Ein Artikel, der nicht geschrieben werden konnte

Der ges­tern statt­ge­fun­de­ne Die­sel-Gip­fel ent­täusch­te auf vol­ler Linie. Die Grün­de hier­für ana­ly­sier­ten wir bereits in der Aus­ga­be 3/13 HOMO AUTOMOBILIS. Aus aktu­el­lem Anlass habe wir uns ent­schlos­sen den Arti­kel “Ein Arti­kel, der nicht geschrie­ben wer­den konn­te” zu veröffentlichen.

Von Frank Augustin und Wolfram Bernhardt

Halten wir eine neue Ausgabe der agora42 in der Hand, haben wir glücklicherweise meist schon wieder vergessen, auf welche Weise sie zustande kam – sprich: welche Umwege nötig waren, um sie fertigzustellen. Manchmal wird auf diesen Umwegen deutlich, dass das ursprünglich angepeilte Ziel das Ende einer Sackgasse markiert …

 

Eigent­lich war an die­ser Stel­le ein Arti­kel mit dem Arbeits­ti­tel „Der Autoa­del“ vor­ge­se­hen; ein Arti­kel, in dem die Auto­mo­bil­in­dus­trie und ihre Mana­ger kri­tisch beleuch­tet wer­den soll­ten – und zwar aus einer Per­spek­ti­ve, aus der man dies nicht unbe­dingt ver­mu­tet hät­te. Dass Grund zur Kri­tik besteht, liegt auf der Hand. All­zu oft wäh­nen sich die Auto­mo­bil­ma­na­ger offen­sicht­lich in Sphä­ren, in denen ande­re Regeln und Geset­ze gel­ten als für den Nor­mal­bür­ger bezie­hungs­wei­se für klei­ne­re Unter­neh­men. Dies bele­gen nicht zuletzt zwei spek­ta­ku­lä­re Bei­spie­le aus der jün­ge­ren Vergangenheit.

Bei­spiel Daim­ler: Im Jahr 1998 fusio­nier­te die dama­li­ge Daim­ler-Benz AG mit dem US-ame­ri­ka­ni­schen Auto­mo­bil­her­stel­ler Chrys­ler Cor­po­ra­ti­on zur „ers­ten deut­schen Welt-AG“, wie der dama­li­ge Vor­stands­vor­sit­zen­de der Daim­ler-Benz AG, Jür­gen Schrempp, den neu­en Kon­zern bezeich­ne­te. Hin­ge­ris­sen von der „Hoch­zeit im Him­mel“ (Schrempp), geriet die Rea­li­tät auf Erden aus dem Blick. So büß­te unter der Füh­rung Schrempps der Bör­sen­wert der Daim­ler­Chrys­ler AG 50 Mil­li­ar­den Euro ein. Nicht nur, dass die Aktio­nä­re viel Geld ver­lo­ren, auch Tau­sen­de Mit­ar­bei­ter bezahl­ten mit ihrer Ent­las­sung für die­ses Miss­ma­nage­ment. Als ob all dies nie gesche­hen wäre, schrieb Schrempp am 31. Dezem­ber 2005 anläss­lich des Rück­tritts von sei­nem Pos­ten rück­bli­ckend: „Eine schö­ne und wert­vol­le Zeit ist (…) zu Ende.“

Bei­spiel Por­sche: Im Jahr 2005 schick­te sich die Por­sche AG an, den damals (gemes­sen am Umsatz) 33-mal grö­ße­ren Volks­wa­gen Kon­zern zu über­neh­men. Natür­lich hat­te die Por­sche AG nicht genü­gend Geld in der Por­to­kas­se, um damit ein so viel grö­ße­res Unter­neh­men kau­fen zu kön­nen. So beriet sich die dama­li­ge Füh­rungs­rie­ge mit eini­gen hoch bezahl­ten Anwäl­ten und Invest­ment­ban­kern und betrau­te die­se damit, die Über­nah­me vor­zu­neh­men. Die Art und Wei­se, wie die­ses Unter­fan­gen durch­ge­führt wur­de, bedurf­te einer gehö­ri­gen Por­ti­on Spe­zi­al­wis­sen im Akti­en­recht und Zugang zu äußerst sol­ven­ten Geld­ge­bern.   Ein ehr­ba­rer Kauf­mann hät­te zu die­sem Zeit­punkt längst wei­che Knie bekom­men und das Wei­te gesucht. Am 28. Okto­ber 2008 schlot­ter­ten dann selbst manch hart gesot­te­nem Invest­ment­ban­ker die Knie: Nach­dem die Por­sche AG in gro­ßem Umfang Akti­en der Volks­wa­gen AG gekauft und die geplan­te Über­nah­me hohe Wel­len an den Finanz­märk­ten geschla­gen hat­te, wur­de die Volks­wa­gen AG an die­sem Tag kurz­zei­tig zum wert­volls­ten Unter­neh­men der Welt. Das Ende der „Über­nah­me“ ist bekannt: Die Por­sche AG schei­ter­te mit ihren Vor­ha­ben. Die Insol­venz konn­te nur abge­wen­det wer­den, weil die Volks­wa­gen AG die Por­sche AG über­nahm. Und auch wenn bis­her noch kein Urteil wegen Kurs­ma­ni­pu­la­ti­on oder ande­rer Rechts­ver­stö­ße im Zusam­men­hang mit die­ser Über­nah­me ver­kün­det wur­de, kann Ihnen jeder, der die­sen Deal ver­stan­den hat, ver­si­chern, dass es dabei nicht ohne Unre­gel­mä­ßig­kei­ten zuge­gan­gen ist.

 

Das systemrelevante Oligopol*

Natür­lich sind dies zwei extre­me Bei­spie­le, die leicht dazu ver­füh­ren kön­nen, sie popu­lis­tisch aus­zu­schlach­ten. Aber selbst wenn man den Vor­schlag­ham­mer bei­sei­te legt, wird man den Ein­druck nicht los, dass sich die gro­ßen Auto­mo­bil­her­stel­ler im Zuge der Pro­fit­ma­xi­mie­rung mit einer gewis­sen Selbst­ver­ständ­lich­keit über gel­ten­de Vor­schrif­ten hin­weg­set­zen. Wenn man so will, ist dies auch nahe­lie­gend, spre­chen Exper­ten doch längst von einem Oli­go­pol in der Auto­mo­bil­in­dus­trie. Mit einem Oli­go­pol bezeich­net man eine Situa­ti­on, die dadurch cha­rak­te­ri­siert ist, dass es in einer bestimm­ten Bran­che nur weni­ge Unter­neh­men gibt, die den Markt unter sich auf­tei­len. Öko­no­men ist ein Oli­go­pol zumeist ein Dorn im Auge, weil die­ses zur Fol­ge haben kann, dass sich die Unter­neh­men unter­ein­an­der abstim­men – also bei­spiels­wei­se Preis­ab­spra­chen vor­neh­men – und somit die Kon­su­men­ten höhe­re Prei­se bezah­len müs­sen, als dies in einem frei­en Wett­be­werb der Fall wäre; oder weil den Zulie­fe­rern die Kon­di­tio­nen fast nach Belie­ben dik­tiert wer­den kön­nen. Ange­sichts der jüngs­ten Ermitt­lun­gen der euro­päi­schen Wett­be­werbs­hü­ter gegen zahl­rei­che Auto­mo­bil­her­stel­ler wegen ille­ga­ler Preis­ab­spra­chen scheint die­ser Ein­wand nicht aus der Luft gegriffen …

Wie dem auch sei: Grund für einen kri­ti­schen Arti­kel scheint es alle­mal zu geben. Zu hoch ist die Kapi­tal­kon­zen­tra­ti­on in der Auto­mo­bil­in­dus­trie, zu viel Kom­pe­tenz und Kapa­zi­tä­ten sind hier kon­zen­triert – und zu eng sind hier wirt­schaft­li­che Inter­es­sen mit der Poli­tik ver­bun­den (Stich­wort Lob­by­is­mus). Und es soll­te sich auch ein Autor fin­den las­sen, der eine dif­fe­ren­zier­te Kri­tik an den Ver­hält­nis­sen in der Auto­mo­bil­in­dus­trie for­mu­lie­ren kann. Weil uns blo­ßes Anpran­gern zu ober­fläch­lich erschien, soll­te sich der Arti­kel sich an fol­gen­den Fra­gen ori­en­tie­ren: Ähnelt die Stel­lung, wel­che die (weni­gen selbst­stän­di­gen) Auto­mo­bil­kon­zer­ne inne­ha­ben, nicht jener der feu­da­len Herr­scher, gegen wel­che der Libe­ra­lis­mus einst zu Fel­de zog? Wer­den nicht auf der einen Sei­te Zulie­fe­rer und Ange­stell­te mit dem Argu­ment der „Markt­ge­set­ze“ gegän­gelt, wohin­ge­gen es auf der ande­ren Sei­te völ­lig legi­tim zu sein scheint, die Hand offen zu hal­ten, sobald es Unter­stüt­zung vom Staat gibt? Haben sich nicht im Umfeld der Auto­in­dus­trie über die Jah­re hin­weg öko­no­mi­sche Struk­tu­ren und Gewohn­hei­ten eta­bliert, die den Ein­tritt von Wett­be­wer­bern in die­sen Markt fak­tisch unmög­lich machen (bis hin zur Ein­fluss­nah­me auf Geset­ze und DIN-Normen)?

Wir woll­ten also mit einer Kri­tik an der Auto­mo­bil­in­dus­trie und deren Füh­rungs­rie­ge über­ra­schen, die sich einer libe­ra­len Argu­men­ta­ti­on bedient – hört man doch heut­zu­ta­ge kaum Kri­tik aus libe­ra­len Mun­de, wenn es um die Miss­stän­de in der Wirt­schaft geht. Und dies, obwohl die Ordo­li­be­ra­len sich grund­le­gen­de Gedan­ken über eine funk­tio­nie­ren­de Ord­nung der Wirt­schaft und des Wett­be­werbs gemacht haben.

Viel­leicht sind die weni­gen ver­blie­be­nen Ordo­li­be­ra­len ein­fach zu sehr damit beschäf­tigt, der Gesell­schaft zu erklä­ren, dass die Dere­gu­lie­rung, die im Namen der soge­nann­ten Libe­ra­li­sie­rung der Märk­te in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten statt­ge­fun­den hat, wenig mit der ursprüng­lich libe­ra­len Posi­ti­on zu tun hat …

Obwohl nicht gera­de Fans des gras­sie­ren­den Neo­feu­da­lis­mus, frag­ten wir uns den­noch, inwie­fern uns eine ordo­li­be­ra­le Kri­tik am Autoa­del wei­ter­brin­gen wür­de. Denn was wäre die Ant­wort eines Ordo­li­be­ra­len auf unse­re Fragen?

Aller Wahr­schein­lich­keit nach wür­den er sich dafür aus­spre­chen, dass der Staat dafür zu sor­gen hat, dass ein frei­heit­li­cher Wett­be­werb wie­der funk­tio­niert. Ver­feh­lun­gen gehö­ren auch aus libe­ra­ler Sicht bestraft, ist doch ein wesent­li­cher Bestand­teil des Libe­ra­lis­mus die Gleich­heit aller vor dem Gesetz. Ord­nung muss sein, und die­se Ord­nung soll durch den Staat ent­schlos­sen durch­ge­setzt werden.

Nun muss man jedoch fest­stel­len, dass die­se Vor­schlä­ge zur Wie­der­her­stel­lung des frei­en Wett­be­werbs sicher­lich gut gemeint sind, lei­der jedoch nicht grei­fen wür­den. Denn von was für einem Staat spre­chen wir hier – von einem real exis­tie­ren­den wohl kaum. Wir spre­chen von einem Staat, der schon ein­zel­ne Geld­in­sti­tu­te als „sys­tem­re­le­vant“ ein­stuft. Wie soll­te er da bei einer gan­zen Indus­trie – und noch dazu bei einer so wich­ti­gen wie der Auto­mo­bil­in­dus­trie – zu einem ande­ren Urteil kom­men? So ver­wun­dert es nicht, dass der Auto­mo­bil­in­dus­trie bereit­wil­lig durch das Kurz­ar­bei­ter­geld, die Abwrack­prä­mie und ande­ren Sub­ven­tio­nen unter die Arme gegrif­fen wurde.

