Blockchain & Bitcoin – was noch gesagt werden musste, Teil 3

Blockchain & Bitcoin

 Weiterentwicklung der Blockchain

Eine Fra­ge, um die man nicht her­um­kommt zu stel­len, wenn man sich mit dem The­ma Block­chain beschäf­tigt ist: Wird die Block­chain die Welt ver­än­dern?

 

Die­se Fra­ge ist nahe­lie­gend, wenn man sich nur mal ansieht, wer sich gera­de alles inten­siv mit dem The­ma beschäf­tigt. Die Bank of Eng­land ist ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel, wobei die ande­ren Inter­es­sen­ten an der Tech­no­lo­gie nicht weni­ger pro­mi­nent sind. So tüf­teln der­zeit 42 Ban­ken – dar­un­ter die Deut­sche Bank und die Com­merz­bank – gemein­sam an einem tech­ni­schen Stan­dard für Block­chains, weil die­se ihre Arbeit wesent­li­ch erleich­tern könn­ten. Und die aus­tra­li­sche Bör­se hat gera­de ver­lau­ten las­sen, dass sie die Tech­no­lo­gie tes­ten wird, um letzt­li­ch den gesam­ten Betrieb auf eine decen­tra­li­sed led­ger tech­no­lo­gy (DLT) umzu­stel­len. Das Inter­es­se für die­se Tech­no­lo­gie ist nicht wei­ter ver­wun­der­li­ch, wenn man sich ansieht, dass die Bit­co­ins zahl­rei­che zen­tra­le The­men der Finanz­welt betref­fen: z.B. das Mono­pol der Zen­tral­ban­ken der Geld­schaf­fung, die Mög­lich­keit Geld zu trans­fe­rie­ren, usw.

 

Man sieht also, dass die Block­chain im Main­stream ange­kom­men ist und zahl­rei­che wich­ti­ge Akteu­re sich mit der Anwen­dung die­ser Tech­no­lo­gie für ihre jeweils ganz spe­zi­fi­schen kon­kre­ten Anwen­dungs­fel­der beschäf­ti­gen. Doch was man nicht ver­ges­sen darf: Längst beschäf­ti­gen sich zahl­rei­che Per­so­nen mit der Weit­ent­wick­lung die­ser Tech­no­lo­gie. So haben bereits 2014 eini­ge jun­ge Pro­gram­mie­rer eine neue Block­chain-Tech­no­lo­gie ent­wi­ckelt, die weit über die Anwen­dung für eine Kryp­towäh­rung hin­aus­geht. Die­se neue Block­chain-Tech­no­lo­gie wur­de als Platt­form für soge­nann­te Dapps (Dis­tri­but­ed Apps), die aus Smart Con­tracts bestehen, ent­wi­ckelt.

 

Die Idee der „Smart Con­tract“ ist es, gewis­ser­ma­ßen die old-fashio­ned Ver­trä­ge in Papier­form durch ein Com­pu­ter­pro­gramm zu erset­zen, der auto­ma­ti­sch die vor­her fest­ge­leg­ten Bestim­mun­gen über­prüft und ent­spre­chen­de Aktio­nen ver­an­lasst. Dies ermög­licht es (sofern eine vor­her defi­nier­te Ver­trags­be­din­gung erfüllt ist), dass bestimm­te Aktio­nen (zum Bei­spiel Aus­zah­lun­gen) auto­ma­ti­sch aus­ge­führt wer­den kön­nen. Wenn man das kon­se­quent vor dem Hin­ter­grund des Inter­net 4.0 zu Ende denkt, also berück­sich­tigt, dass bald mehr als 50 Mil­li­ar­den Maschi­nen unter­ein­an­der ver­netzt sein sol­len, für deren “Kom­mu­ni­ka­ti­on” unter­ein­an­der die Block­chain ein “Betriebs­sys­tem” sein könn­te, dann sieht man schnell, dass Smart Con­tracts den erlauch­ten Kreis der durch die Block­chain vom Aus­ster­ben bedroh­ten Insti­tu­tio­nen und Beru­fe (Zen­tral­ban­ken, Ban­ken) um zahl­rei­che wei­te­re ergän­zen muss (z.B. Nota­re, Bör­sen­händ­ler, Ver­wal­tungs­mit­ar­bei­ter in sämt­li­chen Tätig­keist­fel­dern).

 

Doch so unglaub­li­ch das Poten­zi­al die­ser Smart Con­tracts ist, so müs­sen all die­se Anwen­dun­gen erst noch pro­gram­miert wer­den, müs­sen sich Kun­den fin­den, die für die­se Anwen­dun­gen auch bezah­len. Denn von irgend­et­was müs­sen all die Pro­gram­mie­rer ja leben. Da dies jedoch nicht so ein­fach ist, kamen Anfang 2016 eini­ge Pro­gram­mie­rer auf die Idee, eine vir­tu­el­le Betei­li­gungs­fir­ma zu grün­den, die via Crowd­fun­ding Geld von Inves­to­ren ein­sam­melt. Die so kapi­ta­li­sier­te Betei­li­gungs­fir­ma soll­te dann als Investor selbst die Pro­jek­te ihrer Erfin­der finan­zie­ren. Der Clou an der Sache war, dass die­se Betei­li­gungs­fir­ma selbst als Block­chain ange­legt war. Als Investor an die­ser Betei­li­gungs­fir­ma unter­schrieb man kon­se­quen­ter Wei­se auch kei­nen Ver­trag,  der durch einen Notar beglau­bigt und dann im Han­dels­re­gis­ter archi­viert wur­de – nein, viel­mehr erklär­te man durch die Benut­zung die­ser Block­chain-Tech­no­lo­gie sei­ne Zustim­mung zum Gesell­schafts­ver­trag, der nichts ande­res war als der Pro­gramm­code. Die­se Idee ist nicht ganz abwe­gig, denn letzt­li­ch kann man einen Ver­trag wie einen Pro­gramm­code lesen. Defi­niert ein Ver­trag doch wie ein Code, was zu tun ist, wenn ein vor­her defi­nier­ter Fall ein­tritt. Der Unter­schied ist jedoch (und die­ser wur­de im Zuge des DAO Hacks, den ich wei­ter unten schil­de­re, inten­siv dis­ku­tiert) dass man sich bei der Pro­gram­mie­rung die­ser Betei­li­gungs­fir­ma nicht am gel­ten­den Recht ori­en­tier­te, son­dern an dem, was tech­ni­sch mach­bar war und als rele­vant für sol­ch ein Unter­fan­gen erach­tet wur­de. Und so hat man sich im Vor­feld auch nicht mit der Fra­ge beschäf­tigt, ob das BGB oder der Pro­gramm­code gilt, wenn ein “Ver­trags­pas­sus” des Pro­gramm­codes für eine Funk­ti­on miss­braucht wird, für die sie nicht beab­sich­tigt war. Viel­leicht wur­de die­se Fra­ge­stel­lung zwar bedacht aber letzt­li­ch als irrele­vant erach­tet, weil die “Gesell­schaf­ter” die­ser Betei­li­gungs­fir­ma völ­lig anonym sind.

 

Gedacht getan. Die Idee war in der Welt und bis zum 28. Mai 2016 konn­te die Betei­li­gungs­fir­ma mit dem Namen Decen­tra­li­zed Auto­no­mous Orga­ni­sa­ti­on (DAO) ca. 150 Mil­lio­nen US-Dol­lar von über 11.000 Inves­to­ren ein­sam­meln. Was nun folg­te, war ein Wirt­schafts­kri­mi aller­ers­ter Güte. Denn nur drei Wochen spä­ter, am 17. Juni 2016, muss­ten die Grün­der und Inves­to­ren der DAO fest­stel­len, dass durch einen Hack der Soft­ware Geld­er von der DAO abge­zo­gen wur­den. Ins­ge­samt han­del­te es sich um rund 50 Mil­lio­nen US-Dol­lar. Der Hacker hat­te dabei eine Funk­ti­on in der DAO als Sicher­heits­lü­cke ent­deckt, die die Inves­to­ren eigent­li­ch schüt­zen soll­te. Doch zum Glück gab es eine wei­te­re Schutz­funk­ti­on, die der Com­mu­ni­ty 28 Tage Zeit gab, um das Geld zurück­zu­ho­len. Erst wenn die­se 28 Tage ver­stri­chen wären, hät­te der Hacker auf das abge­zo­ge­ne Geld zugrei­fen kön­nen.

Wäh­rend die Com­mu­ni­ty noch berat­schlag­te, tauch­te ein anony­mes Beken­ner­schrei­ben auf, in dem der Hacker dar­auf ver­wies, dass er ledig­li­ch im Rah­men des von der Tech­no­lo­gie Erlaub­ten gehan­delt habe. Und auch wenn er damit irgend­wie recht hat­te: Das Geld war erst mal weg. Wich­ti­ger noch waren die Fol­gen des Hacks: Denn die Reak­ti­on der DAO hat gezeigt, dass es – auch wenn bis­lang Gegen­tei­li­ges gesagt wur­de – doch mög­li­ch ist, eine Block­chain zu mani­pu­lie­ren (zumal wenn die­se noch so jung ist wie die, auf der die DAO auf­bau­te und wenn die­se von einer zen­tra­len Stel­le wie der Ethe­reum Foun­da­ti­on ent­wi­ckelt wird). Denn kurz vor Ablauf der 28 Tage ent­schied man sich, die Block­chain zu mani­pu­lie­ren und so das Geld der Inves­to­ren zu sichern.

 

Damit wur­de zwar das Ver­spre­chen der Block­chain-Tech­no­lo­gie – die Unmög­lich­keit der Mani­pu­la­ti­on von Daten – gebro­chen, aber so para­dox es klin­gen mag, damit wur­de zugleich gezeigt, dass die Block­chain für zahl­rei­che kom­mer­zi­el­le Anwen­dun­gen ver­wen­den lässt. Schließ­li­ch ist es manch­mal klar von Vor­teil, wenn es eine Instanz gibt, die Feh­ler revi­die­ren kann und gene­rell die Kon­trol­le behält.

 

Wird die Block­chain also die Welt ver­än­dern? Auf die­se Fra­ge will ich hier kei­ne abschlie­ßen­de Ant­wort geben, aber man soll­te die­se Fra­ge bei den fol­gen­den Blog­bei­trä­gen stets im Hin­ter­kopf haben …

 

von Wolf­ram Bern­hardt, der sich über Feed­back wie immer freut  (wbernhardt(at)agora42(Punkt)de), den 30. Mai 2017

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Haben Sie das Gefühl, in einer Krise zu sein?” – Der Kapitalismus auf der Couch

Die­ses Behand­lungs­pro­to­koll ist erst­mals ins ago­r­a42 1/2017 DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH erschie­nen. In die­ser Aus­ga­be wird der Kapi­ta­lis­mus in vier the­ra­peu­ti­schen Sit­zun­gen ana­ly­siert. Die ers­te Sit­zung fasst Chris­ti­an Schü­le zusam­men:
kapitalismus agora42
 

Der depressive Patient
Behandlungs-Protokoll: Systemische Therapie mit gestalttherapeutischen Anteilen

 
 
All­ge­mei­ner Ein­druck des Pati­en­ten:
Pati­ent K ver­hält sich auf­fal­lend auf­fäl­lig. Er kann nicht still sit­zen und springt unver­hofft auf, um wäh­rend des Gehens ohne Punkt und Kom­ma zu reden. Mich nimmt er sel­ten wahr, manch­mal ver­schluckt er Sil­ben. Fra­gen, die sei­nen Mit­tei­lungs­drang unter­bre­chen, igno­riert er. Ein­wän­de sind in sol­chen Momen­ten nicht mög­li­ch. Eine kla­re Gedan­ken­füh­rung habe ich nicht bemerkt. K ist ner­vös, unge­dul­dig und ver­voll­stän­digt mei­ne Sät­ze, weil ich ihm, wie er sagt, zu schlep­pend rede. Per­ma­nent strei­chelt er mit dem rech­ten Dau­men über das Deck­glas sei­ner Arm­band­uhr. Mein Ein­druck: Ks Leben ist ein streng getak­te­ter Ablauf­plan kurz­fris­ti­ger Arran­ge­ments, die stän­dig koor­di­niert wer­den müs­sen.
 
diktiergeraet
 
Sprach­me­mo 1:

K: Sie müs­sen in jedem Fall über Ihre Gren­zen gehen, wis­sen Sie, es ist ent­schei­dend, dass Sie immer Ihre Gren­zen über­schrei­ten, dar­in liegt der Sinn unse­rer Natur, ohne Grenz­über­schrei­tung hät­te das Leben ja kei­ne …

Ich: Sie mei­nen: hät­te Ihr Leben.

K: … Span­nung. Mein Leben? Mein Leben ist gleich­zu­set­zen mit dem Leben an sich. Wir befin­den uns in einem per­ma­nen­ten Kampf! Da drau­ßen ist Krieg, ver­ste­hen Sie? Da ist der Krieg der Wöl­fe! Da zählt fürs Über­le­ben nur der Sieg.

Ich: Füh­len Sie sich bedroht?

K: Ich bin Top-Per­for­mer und die aller­meis­ten da drau­ßen sind Low-Per­for­mer. Top-Per­for­mer haben das Recht, allen ande­ren vor­ge­zo­gen zu wer­den. Rich­tig, oder? Als Top-Per­for­mer brau­chen Sie die bes­ten Umstän­de, um sich ent­fal­ten zu kön­nen. Ohne Stei­ge­rung führt sich das Sys­tem selbst in die Grüt­ze, weil es die eige­nen Repro­duk­ti­ons­kräf­te hemmt: Es bleibt ste­hen, und alles, was ste­hen bleibt, ist tot. Das ist unbe­streit­bar!

