Wir werden auch weiterhin sehr philosophisch über die künftige Wirtschaft nachdenken” – Mitherausgeber Richard David Precht

Wir werden auch weiterhin sehr philosophisch über die künftige Wirtschaft nachdenken”

 

Richard David Precht sprach im Interview mit SinndesLebens24.de über seine Mitherausgeberschaft der agora42 und die Bedeutung von Philosophie und Ökonomie.

 

Richard David Precht, Mit­her­aus­ge­ber der agora42. Foto: Janusch Tschech

Sie sind auch Her­aus­ge­ber des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42. War­um ist für Sie die Ver­bin­dung von Phi­lo­so­phie und Wirt­schaft heu­te so wich­tig?
Precht: Öko­no­mie war ja tat­säch­lich ursprüng­lich ein­mal eine wich­ti­ge Spar­te der Phi­lo­so­phie. Denn alle gro­ßen wich­ti­gen öko­no­mi­schen Fra­gen sind nicht nur allei­ne öko­no­mi­sche Fra­gen, son­dern immer auch phi­lo­so­phi­sche. Also Fra­gen wie: Was ist das Ziel mei­ner Wirt­schafts­po­li­tik? Wel­ches Men­schen­bild steht dahin­ter? Dass sich Öko­no­men kaum noch für Phi­lo­so­phie, Phi­lo­so­phen kaum mehr für Öko­no­mie inter­es­sie­ren, ist ein gesell­schaft­li­ches Fias­ko.

Die bei­den Redak­teu­re Frank Augus­tin und Wolf­ram Bern­hardt, der eine Phi­lo­soph, der ande­re Öko­nom, haben die Zeit­schrift 2009 gegrün­det, um bei­de The­men wie­der zusam­men­zu­brin­gen, das fin­de ich groß­ar­tig. In die­sem Zusam­men­hang habe ich auch die Her­aus­ge­ber­schaft über­nom­men, aber mei­ne Rol­le ist wirk­lich nur die des Her­aus­ge­bers, ich neh­me inhalt­lich kei­nen Ein­fluss. agora42 bie­tet eine ganz her­vor­ra­gen­de Platt­form für Posi­tio­nen und Theo­ri­en, Aus­tausch und Streit­kul­tur, Hin­ter­grund­wis­sen und Visio­nen rund um die Wirt­schafts­phi­lo­so­phie. Wir wer­den auch wei­ter­hin sehr phi­lo­so­phisch über die künf­ti­ge Wirt­schaft nach­den­ken.

Zei­ten des gesell­schaft­li­chen Umbruchs sind immer gute Zei­ten für die Phi­lo­so­phie. Aktu­ell nimmt das gesell­schaft­li­che Inter­es­se dar­an in der Tat immer stär­ker zu und dar­über freue ich mich.

 

Eindrücke von der Konferenz SensAbility

SensAbility – The WHU Social Enterprise Conference

 

agora42 war Media­part­ner der dies­jäh­ri­gen Kon­fe­renz über Sozi­al­un­ter­neh­mer­tum Sen­sA­bi­li­ty an der WHU — Otto Beis­heim School of Manage­ment. Im Rah­men die­ser Koope­ra­ti­on ver­los­ten wir eine Frei­kar­te, die Frau Susan­ne Krupp-Kirsch­ke gewann und für uns freund­li­cher­wei­se ihre Ein­drü­cke der Kon­fe­renz fest­hielt.

Susan­ne Krupp-Kirsch­ke ist drei­fa­che Mut­ter und betreut frei­be­ruf­lich Bache­lor- und Mas­ter­ar­bei­ten im Bereich Logis­tik. Dar­über hin­aus ist sie als Pro­jekt­ma­na­ge­rin bei der ISI GmbH tätig. Ihre aktu­el­len Schwer­punk­te sind Unter­neh­mens­ethik, Nach­hal­tig­keit und CSR.

 

Think Soci­al. Act Eco­no­mi­c­al­ly.“ Unter die­sem Mot­to fand am 6./7.April 2018 die Kon­fe­renz Sen­sA­bi­li­ty für Sozi­al­un­ter­neh­mer­tum statt. Orga­ni­siert wur­de die­se von der 2009 gegrün­de­ten stu­den­ti­schen Initia­ti­ve Sen­sA­bi­li­ty, die Stu­den­ten unter­schied­li­cher Fach­rich­tun­gen für gesell­schaft­li­che Fra­ge­stel­lun­gen und Sozi­al­un­ter­neh­mer­tum sen­si­bi­li­sie­ren und zu eige­nem sozia­len und öko­lo­gi­schen Han­deln inspi­rie­ren möch­te. Dies ist durch anre­gen­de Vor­trä­ge, zahl­rei­che Work­shops und viel Raum für Net­wor­king gut gelun­gen.

 

Exkurs: Social entrepreneurship

Doch was ver­steht man unter Sozi­al­un­ter­neh­mer­tum oder Soci­al Entre­pre­neurship eigent­lich?

Sozi­al­un­ter­neh­mer­tum ist eine Bewe­gung, die in den 1960er und 1970er Jah­ren in Ver­bin­dung mit dem sozia­len Wan­del im eng­lisch­spra­chi­gen Raum auf und Ende der 90er Jah­re nach Deutsch­land kam. Die­se Bewe­gung grün­det auf der Idee, dass Unter­neh­men inno­va­tiv und prag­ma­tisch Sozi­al­ver­ant­wor­tung über­neh­men und ver­su­chen ihr Umfeld gerech­ter und nach­hal­ti­ger zu gestal­ten, um dadurch einen posi­ti­ven Wan­del der Gesell­schaft her­bei­zu­füh­ren.

