, weil ich mich nicht allei­ne füh­le. Lei­der geht es in unse­rer Leis­tungs­ge­sell­schaft eher um Unter­schie­de als um Gemein­sam­kei­ten und eher um Abgren­zung als um Ver­bin­dung. Es lohnt sich, unse­ren Hand­lungs­spiel­raum zu erwei­tern und zu schau­en, was einem mit ‚sich mal ganz aktiv ver­bin­den’ begeg­nen kann. Mich hat es sehr ver­wun­dert, wie sehr ich mich mit den ande­ren Per­so­nen nach nur einem Tag des gemein­sa­men Medi­tie­rens – also nur sit­zen, nichts reden, kei­ne Bli­cke tau­schen – ver­bun­den gefühlt habe.“ Clau­dia Trä­ger, Bera­te­rin und Yogalehrerin

 

36. Grenzen ziehen (1)

Viel­leicht wäre es anstatt eines gene­rel­len Bau­ver­bots sinn­vol­ler, das Ver­bot zu ertei­len, über einen gewis­sen (Stadt-)Radius hin­aus zu bau­en. So wür­de man ver­hin­dern, dass die Land­schaft immer mehr zer­sie­delt wird. Gleich­zei­tig wür­de es wie­der attrak­ti­ver wer­den, bestehen­de Gebäu­de umzu­bau­en bezie­hungs­wei­se neu zu nut­zen. Als bei­spiels­wei­se Bar­ce­lo­na noch von einer Stadt­mau­er umge­ben war, wur­de das vor­han­de­ne Are­al extrem effek­tiv genutzt. Dies wie­der­um hat den Vor­teil, dass Men­schen ins Gespräch kom­men und mehr Syn­er­gi­en ent­ste­hen.“ Chris­toph Muth, Stadt­pla­ner, in agora42, 02/2013

 

37. Grenzen ziehen (2).

War­um nicht ein paar Ver­bo­te, wenn’s all­zu wild wird? Macht man doch sonst auch: Din­ge, die offen­sicht­lich schlecht sind, wer­den ein­fach ver­bo­ten. Das hat nichts mit der Beschnei­dung von bür­ger­li­chen Frei­hei­ten zu tun, son­dern die­se „Frei­hei­ten“ füh­ren dazu, dass für kom­men­de Gene­ra­tio­nen alles am Arsch ist. Bei­spiels­wei­se soll­te end­lich kon­se­quent gegen die CO2-Schleu­dern schlecht­hin vor­ge­gan­gen wer­den. Sprich: Nicht mehr als einen Pri­vat­flug pro Jahr soll­te erlaubt sein. Und bei die­ser Gele­gen­heit: Waf­fen­ex­por­te und Kreuz­fahr­ten gehen prin­zi­pi­ell auch nicht.

 

38. Opulente Verschwendung.

Macht Geld das Leben ein­fach? Nicht unbe­dingt. Bir­ger Prid­dat for­mu­liert die Fra­ge anders: Wozu reich sein? Dabei unter­schei­det er zwi­schen armem und rei­chem Reich­tum. Armer Reich­tum, gleich­sam die klein­bür­ger­li­che Vari­an­te des Reich­tums, macht das Leben nicht ein­fa­cher. Die­ser „Reich­tum“ besteht dar­in, bloß in Luxus zu schwel­gen. Rei­cher Reich­tum hin­ge­gen bedeu­tet bei­spiels­wei­se, gro­ße Ereig­nis­se, Bau­wer­ke, Muse­en, Kunst, avant­gar­dis­ti­sche Tech­no­lo­gi­en etc. üppig zu finan­zie­ren. Dadurch wird nicht nur die Gesell­schaft reich am kul­tu­rel­len Luxus, son­dern der Reich­tum macht auch das Leben des Rei­chen sinn­vol­ler, weil er über sein eige­nes Leben hin­aus­weist. Bir­ger Prid­dat, Öko­nom und Phi­lo­soph, in agora42, 02/2013

 

39. Wollkleidung.

Weni­ger waschen, weni­ger hei­zen, tem­pe­ra­tur­aus­glei­chend, wärmt auch in nas­sem Zustand.

 

40. Einheitliche Steuern in der EU.

Zumin­dest Deutsch­land und Frank­reich haben inzwi­schen erkannt, dass ein­heit­li­che Steu­ern in einem ein­heit­li­chen Wäh­rungs- und Wirt­schafts­raum sinn­voll sind. Und wenn man schon dabei ist, die Unter­neh­mens­steu­ern zu ver­ein­heit­li­chen, dann könn­te man auch die Sozi­al­ab­ga­ben und Arbeit­neh­mer­rech­te har­mo­ni­sie­ren, sodass die Unter­neh­men die ein­zel­nen Staa­ten und die Arbeit­neh­mer der ein­zel­nen Län­der nicht mehr gegen­ein­an­der aus­spie­len können.

 

41. Öffentlichkeitsprinzip.

Ein ein­fa­ches Prin­zip, das „Offent­li­ghe­ts­princi­pen“ (Öffent­lich­keits­prin­zip), gibt den Schwe­den das Recht, in alle Akten und Doku­men­te, die in Behör­den und Ämtern lagern, Ein­sicht zu neh­men. Dabei ist es den Behör­den unter­sagt, Nach­for­schun­gen über den anfra­gen­den Bür­ger anzu­stel­len oder nach Grün­den für die Ein­sicht­nah­me zu fra­gen. Die­ses Recht wird von vie­len Schwe­den als unab­ding­bar für eine Demo­kra­tie angesehen.

 

42. Die Wirklichkeit als Vorstellung begreifen.

Am ein­fachs­ten wird das Leben, wenn man auf­hört dar­an zu glau­ben, dass es kom­pli­ziert ist. Ist das zu ein­fach gedacht? Nein, es bedarf einer lan­gen Übung bis man bemerkt, dass das Den­ken an der Ent­ste­hung von dem, was wir Wirk­lich­keit nen­nen, ent­schei­dend betei­ligt ist. Und was ist der Mit­tel­punkt der Wirk­lich­keit? Ant­wort: unser Ich. Unser Ich ist näm­lich das unmit­tel­bars­te Ergeb­nis des Den­kens, wenn die­ses schein­bar nur damit beschäf­tigt ist, die ver­meint­lich objek­ti­ve Wirk­lich­keit wie­der­zu­ge­ben. Also noch­mals: Was macht das Leben ein­fach? Ein trai­nier­tes Bewusst­sein, das in der Lage ist zu erken­nen, dass die Wirk­lich­keit und wir mit ihr, eine wun­der­bar kom­pli­zier­te Schöp­fung des men­ta­len Bewusst­seins ist. Und wenn die­ses Bewusst­sein mal zur Ruhe kommt, was dann? Dann erscheint die Wirk­lich­keit als das, was sie auch immer schon ist: Das eine, unmit­tel­ba­re, ein­fa­che und stil­le Sosein, von dem das Den­ken mit den Fuß­no­ten eige­ner Krea­tio­nen unent­wegt ablenkt. Alex­an­der Por­aj, Zen-Meister

 

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Was macht das Leben einfacher ? Antworten 25–33

42 Dinge, die das Leben einfacher machen

Die Fort­set­zung unse­rer Lis­te der 42 Ant­wor­ten auf die Fra­ge, was das Leben ein­fa­cher macht (Teil 1 und Teil 2 fin­den Sie hier). Die kom­plet­te Lis­te fin­den Sie in der aktu­el­len Aus­ga­be EINFACH LEBEN auf den Sei­ten 40–49.

Hier die Ant­wor­ten 25 — 33 in denen es unter ande­ren dar­um geht, die Wirt­schaft neu zu den­ken, die Kran­ken­ver­si­che­rung neu zu gestal­ten, mehr selbst in die Hand zu neh­men und auch mal einen Toten anzusehen.

