Gefährliche Liebschaften – Selbstverwirklichung als Social Fracking

Thank God It’s Friday! Und weil ein Wochenende ohne Lesestoff nur halb so schön ist, kommt hier ein besonderes Schmankerl:

 

Ralf Damitz

von Ralf M. Damitz

 

Als Max Weber 1917 in der Münchener Buchhandlung Steinicke seinen berühmten Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ hielt, endete er mit einer nietzscheanisch anmutenden Empfehlung für die dort größtenteils anwesenden jungen Studenten: Jeder müsse den „Dämon“ finden, so die pathetischen Schlussworte, „der seines Lebens Fäden hält“. In dieser kurzen Formel steckt ein Programm zur Persönlichkeitsentwicklung und es scheint aktueller denn je. Vielleicht allerdings in anderer Hinsicht, als es der Zeitgeist heute vorsieht: Es geht um das prekäre Verhältnis von Erfolg und Scheitern im Kapitalismus der Gegenwart.

Zunächst ein kurzer Rückblick. Seinen „Dämon“ zu finden, das zielte für Weber auf existenzielle Fragen in turbulenten Zeiten; darauf, wie und wonach man leben solle und was man als Person darstelle. Traditionell war es Sache theologischer Systeme gewesen, solche Fragen zu beantworten. In der modernen Welt ist Weber zufolge allerdings kein Platz mehr für religiöse Letztbegründungen. Obwohl Weber seine Zeit dadurch geprägt sah, dass „die alten Götter“ nach wie vor präsent waren, dass allerlei Prophetien und Ideologien ihren Kampf um die Köpfe der Menschen führten, war für ihn gleichermaßen klar, dass vom angebrochenen 20. Jahrhundert eine Absage an religiöse Heilsversprechen zu erwarten ist. Kein Prophet, ganz gleich, ob theologischer oder politischer Herkunft, könne auf Fragen der Lebensgestaltung abschließend antworten. Der moderne Kapitalismus, so Webers These in seinem Buch Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, habe religiösen Vorstellungen der Lebensführung ihre Wurzeln genommen und sie dadurch vollends in die Trivialität der bürokratisch und kapitalistisch organisierten Sozialwelt entlassen: Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem individuellen Heil oder der eigenen Identität könne der moderne Mensch nur sich selbst beantworten, am besten durch rastlose Versenkung in die Berufsarbeit. Indem man der „Forderung des Tages“ gerecht werde, sich aufs Hier und Jetzt beschränke, könne man es „beruflich oder menschlich“ zu Ansehen und Erfolg bringen. Zwar gehe auf diese Weise die entscheidende Sinnquelle verloren, nicht jedoch der Modus Operandi. „Der Puritaner wollte Berufsmensch sein“, resümiert Weber lakonisch, „wir müssen es“. Dass eine solche Fokussierung auf das Berufsleben von Erfolg gekrönt gelingen könne, war alles andere als gewiss. Webers Pessimismus diesbezüglich war legendär. Die Gesellschaft wurde von ihm als „Gehäuse der Hörigkeit“, der moderne Kapitalismus als „schicksalsvollste Macht“ begriffen. Versenkung in die Berufsarbeit war weniger Selbstverwirklichung denn Selbstbehauptung. Behauptung dagegen, dass das moderne Individuum die wenigen Spielräume der freien Lebensgestaltung im bürokratisch-kapitalistischen Alltag nicht auch noch einbüße. Die Quintessenz der Auffassung Webers war, dass man solche Konstellationen „aushalten“ können müsse. Dies entgegen allen Widrigkeiten zu versuchen, zeugte von einem Rest bürgerlichen Heroismus.

Die protestantische Ethik: In seinem Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus untersucht der Soziologe Max Weber (1864–1920) die religiös-kulturellen Grundlagen des okzidentalen Kapitalismus. Auf Grundlage der calvinistischen Gnadenlehre, nach der die allumfassende, übermächtige Gewalt Gottes die Menschen entweder zu ewigem Tod oder ewiger Seligkeit bestimmt, entstehe das protestantische Arbeitsethos: Die Menschen sehen sich in der Pflicht, durch rastlose Arbeit alle Zweifel an der eigenen göttlichen Erwähltheit zu vertreiben und dementsprechend ihre gesamte Lebensführung dem Erfolg unterzuordnen.

 

Siegeszug und Krise des Kapitalismus

Machen wir einen Zeitsprung. Das 20. Jahrhundert war erst kriegerisch und turbulent, später stand politische, ökonomische und soziale Entwicklung auf dem Programm. Als es sich dem Ende zuneigte, blieb der Kapitalismus als Sieger übrig, weltumspannend und alternativlos. Seine Verheißungen allerdings, Demokratie und Wohlstand (vielleicht sogar für alle) zu bringen, haben sich in der Zwischenzeit ebenso aufgelöst wie der einstige Systemkonkurrent. Wir leben heute in einer von grenzüberschreitenden Kapital-, Waren-, Daten- und Menschenströmen vorangetriebenen (Welt-)Gesellschaft. An internationale Konkurrenz haben wir uns genauso gewöhnen müssen wie an die Erosion des Wohlfahrtsstaats. Die Erwerbsarbeit wurde unter dem Druck global vernetzter Wertschöpfungsketten und mithilfe allerlei unternehmerischer, technischer und politischer Innovationen grundlegend verändert. Der nächste Schritt ist bereits in Planung: Industrie 4.0 ist das designierte große Ding. Aber auch die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise ist 2007 über uns hereingebrochen. Dass dieses Wirtschaftssystem einer Gesellschaft schicksalhafte Entwicklungen beschert, ist inzwischen allen klar. Und irgendwie passt es auch ins Bild, dass in einem reichen Land wie der Bundesrepublik die oberen zehn Prozent der Bevölkerung über 60 Prozent des gesellschaftlich verfügbaren Vermögens besitzen, während die unteren 70 Prozent zusammengenommen gerade mal auf einen Anteil von ungefähr zehn Prozent kommen (nachzulesen im Internet, bei der Bundeszentrale für politische Bildung).