Die Grund­ge­dan­ken und Antriebs­fe­dern für Sozi­al­un­ter­neh­mer sind viel­fäl­tig. Berufs­ein­stei­ger möch­ten oft mit viel Enthu­si­as­mus und Lei­den­schaft die Welt ver­bes­sern. Berufs­tä­ti­ge sind häu­fig mit ihrem Job unzu­frie­den, mit dem Wis­sen um die Kon­se­quen­zen wirt­schaft­li­chen Han­delns vor dem Hin­ter­grund des Kapi­ta­lis­mus und der erbar­mungs­lo­sen Markt­me­cha­nis­men. Nicht war­ten bis es jemand rich­tet, son­dern selbst das Steu­er in die Hand zu neh­men und die Zukunft aktiv mit­zu­ge­stal­ten ist hier die Devi­se.

Scot Frank CEO One Earth Design auf der Sen­sA­bi­li­ty

Zurück zur Sen­sA­bi­li­ty: Bei den Vor­trä­gen waren nam­haf­te Ver­tre­ter wie bei­spiels­wei­se Mar­kus Sauer­ham­mer (CEO SENDSoci­al Entre­pre­neurship Netz­werk Deutsch­lands), Sebas­ti­an Grot­haus (CEO Good Pro­fits) oder Scot Frank (CEO One Earth Design) ver­tre­ten. Sein Bericht vom Zusam­men­le­ben mit Noma­den im Hima­la­ya, deren Pro­ble­me in einem kar­gen Umfeld zu leben, bis zur Erfin­dung eines solar­be­trie­be­nen Kochers (Sol­sour­ce) mit Ener­gie­spei­cher um ihnen das Leben zu erleich­tern war beson­ders beein­dru­ckend. Dies nur als Bei­spiel für vie­le außer­ge­wöhn­li­che Men­schen und ihrer Geschich­ten, die auf die­ser Kon­fe­renz zusam­men­tra­fen.

Sechs jun­gen Start­ups wur­de die Mög­lich­keit gege­ben im Rah­men eines „Soci­al Pitch Wett­be­werbs“ einen 1.000 Euro Gut­schein zu gewin­nen. „Thri­ving Green“ – Über­le­ben in der Wüs­te – prä­sen­tiert von Alex­an­der Zacha­ruk — konn­te sich hier durch­set­zen. Kern der Idee ist der Anbau und die Wei­ter­ver­ar­bei­tung der nahr­haf­ten Pflan­ze Spi­ru­li­na, die mit extrem wenig Was­ser aus­kommt und ein inno­va­ti­ves Kon­zept gegen Man­gel­er­näh­rung in Kenia dar­stellt.

Unter dem Mot­to „aus den Feh­lern der Ande­ren ler­nen“ gab es zwei Vor­trä­ge bzw. „Fuck­up Ses­si­ons“ bei denen Jung­un­ter­neh­mer offen, kon­struk­tiv und sehr unter­halt­sam über „les­sons lear­ned“ berich­tet haben. Als zen­tra­les Erfolgs­merk­mal scheint sich die Wirt­schaft­lich­keit der Unter­neh­men her­aus­zu­kris­tal­li­sie­ren, denn eine posi­ti­ve Bilanz ist die essen­ti­el­le Vor­aus­set­zung um lang­fris­tig auf dem Markt zu bestehen.

Die Podi­ums­dis­kus­si­on mit dem Leit­the­ma “How to be an Envi­ron­men­ta­list when Lea­ders are not” wur­de von Tobi­as März (Grün­der Sinn.Arbeit.Leben) mode­riert. „Heu­te haben Unter­neh­men rea­li­siert, wel­chen Ein­fluss sie auf den sozia­len und öko­lo­gi­schen Wan­del aus­üben kön­nen. Gemein­sam mit Unter­neh­men aus der Wirt­schaft ent­wi­ckeln wir Geschäfts­mo­del­le und Bil­dungs­pro­gram­me für eine sozia­le­re Wirt­schaft“ erklär­te  Corin­na Pape (Mit­grün­de­rin der Crowd­fun­ding-Platt­form SPONSORT). Moni­ka Hauck (Mana­ging Direc­tor des WHU Entre­pre­neurship Cen­ters) sen­si­bi­li­sier­te das Publi­kum für die Pro­ble­me der Mode­bran­che, die damit häu­fig ver­bun­de­ne Kin­der­ar­beit und Umwelt­ver­schmut­zung. Vom Ange­stell­ten über sei­ne Aus­zeit im spa­ni­schen Hip­pie-Bus bis hin zum erfolg­rei­chen Unter­neh­mer und Busi­ness-Poet berich­te­te Reza Solhi (Mit­grün­der und Geschäfts­füh­rer von Heart­beat Edu­tain­ment) wie er Men­schen durch Musik, Kunst und Visi­ons­coa­ching hilft ihren Weg zu gehen.

Wäh­rend der zahl­rei­chen Work­shops hat­ten die Teil­neh­mer die Gele­gen­heit kon­struk­tiv an ihren Her­zensthe­men zu arbei­ten, sich über aktu­el­le The­men (z.B. Aus­wir­kun­gen der Digi­ta­li­sie­rung oder dem Ansatz des wachs­tums­ori­en­tier­ten Mind­set) zu infor­mie­ren, in neue Tech­ni­ken, wie z.B. Sto­ry­tel­ling hin­ein­zu­schnup­pern oder sich ein­fach in der Grup­pe aus­zu­tau­schen.

 

Ausreichend für wen?