 

Der Autoadel

Nun geht nicht nur jedem auf­rech­ten Demo­kra­ten, son­dern auch jedem ver­nünf­ti­gen Öko­no­men die Hut­schnur hoch, wenn er mit Ent­schei­dun­gen kon­fron­tiert wird, die mit dem Argu­ment der Sys­tem­re­le­vanz legi­ti­miert wer­den. Jedoch: Ver­bleibt man in der Logik, der unse­re der­zei­ti­ge Wirt­schafts­ord­nung und mit­hin die Gesell­schaft folgt, ist die Auto­mo­bil­in­dus­trie tat­säch­lich sys­tem­re­le­vant. Welch gro­ße Bedeu­tung sie für die deut­sche und euro­päi­sche Wirt­schaft hat, kön­nen Sie in dem Arti­kel von Heinz-Rudolf Meiß­ner in aller Aus­führ­lich­keit nach­le­sen. Doch das ist nur die eine Sei­te. Auf der ande­ren Sei­te funk­tio­niert der „Orga­nis­mus Auto­in­dus­trie“ nach den glei­chen Prin­zi­pi­en wie das gesam­te wirt­schaft­li­che und gesell­schaft­li­che Sys­tem, mit dem er auf viel­fäl­ti­ge Wei­se ver­bun­den ist. Woll­te man die­sen Bereich här­ter regu­lie­ren und gege­be­nen­falls neu struk­tu­rie­ren, wür­de dies bedeu­ten, dass man letzt­lich die Art und Wei­se, wie wir wirt­schaf­ten, infra­ge stel­len muss.

Eine Kri­tik am Autoa­del ist sicher­lich ange­bracht, aber all­zu viel Hoff­nung auf Ände­rung darf man sich nicht machen. Iro­ni­scher­wei­se wür­den vie­le der Akteu­re (sowohl Mana­ger wie auch Poli­ti­ker), die man kri­ti­siert, ihr eige­nes Ver­hal­ten bedau­ern, aber mit dem Hin­weis auf Sys­tem­zwän­ge recht­fer­ti­gen. Inso­fern kann eine ernst gemein­te Kri­tik stets nur auf das Sys­tem bezo­gen sein, wel­ches die Per­so­nen und Unter­neh­men, die es mit Leben fül­len, zu sol­chen Hand­lun­gen treibt. Wenn aber kei­ne Mög­lich­keit besteht, dass der Staat Zugriff auf das Sys­tem neh­men kann bezie­hungs­wei­se er ganz in dem Sys­tem auf­geht, greift der Ordo­li­be­ra­lis­mus not­wen­di­ger­wei­se zu kurz – denn dann exis­tiert eben jene Rah­men­ord­nung nicht, die er voraussetzt.

So konn­te letzt­lich der avi­sier­te Arti­kel nicht geschrie­ben wer­den. Das Phä­no­men Auto führt uns aber auf­grund der Tat­sa­che, dass es sym­pto­ma­tisch für unser Gesell­schafts­sys­tem steht, direkt zum The­ma der nächs­ten Aus­ga­be der agora42: Veränderung.

Dann wer­den wir uns auch mit der Fra­ge beschäf­ti­gen, was pas­sie­ren muss, damit Kri­tik über­haupt wie­der grei­fen kann …

 

*Aus heu­ti­ger Sicht müss­te es hei­ßen: Das Kartell

 


In der Aus­ga­be 3/2013 unter­such­ten wir die Bedeu­tung der Auto­mo­bil­in­dus­trie für die deut­sche Wirt­schaft, gin­gen der Fra­ge auf dem Grund, war­um Mobi­li­tät so etwas wie ein Men­schen­recht gewor­den ist und spra­chen mit dem soge­nann­ten Auto­papst Fer­di­nand Duden­höf­fer über die Zukunft des Automobils.

Die Fra­gen, die uns bei die­ser Aus­ga­be lei­te­ten waren: Vor­sprung durch Auto? Wie Auto ist die Wirt­schaft? Mobi­li­tät der Zukunft – nach­hal­tig, ver­netzt, anders? Ende eines Mythos?

Chan­ge the Drive!

Das Auto im Kopf, oder: Das Ende einer großen Liebe

Das Auto im Kopf

Oder: Das Ende einer großen Liebe

von Frank Augustin

 

Foto: Mat­thi­as Penzel

Die aktuellen Vorkommnisse um die großen Autobauer läuten das Ende der Automobilindustrie ein, wie wir sie kannten. Das hat auch mit moralischen Verfehlungen zu tun – aber nicht in erster Linie. Mit anderen Worten: Nur mit Betrügereien, wie sie häufig vorkommen, wo es um Geld und Einfluss geht, ist das absehbare Platzen der riesigen Autoblase nicht zu erklären. Es geht um Grundsätzlicheres.

 

Ers­tens und das gro­ße Gan­ze von Wirt­schaft und Gesell­schaft betref­fend:

Frank Augus­tin ist Chef­re­dak­teur des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42.

Zunächst dürf­te nach den jüngs­ten Kar­tell­vor­wür­fen – unab­hän­gig davon, wie viel sich davon bewahr­hei­tet – vie­len kla­rer gewor­den sein, dass wir nicht in einer Markt­wirt­schaft leben und es ent­spre­chend auch viel weni­ger Wett­be­werb gibt, als gemein­hin ange­nom­men wird. Wir leben im Kapi­ta­lis­mus – und Kapi­ta­lis­mus bedeu­tet Kon­zen­tra­ti­on. In Deutsch­land erwirt­schaf­te­ten im Jahr 2011 weni­ger als ein Pro­zent der größ­ten Unter­neh­men rund 66 Pro­zent aller Umsät­ze. „Groß­kon­zer­ne tun alles, um den Wett­be­werb mög­lichst zu ver­mei­den, indem sie fusio­nie­ren, koope­rie­ren oder ver­ti­kal inte­grie­ren.“ (Ulri­ke Herr­mann) In der Auto­mo­bil­bran­che gibt es aber nicht nur gro­ße Play­er, die sich gene­rell dem Wett­be­werb ent­zie­hen, son­dern nicht ein­mal unter die­sen Rie­sen ech­ten Wett­be­werb. Man hat es also eher mit einem mäch­ti­gen, kon­zern­über­grei­fen­den Fami­li­en­ver­bund zu tun, der mit­tels gegen­sei­ti­ger Abspra­chen und zahl­rei­cher Lob­by­is­ten sei­nen Ein­fluss sichert und ver­grö­ßert. Das ist nicht nur unfair, weil man sich eine beque­me Posi­ti­on auf Kos­ten der Kun­den und Zulie­fe­rer ver­schafft, son­dern es erin­nert in sei­nem Geba­ren auch an das Selbst­ver­ständ­nis der Feu­dal­her­ren in den vor­de­mo­kra­ti­schen Gesell­schaf­ten. Ist man bis­lang über sol­ches Ver­hal­ten nase­rümp­fend hin­weg­ge­gan­gen, wird es sei­tens der Kun­den, Zulie­fe­rer und selbst der Poli­ti­ker ange­sichts des nun bekannt gewor­de­nen Aus­ma­ßes der Abspra­chen künf­tig weit­aus weni­ger Tole­ranz gegen­über den Auto­bau­ern geben. Es wur­den Gren­zen über­schrit­ten und es ist nicht zu erwar­ten, dass demo­kra­ti­sche Prin­zi­pi­en wegen eini­ger Pro­fil­neu­ro­ti­ker in die Ton­ne gekloppt wer­den – auch und gera­de dann nicht, wenn die­se wie trot­zi­ge Kin­der mit dem Ver­lust von Arbeits­plät­zen dro­hen, die ohne­hin nicht zu ret­ten sind.

Hin­zu kommt, dass sich die Auto­bran­che auch in ande­rer Hin­sicht – Stich­wort Abgas­skan­dal – dis­kre­di­tiert hat. Denn offen­sicht­li­cher als zuletzt kann man nicht demons­trie­ren, dass Pro­fi­te und Macht­er­halt im Zwei­fel über die Gesund­heit der Men­schen wie gene­rell über die Belan­ge der Gesell­schaft gehen. Dies hat fata­le Fol­gen für das Image der Kon­zer­ne, und ver­rät viel über deren redu­zier­tes Ver­ständ­nis von Fort­schritt. Wer glaubt noch dar­an, dass hier zukunfts­wei­sen­de Inno­va­tio­nen ent­wi­ckelt wer­den, die nicht nur die Bran­che, son­dern letzt­lich auch der gesam­ten Gesell­schaft zugu­te kämen? Was ist das für ein Fort­schritt, der nur die einen finan­zi­ell fort­schrei­ten, die übri­ge Gesell­schaft jedoch hin­ter sich lässt?

 

Offen­sicht­li­cher als zuletzt kann man nicht demons­trie­ren, dass Pro­fi­te und Macht­er­halt im Zwei­fel über die Gesund­heit der Men­schen wie gene­rell über die Belan­ge der Gesell­schaft gehen.”

Zwei­tens und ent­schei­dend für den Nie­der­gang der Auto­in­dus­trie:

Das Auto­mo­bil hat sich über­lebt, sei­ne Fas­zi­na­ti­on ver­lo­ren. Dies gilt sogar für den Bereich der Sport­wa­gen, wo die Fahr­zeu­ge inzwi­schen durch die Bank der­art per­fekt und potent gewor­den sind, dass sie nur auf der Renn­stre­cke aus­ge­fah­ren wer­den kön­nen – und auch dort immer weni­ger fah­re­ri­sches Talent ver­lan­gen. Gene­rell spielt sich das Meis­te ohne­hin nur noch im Kopf der Sport­wa­gen­be­sit­zer ab („Wenn ich rich­tig schnell Auto fah­ren könn­te und eine Renn­stre­cke zur Ver­fü­gung hät­te, dann…“; oder: „Ich bin 1,3 Sekun­den schnel­ler auf der Renn­stre­cke als mit dem Vor­gän­ger­mo­dell“ etc.). Viel Kopf­ki­no also, wo einst der gan­ze Kör­per betei­ligt war, wo das Fahr­erleb­nis einen mit­ge­ris­sen hat und das Limit durch per­sön­li­chen Ein­satz und Mut defi­niert wur­de. Das ist gene­rell die Ten­denz beim Auto: Immer mehr Kopf, immer mehr Ratio­na­li­tät, wo frü­her erst mal Gefühl war. Im Motor­sport geht es seit Jahr­zehn­ten nur noch dar­um, schnel­le­res Fah­ren durch alle mög­li­chen tech­ni­schen Beschrän­kun­gen zu ver­hin­dern – voll­kom­men absurd. Man will schnel­ler wer­den, bremst sich aber gleich­zei­tig aus? Tech­nik macht schnel­ler und lang­sa­mer zugleich?

Die­se Wider­sprüch­lich­keit ist typisch für das Auto gewor­den. Das liegt eben dar­an, dass man nicht mehr bedin­gungs­los hin­ter ihm steht; man ver­sucht, den Kopf ein­zu­schal­ten, um sei­ne alte Lie­be zu ret­ten – eine Lie­be, die aber längst ver­blasst ist.

Kopf­ge­bur­ten ohne Ende sind die Fol­ge: Nicht nur die Sport­wa­gen sind inzwi­schen moto­risch völ­lig über­di­men­sio­niert bzw. fahr­werks­sei­tig und aero­dy­na­misch over­en­gi­nee­red. Ein nor­ma­ler Auto­fah­rer bringt auf der Land­stra­ße heu­te auch einen VW Golf nicht mehr in die Nähe sei­nes Limits. Bei den meis­ten älte­ren Fah­rern täte es auch die Hälf­te der vor­han­de­nen PS oder auch viel weni­ger, wobei dann immer noch genü­gend Reser­ven vor­han­den wären. Was soll das? Zumal die Stra­ßen immer vol­ler wer­den und die PS-Zah­len inso­fern eigent­lich zurück­ge­hen müss­ten. Dass über­dies die Bedie­nung „moder­ner“ Autos immer kom­pli­zier­ter und die Über­sicht­lich­keit immer schlech­ter wird, sei am Ran­de erwähnt. Die viel­ver­kauf­ten SUVs schließ­lich zei­gen, dass das Pro­duk­ti­ons­ni­veau bloß noch unter Auf­bie­tung extre­men Ein­sat­zes von Fan­ta­sie sei­tens der Wer­ber wie der Kun­den auf­recht erhal­ten wer­den kann, die aus sinn­frei­en, häss­li­chen und viel zu schwe­ren Fahr­zeu­gen sol­che macht, die irgend­wie den­noch den alten Traum von Frei­heit und Fort­schritt ver­kör­pern. Kopf, Kopf, kom­pli­ziert: Man denkt nur noch in abs­trak­ter Kate­go­ri­en und in Zah­len, in Fahr- und Grenz­wer­ten, in Gewin­nen und Verlusten.

