Gefährliche Liebschaften – Selbstverwirklichung als Social Fracking

Thank God It’s Fri­day! Und weil ein Wochen­en­de ohne Lese­stoff nur halb so schön ist, kommt hier ein beson­de­res Schmankerl:

 

Ralf Damitz

von Ralf M. Damitz

 

Als Max Weber 1917 in der Mün­che­ner Buch­hand­lung Stei­ni­cke sei­nen berühm­ten Vor­trag „Wis­sen­schaft als Beruf“ hielt, ende­te er mit einer nietz­schea­nisch anmu­ten­den Emp­feh­lung für die dort größ­ten­teils anwe­sen­den jun­gen Stu­den­ten: Jeder müs­se den „Dämon“ fin­den, so die pathe­ti­schen Schluss­wor­te, „der sei­nes Lebens Fäden hält“. In die­ser kur­zen For­mel steckt ein Pro­gramm zur Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und es scheint aktu­el­ler denn je. Viel­leicht aller­dings in ande­rer Hin­sicht, als es der Zeit­geist heu­te vor­sieht: Es geht um das pre­kä­re Ver­hält­nis von Erfolg und Schei­tern im Kapi­ta­lis­mus der Gegenwart.

Zunächst ein kur­zer Rück­blick. Sei­nen „Dämon“ zu fin­den, das ziel­te für Weber auf exis­ten­zi­el­le Fra­gen in tur­bu­len­ten Zei­ten; dar­auf, wie und wonach man leben sol­le und was man als Per­son dar­stel­le. Tra­di­tio­nell war es Sache theo­lo­gi­scher Sys­te­me gewe­sen, sol­che Fra­gen zu beant­wor­ten. In der moder­nen Welt ist Weber zufol­ge aller­dings kein Platz mehr für reli­giö­se Letzt­be­grün­dun­gen. Obwohl Weber sei­ne Zeit dadurch geprägt sah, dass „die alten Göt­ter“ nach wie vor prä­sent waren, dass aller­lei Pro­phe­ti­en und Ideo­lo­gi­en ihren Kampf um die Köp­fe der Men­schen führ­ten, war für ihn glei­cher­ma­ßen klar, dass vom ange­bro­che­nen 20. Jahr­hun­dert eine Absa­ge an reli­giö­se Heils­ver­spre­chen zu erwar­ten ist. Kein Pro­phet, ganz gleich, ob theo­lo­gi­scher oder poli­ti­scher Her­kunft, kön­ne auf Fra­gen der Lebens­ge­stal­tung abschlie­ßend ant­wor­ten. Der moder­ne Kapi­ta­lis­mus, so Webers The­se in sei­nem Buch Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik und der Geist des Kapi­ta­lis­mus, habe reli­giö­sen Vor­stel­lun­gen der Lebens­füh­rung ihre Wur­zeln genom­men und sie dadurch voll­ends in die Tri­via­li­tät der büro­kra­tisch und kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten Sozi­al­welt ent­las­sen: Fra­gen nach dem Sinn des Lebens, dem indi­vi­du­el­len Heil oder der eige­nen Iden­ti­tät kön­ne der moder­ne Mensch nur sich selbst beant­wor­ten, am bes­ten durch rast­lo­se Ver­sen­kung in die Berufs­ar­beit. Indem man der „For­de­rung des Tages“ gerecht wer­de, sich aufs Hier und Jetzt beschrän­ke, kön­ne man es „beruf­lich oder mensch­lich“ zu Anse­hen und Erfolg brin­gen. Zwar gehe auf die­se Wei­se die ent­schei­den­de Sinn­quel­le ver­lo­ren, nicht jedoch der Modus Ope­ran­di. „Der Puri­ta­ner woll­te Berufs­mensch sein“, resü­miert Weber lako­nisch, „wir müs­sen es“. Dass eine sol­che Fokus­sie­rung auf das Berufs­le­ben von Erfolg gekrönt gelin­gen kön­ne, war alles ande­re als gewiss. Webers Pes­si­mis­mus dies­be­züg­lich war legen­där. Die Gesell­schaft wur­de von ihm als „Gehäu­se der Hörig­keit“, der moder­ne Kapi­ta­lis­mus als „schick­sals­volls­te Macht“ begrif­fen. Ver­sen­kung in die Berufs­ar­beit war weni­ger Selbst­ver­wirk­li­chung denn Selbst­be­haup­tung. Behaup­tung dage­gen, dass das moder­ne Indi­vi­du­um die weni­gen Spiel­räu­me der frei­en Lebens­ge­stal­tung im büro­kra­tisch-kapi­ta­lis­ti­schen All­tag nicht auch noch ein­bü­ße. Die Quint­essenz der Auf­fas­sung Webers war, dass man sol­che Kon­stel­la­tio­nen „aus­hal­ten“ kön­nen müs­se. Dies ent­ge­gen allen Wid­rig­kei­ten zu ver­su­chen, zeug­te von einem Rest bür­ger­li­chen Heroismus.

Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik: In sei­nem Werk Die pro­tes­tan­ti­sche Ethik und der Geist des Kapi­ta­lis­mus unter­sucht der Sozio­lo­ge Max Weber (1864–1920) die reli­gi­ös-kul­tu­rel­len Grund­la­gen des okzi­den­ta­len Kapi­ta­lis­mus. Auf Grund­la­ge der cal­vi­nis­ti­schen Gna­den­leh­re, nach der die all­um­fas­sen­de, über­mäch­ti­ge Gewalt Got­tes die Men­schen ent­we­der zu ewi­gem Tod oder ewi­ger Selig­keit bestimmt, ent­ste­he das pro­tes­tan­ti­sche Arbeits­ethos: Die Men­schen sehen sich in der Pflicht, durch rast­lo­se Arbeit alle Zwei­fel an der eige­nen gött­li­chen Erwählt­heit zu ver­trei­ben und dem­entspre­chend ihre gesam­te Lebens­füh­rung dem Erfolg unterzuordnen.

 

Sie­ges­zug und Kri­se des Kapitalismus

Machen wir einen Zeit­sprung. Das 20. Jahr­hun­dert war erst krie­ge­risch und tur­bu­lent, spä­ter stand poli­ti­sche, öko­no­mi­sche und sozia­le Ent­wick­lung auf dem Pro­gramm. Als es sich dem Ende zuneig­te, blieb der Kapi­ta­lis­mus als Sie­ger übrig, welt­um­span­nend und alter­na­tiv­los. Sei­ne Ver­hei­ßun­gen aller­dings, Demo­kra­tie und Wohl­stand (viel­leicht sogar für alle) zu brin­gen, haben sich in der Zwi­schen­zeit eben­so auf­ge­löst wie der eins­ti­ge Sys­tem­kon­kur­rent. Wir leben heu­te in einer von grenz­über­schrei­ten­den Kapi­tal-, Waren-, Daten- und Men­schen­strö­men vor­an­ge­trie­be­nen (Welt-)Gesellschaft. An inter­na­tio­na­le Kon­kur­renz haben wir uns genau­so gewöh­nen müs­sen wie an die Ero­si­on des Wohl­fahrts­staats. Die Erwerbs­ar­beit wur­de unter dem Druck glo­bal ver­netz­ter Wert­schöp­fungs­ket­ten und mit­hil­fe aller­lei unter­neh­me­ri­scher, tech­ni­scher und poli­ti­scher Inno­va­tio­nen grund­le­gend ver­än­dert. Der nächs­te Schritt ist bereits in Pla­nung: Indus­trie 4.0 ist das desi­gnier­te gro­ße Ding. Aber auch die welt­wei­te Finanz- und Wirt­schafts­kri­se ist 2007 über uns her­ein­ge­bro­chen. Dass die­ses Wirt­schafts­sys­tem einer Gesell­schaft schick­sal­haf­te Ent­wick­lun­gen beschert, ist inzwi­schen allen klar. Und irgend­wie passt es auch ins Bild, dass in einem rei­chen Land wie der Bun­des­re­pu­blik die obe­ren zehn Pro­zent der Bevöl­ke­rung über 60 Pro­zent des gesell­schaft­lich ver­füg­ba­ren Ver­mö­gens besit­zen, wäh­rend die unte­ren 70 Pro­zent zusam­men­ge­nom­men gera­de mal auf einen Anteil von unge­fähr zehn Pro­zent kom­men (nach­zu­le­sen im Inter­net, bei der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bildung).