 
 
Notat 1:
Der Fra­ge, ob er sich vor einem Leben ohne Span­nung und Beloh­nung fürch­te, ent­geg­net K gereizt, Furcht sei etwas für die Zukurz­ge­kom­me­nen! Das Prin­zip der Selbst­über­schrei­tung habe er bereits in sei­ner Jugend als vor­teil­haft erkannt und aus­ge­lebt. Es treibt ihn an, erregt ihn, bringt ihm Lust. K ist voll­ends abhän­gig von der Bestä­ti­gung und Auf­merk­sam­keit ande­rer, die er als Bewun­de­rung miss­ver­steht. Er ver­neint mei­ne Fra­ge, ob ihm ein Men­sch gleich­wer­tig sein kön­ne. Wert hat für ihn nur, was ihn von allen ande­ren abhebt, vor allem im direk­ten Ver­gleich: Der Bonus ist für ihn die höchs­te Form der Unter­schei­dung und Wert­schät­zung sei­ner Per­son. Er ist ein Feti­sch, auf den sich Ks Libi­do-Ener­gie kon­zen­triert. Als Con­sul­tant-Mana­ger einer gro­ßen Media-Agen­tur ent­wi­ckelt K Pro­duk­te, die ihn nicht inter­es­sie­ren. Sein ein­zi­ges Inter­es­se ist die Beschleu­ni­gung der Pro­dukt-Plat­zie­rung und der Vor­teil, den er dadurch hat. „Wer Bedürf­nis­se kre­iert, Men­schen zu deren Befrie­di­gung sti­mu­liert und ihre Lust dann mit pass­ge­n­au ent­wi­ckel­ten Pro­duk­ten befrie­digt“, sagt er, „habe nie­mals Fei­er­abend.“ K hat den Ehr­geiz, höhe­re Quo­ten zu erzie­len als die ande­ren Abtei­lun­gen sei­nes Unter­neh­mens; er benutzt dabei das Wort „Spiel“. Durch sei­ne Fixie­rung auf die Beschleu­ni­gung von abs­trak­ten Abläu­fen wur­de K von einer Stei­ge­rungs­lo­gik ver­ein­nahmt, der er nicht mehr ent­kom­men kann. Sie erlaubt ihm nur, ent­we­der nach oben zu lau­fen oder nach unten zu fal­len. Eine ande­re Mög­lich­keit sieht er nicht. K ist Gefan­ge­ner im eige­nen Pan­op­ti­kum: Er hat zwi­schen sich und die Rea­li­tät eine dop­pel­sei­tig spie­gel­ver­glas­te Trenn­wand ein­ge­zo­gen. In den Spie­geln sieht er nur sich selbst.
 
 
Sprach­me­mo 2:
Ich: Wenn Sie sich ein­mal betrach­ten – was sehen Sie?

K: Einen High Poten­ti­al Anfang vier­zig.

Ich: Das mei­ne ich nicht.

K: Dann fra­gen Sie prä­zi­ser.

Ich: Was ver­kör­pern Sie für sich selbst?

K: Ich weiß nicht, was die­se Fra­gen sol­len. Ich habe Ihnen das schon so oft gesagt: In mir ver­kör­pert sich unser Sys­tem. In mir zeigt sich der Wohl­stand die­ses Lan­des. Da habe ich doch Respekt ver­dient, mei­nen Sie nicht?

Ich: Ich mein­te nicht, was Sie sind, son­dern wen Sie sehen?

K: Das ist das Glei­che.

Ich: Gut, dann fra­ge ich anders: Haben Sie das Gefühl, in einer Kri­se zu sein?

K: Kri­se? Wenn da eine Kri­se sein soll­te, kann ich sie mir nicht leis­ten. Kri­sen sind dazu da, über­wun­den zu wer­den. Kri­sen und Kri­tik müs­sen ein­ver­leibt, neu­tra­li­siert und sofort pro­duk­tiv umge­setzt wer­den.

 
 
Notat 2:
K kann kei­ner­lei Ver­ständ­nis für Schwa­che auf­brin­gen. Schwä­che ekele ihn, sagt er wört­li­ch. Er ver­ach­te Men­schen, die sich per­ma­nent zum Opfer jener Umstän­de sti­li­sie­ren, die er bestimmt. Mei­ne Fra­ge, ob er spü­ren kön­ne, dass sich die Mit­ar­bei­ter sei­ner Abtei­lung von ihm los­ge­sagt hät­ten, ver­neint er vehe­ment. Er glaubt, die Kol­le­gen eifer­ten sei­nem Vor­bild nach und bewun­der­ten ihn für sei­ne Erfolgs­quo­te. Wenn er über­haupt von ande­ren spricht, sind dies aus­nahms­los Män­ner. Er kann sie indi­vi­du­ell nicht kon­tu­rie­ren, aber es ist klar, dass alle, von denen er erzählt, eine Ähn­lich­keit mit ihm selbst besit­zen: das glei­che Alter, das glei­che Äuße­re und die glei­che Pas­si­on, Bedürf­nis­se zu schaf­fen, von denen die Kon­su­men­ten bis­lang nichts wuss­ten. K redet nicht über Mit­bür­ger, son­dern über Pro­dukt­nut­zer. Wenn er redet, ist er grund­sätz­li­ch nicht in der Lage, die Augen zu schlie­ßen. Wir spra­chen über Ks Träu­me: Er bestand dar­auf, kei­ne Träu­me zu haben, son­dern Visio­nen.
 
couchillu
 
Sprach­me­mo 3:
Ich: Sie sind zu mir gekom­men, weil Sie die Befürch­tung hat­ten, „heiß­zu­lau­fen“.

K: Heiß­zu­lau­fen?

Ich: So haben Sie das gesagt.

K: Ich bin gekom­men, weil mein Arzt mich zu Ihnen geschickt hat. Aber ich bin auf gar kei­nen Fall krank.

Ich: Nun, Sie kön­nen nicht mehr schla­fen! Das fin­de ich durch­aus bedenk­li­ch.

K: Wir kön­nen uns Schlaf nicht leis­ten. Wozu auch? Schlaf ist Still­stand.

Ich: Ver­ach­ten Sie Mit­men­schen, die nicht mit­hal­ten kön­nen?

K: Sie könn­ten ja mit­hal­ten, aber sie wol­len nicht, ver­ste­hen Sie? Kann nicht, gibt’s nicht! Die wol­len ein­fach nicht und machen den Lea­dern das Leben schwer.

Ich: Sie haben behaup­tet, dass der Wert eines Men­schen dar­in besteht, sich selbst stets zu „inves­tie­ren“.

K: Jeder von uns ist sei­ne eige­ne Aktie. Jeder inves­tiert sich selbst und kas­siert dafür eine Ren­di­te, so geht das Spiel.

 
 
Notat 3:
Im Ver­lauf der Sit­zung wur­de deut­li­ch, dass sich der Wert des Men­schen für K über sein Kön­nen, oder bes­ser: über sein Kön­nenwol­len defi­niert. Im Gegen­satz zum mora­li­schen Sol­len, mit dem kla­re Vor­ga­ben ver­bun­den sind, ist das Kön­nen­wol­len per defi­ni­tio­nem unbe­grenzt und unend­li­ch stei­ger­bar. Es hat kei­nen Anfang und kein Ende, son­dern ent­wi­ckelt sich aus sich selbst her­aus ad infi­ni­t­um. Kön­nen­wol­len bezeich­net die gren­zen­lo­se Mög­lich­keit des Wer­dens. K bemisst zwar den Wert des Men­schen an sei­nem Kön­nen, kann jedoch nicht defi­nie­ren, was die­ses Kön­nen aus­macht: Jeder müs­se selbst wis­sen, was er kann. Kön­nen heißt für ihn auch, dass jeder Men­sch gänz­li­ch auf sich allein gestellt ist, denn nur der Ein­zel­ne selbst kann das Kön­nen wol­len. Den Men­schen zum per­ma­nen­ten Auf­bruch anzu­trei­ben, ist Aus­druck der Logik, die K dem Leben unter­stellt: Alles, was ist, muss wach­sen. Alles, was wächst, wirft immer etwas ab, son­st wäre es Nega­tiv­wachs­tum. Wenn der ein­zel­ne Men­sch nicht zum posi­ti­ven Wachs­tum bei­trägt, dann schei­tert er K zufol­ge an sei­ner Bestim­mung. Immer wie­der weist K dar­auf hin, dass nie­mand ande­res für das Schei­tern haft­bar zu machen ist, als das nicht-kön­nen­wol­len­de Indi­vi­du­um selbst.
 
 
Sprach­me­mo 4:
Ich: Sie sind, laut Ihres Über­wei­sungs­scheins, auch des­halb zu mir gekom­men, weil Ihnen ein schmerz­haf­tes Ereig­nis wider­fah­ren ist.

K: Ich habe kei­ne Schmer­zen.

Ich: Gut, sagen wir: ein für Sie pro­ble­ma­ti­sches Ereig­nis.

K: Pro­ble­me löse ich, ver­ste­hen Sie? Nein, ich bin gekom­men, weil … weil mein Sexu­al­trieb … also, weil die­ser Trieb mich zu oft von der Arbeit ablenkt.

Ich: Das mein­te ich nicht. Sie sind gekom­men, weil Sie zusam­men­bra­chen, nach­dem eine jun­ge Kol­le­gin sich Ihnen wider­setzt hat und –

K: Ich bin kei­nes­falls zusam­men­ge­bro­chen!

Ich: Sie hat­ten einen Wein­krampf.

K: Das ist ein Miss­ver­ständ­nis.

Ich: Wor­in gen­au besteht die­ses Miss­ver­ständ­nis?

K: Die Kol­le­gin hat nicht ver­stan­den, dass sie schlecht per­formt.

Ich: Hat die Kol­le­gin Sie denn nicht zurück­ge­wie­sen?

K: Nie­mals! Als Low-Per­for­mer schmä­lert sie mein Ergeb­nis. Die­se Frau hat mich nicht ver­dient.

Ich: Was gen­au hat sie nicht ver­dient?

K: Mei­ne Aner­ken­nung.

Ich: Aber war es nicht gera­de anders­her­um?

K: Wir machen jetzt mal eine Ziga­ret­ten­pau­se.

agora42 Kapitalismus gehirn
 
 
Notat 4:
Nach der kur­zen Unter­bre­chung schil­dert K die Situa­ti­on fol­gen­der­ma­ßen: Er sei sich sicher gewe­sen, dass die jun­ge Kol­le­gin, Mit­te zwan­zig, die seit einem hal­ben Jahr in sei­ner Abtei­lung arbei­tet, ihm zwar wider­ste­hen woll­te, es aber nicht konn­te. Also habe er, um „die Sache abzu­kür­zen“, den direk­ten Weg gewählt und sie an besag­tem Don­ners­tag vor acht Wochen gegen 21 Uhr in sein Büro gebe­ten. Als sie dort nicht erschie­nen sei, habe er sie ange­ru­fen. Die Kol­le­gin ent­geg­ne­te, dass sie bis Punkt 18 Uhr arbei­te und kei­ne Minu­te län­ger. Sie frag­te ihn, ob er das nicht wis­se. Zwei Tage spä­ter, kurz vor sei­nem eige­nen Objec­tive-Talk mit dem CEO, sei sie zum monat­li­chen Ziel­ver­ein­ba­rungs­ge­spräch in sei­nem Büro erschie­nen. Genau­er woll­te K den Vor­gang nicht schil­dern, aber offen­bar hat die jun­ge Kol­le­gin sei­ne Hand von ihrer Brust genom­men, den Kopf schief gelegt und sehr lan­ge künst­li­ch gegähnt.
 
 
Notat 5:
Die Ohn­macht, die K bei der Zurück­wei­sung durch die Kol­le­gin ver­spür­te, zeigt, dass er ver­wei­ger­ter Aner­ken­nung nicht gewach­sen ist. Das gelang­weil­te Gäh­nen der jun­gen Frau kon­fron­tier­te ihn mit sei­ner eige­nen Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Er fühl­te sich nicht ange­grif­fen, son­dern aus­sor­tiert. Die Angst, er könn­te Attrak­ti­vi­tät und Macht ver­lie­ren, wenn die nach­fol­gen­de Gene­ra­ti­on ihn nicht mehr aner­kennt, hat K in die Depres­si­on geführt. Die Kol­le­gin stellt nicht nur sei­ne Rol­le als Heroe der Fir­ma infra­ge, son­dern das Sys­tem, auf dem sein Selbst­wert basiert. Dies führt bei K zu einem Iden­ti­täts­bruch, ver­gleich­bar mit dem Sprung eines Spie­gel­gla­ses. Seit­her kann er die Frag­men­te sei­ner Per­sön­lich­keit nicht mehr zusam­men­den­ken.
K fasst jeg­li­che Beloh­nung als gerecht­fer­tig­te Gra­ti­fi­ka­ti­on nicht nur sei­ner Arbeit, son­dern sei­nes Daseins als sol­chem auf. Bei aus­blei­ben­der Beloh­nung ist er jedoch unre­gu­lier­bar. K ist über­zeugt vom extrem hohen Wert sei­ner Arbeit und unter­schei­det nicht mehr in gute und schlech­te, rich­ti­ge und fal­sche Hand­lun­gen. Er hat sei­ne Selbst­steue­rungs­fä­hig­keit völ­lig ein­ge­büßt. K glaubt, dass er letzt­li­ch auf ande­re Men­schen ver­zich­ten kann. Durch die dau­er­haf­te Aus­trei­bung des Ande­ren aus sei­ner Wahr­neh­mung ist ihm jedes Maß ver­lo­ren gegan­gen. Schließ­li­ch ist er in sei­ner Käl­te erst „heiß­ge­lau­fen“ und hat sich dann selbst ver­lo­ren.
 
 
Schluss-Notat:
Auf bis­her prä­ze­denz­lo­se Wei­se ver­mag der Pati­ent sei­ne depres­si­ven Pha­sen so zu neu­tra­li­sie­ren, dass aus dem Akti­vi­täts­ver­lust und der Nie­der­ge­schla­gen­heit über­höh­te Wahn­vor­stel­lun­gen ent­ste­hen. Sein chro­ni­sches Schlaf­de­fi­zit führ­te bis­lang nicht zu einem geschwäch­ten Immun­sys­tem oder zu gestie­ge­ner Anfäl­lig­keit für Krank­hei­ten. K hat aber­mals abge­nom­men, der Gür­tel lässt sich nicht mehr enger schnal­len. Ich habe dem Pati­en­ten ein vier­wö­chi­ges Exer­zi­ti­um im Klos­ter St. Boni­fa­ti­us emp­foh­len und ihm für die Über­gangs­zeit Lithi­um und Neu­ro­lep­ti­ka zur Dämp­fung psy­cho­ti­sch-wahn­haf­ter Sym­pto­me ver­schrie­ben. Ich sehe zwei trif­ti­ge Grün­de für die Fort­set­zung der The­ra­pie in Form der Ana­ly­se: Ers­tens Ks anhal­ten­de Angst, die jun­ge Kol­le­gin zer­stö­re mit ihrem gering­schät­zi­gen Ver­hal­ten natür­li­che Hier­ar­chien und damit sei­ne Lebens­grund­la­ge. Zwei­tens wird er seit der Zurück­wei­sung durch die Kol­le­gin von Panik­at­ta­cken heim­ge­sucht, wäh­rend derer er wähnt, von innen aus­ge­höhlt zu wer­den. In die­sen Momen­ten wie­der­holt er stän­dig ihre Fra­ge nach dem gesell­schaft­li­chen Nut­zen sei­ner Arbeit und damit sei­nes Lebens.

Um Punkt 15 Uhr zog K sei­nen Kamel­haar­man­tel an und ging.
 
 
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Christian Schuele

Chris­ti­an Schü­le ist frei­er Autor und Publi­zist und lebt in Ham­burg. Seit Anfang 2015 lehrt er im Fach­be­reich Kul­tur­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät der Küns­te Ber­lin. Zuletzt von ihm erschie­nen: Was ist Gerech­tig­keit heu­te? Eine Abrech­nung (Patt­loch Ver­lag, 2015).