Eine Fra­ge wur­de von einer sehr enga­gier­ten Teil­neh­me­rin Tania Eke aus Pana­ma (Gewin­ne­rin des Soci­al Pitch 2017 mit den “Wald­men­schen”) auf­ge­wor­fen, die uns an die­ser Stel­le alle zum Nach­den­ken anre­gen soll: Sind unser der­zei­ti­ges sozia­les Enga­ge­ment, unse­re hohe Tole­ranz bezüg­lich Umwelt­ver­schmut­zung und unse­re gerin­ge­ren Erwar­tun­gen an Unter­neh­men dies außer­halb der Vor­ga­ben zu ver­bes­sern aus­rei­chend? Aus­rei­chend für wen? Denn schon heu­te gibt es weit­rei­chen­de Aus­wir­kun­gen unse­res Ver­hal­tens auf ver­schie­de­ne Grup­pen, jedoch dif­fe­rie­ren die­se in Bezug auf Geo­gra­phie, Inten­si­tät und Geschwin­dig­keit enorm.

Die­se Fra­ge soll­ten wir alle auf­neh­men: Aus­rei­chend für wen?

Für uns, um ein gutes Gefühl zu haben? Für uns hier in den gemä­ßig­ten (euro­päi­schen) Brei­ten­gra­den, für die Bes­ser­ver­die­ner, die ihren Wohn- und Arbeits­ort auf­grund einer guten Aus­bil­dung mit­be­stim­men oder viel­leicht sogar frei wäh­len kön­nen? Und was pas­siert mit den Men­schen, die auf­grund der Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels, der Aus­beu­tung der Natur ihre Exis­tenz­grund­la­ge ver­lie­ren und nicht die Mög­lich­keit haben sich selbst zu hel­fen?

 

Auf eini­ge die­ser Fra­gen fan­den die Soci­al Entre­pre­neurs  unter­schied­li­che, men­schen­ori­en­tier­te und prag­ma­ti­sche Ansät­ze auf der Sen­sA­bi­li­ty. Gleich­zei­tig bleibt die Fra­ge offen, wie dies mit der (Sozi­al-) Poli­tik der Staa­ten und ihre Orga­ni­sa­tio­nen effek­tiv und effi­zi­ent ver­ein­bar ist.

 

Interview mit Nora Sophie Griefahn & Tim Janßen

Am 20. und 21. Okto­ber fin­det an der Leu­pha­na Uni­ver­si­ty of Lüne­burg der all­jähr­li­che Crad­le­To­Crad­le (C2C) Kon­gress statt. Was sich hin­ter dem Bergriff C2C ver­birgt, dürf­te den meis­ten von euch ein Begriff sein. Hier die Defi­ni­ti­on vom der Home­page des C2C-Ver­eins:

Umwelt­schutz kann nur funk­tio­nie­ren, wenn Pro­duk­te und Pro­zes­se vom Anfang her gedacht und im Hin­blick auf ihre gesam­te Nut­zungs­dau­er ent­wi­ckelt wer­den. Vor­bild für Crad­le to Crad­le ist die Natur, von der sich die drei Crad­le to Crad­le-Prin­zi­pi­en ablei­ten:

  • Abfall ist Nah­rung oder Nah­rung ist Nah­rung: Alles wird zu Nah­rung oder Nähr­stof­fen für etwas ande­res.
  • Nut­zung erneu­er­ba­rer Ener­gi­en: Die Ener­gie ent­springt Son­ne, Wind, Was­ser und Erde.
  • Unter­stüt­zung von Diver­si­tät: Es gibt eine schier unend­li­che Viel­falt.

 

Wie auch im letz­ten Jahr unter­stützt die agora42 den Kon­gress wie­der als Medi­en­part­ner. Im Rah­men die­ser Koope­ra­ti­on spra­chen wir im letz­ten Jahr mit den Orga­ni­sa­to­ren über den Ansatz des C2C und die prak­ti­sche Umset­zung des C2C-Prin­zips. In die­sem Jahr befrag­ten wir die Orga­ni­sa­to­ren zu der prak­ti­schen Umset­zung und  was es für die Wirt­schaft und Gesell­schaft bedeu­ten wür­de, wenn eine Umstel­lung auf C2C gelin­gen wür­de.

 

Bis­lang kön­nen Fir­men sich frei­wil­lig C2C zer­ti­fi­zie­ren las­sen. Haben aber nicht gera­de die jüngs­ten Vor­komm­nis­se in der Auto­mo­bil­in­dus­trie gezeigt, dass frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tun­gen zu nichts Guten füh­ren? Müss­te es nicht das Ziel sein, dass die kom­plet­te Wirt­schaft (Pro­duk­ti­on, Dienst­leis­tung etc.) nach dem C2C-Prin­zi­pi­en ver­fährt?

Natür­lich wün­schen wir uns, dass die kom­plet­te Wirt­schaft nach C2C Prin­zi­pi­en ver­fährt. Wir brau­chen eine Wirt­schaft und Gesell­schaft, die nach C2C Denk­schu­le und Design­kon­zept han­delt und nicht nur ein­zel­ne zer­ti­fi­zier­te Pro­duk­te. Her­stel­len­de und Kund*innen for­dern heut­zu­ta­ge Zer­ti­fi­zie­run­gen. Das reicht aller­dings noch nicht aus – die Zukunft stel­len wir uns anders vor. Wir müs­sen die Men­schen als Nütz­lin­ge auf der Welt ver­ste­hen, unse­ren der­zei­ti­gen Qua­li­täts­be­griff sowie die Auf­ga­be der Wirt­schaft über­den­ken. Wirt­schaft und Umwelt­schutz dür­fen nicht als Geg­ner han­deln, son­dern gemein­sa­me Zie­le ver­fol­gen. Das funk­tio­niert jedoch nicht, wenn wir den Fuß­ab­druck nur mini­mie­ren. Wir brau­chen eine Welt in der es selbst­ver­ständ­lich ist nach C2C zu pro­du­zie­ren – Zu wis­sen, was in unse­ren Pro­duk­ten steckt und dass nach der Nut­zung kein Müll übrig bleibt muss von allen Men­schen als Qua­li­täts­merk­mal ver­stan­den wer­den, für das es kei­ne wirk­li­chen Alter­na­ti­ven gibt. Uns muss klar­wer­den, dass wir gesun­de Pro­duk­te brau­chen, dass kei­ne Schad­stof­fe in die Umwelt gelan­gen dür­fen, dass wir kei­ne Roh­stof­fe ver­brau­chen dür­fen, son­dern das wir Pro­duk­te für Kreis­läu­fe desi­gnen müs­sen. Den­noch ist eine frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tung bei­spiels­wei­se durch Zer­ti­fi­zie­rung ein ers­ter guter Schritt hin zu einer C2C Öko­no­mie.