Doch Fan­ta­sie ist eine begrenz­te Res­sour­ce und das Kopf­ki­no benö­tigt rea­les Mate­ri­al. Des­halb kommt jetzt das Elek­tro­au­to. Die­ses steht, jeder halb­wegs infor­mier­te Mensch weiß es, nicht für die Zukunft des Autos, son­dern für sein Ende als mas­sen­haft pro­du­zier­tes sowie für die Kon­zer­ne pro­fit­träch­ti­ges Fort­be­we­gungs­mit­tel. Geht es bloß noch dar­um, kom­for­ta­bel von A nach B zu kom­men, benö­tigt man dazu kein beson­ders indi­vi­du­el­les, reiz­vol­les Fort­be­we­gungs­mit­tel – eine simp­le E-Kis­te genügt dann in den meis­ten Fäl­len. Und wer es sich leis­ten kann, betreibt eben Ben­zin­au­to­sport, so wie heu­te man­che ihre Renn­pfer­de bewe­gen. Und: Von den E-Autos benö­tigt man, klug ver­netzt und bequem auf Abruf bereit, nur einen Bruch­teil der momen­tan vor­han­de­nen Fahr- bzw. Stehzeuge.

Es lie­ßen sich noch vie­le Din­ge auf­zäh­len, wel­che die inne­ren Wider­sprü­che ver­an­schau­li­chen, in denen das Auto und sei­ne Her­stel­ler gefan­gen sind, doch für die­se Skiz­ze soll es genü­gen. Ent­schei­dend ist ohne­hin das Fol­gen­de: Das Auto war noch nie ver­nünf­tig, es war eine Pas­si­on. Und es war eine Pas­si­on, die vom Fort­schritts­ge­dan­ken getra­gen wur­de. Das Schnel­ler-Bes­ser-Wei­ter und die damit ver­bun­de­ne Aus­wei­tung der per­sön­li­chen Spiel­räu­me hat das Auto vor­an­ge­trie­ben und pro­fi­ta­bel gemacht. Das war natür­lich oft ziem­lich ver­rückt, aber auch ver­dammt gut, denn vie­le tol­le, fas­zi­nie­ren­de Autos – und Renn­fah­rer – haben Men­schen begeis­tert, ihre Besit­zer wie jene von Kunst­wer­ken mit Stolz erfüllt und die Kin­der von die­sen Kunst­wer­ken träu­men las­sen. Wie viel Schö­nes rank­te sich um die­ses Wun­der auf vier Rädern! Doch heu­te hat das Auto als Sym­bol einer vom tech­ni­schen Fort­schritt gelei­te­ten Gesell­schaft aus­ge­dient. Immer öfter steht es für Ein­schrän­kung statt Befrei­ung, immer öfter dafür, die Zukunft zu ver­stel­len und zu ver­schmut­zen, in deren leuch­ten­de Vari­an­te wir doch frü­her mit ihm gefah­ren sind.

 

Heu­te hat das Auto als Sym­bol einer vom tech­ni­schen Fort­schritt gelei­te­ten Gesell­schaft ausgedient.”

 

Aber kann die ehe­ma­li­ge Lie­bes­be­zie­hung nicht doch viel­leicht „ver­nünf­tig“ wei­ter­ge­führt wer­den, wie es viel­leicht Poli­ti­kern wie Ange­la Mer­kel vor­schwebt? Man muss sich doch nicht tren­nen, nur weil man sich nicht mehr liebt, oder? Den Todes­stoß für die­se Aus­flucht besorgt jedoch das Wirt­schafts­sys­tem selbst, in dem das Auto groß gewor­den ist: der Kapi­ta­lis­mus – bzw. des­sen öko­lo­gi­sche Schat­ten­sei­te. Unter öko­lo­gi­schen Gesichts­punk­ten, das heißt kli­ma- und gesund­heits­schäd­li­che Gase, Res­sour­cen, Müll etc. betref­fend, ist es das Sinn­volls­te, weit­aus weni­ger neue Autos zu pro­du­zie­ren, weil im gesam­ten Pro­duk­ti­ons­pro­zess, also nicht nur beim Bau der Kom­po­nen­ten und deren Zusam­men­set­zung, son­dern auch bei der Anlie­fe­rung der Roh­stof­fe und Kom­po­nen­ten, beim Ver­trieb etc., enorm viel Ener­gie benö­tigt wird. Statt­des­sen soll­ten die Gebrauch­ten so lan­ge wie mög­lich gefah­ren wer­den. Ent­spre­chend wird künf­tig die Pro­duk­ti­on von Ersatz­tei­len eine wich­ti­ge Rol­le spie­len, wobei neue Werk­stof­fe intel­li­gent ein­ge­setzt und die vor­han­de­nen Fahr­zeu­ge dadurch nicht nur erhal­ten, son­dern sogar peu à peu ver­bes­sert wer­den könn­ten. Und in den Städ­ten ist es ohne­hin ver­nünf­ti­ger, auto­nom fah­ren­de E-Kap­seln ein­zu­set­zen sowie den öffent­li­chen Ver­kehr und die Rad­we­ge auszubauen.

Die ers­ten Anzei­chen des Ver­blas­sens der gro­ßen Lie­be zum Auto­mo­bil haben auf­merk­sa­me Beob­ach­ter schon Anfang der 80er-Jah­re bemerkt. Nicht umsonst ver­stärk­te sich seit­dem auch der Ein­druck, man ruhe sich in den Auto­kon­zer­nen auf sei­nen Erfol­gen aus. Nun, bald 40 Jah­re spä­ter, ist es Zeit, die Kon­se­quen­zen zu zie­hen und die Bevöl­ke­rung auf den gro­ßen Umbruch vor­zu­be­rei­ten, der mit dem Abschied vom tra­di­tio­nel­len und in rie­si­gen Stück­zah­len pro­du­zier­ten Auto ver­bun­den ist – ein Abschied, der im Her­zen schon statt­ge­fun­den hat und nur in vie­len Köp­fen noch nicht ange­kom­men ist.

 

Blockchain & Bitcoin – was noch gesagt werden musste, Teil 3

Blockchain & Bitcoin

 Weiterentwicklung der Blockchain

Eine Fra­ge, um die man nicht her­um­kommt zu stel­len, wenn man sich mit dem The­ma Block­chain beschäf­tigt ist: Wird die Block­chain die Welt verändern?

 

Die­se Fra­ge ist nahe­lie­gend, wenn man sich nur mal ansieht, wer sich gera­de alles inten­siv mit dem The­ma beschäf­tigt. Die Bank of Eng­land ist ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel, wobei die ande­ren Inter­es­sen­ten an der Tech­no­lo­gie nicht weni­ger pro­mi­nent sind. So tüf­teln der­zeit 42 Ban­ken – dar­un­ter die Deut­sche Bank und die Com­merz­bank – gemein­sam an einem tech­ni­schen Stan­dard für Block­chains, weil die­se ihre Arbeit wesent­lich erleich­tern könn­ten. Und die aus­tra­li­sche Bör­se hat gera­de ver­lau­ten las­sen, dass sie die Tech­no­lo­gie tes­ten wird, um letzt­lich den gesam­ten Betrieb auf eine decen­tra­li­sed led­ger tech­no­lo­gy (DLT) umzu­stel­len. Das Inter­es­se für die­se Tech­no­lo­gie ist nicht wei­ter ver­wun­der­lich, wenn man sich ansieht, dass die Bit­co­ins zahl­rei­che zen­tra­le The­men der Finanz­welt betref­fen: z.B. das Mono­pol der Zen­tral­ban­ken der Geld­schaf­fung, die Mög­lich­keit Geld zu trans­fe­rie­ren, usw.

 

Man sieht also, dass die Block­chain im Main­stream ange­kom­men ist und zahl­rei­che wich­ti­ge Akteu­re sich mit der Anwen­dung die­ser Tech­no­lo­gie für ihre jeweils ganz spe­zi­fi­schen kon­kre­ten Anwen­dungs­fel­der beschäf­ti­gen. Doch was man nicht ver­ges­sen darf: Längst beschäf­ti­gen sich zahl­rei­che Per­so­nen mit der Weit­ent­wick­lung die­ser Tech­no­lo­gie. So haben bereits 2014 eini­ge jun­ge Pro­gram­mie­rer eine neue Block­chain-Tech­no­lo­gie ent­wi­ckelt, die weit über die Anwen­dung für eine Kryp­towäh­rung hin­aus­geht. Die­se neue Block­chain-Tech­no­lo­gie wur­de als Platt­form für soge­nann­te Dapps (Dis­tri­bu­t­ed Apps), die aus Smart Con­tracts bestehen, entwickelt.

 

Die Idee der „Smart Con­tract“ ist es, gewis­ser­ma­ßen die old-fashio­ned Ver­trä­ge in Papier­form durch ein Com­pu­ter­pro­gramm zu erset­zen, der auto­ma­tisch die vor­her fest­ge­leg­ten Bestim­mun­gen über­prüft und ent­spre­chen­de Aktio­nen ver­an­lasst. Dies ermög­licht es (sofern eine vor­her defi­nier­te Ver­trags­be­din­gung erfüllt ist), dass bestimm­te Aktio­nen (zum Bei­spiel Aus­zah­lun­gen) auto­ma­tisch aus­ge­führt wer­den kön­nen. Wenn man das kon­se­quent vor dem Hin­ter­grund des Inter­net 4.0 zu Ende denkt, also berück­sich­tigt, dass bald mehr als 50 Mil­li­ar­den Maschi­nen unter­ein­an­der ver­netzt sein sol­len, für deren “Kom­mu­ni­ka­ti­on” unter­ein­an­der die Block­chain ein “Betriebs­sys­tem” sein könn­te, dann sieht man schnell, dass Smart Con­tracts den erlauch­ten Kreis der durch die Block­chain vom Aus­ster­ben bedroh­ten Insti­tu­tio­nen und Beru­fe (Zen­tral­ban­ken, Ban­ken) um zahl­rei­che wei­te­re ergän­zen muss (z.B. Nota­re, Bör­sen­händ­ler, Ver­wal­tungs­mit­ar­bei­ter in sämt­li­chen Tätigkeistfeldern).

 

Doch so unglaub­lich das Poten­zi­al die­ser Smart Con­tracts ist, so müs­sen all die­se Anwen­dun­gen erst noch pro­gram­miert wer­den, müs­sen sich Kun­den fin­den, die für die­se Anwen­dun­gen auch bezah­len. Denn von irgend­et­was müs­sen all die Pro­gram­mie­rer ja leben. Da dies jedoch nicht so ein­fach ist, kamen Anfang 2016 eini­ge Pro­gram­mie­rer auf die Idee, eine vir­tu­el­le Betei­li­gungs­fir­ma zu grün­den, die via Crowd­fun­ding Geld von Inves­to­ren ein­sam­melt. Die so kapi­ta­li­sier­te Betei­li­gungs­fir­ma soll­te dann als Inves­tor selbst die Pro­jek­te ihrer Erfin­der finan­zie­ren. Der Clou an der Sache war, dass die­se Betei­li­gungs­fir­ma selbst als Block­chain ange­legt war. Als Inves­tor an die­ser Betei­li­gungs­fir­ma unter­schrieb man kon­se­quen­ter Wei­se auch kei­nen Ver­trag,  der durch einen Notar beglau­bigt und dann im Han­dels­re­gis­ter archi­viert wur­de – nein, viel­mehr erklär­te man durch die Benut­zung die­ser Block­chain-Tech­no­lo­gie sei­ne Zustim­mung zum Gesell­schafts­ver­trag, der nichts ande­res war als der Pro­gramm­code. Die­se Idee ist nicht ganz abwe­gig, denn letzt­lich kann man einen Ver­trag wie einen Pro­gramm­code lesen. Defi­niert ein Ver­trag doch wie ein Code, was zu tun ist, wenn ein vor­her defi­nier­ter Fall ein­tritt. Der Unter­schied ist jedoch (und die­ser wur­de im Zuge des DAO Hacks, den ich wei­ter unten schil­de­re, inten­siv dis­ku­tiert) dass man sich bei der Pro­gram­mie­rung die­ser Betei­li­gungs­fir­ma nicht am gel­ten­den Recht ori­en­tier­te, son­dern an dem, was tech­nisch mach­bar war und als rele­vant für solch ein Unter­fan­gen erach­tet wur­de. Und so hat man sich im Vor­feld auch nicht mit der Fra­ge beschäf­tigt, ob das BGB oder der Pro­gramm­code gilt, wenn ein “Ver­trags­pas­sus” des Pro­gramm­codes für eine Funk­ti­on miss­braucht wird, für die sie nicht beab­sich­tigt war. Viel­leicht wur­de die­se Fra­ge­stel­lung zwar bedacht aber letzt­lich als irrele­vant erach­tet, weil die “Gesell­schaf­ter” die­ser Betei­li­gungs­fir­ma völ­lig anonym sind.

