Interview mit Nora Sophie Griefahn & Tim Janßen

Am 20. und 21. Okto­ber fin­det an der Leu­pha­na Uni­ver­si­ty of Lüne­burg der all­jähr­li­che Crad­le­To­Crad­le (C2C) Kon­gress statt. Was sich hin­ter dem Bergriff C2C ver­birgt, dürf­te den meis­ten von euch ein Begriff sein. Hier die Defi­ni­ti­on vom der Home­page des C2C-Ver­eins:

Umwelt­schutz kann nur funk­tio­nie­ren, wenn Pro­duk­te und Pro­zes­se vom Anfang her gedacht und im Hin­blick auf ihre gesam­te Nut­zungs­dau­er ent­wi­ckelt wer­den. Vor­bild für Crad­le to Crad­le ist die Natur, von der sich die drei Crad­le to Crad­le-Prin­zi­pi­en ablei­ten:

  • Abfall ist Nah­rung oder Nah­rung ist Nah­rung: Alles wird zu Nah­rung oder Nähr­stof­fen für etwas ande­res.
  • Nut­zung erneu­er­ba­rer Ener­gi­en: Die Ener­gie ent­springt Son­ne, Wind, Was­ser und Erde.
  • Unter­stüt­zung von Diver­si­tät: Es gibt eine schier unend­li­che Viel­falt.

 

Wie auch im letz­ten Jahr unter­stützt die agora42 den Kon­gress wie­der als Medi­en­part­ner. Im Rah­men die­ser Koope­ra­ti­on spra­chen wir im letz­ten Jahr mit den Orga­ni­sa­to­ren über den Ansatz des C2C und die prak­ti­sche Umset­zung des C2C-Prin­zips. In die­sem Jahr befrag­ten wir die Orga­ni­sa­to­ren zu der prak­ti­schen Umset­zung und  was es für die Wirt­schaft und Gesell­schaft bedeu­ten wür­de, wenn eine Umstel­lung auf C2C gelin­gen wür­de.

 

Bis­lang kön­nen Fir­men sich frei­wil­lig C2C zer­ti­fi­zie­ren las­sen. Haben aber nicht gera­de die jüngs­ten Vor­komm­nis­se in der Auto­mo­bil­in­dus­trie gezeigt, dass frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tun­gen zu nichts Guten füh­ren? Müss­te es nicht das Ziel sein, dass die kom­plet­te Wirt­schaft (Pro­duk­ti­on, Dienst­leis­tung etc.) nach dem C2C-Prin­zi­pi­en ver­fährt?

Natür­lich wün­schen wir uns, dass die kom­plet­te Wirt­schaft nach C2C Prin­zi­pi­en ver­fährt. Wir brau­chen eine Wirt­schaft und Gesell­schaft, die nach C2C Denk­schu­le und Design­kon­zept han­delt und nicht nur ein­zel­ne zer­ti­fi­zier­te Pro­duk­te. Her­stel­len­de und Kund*innen for­dern heut­zu­ta­ge Zer­ti­fi­zie­run­gen. Das reicht aller­dings noch nicht aus – die Zukunft stel­len wir uns anders vor. Wir müs­sen die Men­schen als Nütz­lin­ge auf der Welt ver­ste­hen, unse­ren der­zei­ti­gen Qua­li­täts­be­griff sowie die Auf­ga­be der Wirt­schaft über­den­ken. Wirt­schaft und Umwelt­schutz dür­fen nicht als Geg­ner han­deln, son­dern gemein­sa­me Zie­le ver­fol­gen. Das funk­tio­niert jedoch nicht, wenn wir den Fuß­ab­druck nur mini­mie­ren. Wir brau­chen eine Welt in der es selbst­ver­ständ­lich ist nach C2C zu pro­du­zie­ren – Zu wis­sen, was in unse­ren Pro­duk­ten steckt und dass nach der Nut­zung kein Müll übrig bleibt muss von allen Men­schen als Qua­li­täts­merk­mal ver­stan­den wer­den, für das es kei­ne wirk­li­chen Alter­na­ti­ven gibt. Uns muss klar­wer­den, dass wir gesun­de Pro­duk­te brau­chen, dass kei­ne Schad­stof­fe in die Umwelt gelan­gen dür­fen, dass wir kei­ne Roh­stof­fe ver­brau­chen dür­fen, son­dern das wir Pro­duk­te für Kreis­läu­fe desi­gnen müs­sen. Den­noch ist eine frei­wil­li­ge Selbst­ver­pflich­tung bei­spiels­wei­se durch Zer­ti­fi­zie­rung ein ers­ter guter Schritt hin zu einer C2C Öko­no­mie.

Wäre so etwas über­haupt rea­lis­tisch, da in einem sol­chen Fall viel zu vie­le Infor­ma­tio­nen berück­sich­tigt und bewer­tet wer­den müss­ten? Sprich, wäre eine Wirt­schaft, die kon­se­quent nach dem C2C-Prin­zip ver­fährt nur in einer Plan­wirt­schaft mög­lich? Oder müss­te man die Viel­falt der Pro­duk­te dra­ma­tisch ein­schrän­ken?

Weder das eine noch das ande­re. Das hat nichts mit Plan­wirt­schaft zu tun oder mit Ein­schrän­kun­gen hin­sicht­lich von Pro­dukt­viel­falt. Es müs­sen kla­re Nut­zungs­sze­na­ri­en defi­niert wer­den: Neh­men wir ein Auto oder ein Fahr­rad. Die Rei­fen nut­zen sich ab und müs­sen als Ver­brauchs­gü­ter gese­hen wer­den. Momen­tan lan­den gif­ti­ge Par­ti­kel der Rei­fen in der Umwelt. Statt­des­sen soll­ten sie für den bio­lo­gi­schen Kreis­lauf designt sein, so dass sie kei­nen Scha­den anrich­ten – sie bes­ten­falls sogar posi­tiv auf die Umwelt ein­wir­ken. Der Rah­men des Fahr­rads soll­te als Gebrauchs­gut kom­plett demon­tier­bar sein, so dass kei­ne Mate­ria­li­en ver­lo­ren gehen, sie statt­des­sen im tech­ni­schen Kreis­lauf zir­ku­lie­ren. Man darf nicht von einer Lebens­dau­er eines Pro­duk­tes reden, son­dern defi­nie­ren, was nach der Nut­zung eines Pro­duk­tes damit geschieht. Sol­che Sze­na­ri­en müs­sen in der Gesell­schaft gemein­sam gere­gelt wer­den, das kann der Markt machen, das kann auch poli­tisch bzw. staat­lich gere­gelt wer­den. Grund­sätz­lich ist es wich­tig, dass trans­pa­rent damit umge­gan­gen wird, was in Pro­duk­ten ent­hal­ten ist. Die bis­he­ri­ge frei-von-Men­ta­li­tät hilft uns nicht wei­ter, da ggf. ande­re schäd­li­che Stof­fe als Alter­na­ti­ve ver­wen­det wer­den. Her­stel­len­de müs­sen wis­sen, was in ihren Pro­duk­ten ent­hal­ten ist. C2C ist dabei nur ein ver­gleichs­wei­se klei­ner Schritt, wenn man weiß, was im Pro­dukt drin ist. Hier besteht momen­tan aber noch ein Pro­blem. Durch Fremd­fer­ti­gung etc. gibt es zum Teil nur unge­nü­gen­des Wis­sen über das eige­ne Pro­dukt. So kann es defi­ni­tiv nicht wei­ter­ge­hen.

Kann man mit dem C2C-Prin­zip auch sozia­le Miss­stän­de in den Blick neh­men? Taugt es, um ein gerech­te­res Wirt­schafts­sys­tem zu ent­wer­fen?

