Die Vollgeld-Idee und was die Schweiz davon hält

Am 10. Juni stimmten die Schweizer über die Einführung des Vollgeldes ab. Diese Volksabstimmung hatte die Vollgeldinitiative MoMo (Moderne Monetarisierung) in die Wege geleitet, die 2015 über 100.000 Unterschriften für die Annahme der Volksabstimmung gesammelt hat.

Die Vollgeld-Idee und was die Schweiz davon hält

Text: Sebas­ti­an Hin­de­rer

 

Der gest­ri­ge Bür­ger­ent­scheid über Voll­geld in der Schweiz hät­te den Finanz­ka­pi­ta­lis­mus radi­kal ver­än­dern kön­nen. So spek­ta­ku­lär dies klingt, ging es bei dem Volks­ent­scheid ges­tern jedoch “nur” um eine Erwei­te­rung des Schwei­zer Grund­ge­set­zes: der Bund allein soll soge­nann­tes Buch­geld erzeu­gen dür­fen.

Bis­her steht ihm die­se Aus­nah­me­fä­hig­keit der Wert­schöp­fung allein für Mün­zen und Bank­no­ten zu. Doch stellt das phy­sisch vor­han­de­ne Geld nur in etwa 10% des Gesamt­gel­des dar. Der Rest ist das Buch­geld: Und die­ses Buch­geld wird zum größ­ten Teil von Pri­vat­ban­ken geschaf­fen, die nicht, wie man doch mei­nen könn­te, Geld ledig­lich ver­wal­ten und wei­ter­rei­chen. Statt­des­sen wird durch Kre­dit­ver­ga­be neu­es Geld geschaf­fen.

Ver­ein­facht kann man die­sen Pro­zess wie folgt ver­an­schau­li­chen: Wenn eine Pri­vat­bank heu­te einen Kre­dit von bspw. 1.000 Fran­ken ver­gibt, muss­te sie bei der Schwei­zer Natio­nal­bank (SNB) ledig­lich 10% hin­ter­le­gen – 100 Fran­ken also. Wird der Kre­dit abbe­zahlt, erhält die Pri­vat­bank das Geld der SNB zurück und gewinnt die Zin­sen.

Die­se Fähig­keit der Pri­vat­ban­ken stei­gert die Mög­lich­keit der Bla­sen­bil­dung:

  1. Gemäß der The­se der finan­zi­el­len Insta­bi­li­tät von Hyman P. Min­sky füh­ren Pha­sen des Auf­schwungs dazu, dass zu vie­le Kre­di­te ver­teilt wer­den.
  2. Die als kre­dit­wür­dig Ein­ge­stuf­ten kau­fen ver­meint­lich Wert­vol­les (z.b. Immo­bi­li­en) oder inves­tie­ren in Pro­jek­te, die wei­te­res Wachs­tum vor­aus­set­zen – im schlimms­ten Fall kommt es zu einer Über­hit­zung der Märk­te und die ver­an­schlag­ten Wert­stei­ge­run­gen und Ren­di­te­er­war­tun­gen las­sen sich nicht mehr rea­li­sie­ren.
  3. Die Kre­dit­neh­mer kön­nen nicht zah­len und Ban­ken akzep­tier­ten kei­ne Ver­mö­gens­wer­te mehr. Der schein­ba­re Besitz auf dem Kon­to ent­puppt sich als ein nicht mehr erfüll­ba­res Ver­spre­chen – mit exis­ten­zi­el­len Fol­gen für die Kun­den.

 

Mit der Voll­geld­in­itia­ti­ve wür­de nur noch die Zen­tral­bank Buch­geld schaf­fen dür­fen und die Ver­sor­gung der Wirt­schaft mit Geld wür­de durch den Bund gewähr­leis­tet wer­den. Im Ide­al­fall soll dies dazu füh­ren, dass die Natio­nal­bank als Inter­es­sen­ver­tre­ter einer sozia­len Gesell­schaft agiert und dem­entspre­chend ent­schei­det, wer wel­che Kre­di­te bekommt (anstatt die Wirt­schaft als Haupt­in­ter­es­sen­ten zu set­zen) – die Gefahr dabei wäre eine Auto­kra­tie durch eine klei­ne Grup­pe an der Spit­ze der Natio­nal­bank. Eine sinn­vol­le Umstel­lung des Finanz­sek­tors wäre nur gepaart mit einer demo­kra­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on und einem ver­stärk­ten Bewusst­sein für die gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung der Ban­ken mög­lich.

Um einem aus­ufern­den Kre­dit­ge­schäft ent­ge­gen­zu­tre­ten und für mehr Sicher­heit des hin­ter­leg­ten Gel­des zu bür­gen, müss­ten Pri­vat­ban­ken gemäß der Initia­ti­ve von­ein­an­der getrenn­te Voll­geld-Kon­ten (ein­deu­ti­ge Kon­di­tio­nen und kei­ne Kre­dit­ver­ga­be) und Spar­kon­ten (mit fle­xi­blem Zins und zur Kre­dit­ver­ga­be mög­lich) anbie­ten. Somit könn­ten sie nur noch mit Geld, das sie von Spa­rern, Inves­to­ren, ande­ren Ban­ken oder eben der SNB erhal­ten, han­deln.

Kon­kret bedeu­tet das, dass sich das Selbst­ver­ständ­nis bei­der Bank­ty­pen ändern müss­te.

  • Die Zen­tral­bank wür­de mehr Ver­ant­wor­tung über­neh­men und als Staats­or­gan neben der Kon­troll­funk­ti­on auch enger in wirt­schaft­li­che Abläu­fe ein­ge­bun­den wer­den.
  • Den Pri­vat­ban­ken wäre es erschwert, Kre­di­te zu ver­ge­ben und ihre Macht wäre stark beschnit­ten. Ins­ge­samt wür­de es weni­ger und klei­ne­re pri­va­te Ban­ken geben – so die Annah­me der Voll­geld Befür­wor­ter.
  • Das Geld wür­de nicht mehr als Kre­dit und im Zusam­men­hang mit Schul­den in Umlauf gebracht wer­den. Wird ein Wirt­schafts­wachs­tum erwar­tet, dann wird die Geld­men­ge durch die Natio­nal­bank in glei­chem Maße erhöht. Die Auf­tei­lung auf Bund, Kan­to­nen und Bür­ger müss­te gesetz­lich regle­men­tiert wer­den. (Auch eine Art Grund­ein­kom­men wäre denk­bar.)

 

In jedem Fall wäre die Ein­füh­rung des Voll­gel­des ein gewag­ter Ver­such, jedoch auch ein Schritt wider die all­ge­mei­ne Undurch­sich­tig­keit und Varia­bi­li­tät des Geld­wer­tes, wenn natür­lich auch kein Garant gegen Kri­sen. Sicher­lich wür­de die neue Rege­lung der Geld­ver­ga­be auch eine lan­ge Umstel­lungs­zeit nach sich zie­hen (man rech­net mit 15 Jah­ren), in der sich die Natio­nal­bank neu auf­stel­len und den spe­zi­fi­schen Wün­schen der ein­zel­nen Kre­dit­su­chen­den anpas­sen müss­te.

