“Haben Sie das Gefühl, in einer Krise zu sein?” – Der Kapitalismus auf der Couch

Dieses Behandlungsprotokoll ist erstmals ins agora42 1/2017 DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH erschienen. In dieser Ausgabe wird der Kapitalismus in vier therapeutischen Sitzungen analysiert. Die erste Sitzung fasst Christian Schüle zusammen:
kapitalismus agora42
 

Der depressive Patient
Behandlungs-Protokoll: Systemische Therapie mit gestalttherapeutischen Anteilen

 
 
Allgemeiner Eindruck des Patienten:
Patient K verhält sich auffallend auffällig. Er kann nicht still sitzen und springt unverhofft auf, um während des Gehens ohne Punkt und Komma zu reden. Mich nimmt er selten wahr, manchmal verschluckt er Silben. Fragen, die seinen Mitteilungsdrang unterbrechen, ignoriert er. Einwände sind in solchen Momenten nicht möglich. Eine klare Gedankenführung habe ich nicht bemerkt. K ist nervös, ungeduldig und vervollständigt meine Sätze, weil ich ihm, wie er sagt, zu schleppend rede. Permanent streichelt er mit dem rechten Daumen über das Deckglas seiner Armbanduhr. Mein Eindruck: Ks Leben ist ein streng getakteter Ablaufplan kurzfristiger Arrangements, die ständig koordiniert werden müssen.
 
diktiergeraet
 
Sprachmemo 1:

K: Sie müssen in jedem Fall über Ihre Grenzen gehen, wissen Sie, es ist entscheidend, dass Sie immer Ihre Grenzen überschreiten, darin liegt der Sinn unserer Natur, ohne Grenzüberschreitung hätte das Leben ja keine …

Ich: Sie meinen: hätte Ihr Leben.

K: … Spannung. Mein Leben? Mein Leben ist gleichzusetzen mit dem Leben an sich. Wir befinden uns in einem permanenten Kampf! Da draußen ist Krieg, verstehen Sie? Da ist der Krieg der Wölfe! Da zählt fürs Überleben nur der Sieg.

Ich: Fühlen Sie sich bedroht?

K: Ich bin Top-Performer und die allermeisten da draußen sind Low-Performer. Top-Performer haben das Recht, allen anderen vorgezogen zu werden. Richtig, oder? Als Top-Performer brauchen Sie die besten Umstände, um sich entfalten zu können. Ohne Steigerung führt sich das System selbst in die Grütze, weil es die eigenen Reproduktionskräfte hemmt: Es bleibt stehen, und alles, was stehen bleibt, ist tot. Das ist unbestreitbar!

 
 
Notat 1:
Der Frage, ob er sich vor einem Leben ohne Spannung und Belohnung fürchte, entgegnet K gereizt, Furcht sei etwas für die Zukurzgekommenen! Das Prinzip der Selbstüberschreitung habe er bereits in seiner Jugend als vorteilhaft erkannt und ausgelebt. Es treibt ihn an, erregt ihn, bringt ihm Lust. K ist vollends abhängig von der Bestätigung und Aufmerksamkeit anderer, die er als Bewunderung missversteht. Er verneint meine Frage, ob ihm ein Mensch gleichwertig sein könne. Wert hat für ihn nur, was ihn von allen anderen abhebt, vor allem im direkten Vergleich: Der Bonus ist für ihn die höchste Form der Unterscheidung und Wertschätzung seiner Person. Er ist ein Fetisch, auf den sich Ks Libido-Energie konzentriert. Als Consultant-Manager einer großen Media-Agentur entwickelt K Produkte, die ihn nicht interessieren. Sein einziges Interesse ist die Beschleunigung der Produkt-Platzierung und der Vorteil, den er dadurch hat. „Wer Bedürfnisse kreiert, Menschen zu deren Befriedigung stimuliert und ihre Lust dann mit passgenau entwickelten Produkten befriedigt“, sagt er, „habe niemals Feierabend.“ K hat den Ehrgeiz, höhere Quoten zu erzielen als die anderen Abteilungen seines Unternehmens; er benutzt dabei das Wort „Spiel“. Durch seine Fixierung auf die Beschleunigung von abstrakten Abläufen wurde K von einer Steigerungslogik vereinnahmt, der er nicht mehr entkommen kann. Sie erlaubt ihm nur, entweder nach oben zu laufen oder nach unten zu fallen. Eine andere Möglichkeit sieht er nicht. K ist Gefangener im eigenen Panoptikum: Er hat zwischen sich und die Realität eine doppelseitig spiegelverglaste Trennwand eingezogen. In den Spiegeln sieht er nur sich selbst.
 
 
Sprachmemo 2:
Ich: Wenn Sie sich einmal betrachten – was sehen Sie?

K: Einen High Potential Anfang vierzig.

Ich: Das meine ich nicht.

K: Dann fragen Sie präziser.

Ich: Was verkörpern Sie für sich selbst?

K: Ich weiß nicht, was diese Fragen sollen. Ich habe Ihnen das schon so oft gesagt: In mir verkörpert sich unser System. In mir zeigt sich der Wohlstand dieses Landes. Da habe ich doch Respekt verdient, meinen Sie nicht?

Ich: Ich meinte nicht, was Sie sind, sondern wen Sie sehen?

K: Das ist das Gleiche.

Ich: Gut, dann frage ich anders: Haben Sie das Gefühl, in einer Krise zu sein?

K: Krise? Wenn da eine Krise sein sollte, kann ich sie mir nicht leisten. Krisen sind dazu da, überwunden zu werden. Krisen und Kritik müssen einverleibt, neutralisiert und sofort produktiv umgesetzt werden.

 
 
Notat 2:
K kann keinerlei Verständnis für Schwache aufbringen. Schwäche ekele ihn, sagt er wörtlich. Er verachte Menschen, die sich permanent zum Opfer jener Umstände stilisieren, die er bestimmt. Meine Frage, ob er spüren könne, dass sich die Mitarbeiter seiner Abteilung von ihm losgesagt hätten, verneint er vehement. Er glaubt, die Kollegen eiferten seinem Vorbild nach und bewunderten ihn für seine Erfolgsquote. Wenn er überhaupt von anderen spricht, sind dies ausnahmslos Männer. Er kann sie individuell nicht konturieren, aber es ist klar, dass alle, von denen er erzählt, eine Ähnlichkeit mit ihm selbst besitzen: das gleiche Alter, das gleiche Äußere und die gleiche Passion, Bedürfnisse zu schaffen, von denen die Konsumenten bislang nichts wussten. K redet nicht über Mitbürger, sondern über Produktnutzer. Wenn er redet, ist er grundsätzlich nicht in der Lage, die Augen zu schließen. Wir sprachen über Ks Träume: Er bestand darauf, keine Träume zu haben, sondern Visionen.
 
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Sprachmemo 3:
Ich: Sie sind zu mir gekommen, weil Sie die Befürchtung hatten, „heißzulaufen“.

K: Heißzulaufen?

Ich: So haben Sie das gesagt.

K: Ich bin gekommen, weil mein Arzt mich zu Ihnen geschickt hat. Aber ich bin auf gar keinen Fall krank.

Ich: Nun, Sie können nicht mehr schlafen! Das finde ich durchaus bedenklich.

K: Wir können uns Schlaf nicht leisten. Wozu auch? Schlaf ist Stillstand.

Ich: Verachten Sie Mitmenschen, die nicht mithalten können?

K: Sie könnten ja mithalten, aber sie wollen nicht, verstehen Sie? Kann nicht, gibt’s nicht! Die wollen einfach nicht und machen den Leadern das Leben schwer.

Ich: Sie haben behauptet, dass der Wert eines Menschen darin besteht, sich selbst stets zu „investieren“.

K: Jeder von uns ist seine eigene Aktie. Jeder investiert sich selbst und kassiert dafür eine Rendite, so geht das Spiel.

 
 
Notat 3:
Im Verlauf der Sitzung wurde deutlich, dass sich der Wert des Menschen für K über sein Können, oder besser: über sein Könnenwollen definiert. Im Gegensatz zum moralischen Sollen, mit dem klare Vorgaben verbunden sind, ist das Könnenwollen per definitionem unbegrenzt und unendlich steigerbar. Es hat keinen Anfang und kein Ende, sondern entwickelt sich aus sich selbst heraus ad infinitum. Könnenwollen bezeichnet die grenzenlose Möglichkeit des Werdens. K bemisst zwar den Wert des Menschen an seinem Können, kann jedoch nicht definieren, was dieses Können ausmacht: Jeder müsse selbst wissen, was er kann. Können heißt für ihn auch, dass jeder Mensch gänzlich auf sich allein gestellt ist, denn nur der Einzelne selbst kann das Können wollen. Den Menschen zum permanenten Aufbruch anzutreiben, ist Ausdruck der Logik, die K dem Leben unterstellt: Alles, was ist, muss wachsen. Alles, was wächst, wirft immer etwas ab, sonst wäre es Negativwachstum. Wenn der einzelne Mensch nicht zum positiven Wachstum beiträgt, dann scheitert er K zufolge an seiner Bestimmung. Immer wieder weist K darauf hin, dass niemand anderes für das Scheitern haftbar zu machen ist, als das nicht-könnenwollende Individuum selbst.
 
 
Sprachmemo 4:
Ich: Sie sind, laut Ihres Überweisungsscheins, auch deshalb zu mir gekommen, weil Ihnen ein schmerzhaftes Ereignis widerfahren ist.

K: Ich habe keine Schmerzen.

Ich: Gut, sagen wir: ein für Sie problematisches Ereignis.

K: Probleme löse ich, verstehen Sie? Nein, ich bin gekommen, weil … weil mein Sexualtrieb … also, weil dieser Trieb mich zu oft von der Arbeit ablenkt.

Ich: Das meinte ich nicht. Sie sind gekommen, weil Sie zusammenbrachen, nachdem eine junge Kollegin sich Ihnen widersetzt hat und –

K: Ich bin keinesfalls zusammengebrochen!

Ich: Sie hatten einen Weinkrampf.

K: Das ist ein Missverständnis.

Ich: Worin genau besteht dieses Missverständnis?

K: Die Kollegin hat nicht verstanden, dass sie schlecht performt.

Ich: Hat die Kollegin Sie denn nicht zurückgewiesen?

K: Niemals! Als Low-Performer schmälert sie mein Ergebnis. Diese Frau hat mich nicht verdient.

Ich: Was genau hat sie nicht verdient?

K: Meine Anerkennung.

Ich: Aber war es nicht gerade andersherum?

