Wie will ich eigentlich leben?” – Interview mit Fritz Reheis

Wie will ich eigentlich leben?” – Interview mit Fritz Reheis

 

Herr Reheis, vie­le Men­schen füh­len sich heu­te zu etwas gezwun­gen, was sie nicht mögen: ob lan­ge Über­stun­den, sinn­lo­se Arbeit, stän­di­ger Kon­sum­zwang oder ein Leben in über­füll­ten Städ­ten – Unzu­frie­den­heit macht sich breit über die “Gesell­schaft” ohne genau zu ver­ste­hen, was damit gemeint ist und wie sie wirkt. Wie kann man als Teil von etwas leben, was man nicht ver­steht?

Prof. Dr. Fritz Reheis lehr­te bis 2015 Poli­ti­sche Theo­rie an der Uni Bam­berg und ist seit sei­ner Pen­si­on als Lehr­be­auf­trag­ter tätig. U.a. von ihm erschie­nen: Die Krea­ti­vi­tät der Lang­sam­keit. Neu­er Wohl­stand durch Ent­schleu­ni­gung (Pri­mus, 1998). Foto: Weiss­bach

Die­se Beob­ach­tung trifft voll zu. Auf Unzu­frie­den­heit und Unver­ständ­nis über die Grün­de dafür reagie­ren Men­schen unter­schied­lich, je nach ihrer indi­vi­du­el­len Situa­ti­on. Die meis­ten ver­su­chen, sich eine Nische ein­zu­rich­ten und ihre Ansprü­che ggf. her­un­ter­zu­schrau­ben, auch in Bezug auf die Wer­te, die ihnen eigent­lich wich­tig sind. Vie­le wer­den durch Angst zur Suche nach Sün­den­bö­cken getrie­ben, denen die Schuld an der Situa­ti­on zuge­scho­ben wer­den kann. Etli­che reagie­ren auch mit Hass, der sich meist in psy­chi­scher oder phy­si­scher Gewalt aus­drückt, wobei die Opfer sel­ten jene sind, die die Situa­ti­on tat­säch­lich ver­ur­sacht haben. Es sind die Schwa­chen und Schwächs­ten, die unter die­sem hilf­lo­sen Ver­such der Selbst­auf­wer­tung und Sinn­stif­tung am meis­ten lei­den müs­sen.

Im All­tag hat die Befrei­ung bereits ihren Platz: das Wochen­en­de befreit von den Werk­ta­gen, der Urlaub von der Arbeits­welt und die Fuß­ball-WM vom poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen. Befrei­ung ist für die meis­ten nur eine Befrei­ung von etwas – und ver­weilt damit in der Nega­ti­on. Ist Ihrer Mei­nung nach dar­über hin­aus Frei­heit mög­lich?

Die­se Bei­spie­le für Befrei­ung von etwas betref­fen alle­samt die Frei­heit zu han­deln. Dane­ben gibt es aber auch die Frei­heit des Wil­lens. Erst über sie kommt man zu einer posi­ti­ven Frei­heit, zu einer Frei­heit zu etwas. Zur Wil­lens­frei­heit müs­sen Men­schen jedoch erst befä­higt wer­den. Dass dies so gut wie mög­lich ver­hin­dert wird, dar­um bemü­hen sich in aller Regel alle mög­li­chen Kräf­te der Gesell­schaft (Schu­le, Arbeits­welt, Wer­bung, Poli­ti­ker). Die ent­schei­den­de Fra­ge in Hin­blick auf die­se posi­ti­ve Frei­heit müss­te lau­ten: Wie will ich eigent­lich leben? Und was kann ich zusam­men mit ande­ren tun, um die­se Vor­stel­lung vom guten Leben auch umzu­set­zen, um aus dem frei­en Wil­len ein ent­spre­chend frei­es Han­deln wer­den zu las­sen?

Hat die Poli­tik heu­te noch Mög­lich­kei­ten dem “alter­na­tiv­lo­sen” Wachs­tums­zwang und kapi­ta­lis­ti­schen Dyna­mi­ken etwas ent­ge­gen­zu­set­zen?

Natür­lich, wer denn sonst. Aber nur, wenn sie Mut zu einer scho­nungs­lo­sen Ana­ly­se der Ver­hält­nis­se hat und sich, auch über die natio­na­len Gren­zen hin­aus, traut, den Pri­mat der Poli­tik auch gegen Wider­stän­de durch­zu­set­zen.

Wel­che poli­ti­sche Bewegung/Idee Euro­pas sind für Sie der­zeit am viel­ver­spre­chends­ten im Hin­blick auf eine lebens­wer­te Zukunft?

Auf alle Fäl­le eine, die die Bedeu­tung des Regio­na­len, des Natio­na­len, des Kon­tin­an­ta­len und des Glo­ba­len glei­cher­ma­ßen aner­kennt. Dazu sind grund­le­gend ande­re poli­ti­sche Struk­tu­ren (inklu­si­ve Kom­pe­ten­zen, Loya­li­tä­ten etc.) erfor­der­lich. Ich habe eini­ge Sym­pa­thi­en für ein Euro­pa der Kan­to­ne, wie es etwa von Leo­pold Kor oder Ulri­ke Gué­rot skiz­ziert wur­de.