Wäre so etwas über­haupt rea­lis­tisch, da in einem sol­chen Fall viel zu vie­le Infor­ma­tio­nen berück­sich­tigt und bewer­tet wer­den müss­ten? Sprich, wäre eine Wirt­schaft, die kon­se­quent nach dem C2C-Prin­zip ver­fährt nur in einer Plan­wirt­schaft mög­lich? Oder müss­te man die Viel­falt der Pro­duk­te dra­ma­tisch ein­schrän­ken?

Weder das eine noch das ande­re. Das hat nichts mit Plan­wirt­schaft zu tun oder mit Ein­schrän­kun­gen hin­sicht­lich von Pro­dukt­viel­falt. Es müs­sen kla­re Nut­zungs­sze­na­ri­en defi­niert wer­den: Neh­men wir ein Auto oder ein Fahr­rad. Die Rei­fen nut­zen sich ab und müs­sen als Ver­brauchs­gü­ter gese­hen wer­den. Momen­tan lan­den gif­ti­ge Par­ti­kel der Rei­fen in der Umwelt. Statt­des­sen soll­ten sie für den bio­lo­gi­schen Kreis­lauf designt sein, so dass sie kei­nen Scha­den anrich­ten – sie bes­ten­falls sogar posi­tiv auf die Umwelt ein­wir­ken. Der Rah­men des Fahr­rads soll­te als Gebrauchs­gut kom­plett demon­tier­bar sein, so dass kei­ne Mate­ria­li­en ver­lo­ren gehen, sie statt­des­sen im tech­ni­schen Kreis­lauf zir­ku­lie­ren. Man darf nicht von einer Lebens­dau­er eines Pro­duk­tes reden, son­dern defi­nie­ren, was nach der Nut­zung eines Pro­duk­tes damit geschieht. Sol­che Sze­na­ri­en müs­sen in der Gesell­schaft gemein­sam gere­gelt wer­den, das kann der Markt machen, das kann auch poli­tisch bzw. staat­lich gere­gelt wer­den. Grund­sätz­lich ist es wich­tig, dass trans­pa­rent damit umge­gan­gen wird, was in Pro­duk­ten ent­hal­ten ist. Die bis­he­ri­ge frei-von-Men­ta­li­tät hilft uns nicht wei­ter, da ggf. ande­re schäd­li­che Stof­fe als Alter­na­ti­ve ver­wen­det wer­den. Her­stel­len­de müs­sen wis­sen, was in ihren Pro­duk­ten ent­hal­ten ist. C2C ist dabei nur ein ver­gleichs­wei­se klei­ner Schritt, wenn man weiß, was im Pro­dukt drin ist. Hier besteht momen­tan aber noch ein Pro­blem. Durch Fremd­fer­ti­gung etc. gibt es zum Teil nur unge­nü­gen­des Wis­sen über das eige­ne Pro­dukt. So kann es defi­ni­tiv nicht wei­ter­ge­hen.

Kann man mit dem C2C-Prin­zip auch sozia­le Miss­stän­de in den Blick neh­men? Taugt es, um ein gerech­te­res Wirt­schafts­sys­tem zu ent­wer­fen?

Auf jeden Fall! Nach C2C soll alles gesund für Mensch und Umwelt pro­du­ziert wer­den. Das schließt nicht nur die Men­schen ein, die das Pro­dukt nut­zen, son­dern auch die­je­ni­gen, die es her­stel­len. Es darf nicht sein, dass Men­schen, die T-Shirts ein­fär­ben an Haut­krank­hei­ten lei­den oder Atem­wegs­er­kran­kun­gen bekom­men. Fai­re und gesun­de Arbeits­be­din­gun­gen sind ein wich­ti­ges Qua­li­täts­merk­mal für C2C.
Ein gerech­tes Wirt­schafts­sys­tem bedeu­tet kei­ne Men­schen aus­zu­beu­ten und macht weder die Her­stel­len­den noch die Nutzer*innen krank. Roh­stof­fe müs­sen in Kreis­läu­fen zir­ku­lie­ren, damit sie für zukünf­ti­ge Gene­ra­tio­nen erhal­ten blei­ben. Wir müs­sen sau­be­ren Ener­gie nut­zen und nicht auf fos­si­le Brenn­stof­fe set­zen, da durch den Kli­ma­wan­del im Zwei­fel vor allem die Ärms­ten auf der Welt betrof­fen sind. Für ein gerech­tes Wirt­schafts­sys­tem müs­sen wir gesamt­ge­sell­schaft­li­che Pro­ble­me berück­sich­ti­gen und nicht nur den Pro­fit betrach­ten. Und genau das tun wir mit C2C, wir stel­len Umwelt, Wirt­schaft Kul­tur und Sozia­les auf eine Ebe­ne.