So viel­fäl­tig die The­men sind, so unter­schied­lich sind wie­der die zitier­ten Per­so­nen. Neben his­to­ri­schen Grö­ßen wie Dio­ge­nes und Alex­an­der den Gro­ßen kom­men ein Leh­rer, ein Musi­ker, eine Bestat­te­rin und der slo­we­ni­sche Phi­lo­soph Sla­voj Zizek zu Wort.

25. Wirtschaft neu denken.

„Das alte Fun­da­ment der Öko­no­mik brö­ckelt. Ihr neu­es Fun­da­ment soll­te sich des­halb, auch aus kri­tisch-ratio­na­lis­ti­scher Sicht, am Leit­bild des Plu­ra­lis­mus ori­en­tie­ren: an einer Viel­zahl von Theo­ri­en und Metho­den – auch über die Volks­wirt­schafts­leh­re hin­aus –, die gleich­be­rech­tigt in den Erkennt­nis­pro­zess mit­ein­be­zo­gen wer­den. Grund­sätz­li­che Fra­gen von Ethik, Gerech­tig­keit und Wahr­heit wür­den wie­der in der Öko­no­mik dis­ku­tiert wer­den. Außer­dem wür­de das Stu­di­um ver­schie­de­ner Theo­rie­schu­len und der Geschich­te des öko­no­mi­schen Den­kens auch das Augen­merk auf die sozio­kul­tu­rel­le und his­to­ri­sche Kon­tex­tua­li­sie­rung der Wirtschaft(-swissenschaft) rich­ten – und mit­hin auf ihre sozia­le Bedingt­heit und Wirk­mäch­tig­keit. Eine Plu­ra­le Öko­no­mik und die damit ver­bun­de­ne Offen­heit sind des­halb zen­tral, um neue Bil­der der Wirt­schaft, aber vor allem auch des mult­idi­men­sio­na­len Men­schen zu entwickeln.“
Jani­na Urban und Lisa Wein­hold, in agora42, 03/2016

26. Einfachheit.

Dem His­to­ri­ker Plut­arch zufol­ge habe Dio­ge­nes gera­de in der Son­ne gele­gen, als Alex­an­der der Gro­ße mit sei­nem Tross erschien. Alex­an­der begrüß­te ihn und frag­te, ob er ihm einen Wunsch erfül­len könn­te. Dar­auf­hin ent­geg­ne­te Dio­ge­nes: „Geh mir nur ein wenig aus der Son­ne!“ Alex­an­der soll davon sehr beein­druckt gewe­sen sein und gesagt haben: „Wahr­haf­tig, wenn ich nicht Alex­an­der wäre, dann möch­te ich wohl Dio­ge­nes sein!“

27. Eine Krankenversicherung.

Eine Kran­ken­ver­si­che­rung für alle mit ein­heit­li­cher Prä­mie in Höhe von 15 Pro­zent des Lohns.

28. Mehr selbst in die Hand nehmen.

Mig­le Kund­rot und Mat­thi­as Vin­con im Gespräch mit Frank Augus­tin vor dem agora42-Büro

Die Gesell­schaft ver­küm­mert, weil wir uns für nichts mehr zustän­dig füh­len. Psy­cho­lo­gisch gese­hen machen uns neue Sozi­al­ver­ord­nun­gen, Groß­in­ves­to­ren oder städ­ti­sche Rei­ni­gungs­be­trie­be neben ihrem Nut­zen noch unbe­tei­lig­ter. Inso­fern soll­te man Pro­jek­te för­dern, die dar­auf abzie­len, dass die Men­schen die Gestal­tung ihres Lebens und der Gesell­schaft wie­der selbst in die Hand neh­men: Stadt sel­ber machen, Plät­ze zurück­er­obern, Wohn­raum schaf­fen, Soli­dar­ge­mein­schaf­ten bil­den, Eigen­ver­ant­wort­lich­keit leben. Ein­fach leben.“
Mat­thi­as Vin­con, Leh­rer und Bezirksbeirat

29. Authentisch leben.

„Je authen­ti­scher und unver­stell­ter ich mich gebe, des­to ein­fa­cher wird mein Leben und des­to eher fin­de ich die Leu­te, bei denen es sich ganz ähn­lich ver­hält. Das erleich­tert den Umgang mit Befind­lich­kei­ten und die Fra­ge, was der ande­re wohl denkt, entfällt.“
Thors­ten Put­tenat, Musi­ker und Stadtaktivist

30. Haare mit Roggenmehl waschen.

Kei­ne Plas­tik­ver­pa­ckung, regio­nal pro­du­ziert, güns­tig, 100 Pro­zent natür­lich, ohne schäd­li­che Inhalts­stof­fe, kei­ne Tier­ver­su­che – ein­fach Rog­gen­mehl mit Was­ser anrüh­ren und wie Sham­poo benutzen.
Tan­ja Will, agora42

31. Öfter mal was ausleihen.

Wer Din­ge von sei­nem Nach­barn leiht, spart Geld, schont Res­sour­cen und freut sich über den kom­mu­ni­ka­ti­ven Austausch.

32. Einen Toten ansehen.

„In Deutsch­land sehen vie­le Men­schen den ers­ten Toten erst, wenn sie zwi­schen 30 und 40 sind. Das ist dann meist jemand aus der Fami­lie, oft ein Eltern­teil. Aus die­sem Grund füh­re ich Schü­ler­grup­pen bei uns im Abschied­s­haus ger­ne in den Kühl­raum und zei­ge ihnen einen Toten. Ich glau­be, die­se Erfah­rung ist unglaub­lich gut für die jun­gen Men­schen. Sie kom­men aus dem Kühl­raum her­aus und sind erleich­tert. Der Tod ist immer so angst­be­legt und bedrü­ckend und plötz­lich mer­ken sie: ‚Hey, der Tod ist total ok!’“
Andrea Hal­ler, Bestat­te­rin, in agora42, 03/2016

33. Gleiche Regeln für alle.

„Alle Men­schen soll­ten, wenn nötig, im glei­chen Maße Ver­zicht leis­ten, das heißt, welt­weit soll­ten die­sel­ben Nor­men des Pro-Kopf-Ener­gie­ver­brauchs, Koh­len­di­oxid­aus­sto­ßes usw. durch­ge­setzt wer­den; den ent­wi­ckel­ten Natio­nen soll­te nicht erlaubt sein, die Umwelt im der­zei­ti­gen Aus­maß zu ver­gif­ten, wäh­rend sie den Ent­wick­lungs­län­dern der Drit­ten Welt von Bra­si­li­en bis Chi­na vor­wer­fen, dass sie durch ihre rasan­te Ent­wick­lung die gemein­sa­me Umwelt ruinieren.“
Sla­voj Žižek, Phi­lo­soph und Psy­cho­ana­ly­tik­ter, aus: Auf ver­lo­re­nem Pos­ten (2009, edi­ti­on suhr­kamp 2562)

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Was macht das Leben einfacher ? Antworten 14–24

42 Dinge, die das Leben einfacher machen

Die Fort­set­zung unse­rer Lis­te der 42 Ant­wor­ten auf die Fra­ge, was das Leben ein­fa­cher macht. Die kom­plet­te Lis­te fin­den Sie in der aktu­el­len Aus­ga­be EINFACH LEBEN auf den Sei­ten 40–49.

Hier die Ant­wor­ten 14 — 24 in denen es unter ande­ren um unser Ver­hält­nis zum Müll, ein sozia­les Pflicht­jahr, eine sinn­vol­le Regu­lie­rung der Finanz­märk­te, das rich­ti­ge Gehalt und das Musi­zie­ren geht.

