Das Ende des Hoffens

Fol­gen­der Arti­kel “Das Ende des Hof­fens – kann ein Leben ohne Zukunft Qua­li­tät haben” von Gil­bert Diet­rich erschien in der Aus­ga­be 2/2015 zum The­ma QUALITÄT. Da es in die­sem Arti­kel um eine Urangst der Mensch­heit geht, genau­er: um das Ende der Welt (zumin­dest wie wir sie ken­nen, aber das ist für vie­le gleich­be­deu­tend mit dem Ende der Welt) oder auch um das Ende des eige­nen Lebens in bekann­ten Bah­nen, möch­ten wir Ihnen die­sen her­vor­ra­gen­den Arti­kel nicht vor­ent­hal­ten. Zumal, soll­te es ein Ende der Welt geben, wir die­sem inzwi­schen doch ein Stück näher sind, als wir es damals waren. Dass dies den­noch kein Anlass zur Sor­ge ist, ver­rät der Autor am Ende die­ses Tex­tes. Viel Freu­de bei der Lek­tü­re!

 

Das Ende des Hoffens – Kann ein Leben ohne Zukunft Qualität haben?

 

Wir ken­nen die Pha­sen der Trau­er, die sol­che Pati­en­ten durch­ma­chen, deren Krank­heit unaus­weich­lich zum Tode führt: Wut, Leug­nen, Feil­schen, Depres­si­on und schließ­lich Akzep­tanz. In der Pha­se der Akzep­tanz tritt man einen Schritt zurück und über­legt sich, wie man die Zeit, die einem noch bleibt, ver­brin­gen möch­te und wie man sie mit etwas Wür­de durch­ste­hen kann. Ich den­ke dar­über inzwi­schen auch öfter nach. Was ist mit Ihnen?

 

Die Mensch­heit, so könn­te man mei­nen, ist in einer ähn­li­chen Situa­ti­on wie ein Tod­kran­ker: Uns wird zuneh­mend klar, dass unse­re Exis­tenz als Gat­tung auf die­sem Pla­ne­ten zu einem Ende kommt. Wir sind sie­ben Mil­li­ar­den Men­schen und wer­den noch min­des­tens zwei Mil­li­ar­den mehr wer­den. Die Erde wird zuneh­mend wär­mer, ohne dass wir unse­ren Koh­len­di­oxid­aus­stoß redu­zie­ren kön­nen. Die Eis­mas­se der Ark­tis schrumpft zuse­hends. Das Aus­ster­ben von Tier- und Pflan­zen­ar­ten beschleu­nigt sich trotz WWF und Green­peace.

Unse­re ers­te Reak­ti­on, als wir mit dem Wald­ster­ben, Tscher­no­byl und dem Wal-Schlach­ten kon­fron­tiert wur­den, war Wut. Ich den­ke, dass wir völ­lig zu Recht wütend waren und dass es sogar das auf­rich­tigs­te Gefühl war, das wir haben konn­ten. Wir pro­tes­tier­ten, grün­de­ten mili­tan­te Öko-Grup­pen oder tru­gen Krö­ten über die Land­stra­ße. Damit hoben wir die öko­lo­gi­schen Pro­ble­me zum ers­ten Mal auf die poli­ti­sche Agen­da. Was hat es genutzt? Bis heu­te gibt es auch Grup­pen, wel­che die sich vor unse­ren Augen wei­ter­hin abspie­len­de öko­lo­gi­sche Kata­stro­phe leug­nen. Viel grö­ßer aber ist die Grup­pe der Leu­te, die begon­nen haben zu feil­schen: Man könn­te das Fort­schritts­op­ti­mis­mus nen­nen. Ich selbst neig­te zu die­sem Glau­ben, dass wir durch tech­ni­schen Fort­schritt, mit Solar­zel­len und Wind­kraft, den öko­lo­gi­schen Raub­bau kom­pen­sie­ren kön­nen. Mitt­ler­wei­le kom­men mir Zwei­fel: Nicht weil es prin­zi­pi­ell unmög­lich wäre, son­dern weil die Schä­den so mas­siv sind, dass jedes poli­tisch ver­tret­ba­re Gegen­steu­ern ledig­lich ein Trop­fen auf den hei­ßen Stein ist.

Die letzten Phasen der Trauer

Im eng­li­schen Oxford hat sich vor eini­gen Jah­ren eine Bewe­gung mit dem Namen The Dark Moun­tain Pro­ject for­miert. Ganz bewusst sind sie zu den letz­ten Trau­er­pha­sen Tod­kran­ker über­ge­gan­gen: zur Depres­si­on und letzt­lich zur Akzep­tanz. Die Grup­pe besteht aus einer Rei­he von Schrift­stel­lern, Künst­lern und Den­kern, die auf­ge­hört haben, an die Geschich­ten zu glau­ben, die wir uns heu­te selbst erzäh­len. Die gän­gigs­te Geschich­te geht etwa so: Der Mensch­heit als expo­nier­tem Son­der­fall der Natur fällt die Auf­ga­be zu, die gesam­te Natur und alles Leben zu steu­ern. Die öko­lo­gi­schen und öko­no­mi­schen Kata­stro­phen unse­rer Tage sind ledig­lich tech­ni­sche Aus­fäl­le, die wir nur zu behe­ben haben. The Dark Moun­tain Pro­ject meint hin­ge­gen, dass neue und weni­ger heils­ver­spre­chen­de Geschich­ten für die fins­te­ren Tage vor uns von­nö­ten sei­en.

Die­ses Pro­jekt sieht sich als krea­ti­ve Platt­form, auf der wir ohne Selbst­täu­schung ler­nen kön­nen zu akzep­tie­ren, dass die Zukunft nichts für uns bereit­hält. „Wir sehen, dass die Welt in ein Zeit­al­ter des öko­lo­gi­schen Zusam­men­bruchs ein­tritt (…) und wir möch­ten die­se Rea­li­tät anneh­men und spie­geln, anstatt sie zu leug­nen.“ Man kön­ne nicht mehr so tun, als wären die Schä­den rück­gän­gig zu machen, als kön­ne man die­se Welt noch ret­ten, so die Aus­sa­ge des ehe­ma­li­gen Akti­vis­ten der Anti-Glo­ba­li­sie­rungs­be­we­gung und Grün­der des Pro­jekts Paul Kings­north.

Man kön­ne nicht mehr so tun, als wären die Schä­den rück­gän­gig zu machen, als kön­ne man die­se Welt noch ret­ten.

Liest man das Mani­fest der Bewe­gung mit dem Titel Unci­vi­li­za­ti­on von 2009, dann wird klar, dass die damals gera­de ein­ge­tre­te­ne glo­ba­le Finanz­kri­se den Pes­si­mis­mus der Auto­ren kräf­tig befeu­ert hat. Nicht nur, dass über­all asym­me­tri­sche Krie­ge ent­stan­den, die man nicht gewin­nen konn­te, und dass die Natur­zer­stö­rung andau­er­te, son­dern plötz­lich war auch noch die eige­ne Immo­bi­lie wert­los. Wo soll­te da noch Opti­mis­mus her­kom­men? Viel­leicht von den Grü­nen und ihren Öko-Super­märk­ten? Nein: „Eine ehe­mals radi­ka­le Infra­ge­stel­lung der Zivi­li­sa­ti­ons­ma­schi­ne wur­de in eine wei­te­re Mög­lich­keit zum Shop­pen ver­wan­delt“ (Unci­vi­li­za­ti­on). Pes­si­mis­mus ist ein ande­res Wort für den Abfall vom Glau­ben an den Fort­schritts­my­thos. Im Mani­fest heißt es: „Alles wird gut. Nein, wir glau­ben nicht, dass alles wie­der gut wird. Wir sind uns nicht ein­mal sicher, ob wir auf der Grund­la­ge der heu­ti­gen Defi­ni­ti­on von Fort­schritt über­haupt wol­len, dass es wie­der gut wird.“

Akzeptanz statt Aktionismus

Gil­bert Diet­rich hat Phi­lo­so­phie und Lite­ra­tur stu­diert, arbei­tet als Per­so­nal­ma­na­ger und betreibt die Inter­net­pu­bli­ka­ti­on Geist und Gegen­wart.

Wie kann man als ver­nünf­ti­ger Mensch an die­sem Punkt die Hän­de in den Schoß legen und sich in sein Schick­sal erge­ben? Das ist ja bei­na­he ver­bre­che­risch. Kings­north sagt, dass sein Pro­jekt den Men­schen die Mög­lich­keit gäbe, fal­sche Hoff­nun­gen zu begra­ben. Nur noch hof­fen zu kön­nen, sei ein ver­zwei­fel­ter Akt derer, die kei­ne Macht hät­ten, wirk­lich etwas zu ändern.

Anstatt zu ver­su­chen, die Erde zu ret­ten, soll­ten die Men­schen lie­ber dar­über reden, was über­haupt noch mach­bar sei. Kings­north wünscht sich eine neue Ehr­lich­keit: Öko­lo­gi­scher Akti­vis­mus täu­sche sei­ne Anhän­ger zum Bei­spiel mit der fal­schen Hoff­nung, den Kli­ma­wan­del stop­pen zu kön­nen. Dabei sei klar, dass er nicht gestoppt wer­den kön­ne und dass sol­che fal­schen Hoff­nun­gen nur zu noch mehr Ent­täu­schung und Ver­zweif­lung führ­ten. Für die Anhän­ger von Dark Moun­tain gibt es immer­hin eine Mög­lich­keit, sich die Wahr­heit ein­zu­ge­ste­hen und die damit ein­her­ge­hen­den Gefüh­le von Furcht und Trau­er zuzu­las­sen. Erst wenn wir uns das Aus­maß der Zer­stö­rung ein­ge­stün­den, könn­ten wir anfan­gen, neue Wege zu sehen:

Was pas­siert, wenn du die kom­men­den Ver­än­de­run­gen akzep­tierst? Din­ge, die du schätzt, wer­den ver­schwin­den, es wer­den Sachen pas­sie­ren, die dich unglück­lich machen. Du wirst nicht errei­chen kön­nen, was du errei­chen woll­test und du musst damit leben. Wei­ter­hin wirst du aber Schön­heit sehen, es wird wei­ter­hin Din­ge geben, die dir einen Sinn ver­mit­teln und du kannst immer noch irgend­et­was tun, um die Welt ein biss­chen weni­ger schlecht zu machen.“ (Paul Kings­north in der New York Times)

Kings­north fin­det die Idee, dass man die kata­stro­pha­len Fol­gen der Kli­ma­er­wär­mung auf­schie­ben kann, nicht nur falsch, son­dern wider­wär­tig. Sie zei­ge die gan­ze Ver­zer­rung der Bezie­hung zwi­schen Men­schen und der natür­li­chen Umwelt. Sogar die Umwelt­schüt­zer hät­ten damit die Idee auf­ge­ge­ben, dass Natur auch einen Wert an und für sich habe, der über ihren Nut­zen für uns hin­aus­gin­ge. Wenn wir die­ses Ide­al ver­ges­sen, um unse­ren Arsch zu ret­ten, wenn wir über­all Wind­rä­der hin­stel­len und Solar­fel­der anle­gen, dann gehen wir nichts ande­res als einen faus­ti­schen Pakt ein: Wir ver­kau­fen unse­re See­le, die Schön­heit der Natur, um ein paar Jah­re län­ger zu leben.
Nun gut, man könn­te auch sagen, dass die Exis­tenz des Men­schen ohne einen sol­chen Teu­fels­pakt nicht zu den­ken ist. Wir ken­nen ja Fran­ken­steins Mons­ter. In der Phi­lo­so­phie fin­det man dafür den Begriff der Ent­frem­dung: Die Pro­zes­se, die wir initi­ie­ren, um alles bes­ser zu machen, ent­frem­den sich und wen­den sich letzt­lich gegen uns. Das ist alles höchst sinn­los und erscheint unver­än­der­lich. Das Trotz­dem, die Tat, so wür­de Albert Camus viel­leicht sagen, ist gleich­zei­tig Auf­leh­nung gegen das Absur­de und Ein­ge­ständ­nis der Sinn­lo­sig­keit des­sen, was über die­se Tat selbst hin­aus­geht.