Industrie 4.0: Industrie 4.0 ist ein Projekt der deutschen Bundesregierung und stellt ein Leitbild für zukünftige Entwicklungen in der deutschen Industrie dar. Die Bezeichnung „Industrie 4.0“ soll zum Ausdruck bringen, dass nach den ersten drei industriellen Revolutionen (Mechanisierung, Massenfertigung, Digitalisierung) nun die vierte vor der Tür steht. Diese wird gekennzeichnet sein durch den Zuschnitt der einzelnen Produkte auf die individuellen Wünsche und Vorstellungen des Konsumenten – und zwar unter den Bedingungen einer hoch flexibilisierten Großproduktion. Dazu gehört auch die weitgehende Integration von Kunden und Geschäftspartnern in Produktionsprozesse.

 

Der neue Geist des Kapitalismus

Man mag das interpretieren, wie man will, schwerlich kommt man jedoch um die Feststellung herum, dass der Kapitalismus heute, allen Widrigkeiten zum Trotz, fester in unserem Alltag und den Vorstellungen von Normalität verankert ist als je zuvor. Die französischen Autoren Luc Boltanski und Eve Chiapello analysieren in ihrem Bestseller Der neue Geist des Kapitalismus die Transformation des Nachkriegskapitalismus der letzten 40 Jahre hin zu dem, was man heute den flexiblen Kapitalismus nennt. Unter dem „neuen Geist“ verstehen die Autoren eine Art Legitimationsideologie, auf die der Kapitalismus gerade deshalb angewiesen ist, weil er aus guten Gründen als ein prinzipiell absurdes System bezeichnet werden kann. Der „stumme Zwang der Verhältnisse“ (Marx) allein reiche nicht aus, um die Legitimität des Kapitalismus zu garantieren. Entscheidend sei vielmehr die Ebene der symbolischen Ordnung, also der Kultur. Hier wird über die Quellen der Begeisterung, individuelle Sicherheitsversprechen und die Teilhabe am Allgemeinwohl entschieden. Stand bei Max Weber der Kapitalismus noch für zentralisierte und durchbürokratisierte Unternehmen, also gewissermaßen für Unfreiheit, steht der neue Geist des Kapitalismus für das Gegenteil. Sein Credo ist die Emanzipation von überkommenen Formen des Lebens, Arbeitens und Lernens. Laut Boltanski/Chiapello ist der neue kapitalistische Geist eine Erfindung des Managements. In die Welt kam er, indem neue Konzepte zur Organisationsgestaltung und Personalplanung entwickelt und implementiert wurden. Das Resultat war, dass die Organisation von Unternehmen – und damit auch die Beschäftigungsverhältnisse und Karrierewege – in den vergangenen 40 Jahren auf neue Füße gestellt wurde. Begleitet wurde diese Transformation mit der Etablierung neuer Kulturmuster. Der neue Geist, gewissermaßen unser Zeitgeist, wird mit Flexibilität, Kreativität, Mobilität und Eigenverantwortung buchstabiert; Aktivität und Belastbarkeit sind die zentralen Anforderungen, Autonomie und Authentizität die lockenden Versprechen. Aber damit nicht genug: Die Autoren sind der Meinung, dass die genannten Schlüssel- und Reizwörter zu neuen Wahrnehmungs- und Beurteilungsmustern werden, die auf die verschiedensten Bereiche einer Gesellschaft übertragbar sind.

 

Selbstverwirklichung und Ausbeutung

Stellt man dem Zeitgeist die Frage, worin die Verheißung des gegenwärtigen Kapitalismus liegt, dann wird man ungefähr folgende Antwort erhalten: Wer aktiv ist, wer sich mit jeder Facette der Persönlichkeit einbringt, wer auch außerhalb der Arbeit Engagement zeigt und Netzwerke bildet, wer bereit ist, biografisch und beruflich flexibel zu bleiben und sich nicht scheut, die Richtung der eigenen Entwicklung notfalls zu korrigieren, wer das lebenslange Lernen ernst nimmt, wer sich nicht an starren Berufsbildern festklammert und statt dessen den Ausbau der eigenen Employability vorantreibt, der macht alles richtig. Dessen Bemühungen werden mit beruflichem Erfolg, Verwirklichung der eigenen Ziele, authentischer Entwicklung der Persönlichkeit und gesellschaftlicher Wertschätzung belohnt. Der hat sich selbst verwirklicht.

