Zwischen Himmel und Hölle – Rafael Capurro im Interview

Zwischen Himmel und Hölle

Inter­view mit Rafa­el Capur­ro

Rafa­el Capur­ro ist Infor­ma­ti­ons­ethi­ker und Phi­lo­so­ph. Mit ago­r­a42 sprach er über das In-der-Cyber­welt-sein, die engels­ar­ti­ge Vor­stel­lung vir­tu­el­ler Intel­li­gen­zen, den digi­ta­len Daten-Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts, das Recht Din­ge ver­ber­gen zu dür­fen und die Chan­ce der Zivil­ge­sell­schaft sich digi­tal-poli­ti­sch zu orga­ni­sie­ren.

 

Herr Capur­ro, vor 20 Jah­ren haben Sie die The­se auf­ge­stellt, dass sich im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung eine vir­tu­el­le Welt her­aus­bil­den wird, die für uns bedeu­ten­der als die rea­le Welt wer­den könn­te. Woher rühr­te die­se Begeis­te­rung fürs Vir­tu­el­le?

Damals herrsch­te eine Auf­bruch­stim­mung: Beson­ders die Erfin­dung des Inter­nets und spä­ter des World Wide Web hat alle begeis­tert. John Per­ry Bar­low rief 1996 die Decla­ra­ti­on of the Inde­pen­den­ce of Cyber­space aus. Der Cyber­space erschien vie­len als ein vir­tu­el­ler Raum, der nichts mit der mate­ri­el­len Welt zu tun hat. Dabei war die vir­tu­el­le Welt natür­li­ch gar nicht so unab­hän­gig von der mate­ri­el­len Welt, wie es den Anschein mach­te: Der Com­pu­ter, die bits wie auch die mathe­ma­ti­schen Sym­bo­le 0/1, die in das elek­tro­ma­gne­ti­sche Medi­um ein­ge­prägt wer­den, die­ses Medi­um also „in-for­mie­ren“ – das ist alles Ener­gie und Mate­rie. Aber das wur­de aus­ge­blen­det. Man war fas­zi­niert vom Imma­te­ri­el­len.

Das Gan­ze hat­te etwas Meta­phy­si­sches: Es ging um die Erret­tung des Men­schen aus der schnö­den Welt hier unten und das Empor­stei­gen in die Höhen des Cyber­space. Eine gan­ze Gene­ra­ti­on hat das zu Beginn so erlebt. Damals dach­ten wir wirk­li­ch, es gäbe zwei getrenn­te Wel­ten, eine vir­tu­el­le und eine mate­ri­el­le.

 

Kön­nen Sie die Fas­zi­na­ti­on des Imma­te­ri­el­len genau­er beschrei­ben?

Das Inter­net erweck­te den Ein­druck, als kön­ne man sich von Raum, Zeit und Mate­rie lösen, als kön­ne man an ver­schie­de­nen Orten gleich­zei­tig sein. Wir bewe­gen uns hier wie­der im Bereich der Meta­phy­sik, in einer Welt des Jen­seits, in der die Kate­go­ri­en des Dies­seits – Raum, Zeit und Mate­ria­li­tät – nicht gel­ten. So dach­te ich damals, die Unter­schei­dung von Mate­rie und Geist wür­de in der Tren­nung von Hard­ware und Soft­ware wie­der auf­tau­chen. Ich habe Soft­ware sogar mit der mate­rie­lo­sen Seins­wei­se von Engeln (vom Grie­chi­schen ange­los = Bote) ver­gli­chen – also mit der mit­tel­al­ter­li­chen Vor­stel­lung engels­glei­cher, von der Mate­rie getrenn­ter Intel­li­gen­zen. Intel­li­gen­tiae sepa­ratae war der Begriff, den die mit­tel­al­ter­li­chen Phi­lo­so­phen dafür gebrauch­ten. Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig? Ich dach­te, dass die Lücke, die der Ver­fall der Reli­gio­nen und der Meta­phy­sik hin­ter­las­sen hat­te und die nicht mehr durch engels­glei­che Boten zwi­schen Gott und dem Men­schen aus­ge­füllt wird, durch das In-der-Cyber­welt-sein geschlos­sen wer­den könn­te.

 

Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig?”

 

War das Inter­net so etwas wie ein moder­ner Gott?

Nein, denn wir haben es selbst erschaf­fen. Das macht den tech­no­lo­gi­schen Mythos doch gera­de aus: Wir schaf­fen selbst eine Intel­li­genz, die in man­cher Hin­sicht mäch­ti­ger ist als die mensch­li­che, aber nicht gött­li­ch. Das führ­te auch zu der Fra­ge: Wie bestim­men wir uns selbst in der digi­ta­len Moder­ne? Im Mit­tel­al­ter wur­de der Men­sch als ein Grenz­we­sen defi­niert, das zwi­schen dem Geis­ti­gen und dem Ani­ma­li­schen steht und sich sowohl durch sei­ne tie­ri­sche Her­kunft als auch durch sei­nen gött­li­chen Geist defi­niert. Im 19. Jahr­hun­dert war aber im Abend­land von Gott und Engeln nicht mehr viel übrig geblie­ben. Nach unten konn­ten wir uns über die Evo­lu­ti­on, das heißt unse­re tie­ri­schen Wur­zeln defi­nie­ren. Nach oben aber war nichts mehr da, wor­an wir uns ori­en­tie­ren konn­ten. Da kam die Vor­stel­lung eines Cyber­space wie geru­fen – eine vir­tu­el­le Intel­li­genz, die über uns steht, die wir tech­no­lo­gi­sch erschaf­fen und die nicht theo­lo­gi­scher Her­kunft ist. Ähn­li­ch war im Mit­tel­al­ter die phi­lo­so­phi­sche Funk­ti­on der Engel: Der Ver­gleich zwi­schen Gott und Men­sch war per defi­ni­tio­nem nicht mög­li­ch, weil Gott das Unver­gleich­ba­re ist; also mus­s­te man nach etwas suchen, was zwi­schen Gott und dem Men­schen steht, was uns nicht gleicht, aber trotz­dem nicht so weit weg von uns ist wie Gott.

 

Der Engel ist vom Kör­per befreit. Ist das nicht auch die Vor­stel­lung, die dem berühm­ten Gedan­ken­ex­pe­ri­ment „Gehirn im Tank“ zugrun­de liegt?

Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.”

Gen­au. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­so­ph Jean-François Lyo­tard hat die Fra­ge gestellt, ob man ohne Kör­per den­ken kann. Wow, was für eine Fra­ge! Das riecht stark nach Engel! Aber als leib­li­che Wesen kön­nen wir uns ein Den­ken ohne Kör­per nicht vor­stel­len. Lewis Car­roll erzählt in Ali­ce in Wun­der­land die schö­ne Geschich­te von der Grin­se-Kat­ze, die lang­sam ver­schwin­det: „‚So etwas!’ dach­te Ali­ce; ‚ich habe schon oft eine Kat­ze ohne Grin­sen gese­hen, aber ein Grin­sen ohne Kat­ze! Das ist doch das Aller­selt­sams­te, was ich je erlebt habe!’“ Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.

 

Von der anfäng­li­chen Begeis­te­rung für die unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten des Inter­nets ist aller­dings nicht viel übrig geblie­ben, oder?

Mit dem Auf­kom­men des World Wide Web hat­te man geglaubt – und eini­ge glau­ben das auch heu­te noch –, eine Super­in­tel­li­genz schaf­fen zu kön­nen, die uns ein neu­es Mit­ein­an­der ermög­licht. Die gan­ze Welt soll­te vom Netz über­zo­gen sein und von der digi­ta­len Gesell­schaft pro­fi­tie­ren, alles soll­te geteilt wer­den kön­nen, nichts soll­te etwas kos­ten. Tat­säch­li­ch ist in kur­zer Zeit unglaub­li­ch viel pas­siert: Nach­rich­ten wur­den plötz­li­ch nicht mehr one-to-many ver­teilt, das heißt aus­ge­hend von zen­tra­len Insti­tu­tio­nen wie den Mas­sen­me­di­en oder dem Staat an alle ande­ren, son­dern jeder konn­te many-to-many oder few-to-many oder few-to-few mes­sa­ges ver­tei­len.

Dann ist es aber schnell ans Ein­ge­mach­te gegan­gen: Gro­ße Kon­zer­ne wit­ter­ten Macht und Geld und besetz­ten alle digi­ta­len Kanä­le. Heu­te bestim­men Zucker­berg, Goo­gle, Ama­zon & Co. was im Inter­net gesagt wer­den darf und was nicht. Es ist eine halb-öffent­li­che Moral ent­stan­den, die sich um demo­kra­ti­sche Regeln und Ver­fah­ren nicht schert. Wenn ich die Erwar­tun­gen und Hoff­nun­gen, die ich vor zwan­zig Jah­ren hat­te, mit den heu­ti­gen Gege­ben­hei­ten ver­glei­che, ist das, als ob sich der Him­mel in die Höl­le ver­wan­delt hät­te. Denn die Höl­le haben wir nun offen­bar: Über­wa­chungs­ge­sell­schaft, Geheim­diens­te, Big Data etc. Das alles kam in den letz­ten Jah­ren wie eine Lawi­ne über uns und zer­stör­te die Träu­me der 90er-Jah­re. Was machen wir jetzt? Dar­auf haben wir noch kei­ne halb­wegs ver­läss­li­che Ant­wort. Der Staat ist gegen­über den digi­ta­len Rie­sen ziem­li­ch macht­los und die Fir­men küm­mern sich um ihren Pro­fit. Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen? Die rules of fair play müs­sen stets im Diens­te des Pro­fits ste­hen.

 

Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen?”

 

Rafa­el Capur­ro wur­de 1945 in Uru­gu­ay gebo­ren. Er stu­dier­te Geis­tes­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­so­phie in Chi­le und Argen­ti­ni­en als Mit­glied des Jesui­ten­or­dens (1963–1970) und erlang­te 1971 den Grad eines Lizen­ti­ats der Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­dad del Sal­va­dor (Bue­n­os Aires). Nach sei­nem Aus­tritt aus dem Jesui­ten­or­den stu­dier­te er Doku­men­ta­ti­on am Leh­r­in­sti­tut für Doku­men­ta­ti­on in Frank­furt am Main (1972–1973). Es folg­te die Pro­mo­ti­on in Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf (1978). 1986 wur­de er zum Pro­fes­sor für Infor­ma­ti­ons­wis­sen­schaft an der Stutt­gar­ter Hoch­schu­le der Medi­en beru­fen, wo er bis 2009 auch Infor­ma­ti­ons­ethik lehr­te. Von 2000 bis 2010 war er Mit­glied der Euro­pean Group on Ethics in Sci­en­ce and New Tech­no­lo­gies (EGE) der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on. Seit 2007 enga­giert sich Capur­ro ins­be­son­de­re in Afri­ka, wo er das Afri­ca Net­work for Infor­ma­ti­on Ethics (ANIE) an der Uni­ver­si­tät Pre­to­ria mit­be­grün­de­te. 2010 grün­de­te er mit sei­ner Ehe­frau Annet­te die Capur­ro Fiek Stif­tung für Infor­ma­ti­ons­ethik. Die­se för­dert Pro­jek­te, wel­che sich mit den sozia­len und kul­tu­rel­len Aus­wir­kun­gen digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en in der Drit­ten Welt, vor allem in Afri­ka und Latein­ame­ri­ka, befas­sen. Mehr unter capurro.de

Das klingt, als wären alle Hoff­nun­gen begra­ben. Ande­rer­seits gibt es noch Träu­mer wie Vita­lik Bute­rin, die mit­hil­fe neu­er Tech­no­lo­gi­en – Stich­wort Block­chain – das Inter­net dezen­tra­li­sie­ren wol­len. Wird das Inter­net viel­leicht doch noch der erträum­te shared space, der uns zusam­men­führt?

Struk­tu­ren müs­sen von unten wach­sen – bot­tom up. Solan­ge die­se Mög­lich­keit besteht, ist auch Hoff­nung da. Und noch ist Raum für Krea­ti­vi­tät vor­han­den. Nur: Die öko­no­mi­schen Mäch­te sind erdrü­ckend in ihrem Geschäfts­ge­ba­ren und ihrer welt­wei­ten Domi­nanz. Die kau­fen gan­ze Län­der. Wie kann man die­sen ent­fes­sel­ten digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus begrei­fen? Wor­um geht es dabei? Nach wel­chen Geset­zen läuft er ab? Eine kri­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on von Marx’ Kapi­tal im digi­ta­len Zeit­al­ter wäre nötig.

