Das neue Arbeiten – Pochen auf gesellschaftliche Veränderungen

POCHEN AUF GESELLSCHAFTLICHE VERÄNDERUNGEN

Die Arbeit ist der Leit­ge­dan­ke unse­res täg­li­chen Han­delns. Um ihr her­um bau­en wir unse­re Rou­ti­nen, unse­re Bedürf­nis­se und unse­re Zeit­ein­tei­lung. Über die Arbeit defi­niert unse­re Gesell­schaft den Sta­tus einer Per­son und weist ihr einen Wert zu, selbst in per­sön­li­chen zwi­schen­mensch­li­chen Begeg­nun­gen.

Was machst Du so?” ist die Fra­ge einer neu­en Begeg­nung, mit der sich nicht nach dem Hob­by und der momen­ta­nen Tätig­keit erkun­digt son­dern das Bedürf­nis geäu­ßert wird, den ande­ren an des­sen geld­wer­ten oder gesell­schaft­li­chen Bei­trag und damit des­sen Nütz­lich­keit mes­sen zu kön­nen. Mit der Ant­wort auf die­se Fra­ge ist die Zukunft der Bezie­hung fest­ge­legt.

Um den Sta­tus einer Per­son zu erken­nen, muss der Wert sei­ner Leis­tung für ande­re mess- und bewertbar sein. Geld und Rang schei­nen hier­für für unse­re Gesell­schaft die ein­zi­gen Mit­tel zu sein, die als ver­glei­chen­de Grö­ßen her­an­ge­zo­gen wer­den kön­nen. Das, was der Mensch ist und wel­che Fähig­kei­ten er in sich trägt, blei­ben dabei hin­ter dem Sta­tus sei­ner Arbeit zurück.

Nur 4 von 10 Men­schen gehen gegen Geld arbei­ten. Wir machen immer Arbeit. Sei es Fami­li­en­ar­beit oder Haus­halt. Unter Arbeit wird jedoch immer nur Erwerbs­ar­beit ver­stan­den.”*

 

Müssen wir auf gesellschaftliche Veränderungen der Norm warten oder auf politisches Einwirken pochen?”*

Wenn wir die­se Fra­ge stel­len, müs­sen wir her­aus­fin­den, wie wirk­sam die Poli­tik in unse­rer Gesell­schaft und unse­re Gesell­schaft in unse­rer Poli­tik ist.

Kann der Mensch selbst auf der Ebe­ne sei­nes sozia­len und unmit­tel­ba­ren Umfel­des Vor­ga­ben gene­rie­ren, um Ver­än­de­run­gen der Norm her­bei­zu­füh­ren und damit auch poli­tisch zu wir­ken?

Das Argu­ment, dass es einen poli­ti­schen Impuls geben muss, ver­weist schnell auf die Ver­ant­wort­lich­keit der Poli­tik und zeigt die poli­ti­sche Pas­si­vi­tät und ein “feh­len­des revo­lu­tio­nä­res Bewusst­sein” unse­rer Gesell­schaft. Wir kön­nen uns nicht vor­stel­len, Ände­run­gen selbst her­vor­zu­brin­gen und wagen wenig die Kom­fort­zo­ne zu ver­las­sen. Wie auf eine Leit­li­nie hin trai­niert fol­gen wir den Ver­spre­chun­gen der­je­ni­gen, die von unse­rer Folg­sam­keit pro­fi­tie­ren, und fürch­ten die Fol­gen, die eine Ver­wei­ge­rung nach sich zie­hen könn­te.

Tre­ten wir für Ver­än­de­run­gen ein und ver­wei­gern uns der alten Norm, ver­lie­ren wir den schüt­zen­den Kokon unse­rer sozia­len Umge­bung, die unse­rem revo­lu­tio­nä­ren Gedan­ken wenig abge­win­nen kann. Wenn wir nicht mehr erdul­den wol­len, was ande­re hin­neh­men, ent­steht in unse­rer Umge­bung ein sozia­ler Unfrie­de, der sich inter­es­san­ter­wei­se nicht gegen die Arbeit- und Norm­ge­ben­den und wirt­schaft­lich Herr­schen­den rich­tet, um die Ver­än­de­rungs­be­stre­bung zu ver­stär­ken son­dern gegen die Ver­än­de­rer, um mit all sei­ner sozia­len Macht auf die Bei­be­hal­tung der alten Norm zu drän­gen.

