Die Welt neu denken und gestalten – Interview mit Fredmund Malik

Anläss­li­ch der aktu­el­len Aus­ga­be haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma “SYSTEME” ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten von Prof. Dr. Fred­mund Malik, Grün­der und Inha­ber des Malik Insti­tu­te, Unter­neh­mer, Wis­sen­schaft­ler und Autor für Kom­ple­xi­täts­ma­nage­ment, Gover­nan­ce und Lea­dership. Von ihm stammt auch der Arti­kel „Euro­pas Gro­ße Trans­for­ma­ti­on21“ in der ago­r­a42 EUROPA 2/2014. Sein neus­tes Buch “Navi­gie­ren in Zei­ten des Umbruchs” ist 2015 im Cam­pus Ver­lag erschie­nen.

 

Die Welt neu denken und gestalten

Interview mit Prof. Dr. Fredmund Malik

 

Abs­trak­te kom­ple­xe Gebil­de wer­den heu­te schnell als Sys­te­me bezeich­net, ohne zu wis­sen, was dar­un­ter gen­au zu ver­ste­hen ist. Gan­ze Wis­sen­schaf­ten erfor­schen Ent­ste­hung, Ent­wick­lung, Ein­fluss und Beein­flus­sung von Sys­te­men. Was bringt uns das Nach­den­ken über Sys­te­me?

 

Fredmund Malik

Foto: Thal­mann

Um den Schluss der Fra­ge vor­weg­zu­neh­men: Sys­tem­den­ken bringt eine oft voll­kom­men ande­re Welt­sicht, ein neu­es Ver­ste­hen, oder über­haupt erst­mals ein Ver­ste­hen. Es ermög­licht oft ganz neue Per­spek­ti­ven, und es bringt auch die Fähig­keit, Per­spek­ti­ven zu ver­än­dern und sie spie­le­ri­sch zu vari­ie­ren, um mehr und mehr über sie zu erfah­ren — und wie­der­um, durch all das, immer bes­ser zu ver­ste­hen.

Sys­tem­den­ken ist ganz­heit­li­ches Den­ken. Es gibt ein schö­nes Zitat von Prof. Dr. Hans Ulrich, dem Pio­nier der sys­tem­ori­en­tier­ten Manage­ment­leh­re an der schwei­ze­ri­schen Uni­ver­si­tät St. Gal­len, der einer mei­ner wich­ti­gen Leh­rer war. Er sag­te: Ganz­heit­li­ches Den­ken ist radi­kal, weil es so vie­les, das wir für selbst­ver­ständ­li­che Wahr­heit hiel­ten, als blos­ses Pro­dukt unse­rer beschränk­ten Erkennt­nis ent­larvt. Ganz­heit­li­ches Den­ken ist krea­tiv, weil es bis­her unver­bun­den Gedach­tes ver­bin­det und so erst Mus­ter schafft, in die wir das Ein­zel­ne ein­ord­nen und damit ver­ste­hen kön­nen.

Nicht nur abs­trak­te, son­dern auch sehr kon­kre­te Gebil­de wer­den als Sys­tem bezeich­net. Wich­tig ist, dass man es „ern­st“ meint und Sys­te­me nicht nur so bezeich­net, son­dern sie als sol­che auch wahr­nimmt. Nur so lässt sich her­aus­zu­fin­den, wo die Ver­stär­kungs­ele­men­te und „Toten Punk­te“ lie­gen, wie man ver­schach­tel­te Rück­kop­pe­lungs­krei­se auf­spü­ren kann, wel­che Ver­hal­tens­dy­na­mik Sys­te­me haben und wo die sta­bi­len und die insta­bi­len Zonen sind. Man erfährt, wo und wie man in Sys­te­me ein­grei­fen und je nach Situa­ti­on auch ver­än­dern kann. Dies ist umso inter­es­san­ter, und für das Ver­ste­hen auch not­wen­dig, je kom­ple­x­er ein sol­ches Gebil­de ist, je mehr es mit Unsi­cher­heit, Unge­wiss­heit, Unpro­gnos­ti­zier­bar­keit, daher auch mit Über­ra­schun­gen, Risi­ken, mit Dyna­mik, Ver­net­zung und Ver­än­de­rung zu tun hat. Man lernt dabei recht schnell, was Kom­ple­xi­tät bedeu­tet, wenn man mit der Kom­ple­xi­tät von Sys­te­men kon­fron­tiert ist – mit der enor­men Anzahl von Ver­hal­tens­mög­lich­kei­ten und mit Viel­falt.

