Das Auto im Kopf, oder: Das Ende einer großen Liebe

Das Auto im Kopf

Oder: Das Ende einer großen Liebe

von Frank Augus­tin

 

Foto: Mat­thi­as Pen­zel

Die aktuellen Vorkommnisse um die großen Autobauer läuten das Ende der Automobilindustrie ein, wie wir sie kannten. Das hat auch mit moralischen Verfehlungen zu tun – aber nicht in erster Linie. Mit anderen Worten: Nur mit Betrügereien, wie sie häufig vorkommen, wo es um Geld und Einfluss geht, ist das absehbare Platzen der riesigen Autoblase nicht zu erklären. Es geht um Grundsätzlicheres.

 

Ers­tens und das gro­ße Gan­ze von Wirt­schaft und Gesell­schaft betref­fend:

Frank Augus­tin ist Chef­re­dak­teur des phi­lo­so­phi­schen Wirt­schafts­ma­ga­zins agora42.

Zunächst dürf­te nach den jüngs­ten Kar­tell­vor­wür­fen – unab­hän­gig davon, wie viel sich davon bewahr­hei­tet – vie­len kla­rer gewor­den sein, dass wir nicht in einer Markt­wirt­schaft leben und es ent­spre­chend auch viel weni­ger Wett­be­werb gibt, als gemein­hin ange­nom­men wird. Wir leben im Kapi­ta­lis­mus – und Kapi­ta­lis­mus bedeu­tet Kon­zen­tra­ti­on. In Deutsch­land erwirt­schaf­te­ten im Jahr 2011 weni­ger als ein Pro­zent der größ­ten Unter­neh­men rund 66 Pro­zent aller Umsät­ze. „Groß­kon­zer­ne tun alles, um den Wett­be­werb mög­lichst zu ver­mei­den, indem sie fusio­nie­ren, koope­rie­ren oder ver­ti­kal inte­grie­ren.“ (Ulri­ke Herr­mann) In der Auto­mo­bil­bran­che gibt es aber nicht nur gro­ße Play­er, die sich gene­rell dem Wett­be­werb ent­zie­hen, son­dern nicht ein­mal unter die­sen Rie­sen ech­ten Wett­be­werb. Man hat es also eher mit einem mäch­ti­gen, kon­zern­über­grei­fen­den Fami­li­en­ver­bund zu tun, der mit­tels gegen­sei­ti­ger Abspra­chen und zahl­rei­cher Lob­by­is­ten sei­nen Ein­fluss sichert und ver­grö­ßert. Das ist nicht nur unfair, weil man sich eine beque­me Posi­ti­on auf Kos­ten der Kun­den und Zulie­fe­rer ver­schafft, son­dern es erin­nert in sei­nem Geba­ren auch an das Selbst­ver­ständ­nis der Feu­dal­her­ren in den vor­de­mo­kra­ti­schen Gesell­schaf­ten. Ist man bis­lang über sol­ches Ver­hal­ten nase­rümp­fend hin­weg­ge­gan­gen, wird es sei­tens der Kun­den, Zulie­fe­rer und selbst der Poli­ti­ker ange­sichts des nun bekannt gewor­de­nen Aus­ma­ßes der Abspra­chen künf­tig weit­aus weni­ger Tole­ranz gegen­über den Auto­bau­ern geben. Es wur­den Gren­zen über­schrit­ten und es ist nicht zu erwar­ten, dass demo­kra­ti­sche Prin­zi­pi­en wegen eini­ger Pro­fil­neu­ro­ti­ker in die Ton­ne gekloppt wer­den – auch und gera­de dann nicht, wenn die­se wie trot­zi­ge Kin­der mit dem Ver­lust von Arbeits­plät­zen dro­hen, die ohne­hin nicht zu ret­ten sind.

Hin­zu kommt, dass sich die Auto­bran­che auch in ande­rer Hin­sicht – Stich­wort Abgas­skan­dal – dis­kre­di­tiert hat. Denn offen­sicht­li­cher als zuletzt kann man nicht demons­trie­ren, dass Pro­fi­te und Macht­er­halt im Zwei­fel über die Gesund­heit der Men­schen wie gene­rell über die Belan­ge der Gesell­schaft gehen. Dies hat fata­le Fol­gen für das Image der Kon­zer­ne, und ver­rät viel über deren redu­zier­tes Ver­ständ­nis von Fort­schritt. Wer glaubt noch dar­an, dass hier zukunfts­wei­sen­de Inno­va­tio­nen ent­wi­ckelt wer­den, die nicht nur die Bran­che, son­dern letzt­lich auch der gesam­ten Gesell­schaft zugu­te kämen? Was ist das für ein Fort­schritt, der nur die einen finan­zi­ell fort­schrei­ten, die übri­ge Gesell­schaft jedoch hin­ter sich lässt?

 

Offen­sicht­li­cher als zuletzt kann man nicht demons­trie­ren, dass Pro­fi­te und Macht­er­halt im Zwei­fel über die Gesund­heit der Men­schen wie gene­rell über die Belan­ge der Gesell­schaft gehen.”

