Der Angst begegnen – Interview mit Christiane Quincke

Fol­gen­des Inter­view mit der Deka­nin der Evan­ge­li­schen Kir­che in Pforz­heim Chris­tia­ne Quincke ent­stammt der aktu­el­len Aus­ga­be WA(H)RE ANGST. Im März 2017 ver­lieh ihr die Offe­ne Kir­che den AMOS-Preis für Zivil­cou­ra­ge in Kir­chen, Reli­gio­nen und Gesell­schaft. Wir spra­chen mit ihr über die Angst vor dem Frem­den und über die Gefahr von und durch auto­ri­tä­re Regime.

Der Angst begegnen

Interview mit Christiane Quincke

 

Den Men­schen die Angst neh­men – ist das die vor­dring­lichs­te Auf­ga­be der Reli­gi­on?

Oft wur­de und wird Reli­gi­on miss­braucht, um Angst zu machen – mit einem stra­fen­den Gott zum Bei­spiel. Doch in der Tat soll­te eine „gute“ Reli­gi­on eher hel­fen, mit Angst bes­ser umzu­ge­hen. Wer sich von Gott getra­gen und beglei­tet weiß, muss sich sei­nen Ängs­ten eigent­lich nicht mehr aus­ge­lie­fert füh­len.

 

Wel­ches sind die kon­kre­ten Ängs­te, mit denen Sie als Deka­nin des Kir­chen­be­zirks Pforz­heim-Stadt kon­fron­tiert wer­den?

Vor allem Ängs­te, die mit dem  ema Ver­än­de­rung zu tun haben: der Wan­del einer gut­bür­ger­li­chen Stadt zu einer mul­ti­kul­tu­rel­len und damit mehr Fremd­heit in der Stadt; der Wech­sel vom Hand­werk zur Dienst­leis­tung; die wirt­schaft­li­che Unsi­cher­heit; der Ver­lust von Tra­di­ti­on und zugleich das Bewusst­wer­den der Schat­ten­sei­ten der Stadt­ge­schich­te – das alles macht Angst.

 

Glau­ben Sie, dass die Men­schen wirk­lich Angst vor Flücht­lin­gen oder vor dem Islam
haben, oder liegt da eine ande­re Angst zugrun­de, die wah­re Angst sozu­sa­gen?

Es ist die Angst vor dem „Frem­den“: ein frem­der Glau­be, der sich anders und sicht­ba­rer zeigt, als wir es in unse­rer säku­la­ri­sier­ten Gesell­schaft gewohnt sind; frem­de Spra­chen auf der Stra­ße; frem­de Klei­dung; frem­de Gerü­che; frem­de Kul­tur. Die Angst vor dem „Frem­den“ sitzt tief in uns und ist erst­mal da. Aber nor­ma­ler­wei­se über­win­den wir sie: Wir ent­de­cken die Fas­zi­na­ti­on des „Frem­den“ (etwa beim Rei­sen in frem­de Län­der oder beim Aus­pro­bie­ren von frem­den Essen) und mer­ken durch Begeg­nung, dass der, die, das ande­re kei­ne Angst machen muss.

 

Eine Aus­stel­lung zum The­ma WA(H)RE ANGST in Pforz­heim – war­um gera­de hier?

Weil die Stadt vie­len Ein­hei­mi­schen „fremd“ gewor­den ist und vie­len Zuge­zo­ge­nen die Stadt immer noch „fremd“ bleibt. Die glo­ba­len Ver­än­de­run­gen schla­gen hier auf und wer­den sicht­bar. Aber anstatt das Ver­hei­ßungs­vol­le von Ver­än­de­rung und Fremd­sein posi­tiv und aktiv zu gestal­ten, wird von man­chen poli­ti­schen Kräf­ten die Angst eher noch geschürt und zur Han­dels­wa­re. Durch Fake­news und Abschot­tung wird Angst vor dem „Frem­den“ genährt und ver­kauft als poli­ti­sches Instru­ment.

 

Wovor soll­ten wir Angst haben?

Davor, dass auto­ri­tä­re Sys­te­me immer attrak­ti­ver zu wer­den schei­nen und wir durch sie die einen Men­schen zu Göt­zen machen und ande­ren Men­schen ihre Wür­de abspre­chen.

 

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 Noch bis zum 8.12.17 ver­sen­den wir die Aus­ga­be zum The­ma WA(H)RE ANGST ver­sand­kos­ten­frei.

u.a. mit
* Otto Tei­schel: Angst und Ideo­lo­gie
* Tho­mas Gut­knecht: Mut und Hal­tung statt Wut und Spal­tung
* Jona­than Barth / Chris­toph Gran: Zukunfts­fä­hig­keit statt Wachs­tum
* einem Por­trät über Franz Kaf­ka von Peter-André Alt
* Heinz Bude im Inter­view: Wer kei­ne Angst hat, hat auch kei­ne Zukunft

*EXTRA: künst­le­ri­sche Per­spek­ti­ven von u.a. Jonas Bur­gert, Mari­na Grži­nić, Gus­tav Klu­ge oder Roger Bal­len

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