K: Wir machen jetzt mal eine Zigarettenpause.

agora42 Kapitalismus gehirn
 
 
Notat 4:
Nach der kurzen Unterbrechung schildert K die Situation folgendermaßen: Er sei sich sicher gewesen, dass die junge Kollegin, Mitte zwanzig, die seit einem halben Jahr in seiner Abteilung arbeitet, ihm zwar widerstehen wollte, es aber nicht konnte. Also habe er, um „die Sache abzukürzen“, den direkten Weg gewählt und sie an besagtem Donnerstag vor acht Wochen gegen 21 Uhr in sein Büro gebeten. Als sie dort nicht erschienen sei, habe er sie angerufen. Die Kollegin entgegnete, dass sie bis Punkt 18 Uhr arbeite und keine Minute länger. Sie fragte ihn, ob er das nicht wisse. Zwei Tage später, kurz vor seinem eigenen Objective-Talk mit dem CEO, sei sie zum monatlichen Zielvereinbarungsgespräch in seinem Büro erschienen. Genauer wollte K den Vorgang nicht schildern, aber offenbar hat die junge Kollegin seine Hand von ihrer Brust genommen, den Kopf schief gelegt und sehr lange künstlich gegähnt.
 
 
Notat 5:
Die Ohnmacht, die K bei der Zurückweisung durch die Kollegin verspürte, zeigt, dass er verweigerter Anerkennung nicht gewachsen ist. Das gelangweilte Gähnen der jungen Frau konfrontierte ihn mit seiner eigenen Bedeutungslosigkeit. Er fühlte sich nicht angegriffen, sondern aussortiert. Die Angst, er könnte Attraktivität und Macht verlieren, wenn die nachfolgende Generation ihn nicht mehr anerkennt, hat K in die Depression geführt. Die Kollegin stellt nicht nur seine Rolle als Heroe der Firma infrage, sondern das System, auf dem sein Selbstwert basiert. Dies führt bei K zu einem Identitätsbruch, vergleichbar mit dem Sprung eines Spiegelglases. Seither kann er die Fragmente seiner Persönlichkeit nicht mehr zusammendenken.
K fasst jegliche Belohnung als gerechtfertigte Gratifikation nicht nur seiner Arbeit, sondern seines Daseins als solchem auf. Bei ausbleibender Belohnung ist er jedoch unregulierbar. K ist überzeugt vom extrem hohen Wert seiner Arbeit und unterscheidet nicht mehr in gute und schlechte, richtige und falsche Handlungen. Er hat seine Selbststeuerungsfähigkeit völlig eingebüßt. K glaubt, dass er letztlich auf andere Menschen verzichten kann. Durch die dauerhafte Austreibung des Anderen aus seiner Wahrnehmung ist ihm jedes Maß verloren gegangen. Schließlich ist er in seiner Kälte erst „heißgelaufen“ und hat sich dann selbst verloren.
 
 
Schluss-Notat:
Auf bisher präzedenzlose Weise vermag der Patient seine depressiven Phasen so zu neutralisieren, dass aus dem Aktivitätsverlust und der Niedergeschlagenheit überhöhte Wahnvorstellungen entstehen. Sein chronisches Schlafdefizit führte bislang nicht zu einem geschwächten Immunsystem oder zu gestiegener Anfälligkeit für Krankheiten. K hat abermals abgenommen, der Gürtel lässt sich nicht mehr enger schnallen. Ich habe dem Patienten ein vierwöchiges Exerzitium im Kloster St. Bonifatius empfohlen und ihm für die Übergangszeit Lithium und Neuroleptika zur Dämpfung psychotisch-wahnhafter Symptome verschrieben. Ich sehe zwei triftige Gründe für die Fortsetzung der Therapie in Form der Analyse: Erstens Ks anhaltende Angst, die junge Kollegin zerstöre mit ihrem geringschätzigen Verhalten natürliche Hierarchien und damit seine Lebensgrundlage. Zweitens wird er seit der Zurückweisung durch die Kollegin von Panikattacken heimgesucht, während derer er wähnt, von innen ausgehöhlt zu werden. In diesen Momenten wiederholt er ständig ihre Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen seiner Arbeit und damit seines Lebens.

Um Punkt 15 Uhr zog K seinen Kamelhaarmantel an und ging.
 
 
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Christian Schuele

Christian Schüle ist freier Autor und Publizist und lebt in Hamburg. Seit Anfang 2015 lehrt er im Fachbereich Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin. Zuletzt von ihm erschienen: Was ist Gerechtigkeit heute? Eine Abrechnung (Pattloch Verlag, 2015).

 

 

Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

Anlässlich der aktuellen Ausgabe zum Thema “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir ausgewählten Personen drei Fragen zu diesem Thema gestellt – darunter auch Prof. Dr. Ruth Hagengruber. Sie hält die gängige Kapitalismusschelte für einen Vorboten nationaler autoritärer Bewegungen und plädiert dafür den Kapitalismus nicht zu dämonisieren, sondern zu demokratisieren.

 

Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

 

1. Frau Hagengruber, welchen Aspekt des Kapitalismus finden Sie am interessantesten und am ehesten zu bedenken?

Die heute verbreitete Kapitalismusschelte darf gewiss mehr als Trend denn als Einsicht angesehen werden. Wer den Kapitalismus gar ins Reich des Bösen verweist, ist sich der Zustimmung der Vielen und daher auch der Medien gewiss. So einfach ist es nicht. Kein Zweifel, auf Trug gebaute Kapitalakkumulationen, Intransparenz verstören den „Normalbürger“, der es sich nur im Rahmen seiner Einkünfte leisten kann, die eigenen Ideen zu realisieren. Und der überzeugt ist: Das Gute im Leben kann mit Kapital nicht erkauft werden. In dieser Spanne zwischen Enttäuschung und überzogenen Hoffnungen ermöglicht uns die philosophische Perspektive wieder einen neuen Blick auf die Ökonomiegeschichte und auf das, was unter Kapital überhaupt zu verstehen ist. Dabei ist es wohl nicht zufällig, dass ihr Begründer, Adam Smith ein Moralphilosoph war. Philosophie und Ökonomie sind schon seit der Antike, also seit dem Anfang der Philosophie eng verzahnt. Kein geringerer als Sokrates hinterließ folgende Anweisung, das Vermögen zu mehren: auxein ton oikon. Das überliefert Xenophon. Klug, wie diese antiken Denker waren – übrigens waren es auch Denkerinnen, denn in eben diesem Buch bezeichnet Sokrates Aspasia als seine Lehrerin – wissen sie, dass die Vermehrung des Vermögens zwar das Ziel der Ökonomie darstellt, aber auch, dass es dabei nicht um quantitative, sondern um qualitative Werte geht.

Ruth Hagengruber

Ruth Hagengruber habilitierte mit einem wirtschaftsphilosophischen Thema (Nutzen und Allgemeinheit) und leitet seit 2005 den Forschungsbereich EcoTechGender an der Universität Paderborn. Sie publiziert regelmäßig zu Themen der Wirtschaft, Informatik und zu Fragen der Geschlechtergerechtigkeit (siehe webpage). Seit 2013 lehrt sie in einem Projekt: Ethik Denken Ökonomie regelmäßig zu Themen der Wirtschaftsphilosophie.

Vermögensmehrung aus dieser philosophischen Perspektive meint nämlich, die subjektive ganz persönliche Beurteilung und Einschätzung über eine Sache. Sokrates bringt dafür anschauliche Beispiele: Es nützt nichts, wenn einer ein Pferd besitzt, das ihn tritt! Obwohl quantitativer Besitz, ist es kein Vermögen, sondern einen Schaden! Selbst, wer keinen direkten Schaden nimmt, aber auch keinen Vorteil, handelt unweise. Wer eine Flöte besitzt, die er nicht spielen kann, schadet sich und seinem Vermögen.

Was Xenophon hier durch den Mund des Sokrates mitteilt ist die Einsicht, dass unser Urteil der Ausdruck des Wissens über Nutzen und Gebrauch eines Dings ist. Es ist ein ganz persönliches Urteil, das vom Urteilenden abhängt. Das Urteil spiegelt sozusagen den Urteilenden. Dieser Mehrwert, den der Urteilende reklamiert, spiegelt sein Wissen um die Sache und reziprok. Die Vermögensmehrung, damit das Kapital, kommt folglich aus diesem Wissen, nicht aus der Sache. Das war die ideale Auffassung Xenophons.

Aus dieser Einsicht lassen sich viele interessante Urteile ableiten. Z.B. auch diejenige, dass Kapital sich nicht auf Geld oder Boden oder Produktionsmittel beschränken lässt. Der wahre Grund des Kapitals ist der qualitativ zugemessene Mehrwert, der sich in der Sache verdinglicht. Nutzen und Gebrauch werden sozusagen erfunden. Zuckerberg und Gates, Rubinstein, Google und Skype präsentieren heute in dem von ihnen kreierten Kapital die Transformation der Ideen zu Kapital. Wir kreieren den Mehrwert. Wir kreieren das Kapital. Heute ist praktisch allen klar, dass Kapital nicht im Geld liegt. Das wahre Kapital ist Wissen. Was wir als Kapital ansehen, wandelt sich. Wenn wir wollen, können wir den ganz  großen Kapitalisten unseren Zuspruch entziehen – jedenfalls, wenn wir die demokratische Kontrolle ausüben können und verstehen lernen, dass der Kapitalismus, wie alles und wir selbst, notwendig korrekturbedürftig sind.

Der demokratischen Korrektur des Kapitalismus geht es daher um die große Streuung des Zugangs zum Kapital, das idealerweise in vielen Ländern dieser Welt aktiv ist und dabei zugleich die Auflösung autoritärer oder und patriarchaler Herrschaft mit sich führt.

Dieser eigentlich demokratische, aber auch globale Prozess beflügelt die Angst des Einzelnen in den Wohlstandsländern, sie möchten dabei ihr „bisschen Kapital“ verlieren. Die globale Strategie des modernen und partikular orientierten Kapitalismus wird von den neuen nationalistischen Bewegungen bekämpft. Sie sind Bewegungen, denen die Streuung und Partikularisierung des Kapitals zuwider ist.

Das Kapital hat das Bürgertum von der Adelsherrschaft befreit und China zum Global Player gemacht. Das Kapital kann alte Ordnungen verwerfen. Die anderen versprechen das Gute, wenn sie das Kapital in der Hand halten. Hier kommt es darauf an, für wen wir uns entscheiden, solange wir die Chance haben, uns zu entscheiden, wem wir unser Kapital anvertrauen. Selbst die Grünen versprechen, „Rente geht auch grün“. Kapital kann man in jeder Version ansparen und vermehren, je nachdem für welches „gute“ man sich entscheidet, solange es einem noch frei steht, sich zu entscheiden. Wer will diese Vertreter der neuen Bewegungen als zentrale Verwalter der dann wieder deutschen Finanzkraft? Der freie Bürger wird dann weniger frei sein, sein bisschen Vermögen nach seinen eigenen Vorstellungen zu vermehren. Man muss den Kapitalismus demokratisieren, nicht zentralisieren.

 

2. Warum konnten sich die Menschen so schnell und unbemerkt für das kapitalistische Denken begeistern? Entspricht der Kapitalismus unserer Natur?