Nach dem bisher Gesagten sollte die Romanze mit dem „neuen“ Kapitalismus zu einem Happy End führen. Doch wo liegen die Fallstricke? Ein Fallstrick wäre, dass das Ideal der Selbstverwirklichung heute zur sozialen Norm geworden ist – du musst dich selbst verwirklichen! Die Selbstverwirklichung vollzieht sich – wie sollte es anders sein – im Beruf, der als Berufung die innerste Leidenschaft des Arbeitnehmers widerspiegeln soll. In der Wettbewerbsgesellschaft unserer Tage führt diese Norm immer häufiger zu unangenehmen Nebenfolgen. Diesbezüglich ließen sich beispielsweise das Burn-out-Syndrom und andere Erschöpfungserscheinungen als zeitgemäße Leiden an der Gesellschaft interpretieren. Der New Yorker Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger, gewissermaßen der Erfinder der Burn-out-Diagnose, hob in seinen Fallbeschreibungen die Erwartungsenttäuschung als entscheidende Komponente hervor. Burn-out ist demnach nicht einfach nur eine Überlastungserscheinung. Vielmehr wird Arbeit, die im Zeichen eines hohen Ideals steht, dann gefährlich, wenn sie sich trotz gesteigertem Aufwand nicht in ihrer idealisierten Form realisiert. Vielleicht ist die Selbstverwirklichung in der Arbeit eine durchaus gefährliche Angelegenheit.

Mit der Arbeits- und Industriesoziologie lassen sich solche Überlegungen stützen. Die Subjektivität des Arbeitnehmers gilt heute als wichtiger Produktionsfaktor. Wissen, Kreativität und Problemlösungskompetenz sind zentrale Ressourcen – egal ob beim Facharbeiter oder Werbetexter. Wenn voller Einsatz erwartet wird und wir mit Haut und Haaren in die Wertschöpfungsketten eingebaut sind, lässt sich das auch als zeitgemäßer Ausbeutungsmechanismus festmachen – ‚Social Fracking’ könnte man das nennen. Hinzu tritt, dass die mit der neuen Arbeitswelt verbundenen Anforderungen (Flexibilität, Kreativität, Mobilität, Eigenverantwortung) mit einem erhöhten Koordinationsbedarf außerhalb der Arbeit einhergehen. Arbeit und Leben müssen miteinander in Einklang gebracht werden. Nicht nur die Arbeitskraft, auch die Lebenskraft sind in diesem Sinn wichtige Güter, die reproduziert werden müssen. Der Soziologe Ulrich Beck hat unter dem Stichwort Individualisierung sehr prominent auf die Ambivalenzen solcher Entwicklungen hingewiesen. Seiner Meinung nach ist die Sicherung der privaten Existenz immer offensichtlicher von Verhältnissen abhängig, die sich unserem Zugriff fast vollständig entziehen. Das lässt auch Selbstverwirklichung in und durch Erwerbsarbeit zu einem prekären Vorhaben werden. Und das, obwohl unsere Zeit und unsere Kultur im Zeichen der Eigenverantwortung und Selbstbehauptung stehen.

 

Was tun?

Kann man oder muss man sogar das Thema Selbstverwirklichung aus den Klammern der kapitalistischen Vereinnahmung lösen? Wie könnte das aussehen? Wer sollte das tun? Auf die Politik sollte man hier nicht allzu viel Hoffnung setzen. Auch ist das Bild der richtigen Stellschrauben, an denen man nur drehen müsse, nicht richtig. Kultur ist ein komplexes Thema, die Möglichkeit ihrer Beeinflussung beziehungsweise Veränderung umstritten. Noch schwieriger dürfte das bei den Strukturen sein, die unsere kapitalistische Lebensform prägen. Was also kann man machen?

Harald Welzer, Soziologe und Sozialpsychologe aus Berlin, hat kürzlich die Stiftung FuturZwei gegründet, die das Ziel verfolgt, Geschichten über alternative Formen der Lebensgestaltung zu sammeln. Denn etwas anders machen zu wollen, setzt voraus, eine Idee zu haben, wie man etwas anders machen kann. Genau davon handeln diese Geschichten, von kleinen Beiträgen zum allmählichen Umdenken.

Man kann es aber auch ganz anders machen. Im Künstlermilieu ist bekanntlich die Avantgarde zu Hause. Von dort ist ein Motto bekannt, das vielleicht weiterhilft: Selbstverwirklichung ist das Ideal von Vollidioten.

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Ralf M. Damitz studierte Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie. Er ist Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten und lebt in Kassel.

Dieser Artikel ist erstmals in agora42 1/2015 Ups & Downs erschienen. In dieser Ausgabe finden Sie weitere Artikel zu diesem Thema.

Virtual lunacy – Mit Biomasse in eine nachhaltige Parallelwelt

Virtual lunacy – Mit Biomasse in eine nachhaltige Parallelwelt

von Stefanie Geiselhardt

 

Als Carl von Carlowitz 1713 den forstwirtschaftlichen Grundsatz prägte, dass in einem Wald nur so viel Holz geschlagen werden dürfe, wie nachwachsen kann, stand für ihn der Nutzwert als Bau- und Brennstoff im Vordergrund. Über Wasserschutz, Stabilisierung von Böden und Kohlenstoffspeicherung dürfte er kaum nachgedacht haben. Und schon gar nicht über die Fähigkeit eines Baumes zur Prozessierung von Informationen. „Ein Baum ist ein mit Sonnenlicht betriebener Computer“, schreibt César Hidalgo, Associate Professor am MIT in Boston, in seinem Buch Why information grows. Er „verarbeitet die Informationen, die in seiner Umgebung verfügbar sind.“ Und dabei führt er Operationen durch, wie Stoffwechseltätigkeit, Holzproduktion und Sauerstoffabgabe. Umwelt- und Wirtschaftspolitiker versuchen derzeit, diesen der Natur innewohnenden Fähigkeiten einen Geldwert zuzuschreiben, um zu einer ökologisch wie sozial gerechten Preisbildung zu gelangen. Was in der Theorie gut klingt, hat in der Praxis einen Pferdefuß: An der Fokussierung auf den Nutzwert ändert sich nichts.