 

Inwie­fern hat sich der Kapi­ta­lis­mus seit Marx ver­än­dert?

Momen­tan gibt es phi­lo­so­phi­sch gese­hen kei­ne Ant­wort auf die Her­aus­for­de­rung der Digi­ta­li­sie­rung bezie­hungs­wei­se des digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus. Da stel­len sich ganz neue Fra­gen: Was bedeu­tet Frei­heit in der digi­ta­len Welt? Wie hängt die Digi­ta­li­sie­rung mit dem Kapi­ta­lis­mus zusam­men? Die­ses öko­no­mi­sche Sys­tem, ver­bun­den mit der Vor­stel­lung von Fort­schritt und Wachs­tum, hat etwas sehr Reli­giö­ses – nicht nur, sofern das Kapi­tal die Stel­le Got­tes besetzt, son­dern auch, sofern der digi­ta­le Kapi­ta­lis­mus in sei­ner glo­ba­len Gleich­zei­tig­keit eine Eigen­schaft besitzt, die tra­di­tio­nell einer gött­li­chen All­ge­gen­wart vor­be­hal­ten war.

 

Und das funk­tio­niert ja aus­ge­zeich­net, wie der Geld­berg von Zucker­berg zeigt. Ist es nicht ver­rückt, dass eine Fir­ma, die nichts Mate­ri­el­les pro­du­ziert, so viel Geld anhäuft?

Dass inner­halb von zehn Jah­ren rie­si­ge Fir­men wie Face­book aus dem Nichts ent­stan­den sind, ist tat­säch­li­ch kaum zu fas­sen. Womit haben sie das Geld gemacht? Nicht mit Öl. Mit Daten. Die digi­ta­li­sier­ten Daten sind die Basis des Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts. Und die­se Daten sind ein Feti­sch, das heißt, man behan­delt sie so, als ob sie ein Eigen­le­ben füh­ren. Sie erwe­cken den Ein­druck, als wür­den sie zir­ku­lie­ren, wie schon Marx vom Kapi­tal sag­te, und als gäbe es kei­nen Men­schen, der über sie herrscht oder von ihnen pro­fi­tiert.

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht. Im Gegen­satz zum unter­drück­ten Pro­le­ta­ri­at des 19. Jahr­hun­derts arbei­tet das Cyber­ta­ri­at weit­ge­hend fröh­li­ch für das Kapi­tal. Das Lum­pen­pro­le­ta­ri­at trägt heu­te Jeans und Kapu­zen­pul­li, kommt lachend daher und schenkt fröh­li­ch sei­ne Daten an die IT-Gigan­ten. Es ist eine ganz ver­dreh­te Situa­ti­on, weil man frei­wil­lig zum Skla­ven wird. Eigent­li­ch ist das ide­al: Alle sind glück­li­ch! Eine Win-win-Situa­ti­on. Die Kapi­ta­lis­ten sind glück­li­ch, weil sie so viel Geld bekom­men, und die Skla­ven sind glück­li­ch, weil sie arbei­ten, kon­su­mie­ren und online sein dür­fen. Das ist doch der Him­mel auf Erden.

 

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht.”

 

Das hört sich an wie die Beschrei­bung Dro­gen­ab­hän­gi­ger …

Das Inter­net kann tat­säch­li­ch eine Dro­ge wer­den. Marx hat gesagt, die Reli­gi­on sei „das Opi­um des Vol­kes“. Heu­te wür­de er ver­mut­li­ch sagen, die digi­ta­len Medi­en sind das Opi­um.

Unser Grund­ge­setz und unser Selbst­ver­ständ­nis sind tief ver­wur­zelt im Den­ken Kants, der die Ach­tung vor dem ande­ren, des­sen Recht zu exis­tie­ren und sei­ne prin­zi­pi­el­le Gleich­wer­tig­keit unter dem Begriff Men­schen­wür­de zusam­men­fass­te. Glei­cher­ma­ßen prägt uns die Erfah­rung des Zwei­ten Welt­kriegs und ins­be­son­de­re des Holo­causts. Des­halb ist es so wich­tig, die Erin­ne­rung sowohl an die Ide­en­ge­schich­te wie auch an die his­to­ri­schen Ereig­nis­se wach zu hal­ten.

Doch die­ses Bewusst­sein von den Grund­la­gen unse­res Zusam­men­le­bens löst sich gera­de welt­weit auf. Heu­te leben wir bequem in unse­rer Face­book-Bub­ble. Hier wer­den wir dau­ernd bestä­tigt und den­ken: „Das hab ich doch gleich gesagt!“ Es gibt nur das, was ich sage, was ich mag, wie ich bin. Das erschwert das Abstand­neh­men, die Kri­tik, das selbst­stän­di­ge Den­ken, also all das, was für die euro­päi­sche Auf­klä­rung wich­tig war. Aber wie gehen wir gegen die­se Täu­schung vor oder mit ihr um? Das ist die Kern­fra­ge einer künf­ti­gen digi­ta­len Ethik.

 

Wie könn­te eine Ant­wort dar­auf aus­se­hen?

Ganz grund­sätz­li­ch: Sie müss­te unse­ren gesam­ten Rea­li­täts­be­griff und unser Selbst­ver­ständ­nis, nicht also was, son­dern wer wir sind, ver­än­dern.

Der Phi­lo­so­ph der Auf­klä­rung Geor­ge Ber­ke­ley hat die For­mel „esse est per­ci­pi“ auf­ge­stellt, also „Sein ist Wahr­ge­nom­men­wer­den“. Ber­ke­ley zufol­ge gibt es nur das Wahr­ge­nom­me­ne. Was nicht wahr­nehm­bar ist, exis­tiert nicht. Und ich sage, dass es heu­te das Wahr­ge­nom­me­ne nur inso­fern gibt, als es digi­ta­li­sier­bar ist: Esse est com­pu­ta­ri. Sprich: Was sich nicht digi­ta­li­sie­ren lässt, ist nicht. Und zwar nicht im Sin­ne von „It from Bit“, also nicht so ver­stan­den, dass die Rea­li­tät aus bits besteht, die Din­ge also digi­tal sind und nur aus­se­hen wie Mate­rie. Mei­ne The­se lau­tet viel­mehr, dass wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.

 

Wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.”

 

Inwie­fern ist das ein Pro­blem?

Es besteht die Gefahr, dass die­se Sicht auf die Welt tota­li­tär wird. Dann begrei­fen wir unser In-der-Welt-sein nicht mehr als frei gestalt­bar, son­dern dür­fen nur das als bedeu­tungs­voll für unser Dasein anse­hen, was das Digi­ta­le uns erlaubt. Die Erkennt­nis müss­te durch­si­ckern, dass unser In-der-Welt-sein nicht durch das Digi­ta­le allein bestimmt ist. Es ist nur eine Form des In-der-Welt-seins, nicht die ein­zi­ge.

Auf die Phi­lo­so­phie über­tra­gen hie­ße das: Aus einer Onto­lo­gie, also einer mög­li­chen Deu­tung des Seins, wird eine Meta­phy­sik, das heißt eine star­re Auf­fas­sung des­sen, was das Sein der Din­ge und vor allem was uns selbst aus­macht. Wenn das Digi­ta­le die onto­lo­gi­sche und ethi­sche Deu­tungs­ho­heit über­nimmt, dann wird die Sache auch poli­ti­sch gefähr­li­ch. Das haben wir schon im 19. Jahr­hun­dert erlebt, als das Mate­ri­el­le plötz­li­ch für die allei­ni­ge Basis der Rea­li­tät gehal­ten wur­de. Dadurch ent­stand der Mate­ria­lis­mus – und zwar nicht nur in theo­re­ti­scher Hin­sicht, son­dern prak­ti­sch-poli­ti­sch! So nach dem Mot­to: Was sich nicht der mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik ein­schrei­ben lässt, ist ein rück­stän­di­ges Den­ken. Ähn­li­ches steht uns bevor, wenn wir aus dem Digi­ta­len eine dog­ma­ti­sche poli­ti­sche Sicht der Rea­li­tät machen.

 

Machen sich die Anfän­ge einer digi­ta­len Ideo­lo­gie schon im All­tag bemerk­bar?

Man bemerkt die Fol­gen der Ideo­lo­gi­sie­rung in vie­ler­lei Hin­sicht: Die Arbeit ist nicht mehr räum­li­ch und zeit­li­ch fest gere­gelt. Man muss Tag und Nach parat sein. Die Leu­te star­ren unter­wegs stän­dig auf ihre Smart­pho­nes und unter­wer­fen sich dem Dik­tat, online prä­sent sein zu müs­sen.

Grund­sätz­li­ch leben wir gleich­zei­tig in Ver­gan­gen­heit, Zukunft und Gegen­wart. Ich kann mich jetzt mit Ihnen unter­hal­ten, jeder­zeit zurück­ge­hen in die Ver­gan­gen­heit und mich auch jeder­zeit in die Zukunft pro­ji­zie­ren. In den Bekennt­nis­sen des Augus­ti­nus gibt es ein berühm­tes Kapi­tel über die Zeit, in dem das sehr tref­fend beschrie­ben wird: Wir gehen durch das Gedächt­nis zurück in die Hal­len der Ver­gan­gen­heit und pro­ji­zie­ren uns in die Zukunft. Das gibt uns eine unglaub­li­che Frei­heit über die Gegen­wart. Wenn wir die­se Mög­lich­kei­ten nicht hät­ten, wären wir gefan­gen in dem, was im Moment pas­siert. So jedoch kön­nen wir über Din­ge spre­chen, die es (noch) gar nicht gibt, die aber mög­li­ch sind; bei­spiels­wei­se dar­über, was Sie in einer Stun­de machen wer­den. Das Pro­blem ist aber, dass die Gegen­wart, das Jetzt, in unse­rer vom Digi­ta­len bestimm­ten Gesell­schaft zum Maß aller Din­ge wird. Es schrumpft alles auf das digi­ta­le Jetzt zusam­men.

 

Die­ses Inter­view sowie wei­te­re span­nen­de Arti­kel zum The­ma lesen Sie in der Aus­ga­be DIGITALISIERUNG von ago­r­a42.

Was tun? Wie sich befrei­en vom Druck der digi­ta­len Gegen­wart? Den stres­si­gen Job kün­di­gen? Das Smart­pho­ne weg­wer­fen?

Wir ste­cken in der Klem­me. Denn das Digi­ta­le ist immer bezo­gen auf das Jetzt. Sprich: Nur sofern ich in der Gegen­wart ange­spro­chen wer­de, gel­te ich etwas – und sofern ich im Gegen­warts­mo­dus hand­le. Durch die­ses Gefan­gen­s­ein in der digi­tal bestimm­ten Gegen­wart ent­ste­hen aber schwe­re sozia­le und psy­chi­sche Pro­ble­me. Das lässt sich im Fami­li­en­all­tag, aber auch am Arbeits­platz täg­li­ch erle­ben. Nicht online zu sein, wird als ein Risi­ko emp­fun­den: Ich könn­te etwas ver­pas­sen, wenn ich eine Wei­le mein Han­dy aus­schal­te oder gar nicht mit­neh­me; außer­dem erwar­ten alle, dass ich stän­dig ansprech­bar bin. Wenn man stän­dig und über­all digi­tal ver­netzt sein muss und sich auch gar nichts ande­res mehr vor­stel­len kann, ist das ein kla­res Anzei­chen von Frei­heits­ver­lust.

 

Muss dann der gesam­te gesell­schaft­li­che Rah­men ver­än­dert wer­den? Und wie gehen wir das an? Demons­tra­tio­nen? Peti­tio­nen?