Die grund­le­gen­de Fra­ge für die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger läuft auf jene zwi­schen finanz­ka­pi­ta­lis­ti­schem Libe­ra­lis­mus und poli­ti­scher Regle­men­tie­rung hin­aus. Wür­de die Ver­ant­wor­tung in die Hän­de der Zen­tral­bank gelan­gen, wäre die nächs­te Auf­ga­be, die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Men­schen und der Bank direk­ter zu gestal­ten, sodass gesell­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Inter­es­sen zu ent­spre­chen­der Kre­dit­ver­ga­be füh­ren mit dem lang­fris­ti­gen Sinn, das Geld­sys­tem zu demo­kra­ti­sie­ren und even­tu­ell der rasen­den Geschwin­dig­keit moder­ner Pro­duk­ti­on eine Note Schwei­zer Gemüt­lich­keit ent­ge­gen­zu­set­zen.

 

Der Ausgang der Volksabstimmung

Bei der gest­ri­gen Abstim­mung gaben rund 34 % der Wahl­be­rech­tig­ten ihre Stim­me ab von denen nur rund 24% für die Ände­rung stimm­te. Damit das Grund­ge­setz geän­dert wor­den wäre, hät­te es einer Zustim­mung der Mehr­heit der Stimm­bür­ger sowie der Kan­to­ne benö­tigt. Die Voll­geld-Initia­ti­ve erziel­te jedoch in kei­nem ein­zi­gen Kan­ton eine Mehr­heit. Den­noch spre­chen die Initia­to­ren von einem Ach­tungs­er­folg. Das deut­sche Pen­dant zu der Schwei­zer Initia­ti­ve der Ver­ein Mon­eta­ti­ve e.V. geht sogar noch wei­ter und schreibt in der Pres­se­mit­tei­lung zum Aus­gang des Schwei­zer Refe­ren­dums: “Die­ser Sonn­tag bedeu­tet eine Zäsur – auch wenn die Schwei­zer Akti­vis­ten ihr Begeh­ren nicht durch­set­zen konn­ten. Im Vor­feld hat­te es in der inter­na­tio­na­len Pres­se und unter Öko­no­men eine brei­te Aus­ein­an­der­set­zung über die Rol­le pri­va­ter Ban­ken bei der Geld­schöp­fung gege­ben. Für den Ver­ein Mon­eta­ti­ve e.V. und die vie­len Voll­geld-Initia­ti­ven in aller Welt ist das Abstim­mungs­er­geb­nis in der Schweiz eine Ermu­ti­gung, in ihren Wäh­rungs­räu­men noch stär­ker für die Ein­füh­rung von Voll­geld-Sys­te­men zu wer­ben. Die Dis­kus­si­on über die bestehen­de Geld­ord­nung ist in Gang gekom­men. Sie lässt sich welt­weit nicht mehr zurück­dre­hen. Ins­be­son­de­re hal­ten wir es für wich­tig, dass jetzt wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Sze­na­ri­en für die Umstel­lung des Euro-Wäh­rungs­ge­biets auf ein Voll­geld­sys­tem erar­bei­tet wer­den. Denn die dadurch mög­li­che Ent­schul­dung der staat­li­chen Haus­hal­te bie­tet eine Chan­ce, die Euro-Zone nach­hal­tig zu sta­bi­li­sie­ren.”

Eine Kritik der Konsensdemokratie – von Kevin-Leon Kerk

Eine Kritik der Konsensdemokratie

Die Begrenzung der politischen Handlungsfähigkeit durch den Konsens

Von Kevin-Leon Kerk

In den öffentlichen Debatten wird fortwährend eine Krise der Demokratie thematisiert. Unzählige globale Krisen – längst vermeidbare absolute Armut, der Klimawandel, die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und des Planeten Erde, sowie zunehmende Ungleichheiten – scheinen sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene schwerer bis gar überhaupt nicht lösbar zu sein.
Bei allen Antworten, die im breiten – und doch schmalen – politischen Spektrum im Hinblick auf die diversen Krisen formuliert werden, bleibt ein Punkt weitgehend unberührt: Der herrschende Grundkonsens. Jeglichen Inhalten, die diesem zugrunde liegen, wird die Thematisierung in sämtlichen Instanzen untersagt. Ich möchte versuchen, kurz darzulegen, inwiefern die Ursachen der Krise der Demokratie und ihrer Handlungsfähigkeit in einem fehlerhaften Verständnis von Demokratie, welches zu dominieren scheint, liegen.

 

Die Rolle des Konsenses für Demokratie und Politik

Kevin-Leon Kerk stu­diert Sozio­lo­gie und Öko­no­mik an der WWU Müns­ter. Sei­ne Inter­es­sen­schwer­punk­te lie­gen vor allem in der poli­ti­schen Phi­lo­so­phie, der poli­ti­schen Sozio­lo­gie und der Wirt­schafts­theo­rie.

Die Grund­la­ge der gegen­wär­ti­gen Demo­kra­tie scheint stets eine Art „Hin­ter­grund­kon­sens“ zu bil­den, der alle Dis­kur­se a prio­ri inhalt­lich beschränkt, indem er jeg­li­che Anlie­gen, über die er besteht, nicht zum demo­kra­ti­schen Dis­kurs zulässt.
Die­ser Kon­sens beschnei­det den Dis­kurs, indem er die Gesell­schaft fest in eine ein­zi­ge und vor allem indis­ku­ta­ble Natur fest­schreibt. Die­se Natur, die nichts ande­res als den Kon­sens über das gegen­wär­ti­ge Ver­ständ­nis und den gegen­wär­ti­gen Auf­bau von Gesell­schaft, Poli­tik und ins­be­son­de­re der Wirt­schaft dar­stellt, ent­zieht sich dem demo­kra­ti­schen Dis­kurs und wird auf ein engs­tes Maß kon­tin­gen­tiert. Das Resul­tat ist ein eng begrenz­tes Reper­toire von Ant­wort- und Lösungs­mög­lich­kei­ten, um sowohl den ein­ge­hend benann­ten als auch allen wei­te­ren Pro­ble­men zu begeg­nen. Die Gren­zen die­ses Kon­tin­gents an Mög­lich­kei­ten schei­nen irrever­si­bel, weil sie kei­ne Ant­wor­ten zulas­sen, die über die­ses hin­aus­zu­ge­hen ver­su­chen. Ich spre­che an die­ser Stel­le ins­be­son­de­re von jenem Kon­sens, der über das kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­sys­tem besteht. Er legt die die Gren­zen der dis­kurs­fä­hi­gen Inhal­te fest, noch bevor ein demo­kra­ti­scher Kon­flikt über sie erfol­gen kann, und ver­neint a prio­ri alle Ide­en, Ansät­ze und Hand­lungs­vor­schlä­ge, die von dem Kon­sens abwei­chen.

Die­sem gesell­schaft­li­chen Kon­sens ent­wach­sen öko­no­mi­sche Not­wen­dig­kei­ten und stets ange­führ­te Sach­zwän­ge, die zu Natur­ge­set­zen der Gesell­schaft ver­formt wer­den und den man sich, in Kon­se­quenz, nicht ent­zie­hen kön­ne. Als irrever­si­bel betrach­tet, und das ist die Natur des Kon­sen­ses – denn jene Inhal­te wer­den, wie bereits erläu­tert, dem Dis­kurs ent­zo­gen und so unauf­lös­bar gemacht –, ver­formt der Kon­sens sie so zur Ideo­lo­gie. Mit­tels die­ser öko­no­mi­schen Sach­zwän­ge, die der Kon­sens der Gesell­schaft auf­er­legt, erhebt er den Gesell­schafts­zu­stand in eine natur­ar­ti­ge Sphä­re. Die Gesell­schaft ver­liert in Kon­se­quenz ihren zustand­s­haf­ten, geschicht­lich-his­to­ri­schen Cha­rak­ter. Indem der Kon­sens die Gesell­schaft also auf das Wal­ten der natur­haft gewor­de­nen Prin­zi­pi­en und die objek­ti­ven Sach­zwän­ge, den es sich unein­ge­schränkt zu fügen gel­te, beschränkt, ver­sperrt er den Raum für Dis­kur­se über wei­te­re Mög­lich­kei­ten, die die Gesell­schaft haben könn­te, um Kri­sen lang­fris­tig ent­ge­gen­zu­wir­ken.

