Digipolis: Die Beste aller Welten – Interview mit Petra Grimm

Digipolis: Die Beste aller Welten

Interview mit Petra Grimm vom Institut für Digitale Ethik

 

Rafael Capurro, der auch Beiratsmitglied des Instituts für Digitale Ethik ist, spricht in unserer aktuellen Ausgabe von einem globalen Cybertariat, das sich freiwillig zum Sklaven der IT-Giganten gemacht hat. Sieht er die Situation zu kritisch?

Prof. Dr. Petra Grimm ist Leiterin des Instituts für Digitale Ethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Ich würde ergänzend dazu von einer digitalen Oligarchie sprechen, bei der sich die Marktmacht bezüglich digitaler Angebote, Infrastruktur und Entwicklung auf wenige Unternehmen konzentriert. Dass die Nutzer sich nicht gegen die Datafizierung ihrer Privatsphäre auflehnen und sich keine Gedanken über den zunehmenden Verlust ihrer Handlungs- und Entscheidungsfreiheit machen, hängt zum einen mit der mangelnden Aufklärung über die Folgen und zum anderen mit der mangelnden datenökologischen Verantwortung der Unternehmen und Politik zusammen. Zum Beispiel habe ich gestern mit einem Gymnasiasten der 11. Klasse über das Thema Datenschutz und Digitalkompetenz gesprochen, er hatte in der Schule noch nie davon gehört. Das zeigt recht gut, dass wir noch einen hohen Bedarf an Aufklärung haben und Privatheitskompetenz brauchen.

 

Eine der zentralen Themen der Tagung „In pursuit of (virtual) happiness?“ ist die Frage, ob wir eine Ethik der Algorithmen brauchen. Was kann man sich unter einer Ethik der Algorithmen vorstellen?

Eine Ethik der Algorithmen befasst sich mit den Auswirkungen von Big Data und Künstlicher Intelligenz (KI) auf den Einzelnen und die Gesellschaft. Intelligente Systeme werden zukünftig in vielen Lebensbereichen Entscheidungen (selbstständig) treffen und damit die Handlungsfähigkeit und Handlungsmächtigkeit jedes Einzelnen beeinflussen. Die zentrale ethische Herausforderung wird sein, intelligente Systeme humangerecht und werteorientiert zu gestalten. Das heißt, das Ziel der technologischen Entwicklung sollte sein, nicht nur Prozesse zu optimieren und ökonomische Effizienz zu erzielen, sondern auch unsere Lebenssituation zu verbessern, unsere Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und unsere Autonomie zu wahren. Eine humangerechte Einbindung intelligenter Systeme in hochkomplexe Gesellschaften ist keine individuelle Angelegenheit, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deshalb braucht es einen gesellschaftlichen Konsens darüber, wie die Mensch-System-Interaktion kontrollier- und steuerbar ist.

 

Man geht davon aus, dass intelligente Systeme (Algorithmen) sich bald selbstständig entwickeln werden. Damit werden sie zunehmend zu einer Blackbox, sprich, man kann nicht mehr nachvollziehen, wie genau ihre Entscheidungsfindung verläuft. Können wir insofern nur noch darauf hoffen, dass die Algorithmen eine eigene Ethik herausbilden?

Die Algorithmen können nicht selbst eine Ethik bilden. Sobald Maschinen nicht mehr von Menschen steuer- und kontrollierbar sind, haben wir ein Problem. Den Stecker zu ziehen, ist keine realistische Option. Die zentrale Herausforderung wird sein, ein Value-Based-Design zu entwickeln, mit dem man bei selbstlernenden Maschinen (Machine Learning, Deep Learning) ethische Werte und Normen schon in der Entwicklung implementieren kann. Um in der Alltagspraxis Vertrauen in intelligente Systeme zu bekommen, bedarf es ausreichender Informationen über deren Funktionsweise und mögliche Konsequenzen. Des Weiteren müssen die Systemmechanismen transparent sein, um daraus Erkenntnisse für das eigene Handeln ableiten und selbst bestimmen zu können, ob und in welchem Ausmaß man ihnen Vertrauen schenken kann. Hilfreich hierfür wäre ein interdisziplinärer Ansatz, der Informatik und Ethik verknüpft. Eine Ethik der Algorithmen kann als Navigationsinstrument diesen Prozess durch Reflexion, Orientierung und Moderation steuern.

 

Big Data, Blockchain, KI und Co. geben keine Antwort darauf, wie wir in Zukunft leben wollen. Gesellschaftliche Utopien sind im Vergleich zu Technikutopien gerade Mangelware. Wie möchten Sie im technikgeprägten Zeitalter leben?

Die Beste aller Welten wäre eine Digipolis, in der Big Data und KI nicht nur für ökonomische Zwecke genutzt werden, sondern auch für das Gemeinwohl. Zum Beispiel kann die Digitalisierung zur Ressourcenschonung beitragen sowie für neue Mobilitätssysteme oder medizinische Forschung und Anwendung hilfreich sein. Die steigende Komplexität der Gesellschaft, die politisch derzeit von Populisten negiert wird, könnte durch die Digitalisierung handhabbarer werden. Allerdings braucht es dazu auch entsprechende Narrative der Digitalisierung. Die Vorstellung darüber, was die Digitalisierung dem Einzelnen und der Gesellschaft bringen könnte, ist eigentlich derzeit eher durch ökonomische Narrative der Internet-Giganten und Tech-Unternehmen geprägt. Inwieweit sie uns mehr Chancengleichheit und ein gutes Leben bieten kann, wird viel zu wenig reflektiert, da die Ökonomisierung unserer Wertesysteme in allen Bereichen dominiert.

 

 

 

 

Im Zentrum der Tagung stehen Fragen wie: Welche Rolle spielen in Zukunft der Mensch und seine spezifisch menschlichen Leistungen, seine Denk- und Steuerungsfähigkeiten, seine Entscheidungen inklusive seiner Unzulänglichkeiten, seine ganz eigene Intelligenz, seine Wertvorstellungen, seine ethischen Haltungen und Orientierungen? Sind wir auf dem Weg zum virtuellen Glück? Um mit Aristoteles zu sprechen: Welche Art von menschlicher Vortrefflichkeit wollen wir in einer von Algorithmen geprägten Zukunft anstreben, welches Leben leben?

Am 21. Juni 2016 findet in Stuttgart eine medienethische Tagung zum Thema „In Pursuit of (Virtual) Happiness? Mensch, Maschine, Virtuelle Realität“ statt. Veranstalter ist das Institut für digitale Ethik (IDE), dessen Beiratsmitglied Prof. Dr. Rafael Capurro im Interview der aktuellen agora42 zu lesen ist. Das Thema der Tagung sind Mensch-Maschine-Interaktionen, die sich im Zuge der Digitalisierung vervielfacht, ausdifferenziert und zunehmend in unseren Alltag eingeschrieben haben. Intelligente Systeme “lernen” dabei anhand großer Datensätze und agieren zunehmend eigenständig.

Die Veranstaltung ist öffentlich und kostenlos. Um Anmeldung bis zum 14.07.2017 wird gebeten. Das komplette Programm finden Sie hier.

Im Vorfeld der Tagung haben wir ein Interview mit Frau Prof. Dr. Petra Grimm vom Institut für Digitale Ethik geführt.

 

 

 

 

 

 

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