 

 

Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

Anläss­li­ch der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen drei Fra­gen zu die­sem The­ma gestellt – dar­un­ter auch Prof. Dr. Ruth Hagen­gru­ber. Sie hält die gän­gi­ge Kapi­ta­lis­mus­schel­te für einen Vor­bo­ten natio­na­ler auto­ri­tä­rer Bewe­gun­gen und plä­diert dafür den Kapi­ta­lis­mus nicht zu dämo­ni­sie­ren, son­dern zu demo­kra­ti­sie­ren.

 

Das Böse kommt nicht vom Kapitalismus – Interview mit Ruth Hagengruber

 

1. Frau Hagen­gru­ber, wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

Die heu­te ver­brei­te­te Kapi­ta­lis­mus­schel­te darf gewiss mehr als Trend denn als Ein­sicht ange­se­hen wer­den. Wer den Kapi­ta­lis­mus gar ins Reich des Bösen ver­weist, ist sich der Zustim­mung der Vie­len und daher auch der Medi­en gewiss. So ein­fach ist es nicht. Kein Zwei­fel, auf Trug gebau­te Kapi­ta­lak­ku­mu­la­tio­nen, Intrans­pa­renz ver­stö­ren den „Nor­mal­bür­ger“, der es sich nur im Rah­men sei­ner Ein­künf­te leis­ten kann, die eige­nen Ide­en zu rea­li­sie­ren. Und der über­zeugt ist: Das Gute im Leben kann mit Kapi­tal nicht erkauft wer­den. In die­ser Span­ne zwi­schen Ent­täu­schung und über­zo­ge­nen Hoff­nun­gen ermög­licht uns die phi­lo­so­phi­sche Per­spek­ti­ve wie­der einen neu­en Bli­ck auf die Öko­no­mie­ge­schich­te und auf das, was unter Kapi­tal über­haupt zu ver­ste­hen ist. Dabei ist es wohl nicht zufäl­lig, dass ihr Begrün­der, Adam Smith ein Moral­phi­lo­so­ph war. Phi­lo­so­phie und Öko­no­mie sind schon seit der Anti­ke, also seit dem Anfang der Phi­lo­so­phie eng ver­zahnt. Kein gerin­ge­rer als Sokra­tes hin­ter­ließ fol­gen­de Anwei­sung, das Ver­mö­gen zu meh­ren: auxein ton oikon. Das über­lie­fert Xeno­phon. Klug, wie die­se anti­ken Den­ker waren – übri­gens waren es auch Den­ke­rin­nen, denn in eben die­sem Buch bezeich­net Sokra­tes Aspa­sia als sei­ne Leh­re­rin – wis­sen sie, dass die Ver­meh­rung des Ver­mö­gens zwar das Ziel der Öko­no­mie dar­stellt, aber auch, dass es dabei nicht um quan­ti­ta­ti­ve, son­dern um qua­li­ta­ti­ve Wer­te geht.

Ruth Hagengruber

Ruth Hagen­gru­ber habi­li­tier­te mit einem wirt­schafts­phi­lo­so­phi­schen The­ma (Nut­zen und All­ge­mein­heit) und lei­tet seit 2005 den For­schungs­be­reich EcoTech­Gen­der an der Uni­ver­si­tät Pader­born. Sie publi­ziert regel­mä­ßig zu The­men der Wirt­schaft, Infor­ma­tik und zu Fra­gen der Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit (sie­he web­page). Seit 2013 lehrt sie in einem Pro­jekt: Ethik Den­ken Öko­no­mie regel­mä­ßig zu The­men der Wirt­schafts­phi­lo­so­phie.

Ver­mö­gens­meh­rung aus die­ser phi­lo­so­phi­schen Per­spek­ti­ve meint näm­li­ch, die sub­jek­ti­ve ganz per­sön­li­che Beur­tei­lung und Ein­schät­zung über eine Sache. Sokra­tes bringt dafür anschau­li­che Bei­spie­le: Es nützt nichts, wenn einer ein Pferd besitzt, das ihn tritt! Obwohl quan­ti­ta­ti­ver Besitz, ist es kein Ver­mö­gen, son­dern einen Scha­den! Selbst, wer kei­nen direk­ten Scha­den nimmt, aber auch kei­nen Vor­teil, han­delt unwei­se. Wer eine Flö­te besitzt, die er nicht spie­len kann, scha­det sich und sei­nem Ver­mö­gen.

Was Xeno­phon hier durch den Mund des Sokra­tes mit­teilt ist die Ein­sicht, dass unser Urteil der Aus­druck des Wis­sens über Nut­zen und Gebrauch eines Dings ist. Es ist ein ganz per­sön­li­ches Urteil, das vom Urtei­len­den abhängt. Das Urteil spie­gelt sozu­sa­gen den Urtei­len­den. Die­ser Mehr­wert, den der Urtei­len­de rekla­miert, spie­gelt sein Wis­sen um die Sache und rezi­prok. Die Ver­mö­gens­meh­rung, damit das Kapi­tal, kommt folg­li­ch aus die­sem Wis­sen, nicht aus der Sache. Das war die idea­le Auf­fas­sung Xeno­phons.

Aus die­ser Ein­sicht las­sen sich vie­le inter­es­san­te Urtei­le ablei­ten. Z.B. auch die­je­ni­ge, dass Kapi­tal sich nicht auf Geld oder Boden oder Pro­duk­ti­ons­mit­tel beschrän­ken lässt. Der wah­re Grund des Kapi­tals ist der qua­li­ta­tiv zuge­mes­se­ne Mehr­wert, der sich in der Sache ver­ding­licht. Nut­zen und Gebrauch wer­den sozu­sa­gen erfun­den. Zucker­berg und Gates, Rubin­stein, Goo­gle und Sky­pe prä­sen­tie­ren heu­te in dem von ihnen kre­ierten Kapi­tal die Trans­for­ma­ti­on der Ide­en zu Kapi­tal. Wir kre­ieren den Mehr­wert. Wir kre­ieren das Kapi­tal. Heu­te ist prak­ti­sch allen klar, dass Kapi­tal nicht im Geld liegt. Das wah­re Kapi­tal ist Wis­sen. Was wir als Kapi­tal anse­hen, wan­delt sich. Wenn wir wol­len, kön­nen wir den ganz  gro­ßen Kapi­ta­lis­ten unse­ren Zuspruch ent­zie­hen – jeden­falls, wenn wir die demo­kra­ti­sche Kon­trol­le aus­üben kön­nen und ver­ste­hen ler­nen, dass der Kapi­ta­lis­mus, wie alles und wir selbst, not­wen­dig kor­rek­tur­be­dürf­tig sind.

Der demo­kra­ti­schen Kor­rek­tur des Kapi­ta­lis­mus geht es daher um die gro­ße Streu­ung des Zugangs zum Kapi­tal, das idea­ler­wei­se in vie­len Län­dern die­ser Welt aktiv ist und dabei zugleich die Auf­lö­sung auto­ri­tä­rer oder und patri­ar­cha­ler Herr­schaft mit sich führt.

Die­ser eigent­li­ch demo­kra­ti­sche, aber auch glo­ba­le Pro­zess beflü­gelt die Angst des Ein­zel­nen in den Wohl­stands­län­dern, sie möch­ten dabei ihr „biss­chen Kapi­tal“ ver­lie­ren. Die glo­ba­le Stra­te­gie des moder­nen und par­ti­ku­lar ori­en­tier­ten Kapi­ta­lis­mus wird von den neu­en natio­na­lis­ti­schen Bewe­gun­gen bekämpft. Sie sind Bewe­gun­gen, denen die Streu­ung und Par­ti­ku­la­ri­sie­rung des Kapi­tals zuwi­der ist.

Das Kapi­tal hat das Bür­ger­tum von der Adels­herr­schaft befreit und Chi­na zum Glo­bal Play­er gemacht. Das Kapi­tal kann alte Ord­nun­gen ver­wer­fen. Die ande­ren ver­spre­chen das Gute, wenn sie das Kapi­tal in der Hand hal­ten. Hier kommt es dar­auf an, für wen wir uns ent­schei­den, solan­ge wir die Chan­ce haben, uns zu ent­schei­den, wem wir unser Kapi­tal anver­trau­en. Selbst die Grü­nen ver­spre­chen, „Ren­te geht auch grün“. Kapi­tal kann man in jeder Ver­si­on anspa­ren und ver­meh­ren, je nach­dem für wel­ches „gute“ man sich ent­schei­det, solan­ge es einem noch frei steht, sich zu ent­schei­den. Wer will die­se Ver­tre­ter der neu­en Bewe­gun­gen als zen­tra­le Ver­wal­ter der dann wie­der deut­schen Finanz­kraft? Der freie Bür­ger wird dann weni­ger frei sein, sein biss­chen Ver­mö­gen nach sei­nen eige­nen Vor­stel­lun­gen zu ver­meh­ren. Man muss den Kapi­ta­lis­mus demo­kra­ti­sie­ren, nicht zen­tra­li­sie­ren.

 

2. War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Die Frei­heit für einen Men­schen wächst mit sei­ner Mög­lich­keit, sei­ne eige­nen Vor­stel­lun­gen zu  rea­li­sie­ren. Kapi­tal ist einer­seits gen­au das, was wir dank unse­res eige­nen Ver­mö­gens in den Din­gen sehen. Unser Bli­ck auf die Din­ge der Welt und wie wir sie für unse­re Inter­es­sen nut­zen kön­nen, gehört wesent­li­ch zu unse­ren Akti­vi­tä­ten. Noch erfreu­li­cher ist es, wenn sich die Welt nach unse­rem Urteil for­men lässt. Das ist letzt­li­ch der Wunsch der Men­schen, sozu­sa­gen anthro­po­lo­gi­sche Deter­mi­nan­te. Die Din­ge nach der eige­nen Vor­stel­lung zu bewer­ten, ist ein Teil der Selbst­ver­wirk­li­chung. Wir rea­li­sie­ren uns und ver­ding­li­chen unser Ego auf die­se Wei­se in den Din­ger der Welt. Das Ich ver­ding­licht sich im Nicht-Ich, sagen die Phi­lo­so­phen. Damit rea­li­siert sich das säku­la­re Glück im Hier und Jetzt und nicht im Jen­seits. Dem Indi­vi­du­um scheint es, als könn­te es sich damit ver­ewi­gen.

Nun ent­brann­te mit Rawls, aller­dings nicht zum ers­ten Mal in der Phi­lo­so­phie, die Debat­te, ob die natür­li­che Ver­schie­den­heit der Men­schen nicht unge­recht und daher der Aus­gleich der natür­li­chen Vor­tei­le „zen­tral“ gesteu­ert wer­den müs­se. Die natür­li­che Ver­schie­den­heit aus­zu­glei­chen ist nun zur Auf­ga­be all deren gewor­den, die sich auf den quan­ti­ta­ti­ven Aus­gleichs spe­zia­li­sie­ren. Wer aber kann es quan­ti­fi­zie­ren? Alle fischen im Trü­ben. Aris­to­te­les und Tho­mas Hob­bes ver­tra­ten die Auf­fas­sung, die Ver­schie­den­heit der Men­schen sei per sei die Vor­aus­set­zung und frucht­ba­re Grund­la­ge aller Gemein­schaf­ten. Gleich­heit hin­ge­gen mache sie unmög­li­ch, oder, wie bei Hob­bes, mache die Idee der natür­li­chen Gleich­heit sogar „mör­de­ri­sch“. Nach Aris­to­te­les kann es kei­ne Gemein­schaft geben „mit zwei Bau­ern, oder zwei Ärz­ten“. Es braucht einen Arzt und einen Bau­ern, damit der Aus­gleich statt­fin­den kann. Die Ver­schie­den­heit ist selbst Ursa­che der Ent­wick­lung der eige­nen Fähig­kei­ten und der Dif­fe­ren­zie­rung der Tätig­kei­ten.

Das Pro­blem des gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus sind sei­ne Stö­run­gen. Zwi­schen „gut“ und „böse“ wer­den die Eigen­schaf­ten des Kapi­ta­lis­mus tariert, als hiel­te man einen Gott in den Hän­den. In der Tat, die Mög­lich­kei­ten, die sich durch die Kapi­ta­li­sie­rung erschlie­ßen, sind gewal­tig. Wir aber befin­den uns erst in den Kin­der­jah­ren der Ent­wick­lung. Die Smart­pho­nes bie­ten theo­re­ti­sch inter­es­san­te Mög­lich­kei­ten einer demo­kra­ti­schen Dis­tri­bu­ti­on, aber auch hier hat­ten die ver­bre­che­ri­schen Absich­ten schnel­ler die Hand auf den Gerä­ten, als die auf­ge­klär­te Bür­ge­rin. Sie und poli­ti­sche Gewalt stö­ren die­sen Markt, wie wir täg­li­ch hören. Sie spio­nie­ren, mal­trä­tie­ren, und wol­len sein Schei­tern, aber nur für den ein­zel­nen Bür­ger, für ihre eige­nen Vor­tei­le wol­len sie sein Funk­tio­nie­ren, damit sie wie­der eines haben: Kon­trol­le, Auto­ri­tät, Kapi­tal, Macht, ande­re für ihre Zwecke zu miss­brau­chen.

 

3. In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über?

Die gegen­wär­tig modi­sche aber häu­fig ideo­lo­gi­sche Kapi­ta­lis­mus­schel­te besteht aus einer Rei­he von Schuld­zu­wei­sun­gen, die den Kapi­ta­lis­mus per se nicht tref­fen, son­dern sei­nen Miss­brauch und sei­ne Akteu­re. Der ver­brei­te­te Anti­ka­pi­ta­lis­mus unse­rer Gesell­schaft ist eine Vor­stu­fe der poli­ti­schen Bewe­gun­gen, die wir heu­te beob­ach­ten, die auto­ri­tä­re Ten­den­zen ver­fol­gen. Für sie ist die welt­weit gestreu­te Kapi­tal­macht eben­so wie die Demo­kra­tie eine Her­aus­for­de­rung.

Kapi­tal ist gefähr­li­ch, wenn es in der Hand weni­ger liegt und eigent­li­ch ist Kapi­ta­lis­mus dann gar nicht mehr mög­li­ch. Der Kapi­ta­lis­mus ist umso weni­ger ent­fal­tet, je mehr er die Ein­zel­nen aus dem Markt­zu­gang aus­schließt und je mehr nur weni­ge defi­nie­ren, was denn das (Gute) ist, das mit dem Kapi­tal erzeugt wer­den soll. Intrans­pa­renz und Akku­mu­la­ti­on ver­hin­dern, dass sich Men­schen mit ihren Fähig­kei­ten ein­brin­gen. Das sind die wirk­li­chen Stö­run­gen. Das hat aber gar nichts damit zu tun, ob ein Fuß­ball­spie­ler oder ein Vor­stands­chef 15 Mil­lio­nen im Jahr ver­die­nen darf oder zehn. Die­se Leu­te ver­die­nen ihr Geld auf dem Markt, der wenigs­tens inso­fern frei ist, als wir zu die­sem Pro­zess nicht bei­tra­gen müs­sen. Wer die Ver­si­che­rung wech­seln kann, geht zu der, die die effi­zi­en­tes­te für ihn ist. Viel­leicht ist es die, bei der der Vor­stand 5 Mil­lio­nen ver­dient, viel­leicht jene, wo er 15 ver­dient. Schlimm wird es, wenn wir kei­ne Aus­wahl mehr haben, wenn wir auf ein Pro­dukt ange­wie­sen sind. Dann hat die demo­kra­ti­sche Kon­trol­le ver­sagt.