Der Kon­sens degra­diert die Gesell­schaft so zurück in vor­de­mo­kra­ti­sche Zei­ten, indem er die demo­kra­ti­sche Gesell­schaft um grund­le­gen­de Fra­gen über ihren eige­nen Auf­bau beraubt. Er ent­zieht der Gesell­schaft ihren demo­kra­ti­schen Cha­rak­ter, weil fun­da­men­ta­le Fra­gen der Gesell­schaft dem poli­ti­schen Dis­kurs ent­zo­gen wer­den. Der Gesell­schaft wird in Kon­se­quenz erneut eine natur­wüch­si­ge Form ein­ge­schrie­ben, die sich als nicht mehr dis­ku­tier- und ver­än­der­bar erweist. Auf die­se Wei­se wird eine star­re Kon­struk­ti­on von Gesell­schaft erschaf­fen, unter des­sen Bann sich die Gesell­schaft begibt.

Im Namen der Demo­kra­tie lässt der Kon­sens an die­sem Punkt von der Demo­kra­tie selbst ab, denn Demo­kra­tie ist die unein­ge­schränk­te Dis­kus­si­on der demo­kra­ti­schen Gesell­schaft, dem kei­ne sol­che Vor­be­stimmt­heit zen­tra­ler Fra­gen zugrun­de lie­gen darf. Sie ist der per­sis­ten­tes­te Kon­flikt dar­über, wie die Gesell­schaft sich kon­kret gestal­ten und orga­ni­sie­ren soll. Ein sol­cher Grund­kon­sens jedoch, der es sich gestat­tet, ele­men­ta­re Anlie­gen voll­ends dem Dis­kurs zu ent­zie­hen, ist genau die­sem — dem demo­kra­ti­schen Kon­flikt und der Dis­kus­si­on — dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt. Indem er einen nicht unbe­deu­ten­den Gehalt, über den es sich in einer Demo­kra­tie argus­äu­gig aus­ein­an­der­zu­set­zen gel­te, arres­tiert, und zu kei­nem öffent­li­chen Dis­kurs, schon gar kei­nem Par­la­ment, zulässt, arres­tiert er die Demo­kra­tie selbst, indem er sie rigo­ros begrenzt. Aber genau dies – die Sub­or­di­na­ti­on alles Denk­ba­ren unter den demo­kra­ti­schen Dis­kurs und den demo­kra­ti­schen Kon­flikt — ist die Essenz, an der sich Demo­kra­tie labt.

Wie ist der Handlungsunfähigkeit und dem Konsens also zu begegnen?

Der herr­schen­de Kon­sens führt zu einem Ende von Poli­tik und Demo­kra­tie, indem er ihre essen­ti­ells­ten Eigen­schaf­ten aus­löscht. Des­po­tisch grenzt er grund­le­gen­de Fra­ge aus dem Spek­trum der demo­kra­ti­schen Kur­se und der Poli­tik aus und führt so zu einer Gesell­schaft, der es nicht mehr gestat­tet ist, sich als Gan­zes und grund­le­gend zu hin­ter­fra­gen und einer Dis­kus­si­on zu unter­zie­hen. Die poli­ti­sche Hand­lungs­fä­hig­keit sämt­li­cher Akteu­re wird, weil durch den Kon­sens nur ein kleins­tes Reper­toire an Hand­lungs- und Ant­wort­mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung steht, um auf Pro­ble­me der gesell­schaft­li­chen Rea­li­tät zu reagie­ren, auf einen sehr engen Rah­men begrenzt. Vor allem erhebt er sich der Kon­sens in eine natur­haf­te Sphä­re, wodurch er äußerst per­sis­tent und gegen­über Kri­tik nahe­zu immun wird. Indis­ku­ta­be­li­tät ist schließ­lich die Natur des Kon­sen­ses, sie ist dem­nach auch in kei­ner denk­ba­ren Ope­ra­ti­on aus ihm extra­hier­bar. Er kann also schlicht nicht anders, als der Demo­kra­tie und der Poli­tik unver­söhn­lich zu sein, weil er sie und sei­ne kri­ti­sche Beleuch­tung vehe­ment ein­schränkt Der Kon­sens aber nagelt die Gesell­schafft auf nur eine Wirk­lich­keit fest.

Es bedarf daher einer poli­ti­schen Objek­ti­vie­rung des­sen, was der Kon­sens längst als unan­tast­bar aus dem Dis­kurs ver­bannt hat. Unter einer sol­chen poli­ti­scher Objek­ti­vie­rung ist der Vor­gang zu ver­ste­hen, Gegen­stän­de und Lösungs­an­sät­ze, die nicht mehr Inhalt der Dis­kur­se wer­den kön­nen, erneut zu einem Gegen­stand – zum Inhalt und Objekt des Dis­kur­ses – zu machen.

Der Kri­se und der Hand­lungs­un­fä­hig­keit der Demo­kra­tie ist also vor allem mit dem Auf­bruch des Kon­sen­ses zu begeg­nen. Unter Beru­fung auf die Kern­sub­stan­zen einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft, mit den es die Errich­tung jedes Kon­sen­ses, beson­ders eines der­art per­sis­ten­ten, zu ver­hin­dern gilt, könn­te der pro­ble­ma­ti­schen Situa­ti­on begeg­net wer­den. Eine poli­ti­sche Objek­ti­vie­rung jener Anlie­gen, die der Kon­sens exklu­diert, und eine Imple­men­tie­rung grund­le­gen­der Fra­gen über die viel­fäl­ti­gen Mög­lich­kei­ten des Wirt­schaf­tens, kön­nen mög­li­che Pro­blem­lö­sungs­an­sät­ze dar­stel­len. Nicht nur, um die gegen­wär­ti­ge Kri­se zu besänf­ti­gen, son­dern um zu ver­su­chen, sie nach­hal­tig zu bewäl­ti­gen und eine wahr­haf­tig demo­kra­ti­sche Gesell­schaft zu ermög­li­chen. Der Kon­sens ist ein Hin­der­nis für die Demo­kra­tie, weil er die kri­ti­sche Refle­xi­on, die Dis­kus­si­on und alle Hand­lungs­mög­lich­kei­ten der­ar­tig beschränkt. Ein Ansatz­punkt, um der poli­ti­schen Hand­lungs­un­fä­hig­keit zu begeg­nen, läge also an genau die­ser Stel­le.

 

Passend zu diesem Thema:

Die Aus­ga­be Selbst­läu­fer Demo­kra­tie? Wirt­schaft­li­che Macht und Demo­kra­tie, die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie in der Kri­se. Mit Bei­trä­gen von u.a. Jón Gnarr, Wer­ner Gold­schmidt, Bet­ti­na Gaus uvm.

