Der gesunde Menschenverstand und darüber hinaus – Interview mit Nikil Mukerji

Anläss­lich der neu­en agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH haben wir Nikil Muker­ji, Geschäfts­füh­rer des Exe­cu­ti­ve-Stu­di­en­gangs Phi­lo­so­phie Poli­tik Wirt­schaft (PPW) an der LMU Mün­chen, zum The­ma eini­ge Fra­gen gestellt. Er spricht über den gesun­den Men­schen­ver­stand, die Vor- und Nach­tei­le von Wirt­schafts­wachs­tum und gibt den Tipp, ab und zu mit Men­schen zu spre­chen, die anders den­ken als man selbst …

 

 

Als wir vor acht Jah­ren die agora42 grün­de­ten, frag­te man uns oft, wie Öko­no­mie und Phi­lo­so­phie zusam­men­pas­sen. Was ant­wor­ten Sie, wenn Sie gefragt wer­den, war­um man einen Mas­ter stu­die­ren soll, der bei­des ver­bin­det?

Dafür gibt es meh­re­re Grün­de. Eini­ge davon sind theo­re­tisch, ande­re prak­tisch. Ich gebe Ihnen jeweils ein Bei­spiel. Auf der theo­re­ti­schen Ebe­ne schaut man sich in einem phi­lo­so­phisch infor­mier­ten Wirt­schafts­stu­di­um an, wie die grund­le­gen­den Begrif­fe und Annah­men der Wirt­schafts­wis­sen­schaft eigent­lich zu deu­ten sind. Hier gibt es vie­le popu­lä­re Miss­ver­ständ­nis­se. Zum Bei­spiel wer­den wirt­schaft­li­che Akteu­re als „homi­nes oeco­no­mici“ model­liert. Vie­le Men­schen – und sogar vie­le Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler! – den­ken, dass damit ange­nom­men wird, wirt­schaft­li­che Akteu­re sei­en ego­is­tisch, kalt und berech­nend. Auf die­se Wei­se hat die Wirt­schafts­wis­sen­schaft eine schlech­te Pres­se bekom­men. Inter­es­san­ter­wei­se besagt aber die wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che Grund­la­gen­theo­rie über­haupt nicht, was man ihr unter­stellt. Sie besagt ledig­lich, dass wirt­schaft­li­che Akteu­re wis­sen, was sie wol­len und dass ihre Prä­fe­ren­zen wider­spruchs­frei sind. Ein theo­re­ti­scher, phi­lo­so­phisch infor­mier­ter Blick hilft also zu erken­nen, dass das Men­schen­bild der Wirt­schafts­wis­sen­schaft gar nicht so düs­ter ist, wie dies häu­fig ange­nom­men wird.

 

Und das zwei­te Bei­spiel?

Der berufs­be­glei­ten­de Wei­ter­bil­dungs­stu­di­en­gang M.A. Phi­lo­so­phie Poli­tik Wirt­schaft (PPW) an der LMU Mün­chen lehrt den sys­te­ma­ti­schen Umgang mit Kom­ple­xi­tät und hilft dabei, ver­steck­te Prä­mis­sen zu erken­nen, über­eil­te Ant­wor­ten zu hin­ter­fra­gen und das Spek­trum an Lösun­gen zu erwei­tern. Die inter­dis­zi­pli­nä­ren Per­spek­ti­ven von Poli­tik- und Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, Ethik, Phi­lo­so­phie, Orga­ni­sa­ti­ons- und Ent­schei­dungs­theo­rie befä­hi­gen Ent­schei­dungs­trä­ger, ratio­nal mit der Diver­si­tät funk­tio­na­ler, ethi­scher, kul­tu­rel­ler und per­sön­li­cher Per­spek­ti­ven umzu­ge­hen.

Das zwei­te Bei­spiel ist prak­ti­scher Natur. Ein rei­nes Wirt­schafts­stu­di­um bereit dar­auf vor, Ent­schei­dungs­fra­gen wirt­schaft­lich ver­nünf­tig zu durch­den­ken. Nicht mehr und nicht weni­ger. Wir stel­len jedoch fest, dass das in der Pra­xis häu­fig nicht reicht. Wenn Sie mit Ent­schei­dungs­trä­gern aus der Wirt­schaft spre­chen, dann erfah­ren Sie, dass es in vie­len prak­ti­schen Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen nicht nur eine wirt­schaft­li­che Dimen­si­on gibt. Hin­zu kom­men Aspek­te der Ethik und der Kul­tur. Bis­wei­len müs­sen auch poli­ti­sche, psy­cho­lo­gi­sche und sozio­lo­gi­sche Aspek­te ein­be­zo­gen wer­den. Mit ande­ren Wor­ten: Es gibt ver­schie­de­ne wich­ti­ge Per­spek­ti­ven, die Sie auf ein und das sel­be Ent­schei­dungs­pro­blem ein­neh­men kön­nen. Die müs­sen Sie ers­tens erken­nen, und zwei­ten müs­sen Sie in der Lage sein, schwie­ri­ge Ziel­kon­flik­te zu lösen. Etwa wenn eine wirt­schaft­lich gebo­te­ne Ent­schei­dung aus ethi­scher Sicht pro­ble­ma­tisch ist.