Dafür bräuch­ten wir erst ein­mal wie­der einen öffent­li­chen Raum und eine Gesell­schaft, die sich mit ande­ren Gesell­schaf­ten ver­bun­den fühlt. Wir tei­len mit ande­ren Men­schen auf viel­fäl­ti­ge Wei­se eine gemein­sa­me Welt. Die­se gemein­sa­me Welt ist aber in Gefahr zu zer­fal­len: Aus Mög­lich­kei­ten des Zusam­men­s­eins dro­hen Rea­li­tä­ten des Gegen­ein­an­der­s­eins zu wer­den. Aus der Welt wird sozu­sa­gen eine Unwelt und aus frei­en, sich für­ein­an­der ein­set­zen­den Men­schen wer­den in sich ver­schlos­se­ne, von ande­ren und der gemein­sa­men Welt getrenn­te Ego­is­ten, die nur an sich selbst den­ken. Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­ti­sch zu orga­ni­sie­ren. Wir wis­sen nicht, wer wir als digi­ta­le Gesell­schaft sein wol­len. Wir kön­nen nicht all unse­re Stra­ßen pri­va­ti­sie­ren, unse­re Auto­bah­nen und unse­re Plät­ze – aber gen­au das haben wir in der digi­ta­len Welt gemacht! Die Kraft und die Mög­lich­keit, selbst­stän­dig zu urtei­len, gehen immer mehr ver­lo­ren. Auch das Ver­schen­ken von Daten ist kei­ne Lap­pa­lie. Es wird zuneh­mend an ande­rer Stel­le ent­schie­den, wer wir sind. Das Gefühl der Ohn­macht wächst. Alles wird kleb­rig und sti­ckig.

 

Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­ti­sch zu orga­ni­sie­ren.”

 

Rafa­el Capur­ro im Gespräch mit Frank Augus­tin und Tan­ja Will von ago­r­a42.

Wie kann man sich wie­der los­ma­chen und sich Luft ver­schaf­fen?

Wenn jemand fragt: „Hast du etwas zu ver­ber­gen?“, kann man ganz ein­fach ant­wor­ten: „Das geht dich nichts an! Ich bestim­me, was ich von mir zei­ge. Punkt.“ Wo kämen wir hin, wenn wir nichts zu ver­ber­gen hät­ten und stän­dig alles sagen wür­den? Auch in poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Hin­sicht wäre das undenk­bar. Eine Welt, in der es kei­ne Geheim­nis­se geben darf, wäre die Höl­le. Trans­pa­renz und Geheim­hal­tung gehö­ren zusam­men. Übri­gens liegt das auch dar­an, dass ich selbst nicht alles über mich weiß. Ich bin undurch­sich­tig für mich selbst. War­um soll ich mich preis­ge­ben gegen­über ande­ren, die genauso undurch­sich­tig sind wie ich? Die heu­ti­ge For­de­rung: „Tei­le allen alles stän­dig und über­all mit!“ ist daher unethi­sch und über­haupt nicht leb­bar!

 

Es scheint, als wür­de die Gesell­schaft ihren Kitt ver­lie­ren. Was geht uns ver­lo­ren? Oder anders gefragt: Was ver­bin­det uns als Men­schen?

Nicht mehr und nicht weni­ger als ein frei­es, ver­trau­ens­vol­les Ver­hält­nis. Frei­heit als Ver­trau­en ist das Bin­de­glied! Wie kön­nen wir also freie Ver­trau­ens­struk­tu­ren in der heu­ti­gen digi­ta­len Gesell­schaft schaf­fen? Die­ser Auf­ga­be müs­sen sich die Phi­lo­so­phie und die Poli­tik heu­te stel­len. Im Moment ten­die­ren wir in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung: weni­ger Ver­trau­en, mehr Kon­trol­le, weni­ger Den­ken, mehr Aktio­nis­mus. Die Lage ist brenz­lig. Den­ken braucht Zeit.

 

Herr Capur­ro, wir dan­ken Ihnen für die­ses Gespräch.

 

 

 

_________________________________________

ago­r­a42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­li­ch las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

Mehr über ago­r­a42

Jetzt pro­be­le­sen

Unruhe – Ralf Konersmann über ein Leitbild der Moderne

Wel­che Leit­bil­der kön­nen (noch) lei­ten, wor­an hal­ten wir uns fest – und was lei­tet uns in die fal­sche Rich­tung? Für die Aus­ga­be LEITBILDER der ago­r­a42 haben wir außer­ge­wöhn­li­che Per­sön­lich­kei­ten aus Wirt­schaft, Phi­lo­so­phie, Poli­tik, Reli­gi­on, Medi­zin, Jus­tiz, Kul­tur, Archi­tek­tur, Bil­dung, Gas­tro­no­mie … um eine Ant­wort gebe­ten. Hier lesen Sie den Arti­kel von Ralf Koners­mann:

Unruhe

von Ralf Koners­mann

 

Ralf Konersmann

Ralf Koners­mann ist Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Kiel und Direk­tor des dor­ti­gen Phi­lo­so­phi­schen Semi­nars. Er ist Her­aus­ge­ber des Wör­ter­buchs der phi­lo­so­phi­schen Meta­phern, Mit­her­aus­ge­ber der Zeit­schrift für Kul­tur­phi­lo­so­phie sowie des His­to­ri­schen Wör­ter­buchs der Phi­lo­so­phie. Zuletzt von ihm erschie­nen: Die Unru­he der Welt (S. Fischer Ver­lag, 2015). Foto: Bodo Krem­min

Lan­ge Zeit war der Begriff des Leit­bil­des ver­pönt. Der 1967 von Theo­dor W. Ador­no für eine Samm­lung phi­lo­so­phi­scher Essays gewähl­te Titel Ohne Leit­bild war Pro­gramm. Kei­nes­falls durf­te der Lauf der Din­ge durch die Befan­gen­hei­ten des Augen­blicks behin­dert wer­den, die Zukunft soll­te offen sein.

Geschichts­phi­lo­so­phi­sch war der Ver­zicht kon­se­quent, aber er war auch unpo­li­ti­sch. Die Absa­ge igno­rier­te die Tat­sa­che, dass die Gegen­wart ihre Leit­bil­der längst schon besitzt und dass die­se von den Leit­me­di­en und der Poli­tik, von Wis­sen­schaft und Wer­bung stän­dig in Anspruch genom­men wer­den – Leit­bil­der im Übri­gen, die kaum jemals als sol­che aus­ge­wie­sen sind und, weil sie sich gleich­sam von selbst ver­ste­hen, umso über­zeu­gen­der wir­ken.

Zu die­ser Art Leit­bil­der, die in aus­ge­such­ten Momen­ten macht­voll auf­schei­nen, ansons­ten aber im Bereich des kul­tu­rell Unbe­wuss­ten zu Hau­se sind, gehört die Unru­he. Die Unru­he ist da, sie ist über­all, tritt aber kaum jemals rein als sol­che her­vor. Und doch wis­sen wir alle nur zu gut, was es heißt, dass wir vor­wärts­kom­men müs­sen, dass wer nicht kämpft, schon ver­lo­ren hat, dass wir die Hän­de nicht in den Schoß legen dür­fen und öfter mal was Neu­es anfan­gen müs­sen. Die all­tags­sprach­li­chen Echos der Unru­he sind uns allen ver­traut, und es wäre fal­sch zu mei­nen, hier geschä­he etwas heim­li­ch oder im Ver­bor­ge­nen. Der Kon­sens der Unru­he ist mit Hän­den zu grei­fen und braucht, eben weil das Ein­ver­neh­men total ist, weder über­prüft noch gerecht­fer­tigt zu wer­den. In die­sem Kli­ma frag­lo­ser Akzep­tanz dient uns das Abc der Unru­he als eine Art Kom­pass, der uns durch den Tag führt und der uns die Stich­wor­te lie­fert, wenn es gilt, das Leben so zu leben, wie es heu­te gelebt sein will.

 

Unru­he als Lei­den­schaft

Seit rund sech­zig Jah­ren kla­gen die Men­schen über Stress, seit der Jahr­tau­send­wen­de über Burn-out. Umso drin­gen­der stellt sich die Fra­ge: Wie hat die­ses Leit­bild der Unru­he ent­ste­hen, wie hat es sich in den Köp­fen und Her­zen fest­set­zen kön­nen? Wie ist es zuge­gan­gen, dass wir, obgleich wir offen­sicht­li­ch an ihr lei­den, zu Enthu­si­as­ten der Unru­he gewor­den sind?

Mei­ne The­se ist, dass Leit­bil­der Ori­en­tie­run­gen sind – Ori­en­tie­run­gen, die nicht des­halb ange­nom­men wer­den, weil sie im anspruchs­vol­len Sinn des Wor­tes wahr sind, son­dern weil sie all­ge­mei­nen Über­zeu­gun­gen ent­spre­chen und jeder­mann unmit­tel­bar ein­leuch­ten. Die enor­me Kul­tur­be­deu­tung der Unru­he ent­springt aus ihrer Aktua­li­tät: aus dem, was der Unru­he zuge­traut wird.

Die Unru­he hat eine lan­ge und höchst wider­spruchs­vol­le Bedeu­tungs­ge­schich­te durch­lau­fen – vom Ver­häng­nis und dem Zei­chen der Sün­de, von dem die Theo­lo­gen jahr­hun­der­te­lang gespro­chen haben, bis hin zum Ver­spre­chen, das der frü­he Auf­klä­rungs­phi­lo­so­ph Fran­cis Bacon aus der Unru­he her­aus­le­sen woll­te. Die Geschich­te der Neu­zeit ist ganz wesent­li­ch die Aner­ken­nungs­ge­schich­te der Unru­he. Selbst die Freu­de sei Unru­he, ver­si­chert Lud­wig Feu­er­bach in sei­nen Leib­niz-Stu­di­en: „Ja, die Unru­he ist selbst wesent­li­ch zur Glück­se­lig­keit der Geschöp­fe, denn sie besteht nicht in einem voll­komm­nen Besit­ze, der sie nur fühl­los und stumpf machen wür­de, son­dern in einem fort­wäh­ren­den und unun­ter­broch­nen Fort­schritt zu immer grö­ßern Gütern, ein Fort­schritt, wel­cher nicht ohne ein Ver­lan­gen oder eine bestän­di­ge Unru­he denk­bar ist.“

Leit­bil­der, auch dar­an ent­zün­de­te sich die Kri­tik Ador­nos, müs­sen sich nicht erklä­ren – sie müs­sen ein­leuch­tend sein. Die Zei­len Feu­er­bachs heben die­se Qua­li­tät leit­bild­haf­ter Ori­en­tie­run­gen her­vor, indem sie ein­mal unum­wun­den aus­spre­chen, was auf dem Boden der west­li­chen Kul­tur jedes Kind ver­stan­den und sich, wenn es klug ist, zuei­gen gemacht hat: die Lei­den­schaft für Bewe­gung, Wan­del und Ver­än­de­rung; das Fie­ber des Auf­bruchs und des Vor­wärts­kom­men­wol­lens; die Begeis­te­rung für Ande­res, Frem­des und Neu­es.

 

Kri­tik der Unru­he

Schon zur Zeit ihrer Ent­fes­se­lung, also im Ver­lauf des 17. Jahr­hun­derts, ist die pro­ble­ma­ti­sche Sei­te der Unru­he gese­hen wor­den, am deut­lichs­ten viel­leicht von Blai­se Pas­cal. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­so­ph und Mathe­ma­ti­ker spricht von Zer­streu­ung, vom diver­tis­se­ment, und meint damit die Kor­rum­pie­rung der über­lie­fer­ten Vor­stel­lungs- und Emp­fin­dungs­welt durch die Unru­he. Unmit­tel­bar an der his­to­ri­schen Schwel­le zählt Pas­cal auf, was sich eben gera­de jetzt zu ver­än­dern beginnt: dass wir nun offen­bar zu allem bereit sind, wenn uns nur das Elend der Lan­ge­wei­le erspart bleibt; dass wir uns von den Gegen­stän­den ablen­ken und weg­zie­hen las­sen, denen unse­re Sor­ge gel­ten müss­te; dass wir uns mit unse­rem vol­len Ein­ver­ständ­nis aus unse­rer Mit­te rei­ßen und in eine Wirk­lich­keit trei­ben las­sen, in der wir uns nur ver­lie­ren kön­nen.