Die Freiheit für einen Menschen wächst mit seiner Möglichkeit, seine eigenen Vorstellungen zu  realisieren. Kapital ist einerseits genau das, was wir dank unseres eigenen Vermögens in den Dingen sehen. Unser Blick auf die Dinge der Welt und wie wir sie für unsere Interessen nutzen können, gehört wesentlich zu unseren Aktivitäten. Noch erfreulicher ist es, wenn sich die Welt nach unserem Urteil formen lässt. Das ist letztlich der Wunsch der Menschen, sozusagen anthropologische Determinante. Die Dinge nach der eigenen Vorstellung zu bewerten, ist ein Teil der Selbstverwirklichung. Wir realisieren uns und verdinglichen unser Ego auf diese Weise in den Dinger der Welt. Das Ich verdinglicht sich im Nicht-Ich, sagen die Philosophen. Damit realisiert sich das säkulare Glück im Hier und Jetzt und nicht im Jenseits. Dem Individuum scheint es, als könnte es sich damit verewigen.

Nun entbrannte mit Rawls, allerdings nicht zum ersten Mal in der Philosophie, die Debatte, ob die natürliche Verschiedenheit der Menschen nicht ungerecht und daher der Ausgleich der natürlichen Vorteile „zentral“ gesteuert werden müsse. Die natürliche Verschiedenheit auszugleichen ist nun zur Aufgabe all deren geworden, die sich auf den quantitativen Ausgleichs spezialisieren. Wer aber kann es quantifizieren? Alle fischen im Trüben. Aristoteles und Thomas Hobbes vertraten die Auffassung, die Verschiedenheit der Menschen sei per sei die Voraussetzung und fruchtbare Grundlage aller Gemeinschaften. Gleichheit hingegen mache sie unmöglich, oder, wie bei Hobbes, mache die Idee der natürlichen Gleichheit sogar „mörderisch“. Nach Aristoteles kann es keine Gemeinschaft geben „mit zwei Bauern, oder zwei Ärzten“. Es braucht einen Arzt und einen Bauern, damit der Ausgleich stattfinden kann. Die Verschiedenheit ist selbst Ursache der Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und der Differenzierung der Tätigkeiten.

Das Problem des gegenwärtigen Kapitalismus sind seine Störungen. Zwischen „gut“ und „böse“ werden die Eigenschaften des Kapitalismus tariert, als hielte man einen Gott in den Händen. In der Tat, die Möglichkeiten, die sich durch die Kapitalisierung erschließen, sind gewaltig. Wir aber befinden uns erst in den Kinderjahren der Entwicklung. Die Smartphones bieten theoretisch interessante Möglichkeiten einer demokratischen Distribution, aber auch hier hatten die verbrecherischen Absichten schneller die Hand auf den Geräten, als die aufgeklärte Bürgerin. Sie und politische Gewalt stören diesen Markt, wie wir täglich hören. Sie spionieren, malträtieren, und wollen sein Scheitern, aber nur für den einzelnen Bürger, für ihre eigenen Vorteile wollen sie sein Funktionieren, damit sie wieder eines haben: Kontrolle, Autorität, Kapital, Macht, andere für ihre Zwecke zu missbrauchen.

 

3. In unserer aktuellen Ausgabe liegt der Kapitalismus auf der Couch. Er ist ausgebrannt, kaum jemand glaubt noch ernsthaft an ihn, immer häufiger fragt man sich “wozu”, Krisenstimmung macht sich breit. Ist die Blütezeit des Kapitalismus vorüber?

Die gegenwärtig modische aber häufig ideologische Kapitalismusschelte besteht aus einer Reihe von Schuldzuweisungen, die den Kapitalismus per se nicht treffen, sondern seinen Missbrauch und seine Akteure. Der verbreitete Antikapitalismus unserer Gesellschaft ist eine Vorstufe der politischen Bewegungen, die wir heute beobachten, die autoritäre Tendenzen verfolgen. Für sie ist die weltweit gestreute Kapitalmacht ebenso wie die Demokratie eine Herausforderung.

Kapital ist gefährlich, wenn es in der Hand weniger liegt und eigentlich ist Kapitalismus dann gar nicht mehr möglich. Der Kapitalismus ist umso weniger entfaltet, je mehr er die Einzelnen aus dem Marktzugang ausschließt und je mehr nur wenige definieren, was denn das (Gute) ist, das mit dem Kapital erzeugt werden soll. Intransparenz und Akkumulation verhindern, dass sich Menschen mit ihren Fähigkeiten einbringen. Das sind die wirklichen Störungen. Das hat aber gar nichts damit zu tun, ob ein Fußballspieler oder ein Vorstandschef 15 Millionen im Jahr verdienen darf oder zehn. Diese Leute verdienen ihr Geld auf dem Markt, der wenigstens insofern frei ist, als wir zu diesem Prozess nicht beitragen müssen. Wer die Versicherung wechseln kann, geht zu der, die die effizienteste für ihn ist. Vielleicht ist es die, bei der der Vorstand 5 Millionen verdient, vielleicht jene, wo er 15 verdient. Schlimm wird es, wenn wir keine Auswahl mehr haben, wenn wir auf ein Produkt angewiesen sind. Dann hat die demokratische Kontrolle versagt.

Auch in unserer Gesellschaft herrschen autoritäre Ausschlüsse. Das betrifft die Frauen, das betrifft z.B. aber auch alle jene Menschen, die in dieses  Land kommen wollten, und ihre Arbeit anbieten wollten, wie es Immanuel Kant in seiner Schrift vom Ewigen Frieden gefordert hat. Die Gerechtigkeit des Marktes zu erhöhen, hat auch damit zu tun, den Markt zu öffnen und transparenter zu machen. Das Gegenteil ist aber der Fall und wird von vielen gefordert. Opel soll in Bochum bleiben, Nokia soll nicht in Rumänien produzieren und die Flüchtlinge sollen nicht die Arbeitsplätze wegnehmen. Die nationale und zentrale und autoritäre Verwaltung des Kapitals folgt dem Wunsch der Stunde.

Wir stehen im Zeichen des Umbruchs. Wenn wir es schaffen, eine breite und kreative Kapitalwirtschaft zu erhalten, sind wir politisch – im globalen Rahmen – stabiler. Die Tendenzen der nationalen und auch der patriarchal begründeten Zentralisierungen laufen jedoch diesem Ziel entgegen. Dabei gibt es diesen Zusammenhang zwischen einer demokratischen, kapitalistischen und individualistischen Gesellschaft auf der einen Seite und der antikapitalistischen, autoritären Gesellschaft auf der anderen. Die Dämonisierung des Kapitalismus war nur ein Vorspiel zu den politischen Bewegungen der Gegenwart.

Gefährliche Liebschaften – Selbstverwirklichung als Social Fracking

Thank God It’s Friday! Und weil ein Wochenende ohne Lesestoff nur halb so schön ist, kommt hier ein besonderes Schmankerl:

 

Ralf Damitz

von Ralf M. Damitz

 

Als Max Weber 1917 in der Münchener Buchhandlung Steinicke seinen berühmten Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ hielt, endete er mit einer nietzscheanisch anmutenden Empfehlung für die dort größtenteils anwesenden jungen Studenten: Jeder müsse den „Dämon“ finden, so die pathetischen Schlussworte, „der seines Lebens Fäden hält“. In dieser kurzen Formel steckt ein Programm zur Persönlichkeitsentwicklung und es scheint aktueller denn je. Vielleicht allerdings in anderer Hinsicht, als es der Zeitgeist heute vorsieht: Es geht um das prekäre Verhältnis von Erfolg und Scheitern im Kapitalismus der Gegenwart.

Zunächst ein kurzer Rückblick. Seinen „Dämon“ zu finden, das zielte für Weber auf existenzielle Fragen in turbulenten Zeiten; darauf, wie und wonach man leben solle und was man als Person darstelle. Traditionell war es Sache theologischer Systeme gewesen, solche Fragen zu beantworten. In der modernen Welt ist Weber zufolge allerdings kein Platz mehr für religiöse Letztbegründungen. Obwohl Weber seine Zeit dadurch geprägt sah, dass „die alten Götter“ nach wie vor präsent waren, dass allerlei Prophetien und Ideologien ihren Kampf um die Köpfe der Menschen führten, war für ihn gleichermaßen klar, dass vom angebrochenen 20. Jahrhundert eine Absage an religiöse Heilsversprechen zu erwarten ist. Kein Prophet, ganz gleich, ob theologischer oder politischer Herkunft, könne auf Fragen der Lebensgestaltung abschließend antworten. Der moderne Kapitalismus, so Webers These in seinem Buch Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, habe religiösen Vorstellungen der Lebensführung ihre Wurzeln genommen und sie dadurch vollends in die Trivialität der bürokratisch und kapitalistisch organisierten Sozialwelt entlassen: Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem individuellen Heil oder der eigenen Identität könne der moderne Mensch nur sich selbst beantworten, am besten durch rastlose Versenkung in die Berufsarbeit. Indem man der „Forderung des Tages“ gerecht werde, sich aufs Hier und Jetzt beschränke, könne man es „beruflich oder menschlich“ zu Ansehen und Erfolg bringen. Zwar gehe auf diese Weise die entscheidende Sinnquelle verloren, nicht jedoch der Modus Operandi. „Der Puritaner wollte Berufsmensch sein“, resümiert Weber lakonisch, „wir müssen es“. Dass eine solche Fokussierung auf das Berufsleben von Erfolg gekrönt gelingen könne, war alles andere als gewiss. Webers Pessimismus diesbezüglich war legendär. Die Gesellschaft wurde von ihm als „Gehäuse der Hörigkeit“, der moderne Kapitalismus als „schicksalsvollste Macht“ begriffen. Versenkung in die Berufsarbeit war weniger Selbstverwirklichung denn Selbstbehauptung. Behauptung dagegen, dass das moderne Individuum die wenigen Spielräume der freien Lebensgestaltung im bürokratisch-kapitalistischen Alltag nicht auch noch einbüße. Die Quintessenz der Auffassung Webers war, dass man solche Konstellationen „aushalten“ können müsse. Dies entgegen allen Widrigkeiten zu versuchen, zeugte von einem Rest bürgerlichen Heroismus.

Die protestantische Ethik: In seinem Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus untersucht der Soziologe Max Weber (1864–1920) die religiös-kulturellen Grundlagen des okzidentalen Kapitalismus. Auf Grundlage der calvinistischen Gnadenlehre, nach der die allumfassende, übermächtige Gewalt Gottes die Menschen entweder zu ewigem Tod oder ewiger Seligkeit bestimmt, entstehe das protestantische Arbeitsethos: Die Menschen sehen sich in der Pflicht, durch rastlose Arbeit alle Zweifel an der eigenen göttlichen Erwähltheit zu vertreiben und dementsprechend ihre gesamte Lebensführung dem Erfolg unterzuordnen.

