Die Vollgeld-Idee und was die Schweiz davon hält

Am 10. Juni stimmten die Schweizer über die Einführung des Vollgeldes ab. Diese Volksabstimmung hatte die Vollgeldinitiative MoMo (Moderne Monetarisierung) in die Wege geleitet, die 2015 über 100.000 Unterschriften für die Annahme der Volksabstimmung gesammelt hat.

Die Vollgeld-Idee und was die Schweiz davon hält

Text: Sebas­ti­an Hin­de­rer

 

Der gest­ri­ge Bür­ger­ent­scheid über Voll­geld in der Schweiz hät­te den Finanz­ka­pi­ta­lis­mus radi­kal ver­än­dern kön­nen. So spek­ta­ku­lär dies klingt, ging es bei dem Volks­ent­scheid ges­tern jedoch “nur” um eine Erwei­te­rung des Schwei­zer Grund­ge­set­zes: der Bund allein soll soge­nann­tes Buch­geld erzeu­gen dür­fen.

Bis­her steht ihm die­se Aus­nah­me­fä­hig­keit der Wert­schöp­fung allein für Mün­zen und Bank­no­ten zu. Doch stellt das phy­sisch vor­han­de­ne Geld nur in etwa 10% des Gesamt­gel­des dar. Der Rest ist das Buch­geld: Und die­ses Buch­geld wird zum größ­ten Teil von Pri­vat­ban­ken geschaf­fen, die nicht, wie man doch mei­nen könn­te, Geld ledig­lich ver­wal­ten und wei­ter­rei­chen. Statt­des­sen wird durch Kre­dit­ver­ga­be neu­es Geld geschaf­fen.

Ver­ein­facht kann man die­sen Pro­zess wie folgt ver­an­schau­li­chen: Wenn eine Pri­vat­bank heu­te einen Kre­dit von bspw. 1.000 Fran­ken ver­gibt, muss­te sie bei der Schwei­zer Natio­nal­bank (SNB) ledig­lich 10% hin­ter­le­gen – 100 Fran­ken also. Wird der Kre­dit abbe­zahlt, erhält die Pri­vat­bank das Geld der SNB zurück und gewinnt die Zin­sen.

Die­se Fähig­keit der Pri­vat­ban­ken stei­gert die Mög­lich­keit der Bla­sen­bil­dung:

  1. Gemäß der The­se der finan­zi­el­len Insta­bi­li­tät von Hyman P. Min­sky füh­ren Pha­sen des Auf­schwungs dazu, dass zu vie­le Kre­di­te ver­teilt wer­den.
  2. Die als kre­dit­wür­dig Ein­ge­stuf­ten kau­fen ver­meint­lich Wert­vol­les (z.b. Immo­bi­li­en) oder inves­tie­ren in Pro­jek­te, die wei­te­res Wachs­tum vor­aus­set­zen – im schlimms­ten Fall kommt es zu einer Über­hit­zung der Märk­te und die ver­an­schlag­ten Wert­stei­ge­run­gen und Ren­di­te­er­war­tun­gen las­sen sich nicht mehr rea­li­sie­ren.
  3. Die Kre­dit­neh­mer kön­nen nicht zah­len und Ban­ken akzep­tier­ten kei­ne Ver­mö­gens­wer­te mehr. Der schein­ba­re Besitz auf dem Kon­to ent­puppt sich als ein nicht mehr erfüll­ba­res Ver­spre­chen – mit exis­ten­zi­el­len Fol­gen für die Kun­den.

 

Mit der Voll­geld­in­itia­ti­ve wür­de nur noch die Zen­tral­bank Buch­geld schaf­fen dür­fen und die Ver­sor­gung der Wirt­schaft mit Geld wür­de durch den Bund gewähr­leis­tet wer­den. Im Ide­al­fall soll dies dazu füh­ren, dass die Natio­nal­bank als Inter­es­sen­ver­tre­ter einer sozia­len Gesell­schaft agiert und dem­entspre­chend ent­schei­det, wer wel­che Kre­di­te bekommt (anstatt die Wirt­schaft als Haupt­in­ter­es­sen­ten zu set­zen) – die Gefahr dabei wäre eine Auto­kra­tie durch eine klei­ne Grup­pe an der Spit­ze der Natio­nal­bank. Eine sinn­vol­le Umstel­lung des Finanz­sek­tors wäre nur gepaart mit einer demo­kra­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on und einem ver­stärk­ten Bewusst­sein für die gesell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung der Ban­ken mög­lich.

Um einem aus­ufern­den Kre­dit­ge­schäft ent­ge­gen­zu­tre­ten und für mehr Sicher­heit des hin­ter­leg­ten Gel­des zu bür­gen, müss­ten Pri­vat­ban­ken gemäß der Initia­ti­ve von­ein­an­der getrenn­te Voll­geld-Kon­ten (ein­deu­ti­ge Kon­di­tio­nen und kei­ne Kre­dit­ver­ga­be) und Spar­kon­ten (mit fle­xi­blem Zins und zur Kre­dit­ver­ga­be mög­lich) anbie­ten. Somit könn­ten sie nur noch mit Geld, das sie von Spa­rern, Inves­to­ren, ande­ren Ban­ken oder eben der SNB erhal­ten, han­deln.

