Editorial der Ausgabe 4/2020 | Frank Augustin

Ausschnitt aus dem Cover unserer Ausgabe 4/2020Illustration: DMBO – Studio für Gestaltung

 

Editorial der Ausgabe SOLIDARITÄT IN PREKÄROTOPIA

Text: Frank Augustin

Bis vor Kurzem war es kaum vorstellbar, jetzt pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Der Kapitalismus stirbt. Auch wenn der Glaube stark war, mittels wissenschaftlich-technischer Wunderdinge plus ewigem (Geld-)Wachstum in Richtung Paradies auf Erden fortzuschreiten, offenbarte sich dieses Projekt zuletzt als inhaltsleerer Dynamismus, der parasitär von der Substanz überlieferter Werte, Haltungen, Strukturen und natürlicher Ressourcen zehrte, immer sinnlosere Produkte herausschleuderte und immer mehr Menschen in prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse versetzte.

Es scheint, als hätte man zu Beginn der Moderne einfach das, was vom alten Gott übrig geblieben war, mit der Aufklärung in einen Topf geworfen, ein paar Mal kräftig umgerührt und – Tada! – heraus kam Gott 2.0, der Kapitalismus, der weltliche Gott. So viel zum Thema „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“.

Und die Solidarität? Solidarisch ist man auch dann, wenn man kollektiv die Realität verdrängt. Ein Ende des Wachstums? Unmöglich! Technik und Wissenschaft können uns nicht helfen? Gotteslästerung! Man darf also angesichts des gewaltigen Umbruchs, den das Ende des Kapitalismus bedeutet, mit einer Solidarität rechnen, die auf Abwehr und Angst gründet. Wie wäre dies zu verhindern? Durch echte Solidarität, also die Solidarität zwischen Freien und Gleichen. Das erfordert, andere wie Erwachsene zu behandeln und ihnen etwas zuzutrauen – beispielsweise den kalten Entzug von alten Gewohnheiten und den Verzicht auf „Meins!“. Menschliches Dasein ist grundlegend prekär: Das Leben hat keinen übergeordneten Sinn, es gibt keine völlig gerechte politische Ordnung, wir alle werden sterben. Darauf sollten wir nicht mit Angst, Resignation oder Hass reagieren, sondern mit Mut, Lebensfreude und Solidarität.

PREKÄROTOPIA. Vom utopischen Versuch, gemeinsam zu verändern, lautet der Titel eines Singspiels und einer Ausstellung im A.K.T; in Pforzheim (siehe die Seite gegenüber), an den sich auch der Titel der vorliegenden Ausgabe anlehnt. Unser Dank gilt den großartigen Künstlerinnen und Ausstellungsmacherinnen Beate Engl, Leonie Felle und Franka Kaßner, mit denen wir bei der vorliegenden Ausgabe ko- operieren durften und die sie nicht nur um einen wunderbaren Kunst- Teil bereichert, sondern von Anfang an auch konzeptionell begleitet haben; er gilt Janusz Czech – dem künstlerischen Leiter des A.K.T; – ohne dessen fachliche Kompetenz und große Erfahrung es zu diesem gemeinsamen Projekt nie gekommen wäre – sowie Almut Benkert vom EMMA – Kreativzentrum Pforzheim für die tolle Zusammenar- beit und die Unterstützung in allen Bereichen. In prekärer Situation gemeinsam gestalten: Ausstellung & Ausgabe sind der Beweis dafür, dass das möglich ist. ■

Porträt: Frank Augustin
Frank Augustin hat Philosophie und Geschichte studiert, dann für das Journal für Philosophie der blaue reiter gearbeitet und ist seit 2009 für agora42 | Das philosophische Wirtschaftsmagazin tätig.
Cover der Ausgabe 4/2020

Die neue Ausgabe zu SOLIDARITÄT IN PREKÄROTOPIA:

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