 

Siegeszug und Krise des Kapitalismus

Machen wir einen Zeitsprung. Das 20. Jahrhundert war erst kriegerisch und turbulent, später stand politische, ökonomische und soziale Entwicklung auf dem Programm. Als es sich dem Ende zuneigte, blieb der Kapitalismus als Sieger übrig, weltumspannend und alternativlos. Seine Verheißungen allerdings, Demokratie und Wohlstand (vielleicht sogar für alle) zu bringen, haben sich in der Zwischenzeit ebenso aufgelöst wie der einstige Systemkonkurrent. Wir leben heute in einer von grenzüberschreitenden Kapital-, Waren-, Daten- und Menschenströmen vorangetriebenen (Welt-)Gesellschaft. An internationale Konkurrenz haben wir uns genauso gewöhnen müssen wie an die Erosion des Wohlfahrtsstaats. Die Erwerbsarbeit wurde unter dem Druck global vernetzter Wertschöpfungsketten und mithilfe allerlei unternehmerischer, technischer und politischer Innovationen grundlegend verändert. Der nächste Schritt ist bereits in Planung: Industrie 4.0 ist das designierte große Ding. Aber auch die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise ist 2007 über uns hereingebrochen. Dass dieses Wirtschaftssystem einer Gesellschaft schicksalhafte Entwicklungen beschert, ist inzwischen allen klar. Und irgendwie passt es auch ins Bild, dass in einem reichen Land wie der Bundesrepublik die oberen zehn Prozent der Bevölkerung über 60 Prozent des gesellschaftlich verfügbaren Vermögens besitzen, während die unteren 70 Prozent zusammengenommen gerade mal auf einen Anteil von ungefähr zehn Prozent kommen (nachzulesen im Internet, bei der Bundeszentrale für politische Bildung).

Industrie 4.0: Industrie 4.0 ist ein Projekt der deutschen Bundesregierung und stellt ein Leitbild für zukünftige Entwicklungen in der deutschen Industrie dar. Die Bezeichnung „Industrie 4.0“ soll zum Ausdruck bringen, dass nach den ersten drei industriellen Revolutionen (Mechanisierung, Massenfertigung, Digitalisierung) nun die vierte vor der Tür steht. Diese wird gekennzeichnet sein durch den Zuschnitt der einzelnen Produkte auf die individuellen Wünsche und Vorstellungen des Konsumenten – und zwar unter den Bedingungen einer hoch flexibilisierten Großproduktion. Dazu gehört auch die weitgehende Integration von Kunden und Geschäftspartnern in Produktionsprozesse.

 

Der neue Geist des Kapitalismus

Man mag das interpretieren, wie man will, schwerlich kommt man jedoch um die Feststellung herum, dass der Kapitalismus heute, allen Widrigkeiten zum Trotz, fester in unserem Alltag und den Vorstellungen von Normalität verankert ist als je zuvor. Die französischen Autoren Luc Boltanski und Eve Chiapello analysieren in ihrem Bestseller Der neue Geist des Kapitalismus die Transformation des Nachkriegskapitalismus der letzten 40 Jahre hin zu dem, was man heute den flexiblen Kapitalismus nennt. Unter dem „neuen Geist“ verstehen die Autoren eine Art Legitimationsideologie, auf die der Kapitalismus gerade deshalb angewiesen ist, weil er aus guten Gründen als ein prinzipiell absurdes System bezeichnet werden kann. Der „stumme Zwang der Verhältnisse“ (Marx) allein reiche nicht aus, um die Legitimität des Kapitalismus zu garantieren. Entscheidend sei vielmehr die Ebene der symbolischen Ordnung, also der Kultur. Hier wird über die Quellen der Begeisterung, individuelle Sicherheitsversprechen und die Teilhabe am Allgemeinwohl entschieden. Stand bei Max Weber der Kapitalismus noch für zentralisierte und durchbürokratisierte Unternehmen, also gewissermaßen für Unfreiheit, steht der neue Geist des Kapitalismus für das Gegenteil. Sein Credo ist die Emanzipation von überkommenen Formen des Lebens, Arbeitens und Lernens. Laut Boltanski/Chiapello ist der neue kapitalistische Geist eine Erfindung des Managements. In die Welt kam er, indem neue Konzepte zur Organisationsgestaltung und Personalplanung entwickelt und implementiert wurden. Das Resultat war, dass die Organisation von Unternehmen – und damit auch die Beschäftigungsverhältnisse und Karrierewege – in den vergangenen 40 Jahren auf neue Füße gestellt wurde. Begleitet wurde diese Transformation mit der Etablierung neuer Kulturmuster. Der neue Geist, gewissermaßen unser Zeitgeist, wird mit Flexibilität, Kreativität, Mobilität und Eigenverantwortung buchstabiert; Aktivität und Belastbarkeit sind die zentralen Anforderungen, Autonomie und Authentizität die lockenden Versprechen. Aber damit nicht genug: Die Autoren sind der Meinung, dass die genannten Schlüssel- und Reizwörter zu neuen Wahrnehmungs- und Beurteilungsmustern werden, die auf die verschiedensten Bereiche einer Gesellschaft übertragbar sind.

 

Selbstverwirklichung und Ausbeutung

Stellt man dem Zeitgeist die Frage, worin die Verheißung des gegenwärtigen Kapitalismus liegt, dann wird man ungefähr folgende Antwort erhalten: Wer aktiv ist, wer sich mit jeder Facette der Persönlichkeit einbringt, wer auch außerhalb der Arbeit Engagement zeigt und Netzwerke bildet, wer bereit ist, biografisch und beruflich flexibel zu bleiben und sich nicht scheut, die Richtung der eigenen Entwicklung notfalls zu korrigieren, wer das lebenslange Lernen ernst nimmt, wer sich nicht an starren Berufsbildern festklammert und statt dessen den Ausbau der eigenen Employability vorantreibt, der macht alles richtig. Dessen Bemühungen werden mit beruflichem Erfolg, Verwirklichung der eigenen Ziele, authentischer Entwicklung der Persönlichkeit und gesellschaftlicher Wertschätzung belohnt. Der hat sich selbst verwirklicht.

Nach dem bisher Gesagten sollte die Romanze mit dem „neuen“ Kapitalismus zu einem Happy End führen. Doch wo liegen die Fallstricke? Ein Fallstrick wäre, dass das Ideal der Selbstverwirklichung heute zur sozialen Norm geworden ist – du musst dich selbst verwirklichen! Die Selbstverwirklichung vollzieht sich – wie sollte es anders sein – im Beruf, der als Berufung die innerste Leidenschaft des Arbeitnehmers widerspiegeln soll. In der Wettbewerbsgesellschaft unserer Tage führt diese Norm immer häufiger zu unangenehmen Nebenfolgen. Diesbezüglich ließen sich beispielsweise das Burn-out-Syndrom und andere Erschöpfungserscheinungen als zeitgemäße Leiden an der Gesellschaft interpretieren. Der New Yorker Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger, gewissermaßen der Erfinder der Burn-out-Diagnose, hob in seinen Fallbeschreibungen die Erwartungsenttäuschung als entscheidende Komponente hervor. Burn-out ist demnach nicht einfach nur eine Überlastungserscheinung. Vielmehr wird Arbeit, die im Zeichen eines hohen Ideals steht, dann gefährlich, wenn sie sich trotz gesteigertem Aufwand nicht in ihrer idealisierten Form realisiert. Vielleicht ist die Selbstverwirklichung in der Arbeit eine durchaus gefährliche Angelegenheit.

Mit der Arbeits- und Industriesoziologie lassen sich solche Überlegungen stützen. Die Subjektivität des Arbeitnehmers gilt heute als wichtiger Produktionsfaktor. Wissen, Kreativität und Problemlösungskompetenz sind zentrale Ressourcen – egal ob beim Facharbeiter oder Werbetexter. Wenn voller Einsatz erwartet wird und wir mit Haut und Haaren in die Wertschöpfungsketten eingebaut sind, lässt sich das auch als zeitgemäßer Ausbeutungsmechanismus festmachen – ‚Social Fracking’ könnte man das nennen. Hinzu tritt, dass die mit der neuen Arbeitswelt verbundenen Anforderungen (Flexibilität, Kreativität, Mobilität, Eigenverantwortung) mit einem erhöhten Koordinationsbedarf außerhalb der Arbeit einhergehen. Arbeit und Leben müssen miteinander in Einklang gebracht werden. Nicht nur die Arbeitskraft, auch die Lebenskraft sind in diesem Sinn wichtige Güter, die reproduziert werden müssen. Der Soziologe Ulrich Beck hat unter dem Stichwort Individualisierung sehr prominent auf die Ambivalenzen solcher Entwicklungen hingewiesen. Seiner Meinung nach ist die Sicherung der privaten Existenz immer offensichtlicher von Verhältnissen abhängig, die sich unserem Zugriff fast vollständig entziehen. Das lässt auch Selbstverwirklichung in und durch Erwerbsarbeit zu einem prekären Vorhaben werden. Und das, obwohl unsere Zeit und unsere Kultur im Zeichen der Eigenverantwortung und Selbstbehauptung stehen.

 

Was tun?

Kann man oder muss man sogar das Thema Selbstverwirklichung aus den Klammern der kapitalistischen Vereinnahmung lösen? Wie könnte das aussehen? Wer sollte das tun? Auf die Politik sollte man hier nicht allzu viel Hoffnung setzen. Auch ist das Bild der richtigen Stellschrauben, an denen man nur drehen müsse, nicht richtig. Kultur ist ein komplexes Thema, die Möglichkeit ihrer Beeinflussung beziehungsweise Veränderung umstritten. Noch schwieriger dürfte das bei den Strukturen sein, die unsere kapitalistische Lebensform prägen. Was also kann man machen?

Harald Welzer, Soziologe und Sozialpsychologe aus Berlin, hat kürzlich die Stiftung FuturZwei gegründet, die das Ziel verfolgt, Geschichten über alternative Formen der Lebensgestaltung zu sammeln. Denn etwas anders machen zu wollen, setzt voraus, eine Idee zu haben, wie man etwas anders machen kann. Genau davon handeln diese Geschichten, von kleinen Beiträgen zum allmählichen Umdenken.

Man kann es aber auch ganz anders machen. Im Künstlermilieu ist bekanntlich die Avantgarde zu Hause. Von dort ist ein Motto bekannt, das vielleicht weiterhilft: Selbstverwirklichung ist das Ideal von Vollidioten.

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Ralf M. Damitz studierte Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie. Er ist Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten und lebt in Kassel.

Dieser Artikel ist erstmals in agora42 1/2015 Ups & Downs erschienen. In dieser Ausgabe finden Sie weitere Artikel zu diesem Thema.

Der Kapitalismus ist eine Fiktion – Interview mit Sarah Mewes

Anlässlich der aktuellen Ausgabe zum Thema “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir ausgewählte Personen um Antworten auf die zentralen Fragen des Heftes gebeten. Hier die Antworten von Sarah Mewes.