Auch in unse­rer Gesell­schaft herr­schen auto­ri­tä­re Aus­schlüs­se. Das betrifft die Frau­en, das betrifft z.B. aber auch alle jene Men­schen, die in die­ses  Land kom­men woll­ten, und ihre Arbeit anbie­ten woll­ten, wie es Imma­nu­el Kant in sei­ner Schrift vom Ewi­gen Frie­den gefor­dert hat. Die Gerech­tig­keit des Mark­tes zu erhö­hen, hat auch damit zu tun, den Markt zu öff­nen und trans­pa­ren­ter zu machen. Das Gegen­teil ist aber der Fall und wird von vie­len gefor­dert. Opel soll in Bochum blei­ben, Nokia soll nicht in Rumä­ni­en pro­du­zie­ren und die Flücht­lin­ge sol­len nicht die Arbeits­plät­ze weg­neh­men. Die natio­na­le und zen­tra­le und auto­ri­tä­re Ver­wal­tung des Kapi­tals folgt dem Wunsch der Stun­de.

Wir ste­hen im Zei­chen des Umbruchs. Wenn wir es schaf­fen, eine brei­te und krea­ti­ve Kapi­tal­wirt­schaft zu erhal­ten, sind wir poli­ti­sch – im glo­ba­len Rah­men — sta­bi­ler. Die Ten­den­zen der natio­na­len und auch der patri­ar­chal begrün­de­ten Zen­tra­li­sie­run­gen lau­fen jedoch die­sem Ziel ent­ge­gen. Dabei gibt es die­sen Zusam­men­hang zwi­schen einer demo­kra­ti­schen, kapi­ta­lis­ti­schen und indi­vi­dua­lis­ti­schen Gesell­schaft auf der einen Sei­te und der anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen, auto­ri­tä­ren Gesell­schaft auf der ande­ren. Die Dämo­ni­sie­rung des Kapi­ta­lis­mus war nur ein Vor­spiel zu den poli­ti­schen Bewe­gun­gen der Gegen­wart.

Gefährliche Liebschaften – Selbstverwirklichung als Social Fracking

Thank God It’s Fri­day! Und weil ein Wochen­en­de ohne Lese­stoff nur halb so schön ist, kommt hier ein beson­de­res Schman­kerl:

 

Ralf Damitz

von Ralf M. Damitz

 

Als Max Weber 1917 in der Mün­che­ner Buch­hand­lung Stei­ni­cke sei­nen berühm­ten Vor­trag „Wis­sen­schaft als Beruf“ hielt, ende­te er mit einer nietz­schea­ni­sch anmu­ten­den Emp­feh­lung für die dort größ­ten­teils anwe­sen­den jun­gen Stu­den­ten: Jeder müs­se den „Dämon“ fin­den, so die pathe­ti­schen Schluss­wor­te, „der sei­nes Lebens Fäden hält“. In die­ser kur­zen For­mel steckt ein Pro­gramm zur Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und es scheint aktu­el­ler denn je. Viel­leicht aller­dings in ande­rer Hin­sicht, als es der Zeit­geist heu­te vor­sieht: Es geht um das pre­kä­re Ver­hält­nis von Erfolg und Schei­tern im Kapi­ta­lis­mus der Gegen­wart.

Zunächst ein kur­zer Rück­bli­ck. Sei­nen „Dämon“ zu fin­den, das ziel­te für Weber auf exis­ten­zi­el­le Fra­gen in tur­bu­len­ten Zei­ten; dar­auf, wie und wonach man leben sol­le und was man als Per­son dar­stel­le. Tra­di­tio­nell war es Sache theo­lo­gi­scher Sys­te­me gewe­sen, sol­che Fra­gen zu beant­wor­ten. In der moder­nen Welt ist Weber zufol­ge aller­dings kein Platz mehr für reli­giö­se Letzt­be­grün­dun­gen. Obwohl Weber sei­ne Zeit dadurch geprägt sah, dass „die alten Göt­ter“ nach wie vor prä­sent waren, dass aller­lei Pro­phe­ti­en und Ideo­lo­gi­en ihren Kampf um die Köp­fe der Men­schen führ­ten, war für ihn glei­cher­ma­ßen klar, dass vom ange­bro­che­nen 20. Jahr­hun­dert eine Absa­ge an reli­giö­se Heils­ver­spre­chen zu erwar­ten ist. Kein Pro­phet, ganz gleich, ob theo­lo­gi­scher oder poli­ti­scher Her­kunft, kön­ne auf Fra­gen der Lebens­ge­stal­tung abschlie­ßend ant­wor­ten. Der moder­ne Kapi­ta­lis­mus, so Webers The­se in sei­nem Buch Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik und der Geist des Kapi­ta­lis­mus, habe reli­giö­sen Vor­stel­lun­gen der Lebens­füh­rung ihre Wur­zeln genom­men und sie dadurch voll­ends in die Tri­via­li­tät der büro­kra­ti­sch und kapi­ta­lis­ti­sch orga­ni­sier­ten Sozi­al­welt ent­las­sen: Fra­gen nach dem Sinn des Lebens, dem indi­vi­du­el­len Heil oder der eige­nen Iden­ti­tät kön­ne der moder­ne Men­sch nur sich selbst beant­wor­ten, am bes­ten durch rast­lo­se Ver­sen­kung in die Berufs­ar­beit. Indem man der „For­de­rung des Tages“ gerecht wer­de, sich aufs Hier und Jetzt beschrän­ke, kön­ne man es „beruf­li­ch oder mensch­li­ch“ zu Anse­hen und Erfolg brin­gen. Zwar gehe auf die­se Wei­se die ent­schei­den­de Sinn­quel­le ver­lo­ren, nicht jedoch der Modus Ope­ran­di. „Der Puri­ta­ner woll­te Berufs­men­sch sein“, resü­miert Weber lako­ni­sch, „wir müs­sen es“. Dass eine sol­che Fokus­sie­rung auf das Berufs­le­ben von Erfolg gekrönt gelin­gen kön­ne, war alles ande­re als gewiss. Webers Pes­si­mis­mus dies­be­züg­li­ch war legen­där. Die Gesell­schaft wur­de von ihm als „Gehäu­se der Hörig­keit“, der moder­ne Kapi­ta­lis­mus als „schick­sals­volls­te Macht“ begrif­fen. Ver­sen­kung in die Berufs­ar­beit war weni­ger Selbst­ver­wirk­li­chung denn Selbst­be­haup­tung. Behaup­tung dage­gen, dass das moder­ne Indi­vi­du­um die weni­gen Spiel­räu­me der frei­en Lebens­ge­stal­tung im büro­kra­ti­sch-kapi­ta­lis­ti­schen All­tag nicht auch noch ein­bü­ße. Die Quint­es­senz der Auf­fas­sung Webers war, dass man sol­che Kon­stel­la­tio­nen „aus­hal­ten“ kön­nen müs­se. Dies ent­ge­gen allen Wid­rig­kei­ten zu ver­su­chen, zeug­te von einem Rest bür­ger­li­chen Hero­is­mus.

Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik: In sei­nem Werk Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik und der Geist des Kapi­ta­lis­mus unter­sucht der Sozio­lo­ge Max Weber (1864–1920) die reli­giös-kul­tu­rel­len Grund­la­gen des okzi­den­ta­len Kapi­ta­lis­mus. Auf Grund­la­ge der cal­vi­nis­ti­schen Gna­den­leh­re, nach der die all­um­fas­sen­de, über­mäch­ti­ge Gewalt Got­tes die Men­schen ent­we­der zu ewi­gem Tod oder ewi­ger Selig­keit bestimmt, ent­ste­he das pro­tes­tan­ti­sche Arbeits­ethos: Die Men­schen sehen sich in der Pflicht, durch rast­lo­se Arbeit alle Zwei­fel an der eige­nen gött­li­chen Erwähl­t­heit zu ver­trei­ben und dem­entspre­chend ihre gesam­te Lebens­füh­rung dem Erfolg unter­zu­ord­nen.

 

Sie­ges­zug und Kri­se des Kapi­ta­lis­mus

Machen wir einen Zeit­sprung. Das 20. Jahr­hun­dert war erst krie­ge­ri­sch und tur­bu­lent, spä­ter stand poli­ti­sche, öko­no­mi­sche und sozia­le Ent­wick­lung auf dem Pro­gramm. Als es sich dem Ende zuneig­te, blieb der Kapi­ta­lis­mus als Sie­ger übrig, welt­um­span­nend und alter­na­tiv­los. Sei­ne Ver­hei­ßun­gen aller­dings, Demo­kra­tie und Wohl­stand (viel­leicht sogar für alle) zu brin­gen, haben sich in der Zwi­schen­zeit eben­so auf­ge­löst wie der eins­ti­ge Sys­tem­kon­kur­rent. Wir leben heu­te in einer von grenz­über­schrei­ten­den Kapi­tal-, Waren-, Daten- und Men­schen­strö­men vor­an­ge­trie­be­nen (Welt-)Gesellschaft. An inter­na­tio­na­le Kon­kur­renz haben wir uns genauso gewöh­nen müs­sen wie an die Ero­si­on des Wohl­fahrts­staats. Die Erwerbs­ar­beit wur­de unter dem Druck glo­bal ver­netz­ter Wert­schöp­fungs­ket­ten und mit­hil­fe aller­lei unter­neh­me­ri­scher, tech­ni­scher und poli­ti­scher Inno­va­tio­nen grund­le­gend ver­än­dert. Der nächs­te Schritt ist bereits in Pla­nung: Indus­trie 4.0 ist das desi­gnier­te gro­ße Ding. Aber auch die welt­wei­te Finanz- und Wirt­schafts­kri­se ist 2007 über uns her­ein­ge­bro­chen. Dass die­ses Wirt­schafts­sys­tem einer Gesell­schaft schick­sal­haf­te Ent­wick­lun­gen beschert, ist inzwi­schen allen klar. Und irgend­wie passt es auch ins Bild, dass in einem rei­chen Land wie der Bun­des­re­pu­blik die oberen zehn Pro­zent der Bevöl­ke­rung über 60 Pro­zent des gesell­schaft­li­ch ver­füg­ba­ren Ver­mö­gens besit­zen, wäh­rend die unte­ren 70 Pro­zent zusam­men­ge­nom­men gera­de mal auf einen Anteil von unge­fähr zehn Pro­zent kom­men (nach­zu­le­sen im Inter­net, bei der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung).

Indus­trie 4.0: Indus­trie 4.0 ist ein Pro­jekt der deut­schen Bun­des­re­gie­rung und stellt ein Leit­bild für zukünf­ti­ge Ent­wick­lun­gen in der deut­schen Indus­trie dar. Die Bezeich­nung „Indus­trie 4.0“ soll zum Aus­druck brin­gen, dass nach den ers­ten drei indus­tri­el­len Revo­lu­tio­nen (Mecha­ni­sie­rung, Mas­sen­fer­ti­gung, Digi­ta­li­sie­rung) nun die vier­te vor der Tür steht. Die­se wird gekenn­zeich­net sein durch den Zuschnitt der ein­zel­nen Pro­duk­te auf die indi­vi­du­el­len Wün­sche und Vor­stel­lun­gen des Kon­su­men­ten – und zwar unter den Bedin­gun­gen einer hoch fle­xi­bi­li­sier­ten Groß­pro­duk­ti­on. Dazu gehört auch die weit­ge­hen­de Inte­gra­ti­on von Kun­den und Geschäfts­part­nern in Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se.

 

Der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus

Man mag das inter­pre­tie­ren, wie man will, schwer­li­ch kommt man jedoch um die Fest­stel­lung her­um, dass der Kapi­ta­lis­mus heu­te, allen Wid­rig­kei­ten zum Trotz, fes­ter in unse­rem All­tag und den Vor­stel­lun­gen von Nor­ma­li­tät ver­an­kert ist als je zuvor. Die fran­zö­si­schen Auto­ren Luc Bol­tans­ki und Eve Chia­pel­lo ana­ly­sie­ren in ihrem Best­sel­ler Der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus die Trans­for­ma­ti­on des Nach­kriegs­ka­pi­ta­lis­mus der letz­ten 40 Jah­re hin zu dem, was man heu­te den fle­xi­blen Kapi­ta­lis­mus nennt. Unter dem „neu­en Geist“ ver­ste­hen die Auto­ren eine Art Legi­ti­ma­ti­ons­ideo­lo­gie, auf die der Kapi­ta­lis­mus gera­de des­halb ange­wie­sen ist, weil er aus guten Grün­den als ein prin­zi­pi­ell absur­des Sys­tem bezeich­net wer­den kann. Der „stum­me Zwang der Ver­hält­nis­se“ (Marx) allein rei­che nicht aus, um die Legi­ti­mi­tät des Kapi­ta­lis­mus zu garan­tie­ren. Ent­schei­dend sei viel­mehr die Ebe­ne der sym­bo­li­schen Ord­nung, also der Kul­tur. Hier wird über die Quel­len der Begeis­te­rung, indi­vi­du­el­le Sicher­heits­ver­spre­chen und die Teil­ha­be am All­ge­mein­wohl ent­schie­den. Stand bei Max Weber der Kapi­ta­lis­mus noch für zen­tra­li­sier­te und durch­bü­ro­kra­ti­sier­te Unter­neh­men, also gewis­ser­ma­ßen für Unfrei­heit, steht der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus für das Gegen­teil. Sein Cre­do ist die Eman­zi­pa­ti­on von über­kom­me­nen For­men des Lebens, Arbei­tens und Ler­nens. Laut Boltanski/Chiapello ist der neue kapi­ta­lis­ti­sche Geist eine Erfin­dung des Manage­ments. In die Welt kam er, indem neue Kon­zep­te zur Orga­ni­sa­ti­ons­ge­stal­tung und Per­so­nal­pla­nung ent­wi­ckelt und imple­men­tiert wur­den. Das Resul­tat war, dass die Orga­ni­sa­ti­on von Unter­neh­men – und damit auch die Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se und Kar­rie­re­we­ge – in den ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren auf neue Füße gestellt wur­de. Beglei­tet wur­de die­se Trans­for­ma­ti­on mit der Eta­blie­rung neu­er Kul­tur­mus­ter. Der neue Geist, gewis­ser­ma­ßen unser Zeit­geist, wird mit Fle­xi­bi­li­tät, Krea­ti­vi­tät, Mobi­li­tät und Eigen­ver­ant­wor­tung buch­sta­biert; Akti­vi­tät und Belast­bar­keit sind die zen­tra­len Anfor­de­run­gen, Auto­no­mie und Authen­ti­zi­tät die locken­den Ver­spre­chen. Aber damit nicht genug: Die Auto­ren sind der Mei­nung, dass die genann­ten Schlüs­sel- und Reiz­wör­ter zu neu­en Wahr­neh­mungs- und Beur­tei­lungs­mus­tern wer­den, die auf die ver­schie­dens­ten Berei­che einer Gesell­schaft über­trag­bar sind.