Virtual lunacy Geiselhardt

Mensch gestaltet seinen Lebensraum unter Verwendung natürlicher Ressourcen. Aus einem Baum kann ich mir zum Beispiel einen Tisch bauen. Dabei verändere ich nicht das Material – es ist immer noch Holz – wohl aber die darin gespeicherten Informationen. Aus Anleitungen für Photosynthese und Blattwachstum werden auf den Menschen bezogene Handlungsinformationen: was drauf stellen und daran Hausaufgaben machen. Ich kann den Baum aber auch in einem Kraftwerk verfeuern. Dann wird mit dem Informationsgehalt auch die Substanz eliminiert. Der Baum wird wieder zu Gas, einem Häufchen Dreck und Energie. Diese Energie könnte dann den Computer eines World-of-Warcraft-Programmierers antreiben, der gerade einen Baum im Tal der Vier Winde programmiert. Aber niemand würde Bäume abfackeln, um virtuelle Bäume zu programmieren. Oder?

In Indonesien, diesem weit entfernten Inselstaat am unteren Rand Asiens, werden jährlich 700 000 Hektar Regenwald gerodet – hauptsächlich, um Platz für Palmölplantagen zu schaffen. Von diesem Palmöl wird etwa die Hälfte zu Biosprit umgewandelt, das Autos antreibt oder Strom erzeugt. Und mit diesem Strom (Ökostrom, weil Biomasse!) werden dann Millionen Computer gefüttert, an denen Daten produziert werden. Computer wie dieser hier, an dem ein Text über Bäume geschrieben wird. Ich habe hiermit also meinen Beitrag geleistet, um einen realen Urwaldriesen in eine verbale Beschreibung seiner selbst zu überführen. Und da aus keiner Steckdose 100 Prozent Ökostrom kommen, habe ich gleich noch ein paar urzeitliche Urwaldriesen in Form von Kohle und Öl mit zu Buchstaben verwurstet.

Vielleicht sind all die Menschen, die den Großteil ihres Lebens mit Computerspielen verbringen, ja gar nicht weltfremd und lebensuntüchtig, sondern einfach nur ihrer Zeit weit voraus. Vielleicht sind sie es, die als erste verstanden haben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir unsere physische Umwelt vollständig in eine virtuelle überführt haben? Dann bliebe nur noch zu klären, ob das Carlowitz’sche Prinzip der Nachhaltigkeit auch im Wald von Elwynn anwendbar ist.

 

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Stefanie GeiselhardtStefanie Geiselhardt lebt als freie Redakteurin für Umwelt- und Wissenschaftskommunikation in Berlin. Sie interessiert sie sich dafür, wie Mensch und Natur heute und in Zukunft miteinander klar kommen & dabei kreuz und quer durch alle Disziplinen denken. Darüber schreibt die promovierte Ökologin auch auf ihrem Blog: www.stefanie-geiselhardt.de

 

Leitbild: Coolness

Der Reiz der Coolness

Warum Unternehmen über ihre Coolness nachdenken sollten – von Christian Julmi

 

Christian Julmi sw

Dr. Christian Julmi ist Habilitand und akademischer Rat am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation und Planung, an der FernUniversität in Hagen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Organisation und Unternehmensführung.

Kaum etwas prägt das Selbstverständnis unserer Gegenwart so sehr wie die Vorstellung oder das Gefühl von Coolness. Auf Uncoolness steht dagegen die Höchststrafe: Man wird nicht beschimpft, gemobbt oder kritisiert, sondern schlicht ignoriert. Uncoole sind unsichtbar. Trotz dieser Relevanz steht die Coolness wohl eher selten auf der Tagesagenda in Unternehmen. Das Problem mit der Coolness ist, dass eigentlich keiner so genau weiß, was das ist, so dass es auch entsprechend schwierig ist, damit zu arbeiten. Es gibt heute eigentlich nichts mehr, das nicht entweder cool oder uncool wäre. Der Abend gestern: cool; das Kopfweh heute: uncool; Menschen, die cool sein wollen: uncool; Menschen, denen ihre Coolness egal ist: cool. Für Unternehmen ist Coolness entsprechend schwer zu greifen. Damit sich das ändert und Coolness für Unternehmen mehr als nur eine Black Box ist, nähert sich dieser Beitrag dem Phänomen der Coolness aus einer etwas anderen Perspektive.

 

Claus Kleber – cool

Als Lebensgefühl hat Coolness zunächst etwas Vages, schwer zu fassendes, gewinnt jedoch gerade aus dieser Vagheit einen immensen Interpretationsspielraum. Was cool ist und was nicht, hängt immer vom jeweiligen Milieu ab. Während es in der einen Gruppe cool ist, seine Grenzen auszutesten, findet es die andere cool, seinen Werten treu zu bleiben. Wirklich zu einer Gruppe gehört aber nur, wer in seinem Milieu als cool gilt, weshalb manche gar von einer „Diktatur der Coolness“ sprechen. Sucht man nach einem Begriffsverständnis für Coolness, besteht eine gängige Auffassung darin, dass sie darauf abzielt, die eigene Verletzlichkeit und Schwäche, aber auch Wut oder Verzweiflung zu verbergen, um Macht, Stärke, Ruhe und Gelassenheit zu demonstrieren. Das klingt einleuchtend, ist aber zu kurz gedacht. Als etwa der Moderator Claus Kleber im „heute journal“ bei einem Beitrag über Flüchtlingskinder vor laufender Kamera sichtbar mit den Tränen rang, fanden das viele cool. Einen Nachrichtensprecher, der professionell seine Themen vorträgt und gekonnt seine Affekte unterdrückt, würde man dagegen eher nicht als coolen Typen bezeichnen.

