Das Auto – Ende eines Mythos?

In der mehr oder min­der jun­gen Bun­des­re­pu­blik wur­de das Auto zu dem Sym­bol für Frei­heit: „Freie Fahrt für freie Bürger.“ Viel­leicht hat­ten wir damals überhaupt erst über das Auto die neue Frei­heit begrif­fen – das Auto als poli­ti­sches Eman­zi­pa­ti­ons­ve­hi­kel; und die Auto­mo­bil­in­dus­trie als eine poli­ti­sche Indus­trie (als wir noch in Kate­go­ri­en einer „poli­ti­schen Ökonomie“ dach­ten).

Man konn­te nach Ita­li­en in den Urlaub fah­ren, ohne sein Wohn­zim­mer zu ver­las­sen. Für Roland Bart­hes, den französischen Phi­lo­so­phen, war der Citroën DS („La Déesse“ – die Göttin) hin­ge­gen ein „Mythos des All­tags“; wie eine „gro­ße goti­sche Kathe­dra­le“ ein Sym­bol hoher Kunst. Das konn­ten wir Deut­schen kaum ver­ste­hen: Unse­re Autos waren pri­va­te Fahr­stu­ben, nicht Sym­bo­le einer Gran­de Nati­on (auch wenn VW sich ewig bemühte, ein natio­na­les Ereig­nis zu wer­den). Die deut­sche Maschi­nen­bau­kunst brach­te her­vor­ra­gen­de Fahr­zeu­ge her­vor, aber kei­ne sym­bo­li­schen Wun­der.

Inzwi­schen begin­nen wir zu überlegen, war­um wir 1,5 Ton­nen Fahr­be­reit­schaft qua­si unbe­nutzt den gan­zen Tag her­um­ste­hen­las­sen (für zwei­mal zur Arbeit und ein­mal zum Ein­kau­fen?). Man­che set­zen auf car­sha­ring, ande­re kau­fen erst gar kein Auto mehr. Die jun­gen Leu­te rasen lie­ber auf der Daten­au­to­bahn, als sich einen – zwar opti­mier­ten, aber den­noch archai­schen – Otto­mo­tor mit Hülle zuzu­le­gen. Die kul­tu­rel­le Matrix ändert sich. Viel­leicht wird das E-Mobil ein­mal attrak­tiv – wenn es durch eine App über das Smart­pho­ne auto­ma­tisch navi­giert wird. Die tech­no­lo­gy der Gas­ver­bren­nung ist in einer net­world jeden­falls nicht wirk­lich reiz­voll.

Das Auto ver­schwin­det nicht, aber wir fah­ren mit ihm in kei­ne Frei­heit mehr (seit wir im Stau ste­cken. Ein Stau ist das Ende des Ver­kehrs durch Ver­kehr). Es nutzt sich ab. Und: Wir rech­nen nach – ein Zei­chen von Normalität. Der gro­ße sym­bo­li­sche Überschuss ist abge­fah­ren, ein Mythos auserzählt. Wir fah­ren auch wie­der Bahn und Fahr­rad oder gehen zu Fuß. Den Rest ver­kau­fen wir nach Chi­na.

Aus der Rubrik “EXTRABLATT – wirt­schafts­phi­lo­so­phi­sche Inter­ven­tio­nen” schrei­ben abwech­selnd Bir­ger Prid­dat, Mit­her­aus­ge­ber der agora42 und Inha­ber des Lehr­stuhls für Volks­wirt­schaft und Phi­lo­so­phie an der Universität Witten/ Her­de­cke, sowie Wolf Die­ter Enkel­mann, Direk­tor des Insti­tuts für Wirt­schafts­ge­stal­tung in Mün­chen.

wbernhardt