So viel­fäl­tig die The­men sind, so unter­schied­lich sind auch die zitier­ten Per­so­nen. Neben einem Brett­spiel­ent­wick­ler kom­men Richard David Precht, der ehe­ma­li­ge Haupt­ge­schäfts­füh­rer des BDI Mar­kus Ker­ber, ein Vor­stand der Bank of Eng­land, Mar­tin Hei­deg­ger und die Nobel­preis­trä­ger Dani­el Kah­ne­man und Angus Dea­ton zu Wort.

14 — Neues Verhältnis zum Müll

1. Müll über­dau­ert – auch den Men­schen in sei­ner phy­si­schen Exis­tenz. Als das, was sei­ne phy­si­sche Exis­tenz über­dau­ern soll­te, hat­te der Mensch schon früh sei­ne See­le gedacht. Die­se ver­langt von ihm, mit sich ins Rei­ne zu kom­men. Das wie­der­um, so lehrt der Müll, lässt sich nicht durch den Ver­such der Aus­mer­zung des Unrei­nen bewerk­stel­li­gen; nicht dadurch, dass der Mensch sich rei­nigt, indem er die Erde ver­un­rei­nigt und sein Geschäft auf Kos­ten der Zukunft macht – die sei­ne Nach­welt ist. Der Mensch muss ler­nen, mit sei­nem Müll zu leben.
2. Um die Macht der Müll-Mate­rie zu bre­chen, mobi­li­siert der Mensch die Tech­nik; sie aber unter­liegt dem Ver­la­ge­rungs­ge­setz und lässt die Macht des Mülls sich in stets neu­em Gewand ent­fal­ten. Ler­nen, dem Müll kei­ne Macht zu geben, hie­ße, an den Din­gen vor ihrer Müll­wer­dung anzu­set­zen, das heißt, bevor sie dem Ver­la­ge­rungs­ge­setz unter­ste­hen. Was nötig wäre, ist eine men­ta­le Wen­de. Befrei­te sich der Mensch von sei­ner Beses­sen­heit von den Din­gen, so lie­ße auch der Müll von ihm ab und wüch­se nicht mehr über ihn hin­aus. Im 21. Jahr­hun­dert steht der Mensch vor einer über­mensch­li­chen Her­aus­for­de­rung: die Din­ge sein zu lassen.“
Chris­ti­an Unver­zagt, Phi­lo­soph, in agora42, 03/2014

15 — Zufall anerkennen

Wir den­ken ger­ne in den Kate­go­ri­en von Ursa­che und Wir­kung. Wer es zu nichts gebracht hat, gilt als faul oder unfä­hig. Doch soll­ten wir uns ein­ge­ste­hen, dass die Wir­ren des Lebens oft mehr den Wer­de­gang bestim­men als Vor­aus­sicht und Pla­nung. Wer den Zufall aner­kennt, stärkt damit auch die Bereit­schaft, den vom Glück weni­ger Begüns­tig­ten unter die Arme zu grei­fen, anstatt sie sozi­al auszugrenzen.“
Marr­cel-And­ré Casa­so­la Merk­le, Brett­spiel­ent­wick­ler, in agora42, 04/2012

16 — Soziales Pflichtjahr

Richard David Precht spricht sich für ein sozia­les Pflicht­jahr für jun­ge Men­schen im Alter von 19/20 Jah­ren sowie eines für Men­schen im Ren­ten­ein­tritts­al­ter aus: „Der Sinn bei­der Pflicht­jah­re besteht in der Erfah­rung von ‚Selbst­wirk­sam­keit’. Wer in eine ande­re Lebens­welt hin­ein­riecht und einen sozia­len Bei­trag über den eige­nen Tel­ler­rand hin­aus leis­tet, erlebt das bestä­ti­gen­de Gefühl der Nütz­lich­keit. Er lernt Neu­es ken­nen und bringt sich selbst in die­sen neu­en Kon­text ein. Auf die­se Wei­se kann es, im kan­ti­schen Sin­ne, zu sinn­stif­ten­den Erfah­run­gen kom­men. Wie vie­le Zivil­dienst­leis­ten­de, die ihren Bei­trag nie frei­wil­lig geleis­tet hät­ten und wahr­schein­lich noch nicht ein­mal auf die Idee gekom­men wären, ihn zu leis­ten, waren im Nach­hin­ein dann der Ansicht, dass sie eine sinn­vol­le Zeit ver­bracht und wert­vol­le Erfah­run­gen gemacht haben? Das Glei­che dürf­te für Rent­ner und Pen­sio­nä­re gel­ten, die die wert­vol­le Erfah­rung machen kön­nen, ihr Wis­sen wei­ter­zu­ge­ben und gebraucht zu wer­den – obwohl sie dies frei­wil­lig oft nicht tun wür­den, sei es aus Bequem­lich­keit, Ver­drän­gung oder einer Unsi­cher­heit, für was sie sich ent­schei­den sol­len und wie so etwas anzu­stel­len sei.“
Richard David Precht, Phi­lo­soph, in agora42, 02/2012

17 — Von anderen Kulturen lernen

Auch wenn wir Deut­schen bei­spiels­wei­se wei­ter­hin in höhe­rem Maße unse­re Steu­ern zah­len, könn­te uns die All­tags­ge­las­sen­heit von Ita­lie­nern, Spa­ni­ern oder Grie­chen in unse­rer zuwei­len über­stei­ger­ten Pro­zess­ge­sell­schaft doch etwas Ent­span­nung ver­mit­teln, oder? Und ande­rer­seits haben wir es kom­plett ver­säumt zu fra­gen, ob nicht deut­sche Poli­ti­ker mit ihrer Recht­streue und Inte­gri­tät ein wich­ti­ges Vor­bild für die Men­schen im Süden wären, die sich so etwas schon lan­ge wün­schen, es aber in ihrer poli­ti­schen Klas­se zu wenig fin­den. Von­ein­an­der zu ler­nen, das muss das Leit­mo­tiv sein.“
Mar­kus Ker­ber, ehe­ma­li­ger Haupt­ge­schäfts­füh­rer des BDI, in agora42, 03/2016

18 — Regulierung der Finanzmärkte | a

Modern finan­ce is com­plex, perhaps too com­plex. Regu­la­ti­on of modern finan­ce is com­plex, almost cer­tain­ly too com­plex. That con­fi­gu­ra­ti­on spells trou­ble. As you do not fight fire with fire, you do not fight com­ple­xi­ty with com­ple­xi­ty. Becau­se com­ple­xi­ty gene­ra­tes uncer­tain­ty, not risk, it requi­res a regu­la­to­ry respon­se groun­ded in sim­pli­ci­ty, not complexity.“
Andrew G. Hal­dane, Vor­stand der Bank of Eng­land in The dog and the frisbee

19 — Regulierung der Finanzmärkte | b

Die Bank- und Finanz­an­ge­bo­te, die unmit­tel­bar der Real­wirt­schaft die­nen, sind, wo mög­lich, zu dere­gu­lie­ren, die­je­ni­gen, die mit­tel­bar der Real­wirt­schaft die­nen, zu regu­lie­ren und zu kon­trol­lie­ren sowie die­je­ni­gen, die nicht der Real­wirt­schaft die­nen, zu verbieten.“
Tho­mas Jor­berg, Vor­stands­spre­cher der GLS Bank, in agora42, 02/2011