 

Gedacht getan. Die Idee war in der Welt und bis zum 28. Mai 2016 konn­te die Betei­li­gungs­fir­ma mit dem Namen Decen­tra­li­zed Auto­no­mous Orga­ni­sa­ti­on (DAO) ca. 150 Mil­lio­nen US-Dol­lar von über 11.000 Inves­to­ren ein­sam­meln. Was nun folg­te, war ein Wirt­schafts­kri­mi aller­ers­ter Güte. Denn nur drei Wochen spä­ter, am 17. Juni 2016, muss­ten die Grün­der und Inves­to­ren der DAO fest­stel­len, dass durch einen Hack der Soft­ware Gel­der von der DAO abge­zo­gen wur­den. Ins­ge­samt han­del­te es sich um rund 50 Mil­lio­nen US-Dol­lar. Der Hacker hat­te dabei eine Funk­ti­on in der DAO als Sicher­heits­lü­cke ent­deckt, die die Inves­to­ren eigent­lich schüt­zen soll­te. Doch zum Glück gab es eine wei­te­re Schutz­funk­ti­on, die der Com­mu­ni­ty 28 Tage Zeit gab, um das Geld zurück­zu­ho­len. Erst wenn die­se 28 Tage ver­stri­chen wären, hät­te der Hacker auf das abge­zo­ge­ne Geld zugrei­fen können.

Wäh­rend die Com­mu­ni­ty noch berat­schlag­te, tauch­te ein anony­mes Beken­ner­schrei­ben auf, in dem der Hacker dar­auf ver­wies, dass er ledig­lich im Rah­men des von der Tech­no­lo­gie Erlaub­ten gehan­delt habe. Und auch wenn er damit irgend­wie recht hat­te: Das Geld war erst mal weg. Wich­ti­ger noch waren die Fol­gen des Hacks: Denn die Reak­ti­on der DAO hat gezeigt, dass es – auch wenn bis­lang Gegen­tei­li­ges gesagt wur­de – doch mög­lich ist, eine Block­chain zu mani­pu­lie­ren (zumal wenn die­se noch so jung ist wie die, auf der die DAO auf­bau­te und wenn die­se von einer zen­tra­len Stel­le wie der Ethe­re­um Foun­da­ti­on ent­wi­ckelt wird). Denn kurz vor Ablauf der 28 Tage ent­schied man sich, die Block­chain zu mani­pu­lie­ren und so das Geld der Inves­to­ren zu sichern.

 

Damit wur­de zwar das Ver­spre­chen der Block­chain-Tech­no­lo­gie – die Unmög­lich­keit der Mani­pu­la­ti­on von Daten – gebro­chen, aber so para­dox es klin­gen mag, damit wur­de zugleich gezeigt, dass die Block­chain für zahl­rei­che kom­mer­zi­el­le Anwen­dun­gen ver­wen­den lässt. Schließ­lich ist es manch­mal klar von Vor­teil, wenn es eine Instanz gibt, die Feh­ler revi­die­ren kann und gene­rell die Kon­trol­le behält.

 

Wird die Block­chain also die Welt ver­än­dern? Auf die­se Fra­ge will ich hier kei­ne abschlie­ßen­de Ant­wort geben, aber man soll­te die­se Fra­ge bei den fol­gen­den Blog­bei­trä­gen stets im Hin­ter­kopf haben …

 

von Wolf­ram Bern­hardt, der sich über Feed­back wie immer freut  (wbernhardt(at)agora42(Punkt)de), den 30. Mai 2017

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Haben Sie das Gefühl, in einer Krise zu sein?” – Der Kapitalismus auf der Couch

Die­ses Behand­lungs­pro­to­koll ist erst­mals ins agora42 1/2017 DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH erschie­nen. In die­ser Aus­ga­be wird der Kapi­ta­lis­mus in vier the­ra­peu­ti­schen Sit­zun­gen ana­ly­siert. Die ers­te Sit­zung fasst Chris­ti­an Schü­le zusammen:
kapitalismus agora42
 

Der depressive Patient
Behandlungs-Protokoll: Systemische Therapie mit gestalttherapeutischen Anteilen

 
 
All­ge­mei­ner Ein­druck des Patienten:
Pati­ent K ver­hält sich auf­fal­lend auf­fäl­lig. Er kann nicht still sit­zen und springt unver­hofft auf, um wäh­rend des Gehens ohne Punkt und Kom­ma zu reden. Mich nimmt er sel­ten wahr, manch­mal ver­schluckt er Sil­ben. Fra­gen, die sei­nen Mit­tei­lungs­drang unter­bre­chen, igno­riert er. Ein­wän­de sind in sol­chen Momen­ten nicht mög­lich. Eine kla­re Gedan­ken­füh­rung habe ich nicht bemerkt. K ist ner­vös, unge­dul­dig und ver­voll­stän­digt mei­ne Sät­ze, weil ich ihm, wie er sagt, zu schlep­pend rede. Per­ma­nent strei­chelt er mit dem rech­ten Dau­men über das Deck­glas sei­ner Arm­band­uhr. Mein Ein­druck: Ks Leben ist ein streng getak­te­ter Ablauf­plan kurz­fris­ti­ger Arran­ge­ments, die stän­dig koor­di­niert wer­den müssen.
 
diktiergeraet
 
Sprach­me­mo 1:

K: Sie müs­sen in jedem Fall über Ihre Gren­zen gehen, wis­sen Sie, es ist ent­schei­dend, dass Sie immer Ihre Gren­zen über­schrei­ten, dar­in liegt der Sinn unse­rer Natur, ohne Grenz­über­schrei­tung hät­te das Leben ja keine …

Ich: Sie mei­nen: hät­te Ihr Leben.

K: … Span­nung. Mein Leben? Mein Leben ist gleich­zu­set­zen mit dem Leben an sich. Wir befin­den uns in einem per­ma­nen­ten Kampf! Da drau­ßen ist Krieg, ver­ste­hen Sie? Da ist der Krieg der Wöl­fe! Da zählt fürs Über­le­ben nur der Sieg.

Ich: Füh­len Sie sich bedroht?

K: Ich bin Top-Per­for­mer und die aller­meis­ten da drau­ßen sind Low-Per­for­mer. Top-Per­for­mer haben das Recht, allen ande­ren vor­ge­zo­gen zu wer­den. Rich­tig, oder? Als Top-Per­for­mer brau­chen Sie die bes­ten Umstän­de, um sich ent­fal­ten zu kön­nen. Ohne Stei­ge­rung führt sich das Sys­tem selbst in die Grüt­ze, weil es die eige­nen Repro­duk­ti­ons­kräf­te hemmt: Es bleibt ste­hen, und alles, was ste­hen bleibt, ist tot. Das ist unbestreitbar!

 
 
Notat 1:
Der Fra­ge, ob er sich vor einem Leben ohne Span­nung und Beloh­nung fürch­te, ent­geg­net K gereizt, Furcht sei etwas für die Zukurz­ge­kom­me­nen! Das Prin­zip der Selbst­über­schrei­tung habe er bereits in sei­ner Jugend als vor­teil­haft erkannt und aus­ge­lebt. Es treibt ihn an, erregt ihn, bringt ihm Lust. K ist voll­ends abhän­gig von der Bestä­ti­gung und Auf­merk­sam­keit ande­rer, die er als Bewun­de­rung miss­ver­steht. Er ver­neint mei­ne Fra­ge, ob ihm ein Mensch gleich­wer­tig sein kön­ne. Wert hat für ihn nur, was ihn von allen ande­ren abhebt, vor allem im direk­ten Ver­gleich: Der Bonus ist für ihn die höchs­te Form der Unter­schei­dung und Wert­schät­zung sei­ner Per­son. Er ist ein Fetisch, auf den sich Ks Libi­do-Ener­gie kon­zen­triert. Als Con­sul­tant-Mana­ger einer gro­ßen Media-Agen­tur ent­wi­ckelt K Pro­duk­te, die ihn nicht inter­es­sie­ren. Sein ein­zi­ges Inter­es­se ist die Beschleu­ni­gung der Pro­dukt-Plat­zie­rung und der Vor­teil, den er dadurch hat. „Wer Bedürf­nis­se kre­iert, Men­schen zu deren Befrie­di­gung sti­mu­liert und ihre Lust dann mit pass­ge­nau ent­wi­ckel­ten Pro­duk­ten befrie­digt“, sagt er, „habe nie­mals Fei­er­abend.“ K hat den Ehr­geiz, höhe­re Quo­ten zu erzie­len als die ande­ren Abtei­lun­gen sei­nes Unter­neh­mens; er benutzt dabei das Wort „Spiel“. Durch sei­ne Fixie­rung auf die Beschleu­ni­gung von abs­trak­ten Abläu­fen wur­de K von einer Stei­ge­rungs­lo­gik ver­ein­nahmt, der er nicht mehr ent­kom­men kann. Sie erlaubt ihm nur, ent­we­der nach oben zu lau­fen oder nach unten zu fal­len. Eine ande­re Mög­lich­keit sieht er nicht. K ist Gefan­ge­ner im eige­nen Pan­op­ti­kum: Er hat zwi­schen sich und die Rea­li­tät eine dop­pel­sei­tig spie­gel­ver­glas­te Trenn­wand ein­ge­zo­gen. In den Spie­geln sieht er nur sich selbst.
 
 
Sprach­me­mo 2:
Ich: Wenn Sie sich ein­mal betrach­ten – was sehen Sie?

K: Einen High Poten­ti­al Anfang vierzig.

Ich: Das mei­ne ich nicht.

K: Dann fra­gen Sie präziser.

Ich: Was ver­kör­pern Sie für sich selbst?

K: Ich weiß nicht, was die­se Fra­gen sol­len. Ich habe Ihnen das schon so oft gesagt: In mir ver­kör­pert sich unser Sys­tem. In mir zeigt sich der Wohl­stand die­ses Lan­des. Da habe ich doch Respekt ver­dient, mei­nen Sie nicht?

Ich: Ich mein­te nicht, was Sie sind, son­dern wen Sie sehen?

K: Das ist das Gleiche.

Ich: Gut, dann fra­ge ich anders: Haben Sie das Gefühl, in einer Kri­se zu sein?

K: Kri­se? Wenn da eine Kri­se sein soll­te, kann ich sie mir nicht leis­ten. Kri­sen sind dazu da, über­wun­den zu wer­den. Kri­sen und Kri­tik müs­sen ein­ver­leibt, neu­tra­li­siert und sofort pro­duk­tiv umge­setzt werden.