 

Selbst­ver­wirk­li­chung und Aus­beu­tung

Stellt man dem Zeit­geist die Fra­ge, wor­in die Ver­hei­ßung des gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus liegt, dann wird man unge­fähr fol­gen­de Ant­wort erhal­ten: Wer aktiv ist, wer sich mit jeder Facet­te der Per­sön­lich­keit ein­bringt, wer auch außer­halb der Arbeit Enga­ge­ment zeigt und Netz­wer­ke bil­det, wer bereit ist, bio­gra­fi­sch und beruf­li­ch fle­xi­bel zu blei­ben und sich nicht scheut, die Rich­tung der eige­nen Ent­wick­lung not­falls zu kor­ri­gie­ren, wer das lebens­lan­ge Ler­nen ern­st nimmt, wer sich nicht an star­ren Berufs­bil­dern fest­klam­mert und statt des­sen den Aus­bau der eige­nen Employa­bi­li­ty vor­an­treibt, der macht alles rich­tig. Des­sen Bemü­hun­gen wer­den mit beruf­li­chem Erfolg, Ver­wirk­li­chung der eige­nen Zie­le, authen­ti­scher Ent­wick­lung der Per­sön­lich­keit und gesell­schaft­li­cher Wert­schät­zung belohnt. Der hat sich selbst ver­wirk­licht.

Nach dem bis­her Gesag­ten soll­te die Roman­ze mit dem „neu­en“ Kapi­ta­lis­mus zu einem Hap­py End füh­ren. Doch wo lie­gen die Fall­stri­cke? Ein Fall­strick wäre, dass das Ide­al der Selbst­ver­wirk­li­chung heu­te zur sozia­len Norm gewor­den ist – du mus­st dich selbst ver­wirk­li­chen! Die Selbst­ver­wirk­li­chung voll­zieht sich – wie soll­te es anders sein – im Beruf, der als Beru­fung die inner­s­te Lei­den­schaft des Arbeit­neh­mers wider­spie­geln soll. In der Wett­be­werbs­ge­sell­schaft unse­rer Tage führt die­se Norm immer häu­fi­ger zu unan­ge­neh­men Neben­fol­gen. Dies­be­züg­li­ch lie­ßen sich bei­spiels­wei­se das Burn-out-Syn­drom und ande­re Erschöp­fungs­er­schei­nun­gen als zeit­ge­mä­ße Lei­den an der Gesell­schaft inter­pre­tie­ren. Der New Yor­ker Psy­cho­ana­ly­ti­ker Her­bert J. Freu­den­ber­ger, gewis­ser­ma­ßen der Erfin­der der Burn-out-Dia­gno­se, hob in sei­nen Fall­be­schrei­bun­gen die Erwar­tungs­ent­täu­schung als ent­schei­den­de Kom­po­nen­te her­vor. Burn-out ist dem­nach nicht ein­fach nur eine Über­las­tungs­er­schei­nung. Viel­mehr wird Arbeit, die im Zei­chen eines hohen Ide­als steht, dann gefähr­li­ch, wenn sie sich trotz gestei­ger­tem Auf­wand nicht in ihrer idea­li­sier­ten Form rea­li­siert. Viel­leicht ist die Selbst­ver­wirk­li­chung in der Arbeit eine durch­aus gefähr­li­che Ange­le­gen­heit.

Mit der Arbeits- und Indus­trie­so­zio­lo­gie las­sen sich sol­che Über­le­gun­gen stüt­zen. Die Sub­jek­ti­vi­tät des Arbeit­neh­mers gilt heu­te als wich­ti­ger Pro­duk­ti­ons­fak­tor. Wis­sen, Krea­ti­vi­tät und Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­tenz sind zen­tra­le Res­sour­cen – egal ob beim Fach­ar­bei­ter oder Wer­be­tex­ter. Wenn vol­ler Ein­satz erwar­tet wird und wir mit Haut und Haa­ren in die Wert­schöp­fungs­ket­ten ein­ge­baut sind, lässt sich das auch als zeit­ge­mä­ßer Aus­beu­tungs­me­cha­nis­mus fest­ma­chen – ‚Soci­al Fracking’ könn­te man das nen­nen. Hin­zu tritt, dass die mit der neu­en Arbeits­welt ver­bun­de­nen Anfor­de­run­gen (Fle­xi­bi­li­tät, Krea­ti­vi­tät, Mobi­li­tät, Eigen­ver­ant­wor­tung) mit einem erhöh­ten Koor­di­na­ti­ons­be­darf außer­halb der Arbeit ein­her­ge­hen. Arbeit und Leben müs­sen mit­ein­an­der in Ein­klang gebracht wer­den. Nicht nur die Arbeits­kraft, auch die Lebens­kraft sind in die­sem Sinn wich­ti­ge Güter, die repro­du­ziert wer­den müs­sen. Der Sozio­lo­ge Ulrich Beck hat unter dem Stich­wort Indi­vi­dua­li­sie­rung sehr pro­mi­nent auf die Ambi­va­len­zen sol­cher Ent­wick­lun­gen hin­ge­wie­sen. Sei­ner Mei­nung nach ist die Siche­rung der pri­va­ten Exis­tenz immer offen­sicht­li­cher von Ver­hält­nis­sen abhän­gig, die sich unse­rem Zugriff fast voll­stän­dig ent­zie­hen. Das lässt auch Selbst­ver­wirk­li­chung in und durch Erwerbs­ar­beit zu einem pre­kä­ren Vor­ha­ben wer­den. Und das, obwohl unse­re Zeit und unse­re Kul­tur im Zei­chen der Eigen­ver­ant­wor­tung und Selbst­be­haup­tung ste­hen.

 

Was tun?

Kann man oder muss man sogar das The­ma Selbst­ver­wirk­li­chung aus den Klam­mern der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­ein­nah­mung lösen? Wie könn­te das aus­se­hen? Wer soll­te das tun? Auf die Poli­tik soll­te man hier nicht all­zu viel Hoff­nung set­zen. Auch ist das Bild der rich­ti­gen Stell­schrau­ben, an denen man nur dre­hen müs­se, nicht rich­tig. Kul­tur ist ein kom­ple­xes The­ma, die Mög­lich­keit ihrer Beein­flus­sung bezie­hungs­wei­se Ver­än­de­rung umstrit­ten. Noch schwie­ri­ger dürf­te das bei den Struk­tu­ren sein, die unse­re kapi­ta­lis­ti­sche Lebens­form prä­gen. Was also kann man machen?

Harald Wel­zer, Sozio­lo­ge und Sozi­al­psy­cho­lo­ge aus Ber­lin, hat kürz­li­ch die Stif­tung FuturZ­wei gegrün­det, die das Ziel ver­folgt, Geschich­ten über alter­na­ti­ve For­men der Lebens­ge­stal­tung zu sam­meln. Denn etwas anders machen zu wol­len, setzt vor­aus, eine Idee zu haben, wie man etwas anders machen kann. Gen­au davon han­deln die­se Geschich­ten, von klei­nen Bei­trä­gen zum all­mäh­li­chen Umden­ken.

Man kann es aber auch ganz anders machen. Im Künst­ler­mi­lieu ist bekannt­li­ch die Avant­gar­de zu Hau­se. Von dort ist ein Mot­to bekannt, das viel­leicht wei­ter­hilft: Selbst­ver­wirk­li­chung ist das Ide­al von Voll­idio­ten.

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Ralf M. Damitz stu­dier­te Sozio­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie. Er ist Lehr­be­auf­trag­ter an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten und lebt in Kas­sel.

Die­ser Arti­kel ist erst­mals in ago­r­a42 1/2015 Ups & Downs erschie­nen. In die­ser Aus­ga­be fin­den Sie wei­te­re Arti­kel zu die­sem The­ma.

Der Kapitalismus ist eine Fiktion – Interview mit Sarah Mewes

Anläss­li­ch der aktu­el­len Aus­ga­be zum The­ma “DER KAPITALISMUS AUF DER COUCH” haben wir aus­ge­wähl­te Per­so­nen um Ant­wor­ten auf die zen­tra­len Fra­gen des Hef­tes gebe­ten. Hier die Ant­wor­ten von Sarah Mewes.

 

Der Kapitalismus ist eine Fiktion – Interview mit Sarah Mewes

1. Wel­chen Aspekt des Kapi­ta­lis­mus fin­den Sie am inter­es­san­tes­ten und am ehes­ten zu beden­ken?

Sarah Mewes

Sarah Mewes: Ich bin 26 Jah­re alt und stu­die­re im Mas­ter Öko­no­mie an der Cusa­nus Hoch­schu­le. Als sechs­zehn­jäh­ri­ge Schü­le­rin, ver­ließ ich zum ers­ten mal für einen ein­jäh­ri­ger Schü­ler­aus­tau­sch in Argen­ti­ni­en, den euro­päi­schen Kon­ti­nent. Nach dem Abitur ver­brach­te ich ein wei­te­res Jahr in Latein­ame­ri­ka. In die­sen Jah­ren ent­wi­ckel­ten sich die Fra­gen, wel­che mich dazu brach­ten Wirt­schaft zu stu­die­ren. Auf­grund der ande­ren Lebens­rea­li­tä­ten, denen ich in Süd­ame­ri­ka begeg­ne­te, die oft stark von wirt­schaft­li­chen Aspek­ten domi­niert waren, frag­te ich mich, was Wirt­schaft ist, was sie sein soll­te und wie man sie men­schen­wür­di­ger und umwelt­freund­li­cher gestal­ten könn­te. In mei­nem Bache­lor­stu­di­um VWL und Phi­lo­so­phie fand ich dar­auf kei­ne Ant­wor­ten und begann im Arbeits­kreis „Plu­ra­le Öko­no­mik“ Ring­vor­le­sun­gen zu orga­ni­sie­ren, um mich wenigs­tens am Ran­de mit die­sen Fra­gen beschäf­ti­gen zu kön­nen. Erst das Mas­ter­stu­di­um an der Cusa­nus Hoch­schu­le hat mir dann die Mög­lich­keit eröff­net eige­nen Fra­gen an Wirt­schaft nach­ge­hen zu kön­nen.

Schwie­rig zu sagen, weil es „den Kapi­ta­lis­mus“ ja gar nicht gibt. Der Begriff „Kapi­ta­lis­mus“ wird ja für alles und nichts ver­wen­det. Mal ist er Aus­druck für Markt­wirt­schaft, schran­ken­lo­sen Wett­be­werb und Pri­vat­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln, mal beschreibt er eine Form der Kapi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on, eine bestimm­te Ratio­na­li­täts­form, die Pra­xis der Gewinn­ma­xi­mie­rung, die Aus­schal­tung der Demo­kra­tie durch die Wirt­schaft oder wie­der­um die Wirt­schafts­form wel­che Demo­kra­tie erst ermög­licht hat. Er wird dua­lis­ti­sch als Gegen­bild von Plan­wirt­schaft gese­hen oder als poli­ti­scher Kampf­be­griff gegen aus­beu­te­ri­sche Wirt­schafts­struk­tu­ren. Je nach Inter­pre­ta­ti­on, erschei­nen dabei unter­schied­li­che inter­es­san­te Aspek­te.

Wenn man den Begriff unter der Bril­le eines Stre­bens nach Gewinn­ma­xi­mie­rung betrach­tet, erscheint mir das dahin­ter­ste­hen­de Men­schen­bild als ein inter­es­san­ter Aspekt. Es wird oft mit dem soge­nann­ten „Homo Oeco­no­mi­cus“ in Ver­bin­dung gesetzt, der als auto­no­mes Indi­vi­du­um in der Welt steht und ledig­li­ch sei­nen indi­vi­du­el­len Nut­zen maxi­miert. Der dar­aus resul­tie­ren­de feh­len­de Bli­ck für die mensch­li­che Ein­bet­tung in eine Sozi­al­struk­tur und damit auch eine Ver­ant­wor­tung für sel­bi­ge, erschei­nen mir ein pro­ble­ma­ti­scher Aspekt zu sein, den die­ses Bild von Kapi­ta­lis­mus in die Welt setzt. Da Theo­ri­en nie nur abs­trakt blei­ben, son­dern hand­lungs­lei­tend wir­ken und per­for­ma­tiv Welt gestal­ten, kann ein sol­ches Men­schen­bild ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen haben. Wenn sich jeder nur für sein eige­nes Wohl ver­ant­wort­li­ch fühlt, kann das – ent­ge­gen der Annah­me Adam Smiths, der unsicht­ba­ren Hand – zu einer Kol­li­si­on des Sozi­al­we­sens füh­ren, wie wir es gera­de im Nie­der­gang unse­res Sozi­al­staats beob­ach­ten kön­nen.

 

2. War­um konn­ten sich die Men­schen so schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tern? Ent­spricht der Kapi­ta­lis­mus unse­rer Natur?

Wie kommt die Aus­sa­ge zustan­de, dass sich Men­schen schnell und unbe­merkt für das kapi­ta­lis­ti­sche Den­ken begeis­tert hät­ten? Wenn ich in die Geschich­te zurück­bli­cke drängt sich mir die­ses Bild nicht gera­de auf.

Man den­ke nur dar­an, dass sich im Mit­tel­al­ter zunächst nur in den ita­lie­ni­schen Stadt­staa­ten akti­ve Geld- und Kapi­tal­ver­meh­rung betrie­ben wur­de, Bei­spiel ers­ter kapi­ta­lis­ti­scher Hoch­bur­gen betrach­tet wird. Das war weiß Gott kei­ne Mas­sen­be­we­gung. Auch von Sei­ten der Kir­che und dar­über in nahe­zu der gesam­ten Gesell­schaft wur­de die Pra­xis der Zins­nah­me und das welt­li­che Gewinn­stre­ben ja lan­ge Zeit ver­pönt. Begeis­te­rung sieht mei­nes Erach­tens anders aus. Dass sich eine auf Kapi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on beru­hen­de Wirt­schafts­wei­se den­no­ch durch­ge­setzt hat, wird ver­mut­li­ch zu einem gro­ßen Teil im Zusam­men­hang mit begüns­ti­gen­den Macht­ver­hält­nis­sen ste­hen. Gewiss ist dabei auch eine gewis­se Pfa­dab­hän­gig­keit mit im Spiel. Aller­dings zeigt ja auch schon ein Bli­ck auf die unter­schied­li­chen Wirt­schafts­wei­sen, die als Kapi­ta­lis­mus bezeich­net wer­den, dass Men­schen auf sehr ver­schie­de­ne Arten des wirt­schaf­ten – die­se Ein­sicht bestä­tigt sich erst recht, wenn wir es wagen unse­ren Euro­zen­tris­mus hin­ter uns zu las­sen und einen Bli­ck über unse­re west­li­che Welt hin­aus zu wagen. Nur weil wir es in den letz­ten Jahr­hun­der­ten durch ver­schie­den­s­te Kolo­nia­li­sie­rungs­prak­ti­ken geschafft haben, vie­le ande­re Kul­tu­ren erfolg­reich zu zer­stö­ren und es heu­te ein mäch­ti­ges glo­ba­les Wirt­schafts­sys­tem gibt, das welt­weit Men­schen sei­ne Sach­zwang­lo­gik auf­drückt, hat das noch lan­ge nichts damit zu tun, das es der mensch­li­chen Natur ent­spricht – es ent­spricht viel­mehr aktu­el­len glo­ba­len Macht­ver­hält­nis­sen. Die mensch­li­che Natur zeich­net sich dage­gen dadurch aus, dass sie offen ist, d.h. ihre Prak­ti­ken nicht fest­ge­schrie­ben sind und Men­schen sie anpas­sen, über­den­ken und ändern kön­nen.

