Sinn und Unsinn der ökonomischen Bildung in Schulen

Die­ser Bei­trag ist in der Rubrik “Land in Sicht” in der aktu­el­len Aus­ga­be WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH erschie­nen. In die­ser Rubrik stel­len wir Unter­neh­men oder zivil­ge­sell­schaft­li­che Pro­jek­te vor, die öko­no­mi­sches und gesell­schaft­li­ches Neu­land betre­ten.

 

 

Gesellschaft für sozioökonomische Bildung & Wissenschaft

 

Gesellschaft für sozioökonomische Bildung & Wissenschaft

Erd­kun­de­bü­cher sei­en zu markt­skep­tisch und Glo­ba­li­sie­rung wer­de im Schul­un­ter­richt zu nega­tiv dar­ge­stellt – das behaup­ten Unter­neh­mens­ver­bän­de und for­dern schon lan­ge ein eige­nes Schul­fach „Wirt­schaft“. Sie erhof­fen sich dadurch auch, unter­neh­mens­ori­en­tier­tes Den­ken inklu­si­ve Grün­der­geist in Deutsch­land zu stär­ken.

In Nord­rhein-West­fa­len wird ihr Wunsch womög­lich bald in Erfül­lung gehen. In Baden- Würt­tem­berg unter­rich­ten Lehr­kräf­te bereits Wirt­schaft, Berufs- und Stu­di­en­ori­en­tie­rung (WBS). Das Fach Wirt­schaft soll öko­no­mi­sches Wis­sen ver­mit­teln und Kon­tak­te mit Unter­neh­men ermög­li­chen. Einen Modell­ver­such hier­zu gab es an Real­schu­len in NRW bereits von 2010 bis 2014. Das inter­es­san­te Ergeb­nis: An den teil­neh­men­den Schu­len hat eine Ver­drän­gung der Fächer Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und Poli­tik statt­ge­fun­den.

Die Gesell­schaft für sozio­öko­no­mi­sche Bil­dung & Wis­sen­schaft (GSÖBW) wur­de im Okto­ber 2016 gegrün­det, um der Ent­kopp­lung öko­no­mi­scher Fra­ge­stel­lun­gen von ande­ren gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­pli­nen an Schu­len und Hoch­schu­len ent­ge­gen­zu­tre­ten. Neben poli­ti­schen und sozio­lo­gi­schen Per­spek­ti­ven soll­te öko­no­mi­sche Bil­dung ihrer Mei­nung nach auch his­to­ri­sche, recht­li­che, psy­cho­lo­gi­sche und geo­gra­fi­sche Aspek­te berück­sich­ti­gen. Die Ver­en­gung der wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Leh­re auf neo­klas­si­sche Posi­tio­nen, die auch an den Uni­ver­si­tä­ten statt­fin­det, soll­te laut GSÖBW durch einen plu­ra­lis­ti­schen Ansatz ersetzt wer­den. Mit Besorg­nis nimmt die GSÖBW außer­dem die wach­sen­de Ein­fluss­nah­me von Wirt­schafts­ver­bän­den und Unter­neh­men auf die Lehr­in­hal­te in Schu­len wahr.

Mitt­ler­wei­le besteht die GSÖBW aus fast 80 Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern an Hoch­schu­len in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz und hält Kon­tak­te in die USA. Die ers­te Jah­res­ta­gung zu Ent­wick­lungs­li­ni­en und Per­spek­ti­ven in der sozio­öko­no­mi­schen Bil­dung fand im März statt. The­men, die hier behan­delt wur­den, waren unter ande­rem die Ver­drän­gung der Nor­ma­ti­vi­tät in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, kri­ti­sche Finanz­bil­dung und inhalt­li­che Bezü­ge zur Wirt­schafts­ethik. Die nächs­te Jah­res­ta­gung zum The­ma „Sozio­öko­no­mi­sche Bil­dung im his­to­ri­schen und gesell­schaft­li­chen Kon­text“ ist bereits in Pla­nung und wird Ende Febru­ar 2018 statt­fin­den.
Mehr dazu unter soziooekonomie-bildung.eu

 

Nachgefragt bei Tim Engartner, Sprecher des Vorstandes des GSÖBW

 

Der Tweet einer 17-jäh­ri­gen Schü­le­rin, die sich dar­über beschwer­te, dass sie zwar eine Gedicht­ana­ly­se in vier Spra­chen schrei­ben kön­ne, von Steu­ern, Mie­te und Ver­si­che­run­gen jedoch kei­ne Ahnung habe, fand vor knapp drei Jah­ren gro­ße Beach­tung. Ist die Ver­mitt­lung von Kennt­nis­sen zu Steu­ern, Mie­ten und Ver­si­che­run­gen die Art von sozio­öko­no­mi­scher Bil­dung, die Sie sich wün­schen?

Das ist in der Pau­scha­li­tät die Bil­dung, die wir nicht wol­len. Es ent­sprä­che einer Öko­no­mi­sie­rung der öko­no­mi­schen Bil­dung, der ein rein funk­tio­na­les Bil­dungs­ver­ständ­nis zugrun­de liegt. Zwar ist es wich­tig, dass Schü­le­rin­nen und Schü­ler Kennt­nis­se über Steu­er­po­li­tik und das Steu­er­sys­tem erwer­ben, bei­spiels­wei­se den Unter­schied von Abga­ben und Steu­ern oder die Funk­ti­on von Erb­schafts- und Ver­mö­gens­steu­ern erken­nen. Wie ich eine Steu­er­erklä­rung mache, dafür gibt es jedoch Steu­er­be­ra­ter, Ver­brau­cher­zen­tra­len oder Online-Tipps. Wel­che Aspek­te vor dem Unter­zeich­nen eines Miet­ver­trags zu beach­ten sind, lernt man außer­schu­lisch und infor­mell – bei­spiels­wei­se, wenn man die ers­te eige­ne Woh­nung bezieht. Detail­fra­gen zum Miet­recht und zu Ver­si­che­rungs­po­li­cen kön­nen nicht Gegen­stand von Unter­richt sein, zumal die­ses Wis­sen schnell ver­al­tet.

Ist es in Zei­ten funk­tio­nal dif­fe­ren­zier­ter Gesell­schaf­ten nicht sinn­voll, bestimm­tes Wis­sen dis­zi­pli­n­ori­en­tiert zu ver­mit­teln, um Schü­le­rin­nen und Schü­ler nicht zu über­for­dern?

Wir sind davon über­zeugt, dass Pro­blem- und Situa­ti­ons­ori­en­tie­rung wich­ti­ger sind als Dis­zi­pli­n­ori­en­tie­rung. Ler­nen­de neh­men die Lebens­wirk­lich­keit schließ­lich nicht nach Dis­zi­pli­nen getrennt wahr, son­dern in toto. Wir gehen nicht als rein his­to­risch, psy­cho­lo­gisch, öko­no­misch oder medi­zi­nisch den­ken­de Men­schen durch den All­tag, son­dern haben durch­weg ein dis­zi­plin­über­grei­fen­des Ver­ständ­nis. Erst wenn wir mul­ti- und trans­dis­zi­pli­när auf die Welt schau­en, gewin­nen wir ein voll­stän­di­ges Bild der Rea­li­tät. Inte­gra­ti­on statt Sepa­ra­ti­on der Dis­zi­pli­nen lau­tet daher aus unse­rer Sicht die Losung.

Wie neh­men Unter­neh­men Ein­fluss auf die Bil­dungs­po­li­tik?

Zunächst ein­mal ist wich­tig, dass dies kein Nischen-, son­dern ein Mas­sen­phä­no­men ist. Unter­neh­men und ihre Stif­tun­gen sind hier beson­ders umtrie­big. Das Aus­maß lässt sich schon dar­an able­sen, dass 16 der 20 umsatz­stärks­ten deut­schen Unter­neh­men eige­ne Unter­richts­ma­te­ria­li­en pro­du­zie­ren. Eini­ge Unter­neh­men drän­gen sogar mit eige­nen Lehr­kräf­ten in die Schu­len. Ein Bei­spiel hier­für ist die Initia­ti­ve „My Finan­ce Coach“ der Unter­neh­men Alli­anz, McK­in­sey und der Wer­be­agen­tur Grey. Neben Leh­rer­fort­bil­dun­gen und Unter­richts­ma­te­ria­li­en stellt die­se Initia­ti­ve Lehr­per­so­nen, die an die Schu­len kom­men und im regu­lä­ren Unter­richt das The­ma Finan­zen behan­deln. Inhal­te wer­den hier aller­dings weder aus­ge­wo­gen noch sach­ge­recht dar­ge­stellt. In 13 von 16 Bun­des­län­dern gibt es Zulas­sungs­ver­fah­ren für Schul­bü­cher, in denen Inhal­te sys­te­ma­tisch geprüft wer­den. Für exter­ne Anbie­ter gibt es jedoch kein Prüf­ver­fah­ren. Das ist eine unhalt­ba­re Ungleich­be­hand­lung, denn in Zei­ten chro­ni­scher Unter­fi­nan­zie­rung der Schu­len ist die­se exter­ne Ein­fluss­nah­me beson­ders dra­ma­tisch.

Was unter­schei­det Sie vom Netz­werk Plu­ra­le Öko­no­mik?

Im Gegen­satz zum Netz­werk für Plu­ra­le Öko­no­mik rekru­tie­ren wir uns aus Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern, also den­je­ni­gen, die ihr Stu­di­um bereits erfolg­reich absol­viert haben. Wir haben jedoch mit Chris­toph Gran jeman­den im Vor­stand, der auch im Netz­werk Plu­ra­le Öko­no­mik aktiv ist. Wir sind also auf Tuch­füh­lung und haben im Dezem­ber auch ein gemein­sa­mes Tref­fen in Bie­le­feld.

 

 

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Die neue agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH

mit u.a.

Ernst Ulrich von Weiz­sä­cker im Inter­view

Niko Paech, Die­ter Schnaas, Ant­je von Dewitz u.v.m.

 

Ver­sand­kos­ten­frei.

Was ist die Krise und wer sind wir danach?

Aus der aktu­el­len Aus­ga­be WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH 1/2018.

Was ist die Krise und wer sind wir danach?

 

Die­ser Arti­kel basiert auf einem gleich­na­mi­gen Vor­trag, den ich zusam­men mit mei­nem agora42-Mit­strei­ter Frank Augus­tin bei der Fach­ta­gung des Insti­tuts der Wirt­schafts­prü­fer gehal­ten haben. Wir schil­der­ten dort, war­um wir glau­ben, dass sich unse­re Gesell­schaft am Ende einer Epo­che befin­det – und damit auch am Beginn einer neu­en.

 

Immer kla­rer tritt zuta­ge, dass wir uns am Ende einer Epo­che befin­den. Einer Epo­che, die getra­gen war von dem Glau­ben dar­an, dass durch tech­ni­schen Fort­schritt (mit­hin dem Fort­schritt der Wis­sen­schaf­ten, der Ver­nunft) wirt­schaft­li­ches Wachs­tum geschaf­fen wer­den kann und dass die­ses Wachs­tum zu stei­gen­dem mate­ri­el­len Wohl­stand wie auch zu einem ins­ge­samt freie­ren, bes­se­ren Leben für alle führt. Stich­wor­te: Vor­marsch der Demo­kra­ti­en, Rechts­staat­lich­keit, freie Medi­en etc.

Inzwi­schen tre­ten jedoch die Schat­ten­sei­ten des tech­ni­schen Fort­schritts und des wirt­schaft­li­chen Wachs­tums deut­lich zuta­ge (Stich­wor­te: Erd­er­wär­mung, Umwelt­zer­stö­rung, Ungleich­ver­tei­lung, Zunah­me psy­chi­scher Krank­hei­ten). Zudem ist über­haupt nicht mehr so klar wie frü­her, was Wohl­stand meint. Bedeu­te­te er lan­ge Zeit ein Mehr an mate­ri­el­len Gütern (und gleich­zei­tig auch immer bes­se­re Güter), so tre­ten inzwi­schen ande­re Fak­to­ren in den Vor­der­grund: bei­spiels­wei­se mehr Zeit zu haben, weni­ger abhän­gig zu sein, sau­be­re Luft, sau­be­re Böden, sau­be­res Was­ser etc.

Die Kri­se ist eine Ori­en­tie­rungs­kri­se. Sie ist also nicht bloß eine Wirt­schafts- oder Demo­kra­tie­kri­se, son­dern eine Kri­se, die unser Welt­bild betrifft.

So kann der ers­te Teil der Fra­ge „Was ist die Kri­se und wer sind wir danach?“ ganz ein­fach beant­wor­tet wer­den: Die Kri­se ist eine Ori­en­tie­rungs­kri­se. Sie ist also nicht bloß eine Wirt­schafts- oder Demo­kra­tie­kri­se, son­dern eine Kri­se, die unser Welt­bild betrifft. Dies wol­len wir anhand von sie­ben Ent­wick­lun­gen bezie­hungs­wei­se Phä­no­me­nen illus­trie­ren.

 

1. Die Vernunft ist selbst unvernünftig geworden

Wolf­ram Bern­hardt stu­dier­te BWL mit dem Schwer­punkt auf Finanz- und Kapi­tal­märk­te. Er ist Mit­grün­der und Mit­her­aus­ge­ber der agora42.