Nora Sophie Grie­f­ahn & Tim Jan­ßen

 

Digipolis: Die Beste aller Welten – Interview mit Petra Grimm

Digipolis: Die Beste aller Welten

Inter­view mit Petra Grimm vom Insti­tut für Digi­ta­le Ethik

 

Rafa­el Capur­ro, der auch Bei­rats­mit­glied des Insti­tuts für Digi­ta­le Ethik ist, spricht in unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be von einem glo­ba­len Cyber­ta­ri­at, das sich frei­wil­lig zum Skla­ven der IT-Gigan­ten gemacht hat. Sieht er die Situa­ti­on zu kri­tisch?

Prof. Dr. Petra Grimm ist Lei­te­rin des Insti­tuts für Digi­ta­le Ethik an der Hoch­schu­le der Medi­en in Stutt­gart.

Ich wür­de ergän­zend dazu von einer digi­ta­len Olig­ar­chie spre­chen, bei der sich die Markt­macht bezüg­lich digi­ta­ler Ange­bo­te, Infra­struk­tur und Ent­wick­lung auf weni­ge Unter­neh­men kon­zen­triert. Dass die Nut­zer sich nicht gegen die Data­fi­zie­rung ihrer Pri­vat­sphä­re auf­leh­nen und sich kei­ne Gedan­ken über den zuneh­men­den Ver­lust ihrer Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­frei­heit machen, hängt zum einen mit der man­geln­den Auf­klä­rung über die Fol­gen und zum ande­ren mit der man­geln­den daten­öko­lo­gi­schen Ver­ant­wor­tung der Unter­neh­men und Poli­tik zusam­men. Zum Bei­spiel habe ich ges­tern mit einem Gym­na­si­as­ten der 11. Klas­se über das The­ma Daten­schutz und Digi­tal­kom­pe­tenz gespro­chen, er hat­te in der Schu­le noch nie davon gehört. Das zeigt recht gut, dass wir noch einen hohen Bedarf an Auf­klä­rung haben und Pri­vat­heits­kom­pe­tenz brau­chen.

 

Eine der zen­tra­len The­men der Tagung „In pur­su­it of (vir­tu­al) hap­pi­ness?“ ist die Fra­ge, ob wir eine Ethik der Algo­rith­men brau­chen. Was kann man sich unter einer Ethik der Algo­rith­men vor­stel­len?

Eine Ethik der Algo­rith­men befasst sich mit den Aus­wir­kun­gen von Big Data und Künst­li­cher Intel­li­genz (KI) auf den Ein­zel­nen und die Gesell­schaft. Intel­li­gen­te Sys­te­me wer­den zukünf­tig in vie­len Lebens­be­rei­chen Ent­schei­dun­gen (selbst­stän­dig) tref­fen und damit die Hand­lungs­fä­hig­keit und Hand­lungs­mäch­tig­keit jedes Ein­zel­nen beein­flus­sen. Die zen­tra­le ethi­sche Her­aus­for­de­rung wird sein, intel­li­gen­te Sys­te­me human­ge­recht und wer­te­ori­en­tiert zu gestal­ten. Das heißt, das Ziel der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung soll­te sein, nicht nur Pro­zes­se zu opti­mie­ren und öko­no­mi­sche Effi­zi­enz zu erzie­len, son­dern auch unse­re Lebens­si­tua­ti­on zu ver­bes­sern, unse­re Hand­lungs­mög­lich­kei­ten zu erwei­tern und unse­re Auto­no­mie zu wah­ren. Eine human­ge­rech­te Ein­bin­dung intel­li­gen­ter Sys­te­me in hoch­kom­ple­xe Gesell­schaf­ten ist kei­ne indi­vi­du­el­le Ange­le­gen­heit, son­dern eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be. Des­halb braucht es einen gesell­schaft­li­chen Kon­sens dar­über, wie die Mensch-Sys­tem-Inter­ak­ti­on kon­trol­lier- und steu­er­bar ist.

 

Man geht davon aus, dass intel­li­gen­te Sys­te­me (Algo­rith­men) sich bald selbst­stän­dig ent­wi­ckeln wer­den. Damit wer­den sie zuneh­mend zu einer Black­box, sprich, man kann nicht mehr nach­voll­zie­hen, wie genau ihre Ent­schei­dungs­fin­dung ver­läuft. Kön­nen wir inso­fern nur noch dar­auf hof­fen, dass die Algo­rith­men eine eige­ne Ethik her­aus­bil­den?