 

Die neue Aus­ga­be der agora42 hat den Titel „Wirt­schaft im Wider­spruch“. Wel­cher Wider­spruch im öko­no­mi­schen Bereich ist für Sie der bedeut­sams­te?

Ich den­ke, in wirt­schaft­li­chen Fra­gen wider­spricht häu­fig unser Bauch­ge­fühl dem, was wirk­lich ver­nünf­tig ist. Die­ses Phä­no­men wird inten­siv von der Ver­hal­tens­öko­no­mik stu­diert, die beson­ders die psy­cho­lo­gi­schen Aspek­te wirt­schaft­li­cher Ent­schei­dun­gen im Blick hat. Es gibt vie­le Bei­spie­le für intui­ti­ves Den­ken, das uns in die Irre führt. Wenn Sie sich z.B. vor­stel­len, dass Sie zwei Akti­en gekauft haben. Aktie A ist um 20% gestie­gen, Aktie B um 20% gefal­len. Nun brau­chen Sie Geld für eine drin­gen­de Anschaf­fung und über­le­gen, wel­che Aktie Sie ver­kau­fen soll­ten. Wenn Sie Ihrem Bauch­ge­fühl ver­trau­en, wer­den Sie ver­mut­lich Aktie A ver­kau­fen. War­um? Weil die im Plus ist und Sie einen Gewinn mit­neh­men kön­nen. Bei der ande­ren Aktie sind Sie im Minus. Hier wür­den Sie den Ver­lust rea­li­sie­ren, wenn Sie ver­kau­fen. Des­we­gen scheu­en Sie sich davor, das zu tun. Wenn Sie aller­dings ein wenig über­le­gen, dann soll­te Ihnen klar wer­den, dass die Fra­ge, mit wel­cher Aktie Sie im Plus sind und mit wel­cher im Minus, völ­lig belang­los ist. Was zählt, ist, wie Sie die Zukunfts­per­spek­ti­ve der bei­den Akti­en ein­schät­zen. Wenn man ver­kom­pli­zie­ren­de Fak­to­ren wie etwa Steu­er­fra­gen aus­blen­det, dann soll­ten Sie die­je­ni­ge Aktie ver­kau­fen, die eine ver­gleichs­wei­se schlech­te­re Zukunfts­aus­sicht hat.

 

Sie haben ein Buch über die Grund­sät­ze ver­nünf­ti­gen Den­kens geschrie­ben: “Die 10 Gebo­te des gesun­den Men­schen­ver­stands”. Gibt es Mög­lich­kei­ten, sein Leben wider­spruchs­frei aus­zu­rich­ten? Oder ist die unbe­ding­te Wider­spruchs­frei­heit selbst ein Wider­spruch?

Nikil Mukerji

Nikil Muker­ji ist Phi­lo­soph und Buch­au­tor (u.a. „Die 10 Gebo­te des gesun­den Men­schen­ver­stands“, 2017). Er stu­dier­te BWL, VWL, Phi­lo­so­phie, Logik und Wis­sen­schafts­theo­rie. Heu­te ist er Geschäfts­füh­rer des Exe­cu­ti­ve-Stu­di­en­gangs PPW an der LMU Mün­chen und frei­be­ruf­li­cher Bera­ter für das Insti­tut für Argu­men­ta­ti­on in Mün­chen.