 

Der Kapitalismus ist eine Fiktion – Interview mit Sarah Mewes

1. Welchen Aspekt des Kapitalismus finden Sie am interessantesten und am ehesten zu bedenken?

Sarah Mewes

Sarah Mewes: Ich bin 26 Jahre alt und studiere im Master Ökonomie an der Cusanus Hochschule. Als sechszehnjährige Schülerin, verließ ich zum ersten mal für einen einjähriger Schüleraustausch in Argentinien, den europäischen Kontinent. Nach dem Abitur verbrachte ich ein weiteres Jahr in Lateinamerika. In diesen Jahren entwickelten sich die Fragen, welche mich dazu brachten Wirtschaft zu studieren. Aufgrund der anderen Lebensrealitäten, denen ich in Südamerika begegnete, die oft stark von wirtschaftlichen Aspekten dominiert waren, fragte ich mich, was Wirtschaft ist, was sie sein sollte und wie man sie menschenwürdiger und umweltfreundlicher gestalten könnte. In meinem Bachelorstudium VWL und Philosophie fand ich darauf keine Antworten und begann im Arbeitskreis „Plurale Ökonomik“ Ringvorlesungen zu organisieren, um mich wenigstens am Rande mit diesen Fragen beschäftigen zu können. Erst das Masterstudium an der Cusanus Hochschule hat mir dann die Möglichkeit eröffnet eigenen Fragen an Wirtschaft nachgehen zu können.

Schwierig zu sagen, weil es „den Kapitalismus“ ja gar nicht gibt. Der Begriff „Kapitalismus“ wird ja für alles und nichts verwendet. Mal ist er Ausdruck für Marktwirtschaft, schrankenlosen Wettbewerb und Privateigentum an Produktionsmitteln, mal beschreibt er eine Form der Kapitalakkumulation, eine bestimmte Rationalitätsform, die Praxis der Gewinnmaximierung, die Ausschaltung der Demokratie durch die Wirtschaft oder wiederum die Wirtschaftsform welche Demokratie erst ermöglicht hat. Er wird dualistisch als Gegenbild von Planwirtschaft gesehen oder als politischer Kampfbegriff gegen ausbeuterische Wirtschaftsstrukturen. Je nach Interpretation, erscheinen dabei unterschiedliche interessante Aspekte.

Wenn man den Begriff unter der Brille eines Strebens nach Gewinnmaximierung betrachtet, erscheint mir das dahinterstehende Menschenbild als ein interessanter Aspekt. Es wird oft mit dem sogenannten „Homo Oeconomicus“ in Verbindung gesetzt, der als autonomes Individuum in der Welt steht und lediglich seinen individuellen Nutzen maximiert. Der daraus resultierende fehlende Blick für die menschliche Einbettung in eine Sozialstruktur und damit auch eine Verantwortung für selbige, erscheinen mir ein problematischer Aspekt zu sein, den dieses Bild von Kapitalismus in die Welt setzt. Da Theorien nie nur abstrakt bleiben, sondern handlungsleitend wirken und performativ Welt gestalten, kann ein solches Menschenbild verheerende Auswirkungen haben. Wenn sich jeder nur für sein eigenes Wohl verantwortlich fühlt, kann das – entgegen der Annahme Adam Smiths, der unsichtbaren Hand – zu einer Kollision des Sozialwesens führen, wie wir es gerade im Niedergang unseres Sozialstaats beobachten können.

 

2. Warum konnten sich die Menschen so schnell und unbemerkt für das kapitalistische Denken begeistern? Entspricht der Kapitalismus unserer Natur?

Wie kommt die Aussage zustande, dass sich Menschen schnell und unbemerkt für das kapitalistische Denken begeistert hätten? Wenn ich in die Geschichte zurückblicke drängt sich mir dieses Bild nicht gerade auf.

Man denke nur daran, dass sich im Mittelalter zunächst nur in den italienischen Stadtstaaten aktive Geld- und Kapitalvermehrung betrieben wurde, Beispiel erster kapitalistischer Hochburgen betrachtet wird. Das war weiß Gott keine Massenbewegung. Auch von Seiten der Kirche und darüber in nahezu der gesamten Gesellschaft wurde die Praxis der Zinsnahme und das weltliche Gewinnstreben ja lange Zeit verpönt. Begeisterung sieht meines Erachtens anders aus. Dass sich eine auf Kapitalakkumulation beruhende Wirtschaftsweise dennoch durchgesetzt hat, wird vermutlich zu einem großen Teil im Zusammenhang mit begünstigenden Machtverhältnissen stehen. Gewiss ist dabei auch eine gewisse Pfadabhängigkeit mit im Spiel. Allerdings zeigt ja auch schon ein Blick auf die unterschiedlichen Wirtschaftsweisen, die als Kapitalismus bezeichnet werden, dass Menschen auf sehr verschiedene Arten des wirtschaften – diese Einsicht bestätigt sich erst recht, wenn wir es wagen unseren Eurozentrismus hinter uns zu lassen und einen Blick über unsere westliche Welt hinaus zu wagen. Nur weil wir es in den letzten Jahrhunderten durch verschiedenste Kolonialisierungspraktiken geschafft haben, viele andere Kulturen erfolgreich zu zerstören und es heute ein mächtiges globales Wirtschaftssystem gibt, das weltweit Menschen seine Sachzwanglogik aufdrückt, hat das noch lange nichts damit zu tun, das es der menschlichen Natur entspricht – es entspricht vielmehr aktuellen globalen Machtverhältnissen. Die menschliche Natur zeichnet sich dagegen dadurch aus, dass sie offen ist, d.h. ihre Praktiken nicht festgeschrieben sind und Menschen sie anpassen, überdenken und ändern können.

 

3. In unserer aktuellen Ausgabe liegt der Kapitalismus auf der Couch. Er ist ausgebrannt, kaum jemand glaubt noch ernsthaft an ihn, immer häufiger fragt man sich “wozu”, Krisenstimmung macht sich breit. Ist die Blütezeit des Kapitalismus vorüber? Und wie geht es weiter?

Die Perspektive einer allgemein verbreiteten Krisenstimmung kann ich nicht mittragen. Vielmehr sehe ich zwei gewissermaßen gegenläufige Entwicklungen: auf der einen Seite ist die herrschende finanzkapitalistische Weltwirtschaftsordnung so stark wie noch nie – man bedenke nur, dass die letzte Finanzkrise zugleich die erste in der Geschichte war, in der keiner der Verantwortlichen für sein Handeln juristisch belangt worden ist. Da macht es eher den Eindruck, als hätte sich der globale Finanzkapitalismus so eine feste Burg gebaut, dass nicht einmal seine eigene Krise ihn mehr erschüttern kann. Allerdings glaube ich weder, dass „der Kapitalismus“ Burgen baut, noch, dass er müde ist. Der Kapitalismus ist keine Person die auf der Couch liegt. Es ist eine gesellschaftliche Fiktion, die wir alle in unserem alltäglichen Handeln reproduzieren… und momentan sind viele Menschen sehr erfolgreich damit.

Wenn jemand müde ist, müssen wir das sein – die Menschen und das ist die andere Seite der Medaille. Verschiedenste Krisenphänomene, welche, das menschliche Dasein existenziell bedrohen und seine aktuelle Lebens- und Wirtschaftsweise infrage stellen, bringen Menschen immer mehr zum Nachdenken, wie er sein Handeln ändern könnte, um auf nachhaltige Weise zu einem guten Leben für Mensch und Umwelt beizutragen.

Eine Perspektive darauf könnte sein, dass weltweite Beschleunigungsprozesse und das endlose Streben nach „mehr“, nicht nur die Umwelt zerstört, sondern auch viele Menschen ermüdet haben. Sie stehen vor einer Sinnkrise, fragen sich, was das alles soll. Das Leben erscheint als Hamsterrad, in dem sie nach etwas Streben, was sie weder wollen, noch sie glücklich macht. Ein Attest was daraus häufig folgt ist Burnout. Heute können wir verschiedenste Gegenbewegungen dazu beobachten. Einerseits gibt es Menschen, die für völlig aussteigen und ihr Leben ändern, auf der anderen Seite versuchen aber auch Unternehmen sich zu ändern und mehr dem Sinnbedürfnis der Menschen anzupassen und ihnen ein Umfeld zu bieten, in dem solche Krisen nicht auftauchen. Ob sie damit auch Verantwortung für die anderen Problematiken, wie dem Umweltwandel übernehmen, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Ich denke, dass diese Entwicklung weitergehen wird. Menschen werden aussteigen und aus der Erfahrung von Problematiken andere Formen des Wirtschaftens und des Zusammenlebens entwickeln, andererseits werden Unternehmen versuchen sich anzupassen – ob sie dabei Greenwashing betreiben oder authentische Verantwortung übernehmen und anderes Wirtschaften möglich machen wollen steht letzten Endes auch im Zusammenhang damit, was wir fordern – politisch und persönlich.

 

4. Ist eine nachhaltige Entwicklung im Kapitalismus denkbar?

Das kommt stark darauf an, was man einerseits unter Kapitalismus versteht und wie man andererseits Nachhaltigkeit interpretiert. Wenn nachhaltige Entwicklung in einem sozial- ökologischen Wandel besteht, der sich dadurch auszeichnet, dass nutzenmaximierendes Handeln zugunsten des Gemeinwohls aufgegeben und Privateigentum zugunsten von Umweltbewahrung weitgehend aufgehoben wird, bräuchte es schon einen ziemlich weiten Begriff von Kapitalismus, damit das daraus erwachsende System damit noch gefasst würde. Wenn nachhaltige Entwicklung allerdings damit einherginge, dass Unternehmen sich zunehmend ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden und diese aktiv in Bezug auf einen Erhalt von Umwelt und Gesellschaft wahrnehmen, wäre es vielleicht eher möglich, den Begriff des Kapitalismus weiter zu verwenden – auch wenn der Homo Oeconomicus dann rausfallen würde. Ich glaube, dass das System letztendlich aus den Menschen besteht die darin agieren, und diese legen fest, wie es konkret ausgestaltet ist. Gegenwärtig sehe ich beide Entwicklungen – den Entwurf einer völlig neuen Wirtschaftsweise unter anderen Arbeits- und Eigentumsbedingungen, sowie den Versuch in alten Strukturen verantwortungsvoll zu handeln, um nachhaltige Entwicklung voran zu treiben. Ich denke eine nachhaltige Entwicklung braucht beides: ein Bewusstsein für die Strukturen, die nicht immer wieder verheerende Auswirkungen haben, wie Kapitalmarktblasen, sowie aber auch eine individuelle Verantwortungsübernahme für das jeweilige Handeln. Ein System kann keine Verantwortung übernehmen, das kann nur der Mensch und bestenfalls strukturiert er dabei das System so, dass es ihm dies auch ermöglicht.

Das Risiko ist größer geworden – Interview mit Torsten Hinrichs

Dieses Interview ist erstmals in agora42 5/2011 Risiko erschienen.