Auf jeden Fall! Nach C2C soll alles gesund für Mensch und Umwelt pro­du­ziert wer­den. Das schließt nicht nur die Men­schen ein, die das Pro­dukt nut­zen, son­dern auch die­je­ni­gen, die es her­stel­len. Es darf nicht sein, dass Men­schen, die T-Shirts ein­fär­ben an Haut­krank­hei­ten lei­den oder Atem­wegs­er­kran­kun­gen bekom­men. Fai­re und gesun­de Arbeits­be­din­gun­gen sind ein wich­ti­ges Qua­li­täts­merk­mal für C2C.
Ein gerech­tes Wirt­schafts­sys­tem bedeu­tet kei­ne Men­schen aus­zu­beu­ten und macht weder die Her­stel­len­den noch die Nutzer*innen krank. Roh­stof­fe müs­sen in Kreis­läu­fen zir­ku­lie­ren, damit sie für zukünf­ti­ge Gene­ra­tio­nen erhal­ten blei­ben. Wir müs­sen sau­be­ren Ener­gie nut­zen und nicht auf fos­si­le Brenn­stof­fe set­zen, da durch den Kli­ma­wan­del im Zwei­fel vor allem die Ärms­ten auf der Welt betrof­fen sind. Für ein gerech­tes Wirt­schafts­sys­tem müs­sen wir gesamt­ge­sell­schaft­li­che Pro­ble­me berück­sich­ti­gen und nicht nur den Pro­fit betrach­ten. Und genau das tun wir mit C2C, wir stel­len Umwelt, Wirt­schaft Kul­tur und Sozia­les auf eine Ebe­ne.

Nora Sophie Grie­f­ahn & Tim Jan­ßen

 

Digipolis: Die Beste aller Welten – Interview mit Petra Grimm

Digipolis: Die Beste aller Welten

Inter­view mit Petra Grimm vom Insti­tut für Digi­ta­le Ethik

 

Rafa­el Capur­ro, der auch Bei­rats­mit­glied des Insti­tuts für Digi­ta­le Ethik ist, spricht in unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be von einem glo­ba­len Cyber­ta­ri­at, das sich frei­wil­lig zum Skla­ven der IT-Gigan­ten gemacht hat. Sieht er die Situa­ti­on zu kri­tisch?

Prof. Dr. Petra Grimm ist Lei­te­rin des Insti­tuts für Digi­ta­le Ethik an der Hoch­schu­le der Medi­en in Stutt­gart.

Ich wür­de ergän­zend dazu von einer digi­ta­len Olig­ar­chie spre­chen, bei der sich die Markt­macht bezüg­lich digi­ta­ler Ange­bo­te, Infra­struk­tur und Ent­wick­lung auf weni­ge Unter­neh­men kon­zen­triert. Dass die Nut­zer sich nicht gegen die Data­fi­zie­rung ihrer Pri­vat­sphä­re auf­leh­nen und sich kei­ne Gedan­ken über den zuneh­men­den Ver­lust ihrer Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­frei­heit machen, hängt zum einen mit der man­geln­den Auf­klä­rung über die Fol­gen und zum ande­ren mit der man­geln­den daten­öko­lo­gi­schen Ver­ant­wor­tung der Unter­neh­men und Poli­tik zusam­men. Zum Bei­spiel habe ich ges­tern mit einem Gym­na­si­as­ten der 11. Klas­se über das The­ma Daten­schutz und Digi­tal­kom­pe­tenz gespro­chen, er hat­te in der Schu­le noch nie davon gehört. Das zeigt recht gut, dass wir noch einen hohen Bedarf an Auf­klä­rung haben und Pri­vat­heits­kom­pe­tenz brau­chen.

 

Eine der zen­tra­len The­men der Tagung „In pur­su­it of (vir­tu­al) hap­pi­ness?“ ist die Fra­ge, ob wir eine Ethik der Algo­rith­men brau­chen. Was kann man sich unter einer Ethik der Algo­rith­men vor­stel­len?

Eine Ethik der Algo­rith­men befasst sich mit den Aus­wir­kun­gen von Big Data und Künst­li­cher Intel­li­genz (KI) auf den Ein­zel­nen und die Gesell­schaft. Intel­li­gen­te Sys­te­me wer­den zukünf­tig in vie­len Lebens­be­rei­chen Ent­schei­dun­gen (selbst­stän­dig) tref­fen und damit die Hand­lungs­fä­hig­keit und Hand­lungs­mäch­tig­keit jedes Ein­zel­nen beein­flus­sen. Die zen­tra­le ethi­sche Her­aus­for­de­rung wird sein, intel­li­gen­te Sys­te­me human­ge­recht und wer­te­ori­en­tiert zu gestal­ten. Das heißt, das Ziel der tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung soll­te sein, nicht nur Pro­zes­se zu opti­mie­ren und öko­no­mi­sche Effi­zi­enz zu erzie­len, son­dern auch unse­re Lebens­si­tua­ti­on zu ver­bes­sern, unse­re Hand­lungs­mög­lich­kei­ten zu erwei­tern und unse­re Auto­no­mie zu wah­ren. Eine human­ge­rech­te Ein­bin­dung intel­li­gen­ter Sys­te­me in hoch­kom­ple­xe Gesell­schaf­ten ist kei­ne indi­vi­du­el­le Ange­le­gen­heit, son­dern eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be. Des­halb braucht es einen gesell­schaft­li­chen Kon­sens dar­über, wie die Mensch-Sys­tem-Inter­ak­ti­on kon­trol­lier- und steu­er­bar ist.

 

Man geht davon aus, dass intel­li­gen­te Sys­te­me (Algo­rith­men) sich bald selbst­stän­dig ent­wi­ckeln wer­den. Damit wer­den sie zuneh­mend zu einer Black­box, sprich, man kann nicht mehr nach­voll­zie­hen, wie genau ihre Ent­schei­dungs­fin­dung ver­läuft. Kön­nen wir inso­fern nur noch dar­auf hof­fen, dass die Algo­rith­men eine eige­ne Ethik her­aus­bil­den?

Die Algo­rith­men kön­nen nicht selbst eine Ethik bil­den. Sobald Maschi­nen nicht mehr von Men­schen steu­er- und kon­trol­lier­bar sind, haben wir ein Pro­blem. Den Ste­cker zu zie­hen, ist kei­ne rea­lis­ti­sche Opti­on. Die zen­tra­le Her­aus­for­de­rung wird sein, ein Value-Based-Design zu ent­wi­ckeln, mit dem man bei selbst­ler­nen­den Maschi­nen (Machi­ne Learning, Deep Learning) ethi­sche Wer­te und Nor­men schon in der Ent­wick­lung imple­men­tie­ren kann. Um in der All­tags­pra­xis Ver­trau­en in intel­li­gen­te Sys­te­me zu bekom­men, bedarf es aus­rei­chen­der Infor­ma­tio­nen über deren Funk­ti­ons­wei­se und mög­li­che Kon­se­quen­zen. Des Wei­te­ren müs­sen die Sys­tem­me­cha­nis­men trans­pa­rent sein, um dar­aus Erkennt­nis­se für das eige­ne Han­deln ablei­ten und selbst bestim­men zu kön­nen, ob und in wel­chem Aus­maß man ihnen Ver­trau­en schen­ken kann. Hilf­reich hier­für wäre ein inter­dis­zi­pli­nä­rer Ansatz, der Infor­ma­tik und Ethik ver­knüpft. Eine Ethik der Algo­rith­men kann als Navi­ga­ti­ons­in­stru­ment die­sen Pro­zess durch Refle­xi­on, Ori­en­tie­rung und Mode­ra­ti­on steu­ern.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?

Die Bes­te aller Wel­ten wäre eine Digi­po­lis, in der Big Data und KI nicht nur für öko­no­mi­sche Zwe­cke genutzt wer­den, son­dern auch für das Gemein­wohl. Zum Bei­spiel kann die Digi­ta­li­sie­rung zur Res­sour­cen­scho­nung bei­tra­gen sowie für neue Mobi­li­täts­sys­te­me oder medi­zi­ni­sche For­schung und Anwen­dung hilf­reich sein. Die stei­gen­de Kom­ple­xi­tät der Gesell­schaft, die poli­tisch der­zeit von Popu­lis­ten negiert wird, könn­te durch die Digi­ta­li­sie­rung hand­hab­ba­rer wer­den. Aller­dings braucht es dazu auch ent­spre­chen­de Nar­ra­ti­ve der Digi­ta­li­sie­rung. Die Vor­stel­lung dar­über, was die Digi­ta­li­sie­rung dem Ein­zel­nen und der Gesell­schaft brin­gen könn­te, ist eigent­lich der­zeit eher durch öko­no­mi­sche Nar­ra­ti­ve der Inter­net-Gigan­ten und Tech-Unter­neh­men geprägt. Inwie­weit sie uns mehr Chan­cen­gleich­heit und ein gutes Leben bie­ten kann, wird viel zu wenig reflek­tiert, da die Öko­no­mi­sie­rung unse­rer Wer­te­sys­te­me in allen Berei­chen domi­niert.