 

Der Kick ist cool

Ein treffenderes Verständnis von Coolness lässt sich mit dem Kieler Philosophen Hermann Schmitz aufzeigen. Coole Typen zeichnen sich für Schmitz dadurch aus, dass sie gekonnt mit Angeboten aller Art umgehen, ohne sich dabei verbindlich auf irgendetwas einzulassen, etwa beim Surfen im Internet oder Zappen im Fernsehprogramm. Wahre Coolness zeigt sich für Schmitz in einer Virtuosität absoluter Wendigkeit, sich in ironischer Distanz über jeden Standpunkt erheben und jeden Standpunkt einnehmen zu können. Coole Typen sind darauf eingestellt, sich jederzeit allem zu- und wieder abwenden zu können. Damit einher geht ein hohes Maß an Rastlosigkeit, denn Coole werden von einem Event zum nächsten getrieben. In Anbetracht des heute herrschenden Überangebots an Möglichkeiten führt diese Virtuosität der Wendigkeit und die sie antreibende Rastlosigkeit letztlich zu einem sich selbst verstärkenden Gleichgültigkeitseffekt: Weil sich der Mensch von einem Event zum nächsten treiben lässt, gibt es immer weniger Dinge, die ihn wirklich berühren. Der Mensch ist permanent auf der Suche nach neuen Reizen, die ihn berühren und für einen Moment aus der Rastlosigkeit befreien, bis auch diese Reize verbraucht sind und Langeweile sich breit macht. Coole Menschen brauchen ständig neue Reize, nur um sie abzuhaken: Been there, done that! Coolness ist also gerade nicht Emotionslosigkeit, sondern ein emotionaler Reiz oder Kick.

In sozialen Netzwerken suggerieren einzelne Posts deshalb immer extremere emotionale Kicks, um aus der Masse noch hervorzustechen zu können. Da heißt es: „Dein Leben wird nicht mehr dasselbe sein, wenn du das liest“ oder „Das ist das Berührendste, das ich je gesehen habe“. Das, was wirklich berührt, ist für einen Moment cool, wird zum Hype, verflacht schnell wieder und verschwindet dann in der Versenkung. Es gibt nichts Uncooleres, als etwas zu teilen, das seinen Hype schon hinter sich hat. Wer dann irgendwo zu lange verbleibt, während sich die anderen schon wieder gedreht und gewendet haben, gilt als uncool. Dieser Effekt zeigt sich auch bei ernsteren Themen. Als das mit den Petitionen losging, war es cool, sich zu engagieren. Lasst uns mal eben die Welt retten, na klar, ich bin dabei, ist doch für den guten Zweck. Heute: Nicht schon wieder diese nervigen Petitionen. Langweilig! Been there, done that! Das gegebene Verständnis von Coolness lässt sich auch auf den emotionalen Ausbruch von Claus Kleber anwenden. Da zappt man sich so durchs Programm, lässt sich von den Nachrichten einlullen und plötzlich ist da dieser Moment, der einen berührt und aus der Gleichgültigkeit herausreißt. Cool! Nun stelle man sich vor, der würde das regelmäßig machen. Och nö, nicht schon wieder diese Heulsuse, schalt mal weiter, das nervt. Uncool!

 

Marktforschung – uncool

Wenn Coolness das Sinnbild unserer Gesellschaft ist, dann geht das natürlich auch an Unternehmen nicht vorbei. Coole Typen arbeiten in coolen Unternehmen und konsumieren coole Produkte. Uncoole Unternehmen und Produkte werden dagegen ignoriert. Wer Erfolg haben will, kommt an der Coolness nur schwer vorbei. Die wirklich coolen Unternehmen haben das längst erkannt und wissen, dass sie sich nicht auf dem Status Quo ausruhen können. Sie müssen ständig mit neuen Angeboten neue Reize setzen, mit denen die Menschen überrascht und gefangen genommen werden. Das zeigt sich im kleinen wie im großen. Dass Google das Logo seiner Suchmaschine laufend aktuellen Anlässen anpasst und immer wieder gerne mit ausgefeilten Designs überrascht, mag ein Detail sein, zeigt aber deutlich die Intention des Unternehmens im beschriebenen Sinne. Apple hat es über Jahre hinweg im großen Stil geschafft, sich sein eigenes Milieu zu schaffen, in dem „cool sein“ das Gleiche bedeutet wie „von Apple sein“. Allen voran war es Steve Jobs, der das Überraschungsmoment neuer Produkte über Jahre hinweg derart zelebriert hat, dass er eine Art gewaltigen Reizdruck aufbauen konnte, der sich dann lustvoll – wenn nicht gar hysterisch – entlud. Jobs wusste intuitiv, was es bedeutet, cool zu sein, und er wusste auch, dass sich mit Marktforschung wenig darüber herausfinden lässt, was Menschen cool finden, weil der Schlüssel zur Coolness gerade in der Überraschung liegt, weil das Bekannte schon bekannt ist und keinen emotionalen Kick (mehr) auslöst.