20 — Regulierung der Finanzmärkte | c

Wenn die Finanz­bla­se nicht plat­zen soll, muss ver­hin­dert wer­den, dass sie sich wei­ter auf­pumpt. Eine Finanz­trans­ak­ti­ons­steu­er könn­te dabei hel­fen (…). Aller­dings könn­te eine Finanz­trans­ak­ti­ons­steu­er allein noch nicht ver­hin­dern, dass sich Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen bil­den (…). Daher sind zwei wei­te­re Maß­nah­men nötig: Das Eigen­ka­pi­tal der Ban­ken und Schat­ten­ban­ken muss deut­lich stei­gen, so dass sie Ver­lus­te selbst tra­gen kön­nen. Zudem müs­sen alle Deri­va­te über Bör­sen lau­fen – und kom­ple­xe Finanz­pro­duk­te ver­bo­ten wer­den, wenn ihr volks­wirt­schaft­li­cher Sinn nicht erkenn­bar ist.“
Ulri­ke Herr­mann, Wirt­schafts­jour­na­lis­tin und Publi­zis­tin, Der Sieg des Kapi­tals (Piper Ver­lag, 2015)

21 — Das richtige Gehalt | a

In einer Stu­die fan­den die Öko­no­men Dani­el Kah­ne­man und Angus Dea­ton her­aus, dass das Wohl­be­fin­den (emo­tio­nal well- being) bis zu einem jähr­li­chen Gehalt von cir­ca $75.000 steigt. Dar­über hin­aus hat ein stei­gen­des Gehalt kei­nen Ein­fluss auf das Wohlbefinden.
High inco­me impro­ves eva­lua­ti­on of life but not emo­tio­nal well-being in PNAS vol. 107 no. 38 (2010)

22 — Das richtige Gehalt | b

Im April 2015 gab der Geschäfts­füh­rer von Gra­vi­ty Payments, Dan Pri­ce, bekannt, dass er, inspi­riert durch die Stu­die von Kah­ne­man und Dea­ton, all sei­nen Ange­stell­ten einen Min­dest­lohn von $70.000 (der Durch­schnitts­lohn lag vor­her bei $48.000) bezah­len wird – ein Betrag, den man braucht, um ein „nor­mal life“ füh­ren zu kön­nen. Er selbst redu­zier­te sein Gehalt von über $1 Mil­li­on auf den­sel­ben Betrag.
https://gravitypayments.com/ thegravityof70k/

23 — Gelassenheit und Offenheit

Wir kön­nen zwar die tech­ni­schen Gerä­te benut­zen und doch zugleich bei aller sach­ge­rech­ten Benüt­zung uns von ihnen so frei­hal­ten, daß wir sie jeder­zeit los­las­sen. (…) Wir kön­nen ‚ja’ sagen zur unum­gäng­li­chen Benüt­zung der tech­ni­schen Gegen­stän­de, und wir kön­nen zugleich ‚nein’ sagen, inso­fern wir ihnen ver­weh­ren, daß sie uns aus­schließ­lich bean­spru­chen und so unser Wesen ver­bie­gen, ver­wir­ren und zuletzt ver­öden. (…) Unser Ver­hält­nis zur tech­ni­schen Welt wird auf eine wun­der­sa­me Wei­se ein­fach und ruhig. (…) Ich möch­te die­se Hal­tung des gleich­zei­ti­gen Ja und Nein zur tech­ni­schen Welt mit einem alten Wort nen­nen: die Gelas­sen­heit zu den Din­gen. Die Gelas­sen­heit zu den Din­gen und die Offen­heit für das Geheim­nis gehö­ren zusam­men. (…) Die Gelas­sen­heit zu den Din­gen und die Offen­heit für das Geheim­nis geben uns den Aus­blick auf eine neue Bodenständigkeit.“
Mar­tin Hei­deg­ger, Gelas­sen­heit (Klett- Cot­ta Verlag)

24 — Musik machen

Musik macht die Welt ein­fa­cher: Ein schlech­ter Mor­gen, gereiz­te Stim­mung, Ber­ge voll Arbeit und kran­ke Kin­der im Haus – wer da ein Lied anstimmt, kann sei­ne Sou­ve­rä­ni­tät zurückgewinnen. Rhyth­mus gibt Struk­tur und Melo­di­en lei­ten die Gefüh­le. Wer Musik macht, ist ein­fach selbstbestimmt.

 

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Die aktu­el­le agora42 zum The­ma EINFACH LEBEN ver­schi­cken wir ver­sand­kos­ten­frei. Lesen Sie span­nen­de Bei­trä­ge u.a. von Robert Pfal­ler (“Das nack­te und das gute Leben”), Ulri­ke Gué­rot (“Euro­pa ein­fach machen – ein­fach Euro­pa machen”), Frank Ruda (“Ein­fach nicht ein­fach”) und Mads Pan­kow (“End­lich wei­ter­ma­chen – Wer kei­ne Uto­pi­en hat, dem bleibt nur die Zukunft.”)

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Was macht das Leben einfacher? Antworten 1–13

42 Dinge, die das Leben einfacher machen

In der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma EINFACH LEBEN haben wir uns die Fra­ge gestellt “Was macht das Leben ein­fa­cher?” Bei der Dis­kus­si­on die­ser Fra­ge ging es uns dar­um, Ant­wor­ten zu fin­den, die teils ganz prag­ma­tisch umge­setzt wer­den kön­nen und teils einen ganz neu­en Blick auf die Gesell­schaft ermög­li­chen und so Lust auf Zukunft machen.

Übri­gens, ange­sichts des “Kanz­ler­du­ells” und des “Fün­fer-Duells” in der unse­re Volks­ver­tre­ter sich einen Wett­streit der Ide­en, wie ein lebe­nes­werters Leben künf­tig aus­se­hen könn­te, lie­fer­ten (oder auch nicht), möch­ten wir noch ein paar Ide­en in die­sem Wett­streit sein­brin­gen. Ide­en, die das (Zusammen-)Leben ein­fa­cher und lebens­wer­ter machen.

Hier die ers­ten 13 Ant­wor­ten, die kei­nes­wegs nur auf unse­rem Mist gewach­sen sind. Ganz im Gegen­teil, so beru­fen wir uns unter ande­rem auf Fried­rich Nitz­sche, die Ver­ein­ten Natio­nen, zwei Stadt­ak­ti­vis­tin­nen und sogar auf das Bun­des­in­sti­tut für Bau-, Stadt- und Raum­for­schung (BBSR) im Bun­des­amt für Bau­we­sen und Raum­ord­nung (BBR). Lasst euch inspirieren!

 

1 — Die Zeitumstellung abschaffen

Nicht nur wer klei­ne Kin­der hat, deren Rhyth­mus zwei Mal im Jahr gestört wird, weiß, dass zwei Zei­ten das Leben unnö­tig kom­pli­ziert machen.

 

2 — Ansprüche senken

Wer sich zu viel nimmt, schmä­lert die Spiel­räu­me anders­wo und künf­tig leben­der Men­schen. Inso­weit dies auf die Mehr­heit der in moder­nen Kon­sum­ge­sell­schaf­ten leben­den Men­schen zutrifft und zugleich alle tech­no­lo­gisch basier­ten Ent­las­tungs­ver­su­che sys­te­ma­tisch schei­tern, ver­bleibt als ein­zi­ger Aus­weg, Ansprü­che zu senken.“
Niko Paech, Post­wachs­tums­öko­nom, in agora42, 02/2013

 

3 — Weniger Fleisch produzieren

Weni­ger Nitrat im Grund­was­ser, weni­ger kli­ma­schäd­li­che Gase, weni­ger Tie­re, die lei­den müs­sen, mehr klei­ne­re und regio­na­le Betrie­be, mehr Kin­der, die wie­der Bau­er wer­den wol­len, weni­ger Fleisch­ex­por­te, die Märk­te in ande­ren Län­dern zer­stö­ren, weni­ger Monokulturen …

 