Unver­ges­sen sind die berühm­ten Wor­te Ima­nu­el Kants: „Auf­klä­rung ist der Aus­gang des Men­schen aus sei­ner selbst­ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit.“ Im Zeit­al­ter der Auf­klä­rung glaub­te man dar­an, durch Ver­nunft, durch ratio­na­les Den­ken die Welt sys­te­ma­tisch ver­bes­sern zu kön­nen. Und tat­säch­lich haben sich die Men­schen seit­dem von Vor­ur­tei­len, über­hol­ten Vor­stel­lun­gen und Ideo­lo­gi­en befreit. Die neu­en Leit­bil­der waren ein Zuwachs an per­sön­li­cher Hand­lungs­frei­heit, Bil­dung, an Bür­ger­rech­ten, all­ge­mei­nen Men­schen­rech­ten, medi­zi­ni­schen und tech­ni­schen Fort­schrit­ten etc. Schreck­li­che Erfah­run­gen wie vor allem die bei­den Welt­krie­ge des letz­ten Jahr­hun­derts haben die­sen Glau­ben erschüt­tert, aber nicht zu Fall gebracht. Im Gegen­teil: Der Glau­be an den Fort­schritt boom­te, man den­ke dabei ins­be­son­de­re an die tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen (Mond­ra­ke­te oder Com­pu­ter).

Wie sieht es heu­te aus?

  • Für poli­ti­sche Füh­rer wie Trump, Erdo­gan oder Putin zäh­len „ver­nünf­ti­ge Argu­men­te“ nicht län­ger.
  • Fak­ten sind kei­ne Fak­ten mehr. Der Glau­be an so etwas wie Objek­ti­vi­tät geht ver­lo­ren. Selbst in den Wis­sen­schaf­ten gilt inzwi­schen: Zu jeder „gut beleg­ten“ The­se gibt es eine ent­spre­chend gut beleg­te Gegen­the­se, zu jeder Stu­die, die die­ses oder jenes „beweist“, fin­det man eine, die das Gegen­teil „beweist“ (Stich­wor­te: post­fak­ti­sches Zeit­al­ter, alter­na­ti­ve Fak­ten).
  • Die Über­hö­hung der Ratio hat zu einer extrem redu­zier­ten Sicht auf die Welt geführt, vie­le Pro­ble­me erst ver­ur­sacht und Erfül­lung und Sinn zuguns­ten der Errei­chung irgend­wel­cher Key-Per­for­mance-Indi­ka­to­ren aus dem Leben gedrängt.

Dabei ist die Ver­nunft­kri­se nicht plötz­lich über uns gekom­men, vie­le Den­ker haben bereits vor den Kon­se­quen­zen der Herr­schaft der Ratio­na­li­tät gewarnt. Da die Ratio­na­li­tät nur das gel­ten lässt, was mit­tels der ratio­na­len Logik (der Kau­sal­me­cha­nik des Wenn-Dann) erklärt wer­den kann, muss sie ent­we­der die Welt in die­ses star­re Kor­sett pres­sen oder sie muss wich­ti­ge Berei­che des mensch­li­chen Zusam­men­le­bens aus­blen­den. Wenn man jedoch alles aus­blen­det, was man nicht mit die­ser Logik fas­sen kann – wie Soli­da­ri­tät, Gerech­tig­keit, Wür­de, Sinn etc. –, bringt jede noch so gute Argu­men­ta­ti­on nichts, da sich rein ratio­nal oft auch das Gegen­teil begrün­den lässt. Dann kann man mit­tels ver­nünf­ti­ger Argu­men­ta­tio­nen alles Mög­li­che begrün­den, weil jeg­li­che nor­ma­ti­ve Wer­tung fehlt.

Dem­entspre­chend zeigt sich die Ver­nunft­kri­se beson­ders deut­lich, wenn es immer schwe­rer fällt, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen.

Dem­entspre­chend zeigt sich die Ver­nunft­kri­se beson­ders deut­lich, wenn es immer schwe­rer fällt, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Soll eine Bank ver­staat­licht wer­den oder nicht? Soll der euro­päi­sche Leit­zins gesenkt oder ange­ho­ben wer­den? Soll die Auto­in­dus­trie sub­ven­tio­niert wer­den oder nicht? Soll man spa­ren oder noch mehr Schul­den machen? – Es fin­den sich vie­le „ver­nünf­ti­ge“ Argu­men­te, sowohl dafür als auch dage­gen. Zu vie­le, um sagen zu kön­nen, wel­che Ent­schei­dung denn nun die rich­ti­ge wäre. Wie soll man ent­schei­den kön­nen, wenn jeder die Ver­nunft für sich gepach­tet zu haben scheint?

 

2. Fortschritt, der zugleich Rückschritt ist

Man kann nicht bestrei­ten, dass der tech­ni­sche Fort­schritt dafür gesorgt hat, dass es uns in vie­ler­lei Hin­sicht bes­ser geht, dass Lösun­gen für Pro­ble­me gefun­den wur­den, die unlös­bar schie­nen und man nicht mehr auf das Wohl­wol­len der Göt­ter ver­trau­en muss. Inso­fern ver­wun­dert es nicht, dass es vie­le Men­schen gibt, die glau­ben, dass Tech­nik prin­zi­pi­ell die Lösung für alle Pro­ble­me bie­tet und man auch mit­tels der Tech­nik der zuneh­men­den Kom­ple­xi­tät Herr wer­den kann. Dies zeigt sich beson­ders deut­lich bei der ange­streb­ten Ver­net­zung aller Lebens­be­rei­che (Stich­wort: Indus­trie 4.0): Man glaubt, dass Algo­rith­men alles wesent­lich effi­zi­en­ter steu­ern kön­nen als der Mensch bezie­hungs­wei­se eine Kom­ple­xi­tät beherr­schen kön­nen, die der Mensch schon lan­ge nicht mehr durch­schaut.

Dabei ver­gisst man nur all­zu ger­ne, dass der tech­ni­sche Fort­schritt selbst Grund für vie­le die­ser Pro­ble­me ist und auch die Kom­ple­xi­tät in vie­len Berei­chen auf den tech­ni­schen Fort­schritt zurück­zu­füh­ren ist. Die pro­mi­nen­tes­ten Bei­spie­le für die­se Pro­ble­me sind wohl die Atom­ener­gie, deren radio­ak­ti­ve und finan­zi­el­le Alt­las­ten uns noch lan­ge Zeit vor Pro­ble­me stel­len wer­den, sowie die Neu­en Medi­en, mit denen inzwi­schen weni­ger Arbeits­er­leich­te­rung, son­dern viel­mehr Stress ver­bun­den wird (Stich­wor­te: dau­ern­de Erreich­bar­keit, Aus­wei­tung der Arbeit auf den pri­va­ten Bereich, Über­wa­chung etc.).

Hin­sicht­lich der Kom­ple­xi­tät ist exem­pla­risch die Ver­net­zung der Strom- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­ze zu nen­nen, deren Risi­ken Marc Els­berg in dem Roman Black­out ein­drück­lich beschrie­ben hat.

Doch der Fort­schritt muss wei­ter­ge­hen – um jeden Preis. So lau­tet das moder­ne Zau­ber­wort: Daten! Denn die Daten sei­en das Öl einer neu­en indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on. Es ist also nur kon­se­quent, wenn kürz­lich auf einem Wahl­pla­kat zu lesen war:

DIGITAL FIRST.

BEDENKEN SECOND.

So fan­gen wir an zu ver­net­zen und zu algo­rith­mi­sie­ren, was das Zeug hält. Irgend­wann sol­len dann die Maschi­nen alle Auf­ga­ben erle­di­gen, die wir ger­ne abge­ben wol­len.

 

Aller­dings: Was wird pas­sie­ren, wenn wir tat­säch­lich beden­ken­los alles der Digi­ta­li­tät über­ant­wor­ten? Ich möch­te ein beson­ders dras­ti­sches Bei­spiel anfüh­ren: Mit­te August 2017 haben sich Elon Musk und der Mit­grün­der von Goog­le Deep­Mind Mus­ta­fa Suley­man sowie 114 wei­te­re Exper­ten auf dem Gebiet der künst­li­chen Intel­li­genz mit einem offe­nen Brief an die UNO gewandt. Sie for­dern ein Ver­bot von Kil­ler-Robo­tern, soge­nann­ten auto­no­men Waf­fen. Kon­kret geht es dabei um Kampf-Droh­nen, auto­no­me Pan­zer und auto­ma­ti­sier­te Maschi­nen­ge­weh­re, die alle­samt von künst­li­cher Intel­li­genz gesteu­ert wer­den, also um bewaff­ne­te Robo­ter, die selbst­stän­dig Zie­le aus­wäh­len und angrei­fen kön­nen. In dem Brief heißt es: „Uns bleibt nicht viel Zeit um zu Han­deln. Ist die­se Box der Pan­do­ra erst mal offen, wird es schwer wer­den, die­se wie­der zu schlie­ßen.“ Laut Roger Carr, dem Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den des bri­ti­schen Rüs­tungs­kon­zerns BAE, arbei­ten bereits 40 Natio­nen an der­ar­ti­gen „Kil­ler-Robo­tern“. Das gab Carr im Rah­men einer Dis­kus­si­on auf dem Welt­wirt­schafts­fo­rum 2016 in Davos bekannt. Wel­che Fol­ge­run­gen man aus die­sem Bei­spiel zieht, sei jedem selbst über­las­sen …

 

3. Das Ende der Arbeit, wie wir sie kennen

Das Ende der Arbeit, wie wir sie ken­nen, ist nicht das Ende der Arbeit. Aber es spricht eini­ges dafür, dass künf­tig viel Arbeit weg­fällt und die Bedeu­tung der Arbeit sich grund­le­gend wan­delt. Natür­lich spie­len auch hier wie­der die Digi­ta­li­sie­rung und die Auto­ma­ti­sie­rung eine zen­tra­le Rol­le. Häu­fig heißt es ja: Wie bei den bis­he­ri­gen indus­tri­el­len Revo­lu­tio­nen wer­den zwar Arbeits­plät­ze ver­schwin­den, dafür aber auch neue und even­tu­ell sogar mehr ent­ste­hen. Aller­dings gehen vie­le Stu­di­en davon aus, dass es die­ses Mal nicht so sein wird. Viel­mehr sei­en etwa die Hälf­te aller heu­ti­gen Arbeits­plät­ze von der Digi­ta­li­sie­rung und ihren Fol­gen bedroht. Dies ist gemäß dem Frank­fur­ter Öko­no­men Bertram Sche­fold unter ande­rem dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass heu­ti­ge Tech­no­lo­gi­en kei­ne neu­en Indus­tri­en ent­ste­hen las­sen, mit denen die Schaf­fung vie­ler neu­er Arbeits­plät­ze ver­bun­den ist. Frü­he­re Inno­va­tio­nen wie die Erfin­dung des Autos hät­ten enor­me Sekun­där­ef­fek­te aus­ge­löst: Es muss­ten Stra­ßen gebaut wer­den, Park­häu­ser oder Tank­stel­len. Repa­ra­tur­be­trie­be ent­stan­den und Auto­me­cha­ni­ker hat­ten ihr Aus­kom­men. Das sei zum Bei­spiel beim Smart­pho­ne nicht der Fall. Im Gegen­teil: Es mache sogar eine Viel­zahl über­kom­me­ner Gerä­te über­flüs­sig, vom Foto­ap­pa­rat bis zur Taschen­lam­pe. Gleich­zei­tig wird das Smart­pho­ne in hoch­au­to­ma­ti­sier­ten Fabri­ken gefer­tigt, sodass auch in der Pro­duk­ti­on immer mehr Jobs weg­fal­len wer­den.

Das Ende der Arbeit, wie wir sie ken­nen, ist nicht das Ende der Arbeit.

Aber auch die neu geschaf­fe­nen Jobs ste­hen in per­ma­nen­ter Kon­kur­renz mit einer sich rasend schnell ent­wi­ckel­ten künst­li­chen Intel­li­genz – zahl­rei­che Stu­di­en pro­gnos­ti­zie­ren, dass bei­spiels­wei­se in weni­gen Jah­ren 90 Pro­zent des welt­wei­ten Bör­sen­han­dels von Algo­rith­men getä­tigt wird. Wie vie­le Arbeits­plät­ze auch immer betrof­fen sein wer­den, in jedem Fall muss man sich über­le­gen, woher der Staat sein Geld bekommt, wenn ein gro­ßer Teil der Ein­nah­men (Lohn­steu­er) weg­fal­len wer­den.