Die Algo­rith­men kön­nen nicht selbst eine Ethik bil­den. Sobald Maschi­nen nicht mehr von Men­schen steu­er- und kon­trol­lier­bar sind, haben wir ein Pro­blem. Den Ste­cker zu zie­hen, ist kei­ne rea­lis­ti­sche Opti­on. Die zen­tra­le Her­aus­for­de­rung wird sein, ein Value-Based-Design zu ent­wi­ckeln, mit dem man bei selbst­ler­nen­den Maschi­nen (Machi­ne Learning, Deep Learning) ethi­sche Wer­te und Nor­men schon in der Ent­wick­lung imple­men­tie­ren kann. Um in der All­tags­pra­xis Ver­trau­en in intel­li­gen­te Sys­te­me zu bekom­men, bedarf es aus­rei­chen­der Infor­ma­tio­nen über deren Funk­ti­ons­wei­se und mög­li­che Kon­se­quen­zen. Des Wei­te­ren müs­sen die Sys­tem­me­cha­nis­men trans­pa­rent sein, um dar­aus Erkennt­nis­se für das eige­ne Han­deln ablei­ten und selbst bestim­men zu kön­nen, ob und in wel­chem Aus­maß man ihnen Ver­trau­en schen­ken kann. Hilf­reich hier­für wäre ein inter­dis­zi­pli­nä­rer Ansatz, der Infor­ma­tik und Ethik ver­knüpft. Eine Ethik der Algo­rith­men kann als Navi­ga­ti­ons­in­stru­ment die­sen Pro­zess durch Refle­xi­on, Ori­en­tie­rung und Mode­ra­ti­on steu­ern.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Die Bes­te aller Wel­ten wäre eine Digi­po­lis, in der Big Data und KI nicht nur für öko­no­mi­sche Zwe­cke genutzt wer­den, son­dern auch für das Gemein­wohl. Zum Bei­spiel kann die Digi­ta­li­sie­rung zur Res­sour­cen­scho­nung bei­tra­gen sowie für neue Mobi­li­täts­sys­te­me oder medi­zi­ni­sche For­schung und Anwen­dung hilf­reich sein. Die stei­gen­de Kom­ple­xi­tät der Gesell­schaft, die poli­tisch der­zeit von Popu­lis­ten negiert wird, könn­te durch die Digi­ta­li­sie­rung hand­hab­ba­rer wer­den. Aller­dings braucht es dazu auch ent­spre­chen­de Nar­ra­ti­ve der Digi­ta­li­sie­rung. Die Vor­stel­lung dar­über, was die Digi­ta­li­sie­rung dem Ein­zel­nen und der Gesell­schaft brin­gen könn­te, ist eigent­lich der­zeit eher durch öko­no­mi­sche Nar­ra­ti­ve der Inter­net-Gigan­ten und Tech-Unter­neh­men geprägt. Inwie­weit sie uns mehr Chan­cen­gleich­heit und ein gutes Leben bie­ten kann, wird viel zu wenig reflek­tiert, da die Öko­no­mi­sie­rung unse­rer Wer­te­sys­te­me in allen Berei­chen domi­niert.

 

 

 

 

Im Zen­trum der Tagung ste­hen Fra­gen wie: Wel­che Rol­le spie­len in Zukunft der Mensch und sei­ne spe­zi­fisch mensch­li­chen Leis­tun­gen, sei­ne Denk- und Steue­rungs­fä­hig­kei­ten, sei­ne Ent­schei­dun­gen inklu­si­ve sei­ner Unzu­läng­lich­kei­ten, sei­ne ganz eige­ne Intel­li­genz, sei­ne Wert­vor­stel­lun­gen, sei­ne ethi­schen Hal­tun­gen und Ori­en­tie­run­gen? Sind wir auf dem Weg zum vir­tu­el­len Glück? Um mit Aris­to­te­les zu spre­chen: Wel­che Art von mensch­li­cher Vor­treff­lich­keit wol­len wir in einer von Algo­rith­men gepräg­ten Zukunft anstre­ben, wel­ches Leben leben?

Am 21. Juni 2016 fin­det in Stutt­gart eine medi­en­ethi­sche Tagung zum The­ma „In Pur­su­it of (Vir­tu­al) Hap­pi­ness? Mensch, Maschi­ne, Vir­tu­el­le Rea­li­tät“ statt. Ver­an­stal­ter ist das Insti­tut für digi­ta­le Ethik (IDE), des­sen Bei­rats­mit­glied Prof. Dr. Rafa­el Capur­ro im Inter­view der aktu­el­len agora42 zu lesen ist. Das The­ma der Tagung sind Mensch-Maschi­ne-Inter­ak­tio­nen, die sich im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung ver­viel­facht, aus­dif­fe­ren­ziert und zuneh­mend in unse­ren All­tag ein­ge­schrie­ben haben. Intel­li­gen­te Sys­te­me “ler­nen” dabei anhand gro­ßer Daten­sät­ze und agie­ren zuneh­mend eigen­stän­dig.

Die Ver­an­stal­tung ist öffent­lich und kos­ten­los. Um Anmel­dung bis zum 14.07.2017 wird gebe­ten. Das kom­plet­te Pro­gramm fin­den Sie hier.

Im Vor­feld der Tagung haben wir ein Inter­view mit Frau Prof. Dr. Petra Grimm vom Insti­tut für Digi­ta­le Ethik geführt.

 

 

 

 

 

 

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Probeabo-Digialisierung2
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Leitbilder Probeabo- Big Data, Inter­net der Din­ge, Block­chain oder künst­li­che Intel­li­genz: Was ändert die Digi­ta­li­sie­rung? Wie real ist die vir­tu­el­le Welt? Braucht die Wirt­schaft den Men­schen noch? Machen super­schlaue Maschi­nen uns zu sub­schlau­en Men­schen?

- inklu­si­ve Aus­ga­be Leit­bil­der GRATIS: Mit State­ments von Gun­ter Dueck, Marc Els­berg (“Black­out”), Micha­el Win­ter­hoff (“War­um unse­re Kin­der Tyran­nen wer­den”), Rein­hold Mess­ner, Armin Nas­sehi uvm.