Die Aus­ga­be Euro­pa: Was ist Euro­pa? Eine Wirt­schafts­uni­on? Eine Fes­tung? Mit Richard David Precht im Inter­view

33 Thesen für eine Reformation der Ökonomie

 33 Thesen für eine Reformation der Ökonomie

 

Das Jahr 2017 mar­kier­te den 500. Geburts­tag der Refor­ma­ti­on. Zahl­rei­che Mani­fes­te – in Anleh­nung an die 95 The­sen von Mar­tin Luther – wur­den in die­sem Jahr ver­öf­fent­licht. Aber was ist von ihnen geblie­ben? Ist Ihnen eines in Erin­ne­rung?

Ger­ne möch­ten wir von einem Mani­fest berich­ten, das in Erin­ne­rung blei­ben soll­te. Am 12. Dezem­ber 2017 brach­te der Öko­nom Ste­ve Keen, ver­klei­det mit einem mit­tel­al­ter­li­chen Mönchs­ge­wand, die 33 The­sen für eine Refor­ma­ti­on der Öko­no­mie an der Tür der Lon­don School of Eco­no­mics an. Dabei han­del­te Ste­ve Keen sym­bo­lisch für vie­le Men­schen, die sich seit der Finanz- und Wirt­schafts­kri­se 2007/2008 Gedan­ken über eine Erneue­rung der öko­no­mi­schen Leh­re und For­schung machen. Die 33 The­sen begin­nen mit dem Hin­weis: “The world faces pover­ty, ine­qua­li­ty, eco­lo­gi­cal cri­sis and finan­ci­al insta­bi­li­ty. We are con­cer­ned that eco­no­mics is doing much less than it could to pro­vi­de insights that would help sol­ve the­se pro­blems.”

Das Mani­fest ist unter­teilt in neun Berei­che, die unter ande­rem vom Ziel und Zweck der Öko­no­mie, der Ein­ge­bun­den­heit der Wirt­schaft in die Umwelt, der Ungleich­heit und der öko­no­mi­schen Leh­re han­deln. Es ist ein Rund­um­schlag, der eine neue Per­spek­ti­ve auf die Gesell­schaft und ihre öko­no­mi­schen Grund­la­gen ermög­licht. Wür­den die­se The­sen beher­zigt, hät­te dies tat­säch­lich eine ganz neue Wirt­schaft zur Fol­ge. Eine Wirt­schaft, die viel­leicht etwas demü­ti­ger wäre und die Augen nicht län­ger vor der Rea­li­tät ver­schließt – ähn­lich einer Kir­che, wie Luther sie sich wünsch­te. Wir alle wis­sen, dass Luther die Kir­che nicht refor­miert son­dern gespal­ten hat, was die Kon­fes­si­ons­krie­ge zur Fol­ge hat­te. Hof­fen wir, dass es die­ses Mal anders kommt.

 

Die The­sen in vol­ler Län­ge und im ursprüng­li­chen Wort­laut fin­den Sie hier.

 

Zusam­men­fas­sung der 33 The­sen für eine Refor­ma­ti­on der Öko­no­mie

 

Ziel und Zweck der Öko­no­mie (The­sen 1–4)

Es muss aner­kannt wer­den, dass die Öko­no­mie eine nor­ma­ti­ve Wis­sen­schaft ist und Erfolgs­in­di­ka­to­ren (Pro­fit, Wachs­tum, BIP etc.) immer nur Aus­druck poli­ti­scher Über­zeu­gun­gen sind. Ziel und Zweck der Öko­no­mie wer­den von der Gesell­schaft bestimmt.

 

Die natür­li­che Umwelt (The­sen 5–8)

Die Wirt­schaft fin­det inner­halb der natür­li­chen Umwelt statt. Die öko­no­mi­sche Theo­rie muss berück­sich­ti­gen, dass bei­de sich gegen­sei­tig beein­flus­sen, dass die natür­li­chen Res­sour­cen end­lich sind und somit nicht Grund­la­ge eines ewi­gen Wachs­tums sein kön­nen.

 

Insti­tu­tio­nen und Märk­te (The­sen 9–13)

Märk­te und die beob­acht­ba­ren Markt­pro­zes­se sind weder gott­ge­ge­ben noch ein simp­les Zusam­men­spiel von Ange­bot und Nach­fra­ge. Viel­mehr sind sie ein Ergeb­nis der jeweils vor­lie­gen­den Geset­ze, Gewohn­hei­ten, Kul­tu­ren und Insti­tu­tio­nen. Um die Funk­ti­ons­wei­sen von Märk­ten zu ver­ste­hen, muss man die­se gesell­schaft­li­chen Fak­to­ren und ihren Ein­fluss erfor­schen.

 

Arbeit und Kapi­tal (The­se 14)

Löh­ne, Unter­neh­mens­ge­win­ne und Inves­ti­ti­ons­ren­di­ten rich­ten sich nicht allein nach dem Bei­trag zur Mehr­wert­pro­duk­ti­on. Auch die Macht­po­si­ti­on der sie jeweils reprä­sen­tie­ren­den Per­so­nen hat Ein­fluss auf das gesam­te zu ver­tei­len­de Ein­kom­men und auf ihren jewei­li­gen Anteil dar­an. Öko­no­mie muss die­se Macht­ver­hält­nis­se ver­ste­hen und über poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen, die die Ein­kom­mens­ver­tei­lung beein­flus­sen, auf­klä­ren.

 

Men­schen­bild (The­sen 15–16)

Men­schen tref­fen kei­ne voll­stän­dig ratio­na­len Ent­schei­dun­gen. Inso­fern müs­sen öko­no­mi­sche Theo­ri­en berück­sich­ti­gen, dass eine mensch­li­che Ent­schei­dung maß­geb­lich durch Vor­ur­tei­le, Kon­tex­te, sozia­le Inter­ak­tio­nen und Ver­mu­tun­gen geprägt wird. Außer­dem muss in der Öko­no­mie die Unsi­cher­heit und das Nicht­wis­sen berück­sich­tigt wer­den.

 

Ungleich­heit (The­sen 17–19)

Die Annah­me, dass Per­so­nen mit den glei­chen Fähig­kei­ten, Prä­fe­ren­zen und Bega­bun­gen in einer Markt­wirt­schaft auch einen ver­gleich­ba­ren Wohl­stand erlan­gen, ist falsch. Volks­wirt­schaf­ten, die markt­wirt­schaft­lich orga­ni­siert sind, ten­die­ren zu stei­gen­der Ungleich­heit, was in der Regel eine Ver­schlech­te­rung der sozia­len und wohl­fahrt­staat­li­chen Indi­ka­to­ren zur Fol­ge hat.

 

BIP, Wachs­tum, Inno­va­tio­nen und Schul­den (The­sen 20–23)

Das Stre­ben nach Wachs­tum ist eine poli­ti­sche Ent­schei­dung und kei­ne wirt­schaft­li­che Not­wen­dig­keit. Wenn wir uns für eine wachs­tums­ge­trie­be­ne Wirt­schaft ent­schei­den, müs­sen wir fol­gen­de Fra­gen beant­wor­ten: Wachs­tum von was, war­um, für wen und für wie lan­ge? Dies beinhal­tet auch die Fra­ge nach dem Wozu von Inno­va­tio­nen. Da pri­va­te Ver­schul­dung zusätz­li­che Nach­fra­ge gene­riert, dür­fen das Finanz­we­sen und die Finanz­märk­te nicht unab­hän­gig von der Real­wirt­schaft betrach­tet wer­den.