 

 

 

 

Im Zen­trum der Tagung ste­hen Fra­gen wie: Wel­che Rol­le spie­len in Zukunft der Mensch und sei­ne spe­zi­fisch mensch­li­chen Leis­tun­gen, sei­ne Denk- und Steue­rungs­fä­hig­kei­ten, sei­ne Ent­schei­dun­gen inklu­si­ve sei­ner Unzu­läng­lich­kei­ten, sei­ne ganz eige­ne Intel­li­genz, sei­ne Wert­vor­stel­lun­gen, sei­ne ethi­schen Hal­tun­gen und Ori­en­tie­run­gen? Sind wir auf dem Weg zum vir­tu­el­len Glück? Um mit Aris­to­te­les zu spre­chen: Wel­che Art von mensch­li­cher Vor­treff­lich­keit wol­len wir in einer von Algo­rith­men gepräg­ten Zukunft anstre­ben, wel­ches Leben leben?

Am 21. Juni 2016 fin­det in Stutt­gart eine medi­en­ethi­sche Tagung zum The­ma „In Pur­su­it of (Vir­tu­al) Hap­pi­ness? Mensch, Maschi­ne, Vir­tu­el­le Rea­li­tät“ statt. Ver­an­stal­ter ist das Insti­tut für digi­ta­le Ethik (IDE), des­sen Bei­rats­mit­glied Prof. Dr. Rafa­el Capur­ro im Inter­view der aktu­el­len agora42 zu lesen ist. Das The­ma der Tagung sind Mensch-Maschi­ne-Inter­ak­tio­nen, die sich im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung ver­viel­facht, aus­dif­fe­ren­ziert und zuneh­mend in unse­ren All­tag ein­ge­schrie­ben haben. Intel­li­gen­te Sys­te­me “ler­nen” dabei anhand gro­ßer Daten­sät­ze und agie­ren zuneh­mend eigen­stän­dig.

Die Ver­an­stal­tung ist öffent­lich und kos­ten­los. Um Anmel­dung bis zum 14.07.2017 wird gebe­ten. Das kom­plet­te Pro­gramm fin­den Sie hier.

Im Vor­feld der Tagung haben wir ein Inter­view mit Frau Prof. Dr. Petra Grimm vom Insti­tut für Digi­ta­le Ethik geführt.

 

 

 

 

 

 

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Probeabo-Digialisierung2
+++ Jetzt gibt es die agora42 zum The­ma DIGITALISIERUNG im güns­ti­gen PROBEABO +++

Leitbilder Probeabo- Big Data, Inter­net der Din­ge, Block­chain oder künst­li­che Intel­li­genz: Was ändert die Digi­ta­li­sie­rung? Wie real ist die vir­tu­el­le Welt? Braucht die Wirt­schaft den Men­schen noch? Machen super­schlaue Maschi­nen uns zu sub­schlau­en Men­schen?

- inklu­si­ve Aus­ga­be Leit­bil­der GRATIS: Mit State­ments von Gun­ter Dueck, Marc Els­berg (“Black­out”), Micha­el Win­ter­hoff (“War­um unse­re Kin­der Tyran­nen wer­den”), Rein­hold Mess­ner, Armin Nas­sehi uvm.

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Reparieren statt Produzieren – Strategien gegen die Verschwendung

Bereits Karl Marx pro­phe­zei­te, dass der Kapi­ta­lis­mus auf­grund sei­nes Wachs­tums­zwangs zur Über­pro­duk­ti­on füh­ren wer­de. Heu­te liegt die Pro­duk­ti­on weit über den mensch­li­chen Bedürf­nis­sen. Damit die stets aufs neue pro­du­zier­ten Waren den­noch gekauft wer­den, gewinnt zum einen das Mar­ke­ting an Bedeu­tung und zeigt uns täg­lich neue Bedürf­nis­se, von denen wir noch gar nichts wuss­ten. Zum ande­ren ver­su­chen die Pro­du­zen­ten sich im Preis­kampf immer wei­ter zu unter­bie­ten. So befin­den wir uns heut­zu­ta­ge in der – aus Kon­su­men­ten­sicht schein­bar luxu­riö­sen – Situa­ti­on, dass alles im Über­fluss und zu abso­lu­ten Dum­ping­prei­sen vor­han­den ist. Die Neu­pro­duk­ti­on ist heu­te so bil­lig, dass uns das Weg­wer­fen bezie­hungs­wei­se das Neu­kau­fen weni­ger kos­tet als das Repa­rie­ren – augen­schein­lich zumin­dest. Denn Bil­lig­prei­se las­sen einen Groß­teil der Kos­ten, die etwa durch Umwelt­schä­den bei der Pro­duk­ti­on oder Ent­sor­gung ent­ste­hen, außer Acht. Ganz zu schwei­gen von einer ande­ren Begleit­erschei­nung: der Aus­beu­tung der Arbeit­neh­mer, die immer dort am stärks­ten ist, wo zu Bil­ligst­prei­sen pro­du­ziert wird.

Reparieren statt Produzieren

Stra­te­gi­en gegen Kon­su­mis­mus und Ver­schwen­dung

 

In Zei­ten der Über­pro­duk­ti­on wird bei einer Reduk­ti­on des Kon­sums eine Kata­stro­phe befürch­tet – man sehe sich nur ein­mal die Kom­men­ta­re an, wenn der GfK-Kon­sum­kli­ma­in­dex län­ge­re Zeit kei­ne Zuwäch­se ver­zeich­net. Umso erstaun­li­cher ist es, wenn dem Kon­sum von minis­te­ria­ler Ebe­ne eine Brem­se ver­ord­net wird. Genau das ist das Ziel eines Geset­zes­ent­wurfs, der im Dezem­ber vom schwe­di­schen Finanz­markt- und Kon­sum­mi­nis­ter Per Bolund zur Abstim­mung ins Par­la­ment ein­ge­bracht wird. Die­ses Gesetz sieht vor, dass die Mehr­wert­steu­er für die Repa­ra­tur von bei­spiels­wei­se Schu­hen oder Fahr­rä­dern von 25 Pro­zent auf 12 Pro­zent gesenkt wird. Zudem sol­len Pri­vat­per­so­nen die Kos­ten der Repa­ra­tur von Haus­halts­ge­rä­ten von ihrer Ein­kom­mens­steu­er abset­zen kön­nen. Bolund will damit ratio­na­le wirt­schaft­li­che Argu­men­te für Repa­ra­tu­ren und län­ge­re Nut­zungs­dau­ern schaf­fen. Er hofft, so den CO2-Aus­stoß und die Umwelt­schä­den, die mit der Pro­duk­ti­on ver­bun­den sind, ver­rin­gern zu kön­nen und gleich­zei­tig zahl­rei­che neue Jobs für hand­werk­lich Begab­te – bei­spiels­wei­se Flücht­lin­ge – zu schaf­fen. Mit den Repa­ra­tu­ren vor Ort wür­de die hei­mi­sche Wirt­schaft gestärkt und man wäre nicht mehr so sehr von Bil­lig­lohn­län­dern und bil­ligs­ten Roh­stof­fen abhän­gig.

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iFi­xit – die euro­päi­sche Repa­ra­tur­com­mu­ni­ty

Die Repa­ra­tur­com­mu­ni­ty iFi­xit aus Stutt­gart sam­melt Repa­ra­tur­anlei­tung und Tipps in einem umfas­sen­den Online­hand­buch. Ihr Ziel ist es, für alle Elek­tro­nik­ge­rä­te pas­sen­de Repa­ra­tur­anlei­tun­gen zur Ver­fü­gung zu stel­len und für die Res­sour­cen und Geld­beu­tel scho­nen­de Selbstre­pa­ra­tur zu begeis­tern.

iFi­xit ist für die nächs­ten 3 Mona­te auch mit einem Laden in Stutt­gart ver­tre­ten: im Flu­xus, der Tem­pora­ry Con­cept Mall in der Cal­wer Pas­sa­ge in Stutt­gart kann man sei­ne kaput­ten Elek­tro­ge­rä­te wie­der in Schuss brin­gen. Dank diver­ser Spe­zi­al­werk­zeu­ge, aus­führ­li­cher Repa­ra­tur­anlei­tun­gen und fach­kun­di­gen Hel­fern vor Ort, ist die Selbstre­pa­ra­tur kin­der­leicht. Unbe­dingt aus­pro­bie­ren!