Indus­trie 4.0: Indus­trie 4.0 ist ein Pro­jekt der deut­schen Bun­des­re­gie­rung und stellt ein Leit­bild für zukünf­ti­ge Ent­wick­lun­gen in der deut­schen Indus­trie dar. Die Bezeich­nung „Indus­trie 4.0“ soll zum Aus­druck brin­gen, dass nach den ers­ten drei indus­tri­el­len Revo­lu­tio­nen (Mecha­ni­sie­rung, Mas­sen­fer­ti­gung, Digi­ta­li­sie­rung) nun die vier­te vor der Tür steht. Die­se wird gekenn­zeich­net sein durch den Zuschnitt der ein­zel­nen Pro­duk­te auf die indi­vi­du­el­len Wün­sche und Vor­stel­lun­gen des Kon­su­men­ten – und zwar unter den Bedin­gun­gen einer hoch fle­xi­bi­li­sier­ten Groß­pro­duk­ti­on. Dazu gehört auch die weit­ge­hen­de Inte­gra­ti­on von Kun­den und Geschäfts­part­nern in Produktionsprozesse.

 

Der neue Geist des Kapitalismus

Man mag das inter­pre­tie­ren, wie man will, schwer­lich kommt man jedoch um die Fest­stel­lung her­um, dass der Kapi­ta­lis­mus heu­te, allen Wid­rig­kei­ten zum Trotz, fes­ter in unse­rem All­tag und den Vor­stel­lun­gen von Nor­ma­li­tät ver­an­kert ist als je zuvor. Die fran­zö­si­schen Auto­ren Luc Bol­t­an­ski und Eve Chia­pel­lo ana­ly­sie­ren in ihrem Best­sel­ler Der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus die Trans­for­ma­ti­on des Nach­kriegs­ka­pi­ta­lis­mus der letz­ten 40 Jah­re hin zu dem, was man heu­te den fle­xi­blen Kapi­ta­lis­mus nennt. Unter dem „neu­en Geist“ ver­ste­hen die Auto­ren eine Art Legi­ti­ma­ti­ons­ideo­lo­gie, auf die der Kapi­ta­lis­mus gera­de des­halb ange­wie­sen ist, weil er aus guten Grün­den als ein prin­zi­pi­ell absur­des Sys­tem bezeich­net wer­den kann. Der „stum­me Zwang der Ver­hält­nis­se“ (Marx) allein rei­che nicht aus, um die Legi­ti­mi­tät des Kapi­ta­lis­mus zu garan­tie­ren. Ent­schei­dend sei viel­mehr die Ebe­ne der sym­bo­li­schen Ord­nung, also der Kul­tur. Hier wird über die Quel­len der Begeis­te­rung, indi­vi­du­el­le Sicher­heits­ver­spre­chen und die Teil­ha­be am All­ge­mein­wohl ent­schie­den. Stand bei Max Weber der Kapi­ta­lis­mus noch für zen­tra­li­sier­te und durch­bü­ro­kra­ti­sier­te Unter­neh­men, also gewis­ser­ma­ßen für Unfrei­heit, steht der neue Geist des Kapi­ta­lis­mus für das Gegen­teil. Sein Cre­do ist die Eman­zi­pa­ti­on von über­kom­me­nen For­men des Lebens, Arbei­tens und Ler­nens. Laut Boltanski/Chiapello ist der neue kapi­ta­lis­ti­sche Geist eine Erfin­dung des Manage­ments. In die Welt kam er, indem neue Kon­zep­te zur Orga­ni­sa­ti­ons­ge­stal­tung und Per­so­nal­pla­nung ent­wi­ckelt und imple­men­tiert wur­den. Das Resul­tat war, dass die Orga­ni­sa­ti­on von Unter­neh­men – und damit auch die Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se und Kar­rie­re­we­ge – in den ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren auf neue Füße gestellt wur­de. Beglei­tet wur­de die­se Trans­for­ma­ti­on mit der Eta­blie­rung neu­er Kul­tur­mus­ter. Der neue Geist, gewis­ser­ma­ßen unser Zeit­geist, wird mit Fle­xi­bi­li­tät, Krea­ti­vi­tät, Mobi­li­tät und Eigen­ver­ant­wor­tung buch­sta­biert; Akti­vi­tät und Belast­bar­keit sind die zen­tra­len Anfor­de­run­gen, Auto­no­mie und Authen­ti­zi­tät die locken­den Ver­spre­chen. Aber damit nicht genug: Die Auto­ren sind der Mei­nung, dass die genann­ten Schlüs­sel- und Reiz­wör­ter zu neu­en Wahr­neh­mungs- und Beur­tei­lungs­mus­tern wer­den, die auf die ver­schie­dens­ten Berei­che einer Gesell­schaft über­trag­bar sind.

 

Selbst­ver­wirk­li­chung und Ausbeutung

Stellt man dem Zeit­geist die Fra­ge, wor­in die Ver­hei­ßung des gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus liegt, dann wird man unge­fähr fol­gen­de Ant­wort erhal­ten: Wer aktiv ist, wer sich mit jeder Facet­te der Per­sön­lich­keit ein­bringt, wer auch außer­halb der Arbeit Enga­ge­ment zeigt und Netz­wer­ke bil­det, wer bereit ist, bio­gra­fisch und beruf­lich fle­xi­bel zu blei­ben und sich nicht scheut, die Rich­tung der eige­nen Ent­wick­lung not­falls zu kor­ri­gie­ren, wer das lebens­lan­ge Ler­nen ernst nimmt, wer sich nicht an star­ren Berufs­bil­dern fest­klam­mert und statt des­sen den Aus­bau der eige­nen Employa­bi­li­ty vor­an­treibt, der macht alles rich­tig. Des­sen Bemü­hun­gen wer­den mit beruf­li­chem Erfolg, Ver­wirk­li­chung der eige­nen Zie­le, authen­ti­scher Ent­wick­lung der Per­sön­lich­keit und gesell­schaft­li­cher Wert­schät­zung belohnt. Der hat sich selbst verwirklicht.

