Unruhe – Ralf Konersmann über ein Leitbild der Moderne

Welche Leitbilder können (noch) leiten, woran halten wir uns fest – und was leitet uns in die falsche Richtung? Für die Ausgabe LEITBILDER der agora42 haben wir außergewöhnliche Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Philosophie, Politik, Religion, Medizin, Justiz, Kultur, Architektur, Bildung, Gastronomie … um eine Antwort gebeten. Hier lesen Sie den Artikel von Ralf Konersmann:

Unruhe

von Ralf Konersmann

 

Ralf Konersmann

Ralf Konersmann ist Professor für Philosophie an der Universität Kiel und Direktor des dortigen Philosophischen Seminars. Er ist Herausgeber des Wörterbuchs der philosophischen Metaphern, Mitherausgeber der Zeitschrift für Kulturphilosophie sowie des Historischen Wörterbuchs der Philosophie. Zuletzt von ihm erschienen: Die Unruhe der Welt (S. Fischer Verlag, 2015). Foto: Bodo Kremmin

Lange Zeit war der Begriff des Leitbildes verpönt. Der 1967 von Theodor W. Adorno für eine Sammlung philosophischer Essays gewählte Titel Ohne Leitbild war Programm. Keinesfalls durfte der Lauf der Dinge durch die Befangenheiten des Augenblicks behindert werden, die Zukunft sollte offen sein.

Geschichtsphilosophisch war der Verzicht konsequent, aber er war auch unpolitisch. Die Absage ignorierte die Tatsache, dass die Gegenwart ihre Leitbilder längst schon besitzt und dass diese von den Leitmedien und der Politik, von Wissenschaft und Werbung ständig in Anspruch genommen werden – Leitbilder im Übrigen, die kaum jemals als solche ausgewiesen sind und, weil sie sich gleichsam von selbst verstehen, umso überzeugender wirken.

Zu dieser Art Leitbilder, die in ausgesuchten Momenten machtvoll aufscheinen, ansonsten aber im Bereich des kulturell Unbewussten zu Hause sind, gehört die Unruhe. Die Unruhe ist da, sie ist überall, tritt aber kaum jemals rein als solche hervor. Und doch wissen wir alle nur zu gut, was es heißt, dass wir vorwärtskommen müssen, dass wer nicht kämpft, schon verloren hat, dass wir die Hände nicht in den Schoß legen dürfen und öfter mal was Neues anfangen müssen. Die alltagssprachlichen Echos der Unruhe sind uns allen vertraut, und es wäre falsch zu meinen, hier geschähe etwas heimlich oder im Verborgenen. Der Konsens der Unruhe ist mit Händen zu greifen und braucht, eben weil das Einvernehmen total ist, weder überprüft noch gerechtfertigt zu werden. In diesem Klima fragloser Akzeptanz dient uns das Abc der Unruhe als eine Art Kompass, der uns durch den Tag führt und der uns die Stichworte liefert, wenn es gilt, das Leben so zu leben, wie es heute gelebt sein will.

 

Unruhe als Leidenschaft

Seit rund sechzig Jahren klagen die Menschen über Stress, seit der Jahrtausendwende über Burn-out. Umso dringender stellt sich die Frage: Wie hat dieses Leitbild der Unruhe entstehen, wie hat es sich in den Köpfen und Herzen festsetzen können? Wie ist es zugegangen, dass wir, obgleich wir offensichtlich an ihr leiden, zu Enthusiasten der Unruhe geworden sind?

Meine These ist, dass Leitbilder Orientierungen sind – Orientierungen, die nicht deshalb angenommen werden, weil sie im anspruchsvollen Sinn des Wortes wahr sind, sondern weil sie allgemeinen Überzeugungen entsprechen und jedermann unmittelbar einleuchten. Die enorme Kulturbedeutung der Unruhe entspringt aus ihrer Aktualität: aus dem, was der Unruhe zugetraut wird.

Die Unruhe hat eine lange und höchst widerspruchsvolle Bedeutungsgeschichte durchlaufen – vom Verhängnis und dem Zeichen der Sünde, von dem die Theologen jahrhundertelang gesprochen haben, bis hin zum Versprechen, das der frühe Aufklärungsphilosoph Francis Bacon aus der Unruhe herauslesen wollte. Die Geschichte der Neuzeit ist ganz wesentlich die Anerkennungsgeschichte der Unruhe. Selbst die Freude sei Unruhe, versichert Ludwig Feuerbach in seinen Leibniz-Studien: „Ja, die Unruhe ist selbst wesentlich zur Glückseligkeit der Geschöpfe, denn sie besteht nicht in einem vollkommnen Besitze, der sie nur fühllos und stumpf machen würde, sondern in einem fortwährenden und ununterbrochnen Fortschritt zu immer größern Gütern, ein Fortschritt, welcher nicht ohne ein Verlangen oder eine beständige Unruhe denkbar ist.“

Leitbilder, auch daran entzündete sich die Kritik Adornos, müssen sich nicht erklären – sie müssen einleuchtend sein. Die Zeilen Feuerbachs heben diese Qualität leitbildhafter Orientierungen hervor, indem sie einmal unumwunden aussprechen, was auf dem Boden der westlichen Kultur jedes Kind verstanden und sich, wenn es klug ist, zueigen gemacht hat: die Leidenschaft für Bewegung, Wandel und Veränderung; das Fieber des Aufbruchs und des Vorwärtskommenwollens; die Begeisterung für Anderes, Fremdes und Neues.

 

Kritik der Unruhe

Schon zur Zeit ihrer Entfesselung, also im Verlauf des 17. Jahrhunderts, ist die problematische Seite der Unruhe gesehen worden, am deutlichsten vielleicht von Blaise Pascal. Der französische Philosoph und Mathematiker spricht von Zerstreuung, vom divertissement, und meint damit die Korrumpierung der überlieferten Vorstellungs- und Empfindungswelt durch die Unruhe. Unmittelbar an der historischen Schwelle zählt Pascal auf, was sich eben gerade jetzt zu verändern beginnt: dass wir nun offenbar zu allem bereit sind, wenn uns nur das Elend der Langeweile erspart bleibt; dass wir uns von den Gegenständen ablenken und wegziehen lassen, denen unsere Sorge gelten müsste; dass wir uns mit unserem vollen Einverständnis aus unserer Mitte reißen und in eine Wirklichkeit treiben lassen, in der wir uns nur verlieren können.

Pascal bestimmt die menschliche Situation, wie sie mit Beginn der Neuzeit entstanden ist, als Situation der Unruhe. Unter dem maßgeblichen Einfluss der Psychologie ist diese Situation seither auf das Format der „inneren Unruhe“ geschrumpft. Erkenntnisfördernd ist diese Diagnose nicht. Sie trübt den Blick für die Zweideutigkeit des Themas: dafür, dass die Unruhe Verhängnis und Versprechen zugleich ist – eine Passion. Noch weniger ist sich diese diagnostische Routine ihrer eigenen Verstrickung bewusst: der Tatsache, dass der schematische Kreislauf von Problem und Lösung selbst ein Echo der Unruhe ist. Tatsächlich ist die Unruhe Lebensform und Denkform zugleich: die westliche Art, das Leben anzunehmen.

Da dies aber so ist und die Unruhe mit der Kulturwirklichkeit des Westens verschmolzen ist, gibt es kein Rezept. Wir können die Unruhe nicht abschaffen und überwinden. Wohl aber können wir besonnen mit ihr umgehen und die Vielfalt ihrer Erscheinungsformen zur Kenntnis nehmen. Das führt zu der alten Einsicht, dass auch die Leitbilder (exempla nobilia) Verführer zur Unruhe sind. Der Ideologiekritiker Adorno hätte dem wohl zustimmen können: Indem sie uns dazu auffordern, dem vermeintlich Besseren und Vollkommeneren nachzueifern, überwinden die Leitbilder nicht die Schwäche unseres Bewusstseins, sondern nutzen sie aus. Die Kritik der Unruhe ist auch eine Kritik der Leitbilder, genauer: eine Kritik ihrer Komplizenschaft.