Wider­spruchs­frei­heit ist für mich ein Gebot des gesun­den Men­schen­ver­stands. Das heißt, es ist aus mei­ner Sicht völ­lig unkon­tro­vers, dass Sie Wider­spruchs­frei­heit anstre­ben soll­ten. Ein sehr ein­fa­ches Argu­ment zeigt das. (1) Sie haben ein Inter­es­se dar­an, Din­ge zu tun, die Ihren Zie­len die­nen. (2) Wenn Sie fal­sche Über­zeu­gun­gen haben, dann lau­fen Sie Gefahr, etwas zu tun, was Ihre Zie­le kon­ter­ka­riert. Wenn Sie z.B. zum Bahn­hof wol­len und den­ken, es gehe nach links, obwohl es tat­säch­lich nach rechts geht, dann ver­pas­sen Sie unter Umstän­den Ihren Zug. Also haben Sie ein Inter­es­se dar­an, fal­sche Über­zeu­gun­gen zu ver­mei­den. (3) Wenn Sie wider­sprüch­li­che Über­zeu­gun­gen haben, dann garan­tiert das, dass Sie fal­sche Über­zeu­gun­gen haben. Denn ein Wider­spruch ist ja ledig­lich eine Men­ge von Aus­sa­gen, die nicht gleich­zei­tig wahr sein kön­nen. Also haben Sie ein Inter­es­se dar­an, Wider­sprü­che im Den­ken zu ver­mei­den. Soviel zur Fra­ge, war­um man Wider­sprü­che eigent­lich ver­mei­den soll­te. Aber Sie woll­ten ja wis­sen, wie man das tun kann. Hier­zu muss man erken­nen, dass nicht jeder Wider­spruch offen­sicht­lich ist. In den meis­ten Fäl­len muss man eine Wei­le gründ­lich nach­den­ken. Dafür braucht man Metho­den, und die beschrei­be ich im sechs­ten Kapi­tel mei­nes Buches „Die 10 Gebo­te des gesun­den Men­schen­ver­stands“. Ein nahe­lie­gen­der Tipp, den ich Ihnen geben kann, ist ziem­lich ein­fach umset­zen: Reden Sie mit Men­schen, die anders den­ken als Sie. Die wer­den Wider­sprü­che in Ihrem Den­ken ver­mut­lich leich­ter erken­nen als Sie selbst.

 

Es ist weit­hin Com­mon Sen­se, etwas haben zu wol­len, das die eige­nen Lebens­grund­la­gen zer­stört – näm­lich Wirt­schafts­wachs­tum. Wie kann es sein, dass der gesun­de Men­schen­ver­stand im öko­no­mi­schen Bereich der­art ver­sagt?

Ich weiß gar nicht, ob ich Ihre Ein­schät­zung da tei­len wür­de. Ers­tens: Was wir – d.h. jeder Ein­zel­ne von uns – wol­len, ist nicht Wirt­schafts­wachs­tum, son­dern ein bes­se­res Leben. Weil wir aber alle indi­vi­du­ell die­ses Ziel haben, und weil wir dafür zumin­dest teil­wei­se auf Mit­tel ange­wie­sen sind, die wir nur mit­hil­fe wirt­schaft­li­cher Pro­duk­ti­on erhal­ten, kön­nen wir als Gesell­schaft nicht auf Wirt­schafts­wachs­tum ver­zich­ten. Sonst kommt es zu Ver­tei­lungs­kämp­fen und Kon­flik­ten. Wirt­schafts­wachs­tum ist also eine not­wen­di­ge Bedin­gung des indi­vi­du­el­len Stre­bens nach einem bes­se­ren Leben. Kei­ner von uns hat aber indi­vi­du­ell die­ses Ziel. Das ist ein Punkt, der wich­tig ist. Vie­le Pro­ble­me der moder­nen Welt ent­ste­hen näm­lich nicht, weil sich Ein­zel­ne unver­nünf­tig ver­hal­ten. Viel­mehr füh­ren die ziel­ori­en­tier­ten Hand­lun­gen von Indi­vi­du­en dazu, dass Ergeb­nis­se ent­ste­hen, die eigent­lich kei­ner will.

Nun zum zwei­ten Punkt: Ich den­ke nicht ein­mal, dass Wirt­schafts­wachs­tum per se ein Pro­blem ist. Pro­ble­ma­tisch ist eher eine bestimm­te Form wirt­schaft­li­cher Pro­duk­ti­on. Wirt­schafts­zwei­ge, die z.B. eine gro­ße Men­ge fos­si­le Brenn­stof­fe ver­brau­chen, tra­gen zur Erd­er­wär­mung bei. Man­che Che­mie­kon­zer­ne ver­schmut­zen die Umwelt. Das sind für sich genom­men Pro­ble­me. Wachs­tum macht sie nur grö­ßer. Es gibt aber auch Pro­duk­ti­ons­wei­sen, die unschäd­lich sind. Ich den­ke da z.B. an neue Ener­gie­tech­no­lo­gi­en, die eine CO2-neu­tra­le Pro­duk­ti­on ermög­li­chen. Wenn hier Wachs­tum ent­steht, dann sehe ich damit kein Pro­blem. Es wäre dann aus Sicht des gesun­den Men­schen­ver­stands eher gebo­ten mehr davon zu ver­lan­gen.

 

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