Das Trotz­dem, die Tat, so wür­de Albert Camus viel­leicht sagen, ist gleich­zei­tig Auf­leh­nung gegen das Absur­de und Ein­ge­ständ­nis der Sinn­lo­sig­keit des­sen, was über die­se Tat selbst hin­aus­geht.

In die­ser Tra­di­ti­on steht auch The Dark Moun­tain Pro­ject: Statt ver­zwei­felt zu ver­su­chen, die gott­lo­se Schöp­fung zu ver­ste­hen und zu ret­ten, reibt man sich am Unter­gang und macht ihn zur Folie des eige­nen Schaf­fens. Die­ses Schaf­fen ist dabei ganz viel­fäl­tig, bei­spiels­wei­se gibt es neben zahl­rei­chen Publi­ka­tio­nen auch Unci­vi­li­sa­ti­on Fes­ti­vals, wo ver­sucht wird, die Akzep­tanz ästhe­tisch über Musik, Male­rei, Auf­füh­run­gen, Debat­ten und das Erzäh­len von Geschich­ten zu stär­ken. Das ist kein deka­den­ter Tanz im Ange­sicht des Unter­gangs, son­dern eine bewuss­te und nüch­ter­ne Kon­fron­ta­ti­on mit dem Ende der Welt, wie wir sie ken­nen.

Die Radi­ka­li­tät die­ses Gedan­kens fin­de ich mutig und attrak­tiv. Wir haben von unse­ren Ärz­ten erfah­ren, dass wir nur noch eini­ge Mona­te zu leben haben und kön­nen die­ses Leben erst dann füh­ren, wenn wir auf­hö­ren wütend gegen unser Schick­sal anzu­ren­nen oder mit Hil­fe von Che­mo­the­ra­pie und Lun­gen­ma­schi­ne um jede Minu­te zu feil­schen. Wenn wir unser Los akzep­tie­ren, kön­nen wir noch ein­mal die Augen auf­ma­chen, die Schön­heit des Lebens sehen und bewusst genie­ßen. Wir kön­nen uns dar­auf kon­zen­trie­ren, das Bes­te dar­aus zu machen.
In vie­ler­lei Hin­sicht star­ren wir immer wie­der ohne viel Hoff­nung ins Nichts, sei es die unfass­ba­re Tat­sa­che, dass das eige­ne Leben begrenzt ist, sei­en es furcht­ba­re Krie­ge oder sei es die unauf­halt­sam schei­nen­de Natur­ver­nich­tung. Viel­leicht müs­sen wir ler­nen, absur­de Hoff­nun­gen fah­ren zu las­sen, damit wir zu Sin­nen kom­men und uns den Her­aus­for­de­run­gen stel­len kön­nen. Dann könn­ten wir das eige­ne und ein­zi­ge Leben als Auf­leh­nung gegen die end­los repro­du­zier­te Sinn­lo­sig­keit und sei­ne trau­ri­gen Umstän­de begrei­fen.

Und irgend­wo ganz hin­ten im Kopf haben wir doch noch die­sen unbe­sieg­ba­ren klei­nen und all­zu mensch­li­chen Schim­mer Hoff­nung: Viel­leicht haben sich die Ärz­te ja doch geirrt und wir leben län­ger als pro­gnos­ti­ziert? Viel­leicht doch lie­ber mit dem Rau­chen auf­hö­ren und dem Schick­sal ein paar Mona­te mehr abtrot­zen? Oder wie es im 8. Prin­zip des Mani­fests von The Dark Moun­tain Pro­ject heißt:

Das Ende der Welt wie wir sie ken­nen, ist nicht das Ende der Welt. Wir wer­den eine Hoff­nung jen­seits der Hoff­nung fin­den: den Pfad, der uns zu jener unbe­kann­ten Welt führt, die vor uns liegt.“

Democracy or capitalism

Fol­gen­den Vor­trag hat Wolf­ram Bern­hardt am 27. Okto­ber 2017 in der Main Public Libra­ry of Copen­ha­gen im Rah­men der Ver­an­stal­tungs­rei­he “Euro­pe – Mani­festo!” gehal­ten. Die­se Ver­an­stal­tungs­rei­he wird orga­ni­siert von der Main Public Libra­ry of Copen­ha­gen, dem ATLAS Magasin, dem Goe­the Insti­tut Däne­mark und dem Insti­tut Fran­cais.

 

Democracy or capitalism

 

The point I want to make is strai­ght­for­ward and effec­tive. We are in a situa­ti­on whe­re we have to deci­de bet­ween demo­cra­cy and capi­ta­lism.

It has beco­me more and more obvious that in the radi­cal form of each con­cept, one con­cept exclu­des the other.

 

Wolf­ram Bern­hardt stu­dier­te BWL mit dem Schwer­punkt auf Finanz- und Kapi­tal­märk­te. Er ist Grün­der und Her­aus­ge­ber der agora42.

For a long time we thought that we can com­bi­ne the­se two con­cepts. That a demo­cra­tic socie­ty can regu­la­te capi­ta­lism. In Ger­ma­ny we have a won­der­ful word for this sce­n­a­rio “Sozia­le Markt­wirt­schaft” – soci­al mar­ket eco­no­my. Howe­ver, this is not capi­ta­lism.

Recent­ly, the Ger­man chan­cellor Ange­la Mer­kel pro­po­sed ano­t­her con­cept of how the­se two con­cepts can be com­bi­ned, which she cal­led “markt­kon­for­me Demo­kra­tie” What she meant with this was to align demo­cra­cy with the mar­kets. Howe­ver, that is not demo­cra­cy.

Unfor­tu­n­a­te­ly it beco­mes more and more obvious that this was not only a pro­po­sal, but actual­ly a very pre­cise descrip­ti­on of what we have wit­nessed over the last few years: a vol­un­ta­ry sub­or­di­na­ti­on of demo­cra­tic insti­tu­ti­ons to the mar­kets.

Ange­la Mer­kel said the­se famous wor­ds when most of the par­lia­ments around the world set up bail-out packa­ges in order to save the banks. The logic behind this rea­so­n­ing was quiet simp­le: If the banks go bankrupt, we will face glo­bal reces­si­on, mil­li­ons of jobs will be lost and we will enter a peri­od of cha­os and tur­moil.

In order to pre­vent this deva­sta­ting sce­n­a­rio bankrupt­ing the world, bil­li­ons of dol­lars whe­re spent to bail out and save tho­se who actual­ly cau­sed this situa­ti­on. And all this hap­pen­ed as poli­ti­ci­ans around the world united – pro­bab­ly for the first time in histo­ry – in the belief, that the­re was no alter­na­ti­ve.

Sin­ce then all major cen­tral banks redu­ced their inte­rest rates in a his­to­ri­cal low. Even though this was meant to sti­mu­la­te growth most of this money never left the finan­ci­al indus­try. Hence this money did not lead to eco­no­mic growth. What it did lead to was to an infla­ti­on of finan­ci­al asset pri­ces, an increa­se in ine­qua­li­ty and hig­her vola­ti­li­ty.

I am sure non of this is new to you. You are pro­bab­ly asking yours­elf why I con­si­der this topic worth tal­king about while deba­ting the sta­te and future of Euro­pe?

Let me give you three ans­wers to this ques­ti­on:

 

First­ly: I con­si­der the incredi­ble power the finan­ci­al indus­try has gai­ned not only in Euro­pe, but world­wi­de as a thre­at equal­ly dan­ge­rous to our socie­ty as glo­bal war­ming – espe­ci­al­ly as we will not be able to effec­tively tack­le glo­bal war­ming if we aren’t able to regu­la­te the finan­ci­al indus­try.

Why is that? Becau­se glo­bal war­ming is a result of eco­no­mi­c­al growth. And becau­se the finan­ci­al indus­try depends on eco­no­mic growth in order to earn the expec­ted inte­rest on the respec­tive inco­me.

In a situa­ti­on whe­re the world GDP equals 73 tril­li­on US$ (2015) and the sum of all sha­res, bonds and deri­va­ti­ves equals approx. 763 tril­li­on US$, the pres­su­re from the finan­ci­al indus­try on the eco­no­my to deli­ver the nee­ded growth rate is tre­men­dous.

The effect of a gro­wing eco­no­my on glo­bal war­ming can also be seen when loo­king at the glo­bal CO2 emis­si­on in 2009 – the year the finan­ci­al cri­sis lead to the worst reces­si­on after WW2: As the world eco­no­my was tumb­ling in 2009 we were howe­ver able to obser­ve a decrea­se in glo­bal CO2 emis­si­ons for the first time in 27 years.

To sum­ma­ri­ze my first point: If the world is gone(destroyed), Euro­pe is also gone. So we bet­ter think about ways to pre­vent this from hap­pe­ning.

 

 

Second­ly I don’t see any other sta­te or nati­on or supra­na­tio­nal insti­tu­ti­on being bet­ter sui­ted to start regu­la­ting the finan­ci­al indus­try.

Why is that? As a result of the finan­ci­al cri­sis Euro­pe has not only seen an eco­no­mi­c­al cri­sis, but has also expe­ri­en­ced a major cri­sis in demo­cra­cy.

At least that is what I call a situa­ti­on,

  • when par­lia­ments had not­hing to say, as bil­li­ons of tax payers money was used to save the banks;
  • when governments whe­re forced to repay their debts in order to save the Ger­man and French banks from rea­li­sing a loss;
  • when we accept that the pre­si­dent of the Euro­pean Com­mis­si­on was respon­si­b­ly for set­ting up Luxem­bourg as a tax haven wit­hin the Euro­pean Uni­on that costs the fel­low mem­ber sta­tes bil­li­ons of Euros;

 

You might argue that this is not­hing spe­ci­fi­cal­ly Euro­pean, but in con­trast to the US, the­re is still hope. Com­pa­red to the US, whe­re the finan­ci­al indus­try employs five lob­by­ists for each mem­ber of con­gress, the lob­by situa­ti­on in Euro­pe is still much bet­ter – despi­te it wor­se­ning at a freigh­ten­ing pace.