 

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Dieser Artikel ist erstmals in der agora42-Ausgabe 03/2016 LEITBILDER erschienen.agora42 LEITBILDER

“Tiere denken” von Richard David Precht – Die Zukunft der Fleischindustrie

Ab dem 17.10.2016 erscheint das neue Buch von Richard David Precht Tiere denken. Was als Herzensprojekt des Bestseller-Philosophen begann, ist nicht nur eine umfassende Abhandlung über Mensch-Tier-Beziehungen, Tierrechte und die menschliche Moral geworden. Es ist auch ein Blick in die Zukunft der Fleischindustrie – die sich heute schon abzeichnet.

 

Die Chance des Jahrhunderts!

Richard David Prechts neues Buch „Tiere denken“

Tiere denken von Richard David Precht

Tiere denken von Richard David Precht erscheint am 17.10.2016 im Goldmann Verlag.

Dass der Mensch dazu fähig ist, eine Katze zu verzärteln und gleichzeitig ein Lamm zu essen, überrascht niemanden mehr. Dieses widersprüchliche Verhalten gegenüber Tieren mitsamt seinen moralischen und ethischen Verstrickungen, wurde bereits häufig öffentlich diskutiert und ist der breiten Bevölkerung bekannt. Tiere zu essen ist überflüssig: Der menschliche Körper braucht kein Fleisch. Darüberhinaus möchte kein Schulabgänger mehr Metzger werden oder in der Massentierhaltung arbeiten.

Trotzdem: Fleisch schmeckt. Fleisch macht pappsatt. Fleisch ist schnell und einfach zubereitet. Und – in Massen produziert – ist es billig. Viele Deutsche wollen auf ihr Steak zum Mittag nicht verzichten und die Zahl der Tiere, die in deutsche Mast- und Schlachtanlagen gepfercht werden, steigt weiterhin an. Ob Prechts neues Buch daran etwas ändern wird?

Wer nun glaubt, dass Deutschlands bekanntester lebender Philosoph ab sofort den Fleischverzicht predigt und Grünkern- statt Beef-Burger empfiehlt oder die Weihnachtsgans gegen Brokkoli tauschen möchte, der irrt. Von moralischen Zurechtweisungen und Gewissensappellen ist die Gegenwartsanalyse Prechts weit entfernt. Im Gegenteil: Durch seine ungewohnt pragmatische Betrachtung des heutigen moralischen Fleischesser-Dilemmas gerät für Precht eine Lösung in den Blick, die von hitzigen Vegetarismus-Debatten bislang nicht berücksichtigt wurde.

Folgendes Rätsel gilt es zu lösen: Das Steak soll auf den Teller. Aber kein Tier soll dafür leiden müssen. Wie kann das gehen?
Für Precht ist klar: Technik und Naturwissenschaften weisen den Weg. Nutzen wir das vorhandene Know-how doch mal für die Herstellung eines schmackhaften Steaks, dass jeder guten Gewissens essen kann.

Das dies keine Utopie eines weltfremden Tierliebhabers ist, zeigt der Blick in moderne Biolabore. Dort drucken bereits heute hochkomplexe 3D-Drucker lebende Organe aus menschlichen Zellen. Der Druck eines Stücks Muskelfleischs aus Schweinezellen ist im Vergleich dazu ein Kinderspiel. Mit bestechender Klarheit führt Precht vor Augen, was erste Anzeichen bereits verkünden: Die Massentierhaltung ist ein Relikt der Moderne. Die Zukunft gehört dem Kulturfleisch.

 

Kulturfleisch García-Sancho

Richard David Precht: “Real-Beef-Fans geraten ins gesellschaftliche Abseits. Für Frauen sind sie so unsexy wie Militaria-Sammler und Schmerbäuche im NATO-Nahkampf-Look…” Illustration: Carlos García-Sancho. dedesign.tumblr.com

 

Mit Tiere denken zeigt Richard David Precht, Mitherausgeber der agora42, dass die Zukunft der Fleischproduktion im cultured beef liegt.
Klar, zu Beginn mögen die Konsumenten noch etwas skeptisch sein: „Männer lächeln darüber, sie behandeln das neue Fleisch wie alkoholfreies Bier: nicht sehr männlich, aber irgendwie ganz sinnvoll.“ Aber bereits nach einigen Jahren  ist „die Zeit, Tierhaltungsgräuel durch den Verweis auf ihren ökonomischen Vorteil zu rechtfertigen“ passé: „Die Fleischindustrie kämpft einen verzweifelten Propagandakampf – wie lange Zeit die Atomlobby –, aber sie kann nicht mehr gewinnen.“

Das ist „die Chance des Jahrhunderts“, schreibt Precht.

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Richard David Precht in agora42
Mehr dazu in dem Artikel Die Fleisch-Revolution von Richard David Precht, Mitherausgeber der agora42. Jetzt in der aktuellen Ausgabe der agora42 SEIN UND FLEISCH.

 

 

 

Richard David Precht

Richard David Precht ist seit 2011 Mitherausgeber des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42. Bekannt wurde er 2007 durch sein Sachbuch Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Seit September 2012 moderiert er die Philosophiesendung Precht im ZDF.

Der Philosoph – Paradebeispiel für einen Nichtsnutz?

Vor einem Jahr richteten wir gemeinsam mit den Bayreuther Dialogen einen Essaywettbewerb aus. Anlässlich der bald wieder stattfinden (29.10.16) Dialoge möchten wir Ihnen hier gerne einer der zwei Siegeressays präsentieren.

Der Philosoph – Paradebeispiel für einen Nichtsnutz?

Studenten der Altphilologie und Kunstgeschichte teilen ein gemeinsames Schicksal mit mir: Sie leiden unter einem Tinnitus, der eigentlich gar keiner ist. Mit einem echten Tinnitus gemeinsam hat dieser Tinnitus, dass er zum ständigen Begleiter geworden ist, sich dabei als äußerst unangenehm erweist und man ihn wohl nur los wird, wenn man lernt wegzuhören. Doch anstatt mich unaufhörlich piepsend um meine innere Ruhe zu bringen, raubt er mir beständig quasselnd den letzten Nerv: „Aber was fängt man denn bitte mit Philosophie nach dem Studium an?“

 

philosoph-nichtsnutz

Illustration von Carlos Garcia-Sancho

Bevor ich anfing, ein Orchideenfach zu studieren, war mir nicht klar gewesen, wie tief unsere Gesellschaft, von jung bis alt, in der Mittel-Zweck-Kategorie feststeckt. Seit ich auf jene Frage aber fast täglich anderen und bald minütlich mir selbst antworten soll, sieht das anders aus. Wer es da wagt, pathetisch Sätze wie „Philosophie studiert man um ihrer selbst willen“ oder „Bildung und Studium sind doch Selbstzwecke“ zu verkünden, hat schlechte Karten. Ausführliche Argumentationen gibt der Smalltalk in der Regel jedoch nicht her. Ein kleiner Tipp deshalb, falls Sie gerade ähnliche Erfahrungen machen und um Ihr Seelenheil bangen: Denken Sie sich eine (erlogene) Standardantwort aus, mit der Sie schon kontern können, bevor dem Fragenden überhaupt der ganze Satz über die Lippe gekommen ist, und nehmen Sie Ihrem Gegenüber die Frage nicht allzu übel, es sei denn, Sie finden Gefallen an sukzessiver sozialer Isolierung.