 

Das Risiko ist größer geworden

Interview mit Torsten Hinrichs in 2011

 

 

Herr Hinrichs, wie definieren Sie Risiko?

Torsten Hinrichs

Torsten Hinrichs ist CEO von Scope Group/Scope Ratings AG. Bis 2014 war er Niederlassungsleiter von Standard & Poor’s Credit Market Services Europe Ltd. (Niederlassung Deutschland) und Geschäftsführer der McGraw-Hill (Germany) GmbH in Frankfurt mit Verantwortung für den deutschsprachigen Raum, Nord- und Osteuropa sowie in den Emerging Markets. Hinrichs hält einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften als Dipl. Kaufmann der Universität Hamburg.

Risiko ist das Eintreten unerwarteter Ereignisse. Das würde ich gar nicht unbedingt auf das Eintreten negativer unerwarteter Ereignisse beschränken wollen, denn auch beim Eintreten positiver unerwarteter Ereignisse entsteht Unsicherheit. Risiko und Unsicherheit sind Begriffe, die stark miteinander korrelieren.

 

Was ist eigentlich ein Rating und was kann es leisten?

Die Standarddefinition lautet: Ein Rating ist eine Meinungsäußerung über die Bonität eines Schuldners, das heißt über die zukünftige Fähigkeit und Bereitschaft eines Kreditnehmers, seine Verbindlichkeiten vollständig und pünktlich zu bedienen. Was leistet ein Rating? An den globalen Kapitalmärkten beobachten wir in zunehmendem Maße – und je mehr Kapital wir in der Globalisierung sehen, desto mehr trifft dies zu – eine Informationsasymmetrie. Das heißt, diejenigen, die Geld an den Kapitalmärkten aufnehmen (die Emittenten), wissen sehr genau über ihre eigene Bonität Bescheid, wohingegen die Anleger, die Investoren, die die Anleihen kaufen sollen, über ein relativ geringes Wissen verfügen. Ratings haben – im großen Kontext betrachtet – auch die Aufgabe, diese Informationsasymmetrie auszugleichen und dazu beizutragen, dass die Anleger eine qualifiziertere Anlageentscheidung treffen können.

 

Im Zusammenhang mit Ratings fällt häufig der Begriff „Basisszenario“. Was ist unter einem Basisszenario zu verstehen?

Dies lässt sich gut am Beispiel der Analyse von Verbriefungen erläutern: Verbriefungsratings sind rein quantitative, mathematisch-statistische Analysen, in denen der Pool von Forderungen, die zur Verbriefung anstehen, und die Fähigkeit dieses Pools, in der Zukunft Erträge zu generieren, analysiert werden. Um ein solches Basisszenario erstellen zu können, müssen Annahmen zur zukünftigen makroökonomischen Situation getroffen werden, das heißt zum Beispiel zur Höhe der Arbeitslosigkeit oder zum Stand der Häuserpreise in den USA. Ausgehend von diesen Annahmen entwickeln wir schließlich ein Basisszenario, das heißt wir gehen von einem Wirtschaftswachstum von x aus, von einer Arbeitslosigkeit von y, von einem Verhalten der Schuldner in diesem Pool, das ähnlich oder anders ist, als es in der Vergangenheit war und so weiter und so fort. Vereinfacht ausgedrückt, prognostizieren wir anhand solcher Szenarien zukünftige Cashflows und erstellen auf Basis dieser Cashflows das Rating für die Verbriefungen. Nun ist es aber völlig normal, dass andere Marktteilnehmer andere Annahmen haben: optimistischere oder auch weniger optimistische. Diese Annahmen, die – bildlich gesprochen – links und rechts von unserem Basisszenario liegen, analysieren wir eben- falls, wir erstellen sogenannte What-if-Szenarien, das heißt wir teilen den Anlegern mit, welche Ratings wir unter einer optimistischeren oder weniger optimistischen Annahme vergeben würden.

Verbriefung: Unter einer Verbriefung versteht man die Umwandlung nicht handelbarer Forderungen in handelbare Wertpapiere. Eine Forderung ist der Anspruch eines Kreditgebers (Gläubigers) auf eine Geldzahlung. Dieser Anspruch erwächst daraus, dass beispielsweise Waren geliefert, bestimmte Leistungen erbracht oder Kredite vergeben wurden. Wenn verschiedene Forderungen zusammengelegt werden, nennt man das einen Pool. Dieser Pool wird verbrieft, das heißt in ein Wertpapier umgewandelt, das am Kapitalmarkt gehandelt werden kann. Die Verbriefung bietet beispielsweise Banken die Möglichkeit, ihre Forderungen auf Dritte zu übertragen (mit anderen Worten: ihre Risiken auszulagern) und dadurch ihren Spielraum bei der Vergabe von Krediten zu erweitern.

 

Wir werden mit immer extremeren Ereignissen auf den Märkten konfrontiert. So war es bis vor kurzem unvorstellbar, dass die vier größten Investmentbanken der Welt auf einen Schlag verschwinden könnten, dass Großteile des Bankensystems verstaatlicht werden oder dass wir über den Bankrott hoch entwickelter Eurostaaten diskutieren. Wie lässt sich angesichts dieser Risiken eigentlich noch ein längerfristiges Szenario durchspielen und folglich ein längerfristiges Rating abgeben?

Das ist durchaus schwieriger geworden. Ratings sollen ja über einen Konjunkturzyklus hinweg – wenn er denn so verläuft, wie prognostiziert – stabil bleiben. Konjunkturzyklen unterscheiden sich von Branche zu Branche. Deshalb sind die Ratings in der Automobilbranche nicht so langfristig ausgelegt wie in der Nahrungsmittelbranche. Nun sind erstens die Konjunkturzyklen kürzer geworden. Zweitens hat sich der Markt insgesamt deutlich volatiler entwickelt und dementsprechend ist auch die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass es zu extremen Ereignissen kommt. Mit anderen Worten: Das Risiko ist größer geworden. Gerade deswegen ist der Forward-Looking-Aspekt wichtiger und die Relevanz unserer Ratings größer geworden.

Volatilität: In Bezug auf Wertpapiere wie Aktien oder Anleihen bezeichnet Volatilität (von lateinisch volatilis: fliegend, flüchtig) ein Maß für das Kursrisiko. Je höher die Volatilität eines Wertpapiers ist, umso größeren Schwankungen ist sein Kurs unterworfen. Wenn der Begriff Volatilität auf dem Markt als ganzen angewendet wird, ist damit nicht nur die Bandbreite der Schwankungen von Wertpapierkursen, sondern von allen auf dem Markt befindlichen Finanzparametern (beispielsweise auch Rohstoffpreisen oder Zinssätzen) gemeint.

 

Kann man in der heutigen gesamtwirtschaftlichen Situation – die US-Wirtschaft liegt am Boden, Europa wird von einer Staatsschuldenkrise heimgesucht, eine neue Weltwirtschaftskrise wird immer wahrscheinlicher – überhaupt noch ein besseres Rating als A rechtfertigen?

Eine interessante Frage, die mich dazu verleitet, wieder auf die Definition von Ratings zurückzukommen. Vorhin habe ich gesagt, Ratings sind Meinungen zur zukünftigen Zahlungsfähigkeit eines Schuldners. Jetzt gehe ich noch einen Schritt weiter und sage, Ratings sind relative Rangreihungen von Zahlungsfähigkeit. Relative Rangreihung bedeutet: Höhere Ratings fallen seltener aus als niedrigere und sie fallen später aus als niedrigere. Das heißt Ratings sind keine absoluten Prognosen über die Ausfallwahrscheinlichkeit einer Verbindlichkeit, sondern sind in Relation zu anderen Ratings zu sehen. Das heißt die Bewertung BBB bedeutet nicht, dass mit ihr für alle Zeit eine Ausfallwahrscheinlichkeit von fünf Prozent in einem Fünf-Jahres-Horizont verbunden ist. Vielmehr sagen wir, in Relation zu anderen Ratings – gewissermaßen zur Peergroup – lautet die Bewertung: BBB. Im Nachhinein lässt sich durch die Beobachtungen, die man über die vergangenen Jahre gemacht hat, jeder Ratingklasse statistisch eine beobachtete Ausfallwahrscheinlichkeit zuordnen. Das ist ein entscheidender Punkt, denn viele Missverständnisse entstehen dadurch, dass fälschlicherweise angenommen wird, Ratings prognostizierten Ausfallwahrscheinlichkeiten.

Diese Relationen haben immer Bestand und deswegen kann man auch in Zeiten ökonomischer Unsicherheit durchaus AAA-Ratings vertreten. Aber dann ist mit AAA eben – wir müssen das in fünf oder zehn Jahren bewerten – eventuell eine etwas höhere Ausfallwahrscheinlichkeit verbunden, als dies in den Jahren zuvor der Fall war. Das ist aber ganz normal. Wir beobachten in Abhängigkeit von der Konjunktur durchaus leichte Schwankungen in Bezug auf Ausfallwahrscheinlichkeiten. Einmal ist das Risiko von Ausfällen generell etwas höher, dann ist es wieder niedriger.

 

Könnte man – um dies bildlich zu fassen – sagen, dass der Markt in rauere See gekommen ist, und dass es folglich schwieriger geworden ist als noch vor zehn, zwanzig Jahren, sich an bestimmten Punkten zu orientieren?

Ich denke, so kann man das sagen. Die Zyklen, die gewissermaßen den Rahmen bilden, in denen die wirtschaftlichen Entwicklungen stattfinden, sind deutlich kürzer geworden.

 

Torsten Hinrichs Interview

 

Sie haben Risiko als das Eintreten unerwarteter Ereignisse definiert. Wenn aber Ereignisse nicht zu erwarten sind – im Gegensatz etwa zum Roulettespiel, wo das Ereignis rot mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit erwartbar ist –, ist dann Risiko überhaupt kalkulierbar? Oder sind wir dem Risiko ausgeliefert?

Diese Frage unterstellt, dass Ratings eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit zukünftiger (Kredit-)Ereignisse treffen und charakterisieren auf anschauliche Weise die Problematik in der öffentlichen Wahrnehmung von Ratings. Standard & Poor’s Ratings sind, wie gesagt, relative Rangreihungen von Bonität. Hohe Ratings weisen seltener Zahlungsstörungen auf als niedrige und sollte dies doch der Fall sein, treten die Probleme später ein, als es bei niedrigen Ratings der Fall ist. Eine sinnvolle Nutzung von Ratings bedingt immer das Studium der kompletten Analyse, eine Auseinandersetzung mit den Annahmen, die unsere Analysten zu zukünftigen Entwicklungen treffen und mündet dann in einer eigenen Einschätzung zur Bonität in Relation zu alternativen Investmentmöglichkeiten.