Nach dem bis­her Gesag­ten soll­te die Roman­ze mit dem „neu­en“ Kapi­ta­lis­mus zu einem Hap­py End füh­ren. Doch wo lie­gen die Fall­stri­cke? Ein Fall­strick wäre, dass das Ide­al der Selbst­ver­wirk­li­chung heu­te zur sozia­len Norm gewor­den ist – du musst dich selbst ver­wirk­li­chen! Die Selbst­ver­wirk­li­chung voll­zieht sich – wie soll­te es anders sein – im Beruf, der als Beru­fung die inners­te Lei­den­schaft des Arbeit­neh­mers wider­spie­geln soll. In der Wett­be­werbs­ge­sell­schaft unse­rer Tage führt die­se Norm immer häu­fi­ger zu unan­ge­neh­men Neben­fol­gen. Dies­be­züg­lich lie­ßen sich bei­spiels­wei­se das Burn-out-Syn­drom und ande­re Erschöp­fungs­er­schei­nun­gen als zeit­ge­mä­ße Lei­den an der Gesell­schaft inter­pre­tie­ren. Der New Yor­ker Psy­cho­ana­ly­ti­ker Her­bert J. Freu­den­ber­ger, gewis­ser­ma­ßen der Erfin­der der Burn-out-Dia­gno­se, hob in sei­nen Fall­be­schrei­bun­gen die Erwar­tungs­ent­täu­schung als ent­schei­den­de Kom­po­nen­te her­vor. Burn-out ist dem­nach nicht ein­fach nur eine Über­las­tungs­er­schei­nung. Viel­mehr wird Arbeit, die im Zei­chen eines hohen Ide­als steht, dann gefähr­lich, wenn sie sich trotz gestei­ger­tem Auf­wand nicht in ihrer idea­li­sier­ten Form rea­li­siert. Viel­leicht ist die Selbst­ver­wirk­li­chung in der Arbeit eine durch­aus gefähr­li­che Angelegenheit.

Mit der Arbeits- und Indus­trie­so­zio­lo­gie las­sen sich sol­che Über­le­gun­gen stüt­zen. Die Sub­jek­ti­vi­tät des Arbeit­neh­mers gilt heu­te als wich­ti­ger Pro­duk­ti­ons­fak­tor. Wis­sen, Krea­ti­vi­tät und Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­tenz sind zen­tra­le Res­sour­cen – egal ob beim Fach­ar­bei­ter oder Wer­be­tex­ter. Wenn vol­ler Ein­satz erwar­tet wird und wir mit Haut und Haa­ren in die Wert­schöp­fungs­ket­ten ein­ge­baut sind, lässt sich das auch als zeit­ge­mä­ßer Aus­beu­tungs­me­cha­nis­mus fest­ma­chen – ‚Soci­al Fracking’ könn­te man das nen­nen. Hin­zu tritt, dass die mit der neu­en Arbeits­welt ver­bun­de­nen Anfor­de­run­gen (Fle­xi­bi­li­tät, Krea­ti­vi­tät, Mobi­li­tät, Eigen­ver­ant­wor­tung) mit einem erhöh­ten Koor­di­na­ti­ons­be­darf außer­halb der Arbeit ein­her­ge­hen. Arbeit und Leben müs­sen mit­ein­an­der in Ein­klang gebracht wer­den. Nicht nur die Arbeits­kraft, auch die Lebens­kraft sind in die­sem Sinn wich­ti­ge Güter, die repro­du­ziert wer­den müs­sen. Der Sozio­lo­ge Ulrich Beck hat unter dem Stich­wort Indi­vi­dua­li­sie­rung sehr pro­mi­nent auf die Ambi­va­len­zen sol­cher Ent­wick­lun­gen hin­ge­wie­sen. Sei­ner Mei­nung nach ist die Siche­rung der pri­va­ten Exis­tenz immer offen­sicht­li­cher von Ver­hält­nis­sen abhän­gig, die sich unse­rem Zugriff fast voll­stän­dig ent­zie­hen. Das lässt auch Selbst­ver­wirk­li­chung in und durch Erwerbs­ar­beit zu einem pre­kä­ren Vor­ha­ben wer­den. Und das, obwohl unse­re Zeit und unse­re Kul­tur im Zei­chen der Eigen­ver­ant­wor­tung und Selbst­be­haup­tung stehen.

 

Was tun?

Kann man oder muss man sogar das The­ma Selbst­ver­wirk­li­chung aus den Klam­mern der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­ein­nah­mung lösen? Wie könn­te das aus­se­hen? Wer soll­te das tun? Auf die Poli­tik soll­te man hier nicht all­zu viel Hoff­nung set­zen. Auch ist das Bild der rich­ti­gen Stell­schrau­ben, an denen man nur dre­hen müs­se, nicht rich­tig. Kul­tur ist ein kom­ple­xes The­ma, die Mög­lich­keit ihrer Beein­flus­sung bezie­hungs­wei­se Ver­än­de­rung umstrit­ten. Noch schwie­ri­ger dürf­te das bei den Struk­tu­ren sein, die unse­re kapi­ta­lis­ti­sche Lebens­form prä­gen. Was also kann man machen?

Harald Wel­zer, Sozio­lo­ge und Sozi­al­psy­cho­lo­ge aus Ber­lin, hat kürz­lich die Stif­tung FuturZ­wei gegrün­det, die das Ziel ver­folgt, Geschich­ten über alter­na­ti­ve For­men der Lebens­ge­stal­tung zu sam­meln. Denn etwas anders machen zu wol­len, setzt vor­aus, eine Idee zu haben, wie man etwas anders machen kann. Genau davon han­deln die­se Geschich­ten, von klei­nen Bei­trä­gen zum all­mäh­li­chen Umdenken.

Man kann es aber auch ganz anders machen. Im Künst­ler­mi­lieu ist bekannt­lich die Avant­gar­de zu Hau­se. Von dort ist ein Mot­to bekannt, das viel­leicht wei­ter­hilft: Selbst­ver­wirk­li­chung ist das Ide­al von Vollidioten.

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Ralf M. Damitz stu­dier­te Sozio­lo­gie, Poli­tik­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie. Er ist Lehr­be­auf­trag­ter an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten und lebt in Kassel.

Die­ser Arti­kel ist erst­mals in agora42 1/2015 Ups & Downs erschie­nen. In die­ser Aus­ga­be fin­den Sie wei­te­re Arti­kel zu die­sem Thema.