Da ich die nächste Zeit zufälligerweise alleine bin, will ich es an dieser Stelle mit Argumenten versuchen, die im Smalltalk oft nicht zur Sprache kommen – zugegeben, damit verbunden ist die Hoffnung, dass mein Tinnitus über kurz oder lang zum Schweigen gebracht wird.

 

Spucken oder nicht spucken?

Ich könnte zum Beispiel mit Aristoteles behaupten, dass die philosophische Betrachtung (altgr.: theoria) nun mal der Königsweg zur Glückseligkeit sei. Sie erwiese sich somit durchaus als nützlich – für mein Glück. Dieser Gedanke kommt mir jedoch ziemlich eigensinnig vor, bin ich doch kein Aristokrat, der sinnierend nach der Eudämonie trachtet, während die anderen alle für ihren (und meinen) Lebensunterhalt schuften müssen.

Die vermeintliche Egozentrik trügt jedoch, wenn man bedenkt, dass eine egoistische Glücksvorstellung, wie sie heute gang und gäbe ist, im Hinblick auf Aristoteles völlig unangemessen wirkt. Als politisches Lebewesen (altgr.: zoon politikon) ist der Mensch immer schon Teil der politischen Gemeinschaft, auch wenn er „hauptberuflich“ der Weisheit frönt. Dass Aristoteles beim glückseligen Philosophen an einen Einzelgänger im Elfenbeinturm dachte, will ich mithin bezweifeln. Vielmehr dürfte der ideale Philosoph nach Aristoteles neben den Verstandestugenden, zum Beispiel Wissen und Weisheit, auch über Charaktertugenden, zum Beispiel Freigebigkeit, Wahrhaftigkeit und Sanftmut, verfügen und im praktischen Leben der politischen Gemeinde eine tragende Rolle spielen. Das Zusammenspiel von Theorie und Praxis ist demnach entscheidend, will die Philosophie sich selbst nicht damit bescheiden, dass ihre Vertreter fachintern esoterische Liebesbriefchen austauschen.

Es gilt die Weisheit in ihrer Mannigfaltigkeit nach außen zu tragen, damit mehr als 2.000 Jahre des Nachdenkens über den Sinn des Lebens, das gute Leben, das Sein des Seienden etc. nicht in der Fachbibliothek verstauben, sondern jeder in ihren Genuss gelangen kann. Das, was aus dem Wissen entspränge, wäre vermutlich zwar nicht direkt wirtschaftlich verwertbar, sofern man die Erkenntnisse nicht entstellen wollte. Die Philosophie könnte indes helfen, gerade die beschränkte Sichtweise zu durchbrechen, wonach der Nutzen einer Sache mit dessen wirtschaftlicher Verwertbarkeit identisch sei.

Diese vorschnelle Gleichsetzung ist nicht verwunderlich, leben wir doch in einem Land, wo der Steigerung des Bruttosozialprodukts eine ganze Hymne gewidmet wurde. Wer nicht in die Hände spuckt, der gilt schnell als Nichtsnutz, ungeachtet dessen, ob er es eigentlich gerne täte oder nicht. Der Philosoph ist mitunter noch schlimmer als der konventionelle Tunichtgut, weil das, was er zu sagen hat, oftmals nicht nur nicht profitabel ist, sondern der Logik des Profits geradezu widerspricht. Und dafür soll man ihn dann auch noch bezahlen?!

Man denke nur an die fröhlich verkündete Nachricht in der Tagesschau, die Kauflust der Deutschen sei in die Höhe geschnellt und deshalb boome die Wirtschaft. Dazu Bilder von einkaufenden Leuten, die über beide Backen strahlen, während sie ihre Einkaufstüten durch die Shoppingmeile schleppen. Einkaufen ist also etwas Gutes, weil es dem Einzelnen Lust bereitet und die Wirtschaft ankurbelt. Kurz: Einkaufen nützt.

Über dieses Paradies bricht nun die satanische Philosophie herein und zerstört den eitel Sonnenschein. Sie erdreistet sich, Fragen zu stellen: Ob Einkaufen überhaupt langfristig glücklich mache oder nur einen kurzen Kick verschaffe. Ob Besitz glücklich mache und ob viel Besitz noch glücklicher mache oder ob Besitz, wenn überhaupt, Mittel zum Glück sei und viel Besitz dem Glück sogar im Weg stehen könne. Ob alle Bedürfnisse „natürlich“ seien oder von der Gesellschaftsform, in der wir leben, präformiert würden, damit das System möglichst reibungslos funktioniere. Ob das, was uns nützlich dünkt, somit wirklich nütze oder im Hinblick auf Menschen aus anderen Ländern oder die Natur sogar eher schade. Ob die Art unseres auf Wachstum fixierten Wirtschaftens langfristig Sinn ergebe …

 

Emanzipation von unten

Zugegeben, der spezielle Beruf, auf den das Philosophiestudium vorbereitet, muss erst noch erfunden werden. Und kaum jemand wird ernsthaft auf die Idee kommen, Philosophie zu studieren, um Karriere zu machen. Dennoch nützt die Philosophie auf ihre Art und Weise. Sie kann allein dadurch, dass sie (ausgiebig) betrieben wird, einen Gedankenwandel im Menschen bewirken – sei es im Gespräch mit anderen oder im Dialog mit dem Philosophen, den man gerade liest. Nun kommt dabei, wie wir gesehen haben, nicht unbedingt ein endgültiges Ergebnis heraus, sondern es entstehen eine Fülle von Fragen, die erstarrten Denkweisen wieder Beweglichkeit verleihen. Wird diese Öffnung gegenüber alternativen Sichtweisen ernst genommen, kann sich eine Veränderung in der inneren Einstellung zu sich selbst und zur Umwelt ergeben, die einen in Opposition zu landläufigen Vorstellungen bringt. In Opposition indes befindet man sich nur, solange man es versäumt, andere damit anzustecken, eingefrorene Denkarten ebenfalls aufzubrechen. Hierbei zeigt sich ein emanzipatives Moment der Philosophie, das jedoch auf keine „Top-down-Emanzipation“ abzielt, sondern auf eine „Bottom-up-Emanzipation“. Erstere erinnert an Platons Höhlengleichnis, wonach der Philosoph bei der Ideenschau ewige Wahrheiten erkennt, die ihn zum wissenden Philosophenkönig qualifizieren, dem die unwissende Masse untertan zu sein hat. Die „Bottom-up-Emanzipation“ indessen findet sich bei Hannah Arendt, die nicht von ungefähr Platon gegenüber sehr kritisch eingestellt ist. Als Herzstück ihrer politischen Theorie entwirft sie in dem Buch Vita activa oder vom tätigen Leben den Begriff des „Handelns“. „Handeln“ beinhaltet laut Arendt zwar ein „Führen“ und ein „Folgen“; sie grenzt es jedoch dezidiert von „Herrschen“ und „Beherrscht werden“ ab. Während sie mit diesen beiden Begriffen unter anderem das Verhältnis von Platons Philosophenkönig zu seinen Untergebenen charakterisiert, beschreibt sie mit ersteren Begriffen etwas ganz anderes: Derjenige, der führt, ist niemals dauerhaft auf die Position des Führenden festgelegt und genauso verhält es sich mit denjenigen, die folgen. Der Führende ist im Gegensatz zum Herrschenden nicht durch ein bloßes Befehlen gekennzeichnet, dem bedingungslos gehorcht werden muss, sondern durch das Vermögen, einen Anfang zu machen. Und jedem Menschen wohnt potenziell ein solches Vermögen inne, sodass jeder Mensch grundsätzlich dazu in der Lage ist, eine Handlung im arendtschen Sinne zu beginnen. Wurde der Stein einmal ins Rollen gebracht, kommen die anderen Menschen dem Führenden zu Hilfe. Sie gehorchen ihm nicht blind, sondern folgen ihm, indem sie als Gleichberechtigte kreativ und denkend an der Handlung partizipieren, und vollenden diese als gemeinsames Projekt. Das Resultat der Handlung ist dabei nicht vorhersehbar, gerade weil es auf dem kreativen Zusammenwirken von vielen beruht.