Kon­kret bedeu­tet das, dass sich das Selbst­ver­ständ­nis bei­der Bank­ty­pen ändern müss­te.

  • Die Zen­tral­bank wür­de mehr Ver­ant­wor­tung über­neh­men und als Staats­or­gan neben der Kon­troll­funk­ti­on auch enger in wirt­schaft­li­che Abläu­fe ein­ge­bun­den wer­den.
  • Den Pri­vat­ban­ken wäre es erschwert, Kre­di­te zu ver­ge­ben und ihre Macht wäre stark beschnit­ten. Ins­ge­samt wür­de es weni­ger und klei­ne­re pri­va­te Ban­ken geben – so die Annah­me der Voll­geld Befür­wor­ter.
  • Das Geld wür­de nicht mehr als Kre­dit und im Zusam­men­hang mit Schul­den in Umlauf gebracht wer­den. Wird ein Wirt­schafts­wachs­tum erwar­tet, dann wird die Geld­men­ge durch die Natio­nal­bank in glei­chem Maße erhöht. Die Auf­tei­lung auf Bund, Kan­to­nen und Bür­ger müss­te gesetz­lich regle­men­tiert wer­den. (Auch eine Art Grund­ein­kom­men wäre denk­bar.)

 

In jedem Fall wäre die Ein­füh­rung des Voll­gel­des ein gewag­ter Ver­such, jedoch auch ein Schritt wider die all­ge­mei­ne Undurch­sich­tig­keit und Varia­bi­li­tät des Geld­wer­tes, wenn natür­lich auch kein Garant gegen Kri­sen. Sicher­lich wür­de die neue Rege­lung der Geld­ver­ga­be auch eine lan­ge Umstel­lungs­zeit nach sich zie­hen (man rech­net mit 15 Jah­ren), in der sich die Natio­nal­bank neu auf­stel­len und den spe­zi­fi­schen Wün­schen der ein­zel­nen Kre­dit­su­chen­den anpas­sen müss­te.

Die grund­le­gen­de Fra­ge für die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger läuft auf jene zwi­schen finanz­ka­pi­ta­lis­ti­schem Libe­ra­lis­mus und poli­ti­scher Regle­men­tie­rung hin­aus. Wür­de die Ver­ant­wor­tung in die Hän­de der Zen­tral­bank gelan­gen, wäre die nächs­te Auf­ga­be, die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Men­schen und der Bank direk­ter zu gestal­ten, sodass gesell­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Inter­es­sen zu ent­spre­chen­der Kre­dit­ver­ga­be füh­ren mit dem lang­fris­ti­gen Sinn, das Geld­sys­tem zu demo­kra­ti­sie­ren und even­tu­ell der rasen­den Geschwin­dig­keit moder­ner Pro­duk­ti­on eine Note Schwei­zer Gemüt­lich­keit ent­ge­gen­zu­set­zen.

 

Der Ausgang der Volksabstimmung

Bei der gest­ri­gen Abstim­mung gaben rund 34 % der Wahl­be­rech­tig­ten ihre Stim­me ab von denen nur rund 24% für die Ände­rung stimm­te. Damit das Grund­ge­setz geän­dert wor­den wäre, hät­te es einer Zustim­mung der Mehr­heit der Stimm­bür­ger sowie der Kan­to­ne benö­tigt. Die Voll­geld-Initia­ti­ve erziel­te jedoch in kei­nem ein­zi­gen Kan­ton eine Mehr­heit. Den­noch spre­chen die Initia­to­ren von einem Ach­tungs­er­folg. Das deut­sche Pen­dant zu der Schwei­zer Initia­ti­ve der Ver­ein Mon­eta­ti­ve e.V. geht sogar noch wei­ter und schreibt in der Pres­se­mit­tei­lung zum Aus­gang des Schwei­zer Refe­ren­dums: “Die­ser Sonn­tag bedeu­tet eine Zäsur – auch wenn die Schwei­zer Akti­vis­ten ihr Begeh­ren nicht durch­set­zen konn­ten. Im Vor­feld hat­te es in der inter­na­tio­na­len Pres­se und unter Öko­no­men eine brei­te Aus­ein­an­der­set­zung über die Rol­le pri­va­ter Ban­ken bei der Geld­schöp­fung gege­ben. Für den Ver­ein Mon­eta­ti­ve e.V. und die vie­len Voll­geld-Initia­ti­ven in aller Welt ist das Abstim­mungs­er­geb­nis in der Schweiz eine Ermu­ti­gung, in ihren Wäh­rungs­räu­men noch stär­ker für die Ein­füh­rung von Voll­geld-Sys­te­men zu wer­ben. Die Dis­kus­si­on über die bestehen­de Geld­ord­nung ist in Gang gekom­men. Sie lässt sich welt­weit nicht mehr zurück­dre­hen. Ins­be­son­de­re hal­ten wir es für wich­tig, dass jetzt wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Sze­na­ri­en für die Umstel­lung des Euro-Wäh­rungs­ge­biets auf ein Voll­geld­sys­tem erar­bei­tet wer­den. Denn die dadurch mög­li­che Ent­schul­dung der staat­li­chen Haus­hal­te bie­tet eine Chan­ce, die Euro-Zone nach­hal­tig zu sta­bi­li­sie­ren.”

wbernhardt