Doch damit nicht genug: Auch jenen, die Arbeit haben, kann sie immer sel­te­ner einen Halt im Leben geben. Dies wird bei­spiels­wei­se durch eine stei­gen­de Zahl von Krank­heits­ta­gen deut­lich, die auf psy­chi­schen Stress am Arbeits­platz zurück­zu­füh­ren sind (psy­chi­sche Erkran­kun­gen ste­hen längst an zwei­ter Stel­le bei den Fehl­zei­ten). Die­se Zah­len brin­gen eine Para­do­xie zum Aus­druck, die der moder­nen Arbeit inne­wohnt: So ist die moder­ne Arbeit immer mehr zum Zen­trum unse­rer Iden­ti­tät und des Selbst­wert­ge­fühls gewor­den und wir ver­spre­chen uns Erfül­lung durch sie. Zugleich aber ent­leert uns die Arbeit (Stich­wort: Burn-out) und wir brau­chen die Frei­zeit, um unse­re Akkus durch Ent­span­nung oder Abwechs­lung wie­der auf­zu­fül­len. Doch auch die Erho­lung kann uns kei­nen Sinn und kei­ne Erfül­lung bie­ten, sie ist bloß die ande­re Sei­te der Arbeits­me­dail­le. So erle­ben wir uns als zuneh­mend ent­wur­zelt, als aus­wech­sel­ba­res Räd­chen in einer gro­ßen Maschi­ne. Damit wird der gesell­schaft­li­che Zusam­men­halt ins­ge­samt gefähr­det.

 

4. Entfesselte Finanzwirtschaft

Seit der Libe­ra­li­sie­rung der Finanz­märk­te, also begin­nend in den 1980er Jah­ren, haben ver­schie­de­ne Ent­wick­lun­gen dazu geführt, dass es heu­te einen Anla­ge­not­stand gibt. Sprich: Es gibt zu wenig Anla­ge­mög­lich­kei­ten für die enor­me Geld­men­ge, die glo­bal maro­diert. Dies hat dazu geführt, dass nicht nur die Ren­di­ten vie­ler Staats­an­lei­hen auf his­to­risch nied­ri­gem Niveau lie­gen, son­dern es gleich­zei­tig zu einer Infla­ti­on der Ver­mö­gens­prei­se gekom­men ist, wie man an den Immo­bi­li­en­prei­sen und den Akti­en­märk­ten able­sen kann. Auch wenn die­se Infla­ti­on zuletzt auf die Nied­rig­zins­po­li­tik der EZB und ande­rer Noten­ban­ken zurück­zu­füh­ren ist, so hat sich doch schon seit den 1980er Jah­ren eine Super­bla­se – wie es der Hedge­fonds-Mana­ger Geor­ge Soros nennt – auf­ge­pumpt, die nach wie vor zum Zer­rei­ßen gespannt ist.
Mit die­ser Super­bla­se meint er das Ver­hält­nis des Finanz­ver­mö­gens zur Wirt­schafts­leis­tung. Die­ses lag Anfang der 1980er Jah­re noch bei ca. 1,2 zu 1, im Jahr 2015 hin­ge­gen bei ca. 3,7 zu 1 – Deri­va­te nicht mit­ge­rech­net. Wür­de man die­se mit­re­chen, läge das Ver­hält­nis 2015 bei ca. 10,5 zu 1.

War­um ist das rele­vant? Nun, der wah­re Wert eines Ver­mö­gens bemisst sich danach, wie viel Ren­di­te es jähr­lich abwirft. Die Ren­di­te setzt sich bei­spiels­wei­se bei Akti­en aus der jähr­li­chen Divi­den­de und der Wert­stei­ge­rung der Aktie zusam­men.

Was aber, wenn immer mehr Finanz­ver­mö­gen Anspruch auf Divi­den­den aus real­wirt­schaft­li­chen Tätig­kei­ten erhebt und die Real­wirt­schaft nicht im glei­chen Tem­po wächst wie die Finanz­ver­mö­gen? Rich­tig, man fängt an zu spe­ku­lie­ren: dar­auf, dass die Wert­stei­ge­rung des Ver­mö­gens­ti­tels (Akti­en, Immo­bi­li­en, Kryp­towäh­rung) wei­ter anhält. Oder aber man erfin­det ganz neue Ertrags­quel­len. Letz­te­res lässt sich an der Bilanz der Deut­schen Bank her­vor­ra­gend nach­voll­zie­hen: Der größ­te Pos­ten im Jahr 2016 ent­fällt auf Deri­va­te, ca. 540 Mil­li­ar­den Euro (ca. 33 Pro­zent der Bilanz­sum­me), der zweit­größ­te Pos­ten sind Dar­le­hen an ande­re Kre­dit­in­sti­tu­te (rund 25 Pro­zent). Bei dem ers­ten Pos­ten han­delt es sich letzt­lich um pure Spe­ku­la­ti­on, und auch die Dar­le­hen an ande­re Kre­dit­in­sti­tu­te stel­len kei­ne Inves­ti­ti­on in die Real­wirt­schaft dar. Dem­entge­gen ent­fal­len auf Kre­di­te an Häus­le­bau­er oder Unter­neh­mer nur ca. zehn Pro­zent der Gesamt­sum­me.

Die Bilanz der Deut­schen Bank steht also sym­pto­ma­tisch für die Super­bla­se, von der Geor­ge Soros sprach.

Die Bilanz der Deut­schen Bank steht also sym­pto­ma­tisch für die Super­bla­se, von der Geor­ge Soros sprach.

Da die Finanz­ver­wal­ter jedoch nicht dumm sind, haben sie sich alter­na­tiv zur Spe­ku­la­ti­ons­stra­te­gie noch etwas ande­res über­legt, um ihre Ren­di­te­er­war­tun­gen befrie­di­gen zu kön­nen: Sie stei­gen zuneh­mend in die Real­wirt­schaft ein, die in die­sem Zuge aus­schließ­lich nach der Pro­fit­ma­xi­mie­rung aus­ge­rich­tet wird. Ein Bei­spiel: 2012 grün­de­te der welt­weit größ­te Ver­mö­gens­ver­wal­ter Black­rock die Fir­ma Invi­ta­ti­on Homes und kauf­te im gro­ßen Stil Immo­bi­li­en in den USA. Heu­te, knapp fünf Jah­re spä­ter, gehört Invi­ta­ti­on Homes bereits zu den größ­ten Immo­bi­li­en­be­sit­zern der USA.

Wir sehen also nicht nur die Gefahr, dass die Bla­se bei den Ver­mö­gens­prei­sen irgend­wann wie­der platzt, weil die­se die Ren­di­te­ver­spre­chun­gen nicht erfül­len kann, son­dern auch die Gefahr, dass die Real­wirt­schaft bezie­hungs­wei­se sämt­li­che Berei­che des gesell­schaft­li­chen Lebens ein­zig der Logik der Finanz­wirt­schaft unter­ge­ord­net wird, die bekannt­lich lau­tet: Pro­fit­ma­xi­mie­rung.

 

5. Erderwärmung und Umweltzerstörung

Kom­men wir zur Erd­er­wär­mung – oder, wie Donald Trump es nennt: zu den Wet­ter­ex­tre­men. Auf dem Kli­ma­gip­fel in Paris 2015 wur­de beschlos­sen, die glo­ba­le Erwär­mung auf zwei Grad Cel­si­us zu begren­zen. Da die glo­ba­le Erwär­mung seit Beginn der Indus­tria­li­sie­rung etwa 1,2 Grad Cel­si­us beträgt, ver­blei­ben noch 0,8 Grad, um das Zwei-Grad-Ziel ein­zu­hal­ten. Dafür müss­ten die welt­wei­ten Treib­haus­gas-Emis­sio­nen bis 2050 um min­des­tens 50 Pro­zent sin­ken, in den Indus­trie­län­dern um 80 bis 95 Pro­zent (jeweils gegen­über dem Stand von 1990).

Was aber tun wir? Wir machen wei­ter. Die Fir­ma BP geht davon aus, dass die CO2-Emis­sio­nen bis zum Jahr 2035 welt­weit um 29 Pro­zent zuneh­men. Das hat zur Fol­ge, dass aus­ge­rech­net die Regio­nen, in denen die Bevöl­ke­rung wei­ter­hin am stärks­ten wach­sen wird, am stärks­ten von die­sen Fol­gen betrof­fen sein wer­den. Das bedeu­tet: In einer Gene­ra­ti­on wer­den die Flücht­lings­strö­me nicht mehr zu len­ken sein. Der Glo­ba­li­sie­rungs­ex­per­te Franz-Josef Rader­ma­cher geht von rund 200 Mil­lio­nen Kli­ma­flücht­lin­gen im Jahr 2050 aus.
Und die Umwelt­zer­stö­rung? Auch hier­zu nur eini­ge Stich­wor­te, denn das meis­te dürf­te bekannt sein:

  • Welt­weit gehen jähr­lich etwa zehn Mil­lio­nen Hekt­ar Acker­flä­che ver­lo­ren – eine Flä­che von rund 14 Mil­lio­nen Fuß­ball­fel­dern. Ein Vier­tel der glo­ba­len Boden­flä­che ent­hält heu­te schon deut­lich weni­ger Humus und Nähr­stof­fe als vor 25 Jah­ren oder lässt sich gar nicht mehr als Acker­land nut­zen.
  • Trink­was­ser wird immer knap­per, viel zu viel Was­ser wird für die Land­wirt­schaft benö­tigt.
  • Müll, Atom­müll, Gift­müll – ein rie­si­ges Pro­blem, mit dem man locker eine gan­ze agora42 fül­len könn­te. Wohin damit? Den Müll ver­bren­nen? Dadurch wird die Luft ver­schmutzt und es ent­ste­hen gefähr­li­che neue che­mi­sche Ver­bin­dun­gen in den Fil­ter­an­la­gen. Den Müll ver­gra­ben? Ins Meer wer­fen?
  • Bie­nen ver­hel­fen uns zu mehr als einem Vier­tel der welt­weit benö­tig­ten Lebens­mit­tel. Ihr Wert­schöp­fungs­an­teil liegt bei etwa 200 Mil­li­ar­den Dol­lar. Leben und Gesund­heit von Mil­lio­nen Men­schen hän­gen davon ab, dass die Bie­nen ihre Arbeit machen. Doch lei­der nimmt die welt­wei­te Popu­la­ti­on dra­ma­tisch ab.

Sum­ma sum­ma­rum und kurz gesagt: Kli­ma­wan­del und Umwelt­zer­stö­rung ber­gen Kata­stro­phen­po­ten­zi­al.

 

6. Wüsten und blühende Landschaften. Oder: Viel zu wenig und viel zu viel von allem

Der World Food Report der UNO besagt, dass die Welt­land­wirt­schaft heu­te fast zwölf Mil­li­ar­den Men­schen, also fast das Dop­pel­te der Welt­be­völ­ke­rung, ernäh­ren könn­te. Den­noch hun­gern welt­weit vie­le Men­schen, was nicht zuletzt dar­an liegt, dass 28 Pro­zent des welt­weit genutz­ten Acker­lan­des genutzt wird, um Nah­rungs­mit­tel zu pro­du­zie­ren, die auf dem Müll lan­den (Stu­die UNO). Ein gro­ßer Teil der poten­zi­el­len Men­schen­nah­rung wird über­dies von Tie­ren ver­speist (Stich­wort: Mas­sen­tier­hal­tung).

Aber nicht nur Essen wird für die Müll­hal­de pro­du­ziert, die Kon­su­men­ten kau­fen gene­rell viel mehr, als sie brau­chen: Der Durch­schnitts­deut­sche kauft pro Jahr fünf Paar Schu­he, wech­selt ca. alle 18 Mona­te sein Han­dy, 40 Pro­zent der Klei­dungs­stü­cke in den Klei­der­schrän­ken wer­den nie getra­gen – und den­noch wer­den jedes Jahr mehr Tex­ti­li­en pro­du­ziert und ver­kauft als im Jahr zuvor. Wenn soviel pro­du­ziert und sogar gekauft wird, müss­te dann nicht jeder einen Job haben, von dem er oder sie leben kann? Nun, man muss nicht aus­füh­ren, dass das eine mit dem ande­ren nichts zu tun hat. Reich wird an Schu­hen und Kla­mot­ten bei­spiels­wei­se Aman­cio Orte­ga (Pri­vat­ver­mö­gen: 63,7 Mil­li­ar­den Euro) – nicht die­je­ni­gen, die für ihn und sein Unter­neh­men ZARA Klei­dung und Schu­he pro­du­zie­ren.

Die­se Tat­sa­che hat dazu geführt, dass die Ungleich­heit immer mehr zunimmt, was OXFAM jedes Jahr in sei­nen Stu­di­en zur Ungleich­ver­tei­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen anpran­gert. Über­tra­gen wir die OXFAM-Zah­len auf ein Spiel, das Sie alle ken­nen: Mono­po­ly. Ange­nom­men, es gäbe zehn Mit­spie­ler, dann sähe die Spiel­si­tua­ti­on wie folgt aus: Einem Spie­ler wür­den 90 Pro­zent aller Stra­ßen, Häu­ser und Hotels gehö­ren, vier wei­te­re wür­den die rest­li­chen zehn Pro­zent unter sich auf­tei­len – und die ver­blie­be­nen fünf Spie­ler besä­ßen nichts. Dann wäre nur ver­ständ­lich, wenn zumin­dest die fünf mit­tel­lo­sen Mit­spie­ler bei die­sem Spiel nicht mit­spie­len wol­len. Zumal die Ungleich­ver­tei­lung von Ein­kom­men und Ver­mö­gen über­dies

  • eine Ungleich­ver­tei­lung von Chan­cen bedeu­tet,
  • mit einer Ungleich­ver­tei­lung hin­sicht­lich des Zugang zu Netz­wer­ken ver­bun­den ist,
  • die Mög­lich­keit bezie­hungs­wei­se Unmög­lich­keit impli­ziert, auf die Gesetz­ge­bung Ein­fluss zu neh­men und sich recht­li­chen Bei­stand zu sichern.