 

Denken gegen die Gedankenlosigkeit

Nun wurde zwar eine Art und Weise charakterisiert, wie emanzipatorisches Handeln vonstatten gehen könnte, das den Einzelnen nicht entmündigte. Die Frage, ob man sich denn überhaupt noch von irgendeinem Zustand emanzipieren müsse, blieb bislang indes unbeantwortet. Kaum ein Mensch der „aufgeklärten Welt“ wird heute noch Zweifel daran hegen, dass es richtig war, sowohl die Sklavenhaltergesellschaft als auch die Feudalgesellschaft zu überwinden. Die bürgerliche Gesellschaft lädt hingegen viele dazu ein, es sich in ihr bequem zu machen.

Dabei unterliegt man einer doppelten Naivität: Zum einen klaffen in unserer Gesellschaft das, was sie zu sein beansprucht, und das, was sie ist, auseinander. Die raue Wirklichkeit straft das Ideal einer humanen und gerechten Gesellschaft oftmals Lügen. Wie der Kultursoziologe Pierre Bourdieu aufgezeigt hat, wird zum Beispiel Chancengleichheit dann zur Farce, wenn ich aus einem sozialen Milieu stamme, wo mir Werte, Normen und Verhaltensweisen vermittelt worden sind, die in den Bildungsinstitutionen und am Markt überhaupt nicht gefragt sind. Beherrsche ich beispielsweise den schwäbischen Dialekt besser als jeder andere Schwabe, so wird mir vorgehalten, ich beherrschte kein Hochdeutsch, anstatt dass ich für mein grandioses Schwäbisch gesellschaftlich anerkannt würde. Um mir das Hochdeutsch anzueignen, muss ich nicht nur viel Zeit aufwenden, ich erfahre auch einen Teil meiner sprachlichen und kulturellen Identität als defizitär, wiewohl ich für den Ort meiner Herkunft rein gar nichts kann. Ich bin mithin das Opfer meines eigenen Habitus, während ein Hannoveraner sich diesbezüglich seines Habitus erfreuen darf.

Oder man denke an die fortschreitende Globalisierung, die zu einer wirtschaftlichen Verflechtung der gesamten Welt führt. Wenngleich die Arbeitsbedingungen in Deutschland noch einigermaßen gut sein mögen, kann ich im Grunde davon ausgehen, dass die meisten erschwinglichen Produkte, die ich mir im Laden kaufe, nicht unter derart guten Bedingungen hergestellt wurden. Hinzu kommt: Je ärmer ich bin, desto eher bin ich dazu gezwungen, zum billigsten Produkt zu greifen. Zu meiner finanziellen Not gesellt sich also der Sachzwang, moralisch bedenkliche Einkäufe zu tätigen, während sich besser Begüterte schlichtweg von ihrer moralischen Schuld „freikaufen“ können. Wer hierbei wirklich unmoralisch handelt und inwieweit unsere Gesellschaft als Ganzes in ein internationales System der Ungerechtigkeit verstrickt ist, müsste eigens geklärt werden. Es geht mir an dieser Stelle vor allem um die psychische Belastung, die sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen geltenden Moralvorstellungen und beeinträchtigter Entscheidungsfreiheit beim Einkaufen ergibt und die zur Tatsache der ohnehin belastenden Armut hinzutritt.

Zum anderen ist die bürgerliche Gesellschaft offensichtlich nicht gegen Krisen gefeit. Nicht mehr nur im eher freigeistigen Feuilleton, sondern auch im Wirtschaftsressort namhafter Zeitungen wird über das Ende des Heil versprechenden Wachstums gesprochen. In Europa hat sich die Krise dauerhaft eingerichtet und auch in den Schwellenländern kriselt es. Eine globale Rezession kann jederzeit einsetzen – mit unabsehbaren Folgen.

Wenn ich in einer Wohlstandsgesellschaft unreflektiert vor mich hin lebe, als ob ich davon ausgehen könnte, dass es auf ewig so angenehm sein werde, ignoriere ich schlichtweg die bisherige Geschichte des Menschen, in der zwar keine Krise endlos anhielt, aber auch kein Gedeihen für immer weilte. Gegen eine durch Wohlstand bedingte Gedankenlosigkeit ist die Philosophie allemal ein gutes Gegenmittel. Denn in ihr haben stets auch krisenhafte Erfahrungen einen Ausdruck gefunden: sei es die Krise der attischen Demokratie in der Philosophie Platons, dessen Lehrer Sokrates dem Willen des Volkes zum Opfer fiel, sei es die Krise der Religion und der Feudalgesellschaft in der Philosophie der Aufklärung oder sei es der Zweite Weltkrieg in den Gedankenwelten von Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse.

Wenn die Krisenhaftigkeit sich tatsächlich als Teil unserer Art zu leben und zu wirtschaften erweisen sollte, werden in Zeiten der Krise immer diejenigen im Vorteil sein, die ihre Vorstellungen vom glücklichen Leben, mithin große Teile ihrer Bedürfnisstruktur, nicht völlig an das Vorfindliche angepasst haben, sondern ihre Lebensweise immer als eine Möglichkeit von vielen erleben. Einen Möglichkeitssinn zu entwickeln und zu verfeinern, dazu ist die Philosophie imstande. Ob wir der Möglichkeiten gewahr werden und sie auch verwirklichen, das hängt wiederum von uns ab. Wer jedoch in Zeiten der Krise immer noch seinen spießbürgerlichen Träumen nachhängt, der wird womöglich um deren Realisierung willen dazu bereit sein, radikale Wege einzuschlagen – Irrwege, bei denen man sogar noch hinter die Feudalgesellschaft zurückfällt.

 

Wohin mich mein Weg führt, weiß ich immer noch nicht. Indem ich diesen Essay geschrieben habe, habe ich zwar etwas mit meinem Philosophiestudium „angefangen“; aber ob das die Antwort war, die mein quasselnder Tinnitus hören wollte, da bin ich mir nicht so sicher.

 

Lukas Wetzel studiert Philosophie und Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen.

Leitbild: Trauer

Aus der aktuellen Ausgabe LEITBILDER

Trauer

Interview mit Andrea Haller

 

In Deutschland sterben jährlich 860.000 Menschen, doch im Alltag gilt das Leitbild des Verschweigens und Verdrängens. Es wird nur selten über Trauer oder mit Trauernden gesprochen. Woran liegt das?

Andrea Haller

Andrea Maria Haller ist Bestatterin, hält Trauerreden, leitet zusammen mit ihrem Bruder das Bestattungshaus Haller und ist Herausgeberin des Magazins LebensZeiten.

Wir haben das Glück, in einer gut funktionierenden Gesellschaft zu leben, in welcher der Tod nicht mehr alltäglich ist. 90 Prozent der Bevölkerung stirbt über 65 Jahre. Das heißt, dass man den Tod während des Großteils seines Lebens nicht befürchten muss und ihn ein wenig zur Seite schieben kann. Gleichzeitig hat das zur Folge, dass die Menschen, die jemanden verlieren, plötzlich das Gefühl bekommen, die Seiten zu wechseln. Auf der einen Seite gibt es die Menschen, die mit dem Tod vertraut sind und auf der anderen jene, denen er fremd ist. Erstere bilden auf einmal einen ganz neuen Kreis und erleben eine Distanz zu denen, die diese Erfahrung nicht kennen.