We have access to pro­ven con­cepts of how the eco­no­my can work without just aiming for the maxi­mum pro­fit, be it in agri­cul­tu­re, be it in soci­al and health care or even in pri­sons – did you know that the pri­son indus­try as a who­le accoun­ted for over $5 bil­li­on in 2011 in the US?

I fur­t­her belie­ve that most of the inde­pen­dent move­ments we wit­ness in Euro­pe stem from a desi­re for more self asser­tiveness, which is an ori­gi­nal demo­cra­tic impul­se. It is also worth remem­be­ring that demo­cra­cy liter­al­ly trans­la­ted means “rule of the peop­le” and is made up of a 99% majo­ri­ty and not the 1%.

By remem­be­ring this very basic truth I sug­gest we empha­si­ze three princi­ples of demo­cra­cy that distan­ce it from capi­ta­lism.

  • Demo­cra­cy – at least how we under­stand it fur­t­her stands for trans­pa­r­en­cy, whe­re­as capi­ta­lism stands for con­fi­den­tia­li­ty.
  • Demo­cra­cy is about the equa­li­ty befo­re the law. This idea beco­mes a far­ce when indi­vi­du­als or com­pa­nies can afford the best lawy­ers or when pri­va­te law com­pa­nies even for­mu­la­te the laws, which are pas­sed by con­gress.
  • Demo­cra­cy advo­ca­tes the idea that all peop­le are gran­ted some ina­li­en­ab­le rights. The only right that exists wit­hin capi­ta­lism is the right to buy wha­te­ver one wants as long as one can pay the pri­ce. Or to put it the other way round: If you don’t have money, you don’t have any rights.

 

Third, demo­cra­cy means free­dom whe­re­as capi­ta­lism in its ulti­ma­te form sym­bo­li­zes the road to serf­dom.

Even though capi­ta­lists or as they call them­sel­ves nowa­days “evan­ge­lists of free mar­ket eco­no­my” gene­ral­ly assu­me that free mar­kets and com­pe­ti­ti­on lead to a maxi­mum of per­so­nal free­dom, they are mista­ken.

Free­dom wit­hin capi­ta­lism is like let­ting a vege­ta­ri­an choo­se bet­ween a steak and a fat­ty sau­sa­ge. The ques­ti­on in capi­ta­lism is not whe­ther we aim for more soci­al jus­ti­ce or a more sustain­ab­le way of life, the ques­ti­on is always: How do I get the hig­hest return on my invest­ment?

As if that were not enough, free­dom in capi­ta­lism is always restric­ted to the very few peop­le at the top. The so cal­led free mar­ket eco­no­my whe­re each indus­try is ulti­mate­ly domi­na­ted by a mono­po­ly or by an oli­go­po­ly. For examp­le:

  • In the tele­com­mu­ni­ca­ti­on indus­try the top four com­pa­nies domi­na­te 42,6 % of the total mar­ket
  • In the pri­va­te equi­ty indus­try the top four com­pa­nies domi­na­te 65,8 % of the total mar­ket
  • In Ger­ma­ny only 1% of all com­pa­nies are respon­si­ble for 66% of all eco­no­mic activi­ties.
  • And in the digi­tal indus­try it’s even worse, look at Face­book, Ama­zon and Goog­le

 

This situa­ti­on ist not only restric­ted to the eco­no­my, but even­tual­ly leads to a neo­feu­dal socie­ty were your birth deci­des more about your care­er, your net­work, your dis­po­sable wealth than every effort a less lucky per­son under­ta­kes throug­hout his who­le life­time.

 

If that isn’t the visi­on we have for Euro­pe, we bet­ter remem­ber what demo­cra­cy means to us. First of all and most import­ant­ly, demo­cra­cy means free­dom becau­se the fun­da­men­tal mista­ke of all liber­ta­ri­ans and evan­ge­lists of free mar­ket eco­no­my is that unrestric­ted free­dom ulti­mate­ly leads to des­po­tism to the rule for the few strong ones.

Demo­cra­cy howe­ver means, that we have the free­dom to defi­ne the limits, the bounda­ries of our actions by our­sel­ves. That we can accept the limits to growth, that we can incorpo­ra­te human rights and the values of enlight­ment into a frame­work that leads our collec­tive actions.

 

So Euro­pe is at a cross­roads. We have to deci­de if we con­ti­nue the path we have taken. The path which ulti­mate­ly leads to serf­dom. Or if we trust in the com­mon sen­se of all citi­zens and that the deci­si­ons we take collec­tively will pave a way in the future that bet­ter meets our expec­ta­ti­ons from an enligh­te­ned socie­ty. A future capi­ta­lism will never be able to offer.

 

Am 18.11.2017 fin­det die nächs­te Ver­an­stal­tung in die­ser Rei­he statt. Zu Gast wer­den die­ses Mal Nina Power und Dr. Jörg Schaub sein.

Unruhe – Ralf Konersmann über ein Leitbild der Moderne

Unruhe

von Ralf Kon­ers­mann

 

Ralf Konersmann

Ralf Kon­ers­mann ist Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Kiel und Direk­tor des dor­ti­gen Phi­lo­so­phi­schen Semi­nars. Er ist Her­aus­ge­ber des Wör­ter­buchs der phi­lo­so­phi­schen Meta­phern, Mit­her­aus­ge­ber der Zeit­schrift für Kul­tur­phi­lo­so­phie sowie des His­to­ri­schen Wör­ter­buchs der Phi­lo­so­phie. Foto: Bodo Krem­min

Lan­ge Zeit war der Begriff des Leit­bil­des ver­pönt. Der 1967 von Theo­dor W. Ador­no für eine Samm­lung phi­lo­so­phi­scher Essays gewähl­te Titel Ohne Leit­bild war Pro­gramm. Kei­nes­falls durf­te der Lauf der Din­ge durch die Befan­gen­hei­ten des Augen­blicks behin­dert wer­den, die Zukunft soll­te offen sein.

Geschichts­phi­lo­so­phisch war der Ver­zicht kon­se­quent, aber er war auch unpo­li­tisch. Die Absa­ge igno­rier­te die Tat­sa­che, dass die Gegen­wart ihre Leit­bil­der längst schon besitzt und dass die­se von den Leit­me­di­en und der Poli­tik, von Wis­sen­schaft und Wer­bung stän­dig in Anspruch genom­men wer­den – Leit­bil­der im Übri­gen, die kaum jemals als sol­che aus­ge­wie­sen sind und, weil sie sich gleich­sam von selbst ver­ste­hen, umso über­zeu­gen­der wir­ken.

Zu die­ser Art Leit­bil­der, die in aus­ge­such­ten Momen­ten macht­voll auf­schei­nen, ansons­ten aber im Bereich des kul­tu­rell Unbe­wuss­ten zu Hau­se sind, gehört die Unru­he. Die Unru­he ist da, sie ist über­all, tritt aber kaum jemals rein als sol­che her­vor. Und doch wis­sen wir alle nur zu gut, was es heißt, dass wir vor­wärts­kom­men müs­sen, dass wer nicht kämpft, schon ver­lo­ren hat, dass wir die Hän­de nicht in den Schoß legen dür­fen und öfter mal was Neu­es anfan­gen müs­sen. Die all­tags­sprach­li­chen Echos der Unru­he sind uns allen ver­traut, und es wäre falsch zu mei­nen, hier geschä­he etwas heim­lich oder im Ver­bor­ge­nen. Der Kon­sens der Unru­he ist mit Hän­den zu grei­fen und braucht, eben weil das Ein­ver­neh­men total ist, weder über­prüft noch gerecht­fer­tigt zu wer­den. In die­sem Kli­ma frag­lo­ser Akzep­tanz dient uns das Abc der Unru­he als eine Art Kom­pass, der uns durch den Tag führt und der uns die Stich­wor­te lie­fert, wenn es gilt, das Leben so zu leben, wie es heu­te gelebt sein will.

 

Unru­he als Lei­den­schaft

Seit rund sech­zig Jah­ren kla­gen die Men­schen über Stress, seit der Jahr­tau­send­wen­de über Burn-out. Umso drin­gen­der stellt sich die Fra­ge: Wie hat die­ses Leit­bild der Unru­he ent­ste­hen, wie hat es sich in den Köp­fen und Her­zen fest­set­zen kön­nen? Wie ist es zuge­gan­gen, dass wir, obgleich wir offen­sicht­lich an ihr lei­den, zu Enthu­si­as­ten der Unru­he gewor­den sind?

Mei­ne The­se ist, dass Leit­bil­der Ori­en­tie­run­gen sind – Ori­en­tie­run­gen, die nicht des­halb ange­nom­men wer­den, weil sie im anspruchs­vol­len Sinn des Wor­tes wahr sind, son­dern weil sie all­ge­mei­nen Über­zeu­gun­gen ent­spre­chen und jeder­mann unmit­tel­bar ein­leuch­ten. Die enor­me Kul­tur­be­deu­tung der Unru­he ent­springt aus ihrer Aktua­li­tät: aus dem, was der Unru­he zuge­traut wird.

Die Unru­he hat eine lan­ge und höchst wider­spruchs­vol­le Bedeu­tungs­ge­schich­te durch­lau­fen – vom Ver­häng­nis und dem Zei­chen der Sün­de, von dem die Theo­lo­gen jahr­hun­der­te­lang gespro­chen haben, bis hin zum Ver­spre­chen, das der frü­he Auf­klä­rungs­phi­lo­soph Fran­cis Bacon aus der Unru­he her­aus­le­sen woll­te. Die Geschich­te der Neu­zeit ist ganz wesent­lich die Aner­ken­nungs­ge­schich­te der Unru­he. Selbst die Freu­de sei Unru­he, ver­si­chert Lud­wig Feu­er­bach in sei­nen Leib­niz-Stu­di­en: „Ja, die Unru­he ist selbst wesent­lich zur Glück­se­lig­keit der Geschöp­fe, denn sie besteht nicht in einem voll­komm­nen Besit­ze, der sie nur fühl­los und stumpf machen wür­de, son­dern in einem fort­wäh­ren­den und unun­ter­broch­nen Fort­schritt zu immer grö­ßern Gütern, ein Fort­schritt, wel­cher nicht ohne ein Ver­lan­gen oder eine bestän­di­ge Unru­he denk­bar ist.“

Leit­bil­der, auch dar­an ent­zün­de­te sich die Kri­tik Ador­nos, müs­sen sich nicht erklä­ren – sie müs­sen ein­leuch­tend sein. Die Zei­len Feu­er­bachs heben die­se Qua­li­tät leit­bild­haf­ter Ori­en­tie­run­gen her­vor, indem sie ein­mal unum­wun­den aus­spre­chen, was auf dem Boden der west­li­chen Kul­tur jedes Kind ver­stan­den und sich, wenn es klug ist, zuei­gen gemacht hat: die Lei­den­schaft für Bewe­gung, Wan­del und Ver­än­de­rung; das Fie­ber des Auf­bruchs und des Vor­wärts­kom­men­wol­lens; die Begeis­te­rung für Ande­res, Frem­des und Neu­es.

