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Der Verlust der Lust – Warum der Neoliberalismus den Sex zerstört

Der Verlust der Lust

Warum der Neoliberalismus den Sex zerstört

 

„Wichst du?“, fragt der äußerst erfolgreiche Börsenmakler Mark Hanna seinen neuen Protegé, den aus einfachen Verhältnissen stammende Jordan Belfort, der im Verlauf des Films als Wolf of Wall Street bekannt wird. Jordan Belfort druckst etwas herum und entgegnet dann: „So drei, vier Mal, vielleicht auch fünf Mal die Woche.“ – „Das reicht nicht“, entgegnet Mark Hanna. „Das machen bei uns nur Anfänger. Ich hole mir mindestens zweimal am Tag einen runter. Tust du es nicht, verlierst du die Balance, dein Motor blockiert und du kippst einfach um“.

Der junge Belfort gerät ins Zentrum des Kapitalismus: in eine Welt puren Adrenalins, schrillender Telefone und prasselnden Geldregens. Er hat Erfolg. Und Erfolg macht bekanntlich sexy. Auf seine euphorischen Börsentage lässt er ebenso exzessive Nächte folgen. Drogen, Sex, und Karriere treten einen gemeinsamen rasanten Höhenflug an. Die Sucht nach weiteren, stärkeren Kicks wächst: Noch mehr Profite, noch krassere Orgasmen, noch heftigere Drogenschüsse. Belfort lebt den kapitalistischen Traum des unbegrenzten Wachstums. Nur blöd, dass ein Normalsterblicher derartige Zustände kaum länger als fünf Jahre aushält. Spätestens mit 40 ist der Ofen aus. Sexeskapaden enden im gelangweilten Anstarren gesichtsloser Bunnys, Drogenexzesse in der Klinik und berufliche Verausgabungen im Burn-Out. Es hat sich ausgerauscht. Sex adé.

Wolfram Bernhardt Tanja Will Frank Augustin
Die Magazinmacher Wolfram Bernhardt, Tanja Will und Frank Augustin wundern sich über die Zerstörung der Lust in der maßlosen Gesellschaft.

Nein, wirtschaftliche Erfolge haben mit prickelnder Erotik nichts zu tun, auch wenn sie die sexuelle Lust vorübergehend stimulieren. Im Gegenteil, sie betreiben Raubbau an sexuellen Ressourcen und sind genauso unnachhaltig, wie das Verfeuern fossiler Energieträger. Die Idee der Erotik kommt hingegen – wie so oft – nicht aus der Konsumwirtschaft, sondern aus der Philosophie. Indische Lehrmeister versuchten schon vor Jahrhunderten dem Menschen zu langfristigeren tieferen erotischen Empfindungen zu verhelfen. Dafür stellten sie die Kontrolle der Leidenschaften in den Vordergrund und erklärten die Erlangung eines wunschlosen Zustands als das Ziel. Sie sahen, dass der Mensch an Lust gewinnt, je weniger er sich nimmt, was er will. Sie zeigten, dass Enthaltsamkeit größere Gefühle aufflammen lässt, als die kurzfristige Befriedigung.

Hm, kein Sex, keine Drogen, keine Profite? Klingt ja gar nicht geil, würde Mark Hanna denken. Tja, deshalb ist die Börse auch der unerotischste Ort, den man sich vorstellen kann.


 

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