 

Was ist Trauer eigentlich?

Wenn jemand stirbt, dann sind die ersten Gefühle Schmerz, Schock, Angst, Schrecken; oft auch Erleichterung, wenn jemand lange krank war. Die richtige Trauer fängt erst nach dem Abschied an. Dieses „um das kreisen, was einem fehlt“, das kommt nicht in den ersten zwei Wochen, sondern erst, wenn die Familienmitglieder oder Freunde weggegangen sind, wenn diese wieder ihr eigenes Leben leben und man jeden Abend heimkommt in eine leere Wohnung. Dann beginnt erst der Trauerprozess. Man trauert aber auch nicht die ganze Zeit, sondern man hat Momente, wo es unglaublich weh tut, man sich total leer fühlt, man Sehnsucht hat und sich erinnert. Und man hat Momente, in denen man sich dem Leben zuwendet, sich freut, arbeiten will und neue Bekanntschaften schließt. Und dann fällt man wieder zurück ins Erinnern und in die Sehnsucht und in den Schmerz und in das Sterbenwollen. Dieser Wechsel ist der Trauerprozess. Das Modell der Trauerphasen, die man nacheinander durchläuft und dann ist alles abgeschlossen, ist veraltet. Tatsächlich verlaufen diese Phasen parallel und wechseln sich ab. Es gibt keine zeitliche Abfolge. Das macht es auch so schwierig für andere, mit einem Trauernden umzugehen. Wenn jemand immer traurig ist, ist das einfach einzuschätzen. Aber dann ist da jemand, der ist zwei Tage lang traurig und dann geht’s ihm wieder gut – und dann ist er plötzlich wieder traurig. Das ist für den Trauernden wie für das Umfeld gleichermaßen schwer auszuhalten.

 

Kann es denn überhaupt gelingen, mit der Trauer ganz abzuschließen?

Wenn Sie die Leute bei uns im Trauercafé fragen, ob sie mit ihrer Trauer abgeschlossen haben, dann wird Ihnen jeder sagen: „Ich hoffe, dass ich niemals damit abschließen werde!“ Man will doch nicht mit seiner Trauer abschließen. Das ist eine wahnsinnige Erwartung! Man möchte vielmehr die Beziehung zum Toten halten.

 

Margot Käßmann hat einmal geschrieben: „In einer ökonomisierten Gesellschaft gibt es für Trauer keinen Raum und keine Zeit.“ Stimmen Sie dem zu?

Ja, ich glaube, das stimmt. Der Anspruch, immer zu funktionieren, den wir an uns selbst stellen und der auch von der Arbeitswelt an uns gestellt wird, ist extrem hoch. Da wird von trauernden Vätern nach einer Woche erwartet, dass sie zur Arbeit zurückgehen. Das hat auch mit einem gesellschaftlichen Leitbild zu tun: „Unser Leben funktioniert“. Das Normale ist, dass alles gut ist, dass alles funktioniert. Das erwarten wir von unserem Leben wie auch vom Leben der anderen. Und wenn mal etwas nicht funktioniert, dann haben wir keinen Platz dafür. Andererseits ist für viele Trauernde Arbeit auch etwas sehr Wichtiges, sie gibt ihnen Halt und Struktur. Eine Angehörige nannte die Arbeit einmal ihr Korsett und meinte das durchaus positiv.

Manche Angehörige schämen sich sogar dafür, dass jemand gestorben ist. Sie kommen dann zu uns und sagen: „Wir wollen aber nicht, dass jemand erfährt, dass er gestorben ist.“ Für sie stellt der plötzliche Tod das ultimative Versagen dar. Sie schämen sich für den Moment, den sie nicht im Griff hatten und nicht kontrollieren konnten.

 

Aber ist der Tod nicht tatsächlich sinnlos? Die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet …

Nach dem Warum fragt man nur bei jungen Menschen, die plötzlich und unvermittelt sterben. Wenn eine 93-Jährige stirbt, nachdem sie zehn Jahre lang bettlägerig war, sagen alle: „Gut, dass sie endlich erlöst ist.“ Dann geht es um praktische Fragen wie beispielsweise die Regelung der Erbschaft. Oder darum, keine Belastung für die Gesellschaft zu sein und Platz zu machen für Jüngere. Auch für Menschen mittleren Alters ist der Tod nicht sinnlos: Viele fühlen sich erst richtig erwachsen, wenn die Eltern sterben. Dann ist niemand mehr über oder vor ihnen. In Deutschland sehen viele Menschen den ersten Toten erst, wenn sie zwischen 30 und 40 sind. Das ist dann meist jemand aus der Familie, oft ein Elternteil. Aus diesem Grund führe ich Schülergruppen bei uns im Abschiedshaus gerne in den Kühlraum und zeige ihnen einen Toten. Ich glaube, diese Erfahrung ist unglaublich gut für die jungen Menschen. Sie kommen aus dem Kühlraum heraus und sind erleichtert. Der Tod ist immer so angstbelegt und bedrückend und plötzlich merken sie: „Hey, der Tod ist total ok!“ Dieses Erlebnis löst ihre Angst und macht ihnen bewusst, dass ihr Leben endlich ist. Wie lebe ich? Diese Frage möchte ich jedem mit auf den Weg geben. In diesem Sinne denke ich nicht, dass der Tod sinnlos ist. Für mich macht er das Leben erst richtig kostbar. Wenn ich das Leben nicht verlieren könnte, dann wäre alles banal und gleichbedeutend.

 

Der Tod ist aber auch ein wahnsinniger Affront. Ein Mensch, Universum aus Denken und Fühlen, ist einfach weg …

Aber nur, wenn man das glaubt. Ich zum Beispiel glaube das nicht. Ich glaube, dass nur der Körper weg ist, aber ganz viel von dem, was wir uns im Leben angeeignet haben, was unsere Entwicklung beeinflusst hat, was unsere Persönlichkeit ausmacht, Bestand hat. Ich glaube, dass es Elemente von mir gibt, die über den Tod hinaus bleiben. Man kann das Seele nennen, oder Energie oder Kraft. Das nehme ich auch bei meiner Arbeit wahr: Die Leute sind nicht plötzlich ganz weg. Die sind kurz nach ihrem Tod noch sehr präsent und auch nach einigen Tagen kann man noch etwas von ihnen spüren. Unsere Erfahrung ist, dass die manchmal noch ein bisschen rumspuken. Das hört sich jetzt verrückt an. Mit Herumspuken meine ich, dass Dinge nach dem Tod passieren, die einen konkreten Bezug zum Leben der Verstorbenen haben. Es gab einmal eine Trauerfeier für ein Mädchen, das in Argentinien gestorben ist. Dieses Mädchen ist immer zu spät gekommen. Immer. Du hattest Geburtstag und sie kam drei Tage später. Wir haben die Überführung aus Argentinien organisiert – und sie kam zwei Tage zu spät. Wir mussten die Trauerfeier von Mittwoch auf Freitag verschieben. Und die Reaktion der Familienmitglieder war: „Ja, das ist typisch. Die kommt immer zu spät.“ Wir erleben ganz oft, dass da eine Energie ist, die der verstorbenen Person sehr eigen war und die über den physischen Tod einer Person hinaus wirkt. Viele Angehörige halten auch eine Verbindung mit dem Verstorbenen. Sie sprechen mit ihm und haben Altäre zu Hause, auf denen sein Bild steht. „Er ist da. Ich bin nicht alleine. Wo ich auch hingehe, er ist dabei.“ Solche Sätze hört man ständig. Viele erzählen auch, dass der Verstorbene mit ihnen gesprochen hat. Das ist nicht ungewöhnlich oder durchgeknallt, sondern normal! Einer Untersuchung zufolge erleben 40 Prozent der Trauernden einen Kontakt mit dem Verstorbenen. In dieser Hinsicht ist die Gesellschaft allerdings sehr intolerant. Viele Menschen können die Vorstellung nicht ertragen, dass es so etwas wie ein Nachleben eines Verstorbenen gibt oder gar die Toten mit uns sprechen.