 

Geld, Ban­ken und Kri­sen (The­sen 24–28)

Da die Schaf­fung von Geld die Wohl­stands­ver­tei­lung beein­flusst, soll­te die­ser Pro­zess Wider­hall in der poli­ti­schen Debat­te fin­den. Ban­ken, die Geld schaf­fen und Schul­den steu­ern, müs­sen Teil wirt­schaft­li­cher Model­le sein. Model­le, die Ban­ken außer­halb der Märk­te sehen, wer­den Ban­ken­kri­sen weder erklä­ren noch vor­her­sa­gen kön­nen. Außer­dem muss die Aus­wei­tung der Finanz­wirt­schaft, ihre Aus­wir­kung auf die Real­wirt­schaft und der spe­ku­la­ti­ve Cha­rak­ter finanz­wirt­schaft­li­cher Tätig­kei­ten unter­sucht wer­den.

 

Öko­no­mi­sche Leh­re (The­sen 29–33)

Eine gute öko­no­mi­sche Bil­dung zeich­net sich dadurch aus, dass unter­schied­li­che Ansät­ze zuge­las­sen wer­den. Nur wenn man Wirt­schaft als Zusam­men­spiel von Poli­tik, Psy­cho­lo­gie und Umwelt begreift, wird man den Ursprung von Finanz­kri­sen, Armut und Kli­ma­wan­del ver­ste­hen und einen adäqua­ten Umgang mit ihnen fin­den kön­nen. Anstatt die Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten auf Sta­tis­ti­ken und mathe­ma­ti­sche Model­le zu redu­zie­ren und immer die glei­chen Theo­ri­en wie­der­zu­ge­ben, muss das kri­ti­sche Den­ken und der Bezug zur Rea­li­tät in den Vor­der­grund gerückt wer­den.

 


Die­ser Bei­trag ent­stammt der Rubrik LAND IN SICHT der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 zum The­ma ORDNUNG, die Sie hier ver­sand­kos­ten­frei bestel­len kön­nen. In die­ser Aus­ga­be u.a.

Robert Men­as­se im Inter­view “Ord­nung ist ein Gefühl”

Fritz Glunk: “Regie­ren ohne Regie­rung”

Andrea Vet­ter: “Leben in einer Post­wachs­tums­ge­sell­schaft”

Mecht­hild Schroo­ten: “Die Kenn­zif­fern­öko­no­mie”

Rafa­el Capur­ro: “Digi­ta­le Zukünf­te”

GEMEINGUT IN BÜRGERINNENHAND – Wem gehört’s?

Aus der Rubrik Land in Sicht in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 zum The­ma ORDNUNG.

GEMEINGUT IN BÜRGERINNENHAND – Wem gehört’s?

 

Es gab ein­mal eine Über­ein­kunft: Der Staat ist für die Daseins­vor­sor­ge zustän­dig, muss also die­je­ni­gen Güter und Dienst­leis­tun­gen zur Ver­fü­gung stel­len, die für das mensch­li­che Dasein als not­wen­dig erach­tet wer­den. Dar­un­ter ver­steht man in der Regel unter­schied­li­che Infra­struk­tu­ren (Stra­ßen, Was­ser­ver­sor­gung, Müll­ab­fuhr etc.) und Ein­rich­tun­gen (Schu­len, Thea­ter, Kran­ken­häu­ser, Fried­hö­fe etc.). Dadurch, dass die­se Auf­ga­ben vom Staat wahr­ge­nom­men wer­den, soll­te sicher­ge­stellt wer­den, dass nie­mand von der Nut­zung die­ser Güter und Dienst­leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen wird. Fer­ner soll­te so gewähr­leis­tet wer­den, dass Pro te, wel­che durch die Nut­zung bei­spiels­wei­se der Infra­struk­tu­ren erzielt wer­den, dem Staat – also der Gesell­schaft – zuflie­ßen.

Die­se Über­ein­kunft ver­liert zuneh­mend an Bedeu­tung, was auf zwei Grün­de zurück­zu­füh­ren ist: Ers­tens man­gelt es der öffent­li­chen Hand an Gel­dern, um grö­ße­re Inves­ti­tio­nen vor­zu­neh­men und zwei­tens wird ihr Ineff­zi­enz bei der Bereit­stel­lung der betref­fen­den Güter und Dienst­leis­tun­gen vor­ge­wor­fen. Mit der Erfin­dung des Kon­zepts der Öffent­lich Pri­va­ten Part­ner­schaft (ÖPP) schien man die idea­le Lösung gefun­den zu haben: Für ein kon­kre­tes Pro­jekt wird eine Zweck­ge­sell­schaft (zum Bei- spiel eine GmbH) gegrün­det, deren Teil­ha­ber eine öffent­li­che und eine pri­va­te Par­tei sind (zum Bei­spiel eine Kom­mu­ne und ein Bau­un­ter­neh­men). Der pri­va­te Part­ner trägt die Ver­ant­wor­tung für die eff­zi­en­te Erstel­lung der Leis­tung und die öffent­li­che Hand gewähr­leis­tet, dass gemein­wohl­ori­en­tier­te Zie­le nicht aus dem Blick gera­ten. So weit, so gut. Und so wur­den in den letz­ten fünf­und­zwan­zig Jah­ren zahl­rei­che ÖPPs rea­li­siert.

Doch lei­der blie­ben die ÖPPs hin­ter ihren selbst­ge­steck­ten Zie­len zurück – wie die Initia­ti­ve Gemein­wohl in Bür­ge­rIn­nen­hand (GiB) auf ihrer Home­page anhand zahl­rei­cher Bei­spie­le zeigt. So klärt die Initia­ti­ve unter ande­rem dar­über auf, dass die Qua­li­tät der Daseins­vor­sor­ge abnimmt, wenn sie der Gewinn­ma­xi­mie­rung unter­wor­fen wird oder dass ÖPPs viel Erpres­sungs­po­ten­zi­al bie­ten sowie gene­rell eine Aus­he­be­lung der Demo­kra­tie bedeu­ten. Neben der Auf­klä­rungs­ar­beit enga­giert sich die Initia­ti­ve auch gegen die Eta­blie­rung neu­er ÖPPs.
Mehr dazu unter gemeingut.org 

NACHGEFRAGT BEI CARL WAßMUTH, INITIATOR DER INITIATIVE GEMEINWOHL IN BÜRGERINNENHAND

 

Das am häu­figs­ten gehör­te Argu­ment für ÖPPs ist, dass die pri­va­ten Unter­neh­men „es bes­ser und effi­zi­en­ter kön­nen“ als die öffent­li­che Hand. Stimmt das?

Tatsa­äch­lich gibt es vie­le Bei­spie­le für ineff­zi­en­tes staat­li­ches Han­deln. Die Daseins­vor­sor­ge aber ein­fach Pri­va­ten zu über­tra­gen, macht es nicht bes­ser, son­dern schlim­mer. Das zei­gen vie­le Bei­spie­le wie die Elb­phil­har­mo­nie in Ham­burg, die Schu­len im Land­kreis Offen­bach oder das ÖPP-Pro­jekt auf der A1. Pri­va­te wol­len aus der Infra­struk­tur ihre Ren­di­te raus­ho­len – die Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung sehen sie nicht als ihre Ver­pflich­tung an. Am meis­ten Geld lässt sich ver­die­nen, wenn man viel ein­nimmt, aber wenig aus­gibt. Das führt dann zum Ver­fall der Infra­struk­tu­ren.