Virtual lunacy – Mit Biomasse in eine nachhaltige Parallelwelt

Virtual lunacy – Mit Biomasse in eine nachhaltige Parallelwelt

von Ste­fa­nie Geiselhardt

 

Als Carl von Car­lo­witz 1713 den forst­wirt­schaft­li­chen Grund­satz präg­te, dass in einem Wald nur so viel Holz geschla­gen wer­den dür­fe, wie nach­wach­sen kann, stand für ihn der Nutz­wert als Bau- und Brenn­stoff im Vor­der­grund. Über Was­ser­schutz, Sta­bi­li­sie­rung von Böden und Koh­len­stoff­spei­che­rung dürf­te er kaum nach­ge­dacht haben. Und schon gar nicht über die Fähig­keit eines Bau­mes zur Pro­zes­sie­rung von Infor­ma­tio­nen. „Ein Baum ist ein mit Son­nen­licht betrie­be­ner Com­pu­ter“, schreibt César Hid­al­go, Asso­cia­te Pro­fes­sor am MIT in Bos­ton, in sei­nem Buch Why infor­ma­ti­on grows. Er „ver­ar­bei­tet die Infor­ma­tio­nen, die in sei­ner Umge­bung ver­füg­bar sind.“ Und dabei führt er Ope­ra­tio­nen durch, wie Stoff­wech­sel­tä­tig­keit, Holz­pro­duk­ti­on und Sauer­stoff­ab­ga­be. Umwelt- und Wirt­schafts­po­li­ti­ker ver­su­chen der­zeit, die­sen der Natur inne­woh­nen­den Fähig­kei­ten einen Geld­wert zuzu­schrei­ben, um zu einer öko­lo­gisch wie sozi­al gerech­ten Preis­bil­dung zu gelan­gen. Was in der Theo­rie gut klingt, hat in der Pra­xis einen Pfer­de­fuß: An der Fokus­sie­rung auf den Nutz­wert ändert sich nichts.

Virtual lunacy Geiselhardt

Mensch gestal­tet sei­nen Lebens­raum unter Ver­wen­dung natür­li­cher Res­sour­cen. Aus einem Baum kann ich mir zum Bei­spiel einen Tisch bau­en. Dabei ver­än­de­re ich nicht das Mate­ri­al – es ist immer noch Holz – wohl aber die dar­in gespei­cher­ten Infor­ma­tio­nen. Aus Anlei­tun­gen für Pho­to­syn­the­se und Blatt­wachs­tum wer­den auf den Men­schen bezo­ge­ne Hand­lungs­in­for­ma­tio­nen: was drauf stel­len und dar­an Haus­auf­ga­ben machen. Ich kann den Baum aber auch in einem Kraft­werk ver­feu­ern. Dann wird mit dem Infor­ma­ti­ons­ge­halt auch die Sub­stanz eli­mi­niert. Der Baum wird wie­der zu Gas, einem Häuf­chen Dreck und Ener­gie. Die­se Ener­gie könn­te dann den Com­pu­ter eines World-of-War­craft-Pro­gram­mie­rers antrei­ben, der gera­de einen Baum im Tal der Vier Win­de pro­gram­miert. Aber nie­mand wür­de Bäu­me abfa­ckeln, um vir­tu­el­le Bäu­me zu pro­gram­mie­ren. Oder?

In Indo­ne­si­en, die­sem weit ent­fern­ten Insel­staat am unte­ren Rand Asi­ens, wer­den jähr­lich 700 000 Hekt­ar Regen­wald gero­det – haupt­säch­lich, um Platz für Palm­öl­plan­ta­gen zu schaf­fen. Von die­sem Palm­öl wird etwa die Hälf­te zu Bio­sprit umge­wan­delt, das Autos antreibt oder Strom erzeugt. Und mit die­sem Strom (Öko­strom, weil Bio­mas­se!) wer­den dann Mil­lio­nen Com­pu­ter gefüt­tert, an denen Daten pro­du­ziert wer­den. Com­pu­ter wie die­ser hier, an dem ein Text über Bäu­me geschrie­ben wird. Ich habe hier­mit also mei­nen Bei­trag geleis­tet, um einen rea­len Urwald­rie­sen in eine ver­ba­le Beschrei­bung sei­ner selbst zu über­füh­ren. Und da aus kei­ner Steck­do­se 100 Pro­zent Öko­strom kom­men, habe ich gleich noch ein paar urzeit­li­che Urwald­rie­sen in Form von Koh­le und Öl mit zu Buch­sta­ben verwurstet.

Viel­leicht sind all die Men­schen, die den Groß­teil ihres Lebens mit Com­pu­ter­spie­len ver­brin­gen, ja gar nicht welt­fremd und lebens­un­tüch­tig, son­dern ein­fach nur ihrer Zeit weit vor­aus. Viel­leicht sind sie es, die als ers­te ver­stan­den haben, dass es nur eine Fra­ge der Zeit ist, bis wir unse­re phy­si­sche Umwelt voll­stän­dig in eine vir­tu­el­le über­führt haben? Dann blie­be nur noch zu klä­ren, ob das Carlowitz’sche Prin­zip der Nach­hal­tig­keit auch im Wald von Elwynn anwend­bar ist.

 

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Stefanie GeiselhardtSte­fa­nie Gei­sel­hardt lebt als freie Redak­teu­rin für Umwelt- und Wis­sen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on in Ber­lin. Sie inter­es­siert sie sich dafür, wie Mensch und Natur heu­te und in Zukunft mit­ein­an­der klar kom­men & dabei kreuz und quer durch alle Dis­zi­pli­nen den­ken. Dar­über schreibt die pro­mo­vier­te Öko­lo­gin auch auf ihrem Blog: www.stefanie-geiselhardt.de

 

Leitbild: Coolness

Der Reiz der Coolness

Warum Unternehmen über ihre Coolness nachdenken sollten – von Christian Julmi

 

Christian Julmi sw

Dr. Chris­ti­an Julmi ist Habi­li­tand und aka­de­mi­scher Rat am Lehr­stuhl für Betriebs­wirt­schafts­leh­re, ins­be­son­de­re Orga­ni­sa­ti­on und Pla­nung, an der Fern­Uni­ver­si­tät in Hagen. Sei­ne For­schungs­schwer­punk­te sind Orga­ni­sa­ti­on und Unternehmensführung.

Kaum etwas prägt das Selbst­ver­ständ­nis unse­rer Gegen­wart so sehr wie die Vor­stel­lung oder das Gefühl von Cool­ness. Auf Uncool­ness steht dage­gen die Höchst­stra­fe: Man wird nicht beschimpft, gemobbt oder kri­ti­siert, son­dern schlicht igno­riert. Uncoo­le sind unsicht­bar. Trotz die­ser Rele­vanz steht die Cool­ness wohl eher sel­ten auf der Tagesagen­da in Unter­neh­men. Das Pro­blem mit der Cool­ness ist, dass eigent­lich kei­ner so genau weiß, was das ist, so dass es auch ent­spre­chend schwie­rig ist, damit zu arbei­ten. Es gibt heu­te eigent­lich nichts mehr, das nicht ent­we­der cool oder uncool wäre. Der Abend ges­tern: cool; das Kopf­weh heu­te: uncool; Men­schen, die cool sein wol­len: uncool; Men­schen, denen ihre Cool­ness egal ist: cool. Für Unter­neh­men ist Cool­ness ent­spre­chend schwer zu grei­fen. Damit sich das ändert und Cool­ness für Unter­neh­men mehr als nur eine Black Box ist, nähert sich die­ser Bei­trag dem Phä­no­men der Cool­ness aus einer etwas ande­ren Perspektive.