Dumm nur, wenn es ums Über­le­ben geht und das Nicht-Mit­spie­len kei­ne Opti­on ist …

 

7. Wem vertrauen?

Ver­trau­en ist das unsicht­ba­re Band, das die Gesell­schaft zusam­men­hält. Ist das Ver­trau­en weg, bedarf es immer kom­pli­zier­te­rer Ver­trags­wer­ke, umfang­rei­cher Com­pli­an­ce Kata­lo­ge, dann wird über­all die For­de­rung nach Trans­pa­renz laut.

Wo ste­hen wir heu­te? Das Ver­trau­en der Men­schen in die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen ero­diert. Poli­ti­kern, Mana­gern, Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und auch den Medi­en wird immer weni­ger ver­traut. Die Mehr­heit der Men­schen, ins­be­son­de­re die 85 Pro­zent weni­ger wohl­ha­ben­den Men­schen, glaubt inzwi­schen, dass das „Sys­tem“ nicht mehr funk­tio­niert. Die­se Ein­schät­zung basiert nicht auf irgend­ei­ner Stu­die mit schma­ler Daten­ba­sis, son­dern auf dem „Edel­man Trust Baro­me­ter“, einer Umfra­ge unter mehr als 32.000 Men­schen in 28 Län­dern der Welt, die zwi­schen Mit­te Okto­ber und Mit­te Novem­ber 2016 durch­ge­führt wur­de.

Ein Schelm, der nun fra­gen wür­de, ob es vor die­sem Hin­ter­grund ein Wun­der ist, dass die Geheim­diens­te welt­weit immer mehr Men­schen aus­spio­nie­ren

Kann man da noch von Ver­trau­en spre­chen? Ein Schelm, der nun fra­gen wür­de, ob es vor die­sem Hin­ter­grund ein Wun­der ist, dass die Geheim­diens­te welt­weit immer mehr Men­schen aus­spio­nie­ren – mit Wis­sen und Geneh­mi­gung der Regie­run­gen und in Koope­ra­tio­nen mit pri­va­ten Sicher­heits­un­ter­neh­men? Zeigt dies nicht deut­lich, wie es um das Ver­trau­en der Eli­ten in die Mas­sen bestellt ist? Galt lan­ge Zeit der Grund­satz der Unschulds­ver­mu­tung, so wird die­ser Grund­satz sys­te­ma­tisch ins Gegen­teil ver­kehrt: Ver­däch­tig ist unter dem Vor­wand des „Ter­ror­ver­dachts“ prin­zi­pi­ell jeder.

Wie sieht es in der Wirt­schaft aus? Wie steht es um das Ver­trau­en in den Arbeit­ge­ber? Einer Unter­su­chung der Unter­neh­mens­be­ra­tung Ernst & Young zufol­ge ver­trau­en nur 44 Pro­zent der Mit­ar­bei­ter in Deutsch­land ihrem Unter­neh­men und nur 47 Pro­zent ihrem Chef. Die Fol­ge: Die Mit­ar­bei­ter zie­hen sich in die inne­re Emi­gra­ti­on zurück – sie machen Dienst nach Vor­schrift und hören auf, sich mit Ide­en und beson­de­rer Leis­tungs­be­reit­schaft in das Unter­neh­men ein­zu­brin­gen. Ent­schei­den­der aber ist – wie der Sozio­lo­ge Heinz Bude es cha­rak­te­ri­siert – der Über­gang vom Kapi­ta­lis­mus zum Finanz­ka­pi­ta­lis­mus. Dies ist des­we­gen von her­aus­ra­gen­der Bedeu­tung, weil im Finanz­ka­pi­ta­lis­mus nicht mehr der Unter­neh­mer die Leit­fi­gur der Gesell­schaft ist, son­dern der Geld­ver­mö­gens­be­sit­zer. Im Gegen­satz zum Unter­neh­mer, der mit Men­schen und Din­gen zu tun hat und zu dem inso­fern zumin­dest ein Grund­ver­trau­en besteht, ver­traut man dem Geld­ver­mö­gens­be­sit­zer nicht mehr, weil er nur an der (abs­trak­ten) Meh­rung des Gel­des inter­es­siert ist. Ent­spre­chend muss sich auch die Wirt­schaft vor die­sem Hin­ter­grund Sor­gen machen, dass ihr in der Zukunft der gesell­schaft­li­che Kon­sens ent­zo­gen wird, auf deren Basis sie Geschäf­te macht.

 

Die zuvor geschil­der­ten sie­ben Entwicklungen/Phänomene sind kei­nes­wegs neu. Aber im All­tag ver­liert man sie leicht aus dem Blick. Dies ändert jedoch nichts dar­an, dass sie – nimmt man sie alle zusam­men – das Ende der Welt bedeu­ten, wie wir sie ken­nen.

Doch das Ende der Welt, wie wir sie ken­nen, ist nicht das Ende der Welt.

Doch das Ende der Welt, wie wir sie ken­nen, ist nicht das Ende der Welt. Eine neue Welt wird zwangs­läu­fig an ihre Stel­le tre­ten. Mit dem Ver­blas­sen der alten Gesetz­mä­ßig­kei­ten und Gewiss­hei­ten wer­den neue in Erschei­nung tre­ten. Die Zukunft muss erst noch zei­gen, wel­chem Men­schen- und Welt­bild wir fol­gen wol­len. So ist der zwei­te Teil der Titel­fra­ge – „Wer sind wir danach? “ – rein spe­ku­la­ti­ver Natur. Und so sind auch fol­gen­de drei Sze­na­ri­en pure Spe­ku­la­tio­nen, denn ers­tens kommt es immer anders und zwei­tens als man denkt.

 

Szenario 1: Es geht alles weiter wie bisher

Die zuvor beschrie­be­nen Ent­wick­lun­gen sind bekannt. Zahl­rei­che Exper­ten haben in Stu­di­en, Kon­fe­ren­zen und öffent­li­chen Auf­ru­fen auf die Gefah­ren hin­ge­wie­sen, die mit ihnen jeweils ver­bun­den sind. Allein, ein ent­schlos­se­nes Umlen­ken bezie­hungs­wei­se eine Poli­tik, die die­sen Ent­wick­lun­gen Rech­nung trägt, ist nir­gend­wo zu beob­ach­ten. Inso­fern ist die plau­si­bels­te aller Annah­men die, dass es wei­ter­geht wie bis­her.

Was bedeu­tet das kon­kret? In nicht all zu fer­ner Zukunft wird die ers­te Bom­be plat­zen (sie­he Punk­te 1 bis 7), die dann eine Ket­ten­re­ak­ti­on aus­lö­sen wird (Domi­no­ef­fekt). Glo­ba­le Lie­fer­ket­ten wer­den zusam­men­bre­chen. Arbeits­lo­sig­keit wird zur Nor­ma­li­tät – genau wie Natur­ka­ta­stro­phen und gewal­ti­ge Flücht­lings­strö­me. Ver­si­che­run­gen gehen plei­te. Der Zusam­men­halt in der Gesell­schaft zer­fällt. Bür­ger­krie­ge und Krie­ge zwi­schen Staa­ten bre­chen aus.

 

Szenario 2: Erlösung durch die Matrix oder: Gegen die menschliche Unvernunft!

Der Digi­ta­li­sie­rung wird oft eine „game-chan­ging“ Fähig­keit zuge­schrie­ben. Neh­men wir die Digi­ta­li­sie­rung also ernst und geste­hen ihr zu, den Lauf der Din­ge ändern zu kön­nen. Es wäre also durch­aus vor­stell­bar, dass wir den Algo­rith­men die Macht über­tra­gen, damit sie dafür sor­gen, dass wir nicht über unse­re Ver­hält­nis­se leben, dass die Erd­er­wär­mung die Gren­ze von zwei Grad Cel­si­us nicht über­steigt, dass sozia­le Miss­stän­de beho­ben wer­den. Kurz: Die Algo­rith­men wer­den dafür sor­gen, dass alles ver­nünf­tig zugeht, dass Ruhe und Sicher­heit herr­schen und wir Aus­sicht auf eine halb­wegs huma­ne Zukunft haben.

Das bedeu­tet jedoch auch, dass wir einen Teil unse­rer Selbst­be­stim­mung abge­ben müs­sen, dass vie­le Frei­hei­ten weg­fal­len. Aber letzt­lich wäre das nur kon­se­quent – sofern wir nicht begrei­fen, dass mit Frei­heit auch immer Ver­ant­wor­tung ver­bun­den ist.

 

Szenario 3: Eine gemeinsame Zukunft

Die bei­den geschil­der­ten Sze­na­ri­en erschei­nen aus heu­ti­ger Sicht plau­si­bel. Aber will man psy­chisch gesund blei­ben und nicht zum Zyni­ker wer­den, soll­te unser Zukunfts­ent­wurf anders aus­se­hen. Bei aller Schel­te des Öko­no­mi­schen hilft ein öko­no­mi­scher Blick auf die Situa­ti­on, also eine Ana­ly­se des Ange­bots und der Nach­fra­ge, um zu erken­nen, dass eine ganz ande­re Zukunft mög­lich ist. Die­se Ana­ly­se offen­bart eine rie­si­ge, bis­her nicht ein­mal in den Ansät­zen befrie­dig­te Nach­fra­ge nach Sinn. Klar, wenn die plau­si­bels­te Annah­me die kol­lek­ti­ve Kata­stro­phe ist, wel­chen Sinn soll man dem eige­nen Leben dann schon geben kön­nen? Zwar mag man mei­nen, dass die­ser Nach­fra­ge bereits eini­ges an Sinn-Ange­bo­ten gegen­über­steht – man den­ke nur an das Kon­zept des grü­nen Wachs­tums, an ein Erstar­ken der Zivil­ge­sell­schaft, an eso­te­ri­sche Mög­lich­kei­ten der Selbst­er­fah­rung. Aber all die­se Ange­bo­te sind gewis­ser­ma­ßen zahn­lo­se Tiger, weil sie sug­ge­rie­ren, dass es prin­zi­pi­ell so wei­ter­ge­hen kön­ne wie bis­her. Dies ist erstaun­lich, denn wie in Sze­na­rio 1 gesagt: Das „Wei­ter so“ ist kei­ne Opti­on. Was dann?

Aus der Trau­er­ar­beit ist bekannt, wel­che Pha­sen Pati­en­ten durch­ma­chen, deren Krank­heit unaus­weich­lich zum Tode führt: Wut, Leug­nen, Feil­schen, Depres­si­on und schließ­lich Akzep­tanz. Akzep­tie­ren wir also, dass das Welt­bild, das uns jahr­zehn­te­lang Ori­en­tie­rung gege­ben hat, uns die­se nicht mehr bie­ten kann. Anstatt am Alten fest­zu­hal­ten, soll­ten wir sehen, dass wir mate­ri­el­le Wohl­stands­ver­lus­te durch eine höhe­re Qua­li­tät des Zusam­men­le­bens über­kom­pen­sie­ren kön­nen: mehr Zeit, mehr Ruhe, Freund­schaft, Arbeit am Men­schen, gemein­sa­me Orga­ni­sa­ti­on des Zusam­men­le­bens etc.

Erken­nen wir, dass wir die neue Welt nur gemein­sam erschaf­fen kön­nen.

Erken­nen wir, dass wir die neue Welt nur gemein­sam erschaf­fen kön­nen. Kon­zep­te, was getan wer­den müss­te und könn­te, gibt es zuhauf. Die­se beinhal­ten bei­spiels­wei­se eine Besteue­rung des Natur­ver­brauchs, die Har­mo­ni­sie­rung der Steu­ern und Sozi­al­stan­dards (zumin­dest in der EU), die Nut­zung von Was­ser, Saat­gut, Com­pu­ter­codes und vie­lem mehr als Com­mons, eine Revo­lu­ti­on der Bil­dungs- und Aus­bil­dungs­sys­te­me, die Regu­lie­rung der Finanz­märk­te und die Wie­der­ent­de­ckung des­sen, was in der Anti­ke unter dem Kon­zept der Vita activa ver­stan­den wur­de: also die Wie­der­ent­de­ckung des täti­gen Lebens im Sin­ne der poli­ti­schen Gestal­tung unse­rer Lebens­pra­xis mit dem Ziel, ein gutes Leben zu füh­ren.

Man­ches davon mag noch fern oder abs­trakt erschei­nen. Aber sobald man beginnt, sich für die Umset­zung sol­cher Kon­zep­te zu enga­gie­ren, die über einen selbst hin­aus­wei­sen, wird sich der Sinn, die Erfül­lung im Leben auto­ma­tisch ein­stel­len.

 

Die letz­te Fra­ge mag nun lau­ten: Woher rührt die Hoff­nung, dass das klap­pen kann? Und ich ver­ra­te Ihnen ger­ne, dass sich die­se Hoff­nung letzt­lich aus der sehr per­sön­li­chen Erfah­rung des agora42-Pro­jek­tes speist. Die agora42 ist nur mög­lich, weil sie von Men­schen getra­gen wird, die der Ansporn eint, etwas zu schaf­fen, was über einen selbst hin­aus­weist und so eine Ahnung von einer ande­ren Welt ver­mit­telt – einer Welt jen­seits der Kri­se.