Pas­cal bestimmt die mensch­li­che Situa­ti­on, wie sie mit Beginn der Neu­zeit ent­stan­den ist, als Situa­ti­on der Unru­he. Unter dem maß­geb­li­chen Ein­fluss der Psy­cho­lo­gie ist die­se Situa­ti­on seit­her auf das For­mat der „inne­ren Unru­he“ geschrumpft. Erkennt­nis­för­dernd ist die­se Dia­gno­se nicht. Sie trübt den Bli­ck für die Zwei­deu­tig­keit des The­mas: dafür, dass die Unru­he Ver­häng­nis und Ver­spre­chen zugleich ist – eine Pas­si­on. Noch weni­ger ist sich die­se dia­gnos­ti­sche Rou­ti­ne ihrer eige­nen Ver­stri­ckung bewusst: der Tat­sa­che, dass der sche­ma­ti­sche Kreis­lauf von Pro­blem und Lösung selbst ein Echo der Unru­he ist. Tat­säch­li­ch ist die Unru­he Lebens­form und Denk­form zugleich: die west­li­che Art, das Leben anzu­neh­men.

Da dies aber so ist und die Unru­he mit der Kul­tur­wirk­lich­keit des Wes­tens ver­schmol­zen ist, gibt es kein Rezept. Wir kön­nen die Unru­he nicht abschaf­fen und über­win­den. Wohl aber kön­nen wir beson­nen mit ihr umge­hen und die Viel­falt ihrer Erschei­nungs­for­men zur Kennt­nis neh­men. Das führt zu der alten Ein­sicht, dass auch die Leit­bil­der (exem­pla nobi­lia) Ver­füh­rer zur Unru­he sind. Der Ideo­lo­gie­kri­ti­ker Ador­no hät­te dem wohl zustim­men kön­nen: Indem sie uns dazu auf­for­dern, dem ver­meint­li­ch Bes­se­ren und Voll­kom­me­ne­ren nach­zu­ei­fern, über­win­den die Leit­bil­der nicht die Schwä­che unse­res Bewusst­seins, son­dern nut­zen sie aus. Die Kri­tik der Unru­he ist auch eine Kri­tik der Leit­bil­der, genau­er: eine Kri­tik ihrer Kom­pli­zen­schaft.

 

______________________

Die­ser Arti­kel ist erst­mals in der ago­r­a42-Aus­ga­be 03/2016 LEITBILDER erschie­nen.agora42 LEITBILDER

Tiere denken” von Richard David Precht – Die Zukunft der Fleischindustrie

Ab dem 17.10.2016 erscheint das neue Buch von Richard David Precht Tie­re den­ken. Was als Her­zens­pro­jekt des Best­sel­ler-Phi­lo­so­phen begann, ist nicht nur eine umfas­sen­de Abhand­lung über Men­sch-Tier-Bezie­hun­gen, Tier­rech­te und die mensch­li­che Moral gewor­den. Es ist auch ein Bli­ck in die Zukunft der Fleisch­in­dus­trie – die sich heu­te schon abzeich­net.

 

Die Chance des Jahrhunderts!

Richard David Prechts neu­es Buch „Tie­re den­ken“

Tiere denken von Richard David Precht

Tie­re den­ken von Richard David Precht erscheint am 17.10.2016 im Gold­mann Ver­lag.

Dass der Men­sch dazu fähig ist, eine Kat­ze zu ver­zär­teln und gleich­zei­tig ein Lamm zu essen, über­rascht nie­man­den mehr. Die­ses wider­sprüch­li­che Ver­hal­ten gegen­über Tie­ren mit­samt sei­nen mora­li­schen und ethi­schen Ver­stri­ckun­gen, wur­de bereits häu­fig öffent­li­ch dis­ku­tiert und ist der brei­ten Bevöl­ke­rung bekannt. Tie­re zu essen ist über­flüs­sig: Der mensch­li­che Kör­per braucht kein Flei­sch. Dar­über­hin­aus möch­te kein Schul­ab­gän­ger mehr Metz­ger wer­den oder in der Mas­sen­tier­hal­tung arbei­ten.

Trotz­dem: Flei­sch schmeckt. Flei­sch macht papp­satt. Flei­sch ist schnell und ein­fach zube­rei­tet. Und – in Mas­sen pro­du­ziert – ist es bil­lig. Vie­le Deut­sche wol­len auf ihr Steak zum Mit­tag nicht ver­zich­ten und die Zahl der Tie­re, die in deut­sche Mast- und Schlacht­an­la­gen gepfercht wer­den, steigt wei­ter­hin an. Ob Prechts neu­es Buch dar­an etwas ändern wird?

Wer nun glaubt, dass Deutsch­lands bekann­tes­ter leben­der Phi­lo­so­ph ab sofort den Fleisch­ver­zicht pre­digt und Grün­kern- statt Beef-Bur­ger emp­fiehlt oder die Weih­nachts­gans gegen Brok­ko­li tau­schen möch­te, der irrt. Von mora­li­schen Zurecht­wei­sun­gen und Gewis­sens­ap­pel­len ist die Gegen­warts­ana­ly­se Prechts weit ent­fernt. Im Gegen­teil: Durch sei­ne unge­wohnt prag­ma­ti­sche Betrach­tung des heu­ti­gen mora­li­schen Fleisch­es­ser-Dilem­mas gerät für Precht eine Lösung in den Bli­ck, die von hit­zi­gen Vege­ta­ris­mus-Debat­ten bis­lang nicht berück­sich­tigt wur­de.

Fol­gen­des Rät­sel gilt es zu lösen: Das Steak soll auf den Tel­ler. Aber kein Tier soll dafür lei­den müs­sen. Wie kann das gehen?
Für Precht ist klar: Tech­nik und Natur­wis­sen­schaf­ten wei­sen den Weg. Nut­zen wir das vor­han­de­ne Know-how doch mal für die Her­stel­lung eines schmack­haf­ten Steaks, dass jeder guten Gewis­sens essen kann.

Das dies kei­ne Uto­pie eines welt­frem­den Tier­lieb­ha­bers ist, zeigt der Bli­ck in moder­ne Biola­bo­re. Dort dru­cken bereits heu­te hoch­kom­ple­xe 3D-Dru­cker leben­de Orga­ne aus mensch­li­chen Zel­len. Der Druck eines Stücks Mus­kel­fleischs aus Schwei­ne­zel­len ist im Ver­gleich dazu ein Kin­der­spiel. Mit bestechen­der Klar­heit führt Precht vor Augen, was ers­te Anzei­chen bereits ver­kün­den: Die Mas­sen­tier­hal­tung ist ein Relikt der Moder­ne. Die Zukunft gehört dem Kul­tur­flei­sch.

 

Kulturfleisch García-Sancho

Richard David Precht: “Real-Beef-Fans gera­ten ins gesell­schaft­li­che Abseits. Für Frau­en sind sie so unse­xy wie Mili­ta­ria-Samm­ler und Schmer­bäu­che im NATO-Nah­kampf-Look…” Illus­tra­ti­on: Car­los Gar­cía-San­cho. dedesign.tumblr.com

 

Mit Tie­re den­ken zeigt Richard David Precht, Mit­her­aus­ge­ber der ago­r­a42, dass die Zukunft der Fleisch­pro­duk­ti­on im cul­tu­red beef liegt.
Klar, zu Beginn mögen die Kon­su­men­ten noch etwas skep­ti­sch sein: „Män­ner lächeln dar­über, sie behan­deln das neue Flei­sch wie alko­hol­frei­es Bier: nicht sehr männ­li­ch, aber irgend­wie ganz sinn­voll.“ Aber bereits nach eini­gen Jah­ren  ist „die Zeit, Tier­hal­tungs­gräu­el durch den Ver­weis auf ihren öko­no­mi­schen Vor­teil zu recht­fer­ti­gen“ pas­sé: „Die Fleisch­in­dus­trie kämpft einen ver­zwei­fel­ten Pro­pa­gan­da­kampf – wie lan­ge Zeit die Atom­lob­by –, aber sie kann nicht mehr gewin­nen.“

Das ist „die Chan­ce des Jahr­hun­derts“, schreibt Precht.

_________________________________

Richard David Precht in agora42
Mehr dazu in dem Arti­kel Die Flei­sch-Revo­lu­ti­on von Richard David Precht, Mit­her­aus­ge­ber der ago­r­a42. Jetzt in der aktu­el­len Aus­ga­be der ago­r­a42 SEIN UND FLEISCH.

 

 

 

Richard David Precht

Richard David Precht ist seit 2011 Mit­her­aus­ge­ber des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins ago­r­a42. Bekannt wur­de er 2007 durch sein Sach­buch Wer bin ich – und wenn ja, wie vie­le? Seit Sep­tem­ber 2012 mode­riert er die Phi­lo­so­phie­sen­dung Precht im ZDF.

Der Philosoph – Paradebeispiel für einen Nichtsnutz?

Vor einem Jahr rich­te­ten wir gemein­sam mit den Bay­reu­ther Dia­lo­gen einen Essay­wett­be­werb aus. Anläss­li­ch der bald wie­der statt­fin­den (29.10.16) Dia­lo­ge möch­ten wir Ihnen hier ger­ne einer der zwei Sie­ger­es­says prä­sen­tie­ren.

Der Philosoph – Paradebeispiel für einen Nichtsnutz?

Stu­den­ten der Alt­phi­lo­lo­gie und Kunst­ge­schich­te tei­len ein gemein­sa­mes Schick­sal mit mir: Sie lei­den unter einem Tin­ni­tus, der eigent­li­ch gar kei­ner ist. Mit einem ech­ten Tin­ni­tus gemein­sam hat die­ser Tin­ni­tus, dass er zum stän­di­gen Beglei­ter gewor­den ist, sich dabei als äußer­st unan­ge­nehm erweist und man ihn wohl nur los wird, wenn man lernt weg­zu­hö­ren. Doch anstatt mich unauf­hör­li­ch piep­send um mei­ne inne­re Ruhe zu brin­gen, raubt er mir bestän­dig quas­selnd den letz­ten Nerv: „Aber was fängt man denn bit­te mit Phi­lo­so­phie nach dem Stu­di­um an?“

 

philosoph-nichtsnutz

Illus­tra­ti­on von Car­los Gar­cia-San­cho

Bevor ich anfing, ein Orchi­de­en­fach zu stu­die­ren, war mir nicht klar gewe­sen, wie tief unse­re Gesell­schaft, von jung bis alt, in der Mit­tel-Zweck-Kate­go­rie fest­steckt. Seit ich auf jene Fra­ge aber fast täg­li­ch ande­ren und bald minüt­li­ch mir selbst ant­wor­ten soll, sieht das anders aus. Wer es da wagt, pathe­ti­sch Sät­ze wie „Phi­lo­so­phie stu­diert man um ihrer selbst wil­len“ oder „Bil­dung und Stu­di­um sind doch Selbst­zwe­cke“ zu ver­kün­den, hat schlech­te Kar­ten. Aus­führ­li­che Argu­men­ta­tio­nen gibt der Small­talk in der Regel jedoch nicht her. Ein klei­ner Tipp des­halb, falls Sie gera­de ähn­li­che Erfah­run­gen machen und um Ihr See­len­heil ban­gen: Den­ken Sie sich eine (erlo­ge­ne) Stan­dard­ant­wort aus, mit der Sie schon kon­tern kön­nen, bevor dem Fra­gen­den über­haupt der gan­ze Satz über die Lip­pe gekom­men ist, und neh­men Sie Ihrem Gegen­über die Fra­ge nicht all­zu übel, es sei denn, Sie fin­den Gefal­len an suk­zes­si­ver sozia­ler Iso­lie­rung.

Da ich die nächs­te Zeit zufäl­li­ger­wei­se allei­ne bin, will ich es an die­ser Stel­le mit Argu­men­ten ver­su­chen, die im Small­talk oft nicht zur Spra­che kom­men – zuge­ge­ben, damit ver­bun­den ist die Hoff­nung, dass mein Tin­ni­tus über kurz oder lang zum Schwei­gen gebracht wird.

 

Spu­cken oder nicht spu­cken?

Ich könn­te zum Bei­spiel mit Aris­to­te­les behaup­ten, dass die phi­lo­so­phi­sche Betrach­tung (alt­gr.: theo­ria) nun mal der Königs­weg zur Glück­se­lig­keit sei. Sie erwie­se sich somit durch­aus als nütz­li­ch – für mein Glück. Die­ser Gedan­ke kommt mir jedoch ziem­li­ch eigen­sin­nig vor, bin ich doch kein Aris­to­krat, der sin­nie­rend nach der Eudä­mo­nie trach­tet, wäh­rend die ande­ren alle für ihren (und mei­nen) Lebens­un­ter­halt schuf­ten müs­sen.