 

Kri­tik der Unru­he

Schon zur Zeit ihrer Ent­fes­se­lung, also im Ver­lauf des 17. Jahr­hun­derts, ist die pro­ble­ma­ti­sche Sei­te der Unru­he gese­hen wor­den, am deut­lichs­ten viel­leicht von Blai­se Pas­cal. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph und Mathe­ma­ti­ker spricht von Zer­streu­ung, vom diver­tis­se­ment, und meint damit die Kor­rum­pie­rung der über­lie­fer­ten Vor­stel­lungs- und Emp­fin­dungs­welt durch die Unru­he. Unmit­tel­bar an der his­to­ri­schen Schwel­le zählt Pas­cal auf, was sich eben gera­de jetzt zu ver­än­dern beginnt: dass wir nun offen­bar zu allem bereit sind, wenn uns nur das Elend der Lan­ge­wei­le erspart bleibt; dass wir uns von den Gegen­stän­den ablen­ken und weg­zie­hen las­sen, denen unse­re Sor­ge gel­ten müss­te; dass wir uns mit unse­rem vol­len Ein­ver­ständ­nis aus unse­rer Mit­te rei­ßen und in eine Wirk­lich­keit trei­ben las­sen, in der wir uns nur ver­lie­ren kön­nen.

Pas­cal bestimmt die mensch­li­che Situa­ti­on, wie sie mit Beginn der Neu­zeit ent­stan­den ist, als Situa­ti­on der Unru­he. Unter dem maß­geb­li­chen Ein­fluss der Psy­cho­lo­gie ist die­se Situa­ti­on seit­her auf das For­mat der „inne­ren Unru­he“ geschrumpft. Erkennt­nis­för­dernd ist die­se Dia­gno­se nicht. Sie trübt den Blick für die Zwei­deu­tig­keit des The­mas: dafür, dass die Unru­he Ver­häng­nis und Ver­spre­chen zugleich ist – eine Pas­si­on. Noch weni­ger ist sich die­se dia­gnos­ti­sche Rou­ti­ne ihrer eige­nen Ver­stri­ckung bewusst: der Tat­sa­che, dass der sche­ma­ti­sche Kreis­lauf von Pro­blem und Lösung selbst ein Echo der Unru­he ist. Tat­säch­lich ist die Unru­he Lebens­form und Denk­form zugleich: die west­li­che Art, das Leben anzu­neh­men.

Da dies aber so ist und die Unru­he mit der Kul­tur­wirk­lich­keit des Wes­tens ver­schmol­zen ist, gibt es kein Rezept. Wir kön­nen die Unru­he nicht abschaf­fen und über­win­den. Wohl aber kön­nen wir beson­nen mit ihr umge­hen und die Viel­falt ihrer Erschei­nungs­for­men zur Kennt­nis neh­men. Das führt zu der alten Ein­sicht, dass auch die Leit­bil­der (exem­p­la nobi­lia) Ver­füh­rer zur Unru­he sind. Der Ideo­lo­gie­kri­ti­ker Ador­no hät­te dem wohl zustim­men kön­nen: Indem sie uns dazu auf­for­dern, dem ver­meint­lich Bes­se­ren und Voll­kom­me­ne­ren nach­zu­ei­fern, über­win­den die Leit­bil­der nicht die Schwä­che unse­res Bewusst­seins, son­dern nut­zen sie aus. Die Kri­tik der Unru­he ist auch eine Kri­tik der Leit­bil­der, genau­er: eine Kri­tik ihrer Kom­pli­zen­schaft.

 

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Die­ser Arti­kel ist erst­mals in der agora42-Aus­ga­be 03/2016 LEITBILDER erschie­nen.agora42 LEITBILDER

Das Auto im Kopf, oder: Das Ende einer großen Liebe

Das Auto im Kopf

Oder: Das Ende einer großen Liebe

von Frank Augus­tin

 

Foto: Mat­thi­as Pen­zel

Die aktuellen Vorkommnisse um die großen Autobauer läuten das Ende der Automobilindustrie ein, wie wir sie kannten. Das hat auch mit moralischen Verfehlungen zu tun – aber nicht in erster Linie. Mit anderen Worten: Nur mit Betrügereien, wie sie häufig vorkommen, wo es um Geld und Einfluss geht, ist das absehbare Platzen der riesigen Autoblase nicht zu erklären. Es geht um Grundsätzlicheres.

 

Ers­tens und das gro­ße Gan­ze von Wirt­schaft und Gesell­schaft betref­fend:

Frank Augus­tin ist Chef­re­dak­teur des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42.

Zunächst dürf­te nach den jüngs­ten Kar­tell­vor­wür­fen – unab­hän­gig davon, wie viel sich davon bewahr­hei­tet – vie­len kla­rer gewor­den sein, dass wir nicht in einer Markt­wirt­schaft leben und es ent­spre­chend auch viel weni­ger Wett­be­werb gibt, als gemein­hin ange­nom­men wird. Wir leben im Kapi­ta­lis­mus – und Kapi­ta­lis­mus bedeu­tet Kon­zen­tra­ti­on. In Deutsch­land erwirt­schaf­te­ten im Jahr 2011 weni­ger als ein Pro­zent der größ­ten Unter­neh­men rund 66 Pro­zent aller Umsät­ze. „Groß­kon­zer­ne tun alles, um den Wett­be­werb mög­lichst zu ver­mei­den, indem sie fusio­nie­ren, koope­rie­ren oder ver­ti­kal inte­grie­ren.“ (Ulri­ke Herr­mann) In der Auto­mo­bil­bran­che gibt es aber nicht nur gro­ße Play­er, die sich gene­rell dem Wett­be­werb ent­zie­hen, son­dern nicht ein­mal unter die­sen Rie­sen ech­ten Wett­be­werb. Man hat es also eher mit einem mäch­ti­gen, kon­zern­über­grei­fen­den Fami­li­en­ver­bund zu tun, der mit­tels gegen­sei­ti­ger Abspra­chen und zahl­rei­cher Lob­by­is­ten sei­nen Ein­fluss sichert und ver­grö­ßert. Das ist nicht nur unfair, weil man sich eine beque­me Posi­ti­on auf Kos­ten der Kun­den und Zulie­fe­rer ver­schafft, son­dern es erin­nert in sei­nem Geba­ren auch an das Selbst­ver­ständ­nis der Feu­dal­her­ren in den vor­de­mo­kra­ti­schen Gesell­schaf­ten. Ist man bis­lang über sol­ches Ver­hal­ten nase­rümp­fend hin­weg­ge­gan­gen, wird es sei­tens der Kun­den, Zulie­fe­rer und selbst der Poli­ti­ker ange­sichts des nun bekannt gewor­de­nen Aus­ma­ßes der Abspra­chen künf­tig weit­aus weni­ger Tole­ranz gegen­über den Auto­bau­ern geben. Es wur­den Gren­zen über­schrit­ten und es ist nicht zu erwar­ten, dass demo­kra­ti­sche Prin­zi­pi­en wegen eini­ger Pro­fil­neu­ro­ti­ker in die Ton­ne gekloppt wer­den – auch und gera­de dann nicht, wenn die­se wie trot­zi­ge Kin­der mit dem Ver­lust von Arbeits­plät­zen dro­hen, die ohne­hin nicht zu ret­ten sind.

Hin­zu kommt, dass sich die Auto­bran­che auch in ande­rer Hin­sicht – Stich­wort Abgas­skan­dal – dis­kre­di­tiert hat. Denn offen­sicht­li­cher als zuletzt kann man nicht demons­trie­ren, dass Pro­fi­te und Macht­er­halt im Zwei­fel über die Gesund­heit der Men­schen wie gene­rell über die Belan­ge der Gesell­schaft gehen. Dies hat fata­le Fol­gen für das Image der Kon­zer­ne, und ver­rät viel über deren redu­zier­tes Ver­ständ­nis von Fort­schritt. Wer glaubt noch dar­an, dass hier zukunfts­wei­sen­de Inno­va­tio­nen ent­wi­ckelt wer­den, die nicht nur die Bran­che, son­dern letzt­lich auch der gesam­ten Gesell­schaft zugu­te kämen? Was ist das für ein Fort­schritt, der nur die einen finan­zi­ell fort­schrei­ten, die übri­ge Gesell­schaft jedoch hin­ter sich lässt?

 

Offen­sicht­li­cher als zuletzt kann man nicht demons­trie­ren, dass Pro­fi­te und Macht­er­halt im Zwei­fel über die Gesund­heit der Men­schen wie gene­rell über die Belan­ge der Gesell­schaft gehen.”

Zwei­tens und ent­schei­dend für den Nie­der­gang der Auto­in­dus­trie:

Das Auto­mo­bil hat sich über­lebt, sei­ne Fas­zi­na­ti­on ver­lo­ren. Dies gilt sogar für den Bereich der Sport­wa­gen, wo die Fahr­zeu­ge inzwi­schen durch die Bank der­art per­fekt und potent gewor­den sind, dass sie nur auf der Renn­stre­cke aus­ge­fah­ren wer­den kön­nen – und auch dort immer weni­ger fah­re­ri­sches Talent ver­lan­gen. Gene­rell spielt sich das Meis­te ohne­hin nur noch im Kopf der Sport­wa­gen­be­sit­zer ab („Wenn ich rich­tig schnell Auto fah­ren könn­te und eine Renn­stre­cke zur Ver­fü­gung hät­te, dann…“; oder: „Ich bin 1,3 Sekun­den schnel­ler auf der Renn­stre­cke als mit dem Vor­gän­ger­mo­dell“ etc.). Viel Kopf­ki­no also, wo einst der gan­ze Kör­per betei­ligt war, wo das Fahr­erleb­nis einen mit­ge­ris­sen hat und das Limit durch per­sön­li­chen Ein­satz und Mut defi­niert wur­de. Das ist gene­rell die Ten­denz beim Auto: Immer mehr Kopf, immer mehr Ratio­na­li­tät, wo frü­her erst mal Gefühl war. Im Motor­sport geht es seit Jahr­zehn­ten nur noch dar­um, schnel­le­res Fah­ren durch alle mög­li­chen tech­ni­schen Beschrän­kun­gen zu ver­hin­dern – voll­kom­men absurd. Man will schnel­ler wer­den, bremst sich aber gleich­zei­tig aus? Tech­nik macht schnel­ler und lang­sa­mer zugleich?