Als Sinnbild für die kulturelle Gegenwart ist Coolness ein wichtiger Schlüssel, in ihr erfolgreich zu bestehen. Es darf daher verwundern, dass sich so wenig Unternehmen explizit mit diesem Thema auseinandersetzen. Dabei ist Coolness mehr als nur eine persönliche Attitude. Coolness ist etwas, das da draußen in der Welt stattfindet und von Unternehmen konkret beeinflusst werden kann. Andere haben es vorgemacht und können als Vorbild dienen. Aber Vorsicht: Das reine Nachmachen ist der größte Feind der Coolness. Wer sich nur aktuellen Trends anpasst, hinkt der Coolness mit Sicherheit immer mindestens einen Schritt hinterher. Denn Coolness ist rastlos, wendig, virtuos… und im Zweifel schon wieder ganz woanders.

Der Professor in der Kneipe oder der Kannibale in uns

Der Professor in der Kneipe oder der Kannibale in uns

 

Thank God It's Friday Es war eine Begegnung der besonderen Art, so eine, die man nicht planen kann, die zufällig passiert. Ich war abends in der Kneipe und kam ins Gespräch mit einem Professor für Medizin. Dem Zeitgeist folgend, kamen wir auf das Flüchtlingsthema zu sprechen. Er äußerte einen Einwand gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, den ich bisher noch nicht gehört hatte: Deutschland sollte keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen, denn schließlich werden Flüchtlinge in diesem Land alimentiert. Die Sorge des Professors war nun, dass die Kosten für die Versorgung der Flüchtlinge immer weiter steigen würden. Und da der Kuchen an Steuergeldern, der insgesamt zur Verfügung steht, nicht größer werde, hätte dies zur Folge, dass er letztlich um seine Forschungsgelder fürchten müsse. Flüchtlinge gefährden Forschungsgelder. Punkt.

 

An dieser Stelle stand ich auf und sagte, dass ich mich mit solchen Leuten nicht unterhalten will. Mit „solchen“ meinte ich Personen, die sich keine Sorgen um ihre Existenz machen müssen (in der Regel sollte ein festangestellter Professor an einer deutschen Hochschule in der Lage sein, seine Rechnungen bezahlen zu können) und dennoch jedes Mindestmaß an Menschlichkeit verlieren, sobald sie eine Entbehrung fürchten. Vor solch einem Hintergrund wirkt die Debatte um die Legitimität der sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge doppelt absurd.

 

Schließlich beruht doch zum einen der Wohlstand des Westens bzw. der entwickelten Industrieländer auf der wirtschaftlichen Misere der Regionen, aus denen die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge stammen – wie man beispielsweise in den Büchern Confessions of an economic hitman von John Perkins oder Der Hass auf den Westen von Jean Ziegler nachlesen kann. Zum anderen ist es nicht nachvollziehbar, warum den Personen, die man zunächst ausgebeutet hat, nun die Teilhabe am erbeuteten Wohlstand verwehrt werden sollte – vor allem, wenn das einzige Argument darin besteht, dass man den “eigenen” Wohlstand potenziell gefährdet sieht.

 

Auch auf die Gefahr hin, dass das Ende dieses kurzen Textes so unvermittelt ist, wie der Anfang, möchte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit zwei Hinweisen ins Wochenende entlassen: Der erste Hinweis bezieht sich auf einen Film ZEIT DER KANNIBALEN, der wunderbar die Neurosen der Optimierungsgesellschaft seziert (ZEIT) und ein Ende bereithält, das man besagtem Professor nicht wünschen darf. Und als zweiten Hinweis möchte ich Sie gerne auf eine alternative Definition des Begriffs “Wirtschaftsflüchtling” verweisen, die ich auf TOMS WOCHENSCHAU fand.

 

Ich wünsche Ihnen trotz der ernsten Themen einangenehmes Wochenende.

Thank God It’s Friday! Ihr,

Wolfram Bernhardt

Gedankenspiel der agora42 2/2015

28.01.2051

Liebes Tagebuch,

heute ging ich das erste Mal seit Monaten wieder zum Einkaufen in die Nanjing Road. Ich suchte nach einer neuen Matratze. Mit meinem alten Futon hatte ich mich irgendwie auseinandergelebt. Außerdem wollte ich auf dem Tiermarkt nach Rotkehlchen mit fluoreszierendem Gefieder Ausschau halten. Lin hatte mir ja letzte Woche erzählt, dass sie an der Entwicklung einer solchen Variante arbeiten würde.

Als ich aus der Metro-Station kam, war ich allerdings erst einmal orientierungslos, weil wieder in so vielen Geschäften die Mieter gewechselt hatten. Über die Kontaktlinsen ließ ich mir eine Matratzenboutique empfehlen und den Weg dorthin einblenden. Der Futon-Store wurde von einem sehr engagierten Roboter geführt. Er servierte Tee und schaute mit mir zusammen durch mein Schlafprofil und mein Psychogramm. Auf dieser Basis wählte er zwei Matratzen aus, die er mir nacheinander vorstellte. Die Futons unterschieden sich nicht in Bezug auf Material, Verarbeitung und Funktionalität; nur charakterlich wiesen sie feine Nuancen auf. Wenn man heutzutage nach Qualität sucht, achtet man ja in erster Linie auf die mentalen Eigenschaften der Produkte. Der ersten Matratze merkte man eine gewisse Unsicherheit an. Während ich zur Probe lag und sie verschiedene Härtestufen durchprobierte, fragte sie alle paar Sekunden, wie es mir gefiele. Der zweite Futon war etwas forscher. Er schob mich hin und her, kontrahierte und entspannte sein Gewebe, so dass ich sogar ein klein wenig auf und ab hüpfte. Ich musste lachen, der Futon und der Roboter ebenfalls. Wir verstanden uns auf Anhieb. Ich zögerte nicht mit der Bestellung und hoffte nur, dass sich die Matratze auch in meinem Apartment wohlfühlen würde.