Die ver­meint­li­che Ego­zen­trik trügt jedoch, wenn man bedenkt, dass eine ego­is­ti­sche Glücks­vor­stel­lung, wie sie heu­te gang und gäbe ist, im Hin­bli­ck auf Aris­to­te­les völ­lig unan­ge­mes­sen wirkt. Als poli­ti­sches Lebe­we­sen (alt­gr.: zoon poli­ti­kon) ist der Men­sch immer schon Teil der poli­ti­schen Gemein­schaft, auch wenn er „haupt­be­ruf­li­ch“ der Weis­heit frönt. Dass Aris­to­te­les beim glück­se­li­gen Phi­lo­so­phen an einen Ein­zel­gän­ger im Elfen­bein­turm dach­te, will ich mit­hin bezwei­feln. Viel­mehr dürf­te der idea­le Phi­lo­so­ph nach Aris­to­te­les neben den Ver­stan­des­tu­gen­den, zum Bei­spiel Wis­sen und Weis­heit, auch über Cha­rak­ter­tu­gen­den, zum Bei­spiel Frei­ge­big­keit, Wahr­haf­tig­keit und Sanft­mut, ver­fü­gen und im prak­ti­schen Leben der poli­ti­schen Gemein­de eine tra­gen­de Rol­le spie­len. Das Zusam­men­spiel von Theo­rie und Pra­xis ist dem­nach ent­schei­dend, will die Phi­lo­so­phie sich selbst nicht damit beschei­den, dass ihre Ver­tre­ter fach­in­tern eso­te­ri­sche Lie­bes­brief­chen aus­tau­schen.

Es gilt die Weis­heit in ihrer Man­nig­fal­tig­keit nach außen zu tra­gen, damit mehr als 2.000 Jah­re des Nach­den­kens über den Sinn des Lebens, das gute Leben, das Sein des Sei­en­den etc. nicht in der Fach­bi­blio­thek ver­stau­ben, son­dern jeder in ihren Genuss gelan­gen kann. Das, was aus dem Wis­sen ent­sprän­ge, wäre ver­mut­li­ch zwar nicht direkt wirt­schaft­li­ch ver­wert­bar, sofern man die Erkennt­nis­se nicht ent­stel­len woll­te. Die Phi­lo­so­phie könn­te indes hel­fen, gera­de die beschränk­te Sicht­wei­se zu durch­bre­chen, wonach der Nut­zen einer Sache mit des­sen wirt­schaft­li­cher Ver­wert­bar­keit iden­ti­sch sei.

Die­se vor­schnel­le Gleich­set­zung ist nicht ver­wun­der­li­ch, leben wir doch in einem Land, wo der Stei­ge­rung des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts eine gan­ze Hym­ne gewid­met wur­de. Wer nicht in die Hän­de spuckt, der gilt schnell als Nichts­nutz, unge­ach­tet des­sen, ob er es eigent­li­ch ger­ne täte oder nicht. Der Phi­lo­so­ph ist mit­un­ter noch schlim­mer als der kon­ven­tio­nel­le Tunicht­gut, weil das, was er zu sagen hat, oft­mals nicht nur nicht pro­fi­ta­bel ist, son­dern der Logik des Pro­fits gera­de­zu wider­spricht. Und dafür soll man ihn dann auch noch bezah­len?!

Man den­ke nur an die fröh­li­ch ver­kün­de­te Nach­richt in der Tages­schau, die Kauf­lust der Deut­schen sei in die Höhe geschnellt und des­halb boo­me die Wirt­schaft. Dazu Bil­der von ein­kau­fen­den Leu­ten, die über bei­de Backen strah­len, wäh­rend sie ihre Ein­kaufs­tü­ten durch die Shop­ping­mei­le schlep­pen. Ein­kau­fen ist also etwas Gutes, weil es dem Ein­zel­nen Lust berei­tet und die Wirt­schaft ankur­belt. Kurz: Ein­kau­fen nützt.

Über die­ses Para­dies bricht nun die sata­ni­sche Phi­lo­so­phie her­ein und zer­stört den eitel Son­nen­schein. Sie erdreis­tet sich, Fra­gen zu stel­len: Ob Ein­kau­fen über­haupt lang­fris­tig glück­li­ch mache oder nur einen kur­zen Kick ver­schaf­fe. Ob Besitz glück­li­ch mache und ob viel Besitz noch glück­li­cher mache oder ob Besitz, wenn über­haupt, Mit­tel zum Glück sei und viel Besitz dem Glück sogar im Weg ste­hen kön­ne. Ob alle Bedürf­nis­se „natür­li­ch“ sei­en oder von der Gesell­schafts­form, in der wir leben, prä­for­miert wür­den, damit das Sys­tem mög­lichst rei­bungs­los funk­tio­nie­re. Ob das, was uns nütz­li­ch dünkt, somit wirk­li­ch nüt­ze oder im Hin­bli­ck auf Men­schen aus ande­ren Län­dern oder die Natur sogar eher scha­de. Ob die Art unse­res auf Wachs­tum fixier­ten Wirt­schaf­tens lang­fris­tig Sinn erge­be …

 

Eman­zi­pa­ti­on von unten

Zuge­ge­ben, der spe­zi­el­le Beruf, auf den das Phi­lo­so­phie­stu­di­um vor­be­rei­tet, muss erst noch erfun­den wer­den. Und kaum jemand wird ernst­haft auf die Idee kom­men, Phi­lo­so­phie zu stu­die­ren, um Kar­rie­re zu machen. Den­no­ch nützt die Phi­lo­so­phie auf ihre Art und Wei­se. Sie kann allein dadurch, dass sie (aus­gie­big) betrie­ben wird, einen Gedan­ken­wan­del im Men­schen bewir­ken – sei es im Gespräch mit ande­ren oder im Dia­log mit dem Phi­lo­so­phen, den man gera­de liest. Nun kommt dabei, wie wir gese­hen haben, nicht unbe­dingt ein end­gül­ti­ges Ergeb­nis her­aus, son­dern es ent­ste­hen eine Fül­le von Fra­gen, die erstarr­ten Denk­wei­sen wie­der Beweg­lich­keit ver­lei­hen. Wird die­se Öff­nung gegen­über alter­na­ti­ven Sicht­wei­sen ern­st genom­men, kann sich eine Ver­än­de­rung in der inne­ren Ein­stel­lung zu sich selbst und zur Umwelt erge­ben, die einen in Oppo­si­ti­on zu land­läu­fi­gen Vor­stel­lun­gen bringt. In Oppo­si­ti­on indes befin­det man sich nur, solan­ge man es ver­säumt, ande­re damit anzu­ste­cken, ein­ge­fro­re­ne Den­kar­ten eben­falls auf­zu­bre­chen. Hier­bei zeigt sich ein eman­zi­pa­ti­ves Moment der Phi­lo­so­phie, das jedoch auf kei­ne „Top-down-Eman­zi­pa­ti­on“ abzielt, son­dern auf eine „Bot­tom-up-Eman­zi­pa­ti­on“. Ers­te­re erin­nert an Pla­tons Höh­len­gleich­nis, wonach der Phi­lo­so­ph bei der Ide­en­schau ewi­ge Wahr­hei­ten erkennt, die ihn zum wis­sen­den Phi­lo­so­phen­kö­nig qua­li­fi­zie­ren, dem die unwis­sen­de Mas­se unter­tan zu sein hat. Die „Bot­tom-up-Eman­zi­pa­ti­on“ indes­sen fin­det sich bei Han­nah Arendt, die nicht von unge­fähr Pla­ton gegen­über sehr kri­ti­sch ein­ge­stellt ist. Als Herz­stück ihrer poli­ti­schen Theo­rie ent­wirft sie in dem Buch Vita activa oder vom täti­gen Leben den Begriff des „Han­delns“. „Han­deln“ beinhal­tet laut Arendt zwar ein „Füh­ren“ und ein „Fol­gen“; sie grenzt es jedoch dezi­diert von „Herr­schen“ und „Beherrscht wer­den“ ab. Wäh­rend sie mit die­sen bei­den Begrif­fen unter ande­rem das Ver­hält­nis von Pla­tons Phi­lo­so­phen­kö­nig zu sei­nen Unter­ge­be­nen cha­rak­te­ri­siert, beschreibt sie mit ers­te­ren Begrif­fen etwas ganz ande­res: Der­je­ni­ge, der führt, ist nie­mals dau­er­haft auf die Posi­ti­on des Füh­ren­den fest­ge­legt und genauso ver­hält es sich mit den­je­ni­gen, die fol­gen. Der Füh­ren­de ist im Gegen­satz zum Herr­schen­den nicht durch ein blo­ßes Befeh­len gekenn­zeich­net, dem bedin­gungs­los gehorcht wer­den muss, son­dern durch das Ver­mö­gen, einen Anfang zu machen. Und jedem Men­schen wohnt poten­zi­ell ein sol­ches Ver­mö­gen inne, sodass jeder Men­sch grund­sätz­li­ch dazu in der Lage ist, eine Hand­lung im arendt­schen Sin­ne zu begin­nen. Wur­de der Stein ein­mal ins Rol­len gebracht, kom­men die ande­ren Men­schen dem Füh­ren­den zu Hil­fe. Sie gehor­chen ihm nicht blind, son­dern fol­gen ihm, indem sie als Gleich­be­rech­tig­te krea­tiv und den­kend an der Hand­lung par­ti­zi­pie­ren, und voll­enden die­se als gemein­sa­mes Pro­jekt. Das Resul­tat der Hand­lung ist dabei nicht vor­her­seh­bar, gera­de weil es auf dem krea­ti­ven Zusam­men­wir­ken von vie­len beruht.

 

Den­ken gegen die Gedan­ken­lo­sig­keit

Nun wur­de zwar eine Art und Wei­se cha­rak­te­ri­siert, wie eman­zi­pa­to­ri­sches Han­deln von­stat­ten gehen könn­te, das den Ein­zel­nen nicht ent­mün­dig­te. Die Fra­ge, ob man sich denn über­haupt noch von irgend­ei­nem Zustand eman­zi­pie­ren müs­se, blieb bis­lang indes unbe­ant­wor­tet. Kaum ein Men­sch der „auf­ge­klär­ten Welt“ wird heu­te noch Zwei­fel dar­an hegen, dass es rich­tig war, sowohl die Skla­ven­hal­ter­ge­sell­schaft als auch die Feu­dal­ge­sell­schaft zu über­win­den. Die bür­ger­li­che Gesell­schaft lädt hin­ge­gen vie­le dazu ein, es sich in ihr bequem zu machen.

Dabei unter­liegt man einer dop­pel­ten Nai­vi­tät: Zum einen klaf­fen in unse­rer Gesell­schaft das, was sie zu sein bean­sprucht, und das, was sie ist, aus­ein­an­der. Die raue Wirk­lich­keit straft das Ide­al einer huma­nen und gerech­ten Gesell­schaft oft­mals Lügen. Wie der Kul­tur­so­zio­lo­ge Pier­re Bour­dieu auf­ge­zeigt hat, wird zum Bei­spiel Chan­cen­gleich­heit dann zur Far­ce, wenn ich aus einem sozia­len Milieu stam­me, wo mir Wer­te, Nor­men und Ver­hal­tens­wei­sen ver­mit­telt wor­den sind, die in den Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen und am Markt über­haupt nicht gefragt sind. Beherr­sche ich bei­spiels­wei­se den schwä­bi­schen Dia­lekt bes­ser als jeder ande­re Schwa­be, so wird mir vor­ge­hal­ten, ich beherrsch­te kein Hoch­deut­sch, anstatt dass ich für mein gran­dio­ses Schwä­bi­sch gesell­schaft­li­ch aner­kannt wür­de. Um mir das Hoch­deut­sch anzu­eig­nen, muss ich nicht nur viel Zeit auf­wen­den, ich erfah­re auch einen Teil mei­ner sprach­li­chen und kul­tu­rel­len Iden­ti­tät als defi­zi­tär, wie­wohl ich für den Ort mei­ner Her­kunft rein gar nichts kann. Ich bin mit­hin das Opfer mei­nes eige­nen Habi­tus, wäh­rend ein Han­no­ve­ra­ner sich dies­be­züg­li­ch sei­nes Habi­tus erfreu­en darf.