Die­se Wider­sprüch­lich­keit ist typisch für das Auto gewor­den. Das liegt eben dar­an, dass man nicht mehr bedin­gungs­los hin­ter ihm steht; man ver­sucht, den Kopf ein­zu­schal­ten, um sei­ne alte Lie­be zu ret­ten – eine Lie­be, die aber längst ver­blasst ist.

Kopf­ge­bur­ten ohne Ende sind die Fol­ge: Nicht nur die Sport­wa­gen sind inzwi­schen moto­risch völ­lig über­di­men­sio­niert bzw. fahr­werks­sei­tig und aero­dy­na­misch over­en­gi­nee­red. Ein nor­ma­ler Auto­fah­rer bringt auf der Land­stra­ße heu­te auch einen VW Golf nicht mehr in die Nähe sei­nes Limits. Bei den meis­ten älte­ren Fah­rern täte es auch die Hälf­te der vor­han­de­nen PS oder auch viel weni­ger, wobei dann immer noch genü­gend Reser­ven vor­han­den wären. Was soll das? Zumal die Stra­ßen immer vol­ler wer­den und die PS-Zah­len inso­fern eigent­lich zurück­ge­hen müss­ten. Dass über­dies die Bedie­nung „moder­ner“ Autos immer kom­pli­zier­ter und die Über­sicht­lich­keit immer schlech­ter wird, sei am Ran­de erwähnt. Die viel­ver­kauf­ten SUVs schließ­lich zei­gen, dass das Pro­duk­ti­ons­ni­veau bloß noch unter Auf­bie­tung extre­men Ein­sat­zes von Fan­ta­sie sei­tens der Wer­ber wie der Kun­den auf­recht erhal­ten wer­den kann, die aus sinn­frei­en, häss­li­chen und viel zu schwe­ren Fahr­zeu­gen sol­che macht, die irgend­wie den­noch den alten Traum von Frei­heit und Fort­schritt ver­kör­pern. Kopf, Kopf, kom­pli­ziert: Man denkt nur noch in abs­trak­ter Kate­go­ri­en und in Zah­len, in Fahr- und Grenz­wer­ten, in Gewin­nen und Ver­lus­ten.

Doch Fan­ta­sie ist eine begrenz­te Res­sour­ce und das Kopf­ki­no benö­tigt rea­les Mate­ri­al. Des­halb kommt jetzt das Elek­tro­au­to. Die­ses steht, jeder halb­wegs infor­mier­te Mensch weiß es, nicht für die Zukunft des Autos, son­dern für sein Ende als mas­sen­haft pro­du­zier­tes sowie für die Kon­zer­ne pro­fit­träch­ti­ges Fort­be­we­gungs­mit­tel. Geht es bloß noch dar­um, kom­for­ta­bel von A nach B zu kom­men, benö­tigt man dazu kein beson­ders indi­vi­du­el­les, reiz­vol­les Fort­be­we­gungs­mit­tel – eine simp­le E-Kis­te genügt dann in den meis­ten Fäl­len. Und wer es sich leis­ten kann, betreibt eben Ben­zin­au­to­sport, so wie heu­te man­che ihre Renn­pfer­de bewe­gen. Und: Von den E-Autos benö­tigt man, klug ver­netzt und bequem auf Abruf bereit, nur einen Bruch­teil der momen­tan vor­han­de­nen Fahr- bzw. Steh­zeu­ge.

Es lie­ßen sich noch vie­le Din­ge auf­zäh­len, wel­che die inne­ren Wider­sprü­che ver­an­schau­li­chen, in denen das Auto und sei­ne Her­stel­ler gefan­gen sind, doch für die­se Skiz­ze soll es genü­gen. Ent­schei­dend ist ohne­hin das Fol­gen­de: Das Auto war noch nie ver­nünf­tig, es war eine Pas­si­on. Und es war eine Pas­si­on, die vom Fort­schritts­ge­dan­ken getra­gen wur­de. Das Schnel­ler-Bes­ser-Wei­ter und die damit ver­bun­de­ne Aus­wei­tung der per­sön­li­chen Spiel­räu­me hat das Auto vor­an­ge­trie­ben und pro­fi­ta­bel gemacht. Das war natür­lich oft ziem­lich ver­rückt, aber auch ver­dammt gut, denn vie­le tol­le, fas­zi­nie­ren­de Autos – und Renn­fah­rer – haben Men­schen begeis­tert, ihre Besit­zer wie jene von Kunst­wer­ken mit Stolz erfüllt und die Kin­der von die­sen Kunst­wer­ken träu­men las­sen. Wie viel Schö­nes rank­te sich um die­ses Wun­der auf vier Rädern! Doch heu­te hat das Auto als Sym­bol einer vom tech­ni­schen Fort­schritt gelei­te­ten Gesell­schaft aus­ge­dient. Immer öfter steht es für Ein­schrän­kung statt Befrei­ung, immer öfter dafür, die Zukunft zu ver­stel­len und zu ver­schmut­zen, in deren leuch­ten­de Vari­an­te wir doch frü­her mit ihm gefah­ren sind.

 

Heu­te hat das Auto als Sym­bol einer vom tech­ni­schen Fort­schritt gelei­te­ten Gesell­schaft aus­ge­dient.”

 

Aber kann die ehe­ma­li­ge Lie­bes­be­zie­hung nicht doch viel­leicht „ver­nünf­tig“ wei­ter­ge­führt wer­den, wie es viel­leicht Poli­ti­kern wie Ange­la Mer­kel vor­schwebt? Man muss sich doch nicht tren­nen, nur weil man sich nicht mehr liebt, oder? Den Todes­stoß für die­se Aus­flucht besorgt jedoch das Wirt­schafts­sys­tem selbst, in dem das Auto groß gewor­den ist: der Kapi­ta­lis­mus – bzw. des­sen öko­lo­gi­sche Schat­ten­sei­te. Unter öko­lo­gi­schen Gesichts­punk­ten, das heißt kli­ma- und gesund­heits­schäd­li­che Gase, Res­sour­cen, Müll etc. betref­fend, ist es das Sinn­volls­te, weit­aus weni­ger neue Autos zu pro­du­zie­ren, weil im gesam­ten Pro­duk­ti­ons­pro­zess, also nicht nur beim Bau der Kom­po­nen­ten und deren Zusam­men­set­zung, son­dern auch bei der Anlie­fe­rung der Roh­stof­fe und Kom­po­nen­ten, beim Ver­trieb etc., enorm viel Ener­gie benö­tigt wird. Statt­des­sen soll­ten die Gebrauch­ten so lan­ge wie mög­lich gefah­ren wer­den. Ent­spre­chend wird künf­tig die Pro­duk­ti­on von Ersatz­tei­len eine wich­ti­ge Rol­le spie­len, wobei neue Werk­stof­fe intel­li­gent ein­ge­setzt und die vor­han­de­nen Fahr­zeu­ge dadurch nicht nur erhal­ten, son­dern sogar peu à peu ver­bes­sert wer­den könn­ten. Und in den Städ­ten ist es ohne­hin ver­nünf­ti­ger, auto­nom fah­ren­de E-Kap­seln ein­zu­set­zen sowie den öffent­li­chen Ver­kehr und die Rad­we­ge aus­zu­bau­en.

Die ers­ten Anzei­chen des Ver­blas­sens der gro­ßen Lie­be zum Auto­mo­bil haben auf­merk­sa­me Beob­ach­ter schon Anfang der 80er-Jah­re bemerkt. Nicht umsonst ver­stärk­te sich seit­dem auch der Ein­druck, man ruhe sich in den Auto­kon­zer­nen auf sei­nen Erfol­gen aus. Nun, bald 40 Jah­re spä­ter, ist es Zeit, die Kon­se­quen­zen zu zie­hen und die Bevöl­ke­rung auf den gro­ßen Umbruch vor­zu­be­rei­ten, der mit dem Abschied vom tra­di­tio­nel­len und in rie­si­gen Stück­zah­len pro­du­zier­ten Auto ver­bun­den ist – ein Abschied, der im Her­zen schon statt­ge­fun­den hat und nur in vie­len Köp­fen noch nicht ange­kom­men ist.

 

Zwischen Himmel und Hölle – Rafael Capurro im Interview

Zwischen Himmel und Hölle

Inter­view mit Rafa­el Capur­ro

Rafa­el Capur­ro ist Infor­ma­ti­ons­ethi­ker und Phi­lo­soph. Mit agora42 sprach er über das In-der-Cyber­welt-sein, die engels­ar­ti­ge Vor­stel­lung vir­tu­el­ler Intel­li­gen­zen, den digi­ta­len Daten-Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts, das Recht Din­ge ver­ber­gen zu dür­fen und die Chan­ce der Zivil­ge­sell­schaft sich digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren.

 

Herr Capur­ro, vor 20 Jah­ren haben Sie die The­se auf­ge­stellt, dass sich im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung eine vir­tu­el­le Welt her­aus­bil­den wird, die für uns bedeu­ten­der als die rea­le Welt wer­den könn­te. Woher rühr­te die­se Begeis­te­rung fürs Vir­tu­el­le?

Damals herrsch­te eine Auf­bruch­stim­mung: Beson­ders die Erfin­dung des Inter­nets und spä­ter des World Wide Web hat alle begeis­tert. John Per­ry Bar­low rief 1996 die Decla­ra­ti­on of the Inde­pen­dence of Cyber­space aus. Der Cyber­space erschien vie­len als ein vir­tu­el­ler Raum, der nichts mit der mate­ri­el­len Welt zu tun hat. Dabei war die vir­tu­el­le Welt natür­lich gar nicht so unab­hän­gig von der mate­ri­el­len Welt, wie es den Anschein mach­te: Der Com­pu­ter, die bits wie auch die mathe­ma­ti­schen Sym­bo­le 0/1, die in das elek­tro­ma­gne­ti­sche Medi­um ein­ge­prägt wer­den, die­ses Medi­um also „in-for­mie­ren“ – das ist alles Ener­gie und Mate­rie. Aber das wur­de aus­ge­blen­det. Man war fas­zi­niert vom Imma­te­ri­el­len.

Das Gan­ze hat­te etwas Meta­phy­si­sches: Es ging um die Erret­tung des Men­schen aus der schnö­den Welt hier unten und das Empor­stei­gen in die Höhen des Cyber­space. Eine gan­ze Gene­ra­ti­on hat das zu Beginn so erlebt. Damals dach­ten wir wirk­lich, es gäbe zwei getrenn­te Wel­ten, eine vir­tu­el­le und eine mate­ri­el­le.

 

Kön­nen Sie die Fas­zi­na­ti­on des Imma­te­ri­el­len genau­er beschrei­ben?