Nach der Krise ist vor der Krise – Die Aktualität John Maynard Keynes’

80 Jah­re nach sei­nen Erschei­nen in Deutsch­land bringt der Ver­lag Duncker & Hum­blot “Die all­ge­mei­ne Theo­rie der Beschäf­ti­gung, des Zin­ses und des Gel­des” in einer Neu­über­set­zung von Nico­la Lie­bert her­aus. Sie ist dank zeit­ge­mä­ßer Spra­che und dem gut les­ba­ren Stil deut­lich bes­ser ver­ständ­lich als die ursprüng­li­che Über­set­zung.

 

Nach der Krise ist vor der Krise – Die Aktualität John Maynard Keynes’

Hohe Arbeits­lo­sig­keit gepaart mit Nach­fra­ge­schwä­che in den euro­päi­schen Kri­sen­län­dern, eine wach­sen­de Kon­zen­tra­ti­on von Ein­kom­men und Ver­mö­gen in den Hän­den Weni­ger, die Auf­kün­di­gung von Han­dels­ver­trä­gen, Pro­tek­tio­nis­mus­plä­ne à la Donald Trump und Krie­ge, die durch den Kampf um Märk­te befeu­ert wer­den: Keynes Theo­rie ist aktu­el­ler denn je! So resü­mier­te er 1936 nach den Kri­sen­jah­ren:

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Die Neu­über­set­zung wur­de sprach­lich deut­lich ver­bes­sert. Zum Ver­grö­ßern bit­te ankli­cken.

Krie­ge haben meh­re­re Ursa­chen. Dik­ta­to­ren und ande­re, denen der Krieg, zumin­dest in ihrer Erwar­tung, ein reiz­vol­les Ver­gnü­gen bie­tet, haben es leicht, die natür­li­che Kriegs­lust ihrer Völ­ker aus­zu­nut­zen. Aber dar­über hin­aus erleich­tern es ihnen öko­no­mi­sche Kriegs­ur­sa­chen, nament­lich der Bevöl­ke­rungs­druck und der Wett­streit um Märk­te, die Flam­me der Gewalt anzu­fa­chen. Es ist wohl der zwei­te Fak­tor, wel­cher im 19. Jahr­hun­dert eine ent­schei­den­de Rol­le gespielt hat und sie auch in Zukunft wie­der spie­len könn­te, der für die­se Debat­te beson­ders rele­vant ist.

Wie ich im vor­an­ge­gan­ge­nen Kapi­tel erläu­tert habe, stand in einem von inlän­di­schem Lais­sez-fai­re und einem inter­na­tio­na­len Gold­stan­dard gepräg­ten Sys­tem, wie es in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts die Regel war, den Regie­run­gen kein ande­res Mit­tel zur Lin­de­rung wirt­schaft­li­cher Not im eige­nen Land zur Ver­fü­gung als der Kampf um Märk­te. Denn alle zur Bekämp­fung eines Zustands chro­ni­scher oder peri­odi­scher Unter­be­schäf­ti­gung geeig­ne­ten Maß­nah­men waren aus­ge­schlos­sen mit Aus­nah­me von Maß­nah­men auf der Ein­nah­me­sei­te durch eine Ver­bes­se­rung der Han­dels­bi­lanz.

Zwar haben Öko­no­men gewöhn­lich das vor­herr­schen­de inter­na­tio­na­le Wirt­schafts­sys­tem dafür gelobt, dass es die Früch­te der inter­na­tio­na­len Arbeits­tei­lung lie­fer­te und zugleich für einen Inter­es­sen­aus­gleich zwi­schen den ver­schie­de­nen Natio­nen sor­ge, aber dahin­ter ver­bar­gen sich weni­ger harm­lo­se Aus­wir­kun­gen. Poli­ti­ker, die um den Wohl­stand eines rei­chen alten Lan­des fürch­te­ten, das den Wett­streit um Märk­te ver­nach­läs­sig­te, zeig­ten gesun­den Men­schen­ver­stand und eine rich­ti­ge Ein­schät­zung des wah­ren Laufs der Din­ge. Wenn aber Natio­nen erler­nen kön­nen, durch innen­po­li­ti­sche Maß­nah­men Voll­be­schäf­ti­gung zu erzie­len (und wir soll­ten hin­zu­fü­gen, wenn sie auch bei der Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung ein Gleich­ge­wicht errei­chen), brau­chen kei­ne nen­nens­wer­ten wirt­schaft­li­chen Kräf­te ein­kal­ku­liert zu wer­den, durch die die Inter­es­sen eines Lan­des in Kon­flikt mit denen sei­ner Nach­barn gerie­ten. Es gäbe immer noch Spiel­raum für die inter­na­tio­na­le Arbeits­tei­lung und den inter­na­tio­na­len Kre­dit­ver­kehr zu ange­mes­se­nen Bedin­gun­gen. Hin­ge­gen bestün­de kein zwin­gen­der Grund mehr, war­um ein Land einem ande­ren sei­ne Waren auf­zwin­gen oder das Ange­bot sei­nes Nach­barn zurück­wei­sen müss­te, und das nicht etwa, weil es das für die Bezah­lung sei­ner Ein­käu­fe nötig hät­te, son­dern mit dem aus­drück­li­chen Ziel, das Zah­lungs­gleich­ge­wicht zu stö­ren, um die Han­dels­bi­lanz zu sei­nen eige­nen Guns­ten zu ver­bes­sern. Der Welt­han­del wäre nicht mehr das, was er ist, näm­lich ein ver­zwei­fel­tes Mit­tel, die Beschäf­ti­gung im Inland zu schüt­zen, indem den Aus­lands­märk­ten Güter auf­ge­zwun­gen und Impor­te ein­ge­schränkt wer­den, was im Erfolgs­fall das Pro­blem der Arbeits­lo­sig­keit ledig­lich auf den im Kampf unter­le­ge­nen Nach­barn schiebt. Er wäre viel­mehr ein frei­wil­li­ger und unge­hin­der­ter Aus­tausch von Waren und Dienst­leis­tun­gen zum bei­der­sei­ti­gen Vor­teil.”

Das klingt nach einer Uto­pie. Viel­leicht soll­te sie jedes neu gewähl­te Staats­ober­haupt ein­mal lesen…

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Keynes Allgemeine TheorieDer Text­aus­zug wur­de freund­li­cher­wei­se vom Ver­lag Duncker & Hum­blot zur Ver­fü­gung gestellt: Sei­te 315 f. aus John May­nard Keynes, All­ge­mei­ne Theo­rie der Beschäf­ti­gung, des Zin­ses und des Gel­des; Neu­über­set­zung 2017; ISBN 978–3-15048–9.

Die Sache mit der Arbeitsfreude – Interview mit Sabine Donauer

Die Sache mit der Arbeitsfreude

Ein Gespräch zwischen Winfried Kretschmer und der Historikerin Sabine Donauer

Was für ein Wan­del: Jahr­tau­sen­de­lang war Arbeit Fron, Last und Mühe, schie­re Pla­cke­rei, ein not­wen­di­ges Übel, um den Lebens­un­ter­halt zu sichern. Heu­te hin­ge­gen erscheint Arbeit als etwas, das Spaß machen, Sinn geben und Erfül­lung stif­ten kann, ja soll. Eine his­to­ri­sche Errun­gen­schaft? Eine jun­ge His­to­ri­ke­rin warnt: Schaut man auf die Unter­neh­men, ist Arbeits­freu­de vor allem Ergeb­nis stra­te­gi­schen Bemü­hens der Wirt­schaft: Ergeb­nis sys­te­ma­ti­scher Gefühls­ar­beit.

 

Frau Donau­er, frap­pie­rend an der Geschich­te der Arbeit ist der tief grei­fen­de Bedeu­tungs­wan­del, den die Arbeit bin­nen ein­ein­halb Jahr­hun­der­ten durch­lau­fen hat: von Fron, Last, Mühe hin zu einer Tätig­keit, die Freu­de stif­tet, Sinn ver­mit­telt und der Selbst­ver­wirk­li­chung dient oder das zumin­dest tun soll. Dies wird ger­ne als his­to­ri­sche Errun­gen­schaft beschrie­ben, als Ent­de­ckung der Freu­de an der Arbeit. Sie sagen nun, hin­ter die­ser Ent­wick­lung ste­he eine Stra­te­gie der Wirt­schaft. Wie das?

sabien-donauer

Sabi­ne Donau­er stu­dier­te Euro­päi­sche Kul­tur­ge­schich­te in Augs­burg, Lei­den, Paris und Oxford sowie Hig­her Edu­ca­ti­on in Har­vard. Für ihre Pro­mo­ti­on wur­de sie mit dem Deut­schen Stu­di­en­preis der Kör­ber-Stif­tung aus­ge­zeich­net. In Buch­form ist die Arbeit unter dem Titel Fak­tor Freu­de in der edi­ti­on Kör­ber-Stif­tung erschie­nen.