Als ich das Geschäft verließ, wies mir ein zuvorkommendes Werbedisplay schon den Weg zum Tiermarkt. Ein zweites Display daneben zeigte mir den Werbeclip von einem Anbieter für Urlaubserinnerungen. Das machen ja jetzt immer mehr Leute. Die fahren gar nicht mehr in den Urlaub, sondern kaufen sich einfach eine entsprechende Erinnerung, die sie sich einspielen. Wenn die gut gemacht ist, kann man sie von einer realen Erinnerung nicht unterscheiden. Ich misstraue dieser Technologie aber. Schließlich wird man dabei immer ein bisschen manipuliert. Außerdem kommt die Technologie ganz eindeutig aus der Schmuddelecke. Jahrelang beschränkte sich das Herunterladen von Erinnerungen ja auf sexuelle Erfahrungen. Für die jungen Leute von heute ist das ganz normal. Ich war schon drauf und dran, den Werbeclip zu ignorieren, als ich realisierte, dass die angepriesene Reiseerinnerung von Kambodscha handelte. Irgendein Angebot anlässlich des fünfjährigen Jubiläums des Beitritts von Kambodscha zur Chinesischen Union. Nun, auch ich war vor einem Jahr dort im Urlaub gewesen; habe erst Angkor Wat bestaunt, dann Phnom Penh erkundet und mich zum Schluss an den Stränden von Sihanoukville erholt. Es war wirklich toll. Das Seltsame war, dass die Reiseerinnerung in dem Werbeclip exakt diese Tour abbildete. Und nicht nur das. Die gezeigten Bilder waren komplett deckungsgleich mit meinen eigenen Erinnerungen. Mein erster Gedanke war: Warum zeigt mir die Tafel das Video? Sollte ich mich darüber ärgern, dass ich eine teure Reise gemacht habe, die ich auch für wenig Geld als Erinnerung hätte kaufen können? Mein zweiter Gedanke war: Habe ich die Reise überhaupt gemacht? Hatte ich nicht vielleicht erst vor ein paar Tagen diese Reiseerinnerung heruntergeladen, die hier beworben wurde? Und war diese Urlaubsillusion einfach so perfekt, dass ich sie für eine reale Erinnerung hielt? Aber warum wurde mir die Werbung dann erneut gezeigt? Wollte der Anbieter an meiner Irritation testen, wie immersiv und seamless sein Angebot war? Mein dritter Gedanke war: Hatten Hacker meine Erinnerungen gestohlen und daraus ein Angebot entwickelt, das sie nun vermarkteten? Aber wieso sollten sie den Fehler machen, ausgerechnet mir die Werbung zu zeigen? Oder waren das wiederum andere Hacker und Aktivisten, die den Skandal des Erinnerungsdiebstahls nur aufdecken wollten? Der ganze Vorfall hat mich zutiefst irritiert. Ich bin erst einmal nach Hause gefahren und werde später meine Kalender und Kontobewegungen überprüfen, um zumindest Anhaltspunkte dafür zu finden, ob ich wirklich in Kambodscha war. Ich melde mich, sobald ich mehr weiß. Versprochen!

Kai Jannek, Director Foresight Consulting bei Z_punkt, wirft für jede Ausgabe der agora42 den Blick in die Zukunft.

Das Jo-Jo mit der Nachhaltigkeit

Das Jo-Jo mit der Nachhaltigkeit

Aus der aktuellen Ausgabe 1/2015

Auf der sneep Herbsttagung, die wir als Medienpartner begleiteten, wurde ein Phänomen angesprochen, das wunderbar zum Thema der aktuellen Ausgabe passt: der Jo-Jo-Effekt. Aber der Reihe nach.

Verantwortung ja, nur bis wohin?

Das Thema der Tagung war „Nachhaltigkeit in der Wertschöpfungskette“ und nahm sich der Frage an, wie Unternehmen bei allen Schritten der Wertschöpfung – also der Beschaffung von Ressourcen und Material, der Produktion bis hin zur Entsorgung – nicht nur ökonomische Faktoren berücksichtigen können, sondern gleichermaßen auch ökologische und soziale. Die Relevanz dieser Fragestellung wird besonders deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass beispielsweise die Siemens AG pro Jahr Waren im Wert von circa 40 Milliarden Euro einkauft, wie Unternehmensmitarbeiter und Referent Thomas Kentsch ausführte.

Der Siemens AG genüge es nicht, bei der Produktion ökologische und soziale Faktoren einzubeziehen, während ihre Lieferanten die Umwelt verschmutzen oder Arbeitnehmerrechte mit Füßen treten, machte er deutlich. Die Siemens AG lässt sich deshalb seit fünf Jahren von ihren Lieferanten den Code of Conduct (zu Deutsch: Verhaltenskodex) unterschreiben. Mit diesem Verhaltenskodex verpflichten sich die Lieferanten, ebenfalls ökologische und soziale Standards zu beachten.