 

Claus Kleber – cool

Als Lebens­ge­fühl hat Cool­ness zunächst etwas Vages, schwer zu fas­sen­des, gewinnt jedoch gera­de aus die­ser Vag­heit einen immensen Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum. Was cool ist und was nicht, hängt immer vom jewei­li­gen Milieu ab. Wäh­rend es in der einen Grup­pe cool ist, sei­ne Gren­zen aus­zu­tes­ten, fin­det es die ande­re cool, sei­nen Wer­ten treu zu blei­ben. Wirk­lich zu einer Grup­pe gehört aber nur, wer in sei­nem Milieu als cool gilt, wes­halb man­che gar von einer „Dik­ta­tur der Cool­ness“ spre­chen. Sucht man nach einem Begriffs­ver­ständ­nis für Cool­ness, besteht eine gän­gi­ge Auf­fas­sung dar­in, dass sie dar­auf abzielt, die eige­ne Ver­letz­lich­keit und Schwä­che, aber auch Wut oder Ver­zweif­lung zu ver­ber­gen, um Macht, Stär­ke, Ruhe und Gelas­sen­heit zu demons­trie­ren. Das klingt ein­leuch­tend, ist aber zu kurz gedacht. Als etwa der Mode­ra­tor Claus Kle­ber im „heu­te jour­nal“ bei einem Bei­trag über Flücht­lings­kin­der vor lau­fen­der Kame­ra sicht­bar mit den Trä­nen rang, fan­den das vie­le cool. Einen Nach­rich­ten­spre­cher, der pro­fes­sio­nell sei­ne The­men vor­trägt und gekonnt sei­ne Affek­te unter­drückt, wür­de man dage­gen eher nicht als coo­len Typen bezeichnen.

 

Der Kick ist cool

Ein tref­fen­de­res Ver­ständ­nis von Cool­ness lässt sich mit dem Kie­ler Phi­lo­so­phen Her­mann Schmitz auf­zei­gen. Coo­le Typen zeich­nen sich für Schmitz dadurch aus, dass sie gekonnt mit Ange­bo­ten aller Art umge­hen, ohne sich dabei ver­bind­lich auf irgend­et­was ein­zu­las­sen, etwa beim Sur­fen im Inter­net oder Zap­pen im Fern­seh­pro­gramm. Wah­re Cool­ness zeigt sich für Schmitz in einer Vir­tuo­si­tät abso­lu­ter Wen­dig­keit, sich in iro­ni­scher Distanz über jeden Stand­punkt erhe­ben und jeden Stand­punkt ein­neh­men zu kön­nen. Coo­le Typen sind dar­auf ein­ge­stellt, sich jeder­zeit allem zu- und wie­der abwen­den zu kön­nen. Damit ein­her geht ein hohes Maß an Rast­lo­sig­keit, denn Coo­le wer­den von einem Event zum nächs­ten getrie­ben. In Anbe­tracht des heu­te herr­schen­den Über­an­ge­bots an Mög­lich­kei­ten führt die­se Vir­tuo­si­tät der Wen­dig­keit und die sie antrei­ben­de Rast­lo­sig­keit letzt­lich zu einem sich selbst ver­stär­ken­den Gleich­gül­tig­keits­ef­fekt: Weil sich der Mensch von einem Event zum nächs­ten trei­ben lässt, gibt es immer weni­ger Din­ge, die ihn wirk­lich berüh­ren. Der Mensch ist per­ma­nent auf der Suche nach neu­en Rei­zen, die ihn berüh­ren und für einen Moment aus der Rast­lo­sig­keit befrei­en, bis auch die­se Rei­ze ver­braucht sind und Lan­ge­wei­le sich breit macht. Coo­le Men­schen brau­chen stän­dig neue Rei­ze, nur um sie abzu­ha­ken: Been the­re, done that! Cool­ness ist also gera­de nicht Emo­ti­ons­lo­sig­keit, son­dern ein emo­tio­na­ler Reiz oder Kick.

In sozia­len Netz­wer­ken sug­ge­rie­ren ein­zel­ne Posts des­halb immer extre­me­re emo­tio­na­le Kicks, um aus der Mas­se noch her­vor­zu­ste­chen zu kön­nen. Da heißt es: „Dein Leben wird nicht mehr das­sel­be sein, wenn du das liest“ oder „Das ist das Berüh­rends­te, das ich je gese­hen habe“. Das, was wirk­lich berührt, ist für einen Moment cool, wird zum Hype, ver­flacht schnell wie­der und ver­schwin­det dann in der Ver­sen­kung. Es gibt nichts Uncoo­le­res, als etwas zu tei­len, das sei­nen Hype schon hin­ter sich hat. Wer dann irgend­wo zu lan­ge ver­bleibt, wäh­rend sich die ande­ren schon wie­der gedreht und gewen­det haben, gilt als uncool. Die­ser Effekt zeigt sich auch bei erns­te­ren The­men. Als das mit den Peti­tio­nen los­ging, war es cool, sich zu enga­gie­ren. Lasst uns mal eben die Welt ret­ten, na klar, ich bin dabei, ist doch für den guten Zweck. Heu­te: Nicht schon wie­der die­se ner­vi­gen Peti­tio­nen. Lang­wei­lig! Been the­re, done that! Das gege­be­ne Ver­ständ­nis von Cool­ness lässt sich auch auf den emo­tio­na­len Aus­bruch von Claus Kle­ber anwen­den. Da zappt man sich so durchs Pro­gramm, lässt sich von den Nach­rich­ten ein­lul­len und plötz­lich ist da die­ser Moment, der einen berührt und aus der Gleich­gül­tig­keit her­aus­reißt. Cool! Nun stel­le man sich vor, der wür­de das regel­mä­ßig machen. Och nö, nicht schon wie­der die­se Heul­su­se, schalt mal wei­ter, das nervt. Uncool!

 

Marktforschung – uncool

Wenn Cool­ness das Sinn­bild unse­rer Gesell­schaft ist, dann geht das natür­lich auch an Unter­neh­men nicht vor­bei. Coo­le Typen arbei­ten in coo­len Unter­neh­men und kon­su­mie­ren coo­le Pro­duk­te. Uncoo­le Unter­neh­men und Pro­duk­te wer­den dage­gen igno­riert. Wer Erfolg haben will, kommt an der Cool­ness nur schwer vor­bei. Die wirk­lich coo­len Unter­neh­men haben das längst erkannt und wis­sen, dass sie sich nicht auf dem Sta­tus Quo aus­ru­hen kön­nen. Sie müs­sen stän­dig mit neu­en Ange­bo­ten neue Rei­ze set­zen, mit denen die Men­schen über­rascht und gefan­gen genom­men wer­den. Das zeigt sich im klei­nen wie im gro­ßen. Dass Goog­le das Logo sei­ner Such­ma­schi­ne lau­fend aktu­el­len Anläs­sen anpasst und immer wie­der ger­ne mit aus­ge­feil­ten Designs über­rascht, mag ein Detail sein, zeigt aber deut­lich die Inten­ti­on des Unter­neh­mens im beschrie­be­nen Sin­ne. Apple hat es über Jah­re hin­weg im gro­ßen Stil geschafft, sich sein eige­nes Milieu zu schaf­fen, in dem „cool sein“ das Glei­che bedeu­tet wie „von Apple sein“. Allen vor­an war es Ste­ve Jobs, der das Über­ra­schungs­mo­ment neu­er Pro­duk­te über Jah­re hin­weg der­art zele­briert hat, dass er eine Art gewal­ti­gen Reiz­druck auf­bau­en konn­te, der sich dann lust­voll – wenn nicht gar hys­te­risch – ent­lud. Jobs wuss­te intui­tiv, was es bedeu­tet, cool zu sein, und er wuss­te auch, dass sich mit Markt­for­schung wenig dar­über her­aus­fin­den lässt, was Men­schen cool fin­den, weil der Schlüs­sel zur Cool­ness gera­de in der Über­ra­schung liegt, weil das Bekann­te schon bekannt ist und kei­nen emo­tio­na­len Kick (mehr) auslöst.