Das Inter­net erweck­te den Ein­druck, als kön­ne man sich von Raum, Zeit und Mate­rie lösen, als kön­ne man an ver­schie­de­nen Orten gleich­zei­tig sein. Wir bewe­gen uns hier wie­der im Bereich der Meta­phy­sik, in einer Welt des Jen­seits, in der die Kate­go­ri­en des Dies­seits – Raum, Zeit und Mate­ria­li­tät – nicht gel­ten. So dach­te ich damals, die Unter­schei­dung von Mate­rie und Geist wür­de in der Tren­nung von Hard­ware und Soft­ware wie­der auf­tau­chen. Ich habe Soft­ware sogar mit der mate­rie­lo­sen Seins­wei­se von Engeln (vom Grie­chi­schen ange­los = Bote) ver­gli­chen – also mit der mit­tel­al­ter­li­chen Vor­stel­lung engels­glei­cher, von der Mate­rie getrenn­ter Intel­li­gen­zen. Intel­li­gen­tiae sepa­ra­tae war der Begriff, den die mit­tel­al­ter­li­chen Phi­lo­so­phen dafür gebrauch­ten. Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig? Ich dach­te, dass die Lücke, die der Ver­fall der Reli­gio­nen und der Meta­phy­sik hin­ter­las­sen hat­te und die nicht mehr durch engels­glei­che Boten zwi­schen Gott und dem Men­schen aus­ge­füllt wird, durch das In-der-Cyber­welt-sein geschlos­sen wer­den könn­te.

 

Ist Soft­ware in die­sem Sin­ne nicht kör­per­los? Ist das In-der-Cyber­welt-sein nicht bei­na­he engels­ar­tig?”

 

War das Inter­net so etwas wie ein moder­ner Gott?

Nein, denn wir haben es selbst erschaf­fen. Das macht den tech­no­lo­gi­schen Mythos doch gera­de aus: Wir schaf­fen selbst eine Intel­li­genz, die in man­cher Hin­sicht mäch­ti­ger ist als die mensch­li­che, aber nicht gött­lich. Das führ­te auch zu der Fra­ge: Wie bestim­men wir uns selbst in der digi­ta­len Moder­ne? Im Mit­tel­al­ter wur­de der Mensch als ein Grenz­we­sen defi­niert, das zwi­schen dem Geis­ti­gen und dem Ani­ma­li­schen steht und sich sowohl durch sei­ne tie­ri­sche Her­kunft als auch durch sei­nen gött­li­chen Geist defi­niert. Im 19. Jahr­hun­dert war aber im Abend­land von Gott und Engeln nicht mehr viel übrig geblie­ben. Nach unten konn­ten wir uns über die Evo­lu­ti­on, das heißt unse­re tie­ri­schen Wur­zeln defi­nie­ren. Nach oben aber war nichts mehr da, wor­an wir uns ori­en­tie­ren konn­ten. Da kam die Vor­stel­lung eines Cyber­space wie geru­fen – eine vir­tu­el­le Intel­li­genz, die über uns steht, die wir tech­no­lo­gisch erschaf­fen und die nicht theo­lo­gi­scher Her­kunft ist. Ähn­lich war im Mit­tel­al­ter die phi­lo­so­phi­sche Funk­ti­on der Engel: Der Ver­gleich zwi­schen Gott und Mensch war per defi­ni­tio­nem nicht mög­lich, weil Gott das Unver­gleich­ba­re ist; also muss­te man nach etwas suchen, was zwi­schen Gott und dem Men­schen steht, was uns nicht gleicht, aber trotz­dem nicht so weit weg von uns ist wie Gott.

 

Der Engel ist vom Kör­per befreit. Ist das nicht auch die Vor­stel­lung, die dem berühm­ten Gedan­ken­ex­pe­ri­ment „Gehirn im Tank“ zugrun­de liegt?

Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.”

Genau. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Jean-François Lyo­tard hat die Fra­ge gestellt, ob man ohne Kör­per den­ken kann. Wow, was für eine Fra­ge! Das riecht stark nach Engel! Aber als leib­li­che Wesen kön­nen wir uns ein Den­ken ohne Kör­per nicht vor­stel­len. Lewis Car­roll erzählt in Ali­ce in Wun­der­land die schö­ne Geschich­te von der Grin­se-Kat­ze, die lang­sam ver­schwin­det: „‚So etwas!’ dach­te Ali­ce; ‚ich habe schon oft eine Kat­ze ohne Grin­sen gese­hen, aber ein Grin­sen ohne Kat­ze! Das ist doch das Aller­selt­sams­te, was ich je erlebt habe!’“ Ein Grin­sen ohne Kat­ze ist wie ein Den­ken ohne Kör­per.

 

Von der anfäng­li­chen Begeis­te­rung für die unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten des Inter­nets ist aller­dings nicht viel übrig geblie­ben, oder?

Mit dem Auf­kom­men des World Wide Web hat­te man geglaubt – und eini­ge glau­ben das auch heu­te noch –, eine Super­in­tel­li­genz schaf­fen zu kön­nen, die uns ein neu­es Mit­ein­an­der ermög­licht. Die gan­ze Welt soll­te vom Netz über­zo­gen sein und von der digi­ta­len Gesell­schaft pro­fi­tie­ren, alles soll­te geteilt wer­den kön­nen, nichts soll­te etwas kos­ten. Tat­säch­lich ist in kur­zer Zeit unglaub­lich viel pas­siert: Nach­rich­ten wur­den plötz­lich nicht mehr one-to-many ver­teilt, das heißt aus­ge­hend von zen­tra­len Insti­tu­tio­nen wie den Mas­sen­me­di­en oder dem Staat an alle ande­ren, son­dern jeder konn­te many-to-many oder few-to-many oder few-to-few messa­ges ver­tei­len.

Dann ist es aber schnell ans Ein­ge­mach­te gegan­gen: Gro­ße Kon­zer­ne wit­ter­ten Macht und Geld und besetz­ten alle digi­ta­len Kanä­le. Heu­te bestim­men Zucker­berg, Goog­le, Ama­zon & Co. was im Inter­net gesagt wer­den darf und was nicht. Es ist eine halb-öffent­li­che Moral ent­stan­den, die sich um demo­kra­ti­sche Regeln und Ver­fah­ren nicht schert. Wenn ich die Erwar­tun­gen und Hoff­nun­gen, die ich vor zwan­zig Jah­ren hat­te, mit den heu­ti­gen Gege­ben­hei­ten ver­glei­che, ist das, als ob sich der Him­mel in die Höl­le ver­wan­delt hät­te. Denn die Höl­le haben wir nun offen­bar: Über­wa­chungs­ge­sell­schaft, Geheim­diens­te, Big Data etc. Das alles kam in den letz­ten Jah­ren wie eine Lawi­ne über uns und zer­stör­te die Träu­me der 90er-Jah­re. Was machen wir jetzt? Dar­auf haben wir noch kei­ne halb­wegs ver­läss­li­che Ant­wort. Der Staat ist gegen­über den digi­ta­len Rie­sen ziem­lich macht­los und die Fir­men küm­mern sich um ihren Pro­fit. Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen? Die rules of fair play müs­sen stets im Diens­te des Pro­fits ste­hen.

 

Wir kön­nen nicht erwar­ten, dass die IT-Gigan­ten sich um das Wohl der Mensch­heit küm­mern: Wel­ches Unter­neh­men wür­de schon ein gutes Geschäft aus­schla­gen?”

 

Rafa­el Capur­ro wur­de 1945 in Uru­gu­ay gebo­ren. Er stu­dier­te Geis­tes­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­so­phie in Chi­le und Argen­ti­ni­en als Mit­glied des Jesui­ten­or­dens (1963–1970) und erlang­te 1971 den Grad eines Lizen­ti­ats der Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­dad del Sal­va­dor (Bue­nos Aires). Nach sei­nem Aus­tritt aus dem Jesui­ten­or­den stu­dier­te er Doku­men­ta­ti­on am Lehr­in­sti­tut für Doku­men­ta­ti­on in Frank­furt am Main (1972–1973). Es folg­te die Pro­mo­ti­on in Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf (1978). 1986 wur­de er zum Pro­fes­sor für Infor­ma­ti­ons­wis­sen­schaft an der Stutt­gar­ter Hoch­schu­le der Medi­en beru­fen, wo er bis 2009 auch Infor­ma­ti­ons­ethik lehr­te. Von 2000 bis 2010 war er Mit­glied der Euro­pean Group on Ethics in Sci­ence and New Tech­no­lo­gies (EGE) der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on. Seit 2007 enga­giert sich Capur­ro ins­be­son­de­re in Afri­ka, wo er das Afri­ca Net­work for Infor­ma­ti­on Ethics (ANIE) an der Uni­ver­si­tät Pre­to­ria mit­be­grün­de­te. 2010 grün­de­te er mit sei­ner Ehe­frau Annet­te die Capur­ro Fiek Stif­tung für Infor­ma­ti­ons­ethik. Die­se för­dert Pro­jek­te, wel­che sich mit den sozia­len und kul­tu­rel­len Aus­wir­kun­gen digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en in der Drit­ten Welt, vor allem in Afri­ka und Latein­ame­ri­ka, befas­sen. Mehr unter capurro.de

Das klingt, als wären alle Hoff­nun­gen begra­ben. Ande­rer­seits gibt es noch Träu­mer wie Vita­lik Bute­rin, die mit­hil­fe neu­er Tech­no­lo­gi­en – Stich­wort Block­chain – das Inter­net dezen­tra­li­sie­ren wol­len. Wird das Inter­net viel­leicht doch noch der erträum­te sha­red space, der uns zusam­men­führt?

Struk­tu­ren müs­sen von unten wach­sen – bot­tom up. Solan­ge die­se Mög­lich­keit besteht, ist auch Hoff­nung da. Und noch ist Raum für Krea­ti­vi­tät vor­han­den. Nur: Die öko­no­mi­schen Mäch­te sind erdrü­ckend in ihrem Geschäfts­ge­ba­ren und ihrer welt­wei­ten Domi­nanz. Die kau­fen gan­ze Län­der. Wie kann man die­sen ent­fes­sel­ten digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus begrei­fen? Wor­um geht es dabei? Nach wel­chen Geset­zen läuft er ab? Eine kri­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on von Marx’ Kapi­tal im digi­ta­len Zeit­al­ter wäre nötig.

 

Inwie­fern hat sich der Kapi­ta­lis­mus seit Marx ver­än­dert?

Momen­tan gibt es phi­lo­so­phisch gese­hen kei­ne Ant­wort auf die Her­aus­for­de­rung der Digi­ta­li­sie­rung bezie­hungs­wei­se des digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus. Da stel­len sich ganz neue Fra­gen: Was bedeu­tet Frei­heit in der digi­ta­len Welt? Wie hängt die Digi­ta­li­sie­rung mit dem Kapi­ta­lis­mus zusam­men? Die­ses öko­no­mi­sche Sys­tem, ver­bun­den mit der Vor­stel­lung von Fort­schritt und Wachs­tum, hat etwas sehr Reli­giö­ses – nicht nur, sofern das Kapi­tal die Stel­le Got­tes besetzt, son­dern auch, sofern der digi­ta­le Kapi­ta­lis­mus in sei­ner glo­ba­len Gleich­zei­tig­keit eine Eigen­schaft besitzt, die tra­di­tio­nell einer gött­li­chen All­ge­gen­wart vor­be­hal­ten war.