4 — Die Menschenrechte umsetzen

Am 10. Dezem­ber 1948 beschloss die Gene­ral­ver­samm­lung der Ver­ein­ten Natio­nen im Palais de Chail­lot in Paris die All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te. Die­se Erklä­rung hat nichts an Aktua­li­tät ver­lo­ren und führt uns vor Augen, wie fort­schritt­lich man schon ein­mal war. Hät­te man sich in den letz­ten 70 Jah­ren an die 30 Arti­kel die­ser Erklä­rung gehal­ten, wie viel ein­fa­cher wäre unser Zusammenleben!
Ver­ein­te Natio­nen, Reso­lu­ti­on der Gene­ral­ver­samm­lung 217 A (III). All­ge­mei­ne Erklä­rung der Menschenrechte

 

5 — Änderung des Wahlsystems

Die Stim­me eines unter Drei­ßig­jäh­ri­gen müss­te dop­pelt zäh­len, da die Jun­gen noch län­ger mit den poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen leben müs­sen als die Älteren.“
Han­na Nol­ler, Stadtaktivistin

 

6 — Günstiger Wohnraum

Die Prei­se für Wohn­raum explo­die­ren, weil er Spe­ku­la­ti­ons­gut ist. Wenn jemand Wohn­raum kaft, um damit Gewinn zu machen, kann ich ihn doch auch selbst kau­fen, den Gewinn abzie­hen und somit das Woh­nen bil­li­ger machen, oder? Und wie wäre es, wenn man die erwor­be­ne Immo­bi­lie in eine GmbH ein­bringt, der es per Sat­zung ver­bo­ten ist, sie wei­ter zu ver­äu­ßern? So könn­te man die­se Immo­bi­lie dem Markt ent­zie­hen und als Gemein­gut (Com­mons) dau­er­haft sichern. Das Miets­häu­ser Syn­di­kat ist eine sol­che Idee, die das Woh­nen in der Stadt ein­fa­cher macht.“
Mig­le Kund­rot, Stuttgarterin

 

7 — Freiräume schaffen

In unse­rem dich­ten gesell­schaft­li­chen Sys­tem – man den­ke nur an all die Ver­ord­nun­gen oder Kon­sum­zwän­ge – muss man Lücken im Stadt­raum fin­den, sicht­bar machen, ins Bewusst­sein rücken, den unge­nutz­ten Raum öff­nen und die­sen für Men­schen sowie deren Bedürf­nis­se zugäng­lich und gemein­sam nutz­bar machen. Lücken sind für uns Bau­lü­cken, Zeit­lü­cken, sozia­le Lücken, recht­li­che Lücken und Wis­sens­lü­cken. Die­se Stadt­lü­cken bie­ten uns poten­ti­el­le Angriffs­punk­te und Mög­lich­kei­ten, in einer ver­spe­ku­lier­ten Stadt den­noch Initia­ti­ve zu ergrei­fen. Wir sehen dar­in die Chan­ce, für gemein­sa­men Raum und für das Recht auf Stadt ein Bewusst­sein zu schaf­fen. Öffent­li­cher Frei­raum in einer Stadt bedeu­tet, dass man sich hier aus­tau­schen, ken­nen­ler­nen und unser Zusam­men­le­ben immer wie­der aus­han­deln kann. Pri­va­ter Raum bedeu­tet im Gegen­zug, dass der Aus­tausch an die ver­füg­ba­ren mone­tä­ren Res­sour­cen und den Zugang zu Netz­wer­ken gekop­pelt ist und nur das Geld unser Zusam­men­le­ben bestimmt.“
Stadt­lü­cken e. V.

 

8 — Stadt selbst gestalten

Die Frei­raum-Fibel soll all jenen eine Start­hil­fe sein, die sich aktiv in die Gestal­tung ihrer Stadt mit ein­brin­gen wol­len und Lust haben, ihren ganz eige­nen Frei­raum zu schaf­fen. Sie infor­miert über die recht­li­chen Bedin­gun­gen – von Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren über Ver­trags­ge­stal­tung bis hin zu Haf­tungs­fra­gen – und gibt zahl­rei­che Tipps und Bei­spie­le zum Stadt­ma­chen. Außer­dem lie­fert sie gute Argu­men­te, um Sach­be­ar­bei­ter in den Behör­den, Grund­stücks­ei­gen­tü­mer und ande­re Ent­schei­dungs­trä­ger von einer Idee zu überzeugen.“
Bun­des­in­sti­tut für Bau-, Stadt- und Raum­for­schung (BBSR) im Bun­des­amt für Bau­we­sen und Raum­ord­nung (BBR)

 

9 — Weniger nachdenken

Eine ein­fa­che Lebens­wei­se ist jetzt schwer: dazu tut viel mehr Nach­den­ken und Erfin­dungs­ga­be not, als selbst sehr geschei­te Leu­te haben. Der Ehr­lichs­te von ihnen wird viel­leicht noch sagen: ‚Ich habe nicht die Zeit, dar­über so lan­ge nach­zu­den­ken. Die ein­fa­che Lebens­wei­se ist für mich ein zu vor­neh­mes Ziel; ich will war­ten, bis Wei­se­re, als ich bin, sie gefun­den haben’.“
Fried­rich Nietz­sche, Mensch­li­ches, All­zu­mensch­li­ches II (1879)

 

10 — Änderung der Arbeitsbiografie

Ich habe die Idee, dass wir in Koin­zi­denz mit den ver­än­der­ten Lebens­läu­fen unse­re Arbeits­bio­gra­fi­en ver­än­dern. Dass wir zum Bei­spiel in der Rush­hour unse­res Lebens, so nennt das der Fami­li­en­for­scher Hans Bertram, zwi­schen 25 und unge­fähr 50, nur 70 Pro­zent arbei­ten und erst danach mehr arbei­ten. Ich selbst habe erst mit 56 eine Füh­rungs­auf­ga­be über­nom­men und fand das gar nicht schlimm. Im Gegen­teil, ich glau­be, dass ich in die­sem Alter dafür viel geeig­ne­ter war, als ich es mit 35 gewe­sen wäre, weil Lebens­er­fah­rung bei Füh­rungs­auf­ga­ben immer zählt.“
Gesi­ne Schwan, Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin, in agora42, 06/2009

 

11 — Insekten essen

Insects can con­tri­bu­te to food secu­ri­ty and be a part of the solu­ti­on to pro­te­in shor­ta­ges, given their high nut­ri­tio­nal value, low emis­si­ons of green­hou­se gases, low requi­re­ments for land and the high eff­ci­en­cy at which they can con­vert feed into food. The pro­duc­tion of insect bio­mass as feed­stock for ani­mals and fish can be com­bi­ned with the bio­de­gra­da­ti­on of manu­re and the com­pos­ting and saniti­zing of waste.“
Food and Agri­cul­tu­re Orga­ni­za­ti­on of the United Nati­ons, Forestry Paper 171

 

12 — Kulturfleisch

Cul­tu­red meat could poten­ti­al­ly be pro­du­ced with up to 96 % lower green­hou­se gas emis­si­ons, 45 % less ener­gy, 99 % lower land use, and 96 % lower water use than con­ven­tio­nal meat.“
Han­na Tuo­mis­to of Oxford University’s Wild­life Con­ser­va­ti­on Rese­arch Unit

 

13 — Energie aus Abfall

Über­all fal­len orga­ni­sche Rest- und Abfall­stof­fe (Bio­müll, Spei­se­res­te, Klär­was­ser etc.) an, deren Ener­gie­po­ten­zi­al bis­lang so gut wie nicht genutzt wird. Die­ses unge­nutz­te Poten­zi­al bezif­fert das Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um auf cir­ca 40 Mil­li­ar­den kWh Strom. Zum Ver­gleich: Im Jahr 2012 erzeug­ten die deut­schen Atom­kraft­wer­ke ins­ge­samt 100 Mil­li­ar­den kWh Strom. Machen wir doch ein­fach aus Abfall Strom.“
Mar­tin Fal­ger, Geschäfts­füh­rer der wusoa GmbH

 

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Gedankenspiel der agora42 3/2017

12.03.2051

 

Liebes Tagebuch,

fast eine gan­ze Woche hal­te ich nun bereits digi­ta­le Diät. Nach­dem mei­ne Bauch­spei­chel­drü­se gehackt wor­den war, hat­te mir Dr. Wat-Son gera­ten, alle inter­net­fä­hi­gen Gerä­te und vor allem alle kör­per­na­hen Weara­bles und kör­per­in­ter­nen Implan­ta­bles abzu­schal­ten. Seit letz­tem Mon­tag schla­ge ich mich also ohne digi­ta­le Kon­takt­lin­sen, ohne smar­tes Hör­ge­rät, ohne tech­ni­sche Klei­dung, ohne aut­ar­ke Medi­ka­men­ten-Depots und ohne Brain­chip durch den All­tag. Und ich muss sagen: Es ist alles ande­re als einfach.