Oder man den­ke an die fort­schrei­ten­de Glo­ba­li­sie­rung, die zu einer wirt­schaft­li­chen Ver­flech­tung der gesam­ten Welt führt. Wenn­gleich die Arbeits­be­din­gun­gen in Deutsch­land noch eini­ger­ma­ßen gut sein mögen, kann ich im Grun­de davon aus­ge­hen, dass die meis­ten erschwing­li­chen Pro­duk­te, die ich mir im Laden kau­fe, nicht unter der­art guten Bedin­gun­gen her­ge­stellt wur­den. Hin­zu kommt: Je ärmer ich bin, desto eher bin ich dazu gezwun­gen, zum bil­ligs­ten Pro­dukt zu grei­fen. Zu mei­ner finan­zi­el­len Not gesellt sich also der Sach­zwang, mora­li­sch bedenk­li­che Ein­käu­fe zu täti­gen, wäh­rend sich bes­ser Begü­ter­te schlicht­weg von ihrer mora­li­schen Schuld „frei­kau­fen“ kön­nen. Wer hier­bei wirk­li­ch unmo­ra­li­sch han­delt und inwie­weit unse­re Gesell­schaft als Gan­zes in ein inter­na­tio­na­les Sys­tem der Unge­rech­tig­keit ver­strickt ist, müss­te eigens geklärt wer­den. Es geht mir an die­ser Stel­le vor allem um die psy­chi­sche Belas­tung, die sich aus dem Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen gel­ten­den Moral­vor­stel­lun­gen und beein­träch­tig­ter Ent­schei­dungs­frei­heit beim Ein­kau­fen ergibt und die zur Tat­sa­che der ohne­hin belas­ten­den Armut hin­zu­tritt.

Zum ande­ren ist die bür­ger­li­che Gesell­schaft offen­sicht­li­ch nicht gegen Kri­sen gefeit. Nicht mehr nur im eher frei­geis­ti­gen Feuil­le­ton, son­dern auch im Wirt­schafts­res­sort nam­haf­ter Zei­tun­gen wird über das Ende des Heil ver­spre­chen­den Wachs­tums gespro­chen. In Euro­pa hat sich die Kri­se dau­er­haft ein­ge­rich­tet und auch in den Schwel­len­län­dern kri­selt es. Eine glo­ba­le Rezes­si­on kann jeder­zeit ein­set­zen – mit unab­seh­ba­ren Fol­gen.

Wenn ich in einer Wohl­stands­ge­sell­schaft unre­flek­tiert vor mich hin lebe, als ob ich davon aus­ge­hen könn­te, dass es auf ewig so ange­nehm sein wer­de, igno­rie­re ich schlicht­weg die bis­he­ri­ge Geschich­te des Men­schen, in der zwar kei­ne Kri­se end­los anhielt, aber auch kein Gedei­hen für immer weil­te. Gegen eine durch Wohl­stand beding­te Gedan­ken­lo­sig­keit ist die Phi­lo­so­phie alle­mal ein gutes Gegen­mit­tel. Denn in ihr haben stets auch kri­sen­haf­te Erfah­run­gen einen Aus­druck gefun­den: sei es die Kri­se der atti­schen Demo­kra­tie in der Phi­lo­so­phie Pla­tons, des­sen Leh­rer Sokra­tes dem Wil­len des Vol­kes zum Opfer fiel, sei es die Kri­se der Reli­gi­on und der Feu­dal­ge­sell­schaft in der Phi­lo­so­phie der Auf­klä­rung oder sei es der Zwei­te Welt­krieg in den Gedan­ken­wel­ten von Han­nah Arendt, Theo­dor W. Ador­no und Her­bert Mar­cu­se.

Wenn die Kri­sen­haf­tig­keit sich tat­säch­li­ch als Teil unse­rer Art zu leben und zu wirt­schaf­ten erwei­sen soll­te, wer­den in Zei­ten der Kri­se immer die­je­ni­gen im Vor­teil sein, die ihre Vor­stel­lun­gen vom glück­li­chen Leben, mit­hin gro­ße Tei­le ihrer Bedürf­nis­struk­tur, nicht völ­lig an das Vor­find­li­che ange­passt haben, son­dern ihre Lebens­wei­se immer als eine Mög­lich­keit von vie­len erle­ben. Einen Mög­lich­keits­sinn zu ent­wi­ckeln und zu ver­fei­nern, dazu ist die Phi­lo­so­phie imstan­de. Ob wir der Mög­lich­kei­ten gewahr wer­den und sie auch ver­wirk­li­chen, das hängt wie­der­um von uns ab. Wer jedoch in Zei­ten der Kri­se immer noch sei­nen spieß­bür­ger­li­chen Träu­men nach­hängt, der wird womög­li­ch um deren Rea­li­sie­rung wil­len dazu bereit sein, radi­ka­le Wege ein­zu­schla­gen – Irr­we­ge, bei denen man sogar noch hin­ter die Feu­dal­ge­sell­schaft zurück­fällt.

 

Wohin mich mein Weg führt, weiß ich immer noch nicht. Indem ich die­sen Essay geschrie­ben habe, habe ich zwar etwas mit mei­nem Phi­lo­so­phie­stu­di­um „ange­fan­gen“; aber ob das die Ant­wort war, die mein quas­seln­der Tin­ni­tus hören woll­te, da bin ich mir nicht so sicher.

 

Lukas Wet­zel stu­diert Phi­lo­so­phie und Empi­ri­sche Kul­tur­wis­sen­schaft in Tübin­gen.

Leitbild: Trauer

Aus der aktu­el­len Aus­ga­be LEITBILDER

Trauer

Inter­view mit And­rea Hal­ler

 

In Deutsch­land ster­ben jähr­li­ch 860.000 Men­schen, doch im All­tag gilt das Leit­bild des Ver­schwei­gens und Ver­drän­gens. Es wird nur sel­ten über Trau­er oder mit Trau­ern­den gespro­chen. Wor­an liegt das?

Andrea Haller

And­rea Maria Hal­ler ist Bestat­te­rin, hält Trau­er­re­den, lei­tet zusam­men mit ihrem Bru­der das Bestat­tungs­haus Hal­ler und ist Her­aus­ge­be­rin des Maga­zins Lebens­Zei­ten.

Wir haben das Glück, in einer gut funk­tio­nie­ren­den Gesell­schaft zu leben, in wel­cher der Tod nicht mehr all­täg­li­ch ist. 90 Pro­zent der Bevöl­ke­rung stirbt über 65 Jah­re. Das heißt, dass man den Tod wäh­rend des Groß­teils sei­nes Lebens nicht befürch­ten muss und ihn ein wenig zur Sei­te schie­ben kann. Gleich­zei­tig hat das zur Fol­ge, dass die Men­schen, die jeman­den ver­lie­ren, plötz­li­ch das Gefühl bekom­men, die Sei­ten zu wech­seln. Auf der einen Sei­te gibt es die Men­schen, die mit dem Tod ver­traut sind und auf der ande­ren jene, denen er fremd ist. Ers­te­re bil­den auf ein­mal einen ganz neu­en Kreis und erle­ben eine Dis­tanz zu denen, die die­se Erfah­rung nicht ken­nen.

 

Was ist Trau­er eigent­li­ch?

Wenn jemand stirbt, dann sind die ers­ten Gefüh­le Schmerz, Scho­ck, Angst, Schre­cken; oft auch Erleich­te­rung, wenn jemand lan­ge krank war. Die rich­ti­ge Trau­er fängt erst nach dem Abschied an. Die­ses „um das krei­sen, was einem fehlt“, das kommt nicht in den ers­ten zwei Wochen, son­dern erst, wenn die Fami­li­en­mit­glie­der oder Freun­de weg­ge­gan­gen sind, wenn die­se wie­der ihr eige­nes Leben leben und man jeden Abend heim­kommt in eine lee­re Woh­nung. Dann beginnt erst der Trau­er­pro­zess. Man trau­ert aber auch nicht die gan­ze Zeit, son­dern man hat Momen­te, wo es unglaub­li­ch weh tut, man sich total leer fühlt, man Sehn­sucht hat und sich erin­nert. Und man hat Momen­te, in denen man sich dem Leben zuwen­det, sich freut, arbei­ten will und neue Bekannt­schaf­ten schließt. Und dann fällt man wie­der zurück ins Erin­nern und in die Sehn­sucht und in den Schmerz und in das Ster­ben­wol­len. Die­ser Wech­sel ist der Trau­er­pro­zess. Das Modell der Trau­er­pha­sen, die man nach­ein­an­der durch­läuft und dann ist alles abge­schlos­sen, ist ver­al­tet. Tat­säch­li­ch ver­lau­fen die­se Pha­sen par­al­lel und wech­seln sich ab. Es gibt kei­ne zeit­li­che Abfol­ge. Das macht es auch so schwie­rig für ande­re, mit einem Trau­ern­den umzu­ge­hen. Wenn jemand immer trau­rig ist, ist das ein­fach ein­zu­schät­zen. Aber dann ist da jemand, der ist zwei Tage lang trau­rig und dann geht’s ihm wie­der gut – und dann ist er plötz­li­ch wie­der trau­rig. Das ist für den Trau­ern­den wie für das Umfeld glei­cher­ma­ßen schwer aus­zu­hal­ten.

 

Kann es denn über­haupt gelin­gen, mit der Trau­er ganz abzu­schlie­ßen?

Wenn Sie die Leu­te bei uns im Trau­er­ca­fé fra­gen, ob sie mit ihrer Trau­er abge­schlos­sen haben, dann wird Ihnen jeder sagen: „Ich hof­fe, dass ich nie­mals damit abschlie­ßen wer­de!“ Man will doch nicht mit sei­ner Trau­er abschlie­ßen. Das ist eine wahn­sin­ni­ge Erwar­tung! Man möch­te viel­mehr die Bezie­hung zum Toten hal­ten.

 

Mar­got Käß­mann hat ein­mal geschrie­ben: „In einer öko­no­mi­sier­ten Gesell­schaft gibt es für Trau­er kei­nen Raum und kei­ne Zeit.“ Stim­men Sie dem zu?

Ja, ich glau­be, das stimmt. Der Anspruch, immer zu funk­tio­nie­ren, den wir an uns selbst stel­len und der auch von der Arbeits­welt an uns gestellt wird, ist extrem hoch. Da wird von trau­ern­den Vätern nach einer Woche erwar­tet, dass sie zur Arbeit zurück­ge­hen. Das hat auch mit einem gesell­schaft­li­chen Leit­bild zu tun: „Unser Leben funk­tio­niert“. Das Nor­ma­le ist, dass alles gut ist, dass alles funk­tio­niert. Das erwar­ten wir von unse­rem Leben wie auch vom Leben der ande­ren. Und wenn mal etwas nicht funk­tio­niert, dann haben wir kei­nen Platz dafür. Ande­rer­seits ist für vie­le Trau­ern­de Arbeit auch etwas sehr Wich­ti­ges, sie gibt ihnen Halt und Struk­tur. Eine Ange­hö­ri­ge nann­te die Arbeit ein­mal ihr Kor­sett und mein­te das durch­aus posi­tiv.

Man­che Ange­hö­ri­ge schä­men sich sogar dafür, dass jemand gestor­ben ist. Sie kom­men dann zu uns und sagen: „Wir wol­len aber nicht, dass jemand erfährt, dass er gestor­ben ist.“ Für sie stellt der plötz­li­che Tod das ulti­ma­ti­ve Ver­sa­gen dar. Sie schä­men sich für den Moment, den sie nicht im Griff hat­ten und nicht kon­trol­lie­ren konn­ten.

