Gedankenspiele: Tagebucheintrag vom 06.03.2051

GEDANKENSPIELE aus der Ausgabe 2/2017 DIGITALISIERUNG

 

06.03.2051

Liebes Tagebuch,

es ist passiert, was irgendwann passieren musste. Meine Bauchspeicheldrüse ist gehackt worden. Ich habe das künstliche Organ seit fast vier Jahren und es produziert eigentlich sehr zuverlässig Insulin. Jetzt haben sich Hacker Zugang verschafft. Wahrscheinlich haben sie eine Schwachstelle in dem Update ausgenutzt, das ich mir am Wochenende über die Kontaktlinsen eingespielt hatte. Sie drohten mit einem Unterzuckerungsschock, sollte ich nicht 100 Bitcoins auf ein britisches Konto überweisen. Und um ihre Drohung zu unterstreichen, ließen sie mich kurz bewusstlos werden. Als ich wieder zu mir kam, überwies ich umgehend die geforderte Summe. Beruhigt war ich anschließend allerdings nicht. Vielleicht würden die Hacker es in ein paar Tagen noch einmal versuchen. Rosa, mein digitaler Butler, suchte sofort nach Erfahrungsberichten in der Cloud, fand dort aber nur einige Berichte über manipulierte Herzschrittmacher. Ich zögerte trotzdem nicht und bestellte ein Robo-Taxi, um sofort ins Huashan Hospital im Stadtzentrum zu fahren. Es gilt mit seinen 50 Betten als eines der gößten und renommiertesten Krankenäuser der Stadt.

Kai Jannek

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jannek, Director Foresight Consulting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wundern, Staunen und Lachen.

Bei der Empfangsdame handelte es sich um einen sehr zuvorkommenden Service-Roboter aus unserer Manufaktur. Sie zeigte sich äußerst verständnisvoll angesichts meiner Situation und brachte mich umgehend in ein Behandlungszimmer. Der Arzt, Prof. Dr. Wat-Son, sei eine absolute Koryphäe, erklärte sie mir auf dem Weg. Er kenne alle medizinischen Publikationen und alle dokumentierten Krankenakten weltweit. Die Erfolgsquoten seiner Therapien lägen im Spitzenfeld und er veröffentlichte selbst nur in den renommiertesten Fachzeitschriften. Bei dem Arzt handelte es sich ebenfalls um einen Service-Roboter, allerdings aus einer anderen Manufaktur. Er trug einen weißen Kittel und würdigte die Empfangsdame keines Blickes. Dass Roboter Roboter diskriminierten, war mir neu. Ich hatte jedoch keine Zeit darüber nachzudenken. Stattdessen schilderte ich Dr. Wat-Son mein Anliegen. Ich wollte eine neue Bauchspeicheldrüse. Ein biologisches, kein digitales Organ. Während die Empfangsdame eine Blut- und Speichelprobe von mir nahm und ein molekulares Abbild von mir erstellte, ging ich mit Dr. Wat-Son einen Katalog mit verschiedenen Bauchspeicheldrüsen durch. Es handelte sich um kleine Gen-Anpassungen, die an meinen Stammzellen durchgeführt werden würden, bevor daraus die neuen Alpha- und Betazellen wachsen würden. Ich entschied mich für eine Variante mit verkürzten Reaktionszeiten in der Hormonausschüttung, eine Standardanpassung, nichts Besonderes. Anschließend erklärte mir Dr. Wat-Son den Eingriff. Via Endoskop würde er mir mit einem assistierenden Operationsroboter ein Formgedächtnispolymer punktgenau applizieren. Es würde sich über die nächsten Tage entfalten und ein Organgerüst bilden. Durch die Körperwärme würden zudem die auf dem Polymer sitzenden Stammzellen aktiviert, die sich teilten und das Gerüst bevölkerten. Eine Woche später ließe sich dann in einem zweiten ambulanten Eingriff das digitale Organ entfernen.

Doch aus der Operation wurde nichts. Die Empfangsdame hatte Dr. Wat-Son auf eine Unregelmäßigkeit in meinen Blutbild aufmerksam gemacht, die sich als ein Grippevirus bislang unbekannten Typs entpuppte. Irgendein Designer-Virus. Kein Hinterhof-Do-it-Yourself-Biohack mit bekannten Bausteinen. Das Virus hatte bei mir offensichtlich keinerlei Symptome ausgelöst. Aber es war nun mal da. Und für Dr. Wat-Son was es ein Grund, mich nicht zu operieren. Er wollte seine Quote nicht gefährden. Er beriet sich mit mehreren klugen Algorithmen. Sie recherchierten. Sie suchten nach Ähnlichkeiten und Analogien. Sie abstrahierten und schätzten ab. Und sie kamen zu komplett unterschiedlichen Empfehlungen. Dr. Wat-Son beriet sich mit einer Meta-KI und entwickelte schließlich eine Strategie auf Basis der verschiedenen Ratschläge. Er würde zunächst einige weiße Blutkörperchen entnehmen und manipulieren, sodass sie das Virus angriffen. Gleichzeitig würde er mir einige aktivierbare Nanobots spritzen, die Insulinüberschüsse in meinem Blut binden sollten. Die neue Bauchspeicheldrüse sollte ich dann erst in einer Woche bekommen. Ich stimmte der Therapie zu und Dr. Wat-Son nahm den Eingriff sofort vor. Zur Verabschiedung riet er mir noch, für die nächste Woche meine digitalen Kontaktlinsen und mein Hörgerät auszuschalten, um mich vor weiteren Hacks zu schützen. Durchgehalten habe ich das keine zehn Minuten. Die ungefilterte Geräuschkulisse und die schrillen Licht- und Farbeindrücke waren nicht auszuhalten. Ich versuche später noch einmal, mich der Realität zu stellen. Dann melde ich mich wieder. Versprochen!

wbernhardt