Gedankenspiel der agora42 3/2017

12.03.2051

 

Liebes Tagebuch,

fast eine gan­ze Woche hal­te ich nun bereits digi­ta­le Diät. Nach­dem mei­ne Bauch­spei­chel­drü­se gehackt wor­den war, hat­te mir Dr. Wat-Son gera­ten, alle inter­net­fä­hi­gen Gerä­te und vor allem alle kör­per­na­hen Weara­bles und kör­per­in­ter­nen Implan­ta­bles abzu­schal­ten. Seit letz­tem Mon­tag schla­ge ich mich also ohne digi­ta­le Kon­takt­lin­sen, ohne smar­tes Hör­ge­rät, ohne tech­ni­sche Klei­dung, ohne aut­ar­ke Medi­ka­men­ten-Depots und ohne Brain­chip durch den All­tag. Und ich muss sagen: Es ist alles ande­re als einfach.

Da ist zunächst die Spra­che. Ohne Brain­chip mit erwei­ter­tem Sprach­zen­trum ver­steht man ja nie­man­den. Auch das Hör­ge­rät mit der Echt­zeit­über­set­zung hat­te ich deak­ti­viert. Und selbst wenn man jeman­den trifft, der Deutsch oder Eng­lisch spricht, muss man sich sehr kon­zen­trie­ren, weil das Hör­ge­rät die Hin­ter­grund­ge­räu­sche nicht mehr aus­blen­det. Und davon gibt es vie­le. Die gan­ze Stadt ist ein ein­zi­ges Rau­schen, Rufen, Rat­tern und Vibrie­ren. Um das Pro­blem mit der Spra­che zu lösen, woll­te ich mir zunächst einen Off­line-Über­set­zungs­com­pu­ter beschaf­fen. Aber ohne smar­te Kon­takt­lin­sen ein Elek­tro­ni­kan­ti­qua­ri­at zu fin­den, ist ein ganz schwie­ri­ges Unter­fan­gen. Ich habe mich noch nie so ori­en­tie­rungs­los gefühlt. Also woll­te ich auf gut Glück ein­fach mal zur Nan­jing Road, der alten Ein­kaufs­mei­le, fah­ren. Aber mit deak­ti­vier­tem Iden­ti­täts­chip konn­te ich natür­lich nicht in die Metro. Ich habe mich dann zu Fuß auf den Weg gemacht. Nach einem Kilo­me­ter spür­te ich schon ein ers­tes Ste­chen in den Kni­en. Nach zwei Kilo­me­tern begann der Rücken zu schmer­zen. Ohne tech­ni­sche Klei­dung mit künst­li­chem Mus­kel­ge­we­be ist man in sei­nem Bewe­gungs­ra­di­us ziem­lich limitiert.

Ich gab die Idee vor­erst auf und fühl­te mich wirk­lich nie­der­ge­schla­gen. Und das Schlimms­te war: Ich konn­te gar nichts dage­gen tun. Ohne medi­ka­men­tös gesteu­er­ten Hor­mon­haus­halt ist man sei­nen Gefüh­len voll­kom­men aus­ge­lie­fert. Man muss auch von allein müde und wach wer­den. Das emp­fin­de ich als beson­ders schwie­rig. Am schlimms­ten ist es aber, wenn ein Stim­mungs­um­schwung kommt und man ihn nicht rich­tig deu­tet. Da kann man regel­recht Panik krie­gen, weil man gar kei­ne Daten mehr zu sei­nem Kör­per bekommt: Bin ich satt? Oder muss ich noch wei­ter essen? Ist mir schon kalt? Bin ich wütend? Da muss man ein ganz neu­es Kör­per­ge­fühl entwickeln.

Man lernt auch sei­ne Umge­bung ganz neu ken­nen. Ohne die smar­ten Kon­takt­lin­sen ist der All­tag grau­er als gedacht. Einer­seits sieht man die gan­zen Wer­be­bot­schaf­ten nicht, wenn man die Lin­sen abschal­tet. Ande­rer­seits habe ich fest­ge­stellt, dass das ein oder ande­re Gebäu­de, das immer sehr gepflegt und frisch reno­viert aus­sah, in Wirk­lich­keit ziem­lich her­un­ter­ge­kom­men ist. Die Kon­takt­lin­sen hat­ten das trü­be Grau und die ama­teur­haf­ten Graf­fi­ti immer gut über­blen­det. Auch die Bett­ler, die ich seit einer Woche jeden Tag auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ße sehe, wur­den in mei­ner Lin­sen-Anwen­dung anschei­nend über­blen­det. Das Vier­tel wim­melt von Bett­lern, die ich alle vor­her nicht wahr­ge­nom­men hat­te. Nicht gese­hen. Nicht gehört. Nicht ein­mal gero­chen. Ich woh­ne in einem Pro­blem­vier­tel und habe es bis­lang wirk­lich nicht gecheckt.

Was die­se neue Erfah­rung gefühls­mä­ßig in mir aus­löst, kann ich nur schwer deu­ten. Und was ich mit dem neu­en Wis­sen anfan­ge, muss ich ganz allein ent­schei­den. Denn ich habe alle Algo­rith­men abge­schal­tet, die mich sonst im All­tag beglei­ten. Die Rou­ti­ne-Ent­schei­dun­gen für mich tref­fen. Und die mir bei gra­vie­ren­den Ent­schei­dun­gen sinn­vol­le Emp­feh­lun­gen geben. Ich habe sie deak­ti­viert, weil sie eben­falls gehackt sein könn­ten und ich ihnen nicht mehr traue. Dar­um bin ich jetzt allein für mei­ne Ent­schei­dun­gen ver­ant­wort­lich. Wie frü­her. Nur damals war es nor­mal. Jetzt füh­le ich mich wie gelähmt. Zumal es mir an Daten man­gelt. Ich möch­te nichts falsch machen. Ich möch­te nicht inef­fi­zi­ent sein. Wann ste­he ich auf? Was esse ich? Gehe ich zur Arbeit? Wie kom­me ich dahin? Was erle­di­ge ich zuerst? Rund 10.000 Ent­schei­dun­gen fäl­le ich jeden Tag. Und plötz­lich bin ich damit wie­der furcht­bar allein. Aber mor­gen ist es end­lich so weit. Ich bekom­me mei­ne neue Bauch­spei­chel­drü­se. Dann kann ich mei­ne Devices lang­sam wie­der hoch­fah­ren. Und der All­tag wird wie­der ein­fach. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Versprochen!

Kai Jannek

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.