Da ist zunächst die Spra­che. Ohne Brain­chip mit erwei­ter­tem Sprach­zen­trum ver­steht man ja nie­man­den. Auch das Hör­ge­rät mit der Echt­zeit­über­set­zung hat­te ich deak­ti­viert. Und selbst wenn man jeman­den trifft, der Deutsch oder Eng­lisch spricht, muss man sich sehr kon­zen­trie­ren, weil das Hör­ge­rät die Hin­ter­grund­ge­räu­sche nicht mehr aus­blen­det. Und davon gibt es vie­le. Die gan­ze Stadt ist ein ein­zi­ges Rau­schen, Rufen, Rat­tern und Vibrie­ren. Um das Pro­blem mit der Spra­che zu lösen, woll­te ich mir zunächst einen Off­line-Über­set­zungs­com­pu­ter beschaf­fen. Aber ohne smar­te Kon­takt­lin­sen ein Elek­tro­ni­kan­ti­qua­ri­at zu fin­den, ist ein ganz schwie­ri­ges Unter­fan­gen. Ich habe mich noch nie so ori­en­tie­rungs­los gefühlt. Also woll­te ich auf gut Glück ein­fach mal zur Nan­jing Road, der alten Ein­kaufs­mei­le, fah­ren. Aber mit deak­ti­vier­tem Iden­ti­täts­chip konn­te ich natür­lich nicht in die Metro. Ich habe mich dann zu Fuß auf den Weg gemacht. Nach einem Kilo­me­ter spür­te ich schon ein ers­tes Ste­chen in den Kni­en. Nach zwei Kilo­me­tern begann der Rücken zu schmer­zen. Ohne tech­ni­sche Klei­dung mit künst­li­chem Mus­kel­ge­we­be ist man in sei­nem Bewe­gungs­ra­di­us ziem­lich limitiert.

Ich gab die Idee vor­erst auf und fühl­te mich wirk­lich nie­der­ge­schla­gen. Und das Schlimms­te war: Ich konn­te gar nichts dage­gen tun. Ohne medi­ka­men­tös gesteu­er­ten Hor­mon­haus­halt ist man sei­nen Gefüh­len voll­kom­men aus­ge­lie­fert. Man muss auch von allein müde und wach wer­den. Das emp­fin­de ich als beson­ders schwie­rig. Am schlimms­ten ist es aber, wenn ein Stim­mungs­um­schwung kommt und man ihn nicht rich­tig deu­tet. Da kann man regel­recht Panik krie­gen, weil man gar kei­ne Daten mehr zu sei­nem Kör­per bekommt: Bin ich satt? Oder muss ich noch wei­ter essen? Ist mir schon kalt? Bin ich wütend? Da muss man ein ganz neu­es Kör­per­ge­fühl entwickeln.

Man lernt auch sei­ne Umge­bung ganz neu ken­nen. Ohne die smar­ten Kon­takt­lin­sen ist der All­tag grau­er als gedacht. Einer­seits sieht man die gan­zen Wer­be­bot­schaf­ten nicht, wenn man die Lin­sen abschal­tet. Ande­rer­seits habe ich fest­ge­stellt, dass das ein oder ande­re Gebäu­de, das immer sehr gepflegt und frisch reno­viert aus­sah, in Wirk­lich­keit ziem­lich her­un­ter­ge­kom­men ist. Die Kon­takt­lin­sen hat­ten das trü­be Grau und die ama­teur­haf­ten Graf­fi­ti immer gut über­blen­det. Auch die Bett­ler, die ich seit einer Woche jeden Tag auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ße sehe, wur­den in mei­ner Lin­sen-Anwen­dung anschei­nend über­blen­det. Das Vier­tel wim­melt von Bett­lern, die ich alle vor­her nicht wahr­ge­nom­men hat­te. Nicht gese­hen. Nicht gehört. Nicht ein­mal gero­chen. Ich woh­ne in einem Pro­blem­vier­tel und habe es bis­lang wirk­lich nicht gecheckt.

Was die­se neue Erfah­rung gefühls­mä­ßig in mir aus­löst, kann ich nur schwer deu­ten. Und was ich mit dem neu­en Wis­sen anfan­ge, muss ich ganz allein ent­schei­den. Denn ich habe alle Algo­rith­men abge­schal­tet, die mich sonst im All­tag beglei­ten. Die Rou­ti­ne-Ent­schei­dun­gen für mich tref­fen. Und die mir bei gra­vie­ren­den Ent­schei­dun­gen sinn­vol­le Emp­feh­lun­gen geben. Ich habe sie deak­ti­viert, weil sie eben­falls gehackt sein könn­ten und ich ihnen nicht mehr traue. Dar­um bin ich jetzt allein für mei­ne Ent­schei­dun­gen ver­ant­wort­lich. Wie frü­her. Nur damals war es nor­mal. Jetzt füh­le ich mich wie gelähmt. Zumal es mir an Daten man­gelt. Ich möch­te nichts falsch machen. Ich möch­te nicht inef­fi­zi­ent sein. Wann ste­he ich auf? Was esse ich? Gehe ich zur Arbeit? Wie kom­me ich dahin? Was erle­di­ge ich zuerst? Rund 10.000 Ent­schei­dun­gen fäl­le ich jeden Tag. Und plötz­lich bin ich damit wie­der furcht­bar allein. Aber mor­gen ist es end­lich so weit. Ich bekom­me mei­ne neue Bauch­spei­chel­drü­se. Dann kann ich mei­ne Devices lang­sam wie­der hoch­fah­ren. Und der All­tag wird wie­der ein­fach. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Versprochen!

Kai Jannek

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Ein Artikel, der nicht geschrieben werden konnte

Der ges­tern statt­ge­fun­de­ne Die­sel-Gip­fel ent­täusch­te auf vol­ler Linie. Die Grün­de hier­für ana­ly­sier­ten wir bereits in der Aus­ga­be 3/13 HOMO AUTOMOBILIS. Aus aktu­el­lem Anlass habe wir uns ent­schlos­sen den Arti­kel “Ein Arti­kel, der nicht geschrie­ben wer­den konn­te” zu veröffentlichen.