 

Liegt das daran, dass das Geistige zu kurz kommt, dass in der Gesellschaft ein materielles Leitbild dominiert?

Ja, es dominiert ein Leitbild, demzufolge der Mensch ausschließlich als körperliches Wesen existiert und entsprechend mit dem Tod ganz verfällt. Wenn man Menschen, die sehr materiell orientiert sind, fragt, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, sagen sie meistens: „Ich hoff’s!“ Insofern stellt der Tod für den heutigen Zeitgeist ein großes Problem dar: Er ist antimaterialistisch. Und man kann ja auch überhaupt nichts an materiellen Gütern mitnehmen.

 

Nimmt der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod diesem nicht auch etwas, was ihn gerade auszeichnet – seine Endgültigkeit, die umgekehrt das Leben einmalig macht?

Er nimmt auf jeden Fall Druck raus. Wenn du glaubst, dass es weitergeht, kannst du dir ein paar Fehler mehr erlauben. Der Herrgott wird’s schon richten. Vieles in unserem Leben läuft ja schief: Beziehungen gehen kaputt, die Arbeit ist nicht erfolgreich, mit der Gesundheit geht es bergab. Ich verwende auf Trauerfeiern oft einen Text von Michael Ende: Das Lied von der Anderwelt. Dieser Text bringt folgendes zum Ausdruck: Es ist okay, wenn man es im Leben nicht hingekriegt hat; da ist noch Luft, da gibt es eine Welt, in der Dinge verwirklicht werden können, die wir im Leben versäumt haben. Das spendet Trost – aber es nimmt natürlich auch ein bisschen die Verantwortung ab.

 

Woher kommt die Angst vor dem Tod?

In unserer Gesellschaft haben relativ wenig Menschen Angst vor dem Tod. Die Menschen haben Angst vor dem Sterben und den damit verbundenen Schmerzen oder davor, einen geliebten Menschen zu verlieren. Und wir stellen uns ja auch keine Hölle mehr im Jenseits vor, die wir fürchten müssten. Haben Sie Angst vor dem Tod? Oder nicht vielmehr vor dem unbegreiflichen Moment, in dem jemand stirbt? Die meisten Menschen gehen am Ende versöhnt in den Tod. Zwar nicht in freudiger Erwartung, aber sie ringen nicht mehr mit ihm. Sterbende sind oft versöhnter mit ihrem eigenen Ende als die Hinterbliebenen.

 

Trauerzeremonien in Deutschland sind trotzdem bedrückend, ernst, schwarz, still. In anderen Ländern ist der Tod alltäglich und Kinder sterben oft früh. Trotzdem wird dort der Abschied laut und bunt auf die Straße getragen. Man könnte fast meinen, er wird gefeiert. Können wir uns etwas davon abschauen?

Wenn wir andere Gesellschaften und ihren Umgang mit dem Tod beurteilen, müssen wir vorsichtig sein. Von Afrika habe ich auch immer das Bild gehabt, der Tod sei viel stärker in den Alltag integriert und werde ganz toll mit bunten Kleidern und Gesang gefeiert. Aber dort haben viele Menschen große Angst vor dem Tod und es wird laut gesungen, um diese Angst zu vertreiben. Sie haben auch Angst vor den Toten. Es gibt zum Beispiel in Teilen Afrikas die Pflicht, einen Toten anzugucken. Aber nicht, weil man sich verabschieden will, sondern weil geglaubt wird, dass der Tote böse wird, wenn man ihn nicht anschaut. Der dortigen Überzeugung zufolge verändern die Menschen ihren Charakter, sobald sie tot sind. Sie sind dann neidisch auf die Lebenden. Sie wollen sich rächen, weil sie tot sind und die anderen noch leben. Deswegen muss man den Toten eine große Beerdigung ermöglichen und hunderte von Leuten müssen kommen, um zu zeigen, dass der Tote nicht ungeliebt war. Das ist oft keine freimütige Feier, sondern ein Appeasement!

Bei uns sind die Leitbilder für die Trauerfeiern gerade im Wandel begriffen. Die Ernsthaftigkeit auf einer Beerdigung hatte oft mit kirchlichen Riten zu tun, die nach einem festgelegten Muster ablaufen. Davon kommt man mehr und mehr ab. So werden beispielsweise häufiger freie Trauerreden gehalten, in die auch mal heitere Geschichten einfließen, die ein Schmunzeln hervorrufen. Auch wird von Pfarrerinnen und Pfarrern erwartet, dass sie sich mehr an dem Verstorbenen und den Angehörigen orientieren.

Manchmal wollen Angehörige ungewöhnliche Musik und wir erklären dann als Redner: „Das war seine Lieblingsmusik, die hat ihn im Leben begleitet und jetzt begleitet sie auch uns“. Neulich lief Smoke on the water von Deep Purple und ich konnte die Füße der Gäste wippen sehen. Ich hatte auch schon ein Elvis Double am Grab oder Tango-Tänzer in der Feierhalle. Dennoch trauen sich viele nicht, eine außergewöhnliche Trauerfeier zu planen. Sie brauchen dafür Ermutigung. Man will niemanden befremden, Tante Erna nicht schockieren. Es ist mittlerweile vieles auf einer Trauerfeier möglich, aber man muss die Leute behutsam mitnehmen. Das erste Musikstück sollte zum Beispiel etwas Beerdigungstypisches sein. Alles, was dann folgt, kann aus dem Rahmen fallen.

 

Weshalb ist die Abschiedsfeier so wichtig?

Wenn man sich nicht von einem Menschen verabschiedet hat, der einem wichtig war, steht noch etwas im Raum. Die Beerdigung als der Moment des Abschieds bedeutet für mich, einen Knoten in ein Seil zu machen. Sie tut der Seele gut, weil sie bewusst macht, was du an einer Person gehabt hast. Du hältst all dies noch einmal in deinen Händen und siehst, wie kostbar es war – und dann lässt du es gehen. Das ist für viele auch ein schöner Moment. Manche erzählen mir noch zwei Jahre später, wie schön die Trauerfeier gewesen ist. Das ist eine wertvolle Erinnerung, die sich immer auch um den Schmerz wickelt und ihm einen Rahmen gibt. Sie hilft dabei, einen Platz für die Trauer zu finden.

Deshalb muss eine Beerdigung auch echt sein. Nichts ist schlimmer als eine Trauerrede, bei der die Leute nicht das Gefühl haben, dem Toten zu begegnen. Sie müssen denken: „Ja, genau so war er!“ Als Redner sind wir abhängig von dem, was die Angehörigen uns über den Toten erzählen. Ich erinnere mich an eine Beerdigungsfeier mit zwei untereinander zerstrittenen Teilen einer Familie. Mit dem einen Teil habe ich die Rede vorbereitet. Am Grab kommt der andere Teil der Familie zu mir und sagt: „Das war eine schöne Feier, aber Sie sollen wissen: So war sie nicht!“ Da bin ich total erschrocken.

