Einfach LEBEN – Hartmut Rosa über das lebendige Leben

"Lebendig zu sein bedeutet, verbunden zu sein"

Interview mit Hartmut Rosa

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Hartmut Rosa. Er spricht über das Lebendigsein, den Himmel voller Geigen, neue Maßstäbe und die Versöhnung mit der Welt …

 

Herr Rosa, kann man überhaupt einfach über Einfachheit sprechen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziemlich Kompliziertes?

'Einfach leben' ist ja ein wunderbar doppeldeutiger Titel, und ich plädiere für die Betonung auf dem zweiten Wort: Einfach LEBEN. Was könnte das heißen? Was ich in meinem Buch Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung zu sagen versucht habe ist, dass lebendig zu sein bedeutet, verbunden zu sein, wobei diese Verbindung – mit der Welt, mit dem Leben, mit uns selbst – vier entscheidende Merkmale aufweist:
Erstens, ich muss in der Lage sein, mich von den Menschen und/oder Dingen erreichen, berühren, bewegen zu lassen.
Zweitens, ich muss willens und in der Lage sein, auf diese Berührung antwortend zu reagieren, und zwar so, dass ich die andere Seite – 'das Leben' – auch meinerseits erreichen und spüren kann, d.h. so, dass ich mich als selbstwirksam erlebe. Lebendig sein heißt in diesem Sinne 'einem Ruf antworten', oder auch: Immer wieder auf Anrufe zu antworten.
Drittens: In diesem hörenden Antworten verändere ich mich auch, und die Welt, die ich dabei erfahre, verändert sich ebenfalls. Stetige Transformation gehört also zum Leben.
Und viertens: Lebendig kann nur sein, wer akzeptiert, dass vieles in der Welt und im Leben unverfügbar ist und bleibt: Man kann Resonanz nicht erzwingen, und wenn sie eintritt, weiß man nie im Vorhinein, was dabei herauskommt. 'Kompliziertheit' entsteht im Leben vor allen Dingen dadurch, dass wir versuchen, alles verfügbar zu machen und unter berechenbare Kontrolle zu bringen.
Ihre Ausgangsvermutung trifft also meines Erachtens voll ins Schwarze: Wenn wir einfach LEBEN, erfüllen wir diese vier Bedingungen, aber sie sind nicht so leicht zu erfüllen, es handelt sich um eine komplexe Form des In-Beziehung-Seins, und dazu kommt noch, dass es unmöglich ist, immer oder nur im Resonanzmodus zu leben. Es gehört zu den unverzichtbaren und großartigen Kulturleistungen des Menschen, dass wir eben auch in der Lage sind, die Welt und das Leben zu verdinglichen, in kühle Distanz zur Welt zu gehen, dem Ruf eben NICHT zu antworten. Einfach leben verlangt daher obendrein, immer die Balance zu halten.

 

Kann man einfach leben, ohne dem Leben irgendeine Struktur und Ordnung zu geben? Kann man einfach nur In-Situation-Sein, das heißt, in wechselnden Situationen leben und Sinn finden, ohne einen „Gesamtsinn“ zu unterstellen?

Hartmut Rosa ist seit 2005 Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Universität Jena sowie Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt. 2016 erschien sein Buch Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung im Suhrkamp Verlag.

Das kommt sehr darauf an, was Sie mit 'Sinn' meinen. Gelingendes Leben hängt meines Erachtens wirklich nicht davon ab, dass wir ein geschlossenes Weltbild im Sinne einer Theorie über das Universum und das Leben haben. Das kann man sich leicht an Beispielen klarmachen. Nehmen wir an, jemand sitzt in seinem Zimmer und findet sein Leben und die Welt öde, traurig, sinnlos und leer. Dann geht er auf die Straße und verliebt sich – und plötzlich hängt ihm oder ihr 'der Himmel voller Geigen', wobei es sogar egal ist, ob er sich in einen Menschen oder ein Lied oder ein Buch oder eine Stadt oder eine Aufgabe verliebt hat. Was sich geändert hat, ist nicht seine Theorie, sein Weltbild, er hat kein neues Sinngebäude geschaffen – sondern er oder sie hat sich anrufen lassen und fühlt sich lebendig genug, diesem Ruf zu folgen oder zu antworten. Allerdings verhält es sich so dass wir, wenn wir auf diese Weise einem Ruf antworten (vielleicht auch, indem wir uns um ein Kind oder einen alten Menschen oder Flüchtlinge oder einen Wald kümmern), uns auf eigenartige Weise wieder mit dem 'Umgreifenden' des Lebens insgesamt verbunden fühlen. Zwischen uns und der Welt zieht es dann, sozusagen, 'wieder durch', der Lebenshauch geht durch uns hindurch. Tatsächlich halte ich deshalb die spätmoderne Obsession des 'Ganz-im-Hier-und Jetzt-Sein-Wollens' für einen Irrtum: Wenn wir in Resonanz mit dem Leben sind, weitet sich unser Horizont zeitlich und räumlich, weil unser Weltverhältnis nicht mehr starr ist, sondern sich gleichsam verflüssigt. Wenn sich Struktur und Ordnung aus solcher Verbundenheit ergeben, ist das wunderbar, ich denke in der Tat: Ohne Struktur und einen Sinn für Ordnung geht es nicht, ohne sie lassen sich keine Resonanzräume etablieren und keine Resonanzachsen stabilisieren. Aber natürlich können umgekehrt starre Ordnungen und unflexible, vorgegebene Strukturen Resonanzmöglichkeiten zerstören. Strukturen und Ordnungen haben den Nachteil, dass sie mit den Punkten drei und vier des gelingenden Lebens (Transformation und Unverfügbarkeit) schlecht vereinbar sind.