Unter­neh­men haben vor über 100 Jah­ren erkannt, dass das Innen­le­ben ihrer Mit­ar­bei­ter auch eine Res­sour­ce ist, mit der sie wirt­schaf­ten kön­nen. Statt zu igno­rie­ren, wie sich der Ange­stell­te bei der Arbeit fühlt, ist es wirt­schaft­lich ratio­na­ler, genau hin­zu­se­hen und zu über­le­gen, wie man den Ein­zel­nen durch die Erzeu­gung posi­ti­ver Gefüh­le zu einer höhe­ren Leis­tung füh­ren kann. Die Rech­nung war leicht auf­zu­ma­chen: Ein res­sen­ti­ment­ge­la­de­ner Arbei­ter ten­diert zu Streik, Sabo­ta­ge, Bum­me­lei und Krank­heits­ta­gen, ein moti­vier­ter Mit­ar­bei­ter hin­ge­gen ist nicht wie “Sand im Getrie­be”, son­dern beschleu­nigt Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se, statt sie zu ver­lang­sa­men.
 
Sie ver­wen­den einen dop­pel­bö­di­gen Begriff dafür: Gefühls­ar­beit. Was ist Gefühls­ar­beit?

Gefühls­ar­beit ist das geziel­te Bemü­hen von Unter­neh­men, auf den Gefühls­haus­halt ihrer Beleg­schaft durch Per­so­nal­ma­nage­ment ein­zu­wir­ken — und zwar so, dass danach weni­ger nega­ti­ve Gefüh­le gegen­über der Arbeit und der Fir­ma vor­han­den sind und bes­ten­falls vie­le posi­ti­ve. Zum Bei­spiel Fas­zi­na­ti­on für die her­ge­stell­ten Pro­duk­te, das Gefühl, dass die Fir­ma nicht nur nüch­ter­ner Arbeits­platz, son­dern wie ein “Zuhau­se” ist, Begeis­te­rung für die jewei­li­gen Arbeits­in­hal­te, und ein Sich­wohl­füh­len mit Kol­le­gen und Vor­ge­setz­ten. Die Metho­den die­ser Gefühls­ar­beit rei­chen von der Raum­ge­stal­tung in Büros und Fabrik­hal­len über Mit­ar­bei­ter­ma­ga­zi­ne und Fir­mene­vents bis zu psy­cho­lo­gi­schen Schu­lun­gen für Vor­ge­setz­te und Team­buil­ding-Maß­nah­men. Am Ende die­ser viel­schich­ti­gen Gefühls­ar­beit steht idea­ler­wei­se ein Mit­ar­bei­ter, der die rich­ti­gen — also posi­ti­ve — Arbeits­ge­füh­le hat.
 
Aus der Per­spek­ti­ve der Arbeit­ge­ber ist die Freu­de an der Arbeit eine Pro­duk­tiv­kraft, ein Pro­duk­ti­ons­fak­tor?

Selbst­ver­ständ­lich, die Idee kommt früh auf. In den 1920er-Jah­ren sagen ins­be­son­de­re die Inge­nieu­re der deut­schen Groß­kon­zer­ne: “Jetzt haben wir so viel in die tech­no­lo­gi­sche Opti­mie­rung von Pro­duk­ti­ons­ab­läu­fen inves­tiert, doch die Fabrik steht still wegen der Arbei­ter­streiks — wir müs­sen auch auf der emo­tio­na­len Ebe­ne für ‚rei­bungs­lo­se‘ Abläu­fe sor­gen.” Das ist die Zeit, in der behag­li­che Kan­ti­nen für Arbei­ter gebaut wer­den, Kauf­häu­ser mit ver­bil­lig­ten Pro­duk­ten für Mit­ar­bei­ter ent­ste­hen sowie fir­men­ei­ge­ne Sport­klubs und Frei­zeit­pro­gram­me — alles, damit die Beleg­schaf­ten “pazi­fi­ziert” wer­den, so der zeit­ge­nös­si­sche Aus­druck.
 
Und was ist sie aus der Sicht der Arbeit­neh­mer — Ideo­lo­gie?

Ich habe nicht die Hal­tung der Arbeit­neh­mer zu die­sen Fra­gen erforscht, ledig­lich die unter­neh­me­ri­sche “Gefühls­ar­beit”. Es gibt jedoch gera­de in unse­rer Gegen­wart inter­es­san­te Beob­ach­tun­gen zu machen: Seit den 1970er-Jah­ren kom­mu­ni­zie­ren Unter­neh­men beson­ders stark in die Rich­tung, dass die Arbeit für den Ein­zel­nen auch “Sinn” stif­tet und dass er sich mit sei­ner Tätig­keit iden­ti­fi­zie­ren kön­nen soll. Nach­dem eine kom­plet­te Gene­ra­ti­on mit die­ser Bot­schaft als Arbeit­neh­mer sozia­li­siert wor­den ist, fragt die soge­nann­te “Gene­ra­ti­on Y” (der ab 1980 Gebo­re­nen) nun kon­se­quen­ter­wei­se ihre Arbeit­ge­ber, inwie­fern der jewei­li­ge Job “Sinn” macht und inwie­fern sie mit ihren per­sön­li­chen Wün­schen nach Ent­wick­lung dar­in vor­kom­men.

Para­do­xer­wei­se tun sich die Unter­neh­men schwer, dar­auf über­zeu­gen­de Ant­wor­ten zu fin­den, obwohl sie die­se Ver­hei­ßung — dass Arbeit indi­vi­du­el­le Sinn­be­dürf­nis­se und das Stre­ben nach Selbst­ver­wirk­li­chung befrie­di­gen kann — seit Jahr­zehn­ten in die Welt set­zen. Es besteht daher zumin­dest — berech­tig­ter­wei­se — die Mög­lich­keit, dass Arbeit­neh­mer die­se Ver­hei­ßun­gen als blo­ße Ideo­lo­gie wahr­neh­men, wenn Unter­neh­men bei genaue­rem Nach­fra­gen kei­ne über­zeu­gen­den Ant­wor­ten auf die Sinn­fra­ge lie­fern kön­nen.
 
Schau­en wir mal his­to­risch genau­er hin. Sie sagen, die­se Ent­wick­lung hat in den 1920er-Jah­ren begon­nen. Und davor? Am Beginn der Indus­tria­li­sie­rung ging es ja vor allem dar­um, die Arbei­ter­schaft zu dis­zi­pli­nie­ren und die dem agra­ri­schen Sek­tor ent­stam­men­den Arbeits­kräf­te an die indus­tri­el­le Pro­duk­ti­ons­wei­se zu gewöh­nen: eine Erzie­hung zu Pflicht und zuver­läs­si­gem Funk­tio­nie­ren. Wie kamen die Gefüh­le ins Spiel?

Die Dis­zi­pli­nie­rung fand zu Beginn der Indus­tria­li­sie­rung oft über soge­nann­te “Werks­po­li­zis­ten” statt, die die Arbei­ter in den Fabrik­hal­len kon­trol­lier­ten und auch kör­per­lich züch­tig­ten, wenn sie nicht schnell genug waren oder ihre Mit­tags­pau­se eigen­mäch­tig zu lan­ge aus­dehn­ten. Es zeig­te sich jedoch rela­tiv früh, dass die­se Dis­zi­pli­nie­rung über Gewalt oder Gewalt­an­dro­hung die Arbei­ter gegen die Fabrik­be­sit­zer auf­sta­chel­te. Um 1900 fie­len pro Jahr meh­re­re Mil­lio­nen Arbeits­ta­ge durch Streiks aus, und die Zahl der Gewerk­schafts­mit­glie­der schoss in die Höhe, seit 1880 hat­te sie sich alle fünf Jah­re ver­dop­pelt. Den Unter­neh­mern mach­te der soge­nann­te “Klas­sen­hass” Sor­gen, die Arbei­ter setz­ten sich auch gefühls­mä­ßig in eine Oppo­si­ti­ons­hal­tung zur besit­zen­den Klas­se, und das führ­te in den Fabri­ken nur zu emp­find­li­chen Pro­duk­ti­ons­aus­fäl­len.