 

 

Democracy or capitalism

Fol­gen­den Vor­trag hat Wolf­ram Bern­hardt am 27. Okto­ber 2017 in der Main Public Libra­ry of Copen­ha­gen im Rah­men der Ver­an­stal­tungs­rei­he “Euro­pe – Mani­festo!” gehal­ten. Die­se Ver­an­stal­tungs­rei­he wird orga­ni­siert von der Main Public Libra­ry of Copen­ha­gen, dem ATLAS Magasin, dem Goe­the Insti­tut Däne­mark und dem Insti­tut Fran­cais.

 

Democracy or capitalism

 

The point I want to make is strai­ght­for­ward and effec­tive. We are in a situa­ti­on whe­re we have to deci­de bet­ween demo­cra­cy and capi­ta­lism.

It has beco­me more and more obvious that in the radi­cal form of each con­cept, one con­cept exclu­des the other.

 

Wolf­ram Bern­hardt stu­dier­te BWL mit dem Schwer­punkt auf Finanz- und Kapi­tal­märk­te. Er ist Grün­der und Her­aus­ge­ber der agora42.

For a long time we thought that we can com­bi­ne the­se two con­cepts. That a demo­cra­tic socie­ty can regu­la­te capi­ta­lism. In Ger­ma­ny we have a won­der­ful word for this sce­n­a­rio “Sozia­le Markt­wirt­schaft” – soci­al mar­ket eco­no­my. Howe­ver, this is not capi­ta­lism.

Recent­ly, the Ger­man chan­cellor Ange­la Mer­kel pro­po­sed ano­t­her con­cept of how the­se two con­cepts can be com­bi­ned, which she cal­led “markt­kon­for­me Demo­kra­tie” What she meant with this was to align demo­cra­cy with the mar­kets. Howe­ver, that is not demo­cra­cy.

Unfor­tu­n­a­te­ly it beco­mes more and more obvious that this was not only a pro­po­sal, but actual­ly a very pre­cise descrip­ti­on of what we have wit­nessed over the last few years: a vol­un­ta­ry sub­or­di­na­ti­on of demo­cra­tic insti­tu­ti­ons to the mar­kets.

Ange­la Mer­kel said the­se famous wor­ds when most of the par­lia­ments around the world set up bail-out packa­ges in order to save the banks. The logic behind this rea­so­n­ing was quiet simp­le: If the banks go bankrupt, we will face glo­bal reces­si­on, mil­li­ons of jobs will be lost and we will enter a peri­od of cha­os and tur­moil.

In order to pre­vent this deva­sta­ting sce­n­a­rio bankrupt­ing the world, bil­li­ons of dol­lars whe­re spent to bail out and save tho­se who actual­ly cau­sed this situa­ti­on. And all this hap­pen­ed as poli­ti­ci­ans around the world united – pro­bab­ly for the first time in histo­ry – in the belief, that the­re was no alter­na­ti­ve.

Sin­ce then all major cen­tral banks redu­ced their inte­rest rates in a his­to­ri­cal low. Even though this was meant to sti­mu­la­te growth most of this money never left the finan­ci­al indus­try. Hence this money did not lead to eco­no­mic growth. What it did lead to was to an infla­ti­on of finan­ci­al asset pri­ces, an increa­se in ine­qua­li­ty and hig­her vola­ti­li­ty.

I am sure non of this is new to you. You are pro­bab­ly asking yours­elf why I con­si­der this topic worth tal­king about while deba­ting the sta­te and future of Euro­pe?

Let me give you three ans­wers to this ques­ti­on:

 

First­ly: I con­si­der the incredi­ble power the finan­ci­al indus­try has gai­ned not only in Euro­pe, but world­wi­de as a thre­at equal­ly dan­ge­rous to our socie­ty as glo­bal war­ming – espe­ci­al­ly as we will not be able to effec­tively tack­le glo­bal war­ming if we aren’t able to regu­la­te the finan­ci­al indus­try.

Why is that? Becau­se glo­bal war­ming is a result of eco­no­mi­c­al growth. And becau­se the finan­ci­al indus­try depends on eco­no­mic growth in order to earn the expec­ted inte­rest on the respec­tive inco­me.

In a situa­ti­on whe­re the world GDP equals 73 tril­li­on US$ (2015) and the sum of all sha­res, bonds and deri­va­ti­ves equals approx. 763 tril­li­on US$, the pres­su­re from the finan­ci­al indus­try on the eco­no­my to deli­ver the nee­ded growth rate is tre­men­dous.

The effect of a gro­wing eco­no­my on glo­bal war­ming can also be seen when loo­king at the glo­bal CO2 emis­si­on in 2009 – the year the finan­ci­al cri­sis lead to the worst reces­si­on after WW2: As the world eco­no­my was tumb­ling in 2009 we were howe­ver able to obser­ve a decrea­se in glo­bal CO2 emis­si­ons for the first time in 27 years.

To sum­ma­ri­ze my first point: If the world is gone(destroyed), Euro­pe is also gone. So we bet­ter think about ways to pre­vent this from hap­pe­ning.

 

 

Second­ly I don’t see any other sta­te or nati­on or supra­na­tio­nal insti­tu­ti­on being bet­ter sui­ted to start regu­la­ting the finan­ci­al indus­try.

Why is that? As a result of the finan­ci­al cri­sis Euro­pe has not only seen an eco­no­mi­c­al cri­sis, but has also expe­ri­en­ced a major cri­sis in demo­cra­cy.

At least that is what I call a situa­ti­on,

  • when par­lia­ments had not­hing to say, as bil­li­ons of tax payers money was used to save the banks;
  • when governments whe­re forced to repay their debts in order to save the Ger­man and French banks from rea­li­sing a loss;
  • when we accept that the pre­si­dent of the Euro­pean Com­mis­si­on was respon­si­b­ly for set­ting up Luxem­bourg as a tax haven wit­hin the Euro­pean Uni­on that costs the fel­low mem­ber sta­tes bil­li­ons of Euros;

 

You might argue that this is not­hing spe­ci­fi­cal­ly Euro­pean, but in con­trast to the US, the­re is still hope. Com­pa­red to the US, whe­re the finan­ci­al indus­try employs five lob­by­ists for each mem­ber of con­gress, the lob­by situa­ti­on in Euro­pe is still much bet­ter – despi­te it wor­se­ning at a freigh­ten­ing pace.

We have access to pro­ven con­cepts of how the eco­no­my can work without just aiming for the maxi­mum pro­fit, be it in agri­cul­tu­re, be it in soci­al and health care or even in pri­sons – did you know that the pri­son indus­try as a who­le accoun­ted for over $5 bil­li­on in 2011 in the US?

I fur­t­her belie­ve that most of the inde­pen­dent move­ments we wit­ness in Euro­pe stem from a desi­re for more self asser­tiveness, which is an ori­gi­nal demo­cra­tic impul­se. It is also worth remem­be­ring that demo­cra­cy liter­al­ly trans­la­ted means “rule of the peop­le” and is made up of a 99% majo­ri­ty and not the 1%.

By remem­be­ring this very basic truth I sug­gest we empha­si­ze three princi­ples of demo­cra­cy that distan­ce it from capi­ta­lism.

  • Demo­cra­cy – at least how we under­stand it fur­t­her stands for trans­pa­r­en­cy, whe­re­as capi­ta­lism stands for con­fi­den­tia­li­ty.
  • Demo­cra­cy is about the equa­li­ty befo­re the law. This idea beco­mes a far­ce when indi­vi­du­als or com­pa­nies can afford the best lawy­ers or when pri­va­te law com­pa­nies even for­mu­la­te the laws, which are pas­sed by con­gress.
  • Demo­cra­cy advo­ca­tes the idea that all peop­le are gran­ted some ina­li­en­ab­le rights. The only right that exists wit­hin capi­ta­lism is the right to buy wha­te­ver one wants as long as one can pay the pri­ce. Or to put it the other way round: If you don’t have money, you don’t have any rights.

 

Third, demo­cra­cy means free­dom whe­re­as capi­ta­lism in its ulti­ma­te form sym­bo­li­zes the road to serf­dom.

Even though capi­ta­lists or as they call them­sel­ves nowa­days “evan­ge­lists of free mar­ket eco­no­my” gene­ral­ly assu­me that free mar­kets and com­pe­ti­ti­on lead to a maxi­mum of per­so­nal free­dom, they are mista­ken.

Free­dom wit­hin capi­ta­lism is like let­ting a vege­ta­ri­an choo­se bet­ween a steak and a fat­ty sau­sa­ge. The ques­ti­on in capi­ta­lism is not whe­ther we aim for more soci­al jus­ti­ce or a more sustain­ab­le way of life, the ques­ti­on is always: How do I get the hig­hest return on my invest­ment?

As if that were not enough, free­dom in capi­ta­lism is always restric­ted to the very few peop­le at the top. The so cal­led free mar­ket eco­no­my whe­re each indus­try is ulti­mate­ly domi­na­ted by a mono­po­ly or by an oli­go­po­ly. For examp­le:

  • In the tele­com­mu­ni­ca­ti­on indus­try the top four com­pa­nies domi­na­te 42,6 % of the total mar­ket
  • In the pri­va­te equi­ty indus­try the top four com­pa­nies domi­na­te 65,8 % of the total mar­ket
  • In Ger­ma­ny only 1% of all com­pa­nies are respon­si­ble for 66% of all eco­no­mic activi­ties.
  • And in the digi­tal indus­try it’s even worse, look at Face­book, Ama­zon and Goog­le

 

This situa­ti­on ist not only restric­ted to the eco­no­my, but even­tual­ly leads to a neo­feu­dal socie­ty were your birth deci­des more about your care­er, your net­work, your dis­po­sable wealth than every effort a less lucky per­son under­ta­kes throug­hout his who­le life­time.

 

If that isn’t the visi­on we have for Euro­pe, we bet­ter remem­ber what demo­cra­cy means to us. First of all and most import­ant­ly, demo­cra­cy means free­dom becau­se the fun­da­men­tal mista­ke of all liber­ta­ri­ans and evan­ge­lists of free mar­ket eco­no­my is that unrestric­ted free­dom ulti­mate­ly leads to des­po­tism to the rule for the few strong ones.

Demo­cra­cy howe­ver means, that we have the free­dom to defi­ne the limits, the bounda­ries of our actions by our­sel­ves. That we can accept the limits to growth, that we can incorpo­ra­te human rights and the values of enlight­ment into a frame­work that leads our collec­tive actions.

 

So Euro­pe is at a cross­roads. We have to deci­de if we con­ti­nue the path we have taken. The path which ulti­mate­ly leads to serf­dom. Or if we trust in the com­mon sen­se of all citi­zens and that the deci­si­ons we take collec­tively will pave a way in the future that bet­ter meets our expec­ta­ti­ons from an enligh­te­ned socie­ty. A future capi­ta­lism will never be able to offer.

 

Am 18.11.2017 fin­det die nächs­te Ver­an­stal­tung in die­ser Rei­he statt. Zu Gast wer­den die­ses Mal Nina Power und Dr. Jörg Schaub sein.

Ein Artikel, der nicht geschrieben werden konnte

Der ges­tern statt­ge­fun­de­ne Die­sel-Gip­fel ent­täusch­te auf vol­ler Linie. Die Grün­de hier­für ana­ly­sier­ten wir bereits in der Aus­ga­be 3/13 HOMO AUTOMOBILIS. Aus aktu­el­lem Anlass habe wir uns ent­schlos­sen den Arti­kel “Ein Arti­kel, der nicht geschrie­ben wer­den konn­te” zu ver­öf­fent­li­chen.

Von Frank Augustin und Wolfram Bernhardt

Halten wir eine neue Ausgabe der agora42 in der Hand, haben wir glücklicherweise meist schon wieder vergessen, auf welche Weise sie zustande kam – sprich: welche Umwege nötig waren, um sie fertigzustellen. Manchmal wird auf diesen Umwegen deutlich, dass das ursprünglich angepeilte Ziel das Ende einer Sackgasse markiert …

 

Eigent­lich war an die­ser Stel­le ein Arti­kel mit dem Arbeits­ti­tel „Der Autoa­del“ vor­ge­se­hen; ein Arti­kel, in dem die Auto­mo­bil­in­dus­trie und ihre Mana­ger kri­tisch beleuch­tet wer­den soll­ten – und zwar aus einer Per­spek­ti­ve, aus der man dies nicht unbe­dingt ver­mu­tet hät­te. Dass Grund zur Kri­tik besteht, liegt auf der Hand. All­zu oft wäh­nen sich die Auto­mo­bil­ma­na­ger offen­sicht­lich in Sphä­ren, in denen ande­re Regeln und Geset­ze gel­ten als für den Nor­mal­bür­ger bezie­hungs­wei­se für klei­ne­re Unter­neh­men. Dies bele­gen nicht zuletzt zwei spek­ta­ku­lä­re Bei­spie­le aus der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit.