Als Sinn­bild für die kul­tu­rel­le Gegen­wart ist Cool­ness ein wich­ti­ger Schlüs­sel, in ihr erfolg­reich zu bestehen. Es darf daher ver­wun­dern, dass sich so wenig Unter­neh­men expli­zit mit die­sem The­ma aus­ein­an­der­set­zen. Dabei ist Cool­ness mehr als nur eine per­sön­li­che Atti­tu­de. Cool­ness ist etwas, das da drau­ßen in der Welt statt­fin­det und von Unter­neh­men kon­kret beein­flusst wer­den kann. Ande­re haben es vor­ge­macht und kön­nen als Vor­bild die­nen. Aber Vor­sicht: Das rei­ne Nach­ma­chen ist der größ­te Feind der Cool­ness. Wer sich nur aktu­el­len Trends anpasst, hinkt der Cool­ness mit Sicher­heit immer min­des­tens einen Schritt hin­ter­her. Denn Cool­ness ist rast­los, wen­dig, vir­tu­os… und im Zwei­fel schon wie­der ganz woanders.

Der Professor in der Kneipe oder der Kannibale in uns

Der Professor in der Kneipe oder der Kannibale in uns

 

Thank God It's Friday Es war eine Begeg­nung der beson­de­ren Art, so eine, die man nicht pla­nen kann, die zufäl­lig pas­siert. Ich war abends in der Knei­pe und kam ins Gespräch mit einem Pro­fes­sor für Medi­zin. Dem Zeit­geist fol­gend, kamen wir auf das Flücht­lings­the­ma zu spre­chen. Er äußer­te einen Ein­wand gegen die Auf­nah­me von Flücht­lin­gen, den ich bis­her noch nicht gehört hat­te: Deutsch­land soll­te kei­ne wei­te­ren Flücht­lin­ge auf­neh­men, denn schließ­lich wer­den Flücht­lin­ge in die­sem Land ali­men­tiert. Die Sor­ge des Pro­fes­sors war nun, dass die Kos­ten für die Ver­sor­gung der Flücht­lin­ge immer wei­ter stei­gen wür­den. Und da der Kuchen an Steu­er­gel­dern, der ins­ge­samt zur Ver­fü­gung steht, nicht grö­ßer wer­de, hät­te dies zur Fol­ge, dass er letzt­lich um sei­ne For­schungs­gel­der fürch­ten müs­se. Flücht­lin­ge gefähr­den For­schungs­gel­der. Punkt.

 

An die­ser Stel­le stand ich auf und sag­te, dass ich mich mit sol­chen Leu­ten nicht unter­hal­ten will. Mit „sol­chen“ mein­te ich Per­so­nen, die sich kei­ne Sor­gen um ihre Exis­tenz machen müs­sen (in der Regel soll­te ein fest­an­ge­stell­ter Pro­fes­sor an einer deut­schen Hoch­schu­le in der Lage sein, sei­ne Rech­nun­gen bezah­len zu kön­nen) und den­noch jedes Min­dest­maß an Mensch­lich­keit ver­lie­ren, sobald sie eine Ent­beh­rung fürch­ten. Vor solch einem Hin­ter­grund wirkt die Debat­te um die Legi­ti­mi­tät der soge­nann­ten Wirt­schafts­flücht­lin­ge dop­pelt absurd.

 

Schließ­lich beruht doch zum einen der Wohl­stand des Wes­tens bzw. der ent­wi­ckel­ten Indus­trie­län­der auf der wirt­schaft­li­chen Mise­re der Regio­nen, aus denen die soge­nann­ten Wirt­schafts­flücht­lin­ge stam­men – wie man bei­spiels­wei­se in den Büchern Con­fes­si­ons of an eco­no­mic hit­man von John Per­kins oder Der Hass auf den Wes­ten von Jean Zieg­ler nach­le­sen kann. Zum ande­ren ist es nicht nach­voll­zieh­bar, war­um den Per­so­nen, die man zunächst aus­ge­beu­tet hat, nun die Teil­ha­be am erbeu­te­ten Wohl­stand ver­wehrt wer­den soll­te – vor allem, wenn das ein­zi­ge Argu­ment dar­in besteht, dass man den “eige­nen” Wohl­stand poten­zi­ell gefähr­det sieht.

 

Auch auf die Gefahr hin, dass das Ende die­ses kur­zen Tex­tes so unver­mit­telt ist, wie der Anfang, möch­te ich Sie, lie­be Lese­rin­nen und Leser, mit zwei Hin­wei­sen ins Wochen­en­de ent­las­sen: Der ers­te Hin­weis bezieht sich auf einen Film ZEIT DER KANNIBALEN, der wun­der­bar die Neu­ro­sen der Opti­mie­rungs­ge­sell­schaft seziert (ZEIT) und ein Ende bereit­hält, das man besag­tem Pro­fes­sor nicht wün­schen darf. Und als zwei­ten Hin­weis möch­te ich Sie ger­ne auf eine alter­na­ti­ve Defi­ni­ti­on des Begriffs “Wirt­schafts­flücht­ling” ver­wei­sen, die ich auf TOMS WOCHENSCHAU fand.

 

Ich wün­sche Ihnen trotz der erns­ten The­men ein­an­ge­neh­mes Wochenende.

Thank God It’s Fri­day! Ihr,

Wolf­ram Bernhardt

Gedankenspiel der agora42 2/2015

28.01.2051

Lie­bes Tagebuch,

heu­te ging ich das ers­te Mal seit Mona­ten wie­der zum Ein­kau­fen in die Nan­jing Road. Ich such­te nach einer neu­en Matrat­ze. Mit mei­nem alten Futon hat­te ich mich irgend­wie aus­ein­an­der­ge­lebt. Außer­dem woll­te ich auf dem Tier­markt nach Rot­kehl­chen mit fluo­res­zie­ren­dem Gefie­der Aus­schau hal­ten. Lin hat­te mir ja letz­te Woche erzählt, dass sie an der Ent­wick­lung einer sol­chen Vari­an­te arbei­ten würde.

Als ich aus der Metro-Sta­ti­on kam, war ich aller­dings erst ein­mal ori­en­tie­rungs­los, weil wie­der in so vie­len Geschäf­ten die Mie­ter gewech­selt hat­ten. Über die Kon­takt­lin­sen ließ ich mir eine Matrat­zen­bou­tique emp­feh­len und den Weg dort­hin ein­blen­den. Der Futon-Store wur­de von einem sehr enga­gier­ten Robo­ter geführt. Er ser­vier­te Tee und schau­te mit mir zusam­men durch mein Schlaf­pro­fil und mein Psy­cho­gramm. Auf die­ser Basis wähl­te er zwei Matrat­zen aus, die er mir nach­ein­an­der vor­stell­te. Die Futons unter­schie­den sich nicht in Bezug auf Mate­ri­al, Ver­ar­bei­tung und Funk­tio­na­li­tät; nur cha­rak­ter­lich wie­sen sie fei­ne Nuan­cen auf. Wenn man heut­zu­ta­ge nach Qua­li­tät sucht, ach­tet man ja in ers­ter Linie auf die men­ta­len Eigen­schaf­ten der Pro­duk­te. Der ers­ten Matrat­ze merk­te man eine gewis­se Unsi­cher­heit an. Wäh­rend ich zur Pro­be lag und sie ver­schie­de­ne Här­te­stu­fen durch­pro­bier­te, frag­te sie alle paar Sekun­den, wie es mir gefie­le. Der zwei­te Futon war etwas for­scher. Er schob mich hin und her, kon­tra­hier­te und ent­spann­te sein Gewe­be, so dass ich sogar ein klein wenig auf und ab hüpf­te. Ich muss­te lachen, der Futon und der Robo­ter eben­falls. Wir ver­stan­den uns auf Anhieb. Ich zöger­te nicht mit der Bestel­lung und hoff­te nur, dass sich die Matrat­ze auch in mei­nem Apart­ment wohl­füh­len würde.