Wich­tig ist, dass man Sys­te­me nicht ohne ihre eige­ne Kyber­ne­tik ver­ste­hen kann, d.h ohne das, was das Sys­tem im Inners­ten zusam­men­hält, was sei­ne Funk­ti­ons­wei­se regu­liert, sei­ne Sta­bi­li­tät aber gleich­zei­tig auch Anpas­sungs­fä­hig­keit her­bei­führt. Die Kyber­ne­tik eines Sys­tems sind jene Regeln und Geset­ze, die ein Sys­tem zu einem kohä­ren­ten Gan­zen macht, und es befä­higt, sich selbst zu regu­lie­ren, sich selbst zu orga­ni­sie­ren, und sich selbst zum Bei­spiel auch zu hei­len, etwa nach einer Ver­let­zung.

Eine der bes­ten Vor­stel­lun­gen ist ein leben­der Orga­nis­mus in sei­nem natür­li­chen Umfeld. Wenn ich den Orga­nis­mus aus dem Umfeld her­aus­lö­se, dann ver­liert er sei­ne Sys­tem­haf­tig­keit, denn erst Orga­nis­mus und Umwelt zusam­men bil­den das rele­van­te Sys­tem. So ist ein Tiger im Dschun­gel etwas ande­res als ein Tiger in einem Käfig. Vie­len ver­ur­sacht es Schwie­rig­kei­ten, dass man nie gen­au weiß und nie gen­au wis­sen kann, wo die Umwelt beginnt und wo sie endet, und man kann auch nicht gen­au sagen, wo ein Orga­nis­mus beginnt und wo er endet. Letzt­li­ch ist es aber kein so gro­ßes Pro­blem, wie man­che behaup­ten, son­dern es gehört im Gegen­teil zur Sys­tem­haf­tig­keit dazu, es schafft sie und es bedingt sie. Auch ist es inso­fern kein Pro­blem, als Men­schen ganz natür­li­ch so den­ken, so lan­ge sie noch nicht durch fächer­ori­en­tier­ten Schul­un­ter­richt ver­bil­det sind.

Saul Gorn, einer der bedeu­ten­den Pio­nie­re der Infor­ma­ti­ons­theo­rie sag­te sinn­ge­mäß ein­mal: Sein ers­tes Lebens­jahr ver­bringt der Men­sch damit, zu ler­nen, dass er an sei­ner Haut endet. Den Rest sei­nes Lebens ver­bringt er damit, zu ler­nen, dass das nicht stimmt.

Und was weiss man, wenn man weiss, dass ein Gegen­stand aus etwa 15 kg Koh­le, 4 kg Stick­stoff, 1 kg Kalk, 1/2 kg Phos­phor und Schwe­fel, etwa 200 g Salz, 150 g Kali und Chlor und etwa 15 ande­ren Mate­ria­li­en sowie aus 4 – 5 Eimern Was­ser besteht? Ich lade nicht nur dazu ein, die Ant­wort selbst zu fin­den, son­dern vor allem dar­über hin­aus auch noch nach­zu­den­ken, was die Ant­wort zu einer Ant­wort macht. Wer die­ses klei­ne Rät­sel lösen kann, hat Sys­te­me ziem­li­ch gut ver­stan­den.

Wor­um es geht, wird viel­leicht kla­rer, wenn ich zuer­st den Begriff „Sys­tem“ mit dem Begriff „Objekt“  kon­tras­tie­re. Typi­scher­wei­se ler­nen wir – unter ande­rem durch die Spra­che – die Welt in Objek­te ein­zu­tei­len. Also Mut­ter, Tisch, Stuhl usw. In mei­nen ers­ten  Schul­jah­ren war die Schu­le für mich ein Gebäu­de mit einem Spiel­platz, einem Klas­sen­zim­mer und einem Leh­rer – also eine Ansamm­lung von Objek­ten.  An den Geruch des geöl­ten Bodens erin­ne­re ich mich aller­dings noch heu­te. Viel­leicht war das schon eine klei­ne Vor­ah­nung in die Sys­tem­welt. Es dau­er­te eini­ge Zeit, bis ich dann ver­stan­den hat­te, in wel­che gro­ße Zahl von ande­ren Zusam­men­hän­gen, in wel­ches dich­te Bezie­hungs­netz mei­ne klei­ne Dorf­volks­schu­le ein­ge­bun­den war, z. B. dass sie Teil des Bil­dungs­sys­tems und der Berufs­welt war, dass sie eng mit der Kir­che zusam­men­hing und dass die gan­ze Gemein­de­be­völ­ke­rung durch die­se Schu­le gegan­gen war, dass sie eine Geschich­te hat­te,  und dass sie das Leben von zahl­rei­chen Men­schen geprägt hat. Das alles gemein­sam und in einer chro­no­lo­gi­schen Ordung war es, was die­ses – für sich genom­men – ganz unwich­ti­ge Gebäu­de zu einer Schu­le mach­te.