 

3. In unse­rer aktu­el­len Aus­ga­be liegt der Kapi­ta­lis­mus auf der Couch. Er ist aus­ge­brannt, kaum jemand glaubt noch ernst­haft an ihn, immer häu­fi­ger fragt man sich “wozu”, Kri­sen­stim­mung macht sich breit. Ist die Blü­te­zeit des Kapi­ta­lis­mus vor­über? Und wie geht es wei­ter?

Die Per­spek­ti­ve einer all­ge­mein ver­brei­te­ten Kri­sen­stim­mung kann ich nicht mit­tra­gen. Viel­mehr sehe ich zwei gewis­ser­ma­ßen gegen­läu­fi­ge Ent­wick­lun­gen: auf der einen Sei­te ist die herr­schen­de finanz­ka­pi­ta­lis­ti­sche Welt­wirt­schafts­ord­nung so stark wie noch nie – man beden­ke nur, dass die letz­te Finanz­kri­se zugleich die ers­te in der Geschich­te war, in der kei­ner der Ver­ant­wort­li­chen für sein Han­deln juris­ti­sch belangt wor­den ist. Da macht es eher den Ein­druck, als hät­te sich der glo­ba­le Finanz­ka­pi­ta­lis­mus so eine fes­te Burg gebaut, dass nicht ein­mal sei­ne eige­ne Kri­se ihn mehr erschüt­tern kann. Aller­dings glau­be ich weder, dass „der Kapi­ta­lis­mus“ Bur­gen baut, noch, dass er müde ist. Der Kapi­ta­lis­mus ist kei­ne Per­son die auf der Couch liegt. Es ist eine gesell­schaft­li­che Fik­ti­on, die wir alle in unse­rem all­täg­li­chen Han­deln repro­du­zie­ren… und momen­tan sind vie­le Men­schen sehr erfolg­reich damit.

Wenn jemand müde ist, müs­sen wir das sein – die Men­schen und das ist die ande­re Sei­te der Medail­le. Ver­schie­den­s­te Kri­sen­phä­no­me­ne, wel­che, das mensch­li­che Dasein exis­ten­zi­ell bedro­hen und sei­ne aktu­el­le Lebens- und Wirt­schafts­wei­se infra­ge stel­len, brin­gen Men­schen immer mehr zum Nach­den­ken, wie er sein Han­deln ändern könn­te, um auf nach­hal­ti­ge Wei­se zu einem guten Leben für Men­sch und Umwelt bei­zu­tra­gen.

Eine Per­spek­ti­ve dar­auf könn­te sein, dass welt­wei­te Beschleu­ni­gungs­pro­zes­se und das end­lo­se Stre­ben nach „mehr“, nicht nur die Umwelt zer­stört, son­dern auch vie­le Men­schen ermü­det haben. Sie ste­hen vor einer Sinn­kri­se, fra­gen sich, was das alles soll. Das Leben erscheint als Hams­ter­rad, in dem sie nach etwas Stre­ben, was sie weder wol­len, noch sie glück­li­ch macht. Ein Attest was dar­aus häu­fig folgt ist Bur­nout. Heu­te kön­nen wir ver­schie­den­s­te Gegen­be­we­gun­gen dazu beob­ach­ten. Einer­seits gibt es Men­schen, die für völ­lig aus­stei­gen und ihr Leben ändern, auf der ande­ren Sei­te ver­su­chen aber auch Unter­neh­men sich zu ändern und mehr dem Sinn­be­dürf­nis der Men­schen anzu­pas­sen und ihnen ein Umfeld zu bie­ten, in dem sol­che Kri­sen nicht auf­tau­chen. Ob sie damit auch Ver­ant­wor­tung für die ande­ren Pro­ble­ma­ti­ken, wie dem Umwelt­wan­del über­neh­men, ist von Fall zu Fall unter­schied­li­ch. Ich den­ke, dass die­se Ent­wick­lung wei­ter­ge­hen wird. Men­schen wer­den aus­stei­gen und aus der Erfah­rung von Pro­ble­ma­ti­ken ande­re For­men des Wirt­schaf­tens und des Zusam­men­le­bens ent­wi­ckeln, ande­rer­seits wer­den Unter­neh­men ver­su­chen sich anzu­pas­sen – ob sie dabei Green­wa­shing betrei­ben oder authen­ti­sche Ver­ant­wor­tung über­neh­men und ande­res Wirt­schaf­ten mög­li­ch machen wol­len steht letz­ten Endes auch im Zusam­men­hang damit, was wir for­dern – poli­ti­sch und per­sön­li­ch.

 

4. Ist eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung im Kapi­ta­lis­mus denk­bar?

Das kommt stark dar­auf an, was man einer­seits unter Kapi­ta­lis­mus ver­steht und wie man ande­rer­seits Nach­hal­tig­keit inter­pre­tiert. Wenn nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung in einem sozi­al- öko­lo­gi­schen Wan­del besteht, der sich dadurch aus­zeich­net, dass nut­zen­ma­xi­mie­ren­des Han­deln zuguns­ten des Gemein­wohls auf­ge­ge­ben und Pri­vat­ei­gen­tum zuguns­ten von Umwelt­be­wah­rung weit­ge­hend auf­ge­ho­ben wird, bräuch­te es schon einen ziem­li­ch wei­ten Begriff von Kapi­ta­lis­mus, damit das dar­aus erwach­sen­de Sys­tem damit noch gefasst wür­de. Wenn nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung aller­dings damit ein­her­gin­ge, dass Unter­neh­men sich zuneh­mend ihrer gesell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung bewusst wer­den und die­se aktiv in Bezug auf einen Erhalt von Umwelt und Gesell­schaft wahr­neh­men, wäre es viel­leicht eher mög­li­ch, den Begriff des Kapi­ta­lis­mus wei­ter zu ver­wen­den – auch wenn der Homo Oeco­no­mi­cus dann raus­fal­len wür­de. Ich glau­be, dass das Sys­tem letzt­end­li­ch aus den Men­schen besteht die dar­in agie­ren, und die­se legen fest, wie es kon­kret aus­ge­stal­tet ist. Gegen­wär­tig sehe ich bei­de Ent­wick­lun­gen – den Ent­wurf einer völ­lig neu­en Wirt­schafts­wei­se unter ande­ren Arbeits- und Eigen­tums­be­din­gun­gen, sowie den Ver­su­ch in alten Struk­tu­ren ver­ant­wor­tungs­voll zu han­deln, um nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung vor­an zu trei­ben. Ich den­ke eine nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung braucht bei­des: ein Bewusst­sein für die Struk­tu­ren, die nicht immer wie­der ver­hee­ren­de Aus­wir­kun­gen haben, wie Kapi­tal­markt­bla­sen, sowie aber auch eine indi­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me für das jewei­li­ge Han­deln. Ein Sys­tem kann kei­ne Ver­ant­wor­tung über­neh­men, das kann nur der Men­sch und bes­ten­falls struk­tu­riert er dabei das Sys­tem so, dass es ihm dies auch ermög­licht.

Das Risiko ist größer geworden – Interview mit Torsten Hinrichs

Dieses Interview ist erstmals in agora42 5/2011 Risiko erschienen.

 

Das Risiko ist größer geworden

Inter­view mit Tors­ten Hin­richs in 2011

 

 

Herr Hin­richs, wie defi­nie­ren Sie Risi­ko?

Torsten Hinrichs

Tors­ten Hin­richs ist CEO von Scope Group/Scope Ratings AG. Bis 2014 war er Nie­der­las­sungs­lei­ter von Stan­dard & Poor’s Credit Mar­ket Ser­vices Euro­pe Ltd. (Nie­der­las­sung Deutsch­land) und Geschäfts­füh­rer der McGraw-Hill (Ger­many) GmbH in Frank­furt mit Ver­ant­wor­tung für den deutsch­spra­chi­gen Raum, Nord- und Ost­eu­ro­pa sowie in den Emer­ging Mar­kets. Hin­richs hält einen Abschluss in Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten als Dipl. Kauf­mann der Uni­ver­si­tät Ham­burg.

Risi­ko ist das Ein­tre­ten uner­war­te­ter Ereig­nis­se. Das wür­de ich gar nicht unbe­dingt auf das Ein­tre­ten nega­ti­ver uner­war­te­ter Ereig­nis­se beschrän­ken wol­len, denn auch beim Ein­tre­ten posi­ti­ver uner­war­te­ter Ereig­nis­se ent­steht Unsi­cher­heit. Risi­ko und Unsi­cher­heit sind Begrif­fe, die stark mit­ein­an­der kor­re­lie­ren.

 

Was ist eigent­li­ch ein Rating und was kann es leis­ten?

Die Stan­dard­de­fi­ni­ti­on lau­tet: Ein Rating ist eine Mei­nungs­äu­ße­rung über die Boni­tät eines Schuld­ners, das heißt über die zukünf­ti­ge Fähig­keit und Bereit­schaft eines Kre­dit­neh­mers, sei­ne Ver­bind­lich­kei­ten voll­stän­dig und pünkt­li­ch zu bedie­nen. Was leis­tet ein Rating? An den glo­ba­len Kapi­tal­märk­ten beob­ach­ten wir in zuneh­men­dem Maße – und je mehr Kapi­tal wir in der Glo­ba­li­sie­rung sehen, desto mehr trifft dies zu – eine Infor­ma­ti­ons­asym­me­trie. Das heißt, die­je­ni­gen, die Geld an den Kapi­tal­märk­ten auf­neh­men (die Emit­ten­ten), wis­sen sehr gen­au über ihre eige­ne Boni­tät Bescheid, wohin­ge­gen die Anle­ger, die Inves­to­ren, die die Anlei­hen kau­fen sol­len, über ein rela­tiv gerin­ges Wis­sen ver­fü­gen. Ratings haben – im gro­ßen Kon­text betrach­tet – auch die Auf­ga­be, die­se Infor­ma­ti­ons­asym­me­trie aus­zu­glei­chen und dazu bei­zu­tra­gen, dass die Anle­ger eine qua­li­fi­zier­te­re Anla­ge­ent­schei­dung tref­fen kön­nen.

 

Im Zusam­men­hang mit Ratings fällt häu­fig der Begriff „Basis­sze­na­rio“. Was ist unter einem Basis­sze­na­rio zu ver­ste­hen?

Dies lässt sich gut am Bei­spiel der Ana­ly­se von Ver­brie­fun­gen erläu­tern: Ver­brie­fungs­ra­tings sind rein quan­ti­ta­ti­ve, mathe­ma­ti­sch-sta­tis­ti­sche Ana­ly­sen, in denen der Pool von For­de­run­gen, die zur Ver­brie­fung anste­hen, und die Fähig­keit die­ses Pools, in der Zukunft Erträ­ge zu gene­rie­ren, ana­ly­siert wer­den. Um ein sol­ches Basis­sze­na­rio erstel­len zu kön­nen, müs­sen Annah­men zur zukünf­ti­gen makro­öko­no­mi­schen Situa­ti­on getrof­fen wer­den, das heißt zum Bei­spiel zur Höhe der Arbeits­lo­sig­keit oder zum Stand der Häu­ser­prei­se in den USA. Aus­ge­hend von die­sen Annah­men ent­wi­ckeln wir schließ­li­ch ein Basis­sze­na­rio, das heißt wir gehen von einem Wirt­schafts­wachs­tum von x aus, von einer Arbeits­lo­sig­keit von y, von einem Ver­hal­ten der Schuld­ner in die­sem Pool, das ähn­li­ch oder anders ist, als es in der Ver­gan­gen­heit war und so wei­ter und so fort. Ver­ein­facht aus­ge­drückt, pro­gnos­ti­zie­ren wir anhand sol­cher Sze­na­ri­en zukünf­ti­ge Cash­flows und erstel­len auf Basis die­ser Cash­flows das Rating für die Ver­brie­fun­gen. Nun ist es aber völ­lig nor­mal, dass ande­re Markt­teil­neh­mer ande­re Annah­men haben: opti­mis­ti­sche­re oder auch weni­ger opti­mis­ti­sche. Die­se Annah­men, die – bild­li­ch gespro­chen – links und rechts von unse­rem Basis­sze­na­rio lie­gen, ana­ly­sie­ren wir eben- falls, wir erstel­len soge­nann­te What-if-Sze­na­ri­en, das heißt wir tei­len den Anle­gern mit, wel­che Ratings wir unter einer opti­mis­ti­sche­ren oder weni­ger opti­mis­ti­schen Annah­me ver­ge­ben wür­den.

Verbriefung: Unter einer Verbriefung versteht man die Umwandlung nicht handelbarer Forderungen in handelbare Wertpapiere. Eine Forderung ist der Anspruch eines Kreditgebers (Gläubigers) auf eine Geldzahlung. Dieser Anspruch erwächst daraus, dass beispielsweise Waren geliefert, bestimmte Leistungen erbracht oder Kredite vergeben wurden. Wenn verschiedene Forderungen zusammengelegt werden, nennt man das einen Pool. Dieser Pool wird verbrieft, das heißt in ein Wertpapier umgewandelt, das am Kapitalmarkt gehandelt werden kann. Die Verbriefung bietet beispielsweise Banken die Möglichkeit, ihre Forderungen auf Dritte zu übertragen (mit anderen Worten: ihre Risiken auszulagern) und dadurch ihren Spielraum bei der Vergabe von Krediten zu erweitern.

 

Wir wer­den mit immer extre­me­ren Ereig­nis­sen auf den Märk­ten kon­fron­tiert. So war es bis vor kur­zem unvor­stell­bar, dass die vier größ­ten Invest­ment­ban­ken der Welt auf einen Schlag ver­schwin­den könn­ten, dass Groß­tei­le des Ban­ken­sys­tems ver­staat­licht wer­den oder dass wir über den Bank­rott hoch ent­wi­ckel­ter Euro­staa­ten dis­ku­tie­ren. Wie lässt sich ange­sichts die­ser Risi­ken eigent­li­ch noch ein län­ger­fris­ti­ges Sze­na­rio durch­spie­len und folg­li­ch ein län­ger­fris­ti­ges Rating abge­ben?