Daher beka­men Unter­neh­mer zuneh­mend offe­ne Ohren für Ansät­ze “indi­rek­ter Steue­rung” der Arbei­ter­klas­se, das heißt: nicht offe­ne kör­per­li­che Dis­zi­pli­nie­rung, son­dern Metho­den, die eine posi­ti­ve Arbeits­at­mo­sphä­re auf dem Fabrik­ge­län­de erzeu­gen soll­ten. Ein Aspekt war, den schrof­fen Ton in den Werks­hal­len abzu­schaf­fen. Ab den 1920er-Jah­ren nann­ten die Fir­men ihre Arbei­ter “Mit­ar­bei­ter”, um ihnen das Gefühl der Wert­schät­zung ent­ge­gen­zu­brin­gen. Die Vor­ge­setz­ten der Arbei­ter — also Meis­ter und Vor­ar­bei­ter — wur­den von den Fir­men­lei­tun­gen ange­hal­ten, einen freund­li­chen Ton zu kul­ti­vie­ren und ihre Mit­ar­bei­ter mit Namen zu grü­ßen und sich regel­mä­ßig nach ihren Fami­li­en zu erkun­di­gen, damit sich die­se aner­kannt fühl­ten. Dies sind die Anfän­ge der Gefühls­ar­beit in deut­schen Groß­un­ter­neh­men.
 
Ihre The­se ist, dass die Para­dig­men der Arbeits­psy­cho­lo­gie der Ent­wick­lung die Rich­tung vor­ga­ben. Ent­schei­dend dabei waren der Human-Rela­ti­ons- und der Human-Resour­ce-Ansatz?

Die Arbeits­wis­sen­schaf­ten waren immer Ide­en­ge­ber für neue Tech­ni­ken der Gefühls­ar­beit in Unter­neh­men. Ab 1900 waren die domi­nan­ten Strö­mun­gen hier die Arbeits­phy­sio­lo­gie und die soge­nann­te “Psy­cho­tech­nik”. In den 1920er- und 1930er-Jah­ren gab es eine stark von Indus­trie­ver­bän­den gesteu­er­te “Werks­ge­mein­schafts­be­we­gung”, und ab den 1950er-Jah­ren waren die Schlag­wör­ter “Sozia­le Betriebs­ge­stal­tung” und “Human Rela­ti­ons”. Seit den 1970er-Jah­ren ist das Human-Resour­ce-Manage­ment bis heu­te der vor­herr­schen­de Ansatz. In jeder die­ser Pha­sen gab es anders­ge­ar­te­te Theo­ri­en und Tech­ni­ken, wie man den Gefühls­haus­halt der Mit­ar­bei­ter im Unter­neh­men am bes­ten mit den Pro­duk­ti­vi­täts­er­for­der­nis­sen ver­zah­nen und im Sin­ne einer höhe­ren Pro­duk­ti­vi­tät beein­flus­sen kön­ne.
 
Stich­wort Human Rela­ti­ons: In der ein­gangs ange­spro­che­nen posi­ti­ven Sicht­wei­se kann man die­sen Ansatz als eine Abkehr von einem gefühls­kal­ten Tay­lo­ris­mus, als ers­tes Auf­schei­nen eines mensch­li­chen Fak­tors in einer durch­ra­tio­na­li­sier­ten Arbeits­welt begrei­fen. Falsch?

Ja, falsch. Ich zei­ge in mei­ner For­schungs­ar­beit, dass das Gefühls­ma­nage­ment nicht erst in den 1970er-Jah­ren in post­for­dis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­for­men Ein­gang in die Unter­neh­men fin­det. Im Gegen­teil: Seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts, also in den Tie­fen des Tay­lo­ris­mus, machen sich Unter­neh­men Gedan­ken dar­über, wie sie es schaf­fen kön­nen, dass die Arbeit­neh­mer die Fabri­ken und das Erwerbs­ver­hält­nis nicht mehr als “kal­tes” Arran­ge­ment emp­fin­den, son­dern als einen “war­men” Ort — der Arbeits­ort soll­te bereits früh ein gefühl­tes “Zuhau­se” sein, nicht erst mit dem Auf­kom­men der Human-Rela­ti­ons-Theo­ri­en in den 1950er-Jah­ren. “Werks­ver­bun­den­heit” und “Arbeits­freu­de” waren bei­spiels­wei­se aus­ge­spro­che­ne Zie­le der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Betriebs­po­li­tik, die sich äußerst bewusst war, dass sie für die Inten­si­vie­rung der Kriegs­pro­duk­ti­on auf leis­tungs­be­rei­te Arbeit­neh­mer ange­wie­sen war.
 
Sie schrei­ben, die Gefühl­slo­gik habe sich von 1900 bis zum Beginn des 21. Jahr­hun­derts ein­mal kom­plett gedreht. Inwie­fern?

Ich habe in mei­ner For­schungs­ar­beit fünf Per­spek­ti­ven ent­wi­ckelt, die die Ver­än­de­run­gen der ver­gan­ge­nen 100 Jah­re beschrei­ben. Soll ich das kurz aus­füh­ren?
 
Ja, bit­te.

Der Zusam­men­hang zwi­schen Arbeit und Gefüh­len wur­de ers­tens dema­te­ria­li­siert: Mit die­sem Begriff hebe ich dar­auf ab, dass im Lau­fe des 20. Jahr­hun­derts zuneh­mend die Vor­stel­lung abhan­den­kommt, dass man anstren­gen­de Arbeits­be­din­gun­gen durch mone­tä­re Ent­loh­nung aus­glei­chen kann. Wäh­rend Fre­de­rick Tay­lor, Pio­nier der indus­tri­el­len Ratio­na­li­sie­rungs­be­we­gung um 1900, noch zutiefst davon über­zeugt war, dass man die Frus­tra­tio­nen anstren­gen­der Arbeit durch “fair pay” kom­pen­sie­ren konn­te, trat die Bedeu­tung, die finan­zi­el­ler Ent­loh­nung für die Leis­tungs­hö­he der Arbeit­neh­mer zuge­spro­chen wird, im Lau­fe des 20. Jahr­hun­derts in den Hin­ter­grund. Die Human-Resour­ce-Theo­rie, die seit cir­ca 1970 die Annah­men der Per­so­nal­ex­per­ten domi­niert, ver­brei­te­te die Über­zeu­gung, dass Gehalt kei­ne Moti­va­ti­ons­quel­le dar­stel­len kann. Viel­mehr sei­en jene posi­ti­ven Gefüh­le, die die Arbeitsinhal­te angeb­lich her­vor­ru­fen, der eigent­li­che Antrieb des Men­schen. Sie wer­den heu­te als legi­ti­mer Grund dafür genannt, dass Pro­duk­ti­vi­täts­zu­wäch­se nicht immer mit Gehalts­zu­wäch­sen ent­gol­ten wer­den, das heißt, posi­ti­ve Gefüh­le machen ver­meint­lich einen feh­len­den Gehalts­zu­wachs wett.

Er wur­de zwei­tens deso­ma­ti­siert: Das bedeu­tet, dass der mensch­li­che Kör­per zuneh­mend “ver­schwin­det”, wenn es um die The­ma­ti­sie­rung von Arbeits­be­las­tun­gen geht. Um 1900 berech­ne­te man noch den Kalo­ri­en­ver­brauch ver­schie­de­ner Tätig­kei­ten und ver­such­te, die quan­ti­ta­tiv bezif­fer­te Belas­tung durch ver­schie­de­ne Pau­sen­mo­del­le und ener­gie­spa­ren­de Arbeits­ab­läu­fe aus­zu­glei­chen. Am Ende des 20. Jahr­hun­derts stellt man sich den arbei­ten­den Men­schen nicht mehr als Kör­per mit begrenz­ten Ener­gi­en vor; viel­mehr wird davon aus­ge­gan­gen, dass die kör­per­li­chen Kapa­zi­tä­ten fle­xi­bel und dehn­bar sind. Sie wer­den nicht mehr als abhän­gig von nicht quan­ti­fi­zier­ba­ren phy­sio­lo­gi­schen Vor­gän­gen defi­niert, son­dern allein von der Wil­lens­stär­ke des Ein­zel­nen. So wird es heu­te als Moti­va­ti­ons­schwä­che aus­ge­legt, wenn man auf eine begrenz­te Leis­tungs­fä­hig­keit der eige­nen kör­per­li­chen und psy­chi­schen Res­sour­cen ver­weist.