 

Offensichtlich ist es für die persönliche Entwicklung von großer Bedeutung, mit dem Abschied, mit dem Enden konfrontiert zu werden. Hat die hohe Lebenserwartung die Kehrseite, dass uns schlichtweg die Möglichkeit genommen wird, „rechtzeitig“ Abschiedserfahrungen zu machen?

Es gibt viele Abschiedserfahrungen im Alltag, die dem Abschied von einem Verstorbenen gleichen. Wir verabschieden uns von einem Arbeitsplatz, von Beziehungen etc. Das ist jedes Mal eine Trauererfahrung. Ich habe einige Zeit in Bristol gewohnt und diesen Ort geliebt. Als ich weg musste, habe ich fast ein Jahr lang geweint. Ich habe um diesen Ort getrauert. Für mich bedeutete der Wegzug einen Heimatverlust. Auch Angehörige und Freunde stellen für uns eine Heimat dar, und wenn sie sterben, trauern wir um diesen Heimatverlust. Es heißt, Trauer ist der Preis, den wir zahlen müssen, um lieben zu können. Trauer ist Liebe in einer anderen Form. Deshalb leuchtet mir auch nicht ein, warum wir Trauer tabuisieren sollten.

 

Wie kann ein neues Leitbild im Umgang mit Tod und Trauer aussehen?

Ich denke, das Dunkle, Trostlose muss weg. Viele würden sagen, Trauer hat sie zu einem besseren, menschlicheren Menschen gemacht. Trauer ist eine Bereicherung und sie ist sehr lebendig! Das widerspricht dem gängigen Leitbild völlig.

Leitbild: Der Christ

Aus der aktuellen Ausgabe LEITBILDER

 

Der Christ

von Johann Hinrich Claussen

 

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist Theologe und Publizist sowie Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Wenn mir große Fragen gestellt werden, reagiere ich zumeist so, wie man es von einem Theologen vielleicht nicht erwarten würde. Ich ziehe mich zurück, stelle mich dumm und weise die Frage zurück. Es braucht ein wenig, dann versuche ich, mich ihr über einen Umweg zu nähern oder sie in kleinere Fragen aufzuteilen, auf die ich irgendwann antworte. Das mag ein Fehler sein und mich zu einem weniger guten Theologen machen, aber man kann es sich eben nicht aussuchen, wie man ist.

Stellt man mir also die Frage, was heute eine christliche Leitkultur sein soll, dann weise ich diese Frage zurück. „Leitkultur“ ist kein Begriff, der zum Nachdenken einlädt, sondern ein politisches Instrument, mit dem Machtpositionen besetzt und andere Menschen ausgegrenzt werden. Dieses Wort lässt sich sinnvoll mit keinem inhaltlichen Gedanken verbinden. Nun könnte man weicher formulieren und fragen, was denn heute ein christliches Leitbild wäre. Besser würde es dadurch nicht. Denn wer je einen der handelsüblichen Leitbild-Prozesse durchlebt hat, reagiert allergisch auf diese Vokabel, die zwar ein manchmal hilfreiches organisationsentwicklerisches Instrument benennt, aber keinen Begriff darstellt, der das Selberdenken anstößt. Nun könnte man sich pastoraler ausdrücken und fragen, welche Bedeutung heute das christliche Menschenbild haben soll. Aber auch dies weckt meinen Widerspruch. Denn „das christliche Menschenbild“ (oder dessen moralpolitisch avanciertere Fortschreibung als „jüdisch-christliches Menschenbild“) kenne ich nur von CDU-Parteitagen her als Beschwörungsfloskel eines ominösen Programmkerns, den inhaltlich zu bestimmen man dann doch lieber unterlässt.

Aber das schlichte, schöne Wort „Bild“ löst etwas in mir aus, regt mich zum Nachdenken an und weckt Assoziationen. Das also wäre meine Frage: Was für ein Bild des Menschseins wäre heute notwendig, täte uns gut, würde uns orientieren, auf gute Weise irritieren, erbauen, erfreuen – und was wäre an solch einem Bild christlich zu nennen?

Da wäre zunächst der einfache und doch so voraussetzungsreiche, bedeutungsvolle Vorgang, ein Bild von sich selbst zu entwerfen. Das ist Bildung: Ich zeichne ein Bild von mir selbst. Dabei nehme ich äußere Anregungen auf, gebe die Urheberschaft aber nicht ab. Ich prüfe meine inneren und äußeren Möglichkeiten, durchschreite meine Hoffnungen und Träume, überblicke die Welt, in der dieses Bild seinen Ort finden soll, und zeichne, tusche, male, forme dann los – wie ein Künstler in einem offenen Prozess. Denn ich kann am Anfang nicht wissen, wie das Bild am Ende aussehen wird. Besser gesagt, mein ganzes Leben ist das Weitermalen an diesem Bild, bis zum letzten Strich.

Christlich ist für mich ein solches Selbstporträtmalen dann, wenn es sich selbst transzendiert. Wenn es beim Weg nach innen auf eine Dimension des Menschseins stößt, die einen unendlichen Wert darstellt, wenn es zur Ahnung der eigenen Seele findet, die sich jeder bildlichen Darstellung entzieht. Wenn es beim Weg nach außen auf eine Dimension der Welt stößt, die über sich hinausweist, wenn es einer Unendlichkeit ansichtig wird, die Ehrfurcht auslöst und ein Bewusstsein für die Kostbarkeit des Seins weckt, was wiederum selbst nicht bildlich darstellbar ist.

Christlich ist für mich ein solches Selbstporträtmalen zudem dann, wenn es in Freiheit geschieht. Martin Luther hat gesagt, dass jeder Christ sich seine eigenen Zehn Gebote schreiben soll. Das Bild meiner selbst kann kein „Malen nach Zahlen“, nach gesetzlich vorgegebenen Linien sein, sondern die zehn (oder acht oder zwölf) Grundlinien meines Selbstbildes muss ich selbst ziehen. Wer sich auf diese christliche Weise selbst bildet, kann ein freier Mensch werden.

Vor vielen Jahren hat der amerikanische Soziologe David Riesman zwei Typen unterschieden: den Kompass-Menschen, der über ein inneres Orientierungsinstrument verfügt, und den Radar-Menschen, der sich von den Rücksignalen aus seiner Umwelt leiten lässt. Der Radar ist inzwischen durch digitale Instrumente ersetzt worden, die weit mächtiger und allgegenwärtig sind, weshalb das spätmoderne Nachfolgemodell des Radar-Menschen zum bestimmenden Typus geworden ist. Ein einfaches Zurück zum Kompass-Typus wird es nicht geben. Das ist auch nicht zu wünschen, denn die Metapher des Kompasses ist viel zu starr, asketisch und seelenlos, als dass sie in ein gelingendes Leben führen könnte. Schöner, reicher und lebendiger wäre es, sich als Bild-Mensch zu verstehen, der sein Leben dadurch gestaltet, dass er innere Bilder von sich selbst schafft.

Was aber wäre das Grundmotiv dieses Selbstbildes? Man könnte es als das Gegenteil der Schablonen beschreiben, in die heute Menschen gepresst werden: die Schablonen eines erfolgreichen Lebens in der konsumkapitalistischen Spätmoderne. Schnell wären die Stichworte zur Hand: Effizienz- und Leistungsdenken, Jugend- und Körperkult, Selbstverwertung und Ausbeutungsbereitschaft, Scheinindividualismus und Konformismus. Oder um mit Max Weber zu sprechen: bei der Arbeit ein „Fachmensch ohne Herz“ und in der Freizeit ein „Genussmensch ohne Verstand“ sein. Doch auch wenn dies alles stimmen sollte – und Anzeichen dafür gäbe es –, wäre damit für das eigene Selbstbild noch nichts gewonnen. Denn in der bloßen Negation der Mächte der Gegenwart bliebe man von ihnen abhängig.

