Gesellschaftliche Probleme finden direkten Niederschlag in der Psyche – Interview mit Ralf M. Damitz

Gesellschaftliche Probleme finden direkten Niederschlag in der Psyche

Interview mit Ralf M. Damitz – Teil 2

 

 

Anlässlich der neuen agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Ralf M. Damitz zum Thema einige Fragen gestellt. Er spricht über die Verheißung von Finanzprodukten, Widerstandsfähigkeit als Ressource sowie die Ursache psychischer Konflikte …

 

Die Realwirtschaft steht einem entfesselten und ihren Wert um ein Vielfaches übersteigenden Finanzkapital gegenüber. Hat die Wirtschaft im materiellen Sinn (Produktion) nur noch Alibifunktion?

Ich denke nicht. Wahrscheinlich ist es die Wunschvorstellung von Vermögensbesitzern und (Finanz-)Investoren, dass man einfach – wie es ein großes deutsches Bankinstitut bewirbt – sein Geld für sich arbeiten lassen kann. Aber wir erleben ja gerade, dass diese Auffassung so einfach nicht aufgeht.

Natürlich geht es nicht ohne die sogenannte Realwirtschaft. Dass Realwirtschaft und Finanzwirtschaft sich gegenseitig bedingen, dass sie untrennbar miteinander Verflochten und aufeinander angewiesen sind, dass sie sich positiv wie negativ gegenseitig beeinflussen und verstärken verweist einerseits auf die ungeheure Komplexität, die in solchen Prozessen steckt (gerade dann, wenn man ökonomische Wertschöpfungsketten global denkt) und andererseits auf ein ideologiekritisches Moment, das bei MarxistInnen unter der Bezeichnung Fetisch oder Fetischisierung verhandelt wird.

Für Marx war das zinstragende Kapital die fetischartigste Form des Kapitals. Fetischismus bedeutet hier eine eigentümliche Mystifikation der bürgerlich-kapitalistischen Welt. Mystifikation bedeutet, dass diese Welt einem Schein, einer Selbsttäuschung aufsitzt. Wie kann es sein, so die Frage, die Marx zu lösen bestrebt war, dass Geld, ein profanes Ding, in unserer Welt die Fähigkeit besitzt, einen Wertzuwachs zu generieren?

Wie kann es sein, so die Frage, die Marx zu lösen bestrebt war, dass Geld, ein profanes Ding, in unserer Welt die Fähigkeit besitzt, einen Wertzuwachs zu generieren?

Das ist immerhin die Verheißung aller Finanzprodukte. Wie kann eine Geldmenge X als Kapital den Anspruch begründen und realisieren, aus sich selbst heraus mehr Geld zu erzeugen, sich also selbst zu verwerten? Die detaillierte Antwort auf solche Fragen umfasst über 2000 Seiten schwer verdauliche Theorie. Was Marx dabei aber aufzeigt ist, dass Realwirtschaft und Finanzwirtschaft (oder in seinem Jargon: dass der Produktionsprozess des Kapitals und der Zirkulationsprozess des Kapitals) gleichermaßen notwendig sind und nur zusammen das Ganze ausmachen. Und das Ganze ist ein gigantischer Ausbeutungsmechanismus. Im Produktionsprozess wird das Surplusprodukt produziert, durch dessen Realisierung überhaupt die Grundlage geschaffen wird, auch die Ansprüche der Zirkulationssphäre, Kredite, Dividenden, etc., bedienen zu können. Die Arbeit, von Millionen von Menschen tagtäglich verrichtet, ist (gemeinsam mit den Rohstoffen der Natur) die Quelle dieses gesellschaftlichen Reichtums; die verschiedenen Kapitalformen stellen demgegenüber die Mittel dar, sich die Früchte der Arbeit anzueignen. Diesen Prozess auszublenden und allein auf die quasi-magische Fähigkeit des Geldes zu fokussieren ist Modus Operandi der bürgerlich-kapitalistischen Selbstmystifikation.

Man kann mit Marx die Erinnerung daran wachhalten, dass es nicht die gigantischen Geldsummen sind, die das dynamische Moment der entfesselten Weltwirtschaft darstellen, sondern, etwas emphatisch ausgedrückt, das belebende Feuer der Arbeit. Wer meint, das sei doch alles ein alter Hut, der hat freilich recht. Aber vielleicht ist dieses ideologische Moment, das Marx schon vor langer Zeit auflösen wollte, heute noch wirksamer denn je? Wer beispielsweise die vielgelobte ZDF-Serie »Bad Banks« anschaut, in der es um ebendiese gigantischen Geldsummen geht, wird feststellen, dass die einzigen, die dort ernsthaft arbeiten, die fleißigen Fond-ManagerInnen sind. Das ist genau die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, von der Marx sprach.

 

Gibt es Möglichkeiten, sein Leben widerspruchsfrei auszurichten? Oder ist die unbedingte Widerspruchsfreiheit auch eine Ideologie?

Mit widersprüchlichen Handlungsanforderungen umzugehen, ist vor allem schwierig und anstrengend – es zehrt an uns. Es dürfte kein Zufall sein, dass Arbeitspsychologie und Soziologie in den letzten Jahren gleichermaßen das Thema Resilienz entdeckt haben und meinen, damit eine kostbare Ressource unserer Zeit gefunden zu haben. Man redet dann über Ressourcen, Fähigkeiten oder Strategien, die wir modernen Subjekte haben, entwickeln oder erwerben können, um mit Krisen, Schocks oder eben Widersprüchen umgehen zu können und stabil zu bleiben. Woher kommt die in dieser Auffassung durchschimmernde Anfälligkeit von uns modernen Subjekten?

Es dürfte kein Zufall sein, dass Arbeitspsychologie und Soziologie in den letzten Jahren gleichermaßen das Thema Resilienz entdeckt haben und meinen, damit eine kostbare Ressource unserer Zeit gefunden zu haben.

Schon früh hat Ulrich Beck darauf hingewiesen, dass die Stärkung der Auffassung, wir seien freie, autonom entscheidende, selbstverantwortlich handelnde Individuen, Gefahr mit sich bringe. Dem Trend zur individualisierten Lebensführung, der Ausbreitung eines ichzentrierten Weltbildes korrespondiert der Verlust von einst als kollektiv erlebten Schicksalen nebst geteilten Handlungs- und Deutungsmustern; sie halfen, den eigenen Platz in der Gesellschaft und das, was einem in der und durch die Gesellschaft widerfährt, einzuordnen. Becks These ist nun, dass die Individualisierungsanforderungen, die die Gesellschaft an uns stellt, gewissermaßen Individuum und Gesellschaft kurzschließen. Soll heißen: Gesellschaftliche Problemlagen finden direkten Niederschlag in psychischen Dispositionen; gefördert werden also persönliches Ungenügen, Schuldgefühle, Ängste, psychische Konflikte und Neurosen.

Ich kann mir zwar einigermaßen herleiten, warum es zunehmend schwieriger erscheint, in unserer Gegenwartsgesellschaft eine klare Vorstellung zu haben, wie man leben oder woran man sein Leben ausrichten soll, aber ich muss zugeben: Ich habe schlicht keine Antwort auf die gestellte Frage. Sorry.

 

Das Kapital schafft sich eine Welt nach seinem Bilde” – Interview mit Ralf M. Damitz (Teil 1)

Gesellschaftliche Probleme finden direkten Niederschlag in der Psyche – Interview mit Ralf M. Damitz (Teil 2)

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