 

Dem menschlichen Streben nach Glück sind nach Sigmund Freud enge Grenzen gesetzt: „(…) man möchte sagen, die Absicht, daß der Mensch »glücklich« sei, ist im Plan der »Schöpfung« nicht enthalten.“ Die Kultur ist für Freud eine Quelle des menschlichen Unbehagens und zeitgleich die Notwendigkeit für das (Über-)Leben in der Gemeinschaft. Beschränkt das Ausmaß und die Durchdringung der Kultur die Möglichkeit des Glücks? Müssen wir allein sein, um glücklich zu sein?

Selbst wenn Freud recht hätte bliebe als Faktum bestehen, dass Menschen nach Glück streben und wir deshalb politisch und philosophisch und auch in unserem ökonomischen Tun nach den Möglichkeiten und Grenzen gelingenden Lebens fragen müssen. Von mir aus könnte die Frage dann lauten: Wie sind wir am wenigsten unglücklich? Ich finde die Strategie zu behaupten, es käme auf Glück gar nicht an, ist nicht nur philosophisch unbefriedigend sondern politisch gefährlich – sie ist eine Rechtfertigungsstrategie dafür, entfremdende Verhältnisse aufrecht zu erhalten. Allerdings stimme ich mit Freuds Aussage insofern überein, als die Idee, mit allem und jedem jederzeit in Resonanz sein zu wollen nicht nur katastrophal illusorisch ist, sondern politisch brandgefährlich, vor allem dann, wenn man Resonanz auch noch mit Einklang oder Harmonie verwechselt. Ich glaube in der Tat, dass Resonanz nur eine Art momenthafter Versöhnung mit der Welt oder dem Leben ist, oder besser: Das Aufblitzen der Idee möglicher Versöhnung. Sie macht uns allerdings zwei Dinge deutlich: Erstens, wir können nicht und niemals 'ganz allein' glücklich sein, etwa indem wir nur in uns ruhen und uns 'ganz frei gemacht' haben von allem, was da draußen ist. Glück, oder besser: gelingendes Leben bedeutet, bereit und fähig zu sein sich berühren zu lassen, darauf zu antworten und sich dabei immer wieder zu verändern. Dafür bedarf es dieser 'anderen Seite'. Sie besteht allerdings nicht nur und nicht notwendig aus anderen Menschen – dazu gehören auch Tiere, Pflanzen, Dinge, Sterne, Musik etc. Und zweitens, Gemeinschaft gelingt da, wo sie auf resonanter Verbundenheit basiert, nicht auf starren Regeln, die auch ein Volk von Teufeln zu bändigen vermöchten, wie Kant meint.

 

Eindeutige Antworten sind immer unterkomplex, klare Handlungen dennoch notwendig – wie soll man in Zukunft mit diesem Paradox umgehen? Wie können wir einfach Handeln?

Wieso sollten wir einfach handeln wollen? Wir sollten weder das EINFACHE Handeln zum Maßstab machen noch einfach HANDELN wollen. Unsere Handlungen werden das richtige Maß an Komplexität finden, wenn sie sich aus einer Haltung des In-Resonanz-Seins mit den Menschen, mit den Dingen und mit dem Leben oder Welt als umgreifender Ordnung vollziehen. Das heißt, wenn ihr Maßstab nicht mehr das immer bessere Kontrollieren, Berechnen und Beherrschen ist, sondern das immer bessere Hören und Antworten.
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agora42 ist das philosophische Wirtschaftsmagazin und erscheint seit 2009 im Eigenverlag in Stuttgart. Alle drei Monate veröffentlichen wir ein neues Themenheft. Dabei widmen wir uns den großen Fragen der Ökonomie, wie etwa Freiheit, Wachstum, Fortschritt, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit u.v.m. Anspruchsvoll, aber trotzdem verständlich lassen wir Denker und Praktiker zu Wort kommen, die meist nur in speziellen Fachkreisen gelesen werden – aber deren Erkenntnisse für alle Menschen von Bedeutung sind.

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