Zwei­tens und ent­schei­dend für den Nie­der­gang der Auto­in­dus­trie:

Das Auto­mo­bil hat sich über­lebt, sei­ne Fas­zi­na­ti­on ver­lo­ren. Dies gilt sogar für den Bereich der Sport­wa­gen, wo die Fahr­zeu­ge inzwi­schen durch die Bank der­art per­fekt und potent gewor­den sind, dass sie nur auf der Renn­stre­cke aus­ge­fah­ren wer­den kön­nen – und auch dort immer weni­ger fah­re­ri­sches Talent ver­lan­gen. Gene­rell spielt sich das Meis­te ohne­hin nur noch im Kopf der Sport­wa­gen­be­sit­zer ab („Wenn ich rich­tig schnell Auto fah­ren könn­te und eine Renn­stre­cke zur Ver­fü­gung hät­te, dann…“; oder: „Ich bin 1,3 Sekun­den schnel­ler auf der Renn­stre­cke als mit dem Vor­gän­ger­mo­dell“ etc.). Viel Kopf­ki­no also, wo einst der gan­ze Kör­per betei­ligt war, wo das Fahr­erleb­nis einen mit­ge­ris­sen hat und das Limit durch per­sön­li­chen Ein­satz und Mut defi­niert wur­de. Das ist gene­rell die Ten­denz beim Auto: Immer mehr Kopf, immer mehr Ratio­na­li­tät, wo frü­her erst mal Gefühl war. Im Motor­sport geht es seit Jahr­zehn­ten nur noch dar­um, schnel­le­res Fah­ren durch alle mög­li­chen tech­ni­schen Beschrän­kun­gen zu ver­hin­dern – voll­kom­men absurd. Man will schnel­ler wer­den, bremst sich aber gleich­zei­tig aus? Tech­nik macht schnel­ler und lang­sa­mer zugleich?

Die­se Wider­sprüch­lich­keit ist typisch für das Auto gewor­den. Das liegt eben dar­an, dass man nicht mehr bedin­gungs­los hin­ter ihm steht; man ver­sucht, den Kopf ein­zu­schal­ten, um sei­ne alte Lie­be zu ret­ten – eine Lie­be, die aber längst ver­blasst ist.

Kopf­ge­bur­ten ohne Ende sind die Fol­ge: Nicht nur die Sport­wa­gen sind inzwi­schen moto­risch völ­lig über­di­men­sio­niert bzw. fahr­werks­sei­tig und aero­dy­na­misch over­en­gi­nee­red. Ein nor­ma­ler Auto­fah­rer bringt auf der Land­stra­ße heu­te auch einen VW Golf nicht mehr in die Nähe sei­nes Limits. Bei den meis­ten älte­ren Fah­rern täte es auch die Hälf­te der vor­han­de­nen PS oder auch viel weni­ger, wobei dann immer noch genü­gend Reser­ven vor­han­den wären. Was soll das? Zumal die Stra­ßen immer vol­ler wer­den und die PS-Zah­len inso­fern eigent­lich zurück­ge­hen müss­ten. Dass über­dies die Bedie­nung „moder­ner“ Autos immer kom­pli­zier­ter und die Über­sicht­lich­keit immer schlech­ter wird, sei am Ran­de erwähnt. Die viel­ver­kauf­ten SUVs schließ­lich zei­gen, dass das Pro­duk­ti­ons­ni­veau bloß noch unter Auf­bie­tung extre­men Ein­sat­zes von Fan­ta­sie sei­tens der Wer­ber wie der Kun­den auf­recht erhal­ten wer­den kann, die aus sinn­frei­en, häss­li­chen und viel zu schwe­ren Fahr­zeu­gen sol­che macht, die irgend­wie den­noch den alten Traum von Frei­heit und Fort­schritt ver­kör­pern. Kopf, Kopf, kom­pli­ziert: Man denkt nur noch in abs­trak­ter Kate­go­ri­en und in Zah­len, in Fahr- und Grenz­wer­ten, in Gewin­nen und Ver­lus­ten.

Doch Fan­ta­sie ist eine begrenz­te Res­sour­ce und das Kopf­ki­no benö­tigt rea­les Mate­ri­al. Des­halb kommt jetzt das Elek­tro­au­to. Die­ses steht, jeder halb­wegs infor­mier­te Mensch weiß es, nicht für die Zukunft des Autos, son­dern für sein Ende als mas­sen­haft pro­du­zier­tes sowie für die Kon­zer­ne pro­fit­träch­ti­ges Fort­be­we­gungs­mit­tel. Geht es bloß noch dar­um, kom­for­ta­bel von A nach B zu kom­men, benö­tigt man dazu kein beson­ders indi­vi­du­el­les, reiz­vol­les Fort­be­we­gungs­mit­tel – eine simp­le E-Kis­te genügt dann in den meis­ten Fäl­len. Und wer es sich leis­ten kann, betreibt eben Ben­zin­au­to­sport, so wie heu­te man­che ihre Renn­pfer­de bewe­gen. Und: Von den E-Autos benö­tigt man, klug ver­netzt und bequem auf Abruf bereit, nur einen Bruch­teil der momen­tan vor­han­de­nen Fahr- bzw. Steh­zeu­ge.