Bei­spiel Daim­ler: Im Jahr 1998 fusio­nier­te die dama­li­ge Daim­ler-Benz AG mit dem US-ame­ri­ka­ni­schen Auto­mo­bil­her­stel­ler Chrys­ler Cor­po­ra­ti­on zur „ers­ten deut­schen Welt-AG“, wie der dama­li­ge Vor­stands­vor­sit­zen­de der Daim­ler-Benz AG, Jür­gen Schrempp, den neu­en Kon­zern bezeich­ne­te. Hin­ge­ris­sen von der „Hoch­zeit im Him­mel“ (Schrempp), geriet die Rea­li­tät auf Erden aus dem Blick. So büß­te unter der Füh­rung Schrempps der Bör­sen­wert der Daim­ler­Chrys­ler AG 50 Mil­li­ar­den Euro ein. Nicht nur, dass die Aktio­nä­re viel Geld ver­lo­ren, auch Tau­sen­de Mit­ar­bei­ter bezahl­ten mit ihrer Ent­las­sung für die­ses Miss­ma­nage­ment. Als ob all dies nie gesche­hen wäre, schrieb Schrempp am 31. Dezem­ber 2005 anläss­lich des Rück­tritts von sei­nem Pos­ten rück­bli­ckend: „Eine schö­ne und wert­vol­le Zeit ist (…) zu Ende.“

Bei­spiel Por­sche: Im Jahr 2005 schick­te sich die Por­sche AG an, den damals (gemes­sen am Umsatz) 33-mal grö­ße­ren Volks­wa­gen Kon­zern zu über­neh­men. Natür­lich hat­te die Por­sche AG nicht genü­gend Geld in der Por­to­kas­se, um damit ein so viel grö­ße­res Unter­neh­men kau­fen zu kön­nen. So beriet sich die dama­li­ge Füh­rungs­rie­ge mit eini­gen hoch bezahl­ten Anwäl­ten und Invest­ment­ban­kern und betrau­te die­se damit, die Über­nah­me vor­zu­neh­men. Die Art und Wei­se, wie die­ses Unter­fan­gen durch­ge­führt wur­de, bedurf­te einer gehö­ri­gen Por­ti­on Spe­zi­al­wis­sen im Akti­en­recht und Zugang zu äußerst sol­ven­ten Geld­ge­bern.   Ein ehr­ba­rer Kauf­mann hät­te zu die­sem Zeit­punkt längst wei­che Knie bekom­men und das Wei­te gesucht. Am 28. Okto­ber 2008 schlot­ter­ten dann selbst manch hart gesot­te­nem Invest­ment­ban­ker die Knie: Nach­dem die Por­sche AG in gro­ßem Umfang Akti­en der Volks­wa­gen AG gekauft und die geplan­te Über­nah­me hohe Wel­len an den Finanz­märk­ten geschla­gen hat­te, wur­de die Volks­wa­gen AG an die­sem Tag kurz­zei­tig zum wert­volls­ten Unter­neh­men der Welt. Das Ende der „Über­nah­me“ ist bekannt: Die Por­sche AG schei­ter­te mit ihren Vor­ha­ben. Die Insol­venz konn­te nur abge­wen­det wer­den, weil die Volks­wa­gen AG die Por­sche AG über­nahm. Und auch wenn bis­her noch kein Urteil wegen Kurs­ma­ni­pu­la­ti­on oder ande­rer Rechts­ver­stö­ße im Zusam­men­hang mit die­ser Über­nah­me ver­kün­det wur­de, kann Ihnen jeder, der die­sen Deal ver­stan­den hat, ver­si­chern, dass es dabei nicht ohne Unre­gel­mä­ßig­kei­ten zuge­gan­gen ist.

 

Das systemrelevante Oligopol*

Natür­lich sind dies zwei extre­me Bei­spie­le, die leicht dazu ver­füh­ren kön­nen, sie popu­lis­tisch aus­zu­schlach­ten. Aber selbst wenn man den Vor­schlag­ham­mer bei­sei­te legt, wird man den Ein­druck nicht los, dass sich die gro­ßen Auto­mo­bil­her­stel­ler im Zuge der Pro­fit­ma­xi­mie­rung mit einer gewis­sen Selbst­ver­ständ­lich­keit über gel­ten­de Vor­schrif­ten hin­weg­set­zen. Wenn man so will, ist dies auch nahe­lie­gend, spre­chen Exper­ten doch längst von einem Oli­go­pol in der Auto­mo­bil­in­dus­trie. Mit einem Oli­go­pol bezeich­net man eine Situa­ti­on, die dadurch cha­rak­te­ri­siert ist, dass es in einer bestimm­ten Bran­che nur weni­ge Unter­neh­men gibt, die den Markt unter sich auf­tei­len. Öko­no­men ist ein Oli­go­pol zumeist ein Dorn im Auge, weil die­ses zur Fol­ge haben kann, dass sich die Unter­neh­men unter­ein­an­der abstim­men – also bei­spiels­wei­se Preis­ab­spra­chen vor­neh­men – und somit die Kon­su­men­ten höhe­re Prei­se bezah­len müs­sen, als dies in einem frei­en Wett­be­werb der Fall wäre; oder weil den Zulie­fe­rern die Kon­di­tio­nen fast nach Belie­ben dik­tiert wer­den kön­nen. Ange­sichts der jüngs­ten Ermitt­lun­gen der euro­päi­schen Wett­be­werbs­hü­ter gegen zahl­rei­che Auto­mo­bil­her­stel­ler wegen ille­ga­ler Preis­ab­spra­chen scheint die­ser Ein­wand nicht aus der Luft gegrif­fen …

Wie dem auch sei: Grund für einen kri­ti­schen Arti­kel scheint es alle­mal zu geben. Zu hoch ist die Kapi­tal­kon­zen­tra­ti­on in der Auto­mo­bil­in­dus­trie, zu viel Kom­pe­tenz und Kapa­zi­tä­ten sind hier kon­zen­triert – und zu eng sind hier wirt­schaft­li­che Inter­es­sen mit der Poli­tik ver­bun­den (Stich­wort Lob­by­is­mus). Und es soll­te sich auch ein Autor fin­den las­sen, der eine dif­fe­ren­zier­te Kri­tik an den Ver­hält­nis­sen in der Auto­mo­bil­in­dus­trie for­mu­lie­ren kann. Weil uns blo­ßes Anpran­gern zu ober­fläch­lich erschien, soll­te sich der Arti­kel sich an fol­gen­den Fra­gen ori­en­tie­ren: Ähnelt die Stel­lung, wel­che die (weni­gen selbst­stän­di­gen) Auto­mo­bil­kon­zer­ne inne­ha­ben, nicht jener der feu­da­len Herr­scher, gegen wel­che der Libe­ra­lis­mus einst zu Fel­de zog? Wer­den nicht auf der einen Sei­te Zulie­fe­rer und Ange­stell­te mit dem Argu­ment der „Markt­ge­set­ze“ gegän­gelt, wohin­ge­gen es auf der ande­ren Sei­te völ­lig legi­tim zu sein scheint, die Hand offen zu hal­ten, sobald es Unter­stüt­zung vom Staat gibt? Haben sich nicht im Umfeld der Auto­in­dus­trie über die Jah­re hin­weg öko­no­mi­sche Struk­tu­ren und Gewohn­hei­ten eta­bliert, die den Ein­tritt von Wett­be­wer­bern in die­sen Markt fak­tisch unmög­lich machen (bis hin zur Ein­fluss­nah­me auf Geset­ze und DIN-Nor­men)?

Wir woll­ten also mit einer Kri­tik an der Auto­mo­bil­in­dus­trie und deren Füh­rungs­rie­ge über­ra­schen, die sich einer libe­ra­len Argu­men­ta­ti­on bedient – hört man doch heut­zu­ta­ge kaum Kri­tik aus libe­ra­len Mun­de, wenn es um die Miss­stän­de in der Wirt­schaft geht. Und dies, obwohl die Ordo­li­be­ra­len sich grund­le­gen­de Gedan­ken über eine funk­tio­nie­ren­de Ord­nung der Wirt­schaft und des Wett­be­werbs gemacht haben.

Viel­leicht sind die weni­gen ver­blie­be­nen Ordo­li­be­ra­len ein­fach zu sehr damit beschäf­tigt, der Gesell­schaft zu erklä­ren, dass die Dere­gu­lie­rung, die im Namen der soge­nann­ten Libe­ra­li­sie­rung der Märk­te in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten statt­ge­fun­den hat, wenig mit der ursprüng­lich libe­ra­len Posi­ti­on zu tun hat …

Obwohl nicht gera­de Fans des gras­sie­ren­den Neo­feu­da­lis­mus, frag­ten wir uns den­noch, inwie­fern uns eine ordo­li­be­ra­le Kri­tik am Autoa­del wei­ter­brin­gen wür­de. Denn was wäre die Ant­wort eines Ordo­li­be­ra­len auf unse­re Fra­gen?

Aller Wahr­schein­lich­keit nach wür­den er sich dafür aus­spre­chen, dass der Staat dafür zu sor­gen hat, dass ein frei­heit­li­cher Wett­be­werb wie­der funk­tio­niert. Ver­feh­lun­gen gehö­ren auch aus libe­ra­ler Sicht bestraft, ist doch ein wesent­li­cher Bestand­teil des Libe­ra­lis­mus die Gleich­heit aller vor dem Gesetz. Ord­nung muss sein, und die­se Ord­nung soll durch den Staat ent­schlos­sen durch­ge­setzt wer­den.

Nun muss man jedoch fest­stel­len, dass die­se Vor­schlä­ge zur Wie­der­her­stel­lung des frei­en Wett­be­werbs sicher­lich gut gemeint sind, lei­der jedoch nicht grei­fen wür­den. Denn von was für einem Staat spre­chen wir hier – von einem real exis­tie­ren­den wohl kaum. Wir spre­chen von einem Staat, der schon ein­zel­ne Geld­in­sti­tu­te als „sys­tem­re­le­vant“ ein­stuft. Wie soll­te er da bei einer gan­zen Indus­trie – und noch dazu bei einer so wich­ti­gen wie der Auto­mo­bil­in­dus­trie – zu einem ande­ren Urteil kom­men? So ver­wun­dert es nicht, dass der Auto­mo­bil­in­dus­trie bereit­wil­lig durch das Kurz­ar­bei­ter­geld, die Abwrack­prä­mie und ande­ren Sub­ven­tio­nen unter die Arme gegrif­fen wur­de.

 

Der Autoadel

Nun geht nicht nur jedem auf­rech­ten Demo­kra­ten, son­dern auch jedem ver­nünf­ti­gen Öko­no­men die Hut­schnur hoch, wenn er mit Ent­schei­dun­gen kon­fron­tiert wird, die mit dem Argu­ment der Sys­tem­re­le­vanz legi­ti­miert wer­den. Jedoch: Ver­bleibt man in der Logik, der unse­re der­zei­ti­ge Wirt­schafts­ord­nung und mit­hin die Gesell­schaft folgt, ist die Auto­mo­bil­in­dus­trie tat­säch­lich sys­tem­re­le­vant. Welch gro­ße Bedeu­tung sie für die deut­sche und euro­päi­sche Wirt­schaft hat, kön­nen Sie in dem Arti­kel von Heinz-Rudolf Meiß­ner in aller Aus­führ­lich­keit nach­le­sen. Doch das ist nur die eine Sei­te. Auf der ande­ren Sei­te funk­tio­niert der „Orga­nis­mus Auto­in­dus­trie“ nach den glei­chen Prin­zi­pi­en wie das gesam­te wirt­schaft­li­che und gesell­schaft­li­che Sys­tem, mit dem er auf viel­fäl­ti­ge Wei­se ver­bun­den ist. Woll­te man die­sen Bereich här­ter regu­lie­ren und gege­be­nen­falls neu struk­tu­rie­ren, wür­de dies bedeu­ten, dass man letzt­lich die Art und Wei­se, wie wir wirt­schaf­ten, infra­ge stel­len muss.

Eine Kri­tik am Autoa­del ist sicher­lich ange­bracht, aber all­zu viel Hoff­nung auf Ände­rung darf man sich nicht machen. Iro­ni­scher­wei­se wür­den vie­le der Akteu­re (sowohl Mana­ger wie auch Poli­ti­ker), die man kri­ti­siert, ihr eige­nes Ver­hal­ten bedau­ern, aber mit dem Hin­weis auf Sys­tem­zwän­ge recht­fer­ti­gen. Inso­fern kann eine ernst gemein­te Kri­tik stets nur auf das Sys­tem bezo­gen sein, wel­ches die Per­so­nen und Unter­neh­men, die es mit Leben fül­len, zu sol­chen Hand­lun­gen treibt. Wenn aber kei­ne Mög­lich­keit besteht, dass der Staat Zugriff auf das Sys­tem neh­men kann bezie­hungs­wei­se er ganz in dem Sys­tem auf­geht, greift der Ordo­li­be­ra­lis­mus not­wen­di­ger­wei­se zu kurz – denn dann exis­tiert eben jene Rah­men­ord­nung nicht, die er vor­aus­setzt.