 
 
Notat 2:
K kann kei­ner­lei Ver­ständ­nis für Schwa­che auf­brin­gen. Schwä­che eke­le ihn, sagt er wört­lich. Er ver­ach­te Men­schen, die sich per­ma­nent zum Opfer jener Umstän­de sti­li­sie­ren, die er bestimmt. Mei­ne Fra­ge, ob er spü­ren kön­ne, dass sich die Mit­ar­bei­ter sei­ner Abtei­lung von ihm los­ge­sagt hät­ten, ver­neint er vehe­ment. Er glaubt, die Kol­le­gen eifer­ten sei­nem Vor­bild nach und bewun­der­ten ihn für sei­ne Erfolgs­quo­te. Wenn er über­haupt von ande­ren spricht, sind dies aus­nahms­los Män­ner. Er kann sie indi­vi­du­ell nicht kon­tu­rie­ren, aber es ist klar, dass alle, von denen er erzählt, eine Ähn­lich­keit mit ihm selbst besit­zen: das glei­che Alter, das glei­che Äuße­re und die glei­che Pas­si­on, Bedürf­nis­se zu schaf­fen, von denen die Kon­su­men­ten bis­lang nichts wuss­ten. K redet nicht über Mit­bür­ger, son­dern über Pro­dukt­nut­zer. Wenn er redet, ist er grund­sätz­lich nicht in der Lage, die Augen zu schlie­ßen. Wir spra­chen über Ks Träu­me: Er bestand dar­auf, kei­ne Träu­me zu haben, son­dern Visionen.
 
couchillu
 
Sprach­me­mo 3:
Ich: Sie sind zu mir gekom­men, weil Sie die Befürch­tung hat­ten, „heiß­zu­lau­fen“.

K: Heiß­zu­lau­fen?

Ich: So haben Sie das gesagt.

K: Ich bin gekom­men, weil mein Arzt mich zu Ihnen geschickt hat. Aber ich bin auf gar kei­nen Fall krank.

Ich: Nun, Sie kön­nen nicht mehr schla­fen! Das fin­de ich durch­aus bedenklich.

K: Wir kön­nen uns Schlaf nicht leis­ten. Wozu auch? Schlaf ist Stillstand.

Ich: Ver­ach­ten Sie Mit­men­schen, die nicht mit­hal­ten können?

K: Sie könn­ten ja mit­hal­ten, aber sie wol­len nicht, ver­ste­hen Sie? Kann nicht, gibt’s nicht! Die wol­len ein­fach nicht und machen den Lea­dern das Leben schwer.

Ich: Sie haben behaup­tet, dass der Wert eines Men­schen dar­in besteht, sich selbst stets zu „inves­tie­ren“.

K: Jeder von uns ist sei­ne eige­ne Aktie. Jeder inves­tiert sich selbst und kas­siert dafür eine Ren­di­te, so geht das Spiel.

 
 
Notat 3:
Im Ver­lauf der Sit­zung wur­de deut­lich, dass sich der Wert des Men­schen für K über sein Kön­nen, oder bes­ser: über sein Kön­nenwol­len defi­niert. Im Gegen­satz zum mora­li­schen Sol­len, mit dem kla­re Vor­ga­ben ver­bun­den sind, ist das Kön­nen­wol­len per defi­ni­tio­nem unbe­grenzt und unend­lich stei­ger­bar. Es hat kei­nen Anfang und kein Ende, son­dern ent­wi­ckelt sich aus sich selbst her­aus ad infi­ni­tum. Kön­nen­wol­len bezeich­net die gren­zen­lo­se Mög­lich­keit des Wer­dens. K bemisst zwar den Wert des Men­schen an sei­nem Kön­nen, kann jedoch nicht defi­nie­ren, was die­ses Kön­nen aus­macht: Jeder müs­se selbst wis­sen, was er kann. Kön­nen heißt für ihn auch, dass jeder Mensch gänz­lich auf sich allein gestellt ist, denn nur der Ein­zel­ne selbst kann das Kön­nen wol­len. Den Men­schen zum per­ma­nen­ten Auf­bruch anzu­trei­ben, ist Aus­druck der Logik, die K dem Leben unter­stellt: Alles, was ist, muss wach­sen. Alles, was wächst, wirft immer etwas ab, sonst wäre es Nega­tiv­wachs­tum. Wenn der ein­zel­ne Mensch nicht zum posi­ti­ven Wachs­tum bei­trägt, dann schei­tert er K zufol­ge an sei­ner Bestim­mung. Immer wie­der weist K dar­auf hin, dass nie­mand ande­res für das Schei­tern haft­bar zu machen ist, als das nicht-kön­nen­wol­len­de Indi­vi­du­um selbst.
 
 
Sprach­me­mo 4:
Ich: Sie sind, laut Ihres Über­wei­sungs­scheins, auch des­halb zu mir gekom­men, weil Ihnen ein schmerz­haf­tes Ereig­nis wider­fah­ren ist.

K: Ich habe kei­ne Schmerzen.

Ich: Gut, sagen wir: ein für Sie pro­ble­ma­ti­sches Ereignis.

K: Pro­ble­me löse ich, ver­ste­hen Sie? Nein, ich bin gekom­men, weil … weil mein Sexu­al­trieb … also, weil die­ser Trieb mich zu oft von der Arbeit ablenkt.

Ich: Das mein­te ich nicht. Sie sind gekom­men, weil Sie zusam­men­bra­chen, nach­dem eine jun­ge Kol­le­gin sich Ihnen wider­setzt hat und –

K: Ich bin kei­nes­falls zusammengebrochen!

Ich: Sie hat­ten einen Weinkrampf.

K: Das ist ein Missverständnis.

Ich: Wor­in genau besteht die­ses Missverständnis?

K: Die Kol­le­gin hat nicht ver­stan­den, dass sie schlecht performt.

Ich: Hat die Kol­le­gin Sie denn nicht zurückgewiesen?

K: Nie­mals! Als Low-Per­for­mer schmä­lert sie mein Ergeb­nis. Die­se Frau hat mich nicht verdient.

Ich: Was genau hat sie nicht verdient?

K: Mei­ne Anerkennung.

Ich: Aber war es nicht gera­de andersherum?

K: Wir machen jetzt mal eine Zigarettenpause.

agora42 Kapitalismus gehirn
 
 
Notat 4:
Nach der kur­zen Unter­bre­chung schil­dert K die Situa­ti­on fol­gen­der­ma­ßen: Er sei sich sicher gewe­sen, dass die jun­ge Kol­le­gin, Mit­te zwan­zig, die seit einem hal­ben Jahr in sei­ner Abtei­lung arbei­tet, ihm zwar wider­ste­hen woll­te, es aber nicht konn­te. Also habe er, um „die Sache abzu­kür­zen“, den direk­ten Weg gewählt und sie an besag­tem Don­ners­tag vor acht Wochen gegen 21 Uhr in sein Büro gebe­ten. Als sie dort nicht erschie­nen sei, habe er sie ange­ru­fen. Die Kol­le­gin ent­geg­ne­te, dass sie bis Punkt 18 Uhr arbei­te und kei­ne Minu­te län­ger. Sie frag­te ihn, ob er das nicht wis­se. Zwei Tage spä­ter, kurz vor sei­nem eige­nen Objec­tive-Talk mit dem CEO, sei sie zum monat­li­chen Ziel­ver­ein­ba­rungs­ge­spräch in sei­nem Büro erschie­nen. Genau­er woll­te K den Vor­gang nicht schil­dern, aber offen­bar hat die jun­ge Kol­le­gin sei­ne Hand von ihrer Brust genom­men, den Kopf schief gelegt und sehr lan­ge künst­lich gegähnt.
 
 
Notat 5:
Die Ohn­macht, die K bei der Zurück­wei­sung durch die Kol­le­gin ver­spür­te, zeigt, dass er ver­wei­ger­ter Aner­ken­nung nicht gewach­sen ist. Das gelang­weil­te Gäh­nen der jun­gen Frau kon­fron­tier­te ihn mit sei­ner eige­nen Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Er fühl­te sich nicht ange­grif­fen, son­dern aus­sor­tiert. Die Angst, er könn­te Attrak­ti­vi­tät und Macht ver­lie­ren, wenn die nach­fol­gen­de Gene­ra­ti­on ihn nicht mehr aner­kennt, hat K in die Depres­si­on geführt. Die Kol­le­gin stellt nicht nur sei­ne Rol­le als Heroe der Fir­ma infra­ge, son­dern das Sys­tem, auf dem sein Selbst­wert basiert. Dies führt bei K zu einem Iden­ti­täts­bruch, ver­gleich­bar mit dem Sprung eines Spie­gel­gla­ses. Seit­her kann er die Frag­men­te sei­ner Per­sön­lich­keit nicht mehr zusammendenken.
K fasst jeg­li­che Beloh­nung als gerecht­fer­tig­te Gra­ti­fi­ka­ti­on nicht nur sei­ner Arbeit, son­dern sei­nes Daseins als sol­chem auf. Bei aus­blei­ben­der Beloh­nung ist er jedoch unre­gu­lier­bar. K ist über­zeugt vom extrem hohen Wert sei­ner Arbeit und unter­schei­det nicht mehr in gute und schlech­te, rich­ti­ge und fal­sche Hand­lun­gen. Er hat sei­ne Selbst­steue­rungs­fä­hig­keit völ­lig ein­ge­büßt. K glaubt, dass er letzt­lich auf ande­re Men­schen ver­zich­ten kann. Durch die dau­er­haf­te Aus­trei­bung des Ande­ren aus sei­ner Wahr­neh­mung ist ihm jedes Maß ver­lo­ren gegan­gen. Schließ­lich ist er in sei­ner Käl­te erst „heiß­ge­lau­fen“ und hat sich dann selbst verloren.
 
 
Schluss-Notat:
Auf bis­her prä­ze­denz­lo­se Wei­se ver­mag der Pati­ent sei­ne depres­si­ven Pha­sen so zu neu­tra­li­sie­ren, dass aus dem Akti­vi­täts­ver­lust und der Nie­der­ge­schla­gen­heit über­höh­te Wahn­vor­stel­lun­gen ent­ste­hen. Sein chro­ni­sches Schlaf­de­fi­zit führ­te bis­lang nicht zu einem geschwäch­ten Immun­sys­tem oder zu gestie­ge­ner Anfäl­lig­keit für Krank­hei­ten. K hat aber­mals abge­nom­men, der Gür­tel lässt sich nicht mehr enger schnal­len. Ich habe dem Pati­en­ten ein vier­wö­chi­ges Exer­zi­ti­um im Klos­ter St. Boni­fa­ti­us emp­foh­len und ihm für die Über­gangs­zeit Lithi­um und Neu­ro­lep­ti­ka zur Dämp­fung psy­cho­tisch-wahn­haf­ter Sym­pto­me ver­schrie­ben. Ich sehe zwei trif­ti­ge Grün­de für die Fort­set­zung der The­ra­pie in Form der Ana­ly­se: Ers­tens Ks anhal­ten­de Angst, die jun­ge Kol­le­gin zer­stö­re mit ihrem gering­schät­zi­gen Ver­hal­ten natür­li­che Hier­ar­chi­en und damit sei­ne Lebens­grund­la­ge. Zwei­tens wird er seit der Zurück­wei­sung durch die Kol­le­gin von Panik­at­ta­cken heim­ge­sucht, wäh­rend derer er wähnt, von innen aus­ge­höhlt zu wer­den. In die­sen Momen­ten wie­der­holt er stän­dig ihre Fra­ge nach dem gesell­schaft­li­chen Nut­zen sei­ner Arbeit und damit sei­nes Lebens.

Um Punkt 15 Uhr zog K sei­nen Kamel­haar­man­tel an und ging.
 
 
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Christian Schuele

Chris­ti­an Schü­le ist frei­er Autor und Publi­zist und lebt in Ham­burg. Seit Anfang 2015 lehrt er im Fach­be­reich Kul­tur­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin. Zuletzt von ihm erschie­nen: Was ist Gerech­tig­keit heu­te? Eine Abrech­nung (Patt­loch Ver­lag, 2015).

 

 

Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

Anläss­lich der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen drei Fra­gen zu die­sem The­ma gestellt – dar­un­ter auch Prof. Dr. Ruth Hagen­gru­ber. Sie hält die gän­gi­ge Kapi­ta­lis­mus­schel­te für einen Vor­bo­ten natio­na­ler auto­ri­tä­rer Bewe­gun­gen und plä­diert dafür den Kapi­ta­lis­mus nicht zu dämo­ni­sie­ren, son­dern zu demokratisieren.