 

Ratingagenturen wird oft vorgeworfen, dass ihre Bewertungen Schaden anrichten. Ihre Antwort auf diese Vor- würfe lautet, dass Sie den Investoren lediglich eine zusätzliche unabhängige Meinung an die Hand geben wollen. Aber sind Sie da nicht in einer Zwickmühle? Auf der einen Seite muss Ihre Meinung eine Relevanz haben, weil Sie als Unternehmen auf Aufträge angewiesen sind. Wenn aber auf der anderen Seite die Relevanz Ihrer Ratings so enorm ist wie derzeit, dann wird die Meinung nicht mehr als Meinung empfunden, sondern bekommt eher den Charakter eines Urteilsspruchs, mit der Folge, dass Sie massiv in die Kritik geraten. Sehen Sie eine Lösung, wie Sie aus dieser Zwickmühle herauskommen können?

Zunächst einmal kommt die heutige Bedeutung von Ratings ja nicht von ungefähr. Zum einen hat Standard & Poor’s mit seinen Ratings über die letzten Jahrzehnte hinweg – Ratings in der heutigen Form machen wir seit den 1960er Jahren – ganz überwiegend richtig gelegen. Das lässt sich statistisch nachweisen. Diese hohe Treffgenauigkeit der Ratings ist ein Grund, warum Ratings heute diese Bedeutung für den Markt erlangt haben. Zum anderen beruht unser Geschäftsmodell auf Unabhängigkeit. Das wird heute – manchmal schmerzlich – gerade den Politikern bewusst. Unsere Meinungen sind unbeeinflusst von Emittenteninteressen, Investoreninteressen oder von politischen Interessen.

Im Zusammenhang mit der fortschreitenden Globalisierung der Kapitalmärkte haben Ratings dann jedoch Einzug in Regelwerke gefunden, wie zum Beispiel in Basel II. Sie wurden herangezogen zur Eigenkapitalbemessung von Banken und als Anlagekriterien für Investoren. Dieser Trend, dass Ratings in Regelwerke Einzug gehalten haben, ist nicht in unserem Interesse. Denn in dem Maße, in dem Ratings in hoheitliche Aufgaben eingebunden und zur Regulierung herangezogen werden, wird unsere unabhängige Meinungsäußerung in gewisser Hinsicht einschränkt oder ist zumindest in der Gefahr, eingeschränkt zu werden. Genau das sehen wir heute. Somit sehe ich einen Lösungsansatz darin, Ratings aus diesen Regelwerken wieder herauszunehmen und als das zu betrachten, was sie eigentlich sind, nämlich unsere Meinung zur Bonität.

 

Die Europäer spielen mit dem Gedanken, eine eigene Ratingagentur zu gründen. Was würde das bringen? Würde diese Agentur zu anderen Ergebnissen kommen? Bislang haben sich überdies die Marktteilnehmer überwiegend an die Bewertungen der großen drei Agenturen gehalten. Angenommen, es würde eine Vielzahl von Ratingagenturen geben, ginge dann nicht auch die orientierende Funktion der Ratings verloren? Und damit der Sinn des Ratings überhaupt?

Es gibt da mehrere Aspekte zu berücksichtigen: Zum einen kann Wettbewerb auch am Markt für Ratings durchaus hilfreich sein. Er könnte dazu führen, dass die Investoren aufgrund unterschiedlicher Geschäftsmodelle und unterschiedlicher analytischer Methodik eine größere Bandbreite von Meinungen angeboten bekämen, an denen sie sich orientieren könnten. Insofern könnte eine größere Meinungsvielfalt am Markt entstehen. Im Augenblick sind die Methoden der drei großen Agenturen zwar nicht identisch und auch in Bezug auf die Ratingaussage gibt es Unterschiede, aber insgesamt liegen sie schon relativ nahe beieinander.

Wichtig ist, dass eine neue Agentur erst einmal ihre Unabhängigkeit beweist. So müsste gerade eine neue europäische Agentur erst einmal den Nachweis erbringen, dass sie von der europäischen Politik unabhängig ist. Außerdem müssten, um einen funktionieren- den Markt sicherzustellen, alle Agenturen auf Augenhöhe miteinander konkurrieren. Das heißt, die gleichen Rechtsvorschriften müssen auch für neue Agenturen gelten. Das schränkt den Wettbewerb sehr stark ein. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass sich in den letzten Jahrzehnten ein Qualitätsstandard von Ratings entwickelt hat. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass Standard & Poor’s wie auch Moody’s oder Fitch häufig zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Über lange Zeit hinweg hat sich offensichtlich eine gut funktionierende Art herauskristallisiert, wie Risiken zu beurteilen sind. Ich meine selbstverständlich nur Bonitätsrisiken. Wenn es in den letzten 150 Jahren bessere Methoden gegeben hätte, dann hätten die sich durchgesetzt. Es fällt mir also schwer zu glauben, dass es methodisch große Alternativen gibt. Überdies ist es viel- leicht gar nicht so wünschenswert, mit einer atomisierten Konkurrenzstruktur an den Markt zu kommen. Um die Unabhängigkeit und die analytische Qualität zu wahren, ist es in gewissen Märkten vielleicht erforderlich, dass es nur wenige Wettbewerber gibt. Das ist ein Gedankengang, der zum Beispiel auch vom Finanzmarktökonomen Jan-Pieter Krahnen vehement vertreten wird.

 

Sie haben das Rating als „vergleichende Kunst“ bezeichnet. Nun verbindet man ein Rating eher mit Wahrscheinlichkeitsrechnung auf der einen und Wirtschaftswissenschaft auf der anderen Seite. Wenn es sich aber um eine Kunst handelt, wie soll dann die nötige Objektivität gewahrt werden können?

Die Objektivität wird zum einen dadurch gewahrt, dass unsere Ratingkriterien für jedermann einsehbar sind und weltweit konsistent angewendet werden. Zum anderen wird natürlich durch die Kriterien selbst für Objektivität gesorgt. Es gibt feste Vorgaben hinsichtlich der Frage, welche Aspekte der Analyst zu berücksichtigen hat und auf welche Gebiete er eingehen muss. Diese Vorgaben bilden das Gerüst, anhand dessen der Analyst seine Analyse durchführt und seinen Vorschlag schließlich dem Ratingkomitee unterbreitet. Das Rating als solches bestimmt nicht der einzelne Analyst, sondern immer das Komitee, in dem dieser Vorschlag diskutiert wird.

Wenn ich von vergleichender Kunst gesprochen habe, ziele ich darauf ab, dass es um mehr geht als um das bloße Ausfüllen von Formeln, um bloße Mathematik oder Statistik. Hierbei sollte man im Hinterkopf haben, dass Ratings vorwärtsblickende Meinungsäußerungen sind. Wir versuchen also aus dem, was wir heute sehen, auf die weitere Entwicklung zu schließen. Wie lassen sich die verschiedenen Informationen, die uns das Marktgeschehen liefert, miteinander in Beziehung setzen? Ratings sind also immer eine Mischung aus quantitativer Analyse, sprich Bilanzanalyse, und qualitativer Bewertung.

 

Wie groß ist dabei der subjektive Faktor? Angenommen, der Analyst, der sich eine ganze Zeit lang… – in diesem Zusammenhang: Wie lange dauert es circa, bis ein Rating erstellt ist?

Beim Erstrating eines Unternehmens rechnen wir mit vier bis acht Wochen, je nach Komplexität.

 

… der Analyst hat sich also intensiv mit der Materie befasst, tritt vor das Komitee und macht einen Ratingvorschlag. An der Stelle des Komitees würde ich mir sagen: „Der ist so tief in der Materie drin, den Vorschlag winke ich ab.“ Ist die Gefahr einer subjektiven Sichtweise also nicht dennoch gegeben?

Das würden Sie abwinken, weil Sie kein Fachmann in der bestimmten Branche sind. Stellen Sie sich das so vor: Ein Automobilanalyst, sagen wir einer meiner Frankfurter Kollegen, analysiert einen Kunden – zum Beispiel Volkswagen. Dann stellt dieser Analyst zusammen mit seinem Team dem Komitee seine Analyse zu Volkswagen vor und macht einen Ratingvorschlag. In diesem Komitee sind Personen versammelt, die Toyota, Honda, General Motors, Ford, Peugeot oder Daimler analysieren. Das heißt jene, die das Komitee bilden, sind ausgewiesene Fachleute in der gleichen Materie. Ich habe bewusst auch amerikanische und asiatische Firmen genannt, weil Ratings weltweit konsistent sein müssen. Diese einheitliche Grundlage schaffen wir dadurch, dass wir Ratingkomitees in einer bestimmten Form, nämlich analog zur Wettbewerbssituation unseres Kunden zusammenstellen, damit die Expertise im Komitee die Geschäftsbereiche und das Marktumfeld des Kunden widerspiegelt. Folglich ist der Ratinganalyst nicht mehr der alleinige Wissensträger in diesem Komitee. Im Gegenteil: Er trifft im Komitee auf ein kollektives Wissen, das deutlich größer ist als sein eigenes. Daraus entstehen sehr konstruktive und kritische Diskussionen.

 

In einer Ratingagentur vermutet man in erster Linie Statistiker und Mathematiker. Unternehmen sind jedoch auch von gesellschaftlichen Entwicklungen, Stimmungslagen und politischen Entscheidungen – beispielsweise der Vergabe von Subventionen – abhängig. Spielen auch Soziologen, Psychologen, Politologen oder vielleicht sogar Philosophen bei Standard & Poor’s eine Rolle?

Die Wahrheit liegt genau in der Mitte. Ja, wir haben einige wenige Finanzmathematiker, im Wesentlichen im Bereich des Versicherungsratings. Wir haben aber eigentlich keine reinen Mathematiker, es sei denn solche, die Modelle konstruieren, die bei strukturierten Finanzierungen angewendet werden. Es sind auch einige Ingenieure für uns tätig. Denn wenn Sie Infrastrukturmaßnahmen – beispielsweise Brücken, die auf Mautbasis finanziert werden – raten wollen, sollten Sie schon ein bisschen Ahnung von Technik haben. Aber die Ratingarbeit selbst machen in erster Linie Wirtschaftswissenschaftler – da gibt es kaum Philosophen.

 

Es wird immer unwahrscheinlicher, dass die Staatsverschuldung in Westeuropa, in den USA und in Japan noch beherrscht werden kann. In einer gesamtwirtschaftlich derart prekären Situation können Ratings von Staaten nicht besonders positiv ausfallen. Dennoch stehen die Ratingagenturen ob ihrer Bewertungen immer wieder in der Kritik, vor allem auch seitens der Politik. Wird hier ein Sündenbock gesucht?

Ein Grund für diese Kritik ist darin zu sehen, dass von vielen Politikern immer noch nicht gänzlich verstanden wird, worin die Aussagekraft von Ratings besteht, was also ein Rating leisten kann und was nicht. Unsere Aufgabe besteht darin, zukünftige Zahlungsfähigkeit zu beurteilen. Nicht mehr und nicht weniger.