Das ist durch­aus schwie­ri­ger gewor­den. Ratings sol­len ja über einen Kon­junk­tur­zy­klus hin­weg – wenn er denn so ver­läuft, wie pro­gnos­ti­ziert – sta­bil blei­ben. Kon­junk­tur­zy­klen unter­schei­den sich von Bran­che zu Bran­che. Des­halb sind die Ratings in der Auto­mo­bil­bran­che nicht so lang­fris­tig aus­ge­legt wie in der Nah­rungs­mit­tel­bran­che. Nun sind ers­tens die Kon­junk­tur­zy­klen kür­zer gewor­den. Zwei­tens hat sich der Markt ins­ge­samt deut­li­ch vola­ti­ler ent­wi­ckelt und dem­entspre­chend ist auch die Wahr­schein­lich­keit gestie­gen, dass es zu extre­men Ereig­nis­sen kommt. Mit ande­ren Wor­t­en: Das Risi­ko ist grö­ßer gewor­den. Gera­de des­we­gen ist der For­ward-Loo­king-Aspekt wich­ti­ger und die Rele­vanz unse­rer Ratings grö­ßer gewor­den.

Volatilität: In Bezug auf Wertpapiere wie Aktien oder Anleihen bezeichnet Volatilität (von lateinisch volatilis: fliegend, flüchtig) ein Maß für das Kursrisiko. Je höher die Volatilität eines Wertpapiers ist, umso größeren Schwankungen ist sein Kurs unterworfen. Wenn der Begriff Volatilität auf dem Markt als ganzen angewendet wird, ist damit nicht nur die Bandbreite der Schwankungen von Wertpapierkursen, sondern von allen auf dem Markt befindlichen Finanzparametern (beispielsweise auch Rohstoffpreisen oder Zinssätzen) gemeint.

 

Kann man in der heu­ti­gen gesamt­wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on – die US-Wirt­schaft liegt am Boden, Euro­pa wird von einer Staats­schul­den­kri­se heim­ge­sucht, eine neue Welt­wirt­schafts­kri­se wird immer wahr­schein­li­cher – über­haupt noch ein bes­se­res Rating als A recht­fer­ti­gen?

Eine inter­es­san­te Fra­ge, die mich dazu ver­lei­tet, wie­der auf die Defi­ni­ti­on von Ratings zurück­zu­kom­men. Vor­hin habe ich gesagt, Ratings sind Mei­nun­gen zur zukünf­ti­gen Zah­lungs­fä­hig­keit eines Schuld­ners. Jetzt gehe ich noch einen Schritt wei­ter und sage, Ratings sind rela­ti­ve Ran­grei­hun­gen von Zah­lungs­fä­hig­keit. Rela­ti­ve Ran­grei­hung bedeu­tet: Höhe­re Ratings fal­len sel­te­ner aus als nied­ri­ge­re und sie fal­len spä­ter aus als nied­ri­ge­re. Das heißt Ratings sind kei­ne abso­lu­ten Pro­gno­sen über die Aus­fall­wahr­schein­lich­keit einer Ver­bind­lich­keit, son­dern sind in Rela­ti­on zu ande­ren Ratings zu sehen. Das heißt die Bewer­tung BBB bedeu­tet nicht, dass mit ihr für alle Zeit eine Aus­fall­wahr­schein­lich­keit von fünf Pro­zent in einem Fünf-Jah­res-Hori­zont ver­bun­den ist. Viel­mehr sagen wir, in Rela­ti­on zu ande­ren Ratings – gewis­ser­ma­ßen zur Peer­group – lau­tet die Bewer­tung: BBB. Im Nach­hin­ein lässt sich durch die Beob­ach­tun­gen, die man über die ver­gan­ge­nen Jah­re gemacht hat, jeder Rating­klas­se sta­tis­ti­sch eine beob­ach­te­te Aus­fall­wahr­schein­lich­keit zuord­nen. Das ist ein ent­schei­den­der Punkt, denn vie­le Miss­ver­ständ­nis­se ent­ste­hen dadurch, dass fälsch­li­cher­wei­se ange­nom­men wird, Ratings pro­gnos­ti­zier­ten Aus­fall­wahr­schein­lich­kei­ten.

Die­se Rela­tio­nen haben immer Bestand und des­we­gen kann man auch in Zei­ten öko­no­mi­scher Unsi­cher­heit durch­aus AAA-Ratings ver­tre­ten. Aber dann ist mit AAA eben – wir müs­sen das in fünf oder zehn Jah­ren bewer­ten – even­tu­ell eine etwas höhe­re Aus­fall­wahr­schein­lich­keit ver­bun­den, als dies in den Jah­ren zuvor der Fall war. Das ist aber ganz nor­mal. Wir beob­ach­ten in Abhän­gig­keit von der Kon­junk­tur durch­aus leich­te Schwan­kun­gen in Bezug auf Aus­fall­wahr­schein­lich­kei­ten. Ein­mal ist das Risi­ko von Aus­fäl­len gene­rell etwas höher, dann ist es wie­der nied­ri­ger.

 

Könn­te man – um dies bild­li­ch zu fas­sen – sagen, dass der Markt in raue­re See gekom­men ist, und dass es folg­li­ch schwie­ri­ger gewor­den ist als noch vor zehn, zwan­zig Jah­ren, sich an bestimm­ten Punk­ten zu ori­en­tie­ren?

Ich den­ke, so kann man das sagen. Die Zyklen, die gewis­ser­ma­ßen den Rah­men bil­den, in denen die wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen statt­fin­den, sind deut­li­ch kür­zer gewor­den.

 

Torsten Hinrichs Interview

 

Sie haben Risi­ko als das Ein­tre­ten uner­war­te­ter Ereig­nis­se defi­niert. Wenn aber Ereig­nis­se nicht zu erwar­ten sind – im Gegen­satz etwa zum Rou­let­te­spiel, wo das Ereig­nis rot mit einer gewis­sen Wahr­schein­lich­keit erwart­bar ist –, ist dann Risi­ko über­haupt kal­ku­lier­bar? Oder sind wir dem Risi­ko aus­ge­lie­fert?

Die­se Fra­ge unter­stellt, dass Ratings eine Aus­sa­ge über die Wahr­schein­lich­keit zukünf­ti­ger (Kredit-)Ereignisse tref­fen und cha­rak­te­ri­sie­ren auf anschau­li­che Wei­se die Pro­ble­ma­tik in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung von Ratings. Stan­dard & Poor’s Ratings sind, wie gesagt, rela­ti­ve Ran­grei­hun­gen von Boni­tät. Hohe Ratings wei­sen sel­te­ner Zah­lungs­stö­run­gen auf als nied­ri­ge und soll­te dies doch der Fall sein, tre­ten die Pro­ble­me spä­ter ein, als es bei nied­ri­gen Ratings der Fall ist. Eine sinn­vol­le Nut­zung von Ratings bedingt immer das Stu­di­um der kom­plet­ten Ana­ly­se, eine Aus­ein­an­der­set­zung mit den Annah­men, die unse­re Ana­lys­ten zu zukünf­ti­gen Ent­wick­lun­gen tref­fen und mün­det dann in einer eige­nen Ein­schät­zung zur Boni­tät in Rela­ti­on zu alter­na­ti­ven Invest­ment­mög­lich­kei­ten.

 

Rating­agen­tu­ren wird oft vor­ge­wor­fen, dass ihre Bewer­tun­gen Scha­den anrich­ten. Ihre Ant­wort auf die­se Vor- wür­fe lau­tet, dass Sie den Inves­to­ren ledig­li­ch eine zusätz­li­che unab­hän­gi­ge Mei­nung an die Hand geben wol­len. Aber sind Sie da nicht in einer Zwick­müh­le? Auf der einen Sei­te muss Ihre Mei­nung eine Rele­vanz haben, weil Sie als Unter­neh­men auf Auf­trä­ge ange­wie­sen sind. Wenn aber auf der ande­ren Sei­te die Rele­vanz Ihrer Ratings so enorm ist wie der­zeit, dann wird die Mei­nung nicht mehr als Mei­nung emp­fun­den, son­dern bekommt eher den Cha­rak­ter eines Urteils­spruchs, mit der Fol­ge, dass Sie mas­siv in die Kri­tik gera­ten. Sehen Sie eine Lösung, wie Sie aus die­ser Zwick­müh­le her­aus­kom­men kön­nen?

Zunächst ein­mal kommt die heu­ti­ge Bedeu­tung von Ratings ja nicht von unge­fähr. Zum einen hat Stan­dard & Poor’s mit sei­nen Ratings über die letz­ten Jahr­zehn­te hin­weg – Ratings in der heu­ti­gen Form machen wir seit den 1960er Jah­ren – ganz über­wie­gend rich­tig gele­gen. Das lässt sich sta­tis­ti­sch nach­wei­sen. Die­se hohe Treff­ge­nau­ig­keit der Ratings ist ein Grund, war­um Ratings heu­te die­se Bedeu­tung für den Markt erlangt haben. Zum ande­ren beruht unser Geschäfts­mo­dell auf Unab­hän­gig­keit. Das wird heu­te – manch­mal schmerz­li­ch – gera­de den Poli­ti­kern bewusst. Unse­re Mei­nun­gen sind unbe­ein­flusst von Emit­ten­ten­in­ter­es­sen, Inves­to­ren­in­ter­es­sen oder von poli­ti­schen Inter­es­sen.

Im Zusam­men­hang mit der fort­schrei­ten­den Glo­ba­li­sie­rung der Kapi­tal­märk­te haben Ratings dann jedoch Ein­zug in Regel­wer­ke gefun­den, wie zum Bei­spiel in Basel II. Sie wur­den her­an­ge­zo­gen zur Eigen­ka­pi­tal­be­mes­sung von Ban­ken und als Anla­ge­kri­te­ri­en für Inves­to­ren. Die­ser Trend, dass Ratings in Regel­wer­ke Ein­zug gehal­ten haben, ist nicht in unse­rem Inter­es­se. Denn in dem Maße, in dem Ratings in hoheit­li­che Auf­ga­ben ein­ge­bun­den und zur Regu­lie­rung her­an­ge­zo­gen wer­den, wird unse­re unab­hän­gi­ge Mei­nungs­äu­ße­rung in gewis­ser Hin­sicht ein­schränkt oder ist zumin­dest in der Gefahr, ein­ge­schränkt zu wer­den. Gen­au das sehen wir heu­te. Somit sehe ich einen Lösungs­an­satz dar­in, Ratings aus die­sen Regel­wer­ken wie­der her­aus­zu­neh­men und als das zu betrach­ten, was sie eigent­li­ch sind, näm­li­ch unse­re Mei­nung zur Boni­tät.

 

Die Euro­pä­er spie­len mit dem Gedan­ken, eine eige­ne Rating­agen­tur zu grün­den. Was wür­de das brin­gen? Wür­de die­se Agen­tur zu ande­ren Ergeb­nis­sen kom­men? Bis­lang haben sich über­dies die Markt­teil­neh­mer über­wie­gend an die Bewer­tun­gen der gro­ßen drei Agen­tu­ren gehal­ten. Ange­nom­men, es wür­de eine Viel­zahl von Rating­agen­tu­ren geben, gin­ge dann nicht auch die ori­en­tie­ren­de Funk­ti­on der Ratings ver­lo­ren? Und damit der Sinn des Ratings über­haupt?

Es gibt da meh­re­re Aspek­te zu berück­sich­ti­gen: Zum einen kann Wett­be­werb auch am Markt für Ratings durch­aus hilf­reich sein. Er könn­te dazu füh­ren, dass die Inves­to­ren auf­grund unter­schied­li­cher Geschäfts­mo­del­le und unter­schied­li­cher ana­ly­ti­scher Metho­dik eine grö­ße­re Band­brei­te von Mei­nun­gen ange­bo­ten bekä­men, an denen sie sich ori­en­tie­ren könn­ten. Inso­fern könn­te eine grö­ße­re Mei­nungs­viel­falt am Markt ent­ste­hen. Im Augen­bli­ck sind die Metho­den der drei gro­ßen Agen­tu­ren zwar nicht iden­ti­sch und auch in Bezug auf die Rating­aus­sa­ge gibt es Unter­schie­de, aber ins­ge­samt lie­gen sie schon rela­tiv nahe bei­ein­an­der.

Wich­tig ist, dass eine neue Agen­tur erst ein­mal ihre Unab­hän­gig­keit beweist. So müss­te gera­de eine neue euro­päi­sche Agen­tur erst ein­mal den Nach­weis erbrin­gen, dass sie von der euro­päi­schen Poli­tik unab­hän­gig ist. Außer­dem müss­ten, um einen funk­tio­nie­ren- den Markt sicher­zu­stel­len, alle Agen­tu­ren auf Augen­hö­he mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren. Das heißt, die glei­chen Rechts­vor­schrif­ten müs­sen auch für neue Agen­tu­ren gel­ten. Das schränkt den Wett­be­werb sehr stark ein. Der ent­schei­den­de Punkt ist jedoch, dass sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten ein Qua­li­täts­stan­dard von Ratings ent­wi­ckelt hat. Es kommt ja nicht von unge­fähr, dass Stan­dard & Poor’s wie auch Moody’s oder Fit­ch häu­fig zu ähn­li­chen Ergeb­nis­sen kom­men. Über lan­ge Zeit hin­weg hat sich offen­sicht­li­ch eine gut funk­tio­nie­ren­de Art her­aus­kris­tal­li­siert, wie Risi­ken zu beur­tei­len sind. Ich mei­ne selbst­ver­ständ­li­ch nur Boni­täts­ri­si­ken. Wenn es in den letz­ten 150 Jah­ren bes­se­re Metho­den gege­ben hät­te, dann hät­ten die sich durch­ge­setzt. Es fällt mir also schwer zu glau­ben, dass es metho­di­sch gro­ße Alter­na­ti­ven gibt. Über­dies ist es viel- leicht gar nicht so wün­schens­wert, mit einer ato­mi­sier­ten Kon­kur­renz­struk­tur an den Markt zu kom­men. Um die Unab­hän­gig­keit und die ana­ly­ti­sche Qua­li­tät zu wah­ren, ist es in gewis­sen Märk­ten viel­leicht erfor­der­li­ch, dass es nur weni­ge Wett­be­wer­ber gibt. Das ist ein Gedan­ken­gang, der zum Bei­spiel auch vom Finanz­markt­öko­no­men Jan-Pie­ter Krah­nen vehe­ment ver­tre­ten wird.