 

Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

 

1. Frau Hagen­gru­ber, wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu bedenken?

Die heu­te ver­brei­te­te Kapi­ta­lis­mus­schel­te darf gewiss mehr als Trend denn als Ein­sicht ange­se­hen wer­den. Wer den Kapi­ta­lis­mus gar ins Reich des Bösen ver­weist, ist sich der Zustim­mung der Vie­len und daher auch der Medi­en gewiss. So ein­fach ist es nicht. Kein Zwei­fel, auf Trug gebau­te Kapi­tal­ak­ku­mu­la­tio­nen, Intrans­pa­renz ver­stö­ren den „Nor­mal­bür­ger“, der es sich nur im Rah­men sei­ner Ein­künf­te leis­ten kann, die eige­nen Ide­en zu rea­li­sie­ren. Und der über­zeugt ist: Das Gute im Leben kann mit Kapi­tal nicht erkauft wer­den. In die­ser Span­ne zwi­schen Ent­täu­schung und über­zo­ge­nen Hoff­nun­gen ermög­licht uns die phi­lo­so­phi­sche Per­spek­ti­ve wie­der einen neu­en Blick auf die Öko­no­mie­ge­schich­te und auf das, was unter Kapi­tal über­haupt zu ver­ste­hen ist. Dabei ist es wohl nicht zufäl­lig, dass ihr Begrün­der, Adam Smith ein Moral­phi­lo­soph war. Phi­lo­so­phie und Öko­no­mie sind schon seit der Anti­ke, also seit dem Anfang der Phi­lo­so­phie eng ver­zahnt. Kein gerin­ge­rer als Sokra­tes hin­ter­ließ fol­gen­de Anwei­sung, das Ver­mö­gen zu meh­ren: auxein ton oikon. Das über­lie­fert Xeno­phon. Klug, wie die­se anti­ken Den­ker waren – übri­gens waren es auch Den­ke­rin­nen, denn in eben die­sem Buch bezeich­net Sokra­tes Aspa­sia als sei­ne Leh­re­rin – wis­sen sie, dass die Ver­meh­rung des Ver­mö­gens zwar das Ziel der Öko­no­mie dar­stellt, aber auch, dass es dabei nicht um quan­ti­ta­ti­ve, son­dern um qua­li­ta­ti­ve Wer­te geht.

Ruth Hagengruber

Ruth Hagen­gru­ber habi­li­tier­te mit einem wirt­schafts­phi­lo­so­phi­schen The­ma (Nut­zen und All­ge­mein­heit) und lei­tet seit 2005 den For­schungs­be­reich EcoTech­Gen­der an der Uni­ver­si­tät Pader­born. Sie publi­ziert regel­mä­ßig zu The­men der Wirt­schaft, Infor­ma­tik und zu Fra­gen der Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit (sie­he web­page). Seit 2013 lehrt sie in einem Pro­jekt: Ethik Den­ken Öko­no­mie regel­mä­ßig zu The­men der Wirtschaftsphilosophie.

Ver­mö­gens­meh­rung aus die­ser phi­lo­so­phi­schen Per­spek­ti­ve meint näm­lich, die sub­jek­ti­ve ganz per­sön­li­che Beur­tei­lung und Ein­schät­zung über eine Sache. Sokra­tes bringt dafür anschau­li­che Bei­spie­le: Es nützt nichts, wenn einer ein Pferd besitzt, das ihn tritt! Obwohl quan­ti­ta­ti­ver Besitz, ist es kein Ver­mö­gen, son­dern einen Scha­den! Selbst, wer kei­nen direk­ten Scha­den nimmt, aber auch kei­nen Vor­teil, han­delt unwei­se. Wer eine Flö­te besitzt, die er nicht spie­len kann, scha­det sich und sei­nem Vermögen.

Was Xeno­phon hier durch den Mund des Sokra­tes mit­teilt ist die Ein­sicht, dass unser Urteil der Aus­druck des Wis­sens über Nut­zen und Gebrauch eines Dings ist. Es ist ein ganz per­sön­li­ches Urteil, das vom Urtei­len­den abhängt. Das Urteil spie­gelt sozu­sa­gen den Urtei­len­den. Die­ser Mehr­wert, den der Urtei­len­de rekla­miert, spie­gelt sein Wis­sen um die Sache und rezi­prok. Die Ver­mö­gens­meh­rung, damit das Kapi­tal, kommt folg­lich aus die­sem Wis­sen, nicht aus der Sache. Das war die idea­le Auf­fas­sung Xenophons.

Aus die­ser Ein­sicht las­sen sich vie­le inter­es­san­te Urtei­le ablei­ten. Z.B. auch die­je­ni­ge, dass Kapi­tal sich nicht auf Geld oder Boden oder Pro­duk­ti­ons­mit­tel beschrän­ken lässt. Der wah­re Grund des Kapi­tals ist der qua­li­ta­tiv zuge­mes­se­ne Mehr­wert, der sich in der Sache ver­ding­licht. Nut­zen und Gebrauch wer­den sozu­sa­gen erfun­den. Zucker­berg und Gates, Rubin­stein, Goog­le und Sky­pe prä­sen­tie­ren heu­te in dem von ihnen kre­ierten Kapi­tal die Trans­for­ma­ti­on der Ide­en zu Kapi­tal. Wir kre­ieren den Mehr­wert. Wir kre­ieren das Kapi­tal. Heu­te ist prak­tisch allen klar, dass Kapi­tal nicht im Geld liegt. Das wah­re Kapi­tal ist Wis­sen. Was wir als Kapi­tal anse­hen, wan­delt sich. Wenn wir wol­len, kön­nen wir den ganz  gro­ßen Kapi­ta­lis­ten unse­ren Zuspruch ent­zie­hen – jeden­falls, wenn wir die demo­kra­ti­sche Kon­trol­le aus­üben kön­nen und ver­ste­hen ler­nen, dass der Kapi­ta­lis­mus, wie alles und wir selbst, not­wen­dig kor­rek­tur­be­dürf­tig sind.

Der demo­kra­ti­schen Kor­rek­tur des Kapi­ta­lis­mus geht es daher um die gro­ße Streu­ung des Zugangs zum Kapi­tal, das idea­ler­wei­se in vie­len Län­dern die­ser Welt aktiv ist und dabei zugleich die Auf­lö­sung auto­ri­tä­rer oder und patri­ar­cha­ler Herr­schaft mit sich führt.

Die­ser eigent­lich demo­kra­ti­sche, aber auch glo­ba­le Pro­zess beflü­gelt die Angst des Ein­zel­nen in den Wohl­stands­län­dern, sie möch­ten dabei ihr „biss­chen Kapi­tal“ ver­lie­ren. Die glo­ba­le Stra­te­gie des moder­nen und par­ti­ku­lar ori­en­tier­ten Kapi­ta­lis­mus wird von den neu­en natio­na­lis­ti­schen Bewe­gun­gen bekämpft. Sie sind Bewe­gun­gen, denen die Streu­ung und Par­ti­ku­la­ri­sie­rung des Kapi­tals zuwi­der ist.

Das Kapi­tal hat das Bür­ger­tum von der Adels­herr­schaft befreit und Chi­na zum Glo­bal Play­er gemacht. Das Kapi­tal kann alte Ord­nun­gen ver­wer­fen. Die ande­ren ver­spre­chen das Gute, wenn sie das Kapi­tal in der Hand hal­ten. Hier kommt es dar­auf an, für wen wir uns ent­schei­den, solan­ge wir die Chan­ce haben, uns zu ent­schei­den, wem wir unser Kapi­tal anver­trau­en. Selbst die Grü­nen ver­spre­chen, „Ren­te geht auch grün“. Kapi­tal kann man in jeder Ver­si­on anspa­ren und ver­meh­ren, je nach­dem für wel­ches „gute“ man sich ent­schei­det, solan­ge es einem noch frei steht, sich zu ent­schei­den. Wer will die­se Ver­tre­ter der neu­en Bewe­gun­gen als zen­tra­le Ver­wal­ter der dann wie­der deut­schen Finanz­kraft? Der freie Bür­ger wird dann weni­ger frei sein, sein biss­chen Ver­mö­gen nach sei­nen eige­nen Vor­stel­lun­gen zu ver­meh­ren. Man muss den Kapi­ta­lis­mus demo­kra­ti­sie­ren, nicht zentralisieren.

 

2. War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Die Frei­heit für einen Men­schen wächst mit sei­ner Mög­lich­keit, sei­ne eige­nen Vor­stel­lun­gen zu  rea­li­sie­ren. Kapi­tal ist einer­seits genau das, was wir dank unse­res eige­nen Ver­mö­gens in den Din­gen sehen. Unser Blick auf die Din­ge der Welt und wie wir sie für unse­re Inter­es­sen nut­zen kön­nen, gehört wesent­lich zu unse­ren Akti­vi­tä­ten. Noch erfreu­li­cher ist es, wenn sich die Welt nach unse­rem Urteil for­men lässt. Das ist letzt­lich der Wunsch der Men­schen, sozu­sa­gen anthro­po­lo­gi­sche Deter­mi­nan­te. Die Din­ge nach der eige­nen Vor­stel­lung zu bewer­ten, ist ein Teil der Selbst­ver­wirk­li­chung. Wir rea­li­sie­ren uns und ver­ding­li­chen unser Ego auf die­se Wei­se in den Din­ger der Welt. Das Ich ver­ding­licht sich im Nicht-Ich, sagen die Phi­lo­so­phen. Damit rea­li­siert sich das säku­la­re Glück im Hier und Jetzt und nicht im Jen­seits. Dem Indi­vi­du­um scheint es, als könn­te es sich damit verewigen.

Nun ent­brann­te mit Rawls, aller­dings nicht zum ers­ten Mal in der Phi­lo­so­phie, die Debat­te, ob die natür­li­che Ver­schie­den­heit der Men­schen nicht unge­recht und daher der Aus­gleich der natür­li­chen Vor­tei­le „zen­tral“ gesteu­ert wer­den müs­se. Die natür­li­che Ver­schie­den­heit aus­zu­glei­chen ist nun zur Auf­ga­be all deren gewor­den, die sich auf den quan­ti­ta­ti­ven Aus­gleichs spe­zia­li­sie­ren. Wer aber kann es quan­ti­fi­zie­ren? Alle fischen im Trü­ben. Aris­to­te­les und Tho­mas Hob­bes ver­tra­ten die Auf­fas­sung, die Ver­schie­den­heit der Men­schen sei per sei die Vor­aus­set­zung und frucht­ba­re Grund­la­ge aller Gemein­schaf­ten. Gleich­heit hin­ge­gen mache sie unmög­lich, oder, wie bei Hob­bes, mache die Idee der natür­li­chen Gleich­heit sogar „mör­de­risch“. Nach Aris­to­te­les kann es kei­ne Gemein­schaft geben „mit zwei Bau­ern, oder zwei Ärz­ten“. Es braucht einen Arzt und einen Bau­ern, damit der Aus­gleich statt­fin­den kann. Die Ver­schie­den­heit ist selbst Ursa­che der Ent­wick­lung der eige­nen Fähig­kei­ten und der Dif­fe­ren­zie­rung der Tätigkeiten.

Das Pro­blem des gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus sind sei­ne Stö­run­gen. Zwi­schen „gut“ und „böse“ wer­den die Eigen­schaf­ten des Kapi­ta­lis­mus tariert, als hiel­te man einen Gott in den Hän­den. In der Tat, die Mög­lich­kei­ten, die sich durch die Kapi­ta­li­sie­rung erschlie­ßen, sind gewal­tig. Wir aber befin­den uns erst in den Kin­der­jah­ren der Ent­wick­lung. Die Smart­pho­nes bie­ten theo­re­tisch inter­es­san­te Mög­lich­kei­ten einer demo­kra­ti­schen Dis­tri­bu­ti­on, aber auch hier hat­ten die ver­bre­che­ri­schen Absich­ten schnel­ler die Hand auf den Gerä­ten, als die auf­ge­klär­te Bür­ge­rin. Sie und poli­ti­sche Gewalt stö­ren die­sen Markt, wie wir täg­lich hören. Sie spio­nie­ren, mal­trä­tie­ren, und wol­len sein Schei­tern, aber nur für den ein­zel­nen Bür­ger, für ihre eige­nen Vor­tei­le wol­len sie sein Funk­tio­nie­ren, damit sie wie­der eines haben: Kon­trol­le, Auto­ri­tät, Kapi­tal, Macht, ande­re für ihre Zwe­cke zu missbrauchen.