Als ich das Geschäft ver­ließ, wies mir ein zuvor­kom­men­des Wer­be­dis­play schon den Weg zum Tier­markt. Ein zwei­tes Dis­play dane­ben zeig­te mir den Wer­be­clip von einem Anbie­ter für Urlaubs­er­in­ne­run­gen. Das machen ja jetzt immer mehr Leu­te. Die fah­ren gar nicht mehr in den Urlaub, son­dern kau­fen sich ein­fach eine ent­spre­chen­de Erin­ne­rung, die sie sich ein­spie­len. Wenn die gut gemacht ist, kann man sie von einer rea­len Erin­ne­rung nicht unter­schei­den. Ich miss­traue die­ser Tech­no­lo­gie aber. Schließ­lich wird man dabei immer ein biss­chen mani­pu­liert. Außer­dem kommt die Tech­no­lo­gie ganz ein­deu­tig aus der Schmud­del­ecke. Jah­re­lang beschränk­te sich das Her­un­ter­la­den von Erin­ne­run­gen ja auf sexu­el­le Erfah­run­gen. Für die jun­gen Leu­te von heu­te ist das ganz nor­mal. Ich war schon drauf und dran, den Wer­be­clip zu igno­rie­ren, als ich rea­li­sier­te, dass die ange­prie­se­ne Rei­se­er­in­ne­rung von Kam­bo­dscha han­del­te. Irgend­ein Ange­bot anläss­lich des fünf­jäh­ri­gen Jubi­lä­ums des Bei­tritts von Kam­bo­dscha zur Chi­ne­si­schen Uni­on. Nun, auch ich war vor einem Jahr dort im Urlaub gewe­sen; habe erst Ang­kor Wat bestaunt, dann Phnom Penh erkun­det und mich zum Schluss an den Strän­den von Siha­nouk­vil­le erholt. Es war wirk­lich toll. Das Selt­sa­me war, dass die Rei­se­er­in­ne­rung in dem Wer­be­clip exakt die­se Tour abbil­de­te. Und nicht nur das. Die gezeig­ten Bil­der waren kom­plett deckungs­gleich mit mei­nen eige­nen Erin­ne­run­gen. Mein ers­ter Gedan­ke war: War­um zeigt mir die Tafel das Video? Soll­te ich mich dar­über ärgern, dass ich eine teu­re Rei­se gemacht habe, die ich auch für wenig Geld als Erin­ne­rung hät­te kau­fen kön­nen? Mein zwei­ter Gedan­ke war: Habe ich die Rei­se über­haupt gemacht? Hat­te ich nicht viel­leicht erst vor ein paar Tagen die­se Rei­se­er­in­ne­rung her­un­ter­ge­la­den, die hier bewor­ben wur­de? Und war die­se Urlaubs­il­lu­si­on ein­fach so per­fekt, dass ich sie für eine rea­le Erin­ne­rung hielt? Aber war­um wur­de mir die Wer­bung dann erneut gezeigt? Woll­te der Anbie­ter an mei­ner Irri­ta­ti­on tes­ten, wie immer­siv und seam­less sein Ange­bot war? Mein drit­ter Gedan­ke war: Hat­ten Hacker mei­ne Erin­ne­run­gen gestoh­len und dar­aus ein Ange­bot ent­wi­ckelt, das sie nun ver­mark­te­ten? Aber wie­so soll­ten sie den Feh­ler machen, aus­ge­rech­net mir die Wer­bung zu zei­gen? Oder waren das wie­der­um ande­re Hacker und Akti­vis­ten, die den Skan­dal des Erin­ne­rungs­dieb­stahls nur auf­de­cken woll­ten? Der gan­ze Vor­fall hat mich zutiefst irri­tiert. Ich bin erst ein­mal nach Hau­se gefah­ren und wer­de spä­ter mei­ne Kalen­der und Kon­to­be­we­gun­gen über­prü­fen, um zumin­dest Anhalts­punk­te dafür zu fin­den, ob ich wirk­lich in Kam­bo­dscha war. Ich mel­de mich, sobald ich mehr weiß. Versprochen!

Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, wirft für jede Aus­ga­be der agora42 den Blick in die Zukunft.

Das Jo-Jo mit der Nachhaltigkeit

Das Jo-Jo mit der Nachhaltigkeit

Aus der aktu­el­len Aus­ga­be 1/2015

Auf der sneep Herbst­ta­gung, die wir als Medi­en­part­ner beglei­te­ten, wur­de ein Phänomen ange­spro­chen, das wun­der­bar zum The­ma der aktu­el­len Aus­ga­be passt: der Jo-Jo-Effekt. Aber der Rei­he nach.

Verantwortung ja, nur bis wohin?

Das The­ma der Tagung war „Nach­hal­tig­keit in der Wertschöpfungskette“ und nahm sich der Fra­ge an, wie Unter­neh­men bei allen Schrit­ten der Wertschöpfung – also der Beschaf­fung von Res­sour­cen und Mate­ri­al, der Pro­duk­ti­on bis hin zur Ent­sor­gung – nicht nur ökonomische Fak­to­ren berücksichtigen können, son­dern glei­cher­ma­ßen auch ökologische und sozia­le. Die Rele­vanz die­ser Fra­ge­stel­lung wird beson­ders deut­lich, wenn man sich vor Augen führt, dass bei­spiels­wei­se die Sie­mens AG pro Jahr Waren im Wert von cir­ca 40 Mil­li­ar­den Euro ein­kauft, wie Unter­neh­mens­mit­ar­bei­ter und Refe­rent Tho­mas Kentsch ausführte.

Der Sie­mens AG genüge es nicht, bei der Pro­duk­ti­on ökologische und sozia­le Fak­to­ren ein­zu­be­zie­hen, während ihre Lie­fe­ran­ten die Umwelt ver­schmut­zen oder Arbeit­neh­mer­rech­te mit Füßen tre­ten, mach­te er deut­lich. Die Sie­mens AG lässt sich des­halb seit fünf Jah­ren von ihren Lie­fe­ran­ten den Code of Con­duct (zu Deutsch: Ver­hal­tens­ko­dex) unter­schrei­ben. Mit die­sem Ver­hal­tens­ko­dex ver­pflich­ten sich die Lie­fe­ran­ten, eben­falls ökologische und sozia­le Stan­dards zu beachten.