 

Aber ist der Tod nicht tat­säch­li­ch sinn­los? Die Fra­ge nach dem War­um bleibt unbe­ant­wor­tet …

Nach dem War­um fragt man nur bei jun­gen Men­schen, die plötz­li­ch und unver­mit­telt ster­ben. Wenn eine 93-Jäh­ri­ge stirbt, nach­dem sie zehn Jah­re lang bett­lä­ge­rig war, sagen alle: „Gut, dass sie end­li­ch erlöst ist.“ Dann geht es um prak­ti­sche Fra­gen wie bei­spiels­wei­se die Rege­lung der Erb­schaft. Oder dar­um, kei­ne Belas­tung für die Gesell­schaft zu sein und Platz zu machen für Jün­ge­re. Auch für Men­schen mitt­le­ren Alters ist der Tod nicht sinn­los: Vie­le füh­len sich erst rich­tig erwach­sen, wenn die Eltern ster­ben. Dann ist nie­mand mehr über oder vor ihnen. In Deutsch­land sehen vie­le Men­schen den ers­ten Toten erst, wenn sie zwi­schen 30 und 40 sind. Das ist dann meist jemand aus der Fami­lie, oft ein Eltern­teil. Aus die­sem Grund füh­re ich Schü­ler­grup­pen bei uns im Abschied­shaus ger­ne in den Kühl­raum und zei­ge ihnen einen Toten. Ich glau­be, die­se Erfah­rung ist unglaub­li­ch gut für die jun­gen Men­schen. Sie kom­men aus dem Kühl­raum her­aus und sind erleich­tert. Der Tod ist immer so angst­be­legt und bedrü­ckend und plötz­li­ch mer­ken sie: „Hey, der Tod ist total ok!“ Die­ses Erleb­nis löst ihre Angst und macht ihnen bewusst, dass ihr Leben end­li­ch ist. Wie lebe ich? Die­se Fra­ge möch­te ich jedem mit auf den Weg geben. In die­sem Sin­ne den­ke ich nicht, dass der Tod sinn­los ist. Für mich macht er das Leben erst rich­tig kost­bar. Wenn ich das Leben nicht ver­lie­ren könn­te, dann wäre alles banal und gleich­be­deu­tend.

 

Der Tod ist aber auch ein wahn­sin­ni­ger Affront. Ein Men­sch, Uni­ver­sum aus Den­ken und Füh­len, ist ein­fach weg …

Aber nur, wenn man das glaubt. Ich zum Bei­spiel glau­be das nicht. Ich glau­be, dass nur der Kör­per weg ist, aber ganz viel von dem, was wir uns im Leben ange­eig­net haben, was unse­re Ent­wick­lung beein­flusst hat, was unse­re Per­sön­lich­keit aus­macht, Bestand hat. Ich glau­be, dass es Ele­men­te von mir gibt, die über den Tod hin­aus blei­ben. Man kann das See­le nen­nen, oder Ener­gie oder Kraft. Das neh­me ich auch bei mei­ner Arbeit wahr: Die Leu­te sind nicht plötz­li­ch ganz weg. Die sind kurz nach ihrem Tod noch sehr prä­sent und auch nach eini­gen Tagen kann man noch etwas von ihnen spü­ren. Unse­re Erfah­rung ist, dass die manch­mal noch ein biss­chen rum­spu­ken. Das hört sich jetzt ver­rückt an. Mit Her­um­spu­ken mei­ne ich, dass Din­ge nach dem Tod pas­sie­ren, die einen kon­kre­ten Bezug zum Leben der Ver­stor­be­nen haben. Es gab ein­mal eine Trau­er­fei­er für ein Mäd­chen, das in Argen­ti­ni­en gestor­ben ist. Die­ses Mäd­chen ist immer zu spät gekom­men. Immer. Du hat­test Geburts­tag und sie kam drei Tage spä­ter. Wir haben die Über­füh­rung aus Argen­ti­ni­en orga­ni­siert – und sie kam zwei Tage zu spät. Wir muss­ten die Trau­er­fei­er von Mitt­wo­ch auf Frei­tag ver­schie­ben. Und die Reak­ti­on der Fami­li­en­mit­glie­der war: „Ja, das ist typi­sch. Die kommt immer zu spät.“ Wir erle­ben ganz oft, dass da eine Ener­gie ist, die der ver­stor­be­nen Per­son sehr eigen war und die über den phy­si­schen Tod einer Per­son hin­aus wirkt. Vie­le Ange­hö­ri­ge hal­ten auch eine Ver­bin­dung mit dem Ver­stor­be­nen. Sie spre­chen mit ihm und haben Altä­re zu Hau­se, auf denen sein Bild steht. „Er ist da. Ich bin nicht allei­ne. Wo ich auch hin­ge­he, er ist dabei.“ Sol­che Sät­ze hört man stän­dig. Vie­le erzäh­len auch, dass der Ver­stor­be­ne mit ihnen gespro­chen hat. Das ist nicht unge­wöhn­li­ch oder durch­ge­knallt, son­dern nor­mal! Einer Unter­su­chung zufol­ge erle­ben 40 Pro­zent der Trau­ern­den einen Kon­takt mit dem Ver­stor­be­nen. In die­ser Hin­sicht ist die Gesell­schaft aller­dings sehr into­le­rant. Vie­le Men­schen kön­nen die Vor­stel­lung nicht ertra­gen, dass es so etwas wie ein Nach­le­ben eines Ver­stor­be­nen gibt oder gar die Toten mit uns spre­chen.

 

Liegt das dar­an, dass das Geis­ti­ge zu kurz kommt, dass in der Gesell­schaft ein mate­ri­el­les Leit­bild domi­niert?

Ja, es domi­niert ein Leit­bild, dem­zu­fol­ge der Men­sch aus­schließ­li­ch als kör­per­li­ches Wesen exis­tiert und ent­spre­chend mit dem Tod ganz ver­fällt. Wenn man Men­schen, die sehr mate­ri­ell ori­en­tiert sind, fragt, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, sagen sie meis­tens: „Ich hoff’s!“ Inso­fern stellt der Tod für den heu­ti­gen Zeit­geist ein gro­ßes Pro­blem dar: Er ist anti­ma­te­ria­lis­ti­sch. Und man kann ja auch über­haupt nichts an mate­ri­el­len Gütern mit­neh­men.

 

Nimmt der Glau­be an ein Wei­ter­le­ben nach dem Tod die­sem nicht auch etwas, was ihn gera­de aus­zeich­net – sei­ne End­gül­tig­keit, die umge­kehrt das Leben ein­ma­lig macht?

Er nimmt auf jeden Fall Druck raus. Wenn du glaub­st, dass es wei­ter­geht, kann­st du dir ein paar Feh­ler mehr erlau­ben. Der Herr­gott wird’s schon rich­ten. Vie­les in unse­rem Leben läuft ja schief: Bezie­hun­gen gehen kaputt, die Arbeit ist nicht erfolg­reich, mit der Gesund­heit geht es berg­ab. Ich ver­wen­de auf Trau­er­fei­ern oft einen Text von Micha­el Ende: Das Lied von der Ander­welt. Die­ser Text bringt fol­gen­des zum Aus­druck: Es ist okay, wenn man es im Leben nicht hin­ge­kriegt hat; da ist noch Luft, da gibt es eine Welt, in der Din­ge ver­wirk­licht wer­den kön­nen, die wir im Leben ver­säumt haben. Das spen­det Trost – aber es nimmt natür­li­ch auch ein biss­chen die Ver­ant­wor­tung ab.

 

Woher kommt die Angst vor dem Tod?

In unse­rer Gesell­schaft haben rela­tiv wenig Men­schen Angst vor dem Tod. Die Men­schen haben Angst vor dem Ster­ben und den damit ver­bun­de­nen Schmer­zen oder davor, einen gelieb­ten Men­schen zu ver­lie­ren. Und wir stel­len uns ja auch kei­ne Höl­le mehr im Jen­seits vor, die wir fürch­ten müss­ten. Haben Sie Angst vor dem Tod? Oder nicht viel­mehr vor dem unbe­greif­li­chen Moment, in dem jemand stirbt? Die meis­ten Men­schen gehen am Ende ver­söhnt in den Tod. Zwar nicht in freu­di­ger Erwar­tung, aber sie rin­gen nicht mehr mit ihm. Ster­ben­de sind oft ver­söhn­ter mit ihrem eige­nen Ende als die Hin­ter­blie­be­nen.

 

Trau­er­ze­re­mo­ni­en in Deutsch­land sind trotz­dem bedrü­ckend, ern­st, schwarz, still. In ande­ren Län­dern ist der Tod all­täg­li­ch und Kin­der ster­ben oft früh. Trotz­dem wird dort der Abschied laut und bunt auf die Stra­ße getra­gen. Man könn­te fast mei­nen, er wird gefei­ert. Kön­nen wir uns etwas davon abschau­en?

Wenn wir ande­re Gesell­schaf­ten und ihren Umgang mit dem Tod beur­tei­len, müs­sen wir vor­sich­tig sein. Von Afri­ka habe ich auch immer das Bild gehabt, der Tod sei viel stär­ker in den All­tag inte­griert und wer­de ganz toll mit bun­ten Klei­dern und Gesang gefei­ert. Aber dort haben vie­le Men­schen gro­ße Angst vor dem Tod und es wird laut gesun­gen, um die­se Angst zu ver­trei­ben. Sie haben auch Angst vor den Toten. Es gibt zum Bei­spiel in Tei­len Afri­kas die Pflicht, einen Toten anzu­gu­cken. Aber nicht, weil man sich ver­ab­schie­den will, son­dern weil geglaubt wird, dass der Tote böse wird, wenn man ihn nicht anschaut. Der dor­ti­gen Über­zeu­gung zufol­ge ver­än­dern die Men­schen ihren Cha­rak­ter, sobald sie tot sind. Sie sind dann nei­di­sch auf die Leben­den. Sie wol­len sich rächen, weil sie tot sind und die ande­ren noch leben. Des­we­gen muss man den Toten eine gro­ße Beer­di­gung ermög­li­chen und hun­der­te von Leu­ten müs­sen kom­men, um zu zei­gen, dass der Tote nicht unge­liebt war. Das ist oft kei­ne frei­mü­ti­ge Fei­er, son­dern ein Appeas­e­ment!

Bei uns sind die Leit­bil­der für die Trau­er­fei­ern gera­de im Wan­del begrif­fen. Die Ernst­haf­tig­keit auf einer Beer­di­gung hat­te oft mit kirch­li­chen Riten zu tun, die nach einem fest­ge­leg­ten Mus­ter ablau­fen. Davon kommt man mehr und mehr ab. So wer­den bei­spiels­wei­se häu­fi­ger freie Trau­er­re­den gehal­ten, in die auch mal hei­te­re Geschich­ten ein­flie­ßen, die ein Schmun­zeln her­vor­ru­fen. Auch wird von Pfar­re­rin­nen und Pfar­rern erwar­tet, dass sie sich mehr an dem Ver­stor­be­nen und den Ange­hö­ri­gen ori­en­tie­ren.

Manch­mal wol­len Ange­hö­ri­ge unge­wöhn­li­che Musik und wir erklä­ren dann als Red­ner: „Das war sei­ne Lieb­lings­mu­sik, die hat ihn im Leben beglei­tet und jetzt beglei­tet sie auch uns“. Neu­li­ch lief Smo­ke on the water von Deep Pur­ple und ich konn­te die Füße der Gäs­te wip­pen sehen. Ich hat­te auch schon ein Elvis Dou­ble am Grab oder Tan­go-Tän­zer in der Fei­er­hal­le. Den­no­ch trau­en sich vie­le nicht, eine außer­ge­wöhn­li­che Trau­er­fei­er zu pla­nen. Sie brau­chen dafür Ermu­ti­gung. Man will nie­man­den befrem­den, Tan­te Erna nicht scho­ckie­ren. Es ist mitt­ler­wei­le vie­les auf einer Trau­er­fei­er mög­li­ch, aber man muss die Leu­te behut­sam mit­neh­men. Das ers­te Musik­stück soll­te zum Bei­spiel etwas Beer­di­gungs­ty­pi­sches sein. Alles, was dann folgt, kann aus dem Rah­men fal­len.

 

Wes­halb ist die Abschieds­fei­er so wich­tig?

Wenn man sich nicht von einem Men­schen ver­ab­schie­det hat, der einem wich­tig war, steht noch etwas im Raum. Die Beer­di­gung als der Moment des Abschieds bedeu­tet für mich, einen Kno­ten in ein Seil zu machen. Sie tut der See­le gut, weil sie bewusst macht, was du an einer Per­son gehabt hast. Du hält­st all dies noch ein­mal in dei­nen Hän­den und siehst, wie kost­bar es war – und dann lässt du es gehen. Das ist für vie­le auch ein schö­ner Moment. Man­che erzäh­len mir noch zwei Jah­re spä­ter, wie schön die Trau­er­fei­er gewe­sen ist. Das ist eine wert­vol­le Erin­ne­rung, die sich immer auch um den Schmerz wickelt und ihm einen Rah­men gibt. Sie hilft dabei, einen Platz für die Trau­er zu fin­den.