So konn­te letzt­lich der avi­sier­te Arti­kel nicht geschrie­ben wer­den. Das Phä­no­men Auto führt uns aber auf­grund der Tat­sa­che, dass es sym­pto­ma­tisch für unser Gesell­schafts­sys­tem steht, direkt zum The­ma der nächs­ten Aus­ga­be der agora42: Ver­än­de­rung.

Dann wer­den wir uns auch mit der Fra­ge beschäf­ti­gen, was pas­sie­ren muss, damit Kri­tik über­haupt wie­der grei­fen kann …

 

*Aus heu­ti­ger Sicht müss­te es hei­ßen: Das Kar­tell

 


In der Aus­ga­be 3/2013 unter­such­ten wir die Bedeu­tung der Auto­mo­bil­in­dus­trie für die deut­sche Wirt­schaft, gin­gen der Fra­ge auf dem Grund, war­um Mobi­li­tät so etwas wie ein Men­schen­recht gewor­den ist und spra­chen mit dem soge­nann­ten Auto­papst Fer­di­nand Duden­höf­fer über die Zukunft des Auto­mo­bils.

Die Fra­gen, die uns bei die­ser Aus­ga­be lei­te­ten waren: Vor­sprung durch Auto? Wie Auto ist die Wirt­schaft? Mobi­li­tät der Zukunft – nach­hal­tig, ver­netzt, anders? Ende eines Mythos?

Chan­ge the Dri­ve!

Das Auto im Kopf, oder: Das Ende einer großen Liebe

Das Auto im Kopf

Oder: Das Ende einer großen Liebe

von Frank Augus­tin

 

Foto: Mat­thi­as Pen­zel

Die aktuellen Vorkommnisse um die großen Autobauer läuten das Ende der Automobilindustrie ein, wie wir sie kannten. Das hat auch mit moralischen Verfehlungen zu tun – aber nicht in erster Linie. Mit anderen Worten: Nur mit Betrügereien, wie sie häufig vorkommen, wo es um Geld und Einfluss geht, ist das absehbare Platzen der riesigen Autoblase nicht zu erklären. Es geht um Grundsätzlicheres.

 

Ers­tens und das gro­ße Gan­ze von Wirt­schaft und Gesell­schaft betref­fend:

Frank Augus­tin ist Chef­re­dak­teur des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42.

Zunächst dürf­te nach den jüngs­ten Kar­tell­vor­wür­fen – unab­hän­gig davon, wie viel sich davon bewahr­hei­tet – vie­len kla­rer gewor­den sein, dass wir nicht in einer Markt­wirt­schaft leben und es ent­spre­chend auch viel weni­ger Wett­be­werb gibt, als gemein­hin ange­nom­men wird. Wir leben im Kapi­ta­lis­mus – und Kapi­ta­lis­mus bedeu­tet Kon­zen­tra­ti­on. In Deutsch­land erwirt­schaf­te­ten im Jahr 2011 weni­ger als ein Pro­zent der größ­ten Unter­neh­men rund 66 Pro­zent aller Umsät­ze. „Groß­kon­zer­ne tun alles, um den Wett­be­werb mög­lichst zu ver­mei­den, indem sie fusio­nie­ren, koope­rie­ren oder ver­ti­kal inte­grie­ren.“ (Ulri­ke Herr­mann) In der Auto­mo­bil­bran­che gibt es aber nicht nur gro­ße Play­er, die sich gene­rell dem Wett­be­werb ent­zie­hen, son­dern nicht ein­mal unter die­sen Rie­sen ech­ten Wett­be­werb. Man hat es also eher mit einem mäch­ti­gen, kon­zern­über­grei­fen­den Fami­li­en­ver­bund zu tun, der mit­tels gegen­sei­ti­ger Abspra­chen und zahl­rei­cher Lob­by­is­ten sei­nen Ein­fluss sichert und ver­grö­ßert. Das ist nicht nur unfair, weil man sich eine beque­me Posi­ti­on auf Kos­ten der Kun­den und Zulie­fe­rer ver­schafft, son­dern es erin­nert in sei­nem Geba­ren auch an das Selbst­ver­ständ­nis der Feu­dal­her­ren in den vor­de­mo­kra­ti­schen Gesell­schaf­ten. Ist man bis­lang über sol­ches Ver­hal­ten nase­rümp­fend hin­weg­ge­gan­gen, wird es sei­tens der Kun­den, Zulie­fe­rer und selbst der Poli­ti­ker ange­sichts des nun bekannt gewor­de­nen Aus­ma­ßes der Abspra­chen künf­tig weit­aus weni­ger Tole­ranz gegen­über den Auto­bau­ern geben. Es wur­den Gren­zen über­schrit­ten und es ist nicht zu erwar­ten, dass demo­kra­ti­sche Prin­zi­pi­en wegen eini­ger Pro­fil­neu­ro­ti­ker in die Ton­ne gekloppt wer­den – auch und gera­de dann nicht, wenn die­se wie trot­zi­ge Kin­der mit dem Ver­lust von Arbeits­plät­zen dro­hen, die ohne­hin nicht zu ret­ten sind.

Hin­zu kommt, dass sich die Auto­bran­che auch in ande­rer Hin­sicht – Stich­wort Abgas­skan­dal – dis­kre­di­tiert hat. Denn offen­sicht­li­cher als zuletzt kann man nicht demons­trie­ren, dass Pro­fi­te und Macht­er­halt im Zwei­fel über die Gesund­heit der Men­schen wie gene­rell über die Belan­ge der Gesell­schaft gehen. Dies hat fata­le Fol­gen für das Image der Kon­zer­ne, und ver­rät viel über deren redu­zier­tes Ver­ständ­nis von Fort­schritt. Wer glaubt noch dar­an, dass hier zukunfts­wei­sen­de Inno­va­tio­nen ent­wi­ckelt wer­den, die nicht nur die Bran­che, son­dern letzt­lich auch der gesam­ten Gesell­schaft zugu­te kämen? Was ist das für ein Fort­schritt, der nur die einen finan­zi­ell fort­schrei­ten, die übri­ge Gesell­schaft jedoch hin­ter sich lässt?

 

Offen­sicht­li­cher als zuletzt kann man nicht demons­trie­ren, dass Pro­fi­te und Macht­er­halt im Zwei­fel über die Gesund­heit der Men­schen wie gene­rell über die Belan­ge der Gesell­schaft gehen.”

Zwei­tens und ent­schei­dend für den Nie­der­gang der Auto­in­dus­trie:

Das Auto­mo­bil hat sich über­lebt, sei­ne Fas­zi­na­ti­on ver­lo­ren. Dies gilt sogar für den Bereich der Sport­wa­gen, wo die Fahr­zeu­ge inzwi­schen durch die Bank der­art per­fekt und potent gewor­den sind, dass sie nur auf der Renn­stre­cke aus­ge­fah­ren wer­den kön­nen – und auch dort immer weni­ger fah­re­ri­sches Talent ver­lan­gen. Gene­rell spielt sich das Meis­te ohne­hin nur noch im Kopf der Sport­wa­gen­be­sit­zer ab („Wenn ich rich­tig schnell Auto fah­ren könn­te und eine Renn­stre­cke zur Ver­fü­gung hät­te, dann…“; oder: „Ich bin 1,3 Sekun­den schnel­ler auf der Renn­stre­cke als mit dem Vor­gän­ger­mo­dell“ etc.). Viel Kopf­ki­no also, wo einst der gan­ze Kör­per betei­ligt war, wo das Fahr­erleb­nis einen mit­ge­ris­sen hat und das Limit durch per­sön­li­chen Ein­satz und Mut defi­niert wur­de. Das ist gene­rell die Ten­denz beim Auto: Immer mehr Kopf, immer mehr Ratio­na­li­tät, wo frü­her erst mal Gefühl war. Im Motor­sport geht es seit Jahr­zehn­ten nur noch dar­um, schnel­le­res Fah­ren durch alle mög­li­chen tech­ni­schen Beschrän­kun­gen zu ver­hin­dern – voll­kom­men absurd. Man will schnel­ler wer­den, bremst sich aber gleich­zei­tig aus? Tech­nik macht schnel­ler und lang­sa­mer zugleich?

Die­se Wider­sprüch­lich­keit ist typisch für das Auto gewor­den. Das liegt eben dar­an, dass man nicht mehr bedin­gungs­los hin­ter ihm steht; man ver­sucht, den Kopf ein­zu­schal­ten, um sei­ne alte Lie­be zu ret­ten – eine Lie­be, die aber längst ver­blasst ist.

Kopf­ge­bur­ten ohne Ende sind die Fol­ge: Nicht nur die Sport­wa­gen sind inzwi­schen moto­risch völ­lig über­di­men­sio­niert bzw. fahr­werks­sei­tig und aero­dy­na­misch over­en­gi­nee­red. Ein nor­ma­ler Auto­fah­rer bringt auf der Land­stra­ße heu­te auch einen VW Golf nicht mehr in die Nähe sei­nes Limits. Bei den meis­ten älte­ren Fah­rern täte es auch die Hälf­te der vor­han­de­nen PS oder auch viel weni­ger, wobei dann immer noch genü­gend Reser­ven vor­han­den wären. Was soll das? Zumal die Stra­ßen immer vol­ler wer­den und die PS-Zah­len inso­fern eigent­lich zurück­ge­hen müss­ten. Dass über­dies die Bedie­nung „moder­ner“ Autos immer kom­pli­zier­ter und die Über­sicht­lich­keit immer schlech­ter wird, sei am Ran­de erwähnt. Die viel­ver­kauf­ten SUVs schließ­lich zei­gen, dass das Pro­duk­ti­ons­ni­veau bloß noch unter Auf­bie­tung extre­men Ein­sat­zes von Fan­ta­sie sei­tens der Wer­ber wie der Kun­den auf­recht erhal­ten wer­den kann, die aus sinn­frei­en, häss­li­chen und viel zu schwe­ren Fahr­zeu­gen sol­che macht, die irgend­wie den­noch den alten Traum von Frei­heit und Fort­schritt ver­kör­pern. Kopf, Kopf, kom­pli­ziert: Man denkt nur noch in abs­trak­ter Kate­go­ri­en und in Zah­len, in Fahr- und Grenz­wer­ten, in Gewin­nen und Ver­lus­ten.

Doch Fan­ta­sie ist eine begrenz­te Res­sour­ce und das Kopf­ki­no benö­tigt rea­les Mate­ri­al. Des­halb kommt jetzt das Elek­tro­au­to. Die­ses steht, jeder halb­wegs infor­mier­te Mensch weiß es, nicht für die Zukunft des Autos, son­dern für sein Ende als mas­sen­haft pro­du­zier­tes sowie für die Kon­zer­ne pro­fit­träch­ti­ges Fort­be­we­gungs­mit­tel. Geht es bloß noch dar­um, kom­for­ta­bel von A nach B zu kom­men, benö­tigt man dazu kein beson­ders indi­vi­du­el­les, reiz­vol­les Fort­be­we­gungs­mit­tel – eine simp­le E-Kis­te genügt dann in den meis­ten Fäl­len. Und wer es sich leis­ten kann, betreibt eben Ben­zin­au­to­sport, so wie heu­te man­che ihre Renn­pfer­de bewe­gen. Und: Von den E-Autos benö­tigt man, klug ver­netzt und bequem auf Abruf bereit, nur einen Bruch­teil der momen­tan vor­han­de­nen Fahr- bzw. Steh­zeu­ge.

Es lie­ßen sich noch vie­le Din­ge auf­zäh­len, wel­che die inne­ren Wider­sprü­che ver­an­schau­li­chen, in denen das Auto und sei­ne Her­stel­ler gefan­gen sind, doch für die­se Skiz­ze soll es genü­gen. Ent­schei­dend ist ohne­hin das Fol­gen­de: Das Auto war noch nie ver­nünf­tig, es war eine Pas­si­on. Und es war eine Pas­si­on, die vom Fort­schritts­ge­dan­ken getra­gen wur­de. Das Schnel­ler-Bes­ser-Wei­ter und die damit ver­bun­de­ne Aus­wei­tung der per­sön­li­chen Spiel­räu­me hat das Auto vor­an­ge­trie­ben und pro­fi­ta­bel gemacht. Das war natür­lich oft ziem­lich ver­rückt, aber auch ver­dammt gut, denn vie­le tol­le, fas­zi­nie­ren­de Autos – und Renn­fah­rer – haben Men­schen begeis­tert, ihre Besit­zer wie jene von Kunst­wer­ken mit Stolz erfüllt und die Kin­der von die­sen Kunst­wer­ken träu­men las­sen. Wie viel Schö­nes rank­te sich um die­ses Wun­der auf vier Rädern! Doch heu­te hat das Auto als Sym­bol einer vom tech­ni­schen Fort­schritt gelei­te­ten Gesell­schaft aus­ge­dient. Immer öfter steht es für Ein­schrän­kung statt Befrei­ung, immer öfter dafür, die Zukunft zu ver­stel­len und zu ver­schmut­zen, in deren leuch­ten­de Vari­an­te wir doch frü­her mit ihm gefah­ren sind.

 

Heu­te hat das Auto als Sym­bol einer vom tech­ni­schen Fort­schritt gelei­te­ten Gesell­schaft aus­ge­dient.”