 

Und das funk­tio­niert ja aus­ge­zeich­net, wie der Geld­berg von Zucker­berg zeigt. Ist es nicht ver­rückt, dass eine Fir­ma, die nichts Mate­ri­el­les pro­du­ziert, so viel Geld anhäuft?

Dass inner­halb von zehn Jah­ren rie­si­ge Fir­men wie Face­book aus dem Nichts ent­stan­den sind, ist tat­säch­lich kaum zu fas­sen. Womit haben sie das Geld gemacht? Nicht mit Öl. Mit Daten. Die digi­ta­li­sier­ten Daten sind die Basis des Kapi­ta­lis­mus des 21. Jahr­hun­derts. Und die­se Daten sind ein Fetisch, das heißt, man behan­delt sie so, als ob sie ein Eigen­le­ben füh­ren. Sie erwe­cken den Ein­druck, als wür­den sie zir­ku­lie­ren, wie schon Marx vom Kapi­tal sag­te, und als gäbe es kei­nen Men­schen, der über sie herrscht oder von ihnen pro­fi­tiert.

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht. Im Gegen­satz zum unter­drück­ten Pro­le­ta­ri­at des 19. Jahr­hun­derts arbei­tet das Cyber­ta­ri­at weit­ge­hend fröh­lich für das Kapi­tal. Das Lum­pen­pro­le­ta­ri­at trägt heu­te Jeans und Kapu­zen­pul­li, kommt lachend daher und schenkt fröh­lich sei­ne Daten an die IT-Gigan­ten. Es ist eine ganz ver­dreh­te Situa­ti­on, weil man frei­wil­lig zum Skla­ven wird. Eigent­lich ist das ide­al: Alle sind glück­lich! Eine Win-win-Situa­ti­on. Die Kapi­ta­lis­ten sind glück­lich, weil sie so viel Geld bekom­men, und die Skla­ven sind glück­lich, weil sie arbei­ten, kon­su­mie­ren und online sein dür­fen. Das ist doch der Him­mel auf Erden.

 

Wir erle­ben gera­de eine neue Form des Kapi­ta­lis­mus, auf des­sen Schat­ten­sei­te nicht mehr nur das natio­na­le Pro­le­ta­ri­at, son­dern auch das glo­ba­le Cyber­ta­ri­at steht.”

 

Das hört sich an wie die Beschrei­bung Dro­gen­ab­hän­gi­ger …

Das Inter­net kann tat­säch­lich eine Dro­ge wer­den. Marx hat gesagt, die Reli­gi­on sei „das Opi­um des Vol­kes“. Heu­te wür­de er ver­mut­lich sagen, die digi­ta­len Medi­en sind das Opi­um.

Unser Grund­ge­setz und unser Selbst­ver­ständ­nis sind tief ver­wur­zelt im Den­ken Kants, der die Ach­tung vor dem ande­ren, des­sen Recht zu exis­tie­ren und sei­ne prin­zi­pi­el­le Gleich­wer­tig­keit unter dem Begriff Men­schen­wür­de zusam­men­fass­te. Glei­cher­ma­ßen prägt uns die Erfah­rung des Zwei­ten Welt­kriegs und ins­be­son­de­re des Holo­causts. Des­halb ist es so wich­tig, die Erin­ne­rung sowohl an die Ide­en­ge­schich­te wie auch an die his­to­ri­schen Ereig­nis­se wach zu hal­ten.

Doch die­ses Bewusst­sein von den Grund­la­gen unse­res Zusam­men­le­bens löst sich gera­de welt­weit auf. Heu­te leben wir bequem in unse­rer Face­book-Bub­b­le. Hier wer­den wir dau­ernd bestä­tigt und den­ken: „Das hab ich doch gleich gesagt!“ Es gibt nur das, was ich sage, was ich mag, wie ich bin. Das erschwert das Abstand­neh­men, die Kri­tik, das selbst­stän­di­ge Den­ken, also all das, was für die euro­päi­sche Auf­klä­rung wich­tig war. Aber wie gehen wir gegen die­se Täu­schung vor oder mit ihr um? Das ist die Kern­fra­ge einer künf­ti­gen digi­ta­len Ethik.

 

Wie könn­te eine Ant­wort dar­auf aus­se­hen?

Ganz grund­sätz­lich: Sie müss­te unse­ren gesam­ten Rea­li­täts­be­griff und unser Selbst­ver­ständ­nis, nicht also was, son­dern wer wir sind, ver­än­dern.

Der Phi­lo­soph der Auf­klä­rung Geor­ge Ber­ke­ley hat die For­mel „esse est per­ci­pi“ auf­ge­stellt, also „Sein ist Wahr­ge­nom­men­wer­den“. Ber­ke­ley zufol­ge gibt es nur das Wahr­ge­nom­me­ne. Was nicht wahr­nehm­bar ist, exis­tiert nicht. Und ich sage, dass es heu­te das Wahr­ge­nom­me­ne nur inso­fern gibt, als es digi­ta­li­sier­bar ist: Esse est com­pu­ta­ri. Sprich: Was sich nicht digi­ta­li­sie­ren lässt, ist nicht. Und zwar nicht im Sin­ne von „It from Bit“, also nicht so ver­stan­den, dass die Rea­li­tät aus bits besteht, die Din­ge also digi­tal sind und nur aus­se­hen wie Mate­rie. Mei­ne The­se lau­tet viel­mehr, dass wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.

 

Wir glau­ben, etwas nur dann ver­ste­hen zu kön­nen, wenn es digi­ta­li­sier­bar ist. Dem­entspre­chend defi­nie­ren wir uns selbst und alles, womit wir zu tun haben, als digi­ta­le Infor­ma­ti­on. Wer sind wir? Ant­wort: Wir sind unse­re digi­ta­len Daten.”

 

Inwie­fern ist das ein Pro­blem?

Es besteht die Gefahr, dass die­se Sicht auf die Welt tota­li­tär wird. Dann begrei­fen wir unser In-der-Welt-sein nicht mehr als frei gestalt­bar, son­dern dür­fen nur das als bedeu­tungs­voll für unser Dasein anse­hen, was das Digi­ta­le uns erlaubt. Die Erkennt­nis müss­te durch­si­ckern, dass unser In-der-Welt-sein nicht durch das Digi­ta­le allein bestimmt ist. Es ist nur eine Form des In-der-Welt-seins, nicht die ein­zi­ge.

Auf die Phi­lo­so­phie über­tra­gen hie­ße das: Aus einer Onto­lo­gie, also einer mög­li­chen Deu­tung des Seins, wird eine Meta­phy­sik, das heißt eine star­re Auf­fas­sung des­sen, was das Sein der Din­ge und vor allem was uns selbst aus­macht. Wenn das Digi­ta­le die onto­lo­gi­sche und ethi­sche Deu­tungs­ho­heit über­nimmt, dann wird die Sache auch poli­tisch gefähr­lich. Das haben wir schon im 19. Jahr­hun­dert erlebt, als das Mate­ri­el­le plötz­lich für die allei­ni­ge Basis der Rea­li­tät gehal­ten wur­de. Dadurch ent­stand der Mate­ria­lis­mus – und zwar nicht nur in theo­re­ti­scher Hin­sicht, son­dern prak­tisch-poli­tisch! So nach dem Mot­to: Was sich nicht der mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik ein­schrei­ben lässt, ist ein rück­stän­di­ges Den­ken. Ähn­li­ches steht uns bevor, wenn wir aus dem Digi­ta­len eine dog­ma­ti­sche poli­ti­sche Sicht der Rea­li­tät machen.

 

Machen sich die Anfän­ge einer digi­ta­len Ideo­lo­gie schon im All­tag bemerk­bar?

Man bemerkt die Fol­gen der Ideo­lo­gi­sie­rung in vie­ler­lei Hin­sicht: Die Arbeit ist nicht mehr räum­lich und zeit­lich fest gere­gelt. Man muss Tag und Nach parat sein. Die Leu­te star­ren unter­wegs stän­dig auf ihre Smart­pho­nes und unter­wer­fen sich dem Dik­tat, online prä­sent sein zu müs­sen.

Grund­sätz­lich leben wir gleich­zei­tig in Ver­gan­gen­heit, Zukunft und Gegen­wart. Ich kann mich jetzt mit Ihnen unter­hal­ten, jeder­zeit zurück­ge­hen in die Ver­gan­gen­heit und mich auch jeder­zeit in die Zukunft pro­ji­zie­ren. In den Bekennt­nis­sen des Augus­ti­nus gibt es ein berühm­tes Kapi­tel über die Zeit, in dem das sehr tref­fend beschrie­ben wird: Wir gehen durch das Gedächt­nis zurück in die Hal­len der Ver­gan­gen­heit und pro­ji­zie­ren uns in die Zukunft. Das gibt uns eine unglaub­li­che Frei­heit über die Gegen­wart. Wenn wir die­se Mög­lich­kei­ten nicht hät­ten, wären wir gefan­gen in dem, was im Moment pas­siert. So jedoch kön­nen wir über Din­ge spre­chen, die es (noch) gar nicht gibt, die aber mög­lich sind; bei­spiels­wei­se dar­über, was Sie in einer Stun­de machen wer­den. Das Pro­blem ist aber, dass die Gegen­wart, das Jetzt, in unse­rer vom Digi­ta­len bestimm­ten Gesell­schaft zum Maß aller Din­ge wird. Es schrumpft alles auf das digi­ta­le Jetzt zusam­men.

 

Die­ses Inter­view sowie wei­te­re span­nen­de Arti­kel zum The­ma lesen Sie in der Aus­ga­be DIGITALISIERUNG von agora42.

Was tun? Wie sich befrei­en vom Druck der digi­ta­len Gegen­wart? Den stres­si­gen Job kün­di­gen? Das Smart­pho­ne weg­wer­fen?

Wir ste­cken in der Klem­me. Denn das Digi­ta­le ist immer bezo­gen auf das Jetzt. Sprich: Nur sofern ich in der Gegen­wart ange­spro­chen wer­de, gel­te ich etwas – und sofern ich im Gegen­warts­mo­dus hand­le. Durch die­ses Gefan­gen­sein in der digi­tal bestimm­ten Gegen­wart ent­ste­hen aber schwe­re sozia­le und psy­chi­sche Pro­ble­me. Das lässt sich im Fami­li­en­all­tag, aber auch am Arbeits­platz täg­lich erle­ben. Nicht online zu sein, wird als ein Risi­ko emp­fun­den: Ich könn­te etwas ver­pas­sen, wenn ich eine Wei­le mein Han­dy aus­schal­te oder gar nicht mit­neh­me; außer­dem erwar­ten alle, dass ich stän­dig ansprech­bar bin. Wenn man stän­dig und über­all digi­tal ver­netzt sein muss und sich auch gar nichts ande­res mehr vor­stel­len kann, ist das ein kla­res Anzei­chen von Frei­heits­ver­lust.