Des­halb muss eine Beer­di­gung auch echt sein. Nichts ist schlim­mer als eine Trau­er­re­de, bei der die Leu­te nicht das Gefühl haben, dem Toten zu begeg­nen. Sie müs­sen den­ken: „Ja, gen­au so war er!“ Als Red­ner sind wir abhän­gig von dem, was die Ange­hö­ri­gen uns über den Toten erzäh­len. Ich erin­ne­re mich an eine Beer­di­gungs­fei­er mit zwei unter­ein­an­der zer­strit­te­nen Tei­len einer Fami­lie. Mit dem einen Teil habe ich die Rede vor­be­rei­tet. Am Grab kommt der ande­re Teil der Fami­lie zu mir und sagt: „Das war eine schö­ne Fei­er, aber Sie sol­len wis­sen: So war sie nicht!“ Da bin ich total erschro­cken.

 

Offen­sicht­li­ch ist es für die per­sön­li­che Ent­wick­lung von gro­ßer Bedeu­tung, mit dem Abschied, mit dem Enden kon­fron­tiert zu wer­den. Hat die hohe Lebens­er­war­tung die Kehr­sei­te, dass uns schlicht­weg die Mög­lich­keit genom­men wird, „recht­zei­tig“ Abschieds­er­fah­run­gen zu machen?

Es gibt vie­le Abschieds­er­fah­run­gen im All­tag, die dem Abschied von einem Ver­stor­be­nen glei­chen. Wir ver­ab­schie­den uns von einem Arbeits­platz, von Bezie­hun­gen etc. Das ist jedes Mal eine Trau­er­er­fah­rung. Ich habe eini­ge Zeit in Bris­tol gewohnt und die­sen Ort geliebt. Als ich weg mus­s­te, habe ich fast ein Jahr lang geweint. Ich habe um die­sen Ort getrau­ert. Für mich bedeu­te­te der Weg­zug einen Hei­mat­ver­lust. Auch Ange­hö­ri­ge und Freun­de stel­len für uns eine Hei­mat dar, und wenn sie ster­ben, trau­ern wir um die­sen Hei­mat­ver­lust. Es heißt, Trau­er ist der Preis, den wir zah­len müs­sen, um lie­ben zu kön­nen. Trau­er ist Lie­be in einer ande­ren Form. Des­halb leuch­tet mir auch nicht ein, war­um wir Trau­er tabui­sie­ren soll­ten.

 

Wie kann ein neu­es Leit­bild im Umgang mit Tod und Trau­er aus­se­hen?

Ich den­ke, das Dunkle, Trost­lo­se muss weg. Vie­le wür­den sagen, Trau­er hat sie zu einem bes­se­ren, mensch­li­che­ren Men­schen gemacht. Trau­er ist eine Berei­che­rung und sie ist sehr leben­dig! Das wider­spricht dem gän­gi­gen Leit­bild völ­lig.

Leitbild: Der Christ

Aus der aktu­el­len Aus­ga­be LEITBILDER

 

Der Christ

von Johann Hinrich Claussen

 

Johann Hinrich Claussen

Johann Hin­rich Claus­sen ist Theo­lo­ge und Publi­zist sowie Kul­tur­be­auf­trag­ter der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land.

Wenn mir gro­ße Fra­gen gestellt wer­den, reagie­re ich zumeist so, wie man es von einem Theo­lo­gen viel­leicht nicht erwar­ten wür­de. Ich zie­he mich zurück, stel­le mich dumm und wei­se die Fra­ge zurück. Es braucht ein wenig, dann ver­su­che ich, mich ihr über einen Umweg zu nähern oder sie in klei­ne­re Fra­gen auf­zu­tei­len, auf die ich irgend­wann ant­wor­te. Das mag ein Feh­ler sein und mich zu einem weni­ger guten Theo­lo­gen machen, aber man kann es sich eben nicht aus­su­chen, wie man ist.

Stellt man mir also die Fra­ge, was heu­te eine christ­li­che Leit­kul­tur sein soll, dann wei­se ich die­se Fra­ge zurück. „Leit­kul­tur“ ist kein Begriff, der zum Nach­den­ken ein­lädt, son­dern ein poli­ti­sches Instru­ment, mit dem Macht­po­si­tio­nen besetzt und ande­re Men­schen aus­ge­grenzt wer­den. Die­ses Wort lässt sich sinn­voll mit kei­nem inhalt­li­chen Gedan­ken ver­bin­den. Nun könn­te man wei­cher for­mu­lie­ren und fra­gen, was denn heu­te ein christ­li­ches Leit­bild wäre. Bes­ser wür­de es dadurch nicht. Denn wer je einen der han­dels­üb­li­chen Leit­bild-Pro­zes­se durch­lebt hat, reagiert all­er­gi­sch auf die­se Voka­bel, die zwar ein manch­mal hilf­rei­ches orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­le­ri­sches Instru­ment benennt, aber kei­nen Begriff dar­stellt, der das Sel­ber­den­ken anstößt. Nun könn­te man sich pas­to­ra­ler aus­drü­cken und fra­gen, wel­che Bedeu­tung heu­te das christ­li­che Men­schen­bild haben soll. Aber auch dies weckt mei­nen Wider­spruch. Denn „das christ­li­che Men­schen­bild“ (oder des­sen moral­po­li­ti­sch avan­cier­te­re Fort­schrei­bung als „jüdi­sch-christ­li­ches Men­schen­bild“) ken­ne ich nur von CDU-Par­tei­ta­gen her als Beschwö­rungs­flos­kel eines omi­nö­sen Pro­gramm­kerns, den inhalt­li­ch zu bestim­men man dann doch lie­ber unter­lässt.

Aber das schlich­te, schö­ne Wort „Bild“ löst etwas in mir aus, regt mich zum Nach­den­ken an und weckt Asso­zia­tio­nen. Das also wäre mei­ne Fra­ge: Was für ein Bild des Mensch­seins wäre heu­te not­wen­dig, täte uns gut, wür­de uns ori­en­tie­ren, auf gute Wei­se irri­tie­ren, erbau­en, erfreu­en – und was wäre an sol­ch einem Bild christ­li­ch zu nen­nen?

Da wäre zunächst der ein­fa­che und doch so vor­aus­set­zungs­rei­che, bedeu­tungs­vol­le Vor­gang, ein Bild von sich selbst zu ent­wer­fen. Das ist Bil­dung: Ich zeich­ne ein Bild von mir selbst. Dabei neh­me ich äuße­re Anre­gun­gen auf, gebe die Urhe­ber­schaft aber nicht ab. Ich prü­fe mei­ne inne­ren und äuße­ren Mög­lich­kei­ten, durch­schrei­te mei­ne Hoff­nun­gen und Träu­me, über­bli­cke die Welt, in der die­ses Bild sei­nen Ort fin­den soll, und zeich­ne, tusche, male, for­me dann los – wie ein Künst­ler in einem offe­nen Pro­zess. Denn ich kann am Anfang nicht wis­sen, wie das Bild am Ende aus­se­hen wird. Bes­ser gesagt, mein gan­zes Leben ist das Wei­ter­ma­len an die­sem Bild, bis zum letz­ten Strich.

Christ­li­ch ist für mich ein sol­ches Selbst­por­trät­ma­len dann, wenn es sich selbst tran­szen­diert. Wenn es beim Weg nach innen auf eine Dimen­si­on des Mensch­seins stößt, die einen unend­li­chen Wert dar­stellt, wenn es zur Ahnung der eige­nen See­le fin­det, die sich jeder bild­li­chen Dar­stel­lung ent­zieht. Wenn es beim Weg nach außen auf eine Dimen­si­on der Welt stößt, die über sich hin­aus­weist, wenn es einer Unend­lich­keit ansich­tig wird, die Ehr­furcht aus­löst und ein Bewusst­sein für die Kost­bar­keit des Seins weckt, was wie­der­um selbst nicht bild­li­ch dar­stell­bar ist.

Christ­li­ch ist für mich ein sol­ches Selbst­por­trät­ma­len zudem dann, wenn es in Frei­heit geschieht. Mar­tin Luther hat gesagt, dass jeder Christ sich sei­ne eige­nen Zehn Gebo­te schrei­ben soll. Das Bild mei­ner selbst kann kein „Malen nach Zah­len“, nach gesetz­li­ch vor­ge­ge­be­nen Lini­en sein, son­dern die zehn (oder acht oder zwölf) Grund­li­ni­en mei­nes Selbst­bil­des muss ich selbst zie­hen. Wer sich auf die­se christ­li­che Wei­se selbst bil­det, kann ein frei­er Men­sch wer­den.

Vor vie­len Jah­ren hat der ame­ri­ka­ni­sche Sozio­lo­ge David Ries­man zwei Typen unter­schie­den: den Kom­pass-Men­schen, der über ein inne­res Ori­en­tie­rungs­in­stru­ment ver­fügt, und den Radar-Men­schen, der sich von den Rück­si­gna­len aus sei­ner Umwelt lei­ten lässt. Der Radar ist inzwi­schen durch digi­ta­le Instru­men­te ersetzt wor­den, die weit mäch­ti­ger und all­ge­gen­wär­tig sind, wes­halb das spät­mo­der­ne Nach­fol­ge­mo­dell des Radar-Men­schen zum bestim­men­den Typus gewor­den ist. Ein ein­fa­ches Zurück zum Kom­pass-Typus wird es nicht geben. Das ist auch nicht zu wün­schen, denn die Meta­pher des Kom­pas­ses ist viel zu starr, aske­ti­sch und see­len­los, als dass sie in ein gelin­gen­des Leben füh­ren könn­te. Schö­ner, rei­cher und leben­di­ger wäre es, sich als Bild-Men­sch zu ver­ste­hen, der sein Leben dadurch gestal­tet, dass er inne­re Bil­der von sich selbst schafft.

Was aber wäre das Grund­mo­tiv die­ses Selbst­bil­des? Man könn­te es als das Gegen­teil der Scha­blo­nen beschrei­ben, in die heu­te Men­schen gepres­st wer­den: die Scha­blo­nen eines erfolg­rei­chen Lebens in der kon­sum­ka­pi­ta­lis­ti­schen Spät­mo­der­ne. Schnell wären die Stich­wor­te zur Hand: Effi­zi­enz- und Leis­tungs­den­ken, Jugend- und Kör­per­kult, Selbst­ver­wer­tung und Aus­beu­tungs­be­reit­schaft, Schein­in­di­vi­dua­lis­mus und Kon­for­mis­mus. Oder um mit Max Weber zu spre­chen: bei der Arbeit ein „Fach­mensch ohne Herz“ und in der Frei­zeit ein „Genuss­men­sch ohne Ver­stand“ sein. Doch auch wenn dies alles stim­men soll­te – und Anzei­chen dafür gäbe es –, wäre damit für das eige­ne Selbst­bild noch nichts gewon­nen. Denn in der blo­ßen Nega­ti­on der Mäch­te der Gegen­wart blie­be man von ihnen abhän­gig.

Bes­ser ist es, wenn man sich an einem posi­ti­ven Ziel ori­en­tiert und zwar einem sol­chen, das sich nur als ein unver­wech­sel­ba­res Eige­nes beschrei­ben lässt. Hier bie­tet sich das unzer­stör­ba­re Wort „Glück“ an. Christ­li­ch wäre ein Selbst­por­trät als glück­li­cher Men­sch für mich dann, wenn es der schöns­ten mir bekann­ten Defi­ni­ti­on die­ses unde­fi­nier­ba­ren Wor­tes folg­te. Die­se stammt von Johann Joa­chim Spal­ding, dem bedeu­tends­ten und beschei­dens­ten deut­schen Auf­klä­rungs­theo­lo­gen, einem pro­tes­tan­ti­schen „Nathan“. Glück­li­ch zu sein, hieß für Spal­ding, „mit sich selbst im Rei­nen sein und Gott zum Freund haben“.

 

 

Johann Hin­rich Claus­sen ist Theo­lo­ge und Publi­zist sowie Kul­tur­be­auf­trag­ter der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land. Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen: Got­tes Klän­ge. Eine Geschich­te der Kir­chen­mu­sik (C. H. Beck Ver­lag, 2. Auf­la­ge 2015) sowie Die 95 wich­tigs­ten Fra­gen: Refor­ma­ti­on (C. H. Beck Ver­lag, erscheint im Herbst 2016).