Von Frank Augustin und Wolfram Bernhardt

Halten wir eine neue Ausgabe der agora42 in der Hand, haben wir glücklicherweise meist schon wieder vergessen, auf welche Weise sie zustande kam – sprich: welche Umwege nötig waren, um sie fertigzustellen. Manchmal wird auf diesen Umwegen deutlich, dass das ursprünglich angepeilte Ziel das Ende einer Sackgasse markiert …

 

Eigent­lich war an die­ser Stel­le ein Arti­kel mit dem Arbeits­ti­tel „Der Autoa­del“ vor­ge­se­hen; ein Arti­kel, in dem die Auto­mo­bil­in­dus­trie und ihre Mana­ger kri­tisch beleuch­tet wer­den soll­ten – und zwar aus einer Per­spek­ti­ve, aus der man dies nicht unbe­dingt ver­mu­tet hät­te. Dass Grund zur Kri­tik besteht, liegt auf der Hand. All­zu oft wäh­nen sich die Auto­mo­bil­ma­na­ger offen­sicht­lich in Sphä­ren, in denen ande­re Regeln und Geset­ze gel­ten als für den Nor­mal­bür­ger bezie­hungs­wei­se für klei­ne­re Unter­neh­men. Dies bele­gen nicht zuletzt zwei spek­ta­ku­lä­re Bei­spie­le aus der jün­ge­ren Vergangenheit.

Bei­spiel Daim­ler: Im Jahr 1998 fusio­nier­te die dama­li­ge Daim­ler-Benz AG mit dem US-ame­ri­ka­ni­schen Auto­mo­bil­her­stel­ler Chrys­ler Cor­po­ra­ti­on zur „ers­ten deut­schen Welt-AG“, wie der dama­li­ge Vor­stands­vor­sit­zen­de der Daim­ler-Benz AG, Jür­gen Schrempp, den neu­en Kon­zern bezeich­ne­te. Hin­ge­ris­sen von der „Hoch­zeit im Him­mel“ (Schrempp), geriet die Rea­li­tät auf Erden aus dem Blick. So büß­te unter der Füh­rung Schrempps der Bör­sen­wert der Daim­ler­Chrys­ler AG 50 Mil­li­ar­den Euro ein. Nicht nur, dass die Aktio­nä­re viel Geld ver­lo­ren, auch Tau­sen­de Mit­ar­bei­ter bezahl­ten mit ihrer Ent­las­sung für die­ses Miss­ma­nage­ment. Als ob all dies nie gesche­hen wäre, schrieb Schrempp am 31. Dezem­ber 2005 anläss­lich des Rück­tritts von sei­nem Pos­ten rück­bli­ckend: „Eine schö­ne und wert­vol­le Zeit ist (…) zu Ende.“

Bei­spiel Por­sche: Im Jahr 2005 schick­te sich die Por­sche AG an, den damals (gemes­sen am Umsatz) 33-mal grö­ße­ren Volks­wa­gen Kon­zern zu über­neh­men. Natür­lich hat­te die Por­sche AG nicht genü­gend Geld in der Por­to­kas­se, um damit ein so viel grö­ße­res Unter­neh­men kau­fen zu kön­nen. So beriet sich die dama­li­ge Füh­rungs­rie­ge mit eini­gen hoch bezahl­ten Anwäl­ten und Invest­ment­ban­kern und betrau­te die­se damit, die Über­nah­me vor­zu­neh­men. Die Art und Wei­se, wie die­ses Unter­fan­gen durch­ge­führt wur­de, bedurf­te einer gehö­ri­gen Por­ti­on Spe­zi­al­wis­sen im Akti­en­recht und Zugang zu äußerst sol­ven­ten Geld­ge­bern.   Ein ehr­ba­rer Kauf­mann hät­te zu die­sem Zeit­punkt längst wei­che Knie bekom­men und das Wei­te gesucht. Am 28. Okto­ber 2008 schlot­ter­ten dann selbst manch hart gesot­te­nem Invest­ment­ban­ker die Knie: Nach­dem die Por­sche AG in gro­ßem Umfang Akti­en der Volks­wa­gen AG gekauft und die geplan­te Über­nah­me hohe Wel­len an den Finanz­märk­ten geschla­gen hat­te, wur­de die Volks­wa­gen AG an die­sem Tag kurz­zei­tig zum wert­volls­ten Unter­neh­men der Welt. Das Ende der „Über­nah­me“ ist bekannt: Die Por­sche AG schei­ter­te mit ihren Vor­ha­ben. Die Insol­venz konn­te nur abge­wen­det wer­den, weil die Volks­wa­gen AG die Por­sche AG über­nahm. Und auch wenn bis­her noch kein Urteil wegen Kurs­ma­ni­pu­la­ti­on oder ande­rer Rechts­ver­stö­ße im Zusam­men­hang mit die­ser Über­nah­me ver­kün­det wur­de, kann Ihnen jeder, der die­sen Deal ver­stan­den hat, ver­si­chern, dass es dabei nicht ohne Unre­gel­mä­ßig­kei­ten zuge­gan­gen ist.

 

Das systemrelevante Oligopol*

Natür­lich sind dies zwei extre­me Bei­spie­le, die leicht dazu ver­füh­ren kön­nen, sie popu­lis­tisch aus­zu­schlach­ten. Aber selbst wenn man den Vor­schlag­ham­mer bei­sei­te legt, wird man den Ein­druck nicht los, dass sich die gro­ßen Auto­mo­bil­her­stel­ler im Zuge der Pro­fit­ma­xi­mie­rung mit einer gewis­sen Selbst­ver­ständ­lich­keit über gel­ten­de Vor­schrif­ten hin­weg­set­zen. Wenn man so will, ist dies auch nahe­lie­gend, spre­chen Exper­ten doch längst von einem Oli­go­pol in der Auto­mo­bil­in­dus­trie. Mit einem Oli­go­pol bezeich­net man eine Situa­ti­on, die dadurch cha­rak­te­ri­siert ist, dass es in einer bestimm­ten Bran­che nur weni­ge Unter­neh­men gibt, die den Markt unter sich auf­tei­len. Öko­no­men ist ein Oli­go­pol zumeist ein Dorn im Auge, weil die­ses zur Fol­ge haben kann, dass sich die Unter­neh­men unter­ein­an­der abstim­men – also bei­spiels­wei­se Preis­ab­spra­chen vor­neh­men – und somit die Kon­su­men­ten höhe­re Prei­se bezah­len müs­sen, als dies in einem frei­en Wett­be­werb der Fall wäre; oder weil den Zulie­fe­rern die Kon­di­tio­nen fast nach Belie­ben dik­tiert wer­den kön­nen. Ange­sichts der jüngs­ten Ermitt­lun­gen der euro­päi­schen Wett­be­werbs­hü­ter gegen zahl­rei­che Auto­mo­bil­her­stel­ler wegen ille­ga­ler Preis­ab­spra­chen scheint die­ser Ein­wand nicht aus der Luft gegriffen …

Wie dem auch sei: Grund für einen kri­ti­schen Arti­kel scheint es alle­mal zu geben. Zu hoch ist die Kapi­tal­kon­zen­tra­ti­on in der Auto­mo­bil­in­dus­trie, zu viel Kom­pe­tenz und Kapa­zi­tä­ten sind hier kon­zen­triert – und zu eng sind hier wirt­schaft­li­che Inter­es­sen mit der Poli­tik ver­bun­den (Stich­wort Lob­by­is­mus). Und es soll­te sich auch ein Autor fin­den las­sen, der eine dif­fe­ren­zier­te Kri­tik an den Ver­hält­nis­sen in der Auto­mo­bil­in­dus­trie for­mu­lie­ren kann. Weil uns blo­ßes Anpran­gern zu ober­fläch­lich erschien, soll­te sich der Arti­kel sich an fol­gen­den Fra­gen ori­en­tie­ren: Ähnelt die Stel­lung, wel­che die (weni­gen selbst­stän­di­gen) Auto­mo­bil­kon­zer­ne inne­ha­ben, nicht jener der feu­da­len Herr­scher, gegen wel­che der Libe­ra­lis­mus einst zu Fel­de zog? Wer­den nicht auf der einen Sei­te Zulie­fe­rer und Ange­stell­te mit dem Argu­ment der „Markt­ge­set­ze“ gegän­gelt, wohin­ge­gen es auf der ande­ren Sei­te völ­lig legi­tim zu sein scheint, die Hand offen zu hal­ten, sobald es Unter­stüt­zung vom Staat gibt? Haben sich nicht im Umfeld der Auto­in­dus­trie über die Jah­re hin­weg öko­no­mi­sche Struk­tu­ren und Gewohn­hei­ten eta­bliert, die den Ein­tritt von Wett­be­wer­bern in die­sen Markt fak­tisch unmög­lich machen (bis hin zur Ein­fluss­nah­me auf Geset­ze und DIN-Normen)?