Bei mei­ner Arbeit mit Füh­rungs­kräf­ten spielt unter ande­rem das The­ma Orga­ni­sa­ti­on eine ent­schei­den­de Rol­le. Die­ses behand­le ich meis­tens schon in einem frü­hen Sta­di­um und dabei kom­men Sys­te­me und Sys­tem­den­ken natür­li­ch vor – und zwar ganz rele­vant für die unmit­tel­ba­re Pra­xis die­ser Men­schen. Wenn ich die­se Frau­en und Män­ner bit­te: „Zeich­nen Sie für sich Ihr Sys­tem gra­fi­sch auf“, kom­men die Leu­te fast aus­nahms­los mit Abbil­dun­gen ihrer Orga­ni­gram­me. Ich las­se die­se dann prä­sen­tie­ren, fra­ge aber zum Bei­spiel: „Ja, haben Sie denn kei­ne Fami­lie?“  Ant­wort: „Ja, doch, doch!“ Und ich muss nicht mal mehr erklä­ren, dass die Berufs­aus­übung jeder ein­zel­nen Füh­rungs­kraft von sei­ner fami­liä­ren Situa­ti­on beein­flusst wird und umge­kehrt. Das liegt ja dann auf der Hand.

Nach die­ser ein­fa­chen Übung öff­nen sich die Hori­zon­te, denn dann fällt vie­len sogar ein, dass sie auch noch im Ver­eins­vor­stand ihres loka­len Sport­ver­eins sind oder sich ehren­amt­li­ch ander­wei­tig enga­gie­ren. Nach kur­zer Zeit haben wir dann für die prak­ti­sche Wei­ter­ar­beit genü­gend gut „das Sys­tem“ und nicht nur „das Orga­ni­gramm“ im Kopf – ohne „ihr“  Sys­tem zu sehen, kön­nen Füh­rungs­kräf­te unse­rer Kom­ple­xi­täts­ge­sell­schaft ihre Auf­ga­ben heu­te nicht mehr wirk­sam wahr­neh­men

 

Wor­an bemerkt man Sys­te­me im All­tag? Sind Sie in Ihrem Leben ein­mal einem Sys­tem begeg­net, haben sich dar­an gestoßen oder wur­den dadurch gar unter­stützt? Wie sind Sie damit umge­gan­gen?

Ich bin da befan­gen, denn ich habe mich mein gan­zes Leben lang mit Sys­te­men beschäf­tigt – die Sys­tem­wis­sen­schaf­ten und die Kyber­ne­tik – ange­wandt auf Orga­ni­sa­tio­nen jeg­li­cher Art, vor allem auch Wirt­schafts­un­ter­neh­men, sind ja sowohl mei­ne aka­de­mi­schen Spe­zi­al­ge­bie­te, als auch die The­men­fel­der mei­ner unter­neh­me­ri­schen Tätig­kei­ten. Ich bewe­ge mich nicht nur in mei­nem All­tag immer in Sys­te­men, ich beschäf­ti­ge mich auch immer damit.