 

Sie haben das Rating als „ver­glei­chen­de Kunst“ bezeich­net. Nun ver­bin­det man ein Rating eher mit Wahr­schein­lich­keits­rech­nung auf der einen und Wirt­schafts­wis­sen­schaft auf der ande­ren Sei­te. Wenn es sich aber um eine Kunst han­delt, wie soll dann die nöti­ge Objek­ti­vi­tät gewahrt wer­den kön­nen?

Die Objek­ti­vi­tät wird zum einen dadurch gewahrt, dass unse­re Rating­kri­te­ri­en für jeder­mann ein­seh­bar sind und welt­weit kon­sis­tent ange­wen­det wer­den. Zum ande­ren wird natür­li­ch durch die Kri­te­ri­en selbst für Objek­ti­vi­tät gesorgt. Es gibt fes­te Vor­ga­ben hin­sicht­li­ch der Fra­ge, wel­che Aspek­te der Ana­lyst zu berück­sich­ti­gen hat und auf wel­che Gebie­te er ein­ge­hen muss. Die­se Vor­ga­ben bil­den das Gerüst, anhand des­sen der Ana­lyst sei­ne Ana­ly­se durch­führt und sei­nen Vor­schlag schließ­li­ch dem Rating­ko­mi­tee unter­brei­tet. Das Rating als sol­ches bestimmt nicht der ein­zel­ne Ana­lyst, son­dern immer das Komi­tee, in dem die­ser Vor­schlag dis­ku­tiert wird.

Wenn ich von ver­glei­chen­der Kunst gespro­chen habe, zie­le ich dar­auf ab, dass es um mehr geht als um das blo­ße Aus­fül­len von For­meln, um blo­ße Mathe­ma­tik oder Sta­tis­tik. Hier­bei soll­te man im Hin­ter­kopf haben, dass Ratings vor­wärts­bli­cken­de Mei­nungs­äu­ße­run­gen sind. Wir ver­su­chen also aus dem, was wir heu­te sehen, auf die wei­te­re Ent­wick­lung zu schlie­ßen. Wie las­sen sich die ver­schie­de­nen Infor­ma­tio­nen, die uns das Markt­ge­sche­hen lie­fert, mit­ein­an­der in Bezie­hung set­zen? Ratings sind also immer eine Mischung aus quan­ti­ta­ti­ver Ana­ly­se, sprich Bilanz­ana­ly­se, und qua­li­ta­ti­ver Bewer­tung.

 

Wie groß ist dabei der sub­jek­ti­ve Fak­tor? Ange­nom­men, der Ana­lyst, der sich eine gan­ze Zeit lang… – in die­sem Zusam­men­hang: Wie lan­ge dau­ert es cir­ca, bis ein Rating erstellt ist?

Beim Erstra­ting eines Unter­neh­mens rech­nen wir mit vier bis acht Wochen, je nach Kom­ple­xi­tät.

 

… der Ana­lyst hat sich also inten­siv mit der Mate­rie befasst, tritt vor das Komi­tee und macht einen Rating­vor­schlag. An der Stel­le des Komi­tees wür­de ich mir sagen: „Der ist so tief in der Mate­rie drin, den Vor­schlag win­ke ich ab.“ Ist die Gefahr einer sub­jek­ti­ven Sicht­wei­se also nicht den­no­ch gege­ben?

Das wür­den Sie abwin­ken, weil Sie kein Fach­mann in der bestimm­ten Bran­che sind. Stel­len Sie sich das so vor: Ein Auto­mo­bi­lana­lyst, sagen wir einer mei­ner Frank­fur­ter Kol­le­gen, ana­ly­siert einen Kun­den – zum Bei­spiel Volks­wa­gen. Dann stellt die­ser Ana­lyst zusam­men mit sei­nem Team dem Komi­tee sei­ne Ana­ly­se zu Volks­wa­gen vor und macht einen Rating­vor­schlag. In die­sem Komi­tee sind Per­so­nen ver­sam­melt, die Toyo­ta, Hon­da, Gene­ral Motors, Ford, Peu­geot oder Daim­ler ana­ly­sie­ren. Das heißt jene, die das Komi­tee bil­den, sind aus­ge­wie­se­ne Fach­leu­te in der glei­chen Mate­rie. Ich habe bewusst auch ame­ri­ka­ni­sche und asia­ti­sche Fir­men genannt, weil Ratings welt­weit kon­sis­tent sein müs­sen. Die­se ein­heit­li­che Grund­la­ge schaf­fen wir dadurch, dass wir Rating­ko­mi­tees in einer bestimm­ten Form, näm­li­ch ana­log zur Wett­be­werbs­si­tua­ti­on unse­res Kun­den zusam­men­stel­len, damit die Exper­ti­se im Komi­tee die Geschäfts­be­rei­che und das Markt­um­feld des Kun­den wider­spie­gelt. Folg­li­ch ist der Rating­ana­lyst nicht mehr der allei­ni­ge Wis­sens­trä­ger in die­sem Komi­tee. Im Gegen­teil: Er trifft im Komi­tee auf ein kol­lek­ti­ves Wis­sen, das deut­li­ch grö­ßer ist als sein eige­nes. Dar­aus ent­ste­hen sehr kon­struk­ti­ve und kri­ti­sche Dis­kus­sio­nen.

 

In einer Rating­agen­tur ver­mu­tet man in ers­ter Linie Sta­tis­ti­ker und Mathe­ma­ti­ker. Unter­neh­men sind jedoch auch von gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen, Stim­mungs­la­gen und poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen – bei­spiels­wei­se der Ver­ga­be von Sub­ven­tio­nen – abhän­gig. Spie­len auch Sozio­lo­gen, Psy­cho­lo­gen, Poli­to­lo­gen oder viel­leicht sogar Phi­lo­so­phen bei Stan­dard & Poor’s eine Rol­le?

Die Wahr­heit liegt gen­au in der Mit­te. Ja, wir haben eini­ge weni­ge Finanz­ma­the­ma­ti­ker, im Wesent­li­chen im Bereich des Ver­si­che­rungs­ra­tings. Wir haben aber eigent­li­ch kei­ne rei­nen Mathe­ma­ti­ker, es sei denn sol­che, die Model­le kon­stru­ie­ren, die bei struk­tu­rier­ten Finan­zie­run­gen ange­wen­det wer­den. Es sind auch eini­ge Inge­nieu­re für uns tätig. Denn wenn Sie Infra­struk­tur­maß­nah­men – bei­spiels­wei­se Brü­cken, die auf Maut­ba­sis finan­ziert wer­den – raten wol­len, soll­ten Sie schon ein biss­chen Ahnung von Tech­nik haben. Aber die Rating­ar­beit selbst machen in ers­ter Linie Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler – da gibt es kaum Phi­lo­so­phen.

 

Es wird immer unwahr­schein­li­cher, dass die Staats­ver­schul­dung in West­eu­ro­pa, in den USA und in Japan noch beherrscht wer­den kann. In einer gesamt­wirt­schaft­li­ch der­art pre­kä­ren Situa­ti­on kön­nen Ratings von Staa­ten nicht beson­ders posi­tiv aus­fal­len. Den­no­ch ste­hen die Rating­agen­tu­ren ob ihrer Bewer­tun­gen immer wie­der in der Kri­tik, vor allem auch sei­tens der Poli­tik. Wird hier ein Sün­den­bock gesucht?

Ein Grund für die­se Kri­tik ist dar­in zu sehen, dass von vie­len Poli­ti­kern immer noch nicht gänz­li­ch ver­stan­den wird, wor­in die Aus­sa­ge­kraft von Ratings besteht, was also ein Rating leis­ten kann und was nicht. Unse­re Auf­ga­be besteht dar­in, zukünf­ti­ge Zah­lungs­fä­hig­keit zu beur­tei­len. Nicht mehr und nicht weni­ger.

Ein wei­te­rer Grund liegt in der unab­hän­gi­gen Natur von Rating­agen­tu­ren. Wir bei Stan­dard & Poor’s äußern unse­re Mei­nung, wenn wir der Über­zeu­gung sind, dass sich Ver­än­de­run­gen erge­ben haben, die ein ande­res Rating erfor­der­li­ch machen. Ich habe durch­aus Ver­ständ­nis dafür, dass der Zeit­punkt die­ser Mei­nungs­äu­ße­rung der Poli­tik nicht immer gele­gen kommt oder dass man nicht erfreut ist, wenn sie der poli­ti­sch gewoll­ten Lösung – Stich­punkt Betei­li­gung des pri­va­ten Sek­tors – im Wege steht. Die Kri­tik ist in sol­chen Zei­ten mit Sicher­heit häu­fi­ger und auch etwas irra­tio­na­ler als in nor­ma­len Zei­ten. Aber des­halb wer­den wir nicht anders han­deln oder unse­re Maxi­me der Unab­hän­gig­keit und der Objek­ti­vi­tät antas­ten.

 

Torsten Hinrichs Zitat

 

Im Zuge der Abwer­tung von Staa­ten durch Rating­agen­tu­ren wur­de vor­ge­schla­gen, dass sich Staa­ten in Zukunft nicht mehr über den Kapi­tal­markt finan­zie­ren sol­len, son­dern über die Zen­tral­ban­ken. Das wür­de letzt­li­ch nichts ande­res bedeu­ten, als dass eine Zen­tral­bank Geld druckt, wenn der Staat das gera­de will. Hat nicht die Geschich­te gezeigt, dass dies ein äußer­st ris­kan­tes Vor­ge­hen dar­stellt?

Das wür­de in der Tat eine fun­da­men­ta­le Ände­rung in der Pra­xis der Staats­fi­nan­zie­rung bedeu­ten. Das poli­ti­sch zu beur­tei­len, ist nicht unse­re Auf­ga­be.

 

Im Zusam­men­hang mit mög­li­chen Staats­in­sol­ven­zen ist immer wie­der von einem „teil­wei­sen Zah­lungs­aus­fall“ die Rede. Was bedeu­tet das? Heißt das, dass von einem sol­chen Aus­fall alle Gläu­bi­ger glei­cher­ma­ßen betrof­fen sind oder sind man­che stär­ker betrof­fen und man­che weni­ger stark bezie­hungs­wei­se gar nicht?

Ein teil­wei­ser Aus­fall – wir nen­nen das selec­tive default – wür­de dann auf­tre­ten, wenn ein Staat ent­schei­det, man­che Ver­bind­lich­kei­ten zurück­zu­zah­len, ande­re aber nicht. Das heißt, es gibt für einen gewis­sen Zeit­raum eine Zah­lungs­stö­rung und die­se betrifft auch nicht alle Ver­bind­lich­kei­ten des Staa­tes. Und in die­ser Unter­schei­dung, was gezahlt wird und was nicht, sehen wir den teil­wei­sen Zah­lungs­aus­fall. Es wür­de sich auch des- wegen nur um einen teil­wei­sen Aus­fall han­deln, weil ein Staat zwar insol­vent sein kann, aber ja nicht ein­fach ver­schwin­det. Wenn ein Indus­trie­un­ter­neh­men insol­vent ist, ist die Wahr­schein­lich­keit, dass es kom­plett vom Markt ver­schwin­det, gege­ben. Es wird auf­ge­löst, die Ver­mö­gens­wer­te wer­den ver­kauft.

Ein selec­tive default eines Staa­tes ist kein Zustand, der immer und ewig anhält, son­dern nach his­to­ri­scher Erfah­rung – wenn wir mal in die Latein­ame­ri­ka­kri­se zurück­ge­hen – unge­fähr bis zu einem hal­ben Jahr. Nach der Fest­stel­lung des selec­tive defaults muss man sich dann Gedan­ken dar­über machen, wie denn – etwa nach der Imple­men­tie­rung von Restruk­tu­rie­rungs­maß­nah­men –, das neue Rating aus­sieht.

 

In den letz­ten Jah­ren ist die Unsi­cher­heit auf den Märk­ten immer grö­ßer gewor­den. Wie lan­ge wird die­se Ent­wick­lung noch anhal­ten? Oder wird sich die Situa­ti­on sogar wei­ter zuspit­zen?

Es ist unmög­li­ch, hier einen bestimm­ten Zeit­raum anzu­ge­ben. Ich wür­de mir wün­schen, dass die Poli­tik in der Zukunft euro­päi­sch abge­stimmt wird und dass Maß­nah­men klar for­mu­liert und kon­se­quent umge­setzt wer­den. Das ist etwas, was in den letz­ten 18 Mona­ten nicht der Fall war und eher zu einer Ver­stär­kung der Pro­ble­me geführt hat. Wenn die Poli­tik die­se Grund­sät­ze beher­zi­gen wür­de, könn­te die hohe Vola­ti­li­tät aus den Märk­ten her­aus­kom­men und die Spe­ku­la­ti­on ein­ge­dämmt wer­den. Wir wären dann auch wie­der auf einem bes­se­ren Weg, um die Kri­se zu bewäl­ti­gen.

 

Ist nun der Zeit­punkt erreicht, die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa zu grün­den?

Ich glau­be, dass wir durch die­se Kri­se einer poli­ti­schen Ein­heit in Euro­pa über die Wäh­rung hin­aus deut­li­ch näher gekom­men sind.

 

Ste­hen die Zei­chen aber nicht eher auf Zusam­men­bruch der Euro­zo­ne?

Ich hal­te sol­che Spe­ku­la­tio­nen für völ­lig grund­los. Das Haupt­pro­blem ist die hohe Ver­schul­dung der Regie­run­gen. Durch einen Aus­tritt wür­de das Pro­blem noch ver­schärft, weil davon aus­zu­ge­hen ist, dass die natio­na­len Wäh­run­gen einem Abwer­tungs­druck aus­ge­setzt wären, die Schul­den aber nach wie vor in Euro sind. Der Euro ist eine star­ke Wäh­rung, das sehen wir immer wie­der am Ver­gleich mit dem US-Dol­lar. Und das ist auch die Hoff­nung, die ich habe: dass näm­li­ch die Kri­se auf­grund der Grund­stär­ke des Euros zu bewäl­ti­gen ist.

 

Herr Hin­richs, wir dan­ken Ihnen für die­ses Gespräch.

 

Dieses Interview ist in der agora42 5/2011 Risiko erschienen. Zur Zeit des Interviews war Torsten Hinrichs für die Ratingagentur Standard & Poor’s tätig. Die Geschichte von Standard & Poor’s reicht ins 19. Jahrhundert zurück, als das US-Eisenbahnnetz massiv ausgebaut wurde. Das erforderte Kredite, die die Banken nicht alleine schultern konnten. Industrieunternehmen begannen, Anleihen auszugeben, um an Geld zu kommen. 1868 veröffentlichte Henry Varnum Poor das „Manual of the Railroads of the United States“, in dem die Anleger Informationen über die Eisenbahngesellschaften erhielten. 1941 verschmolzen die Poor’s Publishing Company und die Standard Statistics Company zur Rating-Agentur Standard & Poor’s. Heute dominieren drei Agenturen den Markt: Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch. Standard & Poor’s (Sitz: New York) entwickelte unter anderem den S&P 500, einen der wichtigsten Aktienindizes weltweit.