Dies wirft jedoch die nächste Fra­ge auf: Was, wenn der Lie­fe­rant selbst Pro­duk­te oder Dienst­leis­tun­gen von einer Fir­ma zukauft, die sich nicht an die maß­geb­li­chen Stan­dards hält? Bei rund 90.000 Lie­fe­ran­ten welt­weit hat die Sie­mens AG ent­schie­den, nicht bis ins letz­te Glied der Lie­fer- oder Wertschöpfungskette sicher­zu­stel­len, dass alle wünschenswerten Stan­dards ein­ge­hal­ten wer­den. Zumal eine vollständige Offen­le­gung der Wertschöpfungskette auch bedeu­ten würde, dass dann die Kon­kur­ren­ten über alle Lie­fe­ran­ten der Sie­mens AG infor­miert wären. In die­sem Fall wäre nicht aus­zu­schlie­ßen, dass die Kon­kur­renz die Zulie­fe­rer ana­ly­siert, um bestimm­te zu iden­ti­fi­zie­ren, auf die die Sie­mens AG beson­ders ange­wie­sen ist – bei­spiels­wei­se weil sie Paten­te hal­ten. Fin­det die Kon­kur­renz solch ein Unter­neh­men, ist die Ver­su­chung groß, die­ses Unter­neh­men zu kau­fen, um das Patent zu besit­zen und der Sie­mens AG die Prei­se dik­tie­ren zu können. Das ist ein nach­voll­zieh­ba­res Argument.

Miri­am Fritz von der Ber­ners Con­sul­ting GmbH präsentierte ein Vor­ha­ben, bei dem die vollständige Offen­le­gung aller Pro­duk­ti­ons­schrit­te bereits ver­wirk­licht ist. Mit dem Fair Stone Zer­ti­fi­kat ist 2007 ein inter­na­tio­na­les Ver­fah­ren eta­bliert wor­den, bei dem die kom­plet­te Lie­fer­ket­te von Natur­stei­nen – also vom Abbau bis zur Ver­mark­tung – trans­pa­rent gemacht wird. Käufer von Natur­stei­nen, die mit dem Fair Stone Sie­gel zer­ti­fi­ziert sind, können sich sicher sein, dass bei der Pro­duk­ti­on die­ser Stei­ne kei­ne sozia­len und ökologischen Stan­dards ver­letzt wor­den sind.
In einem ähnlichen Pro­jekt ana­ly­siert nun die Ber­ners Con­sul­ting GmbH in Zusam­men­ar­beit mit dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung die Wertschöpfungskette von sel­te­nen Erden. Sel­te­ne Erden sind unab­ding­bar für Bat­te­ri­en, LCD-Fern­se­her, Leucht­stoff­lam­pen und Radargeräte. Der Vor­teil eines sol­chen Sie­gels für Kon­su­men­ten, die Pro­duk­te aus nach­hal­ti­ger Pro­duk­ti­on kau­fen wol­len, liegt auf der Hand: So würde bei­spiels­wei­se der Sie­mens AG durch ein sol­ches Sie­gel die Möglichkeit gege­ben, die Nach­hal­tig­keit ihrer Wertschöpfungskette wei­ter auszubauen.

Nachhaltigkeit im nicht-nachhaltigen Umfeld?

Wolf­ram Bern­hardt vom Maga­zin agora42 griff in sei­nem Kurz­vor­trag den Ver­weis von Sie­mens-Mit­ar­bei­ter Tho­mas Kentsch auf, dass Unter­neh­men gewis­sen Sachzwängen unter­lie­gen, und stell­te die Fra­ge, inwie­fern nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten in einem nicht-nach­hal­ti­gen Umfeld überhaupt möglich ist. Ein Bei­spiel: Ste­fan Seu­ring, Pro­fes­sor für Sup­ply Chain Manage­ment an der Universität Kas­sel, führte aus, dass ein Her­ren­an­zug, der in Deutsch­land für 100 Euro über die Laden­the­ke geht, nur sie­ben Euro in der Pro­duk­ti­on kos­tet (Sum­me der Kos­ten von Mate­ri­al und Her­stel­lung). Bei die­sen Gewinn­mar­gen ist es ver­wun­der­lich, dass sich die Tex­til­un­ter­neh­men nicht für die Ver­bes­se­rung der Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen ein­set­zen. Was macht es für einen Unter­schied, ob sie statt 93 nur 92 Euro einstreichen?

Doch was las man statt des­sen Anfang des Jah­res im Tages­spie­gel? „Mas­sen­pro­tes­te in Ban­gla­desch, blu­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen in Kam­bo­dscha: Die asia­ti­schen Tex­til­ar­bei­ter weh­ren sich gegen schlech­te Arbeits­be­din­gun­gen. Die Bran­che zieht der­weil wei­ter.“ Wohin? Nach Afri­ka, wo das Lohn­ni­veau noch nicht so hoch ist wie in Fern­ost und wo den sozia­len und ökologischen Stan­dards noch nicht so viel Beach­tung zuteil wird. Zwar bedau­ert der eine oder ande­re Tex­til­un­ter­neh­mer die­se Situa­ti­on, aber oft­mals wer­den die eige­nen („bedau­erns­wer­ten“) Hand­lun­gen mit dem Ver­weis auf die Kon­kur­renz und die Markt­ge­set­ze gerechtfertigt.

Das Jo-Jo der Nachhaltigkeit

So kommt es dazu, wie Arne Sohns von der Bera­tungs­fir­ma Sys­tain ausführt, dass vie­le der sozia­len und ökologischen Initia­ti­ven über einen Jo-Jo-Effekt nicht hin­aus­kom­men: Mit gro­ßem Tam­tam wird medi­en­wirk­sam ein Pro­jekt gestar­tet, das kurz­fris­tig Veränderungen zum Bes­se­ren brin­gen soll, aber lang­fris­tig nichts an den Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen ändert. Am Ende der Dis­kus­si­on waren sich alle Tagungs­teil­neh­mer einig, dass auch der Rah­men, in dem die Bemühungen um eine nach­hal­ti­ge Wertschöpfungskette statt­fin­den, verändert wer­den müsse. Dass die­se Not­wen­dig­keit jedoch nicht das ein­zel­ne Unter­neh­men aus sei­ner Ver­ant­wor­tung entlässt, sei­ne Wertschöpfungskette nach­hal­ti­ger aus­zu­rich­ten, liegt eben­so auf der Hand.

SNEEP
sneep steht für „stu­dent net­work for ethics in eco­no­mics and prac­tice“ und ist ein gemeinnütziger Ver­ein, der 2003 von Stu­den­ten aus der Überzeugung her­aus gegründet wur­de, dass Wirt­schaft und Ethik zusammengehören. Mit­hin geht es also dar­um, Stu­die­ren­de, Berufseinsteiger/innen und Aus­zu­bil­den­de aller Art zu ani­mie­ren, die Gren­zen der klas­si­schen Ökonomie zu ver­las­sen und so Möglichkeiten für ein Wirt­schaf­ten im 21. Jahr­hun­dert auf­zu­zei­gen. Kon­kret geschieht dies durch zahl­rei­che Pro­jek­te und Tagun­gen, bei denen der Aus­tausch über Wirt­schafts- und Unter­neh­mens­ethik sowie nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten in Theo­rie und Pra­xis im Fokus stehen.