Der Zusam­men­hang zwi­schen Arbeit und Gefüh­len wur­de drit­tens zuneh­mend mit Bedeu­tung auf­ge­la­den: In den ers­ten Jahr­zehn­ten des 20. Jahr­hun­derts wur­de die Erwerbs­ar­beit von Arbeits­wis­sen­schaft­lern zunächst vor allem als eine poten­zi­el­le Bedro­hung kör­per­li­cher und see­li­scher Inte­gri­tät the­ma­ti­siert. Die Arbeit soll­te in der Kon­se­quenz leich­ter gemacht wer­den, damit die Unzu­frie­den­heit der Men­schen sin­ken kön­ne, so das all­ge­mein geteil­te Ver­ständ­nis. 100 Jah­re spä­ter wird die Erwerbs­ar­beit nicht mehr in ers­ter Linie als eine Quel­le nega­ti­ver Emp­fin­dun­gen beschrie­ben, son­dern hat ein enor­mes Glücks­ver­spre­chen hin­zu­ge­won­nen. Damit hat die Erwerbs­ar­beit eine enor­me Auf­wer­tung erfah­ren, was ihre Prä­ge­kraft für indi­vi­du­el­le Bio­gra­fi­en angeht. Sie ist nicht mehr nur not­wen­di­ges Mit­tel zum Brot­er­werb (wel­ches es im Zeit- und Ener­gie­auf­wand mög­lichst zu begren­zen gilt), son­dern “See­len­brot” — der Ort, an dem ein Arbeit­neh­mer auch als Mensch zu Sinn und Glück fin­den soll, in und über die Arbeit hin­aus.

Er wur­de vier­tens indi­vi­dua­li­siert: Im Kai­ser­reich wur­de die Wider­stän­dig­keit der Indus­trie­ar­bei­ter­schaft wie erwähnt als “Klas­sen­hass” the­ma­ti­siert. Das all­ge­mein herr­schen­de Ver­ständ­nis war, dass die Grup­pe der Arbeit­ge­ber der Grup­pe der Arbeit­neh­mer gegen­über­stand, und bei­de um einen begrenz­ten “Kuchen” an mate­ri­el­len Res­sour­cen kämpf­ten — die Ver­tei­lungs­fra­ge stand also im Zen­trum jener nega­ti­ven Gefüh­le, die durch Erwerbs­ar­beit erzeugt wur­den. Wer heu­te mit sei­nen Arbeits­be­din­gun­gen unzu­frie­den ist, ist dies meist auf indi­vi­du­el­le Art und Wei­se. Der gewerk­schaft­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­grad und die Strei­kra­ten sind auf einem his­to­risch nied­ri­gen Niveau. Zufrie­den­heit mit der jewei­li­gen Erwerbs­ar­beit ist kei­ne Fra­ge gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Ver­tei­lungs­kämp­fe mehr, son­dern ein Erfolg je per­sön­li­chen (Gehalts-)Verhandlungsgeschicks und indi­vi­du­el­ler psy­cho­lo­gi­scher Befä­hi­gung zum Glücks­emp­fin­den bei der Arbeit. Dadurch wird “Wut” gegen­über den Arbeits­be­din­gun­gen oder den Vor­ge­setz­ten ent­we­der als per­sön­li­che Inkom­pe­tenz gedeu­tet, mit berufs­be­zo­ge­nen Frus­tra­tio­nen umzu­ge­hen, oder als Man­gel in der per­sön­li­chen Berufs­pla­nung: Man hat es schein­bar schlicht nicht geschafft, sich einen Job zu suchen, der einen glück­lich macht.

Gleich­zei­tig fand auch eine Indi­vi­dua­li­sie­rung auf der Ebe­ne der Leis­tungs­stei­ge­rung statt: Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts ver­such­ten Unter­neh­mer noch, die Leis­tung und das leis­tungs­re­le­van­te Wohl­be­fin­den der Beleg­schaft als gedach­ter Ein­heit zu stei­gern — bei­spiels­wei­se durch beleg­schafts­über­grei­fen­de Sozi­al­leis­tun­gen, fir­men­ei­ge­ne Erho­lungs­hei­me oder betriebs­ärzt­li­che Maß­nah­men. Am Ende des 20. Jahr­hun­derts wird von Unter­neh­men längst nicht mehr die Leis­tungs­fä­hig­keit einer gesam­ten Beleg­schaft fokus­siert und durch unter­neh­me­ri­sche Maß­nah­men “gepflegt”; viel­mehr wird die indi­vi­du­el­le Leis­tungs­fä­hig­keit akri­bisch ver­mes­sen.

Und er wur­de fünf­tens dyna­mi­siert: Um 1900 war die Grund­an­nah­me, dass jeder Mensch über “Arbeits­freu­de” als etwas Gege­be­nes ver­fügt, wel­ches höchs­tens durch ungüns­ti­ge Arbeits­be­din­gun­gen geschmä­lert wer­den konn­te. Daher ach­te­ten Unter­neh­men auf die Ver­bes­se­run­gen ihrer Arbeits­be­din­gun­gen, um die Arbeits­freu­de voll­um­fäng­lich zu erhal­ten. Heu­te ist Arbeits­freu­de nichts, was Unter­neh­men dem Arbeit­neh­mer auto­ma­tisch unter­stel­len wür­den. Ledig­lich “idea­le” Arbeit­neh­mer zeich­nen sich dadurch aus, nach dem Errei­chen eines beruf­li­chen Ziels sofort nach einer neu­en Quel­le der Befrie­di­gung zu stre­ben; Zufrie­den­heit ist also kein für alle ange­nom­me­ner über­dau­ern­der Grund­zu­stand mehr.
 
Son­dern?

An die Stel­le der Arbeits­zu­frie­den­heit ist das anders­ge­ar­te­te Gefühl der Befrie­di­gung (job satis­fac­tion) getre­ten. Sie ist nur sehr punk­tu­ell und vor­über­ge­hend zu errei­chen und ver­langt nach neu­en Zie­len statt der rou­ti­ni­sier­ten Erfül­lung blei­ben­der Auf­ga­ben. Mehr noch: Mit der fort­lau­fen­den Erwei­te­rung der indi­vi­du­el­len Belas­tungs­fä­hig­keit wer­den Glücks­ver­spre­chen ver­bun­den. Wäh­rend um 1900 die Über­schrei­tung der eige­nen Kräf­te als schäd­lich für Kör­per und Gemüt galt, wird heu­te das Ver­har­ren in fes­ten Arbeits­rou­ti­nen als nega­tiv geschil­dert. Nur wer sich bestän­dig neu­en Her­aus­for­de­run­gen in Form soge­nann­ter “Stretch Goals” stellt, sei­ne Gren­zen tes­tet und über­win­det, der fühlt sich ver­meint­lich erfüllt und gewinnt men­ta­le Kraft durch die per­ma­nen­te Stei­ge­rung sei­nes “Poten­zi­als” als Arbeits­kraft.
 
Was bedeu­tet Dyna­mi­sie­rung für das Men­schen­bild?

Dass man sich den arbei­ten­den Men­schen nicht mehr aus­schließ­lich als fest umris­se­ne Per­sön­lich­keit vor­stellt: Nun wird der Mensch als Trä­ger von “Poten­zia­len” gedeu­tet, die stän­di­ger Anrei­ze und Her­aus­for­de­run­gen bedür­fen, um aus­ge­schöpft zu wer­den. Die­ser Pro­zess kennt kei­nen natür­li­chen End­punkt. Lebens­lan­ges Ler­nen wird erwar­tet, und es wird gemein­hin unter­stellt, dass der Mensch unglück­lich wird, wenn er sich nicht gemäß sei­nen Poten­zia­len immer wei­ter ent­wi­ckelt. Als Kon­trast kön­nen hier bei­spiels­wei­se die Per­so­nal­theo­ri­en der 1920er-Jah­re genannt wer­den, die davon aus­gin­gen, dass der Mensch aus einem fes­ten Satz per­sön­li­cher Eigen­schaf­ten besteht und dass es die Auf­ga­be der Fir­ma sei, für den Arbeit­neh­mer gemäß sei­nen unver­än­der­li­chen Eigen­schaf­ten den pas­sen­den Platz im Betrieb zu fin­den. Ein Ver­än­de­rungs­druck bestand nicht, und posi­ti­ve Gefüh­le am Arbeits­platz gal­ten als Effekt des gelun­ge­nen Umgangs mit eben die­sen fes­ten Per­sön­lich­keits­ei­gen­schaf­ten.
 
Sie sagen, die Leis­tungs­fä­hig­keit wer­de akri­bisch ver­mes­sen. Das fällt umso leich­ter, je mehr die Arbeit digi­ta­li­siert ist?