Der Neid auf die kleins­ten Vor­tei­le erschafft einen Kampf zwi­schen den Arbei­ten­den ver­schie­dens­ter Spar­ten, der das Poten­ti­al einer Bewe­gung zwi­schen den Stüh­len ver­sa­cken lässt. So het­zen sich der Arbei­ter am Fließ­band und der Digi­ta­le Noma­de, der Beam­te mit einer 20h Teil­zeit und die Kas­sie­re­rin an der Kas­se und for­dern nicht die Ver­än­de­run­gen, die es bedarf, um frei­er zu sein. In Dis­kus­sio­nen um Ver­bes­se­run­gen stre­cken wir uns gegen­sei­tig nie­der, um nicht die­je­ni­gen zu sein, die ohne Vor­tei­le in die Zukunft ent­las­sen wer­den wäh­rend ande­re an uns vor­bei­zie­hen.

Dabei wis­sen wir aus der Ver­gan­gen­heit: Wesent­li­che Ver­än­de­run­gen für die arbei­ten­de Bevöl­ke­rung kamen nur durch Arbeits­kämp­fe, in denen sich gegen die herr­schen­den Stan­dards auf­ge­lehnt wur­den. Die Pro­test­be­we­gung der Maschi­nen­stür­mer (Lud­dies) etwa kämpf­te gegen die sozia­len Fol­ge­er­schei­nun­gen der Mecha­ni­sie­rung in der Indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on und zer­stör­te im Kampf gegen Sta­tus­ver­lust und dro­hen­der sozia­ler Ver­elen­dung Maschi­nen oder neu errich­te­ten Fabri­ken, um die von Fabri­kan­ten beab­sich­tig­te Erset­zung von qua­li­fi­zier­ten Arbei­tern durch Unge­lern­te zu ver­hin­dern oder um gegen Ver­schlech­te­run­gen der Lohn- und Arbeits­be­din­gun­gen zu pro­tes­tie­ren.

Grund­sätz­lich gilt: die, die in einem bestehen­den Sys­tem herr­schen und von den Ver­hält­nis­sen pro­fi­tie­ren, set­zen sich nicht dem Risi­ko von Ver­än­de­run­gen aus. In ihren beque­men und gut gepols­ter­ten Ses­seln wol­len sie kei­nen zugi­gen Wind oder gar unbe­que­men Stuhl befürch­ten müs­sen. Eine schwin­den­de Pols­te­rung wür­de die har­te Kan­te eines jenes Lebens zum Vor­schein brin­gen, das so weit weg von dem ihri­gen zu sein hat.

Die herr­schen­den Klas­sen sind von der har­ten Not­wen­dig­keit zur Arbeit ver­schont und wol­len es auch blei­ben. So wir­ken die Lob­by­is­ten recht- und früh­zei­tig auf die poli­ti­schen Vor­ga­ben ein, um ihren Vor­sprung aus­zu­bau­en und dem Arbei­ter noch mehr abzu­pres­sen. Wie etwa mit einer Ren­te ab 70. Wer will dann noch glau­ben, dass die Poli­tik dar­auf­hin wir­ken wird, dass sich die Umstän­de der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung ver­bes­sern wäh­rend sich jene der Kapi­ta­lis­ten ver­schlech­tern sol­len?

Der aus einem Bedürf­nis her­vor­ge­brach­te Antrieb nach Umbrü­chen fin­det sei­ne Geburts­stun­de nur im Umbe­que­men. Dort, wo es dun­kel, kalt und rau ist. Wol­len wir eine Ver­än­de­rung der gesell­schaft­li­chen Norm, kön­nen nur wir die Unzu­frie­de­nen eine Ver­än­de­rung her­vor­ru­fen. Wirk­sam wäre nur ein Pochen auf gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen, die durch uns selbst her­vor­ge­bracht wer­den. Eine Ver­än­de­rung von der Poli­tik kann nur unzu­frie­den­stel­lend ver­lau­fen.

 

Mar­ga­re­te Stein

 

*im Gespräch der Podi­ums­dis­kus­si­on „Kat­zen­tisch“ des uto­pi­schen Polit­ma­ga­zin “Kater Demos

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