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Reparieren statt Produzieren – Strategien gegen die Verschwendung

Bereits Karl Marx pro­phe­zei­te, dass der Kapi­ta­lis­mus auf­grund sei­nes Wachs­tums­zwangs zur Über­pro­duk­ti­on füh­ren wer­de. Heu­te liegt die Pro­duk­ti­on weit über den mensch­li­chen Bedürf­nis­sen. Damit die stets aufs neue pro­du­zier­ten Waren den­noch gekauft wer­den, gewinnt zum einen das Mar­ke­ting an Bedeu­tung und zeigt uns täg­lich neue Bedürf­nis­se, von denen wir noch gar nichts wuss­ten. Zum ande­ren ver­su­chen die Pro­du­zen­ten sich im Preis­kampf immer wei­ter zu unter­bie­ten. So befin­den wir uns heut­zu­ta­ge in der – aus Kon­su­men­ten­sicht schein­bar luxu­riö­sen – Situa­ti­on, dass alles im Über­fluss und zu abso­lu­ten Dum­ping­prei­sen vor­han­den ist. Die Neu­pro­duk­ti­on ist heu­te so bil­lig, dass uns das Weg­wer­fen bezie­hungs­wei­se das Neu­kau­fen weni­ger kos­tet als das Repa­rie­ren – augen­schein­lich zumin­dest. Denn Bil­lig­prei­se las­sen einen Groß­teil der Kos­ten, die etwa durch Umwelt­schä­den bei der Pro­duk­ti­on oder Ent­sor­gung ent­ste­hen, außer Acht. Ganz zu schwei­gen von einer ande­ren Begleit­erschei­nung: der Aus­beu­tung der Arbeit­neh­mer, die immer dort am stärks­ten ist, wo zu Bil­ligst­prei­sen pro­du­ziert wird.

Reparieren statt Produzieren

Stra­te­gi­en gegen Kon­su­mis­mus und Ver­schwen­dung

 

In Zei­ten der Über­pro­duk­ti­on wird bei einer Reduk­ti­on des Kon­sums eine Kata­stro­phe befürch­tet – man sehe sich nur ein­mal die Kom­men­ta­re an, wenn der GfK-Kon­sum­kli­ma­in­dex län­ge­re Zeit kei­ne Zuwäch­se ver­zeich­net. Umso erstaun­li­cher ist es, wenn dem Kon­sum von minis­te­ria­ler Ebe­ne eine Brem­se ver­ord­net wird. Genau das ist das Ziel eines Geset­zes­ent­wurfs, der im Dezem­ber vom schwe­di­schen Finanz­markt- und Kon­sum­mi­nis­ter Per Bolund zur Abstim­mung ins Par­la­ment ein­ge­bracht wird. Die­ses Gesetz sieht vor, dass die Mehr­wert­steu­er für die Repa­ra­tur von bei­spiels­wei­se Schu­hen oder Fahr­rä­dern von 25 Pro­zent auf 12 Pro­zent gesenkt wird. Zudem sol­len Pri­vat­per­so­nen die Kos­ten der Repa­ra­tur von Haus­halts­ge­rä­ten von ihrer Ein­kom­mens­steu­er abset­zen kön­nen. Bolund will damit ratio­na­le wirt­schaft­li­che Argu­men­te für Repa­ra­tu­ren und län­ge­re Nut­zungs­dau­ern schaf­fen. Er hofft, so den CO2-Aus­stoß und die Umwelt­schä­den, die mit der Pro­duk­ti­on ver­bun­den sind, ver­rin­gern zu kön­nen und gleich­zei­tig zahl­rei­che neue Jobs für hand­werk­lich Begab­te – bei­spiels­wei­se Flücht­lin­ge – zu schaf­fen. Mit den Repa­ra­tu­ren vor Ort wür­de die hei­mi­sche Wirt­schaft gestärkt und man wäre nicht mehr so sehr von Bil­lig­lohn­län­dern und bil­ligs­ten Roh­stof­fen abhän­gig.

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iFi­xit – die euro­päi­sche Repa­ra­tur­com­mu­ni­ty

Die Repa­ra­tur­com­mu­ni­ty iFi­xit aus Stutt­gart sam­melt Repa­ra­tur­anlei­tung und Tipps in einem umfas­sen­den Online­hand­buch. Ihr Ziel ist es, für alle Elek­tro­nik­ge­rä­te pas­sen­de Repa­ra­tur­anlei­tun­gen zur Ver­fü­gung zu stel­len und für die Res­sour­cen und Geld­beu­tel scho­nen­de Selbstre­pa­ra­tur zu begeis­tern.

iFi­xit ist für die nächs­ten 3 Mona­te auch mit einem Laden in Stutt­gart ver­tre­ten: im Flu­xus, der Tem­pora­ry Con­cept Mall in der Cal­wer Pas­sa­ge in Stutt­gart kann man sei­ne kaput­ten Elek­tro­ge­rä­te wie­der in Schuss brin­gen. Dank diver­ser Spe­zi­al­werk­zeu­ge, aus­führ­li­cher Repa­ra­tur­anlei­tun­gen und fach­kun­di­gen Hel­fern vor Ort, ist die Selbstre­pa­ra­tur kin­der­leicht. Unbe­dingt aus­pro­bie­ren!

Nach der Krise ist vor der Krise – Die Aktualität John Maynard Keynes’

80 Jah­re nach sei­nen Erschei­nen in Deutsch­land bringt der Ver­lag Duncker & Hum­blot “Die all­ge­mei­ne Theo­rie der Beschäf­ti­gung, des Zin­ses und des Gel­des” in einer Neu­über­set­zung von Nico­la Lie­bert her­aus. Sie ist dank zeit­ge­mä­ßer Spra­che und dem gut les­ba­ren Stil deut­lich bes­ser ver­ständ­lich als die ursprüng­li­che Über­set­zung.