Wäh­rend mei­nes Uni­ver­si­täts­stu­di­ums in St. Gal­len habe ich bereits die sys­tem­ori­en­tier­te Manage­ment­leh­re von den Pio­nie­ren gelernt. Ich habe dann auf die­sem Gebiet dok­to­riert und habi­li­tiert, sys­tem­ky­ber­ne­ti­sches Manage­ment war mein aka­de­mi­sches Lehr­fach an der Uni­ver­si­tät St. Gal­len,  heu­te leh­re ich das z. B. auch an chi­ne­si­schen Uni­ver­si­tä­ten. Mei­ne eige­ne 40 Jah­re For­schung und Arbeit mit und an Manage­ment­sys­te­men beschäf­tigt sich mit der Fra­ge, was unter kom­ple­xen Bedin­gun­gen rich­ti­ges und was fal­sches Manage­ment ist, und was kom­ple­xe Insti­tu­tio­nen in kom­ple­xen Umwelt­en brau­chen, um zu zweck­ent­spre­chend zu funk­tio­nie­ren? Beson­ders wich­tig – ja viel­leicht sogar wich­ti­ger – ist für mich dabei mei­ne sys­tem­ky­ber­ne­ti­sche Arbeit in und für die Pra­xis.

Längst leben wir ja nicht mehr in einer ein­fa­chen Gesell­schaft von Per­so­nen, son­dern in einer hoch­kom­ple­xen Gesell­schaft von Orga­ni­sa­tio­nen. Was immer Men­schen tun, tun sie nicht als Indi­vi­du­en, son­dern als Mit­glie­der oder als Nut­zer von Orga­ni­sa­tio­nen. Ohne funk­tio­nie­ren­de Orga­ni­sa­tio­nen droht ein Kol­laps des Funk­tio­nie­rens. Das Risi­ko ist real. Denn Mor­pho­lo­gie und Funk­ti­ons­prin­zi­pi­en der meis­ten heu­ti­gen Orga­ni­sa­tio­nen haben ihren Ursprung noch weit im vori­gen Jahr­hun­dert. Den Her­aus­for­de­run­gen der heu­ti­gen Kom­ple­xi­tät, Geschwin­dig­keit und Dyna­mik sind sie daher immer weni­ger gewach­sen. Für die Trans­for­ma­ti­on sind sie zu lang­sam und zu schwer­fäl­lig, zu wenig effi­zi­ent und nicht anpas­sungs­fä­hig genug. Ent­schei­dungs­pro­zes­se wir­ken gelähmt und blo­ckie­ren sich selbst. Es man­gelt an kol­lek­ti­ver Intel­li­genz, Krea­ti­vi­tät, Inno­va­ti­on und Chan­ge­fä­hig­keit, Selbst-Koor­di­na­ti­on, Selbst-Regu­lie­rung und Selbst-Orga­ni­sa­ti­on. Wür­de man bei den her­kömm­li­chen unsys­te­mi­schen Denk­wei­sen und Metho­den ver­har­ren, so wäre ein sozia­les Desas­ter pro­gram­miert.

Inzwi­schen habe ich ja schon vie­le Gene­ra­tio­nen von Füh­rungs­kräf­ten bei­na­he aller Arten von Orga­ni­sa­tio­nen – Unter­neh­men, Kran­ken­häu­ser, Minis­te­ri­en, Städ­te und Staa­ten – aus­bil­den und mit ihnen zusam­men­ar­bei­ten dür­fen. Ich mei­ne, es wäre grob fahr­läs­sig von mir gewe­sen, die­se Tau­sen­den Füh­rungs­kräf­te ohne die Befä­hi­gung zum Sys­tem­den­ken wie­der in ihre prak­ti­sche Tätig­keit zurück­zu­schi­cken. Das Schlüs­sel­wis­sen in der Kom­ple­xi­täts­ge­sell­schaft besteht dar­in, die Gesetz­mäs­sig­kei­ten kom­ple­x­er Sys­te­me zu ver­ste­hen. Die Schlüs­sel­fä­hig­keit wird immer mehr jene sein, die­se Erkennt­nis­se prak­ti­sch zu nut­zen. Wir müs­sen dafür kei­ne neu­en Eigen­schaf­ten von den Men­schen for­dern, aber neue Fähig­kei­ten, ein ande­res Welt­bild, ande­re Erkennt­nis­se, Metho­den und Tools sowie – dar­auf gestützt – ein ande­res Han­deln. Schein­bar unüber­brück­ba­re Gegen­sät­ze las­sen sich auf die­sem Weg des Den­kens pro­blem­los inte­grie­ren. Kyber­ne­ti­sch regu­lier­te und gema­nag­te Sys­te­me über­win­den die Para­do­xi­en von Ein­fach­heit und Kom­ple­xi­tät, von Frei­heit und Ord­nung, Viel­falt und Ein­heit, Dezen­tra­li­tät und Zen­tra­li­tät, Gemein­schaft und Indi­vi­du­um, frei­er Wirt­schaft und Kon­trol­le der Exzes­se, von Ver­stand und Intui­ti­on. Das reduk­tio­nis­ti­sche Ent­we­der-oder-Den­ken wird ersetzt oder ergänzt durch das sys­te­mi­sche Sowohl-als-auch-Den­ken.