 

3. In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vorüber? 

Die gegen­wär­tig modi­sche aber häu­fig ideo­lo­gi­sche Kapi­ta­lis­mus­schel­te besteht aus einer Rei­he von Schuld­zu­wei­sun­gen, die den Kapi­ta­lis­mus per se nicht tref­fen, son­dern sei­nen Miss­brauch und sei­ne Akteu­re. Der ver­brei­te­te Anti­ka­pi­ta­lis­mus unse­rer Gesell­schaft ist eine Vor­stu­fe der poli­ti­schen Bewe­gun­gen, die wir heu­te beob­ach­ten, die auto­ri­tä­re Ten­den­zen ver­fol­gen. Für sie ist die welt­weit gestreu­te Kapi­tal­macht eben­so wie die Demo­kra­tie eine Herausforderung.

Kapi­tal ist gefähr­lich, wenn es in der Hand weni­ger liegt und eigent­lich ist Kapi­ta­lis­mus dann gar nicht mehr mög­lich. Der Kapi­ta­lis­mus ist umso weni­ger ent­fal­tet, je mehr er die Ein­zel­nen aus dem Markt­zu­gang aus­schließt und je mehr nur weni­ge defi­nie­ren, was denn das (Gute) ist, das mit dem Kapi­tal erzeugt wer­den soll. Intrans­pa­renz und Akku­mu­la­ti­on ver­hin­dern, dass sich Men­schen mit ihren Fähig­kei­ten ein­brin­gen. Das sind die wirk­li­chen Stö­run­gen. Das hat aber gar nichts damit zu tun, ob ein Fuß­ball­spie­ler oder ein Vor­stands­chef 15 Mil­lio­nen im Jahr ver­die­nen darf oder zehn. Die­se Leu­te ver­die­nen ihr Geld auf dem Markt, der wenigs­tens inso­fern frei ist, als wir zu die­sem Pro­zess nicht bei­tra­gen müs­sen. Wer die Ver­si­che­rung wech­seln kann, geht zu der, die die effi­zi­en­tes­te für ihn ist. Viel­leicht ist es die, bei der der Vor­stand 5 Mil­lio­nen ver­dient, viel­leicht jene, wo er 15 ver­dient. Schlimm wird es, wenn wir kei­ne Aus­wahl mehr haben, wenn wir auf ein Pro­dukt ange­wie­sen sind. Dann hat die demo­kra­ti­sche Kon­trol­le versagt.

Auch in unse­rer Gesell­schaft herr­schen auto­ri­tä­re Aus­schlüs­se. Das betrifft die Frau­en, das betrifft z.B. aber auch alle jene Men­schen, die in die­ses  Land kom­men woll­ten, und ihre Arbeit anbie­ten woll­ten, wie es Imma­nu­el Kant in sei­ner Schrift vom Ewi­gen Frie­den gefor­dert hat. Die Gerech­tig­keit des Mark­tes zu erhö­hen, hat auch damit zu tun, den Markt zu öff­nen und trans­pa­ren­ter zu machen. Das Gegen­teil ist aber der Fall und wird von vie­len gefor­dert. Opel soll in Bochum blei­ben, Nokia soll nicht in Rumä­ni­en pro­du­zie­ren und die Flücht­lin­ge sol­len nicht die Arbeits­plät­ze weg­neh­men. Die natio­na­le und zen­tra­le und auto­ri­tä­re Ver­wal­tung des Kapi­tals folgt dem Wunsch der Stunde.

Wir ste­hen im Zei­chen des Umbruchs. Wenn wir es schaf­fen, eine brei­te und krea­ti­ve Kapi­tal­wirt­schaft zu erhal­ten, sind wir poli­tisch – im glo­ba­len Rah­men — sta­bi­ler. Die Ten­den­zen der natio­na­len und auch der patri­ar­chal begrün­de­ten Zen­tra­li­sie­run­gen lau­fen jedoch die­sem Ziel ent­ge­gen. Dabei gibt es die­sen Zusam­men­hang zwi­schen einer demo­kra­ti­schen, kapi­ta­lis­ti­schen und indi­vi­dua­lis­ti­schen Gesell­schaft auf der einen Sei­te und der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen, auto­ri­tä­ren Gesell­schaft auf der ande­ren. Die Dämo­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus war nur ein Vor­spiel zu den poli­ti­schen Bewe­gun­gen der Gegenwart.

Gefährliche Liebschaften – Selbstverwirklichung als Social Fracking

Thank God It’s Fri­day! Und weil ein Wochen­en­de ohne Lese­stoff nur halb so schön ist, kommt hier ein beson­de­res Schmankerl:

 

Ralf Damitz

von Ralf M. Damitz

 

Als Max Weber 1917 in der Mün­che­ner Buch­hand­lung Stei­ni­cke sei­nen berühm­ten Vor­trag „Wis­sen­schaft als Beruf“ hielt, ende­te er mit einer nietz­schea­nisch anmu­ten­den Emp­feh­lung für die dort größ­ten­teils anwe­sen­den jun­gen Stu­den­ten: Jeder müs­se den „Dämon“ fin­den, so die pathe­ti­schen Schluss­wor­te, „der sei­nes Lebens Fäden hält“. In die­ser kur­zen For­mel steckt ein Pro­gramm zur Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und es scheint aktu­el­ler denn je. Viel­leicht aller­dings in ande­rer Hin­sicht, als es der Zeit­geist heu­te vor­sieht: Es geht um das pre­kä­re Ver­hält­nis von Erfolg und Schei­tern im Kapi­ta­lis­mus der Gegenwart.

Zunächst ein kur­zer Rück­blick. Sei­nen „Dämon“ zu fin­den, das ziel­te für Weber auf exis­ten­zi­el­le Fra­gen in tur­bu­len­ten Zei­ten; dar­auf, wie und wonach man leben sol­le und was man als Per­son dar­stel­le. Tra­di­tio­nell war es Sache theo­lo­gi­scher Sys­te­me gewe­sen, sol­che Fra­gen zu beant­wor­ten. In der moder­nen Welt ist Weber zufol­ge aller­dings kein Platz mehr für reli­giö­se Letzt­be­grün­dun­gen. Obwohl Weber sei­ne Zeit dadurch geprägt sah, dass „die alten Göt­ter“ nach wie vor prä­sent waren, dass aller­lei Pro­phe­ti­en und Ideo­lo­gi­en ihren Kampf um die Köp­fe der Men­schen führ­ten, war für ihn glei­cher­ma­ßen klar, dass vom ange­bro­che­nen 20. Jahr­hun­dert eine Absa­ge an reli­giö­se Heils­ver­spre­chen zu erwar­ten ist. Kein Pro­phet, ganz gleich, ob theo­lo­gi­scher oder poli­ti­scher Her­kunft, kön­ne auf Fra­gen der Lebens­ge­stal­tung abschlie­ßend ant­wor­ten. Der moder­ne Kapi­ta­lis­mus, so Webers The­se in sei­nem Buch Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik und der Geist des Kapi­ta­lis­mus, habe reli­giö­sen Vor­stel­lun­gen der Lebens­füh­rung ihre Wur­zeln genom­men und sie dadurch voll­ends in die Tri­via­li­tät der büro­kra­tisch und kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten Sozi­al­welt ent­las­sen: Fra­gen nach dem Sinn des Lebens, dem indi­vi­du­el­len Heil oder der eige­nen Iden­ti­tät kön­ne der moder­ne Mensch nur sich selbst beant­wor­ten, am bes­ten durch rast­lo­se Ver­sen­kung in die Berufs­ar­beit. Indem man der „For­de­rung des Tages“ gerecht wer­de, sich aufs Hier und Jetzt beschrän­ke, kön­ne man es „beruf­lich oder mensch­lich“ zu Anse­hen und Erfolg brin­gen. Zwar gehe auf die­se Wei­se die ent­schei­den­de Sinn­quel­le ver­lo­ren, nicht jedoch der Modus Ope­ran­di. „Der Puri­ta­ner woll­te Berufs­mensch sein“, resü­miert Weber lako­nisch, „wir müs­sen es“. Dass eine sol­che Fokus­sie­rung auf das Berufs­le­ben von Erfolg gekrönt gelin­gen kön­ne, war alles ande­re als gewiss. Webers Pes­si­mis­mus dies­be­züg­lich war legen­där. Die Gesell­schaft wur­de von ihm als „Gehäu­se der Hörig­keit“, der moder­ne Kapi­ta­lis­mus als „schick­sals­volls­te Macht“ begrif­fen. Ver­sen­kung in die Berufs­ar­beit war weni­ger Selbst­ver­wirk­li­chung denn Selbst­be­haup­tung. Behaup­tung dage­gen, dass das moder­ne Indi­vi­du­um die weni­gen Spiel­räu­me der frei­en Lebens­ge­stal­tung im büro­kra­tisch-kapi­ta­lis­ti­schen All­tag nicht auch noch ein­bü­ße. Die Quint­essenz der Auf­fas­sung Webers war, dass man sol­che Kon­stel­la­tio­nen „aus­hal­ten“ kön­nen müs­se. Dies ent­ge­gen allen Wid­rig­kei­ten zu ver­su­chen, zeug­te von einem Rest bür­ger­li­chen Heroismus.

Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik: In sei­nem Werk Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik und der Geist des Kapi­ta­lis­mus unter­sucht der Sozio­lo­ge Max Weber (1864–1920) die reli­gi­ös-kul­tu­rel­len Grund­la­gen des okzi­den­ta­len Kapi­ta­lis­mus. Auf Grund­la­ge der cal­vi­nis­ti­schen Gna­den­leh­re, nach der die all­um­fas­sen­de, über­mäch­ti­ge Gewalt Got­tes die Men­schen ent­we­der zu ewi­gem Tod oder ewi­ger Selig­keit bestimmt, ent­ste­he das pro­tes­tan­ti­sche Arbeits­ethos: Die Men­schen sehen sich in der Pflicht, durch rast­lo­se Arbeit alle Zwei­fel an der eige­nen gött­li­chen Erwählt­heit zu ver­trei­ben und dem­entspre­chend ihre gesam­te Lebens­füh­rung dem Erfolg unterzuordnen.

 

Sie­ges­zug und Kri­se des Kapitalismus

Machen wir einen Zeit­sprung. Das 20. Jahr­hun­dert war erst krie­ge­risch und tur­bu­lent, spä­ter stand poli­ti­sche, öko­no­mi­sche und sozia­le Ent­wick­lung auf dem Pro­gramm. Als es sich dem Ende zuneig­te, blieb der Kapi­ta­lis­mus als Sie­ger übrig, welt­um­span­nend und alter­na­tiv­los. Sei­ne Ver­hei­ßun­gen aller­dings, Demo­kra­tie und Wohl­stand (viel­leicht sogar für alle) zu brin­gen, haben sich in der Zwi­schen­zeit eben­so auf­ge­löst wie der eins­ti­ge Sys­tem­kon­kur­rent. Wir leben heu­te in einer von grenz­über­schrei­ten­den Kapi­tal-, Waren-, Daten- und Men­schen­strö­men vor­an­ge­trie­be­nen (Welt-)Gesellschaft. An inter­na­tio­na­le Kon­kur­renz haben wir uns genau­so gewöh­nen müs­sen wie an die Ero­si­on des Wohl­fahrts­staats. Die Erwerbs­ar­beit wur­de unter dem Druck glo­bal ver­netz­ter Wert­schöp­fungs­ket­ten und mit­hil­fe aller­lei unter­neh­me­ri­scher, tech­ni­scher und poli­ti­scher Inno­va­tio­nen grund­le­gend ver­än­dert. Der nächs­te Schritt ist bereits in Pla­nung: Indus­trie 4.0 ist das desi­gnier­te gro­ße Ding. Aber auch die welt­wei­te Finanz- und Wirt­schafts­kri­se ist 2007 über uns her­ein­ge­bro­chen. Dass die­ses Wirt­schafts­sys­tem einer Gesell­schaft schick­sal­haf­te Ent­wick­lun­gen beschert, ist inzwi­schen allen klar. Und irgend­wie passt es auch ins Bild, dass in einem rei­chen Land wie der Bun­des­re­pu­blik die obe­ren zehn Pro­zent der Bevöl­ke­rung über 60 Pro­zent des gesell­schaft­lich ver­füg­ba­ren Ver­mö­gens besit­zen, wäh­rend die unte­ren 70 Pro­zent zusam­men­ge­nom­men gera­de mal auf einen Anteil von unge­fähr zehn Pro­zent kom­men (nach­zu­le­sen im Inter­net, bei der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bildung).