Was ist der Grund, dass ÖPPs nach wie vor – auch von der öffent­li­chen Hand selbst – ins Spiel gebracht wer­den, um Pro­ble­me zu lösen, wie zuletzt bei der Sanie­rung der Schu­len in Ber­lin?

Das Eff­zi­enz­ar­gu­ment wird nur noch sel­ten vor­ge­bracht – davon las­sen sich heut­zu­ta­ge nur noch die wenigs­ten blen­den. Die neue Masche ist der Trick mit der Schul­den­brem­se. Denn mit ÖPPs kann man die soge­nann­te Schul­den­brem­se umge­hen: Von drei­ßig zu zah­len­den Jah­res­ra­ten taucht nur die ers­te im Haus­halt auf. Und die bei ÖPP übli­chen Nach­for­de­run­gen sieht man auch nicht. Inso­fern führt die Umge­hung der Schul­den­brem­se direkt zur Pri­va­ti­sie­rung. Dass dabei gar kei­ne Schul­den gebremst wer­den, ist auch irgend­wie klar: Die Kre­di­te sind ja nur ver­steckt, und das Ver­ste­cken macht die Ver­schul­dung nur noch teu­rer.

Ken­nen Sie auch Fäl­le, bei denen eine ÖPP aus Ihrer Sicht sinn­voll war und gut funk­tio­niert hat?

Nein, wir ken­nen kei­nen ein­zi­gen Fall. Wenn wir auf Vor­trags­rei­sen sind, fra­gen wir die Leu­te vor Ort immer, ob sie uns sol­che „guten ÖPP-Pro­jek­te“ nen­nen kön­nen und bie­ten an, die Zah­len ein­mal durch­zu­prü­fen. Aber auch dabei sind wir noch auf kei­nes gesto­ßen. Es scheint kei­ne zu geben. In Groß­bri­tan­ni­en, sozu­sa­gen dem Mut­ter­land von ÖPP, hat man die­se Erfah­rung schon frü­her gemacht. Dort haben zwei gro­ße Unter­su­chun­gen erge­ben, dass eine ÖPP zwi­schen 40 und 70 Pro­zent teu­rer kommt. Und dabei sind Plei­ten wie die Insol­venz des Giga-ÖPP-Kon­zerns Caril­li­on noch gar nicht ein­ge­rech­net.

Den Kapitalismus verschlafen

Widerstand im Lummerland

»Schla­fen kann ich, wenn ich tot bin.« sag­te einst der umtrie­bi­ge Fil­me­ma­cher Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der. Er starb dann mit 37 Jah­ren. Wer durch den Druck und Arbeits­wahn einer Rund-um-die-Uhr-Gesell­schaft, unbe­grenz­tes Anneh­men aller Lebens­op­tio­nen, oder die digi­ta­len Ver­füh­run­gen stän­dig sei­ne Schlaf­be­dürf­nis­se igno­riert, stirbt nicht nur eher, son­dern lebt auch unglück­li­cher. Dabei ist Schlaf kost­ba­re Zeit und kann ein wah­rer Genuss sein. Wir soll­ten eine neue Schlaf-Wach-Kul­tur ent­wi­ckeln.

Pho­to by Nigel Tadya­ne­hon­do on Uns­plash

Ein Drit­tel sei­ner Lebens­zeit ver­schläft der Mensch. Wir brau­chen den Schlaf nicht nur kör­per­lich, son­dern auch als Aus­zeit vom hek­ti­schen All­tag. Ins Bett zu gehen bedeu­tet eine inne­re Ein­kehr zu uns selbst. Wir schir­men uns in die­ser Zeit von unse­ren all­täg­li­chen Auf­ga­ben und Anfor­de­run­gen ab. Nachts sind wir allein, wir haben kei­nen Kon­takt zu unse­ren Mit­men­schen – die Rück­zugs­zeit Schlaf gehört heu­te zu den letz­ten Idyl­len unse­rer Welt. Der Schlaf ent­zieht sich unse­rer Kon­trol­le, dem Wach­be­wusst­sein und der Erin­ne­rung. Die Vor­gän­ge des Ein­schla­fens, Durch­schla­fens und Aus­schla­fens kön­nen wir nicht wirk­lich wil­lent­lich steu­ern.

Der Schlaf lässt sich nicht erzwin­gen und hat sei­ne eige­nen Spiel­re­geln. Er muss über uns kom­men, ganz von allein und ohne Wil­lens­kraft oder Anstren­gung. Je mehr wir uns anstren­gen ein­zu­schla­fen, des­to ange­spann­ter wer­den wir, und umso weni­ger kön­nen wir schla­fen. Es ist eine Zeit der Frei­heit, denn der Akt des Schla­fens ist eine wirt­schaft­lich unpro­duk­ti­ve Zeit. Sozu­sa­gen die letz­te Bas­ti­on gegen den 24/7 Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus, denn in einer glo­ba­li­sier­ten Welt ist immer irgend­wer irgend­wo wach. Wer schläft, kon­su­miert nicht und pro­du­ziert auch kei­nen Mehr­wert. Aus­gie­bi­ges Schla­fen ist von daher eine Rebel­li­on gegen herr­schen­de Zeit­ver­hält­nis­se – gegen das Funk­tio­nie­ren der Welt.

 

Die unausgeschlafene Gesellschaft

Men­schen haben eine inne­re Uhr, die unter­schied­lich getak­tet sein kann. Es wird zwi­schen Eulen und Ler­chen unter­schie­den: Ler­chen gehen abends früh schla­fen und wachen mor­gens zei­tig wie­der auf. Ihr Leis­tungs­hoch liegt am frü­hen Vor­mit­tag. Eulen gehen am Abend lie­ber spät zu Bett und schla­fen mor­gens lie­ber län­ger. Ihr Leis­tungs­hoch haben sie eher am Nach­mit­tag oder sogar erst am Abend.

Mit Beginn der Indus­tria­li­sie­rung wur­de Schlaf zu einem nutz­lo­sen Stör­fak­tor. Nächt­li­cher Schlaf gilt heu­te – eben­so wie das Nicker­chen tags­über – oft­mals als Pro­duk­ti­ons­hemm­nis und wird mit Inef­fek­ti­vi­tät, Müßig­gang oder Faul­heit gleich­ge­setzt. Wenig schla­fen hin­ge­gen ist in unse­rer Kul­tur ange­sagt und gilt als Beweis für Leis­tungs­fä­hig­keit. Der Schlaf ist zu einem Instru­ment der Beschleu­ni­gungs­ge­sell­schaft gewor­den. Den­ken wir an den Schlaf, dann geht es meist schon um den nächs­ten Tag, und dass wir wie­der leis­tungs­fä­hig sein müs­sen. Für vie­le ist die Nacht kei­ne Zeit zum Genie­ßen, son­dern soll vor allem eins: effi­zi­ent sein.

Dabei lei­det fast die Hälf­te der deut­schen Bevöl­ke­rung min­des­tens gele­gent­lich unter Schlaf­stö­run­gen. Schlech­ter Schlaf gehört zum moder­nen Leben dazu, denn die Rund-um-die-Uhr-Gesell­schaft lässt uns ungern rich­tig zur Ruhe kom­men. Dazu kommt, dass ein Groß­teil der Men­schen in unse­rer Gesell­schaft jen­seits ihres eige­nen bio­lo­gi­schen Rhyth­mus lebt, denn ihr natür­li­cher Chro­no­typ ist die „Eule“, also der bio­lo­gi­sche Spät­auf­ste­her. Sie ste­hen viel zu zei­tig auf und häu­fen unter der Woche ein Schlaf­de­fi­zit an. Arbeits­zei­ten und Schul­be­ginn oder Schicht­ar­beit wider­spre­chen ihrem inne­ren Rhyth­mus. Die Fol­gen sind Schlaf­de­fi­zi­te, Müdig­keit und gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gun­gen. Es kommt zum „sozia­len Jet­lag“.