 

Per­spek­ti­ven und Mei­nun­gen jun­ger Men­schen wer­den in sys­tem­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen – sei es in der Poli­tik, der Wirt­schaft, der Wis­sen­schaft etc. – kaum berück­sich­tigt. Von sys­tem­ver­ur­sach­ten Kri­sen hin­ge­gen sind sie beson­ders betrof­fen (Arbeits­lo­sig­keit, Staats­ver­schul­dung, Ren­ten­aus­fall, Umwelt­zer­stö­rung). Wel­chen Rat geben Sie die­ser Gene­ra­ti­on?

Ich möch­te nicht pau­scha­lie­rend über eine gan­ze Gene­ra­ti­on spre­chen, denn zum Glück ist die­se alles ande­re als homo­gen. Ich habe eine ande­re Mei­nung, weil ich die in der Fra­ge lie­gen­de Mei­nung zwar nicht für fal­sch hal­te, aber für bedeu­tungs­los, für irrele­vant.

Sind es denn nicht gera­de jun­ge Men­schen, die sich in der prak­ti­schen Anwen­dung von Sys­tem­den­ken beson­ders pro­fi­lie­ren? Die Fir­men gegrün­det haben wie App­le, Goo­gle, Face­book usw. und gera­de dabei sind, jene Sys­te­me, die sie nicht hören wol­len, über­flüs­sig zu machen? Das sind alles jun­ge Men­schen, oder sie sind es gewe­sen, als sie begon­nen haben. Und vie­le ande­re fol­gen täg­li­ch nach. Ich sehe hier ein Aus­mass und ein Niveau von Anwen­dung des Sys­tem­den­kens und vor allen Din­gen der Kyber­ne­tik, die ein­fach gran­di­os ist. Die­se jun­gen Leu­te sind gar nicht drauf ange­wie­sen, von jeman­dem „berück­sich­tigt“ zu wer­den. Son­dern sie fah­ren mit ihren Inno­va­tio­nen all jenen ein­fach davon, die sie nicht hören wol­len.

Die alten Sys­te­me, die sol­che Kri­sen ver­ur­sa­chen – ich nen­ne sie, die Alte Welt – ver­schwin­den ohne­hin, weil sie durch die Neue Welt ver­drängt und ersetzt wer­den. Von den meis­ten unbe­merkt ist ihre Ablö­se schon seit lan­gem im Gan­ge. Seit 1997, als ich in mei­nem Buch über „Gover­nan­ce“ dar­über schrieb, nen­ne ich die­sen Vor­gang „Die Gro­ße Trans­for­ma­ti­on21“. Mein Rat ist daher, sich nicht auf­hal­ten zu las­sen.

 

Seit Luh­manns Sys­tem­theo­rie glaubt nie­mand mehr dar­an, dass sich sozia­le Sys­te­me von Ein­zel­per­so­nen ver­än­dern las­sen. Trotz­dem wächst das Unbe­ha­gen gegen­über Sys­te­men, wie dem Wirt­schafts­sys­tem oder dem Staats­sys­tem. Mal uto­pi­sch gefragt: Kann es eine sys­tem­freie Zukunft geben?

Zwei Wel­len tref­fen sich im offe­nen Oze­an ­– eine ganz gros­se, alte Wel­le und eine klei­ne, jun­ge Wel­le. Fragt die klei­ne: „Sag mal, bist Du schon mal dem Oze­an begeg­net?“ Sagt die gros­se: „Ach, weisst Du, man redet so viel vom Oze­an, aber begeg­net? Nein, begeg­net bin ich ihm noch nie …“ Dies zur sys­tem­frei­en Zukunft.