Indus­trie 4.0: Indus­trie 4.0 ist ein Pro­jekt der deut­schen Bun­des­re­gie­rung und stellt ein Leit­bild für zukünf­ti­ge Ent­wick­lun­gen in der deut­schen Indus­trie dar. Die Bezeich­nung „Indus­trie 4.0“ soll zum Aus­druck brin­gen, dass nach den ers­ten drei indus­tri­el­len Revo­lu­tio­nen (Mecha­ni­sie­rung, Mas­sen­fer­ti­gung, Digi­ta­li­sie­rung) nun die vier­te vor der Tür steht. Die­se wird gekenn­zeich­net sein durch den Zuschnitt der ein­zel­nen Pro­duk­te auf die indi­vi­du­el­len Wün­sche und Vor­stel­lun­gen des Kon­su­men­ten – und zwar unter den Bedin­gun­gen einer hoch fle­xi­bi­li­sier­ten Groß­pro­duk­ti­on. Dazu gehört auch die weit­ge­hen­de Inte­gra­ti­on von Kun­den und Geschäfts­part­nern in Produktionsprozesse.

 

Der neue Geist des Kapitalismus

Man mag das inter­pre­tie­ren, wie man will, schwer­lich kommt man jedoch um die Fest­stel­lung her­um, dass der Kapi­ta­lis­mus heu­te, allen Wid­rig­kei­ten zum Trotz, fes­ter in unse­rem All­tag und den Vor­stel­lun­gen von Nor­ma­li­tät ver­an­kert ist als je zuvor. Die fran­zö­si­schen Auto­ren Luc Bol­t­an­ski und Eve Chia­pel­lo ana­ly­sie­ren in ihrem Best­sel­ler Der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus die Trans­for­ma­ti­on des Nach­kriegs­ka­pi­ta­lis­mus der letz­ten 40 Jah­re hin zu dem, was man heu­te den fle­xi­blen Kapi­ta­lis­mus nennt. Unter dem „neu­en Geist“ ver­ste­hen die Auto­ren eine Art Legi­ti­ma­ti­ons­ideo­lo­gie, auf die der Kapi­ta­lis­mus gera­de des­halb ange­wie­sen ist, weil er aus guten Grün­den als ein prin­zi­pi­ell absur­des Sys­tem bezeich­net wer­den kann. Der „stum­me Zwang der Ver­hält­nis­se“ (Marx) allein rei­che nicht aus, um die Legi­ti­mi­tät des Kapi­ta­lis­mus zu garan­tie­ren. Ent­schei­dend sei viel­mehr die Ebe­ne der sym­bo­li­schen Ord­nung, also der Kul­tur. Hier wird über die Quel­len der Begeis­te­rung, indi­vi­du­el­le Sicher­heits­ver­spre­chen und die Teil­ha­be am All­ge­mein­wohl ent­schie­den. Stand bei Max Weber der Kapi­ta­lis­mus noch für zen­tra­li­sier­te und durch­bü­ro­kra­ti­sier­te Unter­neh­men, also gewis­ser­ma­ßen für Unfrei­heit, steht der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus für das Gegen­teil. Sein Cre­do ist die Eman­zi­pa­ti­on von über­kom­me­nen For­men des Lebens, Arbei­tens und Ler­nens. Laut Boltanski/Chiapello ist der neue kapi­ta­lis­ti­sche Geist eine Erfin­dung des Manage­ments. In die Welt kam er, indem neue Kon­zep­te zur Orga­ni­sa­ti­ons­ge­stal­tung und Per­so­nal­pla­nung ent­wi­ckelt und imple­men­tiert wur­den. Das Resul­tat war, dass die Orga­ni­sa­ti­on von Unter­neh­men – und damit auch die Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se und Kar­rie­re­we­ge – in den ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren auf neue Füße gestellt wur­de. Beglei­tet wur­de die­se Trans­for­ma­ti­on mit der Eta­blie­rung neu­er Kul­tur­mus­ter. Der neue Geist, gewis­ser­ma­ßen unser Zeit­geist, wird mit Fle­xi­bi­li­tät, Krea­ti­vi­tät, Mobi­li­tät und Eigen­ver­ant­wor­tung buch­sta­biert; Akti­vi­tät und Belast­bar­keit sind die zen­tra­len Anfor­de­run­gen, Auto­no­mie und Authen­ti­zi­tät die locken­den Ver­spre­chen. Aber damit nicht genug: Die Auto­ren sind der Mei­nung, dass die genann­ten Schlüs­sel- und Reiz­wör­ter zu neu­en Wahr­neh­mungs- und Beur­tei­lungs­mus­tern wer­den, die auf die ver­schie­dens­ten Berei­che einer Gesell­schaft über­trag­bar sind.

 

Selbst­ver­wirk­li­chung und Ausbeutung

Stellt man dem Zeit­geist die Fra­ge, wor­in die Ver­hei­ßung des gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus liegt, dann wird man unge­fähr fol­gen­de Ant­wort erhal­ten: Wer aktiv ist, wer sich mit jeder Facet­te der Per­sön­lich­keit ein­bringt, wer auch außer­halb der Arbeit Enga­ge­ment zeigt und Netz­wer­ke bil­det, wer bereit ist, bio­gra­fisch und beruf­lich fle­xi­bel zu blei­ben und sich nicht scheut, die Rich­tung der eige­nen Ent­wick­lung not­falls zu kor­ri­gie­ren, wer das lebens­lan­ge Ler­nen ernst nimmt, wer sich nicht an star­ren Berufs­bil­dern fest­klam­mert und statt des­sen den Aus­bau der eige­nen Employa­bi­li­ty vor­an­treibt, der macht alles rich­tig. Des­sen Bemü­hun­gen wer­den mit beruf­li­chem Erfolg, Ver­wirk­li­chung der eige­nen Zie­le, authen­ti­scher Ent­wick­lung der Per­sön­lich­keit und gesell­schaft­li­cher Wert­schät­zung belohnt. Der hat sich selbst verwirklicht.

Nach dem bis­her Gesag­ten soll­te die Roman­ze mit dem „neu­en“ Kapi­ta­lis­mus zu einem Hap­py End füh­ren. Doch wo lie­gen die Fall­stri­cke? Ein Fall­strick wäre, dass das Ide­al der Selbst­ver­wirk­li­chung heu­te zur sozia­len Norm gewor­den ist – du musst dich selbst ver­wirk­li­chen! Die Selbst­ver­wirk­li­chung voll­zieht sich – wie soll­te es anders sein – im Beruf, der als Beru­fung die inners­te Lei­den­schaft des Arbeit­neh­mers wider­spie­geln soll. In der Wett­be­werbs­ge­sell­schaft unse­rer Tage führt die­se Norm immer häu­fi­ger zu unan­ge­neh­men Neben­fol­gen. Dies­be­züg­lich lie­ßen sich bei­spiels­wei­se das Burn-out-Syn­drom und ande­re Erschöp­fungs­er­schei­nun­gen als zeit­ge­mä­ße Lei­den an der Gesell­schaft inter­pre­tie­ren. Der New Yor­ker Psy­cho­ana­ly­ti­ker Her­bert J. Freu­den­ber­ger, gewis­ser­ma­ßen der Erfin­der der Burn-out-Dia­gno­se, hob in sei­nen Fall­be­schrei­bun­gen die Erwar­tungs­ent­täu­schung als ent­schei­den­de Kom­po­nen­te her­vor. Burn-out ist dem­nach nicht ein­fach nur eine Über­las­tungs­er­schei­nung. Viel­mehr wird Arbeit, die im Zei­chen eines hohen Ide­als steht, dann gefähr­lich, wenn sie sich trotz gestei­ger­tem Auf­wand nicht in ihrer idea­li­sier­ten Form rea­li­siert. Viel­leicht ist die Selbst­ver­wirk­li­chung in der Arbeit eine durch­aus gefähr­li­che Angelegenheit.

Mit der Arbeits- und Indus­trie­so­zio­lo­gie las­sen sich sol­che Über­le­gun­gen stüt­zen. Die Sub­jek­ti­vi­tät des Arbeit­neh­mers gilt heu­te als wich­ti­ger Pro­duk­ti­ons­fak­tor. Wis­sen, Krea­ti­vi­tät und Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­tenz sind zen­tra­le Res­sour­cen – egal ob beim Fach­ar­bei­ter oder Wer­be­tex­ter. Wenn vol­ler Ein­satz erwar­tet wird und wir mit Haut und Haa­ren in die Wert­schöp­fungs­ket­ten ein­ge­baut sind, lässt sich das auch als zeit­ge­mä­ßer Aus­beu­tungs­me­cha­nis­mus fest­ma­chen – ‚Soci­al Fracking’ könn­te man das nen­nen. Hin­zu tritt, dass die mit der neu­en Arbeits­welt ver­bun­de­nen Anfor­de­run­gen (Fle­xi­bi­li­tät, Krea­ti­vi­tät, Mobi­li­tät, Eigen­ver­ant­wor­tung) mit einem erhöh­ten Koor­di­na­ti­ons­be­darf außer­halb der Arbeit ein­her­ge­hen. Arbeit und Leben müs­sen mit­ein­an­der in Ein­klang gebracht wer­den. Nicht nur die Arbeits­kraft, auch die Lebens­kraft sind in die­sem Sinn wich­ti­ge Güter, die repro­du­ziert wer­den müs­sen. Der Sozio­lo­ge Ulrich Beck hat unter dem Stich­wort Indi­vi­dua­li­sie­rung sehr pro­mi­nent auf die Ambi­va­len­zen sol­cher Ent­wick­lun­gen hin­ge­wie­sen. Sei­ner Mei­nung nach ist die Siche­rung der pri­va­ten Exis­tenz immer offen­sicht­li­cher von Ver­hält­nis­sen abhän­gig, die sich unse­rem Zugriff fast voll­stän­dig ent­zie­hen. Das lässt auch Selbst­ver­wirk­li­chung in und durch Erwerbs­ar­beit zu einem pre­kä­ren Vor­ha­ben wer­den. Und das, obwohl unse­re Zeit und unse­re Kul­tur im Zei­chen der Eigen­ver­ant­wor­tung und Selbst­be­haup­tung stehen.

 

Was tun?

Kann man oder muss man sogar das The­ma Selbst­ver­wirk­li­chung aus den Klam­mern der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­ein­nah­mung lösen? Wie könn­te das aus­se­hen? Wer soll­te das tun? Auf die Poli­tik soll­te man hier nicht all­zu viel Hoff­nung set­zen. Auch ist das Bild der rich­ti­gen Stell­schrau­ben, an denen man nur dre­hen müs­se, nicht rich­tig. Kul­tur ist ein kom­ple­xes The­ma, die Mög­lich­keit ihrer Beein­flus­sung bezie­hungs­wei­se Ver­än­de­rung umstrit­ten. Noch schwie­ri­ger dürf­te das bei den Struk­tu­ren sein, die unse­re kapi­ta­lis­ti­sche Lebens­form prä­gen. Was also kann man machen?

Harald Wel­zer, Sozio­lo­ge und Sozi­al­psy­cho­lo­ge aus Ber­lin, hat kürz­lich die Stif­tung FuturZ­wei gegrün­det, die das Ziel ver­folgt, Geschich­ten über alter­na­ti­ve For­men der Lebens­ge­stal­tung zu sam­meln. Denn etwas anders machen zu wol­len, setzt vor­aus, eine Idee zu haben, wie man etwas anders machen kann. Genau davon han­deln die­se Geschich­ten, von klei­nen Bei­trä­gen zum all­mäh­li­chen Umdenken.

Man kann es aber auch ganz anders machen. Im Künst­ler­mi­lieu ist bekannt­lich die Avant­gar­de zu Hau­se. Von dort ist ein Mot­to bekannt, das viel­leicht wei­ter­hilft: Selbst­ver­wirk­li­chung ist das Ide­al von Vollidioten.

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Ralf M. Damitz stu­dier­te Sozio­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie. Er ist Lehr­be­auf­trag­ter an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten und lebt in Kassel.

Die­ser Arti­kel ist erst­mals in agora42 1/2015 Ups & Downs erschie­nen. In die­ser Aus­ga­be fin­den Sie wei­te­re Arti­kel zu die­sem Thema.