Ein weiterer Grund liegt in der unabhängigen Natur von Ratingagenturen. Wir bei Standard & Poor’s äußern unsere Meinung, wenn wir der Überzeugung sind, dass sich Veränderungen ergeben haben, die ein anderes Rating erforderlich machen. Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass der Zeitpunkt dieser Meinungsäußerung der Politik nicht immer gelegen kommt oder dass man nicht erfreut ist, wenn sie der politisch gewollten Lösung – Stichpunkt Beteiligung des privaten Sektors – im Wege steht. Die Kritik ist in solchen Zeiten mit Sicherheit häufiger und auch etwas irrationaler als in normalen Zeiten. Aber deshalb werden wir nicht anders handeln oder unsere Maxime der Unabhängigkeit und der Objektivität antasten.

 

Torsten Hinrichs Zitat

 

Im Zuge der Abwertung von Staaten durch Ratingagenturen wurde vorgeschlagen, dass sich Staaten in Zukunft nicht mehr über den Kapitalmarkt finanzieren sollen, sondern über die Zentralbanken. Das würde letztlich nichts anderes bedeuten, als dass eine Zentralbank Geld druckt, wenn der Staat das gerade will. Hat nicht die Geschichte gezeigt, dass dies ein äußerst riskantes Vorgehen darstellt?

Das würde in der Tat eine fundamentale Änderung in der Praxis der Staatsfinanzierung bedeuten. Das politisch zu beurteilen, ist nicht unsere Aufgabe.

 

Im Zusammenhang mit möglichen Staatsinsolvenzen ist immer wieder von einem „teilweisen Zahlungsausfall“ die Rede. Was bedeutet das? Heißt das, dass von einem solchen Ausfall alle Gläubiger gleichermaßen betroffen sind oder sind manche stärker betroffen und manche weniger stark beziehungsweise gar nicht?

Ein teilweiser Ausfall – wir nennen das selective default – würde dann auftreten, wenn ein Staat entscheidet, manche Verbindlichkeiten zurückzuzahlen, andere aber nicht. Das heißt, es gibt für einen gewissen Zeitraum eine Zahlungsstörung und diese betrifft auch nicht alle Verbindlichkeiten des Staates. Und in dieser Unterscheidung, was gezahlt wird und was nicht, sehen wir den teilweisen Zahlungsausfall. Es würde sich auch des- wegen nur um einen teilweisen Ausfall handeln, weil ein Staat zwar insolvent sein kann, aber ja nicht einfach verschwindet. Wenn ein Industrieunternehmen insolvent ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es komplett vom Markt verschwindet, gegeben. Es wird aufgelöst, die Vermögenswerte werden verkauft.

Ein selective default eines Staates ist kein Zustand, der immer und ewig anhält, sondern nach historischer Erfahrung – wenn wir mal in die Lateinamerikakrise zurückgehen – ungefähr bis zu einem halben Jahr. Nach der Feststellung des selective defaults muss man sich dann Gedanken darüber machen, wie denn – etwa nach der Implementierung von Restrukturierungsmaßnahmen –, das neue Rating aussieht.

 

In den letzten Jahren ist die Unsicherheit auf den Märkten immer größer geworden. Wie lange wird diese Entwicklung noch anhalten? Oder wird sich die Situation sogar weiter zuspitzen?

Es ist unmöglich, hier einen bestimmten Zeitraum anzugeben. Ich würde mir wünschen, dass die Politik in der Zukunft europäisch abgestimmt wird und dass Maßnahmen klar formuliert und konsequent umgesetzt werden. Das ist etwas, was in den letzten 18 Monaten nicht der Fall war und eher zu einer Verstärkung der Probleme geführt hat. Wenn die Politik diese Grundsätze beherzigen würde, könnte die hohe Volatilität aus den Märkten herauskommen und die Spekulation eingedämmt werden. Wir wären dann auch wieder auf einem besseren Weg, um die Krise zu bewältigen.

 

Ist nun der Zeitpunkt erreicht, die Vereinigten Staaten von Europa zu gründen?

Ich glaube, dass wir durch diese Krise einer politischen Einheit in Europa über die Währung hinaus deutlich näher gekommen sind.

 

Stehen die Zeichen aber nicht eher auf Zusammenbruch der Eurozone?

Ich halte solche Spekulationen für völlig grundlos. Das Hauptproblem ist die hohe Verschuldung der Regierungen. Durch einen Austritt würde das Problem noch verschärft, weil davon auszugehen ist, dass die nationalen Währungen einem Abwertungsdruck ausgesetzt wären, die Schulden aber nach wie vor in Euro sind. Der Euro ist eine starke Währung, das sehen wir immer wieder am Vergleich mit dem US-Dollar. Und das ist auch die Hoffnung, die ich habe: dass nämlich die Krise aufgrund der Grundstärke des Euros zu bewältigen ist.

 

Herr Hinrichs, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

Dieses Interview ist in der agora42 5/2011 Risiko erschienen. Zur Zeit des Interviews war Torsten Hinrichs für die Ratingagentur Standard & Poor’s tätig. Die Geschichte von Standard & Poor’s reicht ins 19. Jahrhundert zurück, als das US-Eisenbahnnetz massiv ausgebaut wurde. Das erforderte Kredite, die die Banken nicht alleine schultern konnten. Industrieunternehmen begannen, Anleihen auszugeben, um an Geld zu kommen. 1868 veröffentlichte Henry Varnum Poor das „Manual of the Railroads of the United States“, in dem die Anleger Informationen über die Eisenbahngesellschaften erhielten. 1941 verschmolzen die Poor’s Publishing Company und die Standard Statistics Company zur Rating-Agentur Standard & Poor’s. Heute dominieren drei Agenturen den Markt: Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch. Standard & Poor’s (Sitz: New York) entwickelte unter anderem den S&P 500, einen der wichtigsten Aktienindizes weltweit.

 

 

Wohlstand oder Stolz. Endet der Kapitalismus?

Wohlstand oder Stolz. Endet der Kapitalismus?

von Birger Priddat

Birger Priddat

Birger Priddat ist Seniorprofessor für Wirtschaft und Philosophie an der privaten Universität Witten/Herdecke. Herr Priddat ist Mitherausgeber der agora42. Professor

‚Make America great again’? Amerika soll wieder groß gemacht werden, so dass alle stolz auf es sein können. Zugleich aber soll es auch wachsen, d.h. höheren Wohlstand erlangen. Was nun aber?

Wenn Trump seinen Protektionismus durchsetzt, bedeutet es, dass viele Güter teuer werden. Und ob die Staatssubventionen, die Trump vorhat, längerfristig Arbeitsplätze schaffen, ist ungewiss, zumal die digital revolution massiv weiterhin Arbeitsplätze einsparen wird. Es ist unklar, ob Trump überhaupt die digitale Transformation auf dem Schirm hat. So bleibt die Frage, ob man dafür, dass man auf sein Land wieder stolz sein kann, bereit ist, an Wohlstand einzubüßen.

Der Traum, dass alle Amerikaner wieder gut verdienen – wie in den 50iger und 60iger Jahren des vorherigen Jahrhunderts – wird der Ernüchterung weichen, dass der Wohlstand eher noch mehr sinken könnte. Ein paar alte Berg- und Stahlwerke werden, hochsubventioniert, aufgemöbelt, aber die Digitalisierung baut weiterhin mehr und mehr Arbeitsplätze ab. Nicht nur im ‚Rost Belt’. Und die großen Sharing-Konzerne (Uber, Airnb etc.) drücken die Löhne mehr und mehr, so dass die Leute trotz Beschäftigung ärmer werden.

Ob dann noch das Gefühl der Würde reicht? Möglichweise ja.

Wir haben es mit einem neuen Phänomen zu tun: in Russland verarmt die Bevölkerung massiv, aber alle glauben, dass Russland ein starker Staat sei, den viele andere fürchten. Auf den man deshalb stolz sein kann. In der Türkei schäumt ein Nationalismus hoch, der parallel mit einer wirtschaftlichen beginnenden Stagnation verläuft, vor allem aber mit einem Demokratieabbau einhergeht. Ähnlich in den arabischen Ländern, die durchweg nicht in der Lage sind, ihre Wirtschaftsgesellschaften zu entwickeln. Man wendet sich gegen den Westen, den man bewundert, dessen materiellen Wohlstand man aber verachtet und die eigene Würde – als Araber, als Muslime – hochhält. Der Dschihadismus ist die Extremform dieser Haltung: die Würde so hoch zu erachten, dass man lieber in Armut lebt und die westliche Kultur bekämpft. In Europa werden in England, Polen, Frankreich etc. die nationalen Stolzheiten hochgefahren. Auch in Deutschland haben wir Tendenzen, nationalistisch und völkisch zu denken: stolz auf Deutschland sein.

Der entscheidende Punkt ist nicht der Stolz – warum soll man den nicht haben, wenn man gleichzeitig deshalb nicht andere diskreditiert? -, sondern die damit verbundenen einseitigen wirtschaftlichen Maßnahmen, der Protektionismus und die Re-Nationalisierung, die den aus der Globalisierung gewonnenen Wohlstand zurückfallen lassen werden. Was mag das für Stolz sein, der darauf beruht, sein Land abzuschotten, um ‚unter sich’ zu bleiben? Eine Art von cocooning (wie es im Privatleben auch zunimmt).

Zitat PriddatSind wir ans Ende der Wohlfahrtsgesellschaft gelangt, gar ans Ende des Kapitalismus, den Adam Smith als Prinzip ‚to higher the comfort of life’ beschrieb? In den Lectures of Jurisprudence stellte Smith zur Wahl: virtues or wealth. Das Prinzip der neuen Politischen Ökonomie um 1776 lautete: weniger den Tugenden folgen, dafür materiell besser leben. Eben dieses Konzept scheint an sein Ende geraten zu sein, wenn man den Stolz bzw. die Würde höher veranschlagt als die wirtschaftliche Prosperität. Der Test für den Kapitalismus lautet: sind die Trump-Wähler gewillt, den vom Präsidenten geschürten Patriotismus höher zu schätzen als die Enttäuschung, die sie ereilen wird, wenn die Arbeitsplätze noch geringer werden (statt mehr)?

Möglicherweise geht der Kapitalismus zu Ende, jedenfalls der Kapitalismus, der Wohlstand-/ Wohlfahrt- und Zivilisationsentwicklung parallel laufen lassen konnte. Wenn wir zulassen, dass wir populistisch genährte autokratische Politiken bekommen, werden wir uns mit Ideologien begnügen müssen, bei sinkenden Einkommen. Wir werden ‚tugendhaft’ ärmer. Das aber ist eine Größe, an die man wahrscheinlich nicht dachte, als man ‚America great’ hoffte. Zur kulturellen Verarmung durch Ideologisierung kommt die wirtschaftliche durch protektionistische Verteuerung.

 

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Der Texte ist zuerst auf der Homepage von Herrn Priddat erschienene.