Gedankenspiel – Nervenkitzel mit der Agentur für Extremerfahrungen

18.03.2051

Liebes Tagebuch,

ich sit­ze jetzt im Hyper­loop-Express auf dem Weg von Baishan zurück nach Hau­se und bin immer noch stark eupho­ri­siert von der Grenz­erfah­rung, die ich heu­te gemacht habe. Ich kom­me gera­de vom Apnoe-Tau­chen.

Die digi­ta­le Diät in der vor­he­ri­gen Woche hat­te mich Fol­gen­des gelehrt: Ich lebe in einer Sicher­heits­bla­se. Es gibt über­haupt kei­ne Risi­ken mehr. Die Apps lei­ten mich an poten­zi­ell Kri­mi­nel­len und Amok­läu­fern in mei­nem Umfeld vor­bei. Die Nano­bots eli­mi­nie­ren Krebs­zel­len und hal­ten mei­ne Tumo­re in Schach. Und auch das Wet­ter haben die Behör­den eini­ger­ma­ßen unter Kon­trol­le. Mir fehl­te der Ner­ven­kit­zel. Das merk­te auch Rosa, mein digi­ta­ler But­ler, und emp­fahl mir eine Agen­tur für Extre­mer­fah­run­gen. Ges­tern hat­te ich dort einen Ter­min. Sie hat­te Wing­su­it-Flü­ge, Stra­to­sphä­ren­sprün­ge, No-Limit-Apnoe-Tau­chen, Free-Solo-Safa­ris und Vul­kan­ab­stie­ge im offi­zi­el­len Ange­bot. Inof­fi­zi­ell wür­den sie auch orga­ni­sier­te Ent­füh­run­gen mit oder ohne Schein­exe­ku­ti­on anbie­ten, Ampu­ta­tio­nen und kon­trol­lier­te Herz­still­stän­de, erklär­te mir der Mit­ar­bei­ter. Das sei­en unglaub­lich inten­si­ve Erfah­run­gen. Mir fiel auf, dass ihm drei Fin­ger an der lin­ken Hand fehl­ten. Ich ent­schied mich für das Apnoe-Tau­chen, nicht zuletzt, weil ich als Kind ein­mal fast ertrun­ken wäre.

Heu­te Mor­gen nahm ich dann die Express­ver­bin­dung nach Baishan, wo mich ein Gui­de abhol­te und zum Hea­ven Lake brach­te. Der See ist gigan­tisch. Einer der höchs­ten, größ­ten und tiefs­ten Kra­ter­se­en der Welt. Auch das Pan­ora­ma des Chang­bai-Gebir­ges war beein­dru­ckend. Herb, der Gui­de, zeig­te mir und drei wei­te­ren Kurs­teil­neh­mern zunächst eini­ge Atem­übun­gen, mit denen wir unse­re Lun­gen dehn­ten. Dann führ­te er uns in das Mate­ri­al ein. Wir beka­men Tauch­mas­ken, Nasen­klam­mern und rela­tiv dick­wan­di­ge Neo­pren­an­zü­ge. Die Anzü­ge ver­füg­ten über ein Ret­tungs­sys­tem für den Fall, dass uns in gro­ßer Tie­fe der Druck­aus­gleich nicht gelin­gen soll­te. Er zeig­te uns, wie sich das Neo­pren explo­si­ons­ar­tig ver­steif­te und uns so vor dem gigan­ti­schen Was­ser­druck schüt­zen wür­de. „Andern­falls rei­ßen eure Lun­ge, Kie­fer- und Stirn­höh­len“, warn­te uns Herb. Dann spritz­te er uns noch einen Cock­tail aus Koh­len­di­oxid-Sca­ven­gern, Sauer­stoff-Releasern und künst­li­chen roten Blut­kör­per­chen. Vor allem die Sca­ven­ger waren wich­tig, um den Atem­re­flex län­ger zu unter­drü­cken. Die Sauer­stoff-Releaser wür­den eine Ohn­macht ver­hin­dern. In rela­tiv fla­chem Gewäs­ser übten wir noch den Druck­aus­gleich und fuh­ren schließ­lich mit dem Boot hin­aus auf den See. Herb steu­er­te eine Boje an, an der ein Seil­zug­sys­tem befes­tigt war. Ich war als Ers­ter an der Rei­he. Herb und ich spran­gen ins Was­ser und er hak­te mich an einem gro­ßen metal­li­schen Schlit­ten ein. Ich nahm drei tie­fe Atem­zü­ge, wie Herb es mir gezeigt hat­te, und tauch­te mit dem Kopf vor­an ab. Der Schlit­ten setz­te sich sofort in Bewe­gung und zog mich mit einer Geschwin­dig­keit von viel­leicht drei Metern pro Sekun­de hin­ab. Ich glitt in die Tie­fe. Es wur­de rasch dunk­ler und spür­bar käl­ter. Schnell spür­te ich den stei­gen­den Was­ser­druck, der sich als hef­ti­ger Schmerz im Ohr bemerk­bar mach­te. „Ihr müsst den Druck per­ma­nent aus­glei­chen!“, hat­te Herb uns ange­wie­sen. Ich press­te die Luft aus mei­nen Lun­gen in die Ohren. Ich hat­te die 100-Meter-Mar­ke längst pas­siert. Der Druck war kaum mehr aus­zu­hal­ten. Ich hät­te das Not­fall­sys­tem akti­vie­ren kön­nen. Aber ich war schon längst im Tie­fen­rausch. Endor­phi­ne durch­ström­ten mein Gehirn. Dann riss mein Trom­mel­fell. Aber ich hat­te es fast geschafft. Als ich die 200-Meter-Ziel­mar­ke schließ­lich erreich­te, war mei­ne Lun­ge auf die Grö­ße einer Oran­ge zusam­men­ge­presst. Und ich spür­te auch hier die Mikro­ris­se und schmeck­te Blut auf der Zun­ge. Wäh­rend mich ein mit Press­luft gefüll­ter Bal­lon wie­der nach oben zog, spür­te ich, wie die Nanoro­bo­ter in mei­nem Blut­kreis­lauf die Lun­gen­ris­se und das Trom­mel­fell bereits wie­der repa­rier­ten. Es krib­bel­te. Ich war schon eine gefühl­te Ewig­keit unter Was­ser. Der Atem­re­flex wur­de immer mäch­ti­ger.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Aber die Macht mei­nes Wil­lens war stär­ker. Ich unter­drück­te den Reflex. Ich war Herr über mei­nen Kör­per. Ich fühl­te die sich nähern­de Bewusst­lo­sig­keit. Doch kleins­te, genau dosier­te Sauer­stoff­schü­be aus den Oxy­gen-Releasern, die Herb mir gespritzt hat­te, hiel­ten mich in einem Schwe­be­zu­stand zwi­schen Bewusst­sein und Ohn­macht. Es fühl­te sich groß­ar­tig an. Dann schoss ich wie ein Kor­ken aus dem Was­ser und flu­te­te mei­ne Lun­gen mit fri­scher Luft. Als Herb mir an Deck half, war ich ein neu­er Mensch.

Jetzt bin ich auf dem Heim­weg, rau­sche mit dem Express­zug laut­los durch die Vaku­um­röh­re und über­le­ge bereits, wel­che Gren­ze ich als Nächs­tes über­win­den wer­de. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 

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wahre angstDie neue agora42 zum Thema WA(H)RE ANGST

mit

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  • Spe­cial: Kunst­wer­ke zum The­ma von Jonas Bur­gert, Roger Bal­len, Sami­ra Frei­tag uvm.