 

Nach der Krise ist vor der Krise – Die Aktualität John Maynard Keynes’

Hohe Arbeits­lo­sig­keit gepaart mit Nach­fra­ge­schwä­che in den euro­päi­schen Kri­sen­län­dern, eine wach­sen­de Kon­zen­tra­ti­on von Ein­kom­men und Ver­mö­gen in den Hän­den Weni­ger, die Auf­kün­di­gung von Han­dels­ver­trä­gen, Pro­tek­tio­nis­mus­plä­ne à la Donald Trump und Krie­ge, die durch den Kampf um Märk­te befeu­ert wer­den: Keynes Theo­rie ist aktu­el­ler denn je! So resü­mier­te er 1936 nach den Kri­sen­jah­ren:

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Die Neu­über­set­zung wur­de sprach­lich deut­lich ver­bes­sert. Zum Ver­grö­ßern bit­te ankli­cken.

Krie­ge haben meh­re­re Ursa­chen. Dik­ta­to­ren und ande­re, denen der Krieg, zumin­dest in ihrer Erwar­tung, ein reiz­vol­les Ver­gnü­gen bie­tet, haben es leicht, die natür­li­che Kriegs­lust ihrer Völ­ker aus­zu­nut­zen. Aber dar­über hin­aus erleich­tern es ihnen öko­no­mi­sche Kriegs­ur­sa­chen, nament­lich der Bevöl­ke­rungs­druck und der Wett­streit um Märk­te, die Flam­me der Gewalt anzu­fa­chen. Es ist wohl der zwei­te Fak­tor, wel­cher im 19. Jahr­hun­dert eine ent­schei­den­de Rol­le gespielt hat und sie auch in Zukunft wie­der spie­len könn­te, der für die­se Debat­te beson­ders rele­vant ist.

Wie ich im vor­an­ge­gan­ge­nen Kapi­tel erläu­tert habe, stand in einem von inlän­di­schem Lais­sez-fai­re und einem inter­na­tio­na­len Gold­stan­dard gepräg­ten Sys­tem, wie es in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts die Regel war, den Regie­run­gen kein ande­res Mit­tel zur Lin­de­rung wirt­schaft­li­cher Not im eige­nen Land zur Ver­fü­gung als der Kampf um Märk­te. Denn alle zur Bekämp­fung eines Zustands chro­ni­scher oder peri­odi­scher Unter­be­schäf­ti­gung geeig­ne­ten Maß­nah­men waren aus­ge­schlos­sen mit Aus­nah­me von Maß­nah­men auf der Ein­nah­me­sei­te durch eine Ver­bes­se­rung der Han­dels­bi­lanz.

Zwar haben Öko­no­men gewöhn­lich das vor­herr­schen­de inter­na­tio­na­le Wirt­schafts­sys­tem dafür gelobt, dass es die Früch­te der inter­na­tio­na­len Arbeits­tei­lung lie­fer­te und zugleich für einen Inter­es­sen­aus­gleich zwi­schen den ver­schie­de­nen Natio­nen sor­ge, aber dahin­ter ver­bar­gen sich weni­ger harm­lo­se Aus­wir­kun­gen. Poli­ti­ker, die um den Wohl­stand eines rei­chen alten Lan­des fürch­te­ten, das den Wett­streit um Märk­te ver­nach­läs­sig­te, zeig­ten gesun­den Men­schen­ver­stand und eine rich­ti­ge Ein­schät­zung des wah­ren Laufs der Din­ge. Wenn aber Natio­nen erler­nen kön­nen, durch innen­po­li­ti­sche Maß­nah­men Voll­be­schäf­ti­gung zu erzie­len (und wir soll­ten hin­zu­fü­gen, wenn sie auch bei der Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung ein Gleich­ge­wicht errei­chen), brau­chen kei­ne nen­nens­wer­ten wirt­schaft­li­chen Kräf­te ein­kal­ku­liert zu wer­den, durch die die Inter­es­sen eines Lan­des in Kon­flikt mit denen sei­ner Nach­barn gerie­ten. Es gäbe immer noch Spiel­raum für die inter­na­tio­na­le Arbeits­tei­lung und den inter­na­tio­na­len Kre­dit­ver­kehr zu ange­mes­se­nen Bedin­gun­gen. Hin­ge­gen bestün­de kein zwin­gen­der Grund mehr, war­um ein Land einem ande­ren sei­ne Waren auf­zwin­gen oder das Ange­bot sei­nes Nach­barn zurück­wei­sen müss­te, und das nicht etwa, weil es das für die Bezah­lung sei­ner Ein­käu­fe nötig hät­te, son­dern mit dem aus­drück­li­chen Ziel, das Zah­lungs­gleich­ge­wicht zu stö­ren, um die Han­dels­bi­lanz zu sei­nen eige­nen Guns­ten zu ver­bes­sern. Der Welt­han­del wäre nicht mehr das, was er ist, näm­lich ein ver­zwei­fel­tes Mit­tel, die Beschäf­ti­gung im Inland zu schüt­zen, indem den Aus­lands­märk­ten Güter auf­ge­zwun­gen und Impor­te ein­ge­schränkt wer­den, was im Erfolgs­fall das Pro­blem der Arbeits­lo­sig­keit ledig­lich auf den im Kampf unter­le­ge­nen Nach­barn schiebt. Er wäre viel­mehr ein frei­wil­li­ger und unge­hin­der­ter Aus­tausch von Waren und Dienst­leis­tun­gen zum bei­der­sei­ti­gen Vor­teil.”

Das klingt nach einer Uto­pie. Viel­leicht soll­te sie jedes neu gewähl­te Staats­ober­haupt ein­mal lesen…

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Keynes Allgemeine TheorieDer Text­aus­zug wur­de freund­li­cher­wei­se vom Ver­lag Duncker & Hum­blot zur Ver­fü­gung gestellt: Sei­te 315 f. aus John May­nard Keynes, All­ge­mei­ne Theo­rie der Beschäf­ti­gung, des Zin­ses und des Gel­des; Neu­über­set­zung 2017; ISBN 978–3-15048–9.