Dies wirft jedoch die nächste Frage auf: Was, wenn der Lieferant selbst Produkte oder Dienstleistungen von einer Firma zukauft, die sich nicht an die maßgeblichen Standards hält? Bei rund 90.000 Lieferanten weltweit hat die Siemens AG entschieden, nicht bis ins letzte Glied der Liefer- oder Wertschöpfungskette sicherzustellen, dass alle wünschenswerten Standards eingehalten werden. Zumal eine vollständige Offenlegung der Wertschöpfungskette auch bedeuten würde, dass dann die Konkurrenten über alle Lieferanten der Siemens AG informiert wären. In diesem Fall wäre nicht auszuschließen, dass die Konkurrenz die Zulieferer analysiert, um bestimmte zu identifizieren, auf die die Siemens AG besonders angewiesen ist – beispielsweise weil sie Patente halten. Findet die Konkurrenz solch ein Unternehmen, ist die Versuchung groß, dieses Unternehmen zu kaufen, um das Patent zu besitzen und der Siemens AG die Preise diktieren zu können. Das ist ein nachvollziehbares Argument.

Miriam Fritz von der Berners Consulting GmbH präsentierte ein Vorhaben, bei dem die vollständige Offenlegung aller Produktionsschritte bereits verwirklicht ist. Mit dem Fair Stone Zertifikat ist 2007 ein internationales Verfahren etabliert worden, bei dem die komplette Lieferkette von Natursteinen – also vom Abbau bis zur Vermarktung – transparent gemacht wird. Käufer von Natursteinen, die mit dem Fair Stone Siegel zertifiziert sind, können sich sicher sein, dass bei der Produktion dieser Steine keine sozialen und ökologischen Standards verletzt worden sind.
In einem ähnlichen Projekt analysiert nun die Berners Consulting GmbH in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die Wertschöpfungskette von seltenen Erden. Seltene Erden sind unabdingbar für Batterien, LCD-Fernseher, Leuchtstofflampen und Radargeräte. Der Vorteil eines solchen Siegels für Konsumenten, die Produkte aus nachhaltiger Produktion kaufen wollen, liegt auf der Hand: So würde beispielsweise der Siemens AG durch ein solches Siegel die Möglichkeit gegeben, die Nachhaltigkeit ihrer Wertschöpfungskette weiter auszubauen.

Nachhaltigkeit im nicht-nachhaltigen Umfeld?

Wolfram Bernhardt vom Magazin agora42 griff in seinem Kurzvortrag den Verweis von Siemens-Mitarbeiter Thomas Kentsch auf, dass Unternehmen gewissen Sachzwängen unterliegen, und stellte die Frage, inwiefern nachhaltiges Wirtschaften in einem nicht-nachhaltigen Umfeld überhaupt möglich ist. Ein Beispiel: Stefan Seuring, Professor für Supply Chain Management an der Universität Kassel, führte aus, dass ein Herrenanzug, der in Deutschland für 100 Euro über die Ladentheke geht, nur sieben Euro in der Produktion kostet (Summe der Kosten von Material und Herstellung). Bei diesen Gewinnmargen ist es verwunderlich, dass sich die Textilunternehmen nicht für die Verbesserung der Produktionsbedingungen einsetzen. Was macht es für einen Unterschied, ob sie statt 93 nur 92 Euro einstreichen?

Doch was las man statt dessen Anfang des Jahres im Tagesspiegel? „Massenproteste in Bangladesch, blutige Auseinandersetzungen in Kambodscha: Die asiatischen Textilarbeiter wehren sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen. Die Branche zieht derweil weiter.“ Wohin? Nach Afrika, wo das Lohnniveau noch nicht so hoch ist wie in Fernost und wo den sozialen und ökologischen Standards noch nicht so viel Beachtung zuteil wird. Zwar bedauert der eine oder andere Textilunternehmer diese Situation, aber oftmals werden die eigenen („bedauernswerten“) Handlungen mit dem Verweis auf die Konkurrenz und die Marktgesetze gerechtfertigt.

Das Jo-Jo der Nachhaltigkeit

So kommt es dazu, wie Arne Sohns von der Beratungsfirma Systain ausführt, dass viele der sozialen und ökologischen Initiativen über einen Jo-Jo-Effekt nicht hinauskommen: Mit großem Tamtam wird medienwirksam ein Projekt gestartet, das kurzfristig Veränderungen zum Besseren bringen soll, aber langfristig nichts an den Produktionsbedingungen ändert. Am Ende der Diskussion waren sich alle Tagungsteilnehmer einig, dass auch der Rahmen, in dem die Bemühungen um eine nachhaltige Wertschöpfungskette stattfinden, verändert werden müsse. Dass diese Notwendigkeit jedoch nicht das einzelne Unternehmen aus seiner Verantwortung entlässt, seine Wertschöpfungskette nachhaltiger auszurichten, liegt ebenso auf der Hand.

SNEEP
sneep steht für „student network for ethics in economics and practice“ und ist ein gemeinnütziger Verein, der 2003 von Studenten aus der Überzeugung heraus gegründet wurde, dass Wirtschaft und Ethik zusammengehören. Mithin geht es also darum, Studierende, Berufseinsteiger/innen und Auszubildende aller Art zu animieren, die Grenzen der klassischen Ökonomie zu verlassen und so Möglichkeiten für ein Wirtschaften im 21. Jahrhundert aufzuzeigen. Konkret geschieht dies durch zahlreiche Projekte und Tagungen, bei denen der Austausch über Wirtschafts- und Unternehmensethik sowie nachhaltiges Wirtschaften in Theorie und Praxis im Fokus stehen.