Aus wirt­schaft­li­cher Sicht mag es attrak­tiv erschei­nen, rund um die Uhr geschäf­tig zu sein und den eige­nen inne­ren Rhyth­mus zu ver­nach­läs­si­gen. Die Kos­ten einer schlaf­lo­sen Gesell­schaft sind hoch – jedoch schwer abzu­schät­zen. Wer nicht genug schläft ist müder, unkon­zen­trier­ter und macht mehr Feh­ler.

 

Schlaflosigkeit lässt die Kassen klingeln

Schlaf­lo­sig­keit hat zwei Sei­ten: Lärm und Licht las­sen uns nicht schla­fen – oder aber wir fin­den selbst kei­nen Schlaf. Oft ist es der Lärm in unse­ren eige­nen Köp­fen: Stress, Leis­tungs­druck, Lebens­pro­ble­me oder ande­re Sor­gen. In west­li­chen Indus­trie­ge­sell­schaf­ten ist die Angst vor Schlaf­stö­run­gen omni­prä­sent; die Beschäf­ti­gung mit dem Schlaf ist gera­de­zu zwang­haft.

Es wird erzählt, dass Napo­lé­on Bona­par­te mit nur drei Stun­den und Tho­mas Edi­son mit vier Stun­den Schlaf aus­ka­men. Nobel­preis­trä­ger Ein­stein wie­der­um benö­tig­te gan­ze elf Stun­den Schlaf. Und von Goe­the sagt man, dass er ein wah­rer Schlaf­künst­ler war. Schlaf war für ihn einer der „höchs­ten Genüs­se“, er schätz­te sei­ne „pro­duk­tiv machen­den Kräf­te“ und konn­te angeb­lich bis zu 24 Stun­den durch­schla­fen.

So hat sich die Schlaf­for­schung als eigen­stän­di­ge Wis­sen­schaft fest eta­bliert – und die Schla­f­in­dus­trie boomt mit Ange­bo­ten für teu­re Matrat­zen, Kopf­kis­sen oder Bet­ten, die uns zu einem guten Schla­fen ver­hel­fen sol­len. Spe­zi­el­le Wecker oder ent­spre­chen­de Apps sol­len uns ein per­fek­tes Wach­wer­den besche­ren und sind äußerst beliebt. Nicht zu ver­ges­sen die Flut von Schlaf­rat­ge­bern, Sen­dun­gen im Fern­se­hen oder Bei­trä­ge in Zei­tun­gen oder Zeit­schrif­ten, die uns leh­ren wol­len, wie wir per­fekt zu schla­fen haben.

 

Schlafe ausgiebig! Der Aufbruch in eine ausgeschlafene Zeit

Pho­to by Hern­an San­chez on Uns­plash

Dabei müs­sen wir, um gut zu schla­fen, uns vor allem wie­der erlau­ben, genug zu schla­fen. Wir müs­sen ver­su­chen, gelas­se­ner gegen­über dem Schlaf zu wer­den. Gelin­gen kann das nur, indem wir uns nicht nur von Wirt­schafts­wachs­tum und neu­en mate­ri­el­len Gütern lei­ten las­sen, son­dern auch für aus­rei­chend Schlaf und eine neue Zeit­kul­tur sor­gen. Das heißt, so wie wir einen nach­hal­ti­gen Umgang mit den Res­sour­cen unse­rer Erde brau­chen, benö­ti­gen wir auch einen nach­hal­ti­gen Umgang mit uns selbst. Wir müs­sen unse­re inne­re Uhr wie­der­ent­de­cken und gesell­schaft­lich umden­ken. Aus­rei­chen­der und erhol­sa­mer Schlaf ist ein wich­ti­ger Schritt auf dem Weg in eine glück­li­che Gesell­schaft und in ein gutes Leben.
Fol­gen­de zeit­po­li­tisch rele­van­te Punk­te könn­ten gesell­schaft­lich einen Weg dahin eröff­nen:

  • Lärm- und Licht­ver­schmut­zung redu­zie­ren: Nächt­li­cher Lärm und Licht stö­ren unse­ren Schlaf mas­siv. Des­halb soll­ten die­se auf ein Mini­mum redu­ziert wer­den.
  • Künst­li­ches Licht abends ver­ban­nen: Künst­li­ches Licht, das längst nicht mehr nur aus Lam­pen, son­dern vor allem auch aus den Bild­schir­men und Smart­pho­nes strahlt, stört den Schlaf. Dazu gehört, die stän­di­ge Erreich­bar­keit zu redu­zie­ren und Han­dys aus dem Schlaf­zim­mer zu ver­ban­nen.
  • Leben nach dem eige­nen Chro­no­typ: Ob Eule oder Ler­che, wir soll­ten auf unse­ren eige­nen chro­no­bio­lo­gi­schen Typ hören. Unter­neh­men soll­ten Arbeit­neh­mer ent­spre­chend ihres Chro­no­typs ein­set­zen.
  • Nur noch unver­meid­ba­re Nacht­ar­beit: Nacht­ar­beit soll­te auf das Not­wen­di­ge redu­ziert wer­den, und Schicht­plä­ne soll­ten an den ent­spre­chen­den Chro­no­typ ange­passt wer­den. Schicht­wech­sel soll­ten ent­spre­chend den Erkennt­nis­sen der schlaf- und arbeits­me­di­zi­ni­schen For­schung ange­passt wer­den.
  • Schaf­fen wir die Som­mer­zeit ab: Die Som­mer­zeit ist ein wah­rer Schlaf­räu­ber. Vie­le Men­schen erfah­ren nach der Uhren­um­stel­lung einen Mini-Jet­lag. Schlaf­pro­ble­me, die Zahl der Arzt­be­su­che sowie der Ver­brauch von Schlaf­mit­teln stei­gen nach der Zeit­um­stel­lung sprung­haft an und die Unfall­ge­fahr ist erhöht.
  • Die Schu­le spä­ter begin­nen las­sen: Gera­de Jugend­li­che haben ein höhe­res Schlaf­be­dürf­nis als Erwach­se­ne und wer­den mor­gens spä­ter wach. Die Schu­le beginnt dann, wenn Jugend­li­che noch nicht rich­tig wach und in ihrem Leis­tungs­tief sind.
  • Das Nicker­chen in den Mit­tags­stun­den för­dern: Hier­zu­lan­de ist der Mit­tags­schlaf als Zeit­ver­schwen­dung ver­pönt. Dabei för­dert die­ser die Lei­tungs­fä­hig­keit und hilft uns, auch tags­über mal abzu­schal­ten und inne­zu­hal­ten. Weh­ren wir uns also gegen das Dik­tat des Weckers und der All­zeit­leis­tungs­be­reit­schaft!

 

Guten Schlaf!