 

Aber kann die ehe­ma­li­ge Lie­bes­be­zie­hung nicht doch viel­leicht „ver­nünf­tig“ wei­ter­ge­führt wer­den, wie es viel­leicht Poli­ti­kern wie Ange­la Mer­kel vor­schwebt? Man muss sich doch nicht tren­nen, nur weil man sich nicht mehr liebt, oder? Den Todes­stoß für die­se Aus­flucht besorgt jedoch das Wirt­schafts­sys­tem selbst, in dem das Auto groß gewor­den ist: der Kapi­ta­lis­mus – bzw. des­sen öko­lo­gi­sche Schat­ten­sei­te. Unter öko­lo­gi­schen Gesichts­punk­ten, das heißt kli­ma- und gesund­heits­schäd­li­che Gase, Res­sour­cen, Müll etc. betref­fend, ist es das Sinn­volls­te, weit­aus weni­ger neue Autos zu pro­du­zie­ren, weil im gesam­ten Pro­duk­ti­ons­pro­zess, also nicht nur beim Bau der Kom­po­nen­ten und deren Zusam­men­set­zung, son­dern auch bei der Anlie­fe­rung der Roh­stof­fe und Kom­po­nen­ten, beim Ver­trieb etc., enorm viel Ener­gie benö­tigt wird. Statt­des­sen soll­ten die Gebrauch­ten so lan­ge wie mög­lich gefah­ren wer­den. Ent­spre­chend wird künf­tig die Pro­duk­ti­on von Ersatz­tei­len eine wich­ti­ge Rol­le spie­len, wobei neue Werk­stof­fe intel­li­gent ein­ge­setzt und die vor­han­de­nen Fahr­zeu­ge dadurch nicht nur erhal­ten, son­dern sogar peu à peu ver­bes­sert wer­den könn­ten. Und in den Städ­ten ist es ohne­hin ver­nünf­ti­ger, auto­nom fah­ren­de E-Kap­seln ein­zu­set­zen sowie den öffent­li­chen Ver­kehr und die Rad­we­ge aus­zu­bau­en.

Die ers­ten Anzei­chen des Ver­blas­sens der gro­ßen Lie­be zum Auto­mo­bil haben auf­merk­sa­me Beob­ach­ter schon Anfang der 80er-Jah­re bemerkt. Nicht umsonst ver­stärk­te sich seit­dem auch der Ein­druck, man ruhe sich in den Auto­kon­zer­nen auf sei­nen Erfol­gen aus. Nun, bald 40 Jah­re spä­ter, ist es Zeit, die Kon­se­quen­zen zu zie­hen und die Bevöl­ke­rung auf den gro­ßen Umbruch vor­zu­be­rei­ten, der mit dem Abschied vom tra­di­tio­nel­len und in rie­si­gen Stück­zah­len pro­du­zier­ten Auto ver­bun­den ist – ein Abschied, der im Her­zen schon statt­ge­fun­den hat und nur in vie­len Köp­fen noch nicht ange­kom­men ist.

 

Blockchain & Bitcoin – was noch gesagt werden musste, Teil 3

Blockchain & Bitcoin

 Weiterentwicklung der Blockchain

Eine Fra­ge, um die man nicht her­um­kommt zu stel­len, wenn man sich mit dem The­ma Block­chain beschäf­tigt ist: Wird die Block­chain die Welt ver­än­dern?

 

Die­se Fra­ge ist nahe­lie­gend, wenn man sich nur mal ansieht, wer sich gera­de alles inten­siv mit dem The­ma beschäf­tigt. Die Bank of Eng­land ist ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel, wobei die ande­ren Inter­es­sen­ten an der Tech­no­lo­gie nicht weni­ger pro­mi­nent sind. So tüf­teln der­zeit 42 Ban­ken – dar­un­ter die Deut­sche Bank und die Com­merz­bank – gemein­sam an einem tech­ni­schen Stan­dard für Block­chains, weil die­se ihre Arbeit wesent­lich erleich­tern könn­ten. Und die aus­tra­li­sche Bör­se hat gera­de ver­lau­ten las­sen, dass sie die Tech­no­lo­gie tes­ten wird, um letzt­lich den gesam­ten Betrieb auf eine decen­tra­li­sed led­ger tech­no­lo­gy (DLT) umzu­stel­len. Das Inter­es­se für die­se Tech­no­lo­gie ist nicht wei­ter ver­wun­der­lich, wenn man sich ansieht, dass die Bit­co­ins zahl­rei­che zen­tra­le The­men der Finanz­welt betref­fen: z.B. das Mono­pol der Zen­tral­ban­ken der Geld­schaf­fung, die Mög­lich­keit Geld zu trans­fe­rie­ren, usw.

 

Man sieht also, dass die Block­chain im Main­stream ange­kom­men ist und zahl­rei­che wich­ti­ge Akteu­re sich mit der Anwen­dung die­ser Tech­no­lo­gie für ihre jeweils ganz spe­zi­fi­schen kon­kre­ten Anwen­dungs­fel­der beschäf­ti­gen. Doch was man nicht ver­ges­sen darf: Längst beschäf­ti­gen sich zahl­rei­che Per­so­nen mit der Weit­ent­wick­lung die­ser Tech­no­lo­gie. So haben bereits 2014 eini­ge jun­ge Pro­gram­mie­rer eine neue Block­chain-Tech­no­lo­gie ent­wi­ckelt, die weit über die Anwen­dung für eine Kryp­towäh­rung hin­aus­geht. Die­se neue Block­chain-Tech­no­lo­gie wur­de als Platt­form für soge­nann­te Dapps (Dis­tri­bu­t­ed Apps), die aus Smart Con­tracts bestehen, ent­wi­ckelt.

 

Die Idee der „Smart Con­tract“ ist es, gewis­ser­ma­ßen die old-fashio­ned Ver­trä­ge in Papier­form durch ein Com­pu­ter­pro­gramm zu erset­zen, der auto­ma­tisch die vor­her fest­ge­leg­ten Bestim­mun­gen über­prüft und ent­spre­chen­de Aktio­nen ver­an­lasst. Dies ermög­licht es (sofern eine vor­her defi­nier­te Ver­trags­be­din­gung erfüllt ist), dass bestimm­te Aktio­nen (zum Bei­spiel Aus­zah­lun­gen) auto­ma­tisch aus­ge­führt wer­den kön­nen. Wenn man das kon­se­quent vor dem Hin­ter­grund des Inter­net 4.0 zu Ende denkt, also berück­sich­tigt, dass bald mehr als 50 Mil­li­ar­den Maschi­nen unter­ein­an­der ver­netzt sein sol­len, für deren “Kom­mu­ni­ka­ti­on” unter­ein­an­der die Block­chain ein “Betriebs­sys­tem” sein könn­te, dann sieht man schnell, dass Smart Con­tracts den erlauch­ten Kreis der durch die Block­chain vom Aus­ster­ben bedroh­ten Insti­tu­tio­nen und Beru­fe (Zen­tral­ban­ken, Ban­ken) um zahl­rei­che wei­te­re ergän­zen muss (z.B. Nota­re, Bör­sen­händ­ler, Ver­wal­tungs­mit­ar­bei­ter in sämt­li­chen Tätig­keist­fel­dern).

 

Doch so unglaub­lich das Poten­zi­al die­ser Smart Con­tracts ist, so müs­sen all die­se Anwen­dun­gen erst noch pro­gram­miert wer­den, müs­sen sich Kun­den fin­den, die für die­se Anwen­dun­gen auch bezah­len. Denn von irgend­et­was müs­sen all die Pro­gram­mie­rer ja leben. Da dies jedoch nicht so ein­fach ist, kamen Anfang 2016 eini­ge Pro­gram­mie­rer auf die Idee, eine vir­tu­el­le Betei­li­gungs­fir­ma zu grün­den, die via Crowd­fun­ding Geld von Inves­to­ren ein­sam­melt. Die so kapi­ta­li­sier­te Betei­li­gungs­fir­ma soll­te dann als Inves­tor selbst die Pro­jek­te ihrer Erfin­der finan­zie­ren. Der Clou an der Sache war, dass die­se Betei­li­gungs­fir­ma selbst als Block­chain ange­legt war. Als Inves­tor an die­ser Betei­li­gungs­fir­ma unter­schrieb man kon­se­quen­ter Wei­se auch kei­nen Ver­trag,  der durch einen Notar beglau­bigt und dann im Han­dels­re­gis­ter archi­viert wur­de – nein, viel­mehr erklär­te man durch die Benut­zung die­ser Block­chain-Tech­no­lo­gie sei­ne Zustim­mung zum Gesell­schafts­ver­trag, der nichts ande­res war als der Pro­gramm­code. Die­se Idee ist nicht ganz abwe­gig, denn letzt­lich kann man einen Ver­trag wie einen Pro­gramm­code lesen. Defi­niert ein Ver­trag doch wie ein Code, was zu tun ist, wenn ein vor­her defi­nier­ter Fall ein­tritt. Der Unter­schied ist jedoch (und die­ser wur­de im Zuge des DAO Hacks, den ich wei­ter unten schil­de­re, inten­siv dis­ku­tiert) dass man sich bei der Pro­gram­mie­rung die­ser Betei­li­gungs­fir­ma nicht am gel­ten­den Recht ori­en­tier­te, son­dern an dem, was tech­nisch mach­bar war und als rele­vant für solch ein Unter­fan­gen erach­tet wur­de. Und so hat man sich im Vor­feld auch nicht mit der Fra­ge beschäf­tigt, ob das BGB oder der Pro­gramm­code gilt, wenn ein “Ver­trags­pas­sus” des Pro­gramm­codes für eine Funk­ti­on miss­braucht wird, für die sie nicht beab­sich­tigt war. Viel­leicht wur­de die­se Fra­ge­stel­lung zwar bedacht aber letzt­lich als irrele­vant erach­tet, weil die “Gesell­schaf­ter” die­ser Betei­li­gungs­fir­ma völ­lig anonym sind.

 

Gedacht getan. Die Idee war in der Welt und bis zum 28. Mai 2016 konn­te die Betei­li­gungs­fir­ma mit dem Namen Decen­tra­li­zed Auto­no­mous Orga­ni­sa­ti­on (DAO) ca. 150 Mil­lio­nen US-Dol­lar von über 11.000 Inves­to­ren ein­sam­meln. Was nun folg­te, war ein Wirt­schafts­kri­mi aller­ers­ter Güte. Denn nur drei Wochen spä­ter, am 17. Juni 2016, muss­ten die Grün­der und Inves­to­ren der DAO fest­stel­len, dass durch einen Hack der Soft­ware Gel­der von der DAO abge­zo­gen wur­den. Ins­ge­samt han­del­te es sich um rund 50 Mil­lio­nen US-Dol­lar. Der Hacker hat­te dabei eine Funk­ti­on in der DAO als Sicher­heits­lü­cke ent­deckt, die die Inves­to­ren eigent­lich schüt­zen soll­te. Doch zum Glück gab es eine wei­te­re Schutz­funk­ti­on, die der Com­mu­ni­ty 28 Tage Zeit gab, um das Geld zurück­zu­ho­len. Erst wenn die­se 28 Tage ver­stri­chen wären, hät­te der Hacker auf das abge­zo­ge­ne Geld zugrei­fen kön­nen.

Wäh­rend die Com­mu­ni­ty noch berat­schlag­te, tauch­te ein anony­mes Beken­ner­schrei­ben auf, in dem der Hacker dar­auf ver­wies, dass er ledig­lich im Rah­men des von der Tech­no­lo­gie Erlaub­ten gehan­delt habe. Und auch wenn er damit irgend­wie recht hat­te: Das Geld war erst mal weg. Wich­ti­ger noch waren die Fol­gen des Hacks: Denn die Reak­ti­on der DAO hat gezeigt, dass es – auch wenn bis­lang Gegen­tei­li­ges gesagt wur­de – doch mög­lich ist, eine Block­chain zu mani­pu­lie­ren (zumal wenn die­se noch so jung ist wie die, auf der die DAO auf­bau­te und wenn die­se von einer zen­tra­len Stel­le wie der Ethe­re­um Foun­da­ti­on ent­wi­ckelt wird). Denn kurz vor Ablauf der 28 Tage ent­schied man sich, die Block­chain zu mani­pu­lie­ren und so das Geld der Inves­to­ren zu sichern.

 

Damit wur­de zwar das Ver­spre­chen der Block­chain-Tech­no­lo­gie – die Unmög­lich­keit der Mani­pu­la­ti­on von Daten – gebro­chen, aber so para­dox es klin­gen mag, damit wur­de zugleich gezeigt, dass die Block­chain für zahl­rei­che kom­mer­zi­el­le Anwen­dun­gen ver­wen­den lässt. Schließ­lich ist es manch­mal klar von Vor­teil, wenn es eine Instanz gibt, die Feh­ler revi­die­ren kann und gene­rell die Kon­trol­le behält.

 

Wird die Block­chain also die Welt ver­än­dern? Auf die­se Fra­ge will ich hier kei­ne abschlie­ßen­de Ant­wort geben, aber man soll­te die­se Fra­ge bei den fol­gen­den Blog­bei­trä­gen stets im Hin­ter­kopf haben …

 

von Wolf­ram Bern­hardt, der sich über Feed­back wie immer freut  (wbernhardt(at)agora42(Punkt)de), den 30. Mai 2017

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