Besser ist es, wenn man sich an einem positiven Ziel orientiert und zwar einem solchen, das sich nur als ein unverwechselbares Eigenes beschreiben lässt. Hier bietet sich das unzerstörbare Wort „Glück“ an. Christlich wäre ein Selbstporträt als glücklicher Mensch für mich dann, wenn es der schönsten mir bekannten Definition dieses undefinierbaren Wortes folgte. Diese stammt von Johann Joachim Spalding, dem bedeutendsten und bescheidensten deutschen Aufklärungstheologen, einem protestantischen „Nathan“. Glücklich zu sein, hieß für Spalding, „mit sich selbst im Reinen sein und Gott zum Freund haben“.

 

 

Johann Hinrich Claussen ist Theologe und Publizist sowie Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Buchveröffentlichungen: Gottes Klänge. Eine Geschichte der Kirchenmusik (C. H. Beck Verlag, 2. Auflage 2015) sowie Die 95 wichtigsten Fragen: Reformation (C. H. Beck Verlag, erscheint im Herbst 2016).

Plurale Ökonomik

Plurale Ökonomik

von Janina Urban und Lisa Weinhold

Janina Urban

Janina Urban.

Der Philosoph Herbert Marcuse schrieb in den 1960er Jahren über den „eindimensionalen Menschen“. Er kritisierte damit die Reduktion des Menschen auf den Konsumenten im Kapitalismus. Fünfzig Jahre später hat die Mainstream-Ökonomik diese einseitige Betrachtung menschlichen Zusammenlebens und wirtschaftlicher Zusammenhänge auf die Spitze getrieben.

Nach Erschütterungen auf den Finanzmärkten und wachsender sozialer Ungleichheit fordern nun Studierende der Volkswirtschaftslehre, dass die Ökonomik ihre altbekannten Konzepte – allen voran den Homo oeconomicus – überdenken muss. Zum einen versagen sie bei der Erklärung, geschweige denn Vorhersage, wirtschaftlicher Entwicklungen, zum anderen scheinen diese Konzepte längst zur

Lisa Weinhold

Lisa Weinhold

„Selffullling prophecy“ für realweltliche Abläufe geworden zu sein: In den Köpfen und Organisationen dominieren Eigennutz, Anreize und Effzienzkriterien. Dabei könnte eine Plurale Ökonomik, die sich der Vielschichtigkeit von gesellschaftlichen Entwicklungen bewusst ist und sich aus dem reichen Fundus der sozialwissenschaftlichen Theorien, Methoden und Reflexionen speist, einen Beitrag zu einem angemessenen ökonomischen Denken und Handeln leisten.

 

Homo oeconomicus – der eindimensionale Mensch?

Das Leitbild der neoklassischen Mainstream-Ökonomik ist der Homo oeconomicus: ein abstraktes Konstrukt, das seinen eigenen Nutzen durch Konsum maximiert oder zwischen Nutzen und Kosten abwägt. Seine Genese vollzog sich dabei über knapp zwei Jahrhunderte: In den 1950er Jahren wurde das ultimative, mathematische Modell zur Beschreibung eines Marktes und der Gesamtwirtschaft  unter anderem aus Jeremy Benthams hedonistischem Utilitarismus (1789), Léon Walras Gleichgewichtsmodell (1874), Carl Mengers (1871) und Alfred Marshalls (1890) Individualismus und Marginalprinzip sowie Vilfredo Paretos Effizienzkriterien (1906) zusammengesetzt.

In dem Bestreben, die Volkswirtschaftslehre als eine wertfreie, quasi naturwissenschaftliche Disziplin zu etablieren, hatten sich die Vordenker der Neoklassik Stück für Stück von der Abbildung der komplexen und historisch gewachsenen Realität entfernt. Anstatt eine wertfreie Analyse der Wirtschaft zu ermöglichen, führen der Homo oeconomicus und seine begleitenden Konzepte des Gleichgewichts und der Effzienz zu einer normativen und beschränkten Weltsicht. Annahmen, die als Hilfselemente genutzt werden, um das Zusammenfallen von Angebot und Nachfrage in einem mathematischen Modell zu formulieren, geben den Ton in der neoklassischen Weltkonstruktion an. Die mechanistische, mathematische Sprache bricht dabei menschliches Zusammenleben auf einige wenige Begriffe herunter. Aus komplexen Zusammenhängen – wandelbaren Abhängigkeitsstrukturen durch Produktionsweisen, Konsummöglichkeiten oder bezahlten und unbezahlten Beschäftigungsverhältnissen – wurden statische Gleichungen und Diagramme. Die Ökonomik bereitete dem eindimensionalen Menschen den Weg.

Das lange (historische) Ringen um die heutigen ökonomischen Konzepte scheint vielen WirtschaftswissenschalerInnen kaum noch bewusst zu sein: Mathematische Modelle und die empirische Überprüfung daraus abgeleiteter Hypothesen gelten als die ultimativen Kriterien von Wissenschalichkeit. Frei nach Karl Popper ist zumeist die Überzeugung vorherrschend, die Mainstream-Forschung sei positivistisch, werturteilsfrei und die bessere Theorie habe sich nun einmal durchgesetzt. Dabei lehnte auch Popper (der ja als kritischer Rationalist Herbert Marcuse, einem Vertreter der Frankfurter Schule, gegenüberstand) die Vorstellung von Werturteilsfreiheit, wie sie die Neoklassik hegt, entschieden ab. Seiner Ansicht nach dürfen sich Kategoriensysteme, Begriffsapparate und Wirkungsmodelle ebenso wenig der Kritik entziehen wie dadurch gewonnene Befunde.

 

Leitbild: Pluralismus!

Das alte Fundament der Ökonomik bröckelt. Ihr neues Fundament sollte sich deshalb, auch aus kritisch-rationalistischer Sicht, am Leitbild des Pluralismus orientieren: an einer Vielzahl von  Theorien und Methoden–auch über die Volkswirtschaftslehre hinaus –, die gleichberechtigt in den Erkenntnisprozess miteinbezogen werden. Eine Plurale Ökonomik würde auf diese Weise dazu beitragen, die derzeit standardisierten Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit zu überwinden und neue Maßstäbe für das Denken über Wirtschaft zu etablieren – solche, die sich nicht nur über die Methode, sondern vor allem über ihren Gegenstand definieren. Grundsätzliche Fragen von Ethik, Gerechtigkeit und Wahrheit würden wieder in der Ökonomik diskutiert werden. Außerdem würde das Studium verschiedener  Theorieschulen und der Geschichte des ökonomischen Denkens auch das Augenmerk auf die soziokulturelle und historische Kontextualisierung der Wirtschaft(-swissenschaft) richten – und mithin auf ihre soziale Bedingtheit und Wirkmächtigkeit. Eine Plurale Ökonomik und die damit verbundene Offenheit sind deshalb zentral, um neue Bilder der Wirtschaft, aber vor allem auch des multidimensionalen Menschen zu entwickeln.

 

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Dieser Text entstammt der aktuellen Ausgabe der agora42.

Janina Urban hat 2015 ihr Masterstudium der VWL in Berlin abgeschlossen und arbeitet aktuell im Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung im Themenbereich Neues ökonomisches Denken. Sie ist seit 2013 im Netzwerk Plurale Ökonomik aktiv.

Lisa Weinhold ist derzeit Masterstudentin der Internationalen Beziehungen mit Schwerpunkt politische Ökonomie in Dresden. Zuvor hat sie ihr Bachelorstudium der Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt am Main absolviert. Im Netzwerk Plurale Ökonomik ist sie seit Beginn diesen Jahres aktiv.