IT-gestütz­te “Talent-Manage­ment-Tools” hal­ten in vie­len Fir­men eine gro­ße Zahl an Infor­ma­tio­nen über jeden ein­zel­nen Arbeit­neh­mer vor, die den indi­vi­du­el­len Wil­len zum Fort­kom­men ver­da­ten und im Quar­tals­rhyth­mus doku­men­tie­ren. Dadurch hat sich die Bring­schuld ver­scho­ben, was die Erzeu­gung posi­ti­ver Gefüh­le im Kon­text Arbeit angeht: Nicht mehr das Unter­neh­men muss sei­ne Arbeit­neh­mer “bei Lau­ne hal­ten” und über gute Arbeits­be­din­gun­gen und Ent­loh­nung für jene Begeis­te­rung sor­gen, die für Pro­duk­ti­vi­täts­zu­wäch­se unab­ding­bar ist. Viel­mehr muss der Ein­zel­ne in immer kür­ze­ren Abstän­den unter Beweis stel­len, dass er sich selbst moti­vie­ren kann, kör­per­lich und geis­tig “fit” ist und an die “Mis­si­on” des Unter­neh­mens glaubt.

Ich möch­te noch ein­mal auf die posi­ti­ve Per­spek­ti­ve zurück­kom­men: Gibt es viel­leicht eine ande­re, eine zwei­te Erzäh­lung? Miha­ly Csiks­zent­mi­ha­lyi hat, von der Arbeit mit Künst­lern kom­mend, fest­ge­stellt, dass Flow kei­nes­wegs auf krea­tiv schaf­fen­de Men­schen beschränkt ist, son­dern auch bei ein­fa­cher kör­per­li­cher Arbeit auf­tritt. Liegt hier der Schlüs­sel zu einem ande­ren Zugang zur Arbeits­freu­de jen­seits ihrer Instru­men­ta­li­sie­rung als Pro­duk­tiv­kraft?

Der “Flow” ist jedem Arbeit­neh­mer zu wün­schen, kri­tisch wird es nur an dem Punkt, an dem ein Arbeit­ge­ber sagt: “Wir bie­ten hier so viel Flow, da ist der Cash­flow doch zweit­ran­gig — schließ­lich kannst du in die­ser Fir­ma etwas machen, was dir Spaß macht!” Die­ses Ein­tau­schen von guten Gefüh­len gegen gute Arbeits­be­din­gun­gen sieht man gera­de bei pre­kä­ren künst­le­ri­schen Beru­fen in Rein­form.
 
Die fran­zö­si­schen Sozio­lo­gen Luc Bol­t­an­ski und Ève Chia­pel­lo haben am Manage­ment­dis­kurs zu zei­gen ver­sucht, wie der Kapi­ta­lis­mus sich wei­ter­ent­wi­ckelt, indem er Ant­wor­ten auf die gegen ihn gerich­te­te Kri­tik fin­det. Das fokus­sier­te in ers­ter Linie auf die Gestal­tung von Orga­ni­sa­tio­nen und Pro­duk­ti­ons­pro­zes­sen. Ihre Stu­die mit ihrem Blick auf die Gefühls­sei­te liest sich nun wie die kor­re­spon­die­ren­de Erzäh­lung dazu. Tei­len Sie die­se Inter­pre­ta­ti­on?

Bol­t­an­ski und Chia­pel­lo sagen, dass Unter­neh­men erst nach und wegen der anti­au­to­ri­tä­ren Kri­tik der “1968er” gefüh­li­ger im Umgang mit ihren Mit­ar­bei­tern wer­den. His­to­risch betrach­tet stimmt das nicht, Unter­neh­men haben bereits über ein hal­bes Jahr­hun­dert vor­her Stra­te­gi­en ent­wi­ckelt, um nicht mehr “auto­ri­tär” auf die Arbeits­leis­tung der Mit­ar­bei­ter ein­zu­wir­ken, son­dern über die rich­ti­ge “Gefühls­ar­beit”.

Das Inter­view erschien zuerst auf changex.de, dem Online-Medi­um für Zukunfts­ide­en, neue Wirt­schaft und Inno­va­ti­on.

Verantwortung im Zeitalter der Digitalisierung – Veranstaltung der Thales Akademie

FREIBURGER AUFGEPASST!

Ein­la­dung zum offe­nen wirt­schafts­ethi­schen Forum in Frei­burg

Thales Akademie

Ger­ne wei­sen wir auf die beson­de­re Ver­an­stal­tung unse­res Koope­ra­ti­ons­part­ners Tha­les Aka­de­mie in Frei­burg hin: WAS HEIßT “VERANTWORTUNGIM ZEITALTER DER DIGITALISIERUNG? Alle, die im Frei­bur­ger Raum behei­ma­tet sind, soll­ten dort vor­bei­schau­en, denn:

1. ist das The­ma von höchs­ter Rele­vanz und
2. bie­tet das gewähl­te For­mat die Mög­lich­keit mit vie­len inter­es­san­ten Per­so­nen ins Gespräch zu kom­men.

 

Eck­da­ten:
Mitt­woch, 9. Novem­ber 2016 um 19.30h im Cafe Art­jamming, Gün­ter­stal­stra­ße 41 in Frei­burg. Der Ein­tritt ist frei.

Thales Akademie

Die Tha­les Aka­de­mie wid­met sich den wirt­schafts­ethi­schen Fra­gen unse­rer Zeit, ins­be­son­de­re den Her­aus­for­de­run­gen der ver­ant­wor­tungs­vol­len Unter­neh­mens­füh­rung. In Semi­na­ren und Wei­ter­bil­dun­gen kön­nen Füh­rungs­kräf­te eigen­stän­di­ge Hal­tun­gen zu wirt­schafts­ethi­schen Her­aus­for­de­run­gen ent­wi­ckeln.

Pro­gramm
Der Begriff „Ver­ant­wor­tung“ ist der Schlüs­sel­be­griff der moder­nen Ethik schlecht­hin. Zugleich steht er im Zen­trum unse­res per­sön­li­chen Selbst­ver­ständ­nis­ses und unse­rer gesell­schaft­li­chen Selbst­ver­stän­di­gung: Wir bean­spru­chen Ver­ant­wor­tung für uns selbst, wei­sen sie ande­ren zu, neh­men sie an oder wei­sen sie von uns. Wir sol­len für pro­ble­ma­ti­sche Ereig­nis­se in der Ver­gan­gen­heit ver­ant­wort­lich sein, aber auch für wün­schens­wer­te Ergeb­nis­se in der Zukunft, sowohl pri­vat wie beruf­lich. Das ist schon kom­plex und wider­sprüch­lich genug. Doch mitt­ler­wei­le tre­ten wir unser Den­ken und Ent­schei­den zuneh­mend an Maschi­nen und pro­gram­mier­te Algo­rith­men ab – mit weit­rei­chen­den Fol­gen für unse­re Tages­ab­läu­fe, aber auch für unser Selbst­ver­ständ­nis als auto­no­me Indi­vi­du­en und unse­re Gesell­schaft ins­ge­samt.
Beim offe­nen wirt­schafts­ethi­schen Forum der Tha­les-Aka­de­mie für Wirt­schaft und Phi­lo­so­phie gehen wir die­sen tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen gemein­sam nach: in zwei kur­zen Impuls­vor­trä­gen von Dr. Phil­ip­pe Merz (Ein­füh­rung) und Esther Röder (Schwer­punkt: KI und auto­no­mes Fah­ren) sowie in offe­nen per­sön­li­chen Gesprä­chen und Dis­kus­sio­nen.
Dazu gibt es lecker zu essen und zu trin­ken und vie­le sym­pa­thi­sche, auf­ge­schlos­se­ne Gesprächs­part­ner. Alle Inter­es­sen­ten sind herz­lich ein­ge­la­den!

Teil­neh­men­de
Im Forum Wirt­schafts­ethik kom­men krea­ti­ve Den­ker und Macher zusam­men: inno­va­ti­ve Füh­rungs­kräf­te von heu­te und mor­gen, Wis­sen­schaft­ler mit Weit­blick, ear­ly adap­ters aus dem Unter­neh­mer­kreis sowie auf­ge­schlos­se­ne Bür­ge­rin­nen und Bür­ger mit Freu­de am per­sön­li­chen Aus­tausch zu den grund­le­gen­den wirt­schafts­ethi­schen Fra­gen unse­rer Zeit.