Wir woll­ten also mit einer Kri­tik an der Auto­mo­bil­in­dus­trie und deren Füh­rungs­rie­ge über­ra­schen, die sich einer libe­ra­len Argu­men­ta­ti­on bedient – hört man doch heut­zu­ta­ge kaum Kri­tik aus libe­ra­len Mun­de, wenn es um die Miss­stän­de in der Wirt­schaft geht. Und dies, obwohl die Ordo­li­be­ra­len sich grund­le­gen­de Gedan­ken über eine funk­tio­nie­ren­de Ord­nung der Wirt­schaft und des Wett­be­werbs gemacht haben.

Viel­leicht sind die weni­gen ver­blie­be­nen Ordo­li­be­ra­len ein­fach zu sehr damit beschäf­tigt, der Gesell­schaft zu erklä­ren, dass die Dere­gu­lie­rung, die im Namen der soge­nann­ten Libe­ra­li­sie­rung der Märk­te in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten statt­ge­fun­den hat, wenig mit der ursprüng­lich libe­ra­len Posi­ti­on zu tun hat …

Obwohl nicht gera­de Fans des gras­sie­ren­den Neo­feu­da­lis­mus, frag­ten wir uns den­noch, inwie­fern uns eine ordo­li­be­ra­le Kri­tik am Autoa­del wei­ter­brin­gen wür­de. Denn was wäre die Ant­wort eines Ordo­li­be­ra­len auf unse­re Fragen?

Aller Wahr­schein­lich­keit nach wür­den er sich dafür aus­spre­chen, dass der Staat dafür zu sor­gen hat, dass ein frei­heit­li­cher Wett­be­werb wie­der funk­tio­niert. Ver­feh­lun­gen gehö­ren auch aus libe­ra­ler Sicht bestraft, ist doch ein wesent­li­cher Bestand­teil des Libe­ra­lis­mus die Gleich­heit aller vor dem Gesetz. Ord­nung muss sein, und die­se Ord­nung soll durch den Staat ent­schlos­sen durch­ge­setzt werden.

Nun muss man jedoch fest­stel­len, dass die­se Vor­schlä­ge zur Wie­der­her­stel­lung des frei­en Wett­be­werbs sicher­lich gut gemeint sind, lei­der jedoch nicht grei­fen wür­den. Denn von was für einem Staat spre­chen wir hier – von einem real exis­tie­ren­den wohl kaum. Wir spre­chen von einem Staat, der schon ein­zel­ne Geld­in­sti­tu­te als „sys­tem­re­le­vant“ ein­stuft. Wie soll­te er da bei einer gan­zen Indus­trie – und noch dazu bei einer so wich­ti­gen wie der Auto­mo­bil­in­dus­trie – zu einem ande­ren Urteil kom­men? So ver­wun­dert es nicht, dass der Auto­mo­bil­in­dus­trie bereit­wil­lig durch das Kurz­ar­bei­ter­geld, die Abwrack­prä­mie und ande­ren Sub­ven­tio­nen unter die Arme gegrif­fen wurde.

 

Der Autoadel

Nun geht nicht nur jedem auf­rech­ten Demo­kra­ten, son­dern auch jedem ver­nünf­ti­gen Öko­no­men die Hut­schnur hoch, wenn er mit Ent­schei­dun­gen kon­fron­tiert wird, die mit dem Argu­ment der Sys­tem­re­le­vanz legi­ti­miert wer­den. Jedoch: Ver­bleibt man in der Logik, der unse­re der­zei­ti­ge Wirt­schafts­ord­nung und mit­hin die Gesell­schaft folgt, ist die Auto­mo­bil­in­dus­trie tat­säch­lich sys­tem­re­le­vant. Welch gro­ße Bedeu­tung sie für die deut­sche und euro­päi­sche Wirt­schaft hat, kön­nen Sie in dem Arti­kel von Heinz-Rudolf Meiß­ner in aller Aus­führ­lich­keit nach­le­sen. Doch das ist nur die eine Sei­te. Auf der ande­ren Sei­te funk­tio­niert der „Orga­nis­mus Auto­in­dus­trie“ nach den glei­chen Prin­zi­pi­en wie das gesam­te wirt­schaft­li­che und gesell­schaft­li­che Sys­tem, mit dem er auf viel­fäl­ti­ge Wei­se ver­bun­den ist. Woll­te man die­sen Bereich här­ter regu­lie­ren und gege­be­nen­falls neu struk­tu­rie­ren, wür­de dies bedeu­ten, dass man letzt­lich die Art und Wei­se, wie wir wirt­schaf­ten, infra­ge stel­len muss.

Eine Kri­tik am Autoa­del ist sicher­lich ange­bracht, aber all­zu viel Hoff­nung auf Ände­rung darf man sich nicht machen. Iro­ni­scher­wei­se wür­den vie­le der Akteu­re (sowohl Mana­ger wie auch Poli­ti­ker), die man kri­ti­siert, ihr eige­nes Ver­hal­ten bedau­ern, aber mit dem Hin­weis auf Sys­tem­zwän­ge recht­fer­ti­gen. Inso­fern kann eine ernst gemein­te Kri­tik stets nur auf das Sys­tem bezo­gen sein, wel­ches die Per­so­nen und Unter­neh­men, die es mit Leben fül­len, zu sol­chen Hand­lun­gen treibt. Wenn aber kei­ne Mög­lich­keit besteht, dass der Staat Zugriff auf das Sys­tem neh­men kann bezie­hungs­wei­se er ganz in dem Sys­tem auf­geht, greift der Ordo­li­be­ra­lis­mus not­wen­di­ger­wei­se zu kurz – denn dann exis­tiert eben jene Rah­men­ord­nung nicht, die er voraussetzt.

So konn­te letzt­lich der avi­sier­te Arti­kel nicht geschrie­ben wer­den. Das Phä­no­men Auto führt uns aber auf­grund der Tat­sa­che, dass es sym­pto­ma­tisch für unser Gesell­schafts­sys­tem steht, direkt zum The­ma der nächs­ten Aus­ga­be der agora42: Veränderung.

Dann wer­den wir uns auch mit der Fra­ge beschäf­ti­gen, was pas­sie­ren muss, damit Kri­tik über­haupt wie­der grei­fen kann …

 

*Aus heu­ti­ger Sicht müss­te es hei­ßen: Das Kartell

 


In der Aus­ga­be 3/2013 unter­such­ten wir die Bedeu­tung der Auto­mo­bil­in­dus­trie für die deut­sche Wirt­schaft, gin­gen der Fra­ge auf dem Grund, war­um Mobi­li­tät so etwas wie ein Men­schen­recht gewor­den ist und spra­chen mit dem soge­nann­ten Auto­papst Fer­di­nand Duden­höf­fer über die Zukunft des Automobils.

Die Fra­gen, die uns bei die­ser Aus­ga­be lei­te­ten waren: Vor­sprung durch Auto? Wie Auto ist die Wirt­schaft? Mobi­li­tät der Zukunft – nach­hal­tig, ver­netzt, anders? Ende eines Mythos?

Chan­ge the Drive!