Es lie­ßen sich noch vie­le Din­ge auf­zäh­len, wel­che die inne­ren Wider­sprü­che ver­an­schau­li­chen, in denen das Auto und sei­ne Her­stel­ler gefan­gen sind, doch für die­se Skiz­ze soll es genü­gen. Ent­schei­dend ist ohne­hin das Fol­gen­de: Das Auto war noch nie ver­nünf­tig, es war eine Pas­si­on. Und es war eine Pas­si­on, die vom Fort­schritts­ge­dan­ken getra­gen wur­de. Das Schnel­ler-Bes­ser-Wei­ter und die damit ver­bun­de­ne Aus­wei­tung der per­sön­li­chen Spiel­räu­me hat das Auto vor­an­ge­trie­ben und pro­fi­ta­bel gemacht. Das war natür­lich oft ziem­lich ver­rückt, aber auch ver­dammt gut, denn vie­le tol­le, fas­zi­nie­ren­de Autos – und Renn­fah­rer – haben Men­schen begeis­tert, ihre Besit­zer wie jene von Kunst­wer­ken mit Stolz erfüllt und die Kin­der von die­sen Kunst­wer­ken träu­men las­sen. Wie viel Schö­nes rank­te sich um die­ses Wun­der auf vier Rädern! Doch heu­te hat das Auto als Sym­bol einer vom tech­ni­schen Fort­schritt gelei­te­ten Gesell­schaft aus­ge­dient. Immer öfter steht es für Ein­schrän­kung statt Befrei­ung, immer öfter dafür, die Zukunft zu ver­stel­len und zu ver­schmut­zen, in deren leuch­ten­de Vari­an­te wir doch frü­her mit ihm gefah­ren sind.

 

Heu­te hat das Auto als Sym­bol einer vom tech­ni­schen Fort­schritt gelei­te­ten Gesell­schaft aus­ge­dient.”

 

Aber kann die ehe­ma­li­ge Lie­bes­be­zie­hung nicht doch viel­leicht „ver­nünf­tig“ wei­ter­ge­führt wer­den, wie es viel­leicht Poli­ti­kern wie Ange­la Mer­kel vor­schwebt? Man muss sich doch nicht tren­nen, nur weil man sich nicht mehr liebt, oder? Den Todes­stoß für die­se Aus­flucht besorgt jedoch das Wirt­schafts­sys­tem selbst, in dem das Auto groß gewor­den ist: der Kapi­ta­lis­mus – bzw. des­sen öko­lo­gi­sche Schat­ten­sei­te. Unter öko­lo­gi­schen Gesichts­punk­ten, das heißt kli­ma- und gesund­heits­schäd­li­che Gase, Res­sour­cen, Müll etc. betref­fend, ist es das Sinn­volls­te, weit­aus weni­ger neue Autos zu pro­du­zie­ren, weil im gesam­ten Pro­duk­ti­ons­pro­zess, also nicht nur beim Bau der Kom­po­nen­ten und deren Zusam­men­set­zung, son­dern auch bei der Anlie­fe­rung der Roh­stof­fe und Kom­po­nen­ten, beim Ver­trieb etc., enorm viel Ener­gie benö­tigt wird. Statt­des­sen soll­ten die Gebrauch­ten so lan­ge wie mög­lich gefah­ren wer­den. Ent­spre­chend wird künf­tig die Pro­duk­ti­on von Ersatz­tei­len eine wich­ti­ge Rol­le spie­len, wobei neue Werk­stof­fe intel­li­gent ein­ge­setzt und die vor­han­de­nen Fahr­zeu­ge dadurch nicht nur erhal­ten, son­dern sogar peu à peu ver­bes­sert wer­den könn­ten. Und in den Städ­ten ist es ohne­hin ver­nünf­ti­ger, auto­nom fah­ren­de E-Kap­seln ein­zu­set­zen sowie den öffent­li­chen Ver­kehr und die Rad­we­ge aus­zu­bau­en.

Die ers­ten Anzei­chen des Ver­blas­sens der gro­ßen Lie­be zum Auto­mo­bil haben auf­merk­sa­me Beob­ach­ter schon Anfang der 80er-Jah­re bemerkt. Nicht umsonst ver­stärk­te sich seit­dem auch der Ein­druck, man ruhe sich in den Auto­kon­zer­nen auf sei­nen Erfol­gen aus. Nun, bald 40 Jah­re spä­ter, ist es Zeit, die Kon­se­quen­zen zu zie­hen und die Bevöl­ke­rung auf den gro­ßen Umbruch vor­zu­be­rei­ten, der mit dem Abschied vom tra­di­tio­nel­len und in rie­si­gen Stück­zah­len pro­du­zier­ten Auto ver­bun­den ist – ein Abschied, der im Her­zen schon statt­ge­fun­den hat und nur in vie­len Köp­fen noch nicht ange­kom­men ist.