 

Muss dann der gesam­te gesell­schaft­li­che Rah­men ver­än­dert wer­den? Und wie gehen wir das an? Demons­tra­tio­nen? Peti­tio­nen?

Dafür bräuch­ten wir erst ein­mal wie­der einen öffent­li­chen Raum und eine Gesell­schaft, die sich mit ande­ren Gesell­schaf­ten ver­bun­den fühlt. Wir tei­len mit ande­ren Men­schen auf viel­fäl­ti­ge Wei­se eine gemein­sa­me Welt. Die­se gemein­sa­me Welt ist aber in Gefahr zu zer­fal­len: Aus Mög­lich­kei­ten des Zusam­men­seins dro­hen Rea­li­tä­ten des Gegen­ein­an­derseins zu wer­den. Aus der Welt wird sozu­sa­gen eine Unwelt und aus frei­en, sich für­ein­an­der ein­set­zen­den Men­schen wer­den in sich ver­schlos­se­ne, von ande­ren und der gemein­sa­men Welt getrenn­te Ego­is­ten, die nur an sich selbst den­ken. Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren. Wir wis­sen nicht, wer wir als digi­ta­le Gesell­schaft sein wol­len. Wir kön­nen nicht all unse­re Stra­ßen pri­va­ti­sie­ren, unse­re Auto­bah­nen und unse­re Plät­ze – aber genau das haben wir in der digi­ta­len Welt gemacht! Die Kraft und die Mög­lich­keit, selbst­stän­dig zu urtei­len, gehen immer mehr ver­lo­ren. Auch das Ver­schen­ken von Daten ist kei­ne Lap­pa­lie. Es wird zuneh­mend an ande­rer Stel­le ent­schie­den, wer wir sind. Das Gefühl der Ohn­macht wächst. Alles wird kleb­rig und sti­ckig.

 

Das Beun­ru­hi­gen­de im Moment ist doch, dass wir den öffent­li­chen Raum nicht nur mäch­ti­gen digi­ta­len Fir­men und Staa­ten, son­dern auch digi­tal agie­ren­den Ter­ror­grup­pen sowie digi­ta­ler Des­in­for­ma­ti­on über­las­sen haben. Wir haben die Chan­ce ver­passt, uns digi­tal-poli­tisch zu orga­ni­sie­ren.”

 

Rafa­el Capur­ro im Gespräch mit Frank Augus­tin und Tan­ja Will von agora42.

Wie kann man sich wie­der los­ma­chen und sich Luft ver­schaf­fen?

Wenn jemand fragt: „Hast du etwas zu ver­ber­gen?“, kann man ganz ein­fach ant­wor­ten: „Das geht dich nichts an! Ich bestim­me, was ich von mir zei­ge. Punkt.“ Wo kämen wir hin, wenn wir nichts zu ver­ber­gen hät­ten und stän­dig alles sagen wür­den? Auch in poli­ti­scher und öko­no­mi­scher Hin­sicht wäre das undenk­bar. Eine Welt, in der es kei­ne Geheim­nis­se geben darf, wäre die Höl­le. Trans­pa­renz und Geheim­hal­tung gehö­ren zusam­men. Übri­gens liegt das auch dar­an, dass ich selbst nicht alles über mich weiß. Ich bin undurch­sich­tig für mich selbst. War­um soll ich mich preis­ge­ben gegen­über ande­ren, die genau­so undurch­sich­tig sind wie ich? Die heu­ti­ge For­de­rung: „Tei­le allen alles stän­dig und über­all mit!“ ist daher unethisch und über­haupt nicht leb­bar!

 

Es scheint, als wür­de die Gesell­schaft ihren Kitt ver­lie­ren. Was geht uns ver­lo­ren? Oder anders gefragt: Was ver­bin­det uns als Men­schen?

Nicht mehr und nicht weni­ger als ein frei­es, ver­trau­ens­vol­les Ver­hält­nis. Frei­heit als Ver­trau­en ist das Bin­de­glied! Wie kön­nen wir also freie Ver­trau­ens­struk­tu­ren in der heu­ti­gen digi­ta­len Gesell­schaft schaf­fen? Die­ser Auf­ga­be müs­sen sich die Phi­lo­so­phie und die Poli­tik heu­te stel­len. Im Moment ten­die­ren wir in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung: weni­ger Ver­trau­en, mehr Kon­trol­le, weni­ger Den­ken, mehr Aktio­nis­mus. Die Lage ist brenz­lig. Den­ken braucht Zeit.

 

Herr Capur­ro, wir dan­ken Ihnen für die­ses Gespräch.

 

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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Tiere denken” von Richard David Precht – Die Zukunft der Fleischindustrie

Ab dem 17.10.2016 erscheint das neue Buch von Richard David Precht Tie­re den­ken. Was als Her­zens­pro­jekt des Best­sel­ler-Phi­lo­so­phen begann, ist nicht nur eine umfas­sen­de Abhand­lung über Mensch-Tier-Bezie­hun­gen, Tier­rech­te und die mensch­li­che Moral gewor­den. Es ist auch ein Blick in die Zukunft der Fleisch­in­dus­trie – die sich heu­te schon abzeich­net.

 

Die Chance des Jahrhunderts!

Richard David Prechts neu­es Buch „Tie­re den­ken“

Tiere denken von Richard David Precht

Tie­re den­ken von Richard David Precht erscheint am 17.10.2016 im Gold­mann Ver­lag.

Dass der Mensch dazu fähig ist, eine Kat­ze zu ver­zär­teln und gleich­zei­tig ein Lamm zu essen, über­rascht nie­man­den mehr. Die­ses wider­sprüch­li­che Ver­hal­ten gegen­über Tie­ren mit­samt sei­nen mora­li­schen und ethi­schen Ver­stri­ckun­gen, wur­de bereits häu­fig öffent­lich dis­ku­tiert und ist der brei­ten Bevöl­ke­rung bekannt. Tie­re zu essen ist über­flüs­sig: Der mensch­li­che Kör­per braucht kein Fleisch. Dar­über­hin­aus möch­te kein Schul­ab­gän­ger mehr Metz­ger wer­den oder in der Mas­sen­tier­hal­tung arbei­ten.

Trotz­dem: Fleisch schmeckt. Fleisch macht papp­satt. Fleisch ist schnell und ein­fach zube­rei­tet. Und – in Mas­sen pro­du­ziert – ist es bil­lig. Vie­le Deut­sche wol­len auf ihr Steak zum Mit­tag nicht ver­zich­ten und die Zahl der Tie­re, die in deut­sche Mast- und Schlacht­an­la­gen gepfercht wer­den, steigt wei­ter­hin an. Ob Prechts neu­es Buch dar­an etwas ändern wird?

Wer nun glaubt, dass Deutsch­lands bekann­tes­ter leben­der Phi­lo­soph ab sofort den Fleisch­ver­zicht pre­digt und Grün­kern- statt Beef-Bur­ger emp­fiehlt oder die Weih­nachts­gans gegen Brok­ko­li tau­schen möch­te, der irrt. Von mora­li­schen Zurecht­wei­sun­gen und Gewis­sens­ap­pel­len ist die Gegen­warts­ana­ly­se Prechts weit ent­fernt. Im Gegen­teil: Durch sei­ne unge­wohnt prag­ma­ti­sche Betrach­tung des heu­ti­gen mora­li­schen Fleisch­esser-Dilem­mas gerät für Precht eine Lösung in den Blick, die von hit­zi­gen Vege­ta­ris­mus-Debat­ten bis­lang nicht berück­sich­tigt wur­de.

Fol­gen­des Rät­sel gilt es zu lösen: Das Steak soll auf den Tel­ler. Aber kein Tier soll dafür lei­den müs­sen. Wie kann das gehen?
Für Precht ist klar: Tech­nik und Natur­wis­sen­schaf­ten wei­sen den Weg. Nut­zen wir das vor­han­de­ne Know-how doch mal für die Her­stel­lung eines schmack­haf­ten Steaks, dass jeder guten Gewis­sens essen kann.

Das dies kei­ne Uto­pie eines welt­frem­den Tier­lieb­ha­bers ist, zeigt der Blick in moder­ne Bio­la­bo­re. Dort dru­cken bereits heu­te hoch­kom­ple­xe 3D-Dru­cker leben­de Orga­ne aus mensch­li­chen Zel­len. Der Druck eines Stücks Mus­kel­fleischs aus Schwei­ne­zel­len ist im Ver­gleich dazu ein Kin­der­spiel. Mit bestechen­der Klar­heit führt Precht vor Augen, was ers­te Anzei­chen bereits ver­kün­den: Die Mas­sen­tier­hal­tung ist ein Relikt der Moder­ne. Die Zukunft gehört dem Kul­tur­fleisch.

 

Kulturfleisch García-Sancho

Richard David Precht: “Real-Beef-Fans gera­ten ins gesell­schaft­li­che Abseits. Für Frau­en sind sie so unse­xy wie Mili­ta­ria-Samm­ler und Schmer­bäu­che im NATO-Nah­kampf-Look…” Illus­tra­ti­on: Car­los Gar­cía-San­cho. dedesign.tumblr.com

 

Mit Tie­re den­ken zeigt Richard David Precht, Mit­her­aus­ge­ber der agora42, dass die Zukunft der Fleisch­pro­duk­ti­on im cul­tu­red beef liegt.
Klar, zu Beginn mögen die Kon­su­men­ten noch etwas skep­tisch sein: „Män­ner lächeln dar­über, sie behan­deln das neue Fleisch wie alko­hol­frei­es Bier: nicht sehr männ­lich, aber irgend­wie ganz sinn­voll.“ Aber bereits nach eini­gen Jah­ren  ist „die Zeit, Tier­hal­tungs­gräu­el durch den Ver­weis auf ihren öko­no­mi­schen Vor­teil zu recht­fer­ti­gen“ pas­sé: „Die Fleisch­in­dus­trie kämpft einen ver­zwei­fel­ten Pro­pa­gan­da­kampf – wie lan­ge Zeit die Atom­lob­by –, aber sie kann nicht mehr gewin­nen.“

Das ist „die Chan­ce des Jahr­hun­derts“, schreibt Precht.

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Richard David Precht in agora42
Mehr dazu in dem Arti­kel Die Fleisch-Revo­lu­ti­on von Richard David Precht, Mit­her­aus­ge­ber der agora42. Jetzt in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 SEIN UND FLEISCH.

 

 

 

Richard David Precht

Richard David Precht ist seit 2011 Mit­her­aus­ge­ber des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42. Bekannt wur­de er 2007 durch sein Sach­buch Wer bin ich – und wenn ja, wie vie­le? Seit Sep­tem­ber 2012 mode­riert er die Phi­lo­so­phie­sen­dung Precht im ZDF.