 


Die­ser Bei­trag ist zuerst auf der Home­page des trans­form Maga­zin – Das Maga­zin für das Gute Leben erschie­nen. Das etwa halb­jähr­lich erschei­nen­de Print­ma­ga­zin wird von Men­schen aus Ber­lin, Leip­zig und Ham­burg sowie vie­len frei­en Zuar­bei­ten­den pro­du­ziert. Das Team ver­zich­tet dabei bewusst auf Wer­bung, ganz dem trans­form-Ansatz fol­gend, dass weni­ger Kon­sum den Weg zu einem schö­ne­ren Leben erst mög­lich macht.

Der Bei­trag stammt von Elke Gro­ßer, die Sozio­lo­gin und Mit­glied im bera­ten­den Vor­stand der Deut­schen Gesell­schaft für Zeit­po­li­tik und Redak­teu­rin des „Zeit­po­li­ti­schen Maga­zins“ ist. Sie forscht u.a. an Zeit­ge­stal­tung im All­tag und Zeit­wohl­stand.

Wird uns Bildung retten? Teil 2

Wird uns Bildung retten? Teil 2

Macht uns Bildung zu besseren Menschen?

 

Soviel steht fest: Wir brau­chen mehr Bil­dung. Aber wel­che Bil­dung brau­chen wir? Und selbst wenn es mehr von die­ser Bil­dung gibt, kann sie die Pro­ble­me lösen, die es zu lösen gilt?

Paech Bildung

Prof. Dr. Niko Paech ist Öko­nom und lehrt an den Uni­ver­si­tä­ten Sie­gen und Olden­burg.

In dem vor­an­ge­gan­ge­nen Bei­trag zu dem The­ma “Kann uns Bil­dung ret­ten?” ende­ten wir mit der Erkennt­nis, dass die Popu­la­ri­tät des Öko­no­men Niko Paech viel­leicht daher rührt, dass er es wie kaum ein ande­rer ver­steht, die Wider­sprü­che unse­rer auf Wachs­tum basie­ren­den Wirt­schaft offen zu legen. Mehr noch. Wäh­rend die Main­stream­kri­ti­ker die Green Eco­no­my als Lösung für die durch das Wirt­schafts­wachs­tum ver­ur­sach­ten Pro­ble­me anse­hen, seziert Niko Paech auch die Wider­sprü­che die­ser grü­nen Wachs­tums­träu­me.

Paechs Argu­men­ta­ti­on zu fol­gen ist gewiss anspruchs­voll, bricht sie doch mit vie­lem, was man als selbst­ver­ständ­lich ansah oder ver­langt einem ab, dass man neu­es zu den­ken wagt. Und das ist gefähr­lich. Denn ist man ein­mal die­sen Schritt gegan­gen, kann man hin­ter die­se neue Erkennt­nis nicht mehr zurück. Konn­te man sich vor­her gewis­ser­ma­ßen noch dadurch schüt­zen, dass man die pro­ble­ma­ti­schen Kon­se­quen­zen nicht kann­te, die eine grü­ne Wachs­tums­stra­te­gie mit sich bringt, so belügt man sich selbst, wenn man nach Paechs Aus­füh­run­gen dar­auf hofft, dass wir die Welt doch noch irgend­wie ret­ten kön­nen, ohne grö­ße­re Ände­run­gen im All­tag vor­neh­men zu müs­sen.

Die­se Erkennt­nis, dass wir unse­ren All­tag ändern müs­sen, kann man zu recht als Zumu­tung emp­fin­den  – wie es wohl einer der Anwe­sen­den tat, der am 4. Dezem­ber 2017 bei der Ver­an­stal­tung “Klü­ger Wirt­schaf­ten – Wel­ches Wachs­tum brau­chen wir?” im Welt­ethos Insti­tut Tübin­gen plötz­lich laut flu­chend den Saal ver­ließ. Die ande­ren jedoch, die blie­ben, wis­sen nun bes­ser Bescheid über die Not­wen­dig­keit, sein Leben zu ändern und dass die­se Ände­rung nicht Ein­schrän­kung, son­dern durch­aus Befrei­ung sein kann – als Befrei­ung vom Über­fluss. Und so wur­de in der Dis­kus­si­on als Trä­ger die­ser Ver­än­de­rung auch die jun­ge Gene­ra­ti­on lobend erwähnt, die weni­ger auf Besitz, denn auf den Gebrauch von Din­gen geht.

Am 4. Dezem­ber 2017 fand im Welt­ethos Insti­tut Tübin­gen die Ver­an­stal­tung “Klü­ger Wirt­schaf­ten – Wel­ches Wachs­tum brau­chen wir?” statt. Gela­den waren Prof. Dr. Edel­traud Gün­ther sowie Prof. Dr. Niko Paech. In die­ser Kolum­ne erin­nern wir uns an die Gesprä­che des Abends.

Wären wir zu die­sem Zeit­punkt nach Hau­se gefah­ren, wäre uns die nächs­te Erkennt­nis erspart geblie­ben, doch wie konn­ten wir die Ein­la­dung von Bernd Vill­hau­er zu einem Abend­essen mit den Refe­ren­ten aus­schla­gen? Ger­ne folg­ten wir die­ser Ein­la­dung und ver­tief­ten uns mit Niko Paech in die Dis­kus­si­on der Wider­sprü­che, die unse­re Wirt­schaft durch­zie­hen. Doch als wir auf das The­ma Bil­dung zu spre­chen kamen, senk­te er die Stim­me und erzähl­te uns von einer Stu­die, die im April 2016 ver­öf­fent­licht wur­de und die er immer dann als Joker zückt, wenn er meint, dass er sei­nem Gegen­über noch einen wei­te­ren Erkennt­nis­schritt zumu­ten kann.

Die­se Stu­die trägt den Titel Reprä­sen­ta­ti­ve Erhe­bung von Pro-Kopf-Ver­bräu­chen natür­li­cher Res­sour­cen in Deutsch­land (nach Bevöl­ke­rungs­grup­pen) und wur­de vom Umwelt­bun­des­amt her­aus­ge­ge­ben. Bereits in der Zusam­men­fas­sung wird das Argu­ment gelie­fert, das einen ver­zwei­feln lässt, wenn man dar­auf hofft, dass Bil­dung die Men­schen zu einem umwelt­be­wuss­te­ren Lebens­stil bewe­gen könn­te. Heißt es dort doch:

Die sta­tis­ti­schen Ana­ly­sen bestä­ti­gen die Ver­mu­tung, dass vor allem das Ein­kom­men einen zen­tra­len Trei­ber für den Res­sour­cen­ver­brauch dar­stellt (…) Bemer­kens­wert ist, dass er in den sozia­len Milieu­seg­men­ten mit ver­brei­tet posi­ti­ven Umwelt­ein­stel­lun­gen über­durch­schnitt­lich hoch ist.

Im Klar­text: Bei den­je­ni­gen, die Umwelt­schutz für wich­tig hal­ten, die über die schäd­li­chen Aus­wir­kun­gen eines Lebens auf gro­ßem Fuße Bescheid wis­sen und sich aktiv über Zusam­men­hän­ge infor­mie­ren, ist der Res­sour­cen­ver­brauch über­durch­schnitt­lich hoch.

Wir hof­fen, Sie ver­zei­hen, wenn wir Sie an die­ser Stel­le auf die Fort­set­zung ver­trös­ten, in der wir die Stu­die vor­stel­len und uns wei­ter über Sinn und Unsinn von Bil­dung den Kopf zer­mar­tern.

 

Auch aus die­ser Kolum­ne:

Wird uns Bildung retten – Teil 1