Ob sozia­le Sys­te­me von Ein­zel­per­so­nen ver­än­dert wer­den kön­nen, hängt unter ande­rem davon ab, in wel­chem Ent­wick­lungs­sta­di­um ein sozia­les Sys­tem ist, und auch davon, wel­che Mit­tel zur Ver­fü­gung ste­hen – ins­be­son­de­re Mit­tel der Kom­mu­ni­ka­ti­on und der Intel­li­genz­ver­stär­kung. Ist ein Sys­tem in einem labi­len Zustand oder auch in einer bestimm­ten, sich selbst orga­ni­sie­ren­den Eigen­dy­na­mik,  dann kann eine Ein­zel­per­son, deren „Sys­tem­zeit“ gewis­ser­ma­ßen gekom­men ist, eine gigan­ti­sche Ver­än­de­rung aus­lö­sen. Ist ein Sys­tem hin­ge­gen in einem hoch­sta­bi­len Zustand, dann kann es über­haupt nicht ver­än­dert wer­den.

Im Übri­gen wis­sen wir gera­de aus der Sys­tem­theo­rie, dass es auf Per­so­nen gar nicht ankommt, weder auf ein­zel­ne noch auf vie­le. Wor­auf es weit mehr ankommt, sind die Bezie­hun­gen, in denen Per­so­nen – wie­der­um ein­zel­ne oder vie­le – zuein­an­der und zum Sys­tem ste­hen. Auf Per­so­nen als sol­che zu rekur­rie­ren, ist metho­di­sch meis­tens unsys­te­mi­sch.

Dann kommt es auch noch dar­auf an, wel­che sys­tem­ky­ber­ne­ti­schen Metho­den und Instru­men­te einer oder meh­re­ren Per­so­nen zur Ver­fü­gung ste­hen. Denn es ist weit eher so, dass es die her­kömm­li­chen Metho­den und Instru­men­te der Alten Welt sind, mit denen sich Sys­te­me heu­te nicht mehr ver­än­dern las­sen, weil sie zu schwach sind im Ver­gleich zur heu­te gege­be­nen Kom­ple­xi­tät, der Eigen­dy­na­mik und dem inter­nen Ver­net­zungs­grad von Sys­te­men. Die alten Metho­den sind ein­fach nicht kom­ple­xi­täts­taug­li­ch genug. Ande­rer­seits gibt es heu­te neue Metho­den, die durch die Nut­zung von bestimm­ten Sys­tem­ge­set­zen, Ver­net­zungs­lo­gi­ken und  Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ei­gen­schaf­ten enor­me sich selbst ver­stär­ken­de Ver­än­de­rungs­wir­kun­gen haben. Erst aus funk­tio­nie­ren­der Ver­net­zung von Sys­te­men resul­tie­ren Intel­li­genz­ver­stär­kung, Adap­ti­vi­tät, Tem­po und Pro­duk­ti­vi­tät. Funk­tio­nie­ren­de Ver­net­zung hat Ganz­heit­lich­keit ein­ge­baut, so wie das dazu­ge­hö­ri­ge Manage­ment auch. Das ist es, was die Mil­lio­nen von Orga­ni­sa­tio­nen unse­rer moder­nen Kom­ple­xi­täts­ge­sell­schaft her­aus­for­dert. Ich mei­ne, ein men­schen­ge­rech­tes als auch ein funk­tio­nie­ren­des Zusam­men­le­ben in unse­ren Gesell­schaf­ten ist mög­li­ch – jen­seits mecha­nis­ti­schen Den­kens, aber auch jen­seits der mehr als 200 Jah­re alten und fest­ge­fah­re­nen poli­ti­schen Ideo­lo­gi­en.

wbernhardt

3 Comments

  1. Das gan­ze ist mehr als die Sum­me sei­ner Tei­le”
    Hans-Peter-Dürr

  2. Ein Sys­tem ist stets — und im eigent­li­chen Sin­ne des Erfin­ders — der Die­ner der Gesin­nung sei­nes Schöp­fers. Wer auch immer das sein mag, er ver­folg­te das Ziel, best­mög­li­ches Über­le­ben für sich und/oder sein Umfeld zu ermög­li­chen.
    Wir soll­ten uns des­we­gen nicht so viel mit Sys­te­men beschäf­ti­gen, son­dern mit unse­rer Gesin­nung und unse­ren Zie­len — auch intel­lek­tu­ell. Erst dann folgt fast auto­ma­ti­sche der Hang das pas­sen­de Sys­tem zu bau­en und gegen bestehen­de Model­le aus­zu­tau­schen.
    Vie­len Dank für die Ermu­ti­gung, Teil der Trans­for­ma­ti­on “sein” zu wol­len.
    Herz­li­che Grü­ße
    Frank H. Saue

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