Gedankenspiele – Das 53. Freestyle Chess Tournament

26.03.2051

Liebes Tagebuch,

ich mel­de mich gera­de aus Abu Dha­bi, wo soeben das 53. Free­style Chess Tour­na­ment zu Ende gegan­gen ist. Yong, mein Chef, und Mito, sein Haus­halts­ro­bo­ter, haben den Wett­be­werb gewon­nen. Freu­en konn­ten sie sich nicht dar­über. Denn hier ging etwas nicht mit rech­ten Din­gen zu. Und hier ist einer der größ­ten Glau­bens­sät­ze der Moder­ne ins Wan­ken gekom­men.

Doch von Anfang an: Don­ners­tag frag­te mich Yong, ob ich Lust hät­te, ihn und Mito zu dem Tur­nier zu beglei­ten. Beim Free­style Chess tre­ten Groß­meis­ter und Ama­teu­re, Super­com­pu­ter und Robo­ter an, in weni­gen Fäl­len als Ein­zel­spie­ler und in den meis­ten Fäl­len in klei­nen Teams. Seit vie­len Jah­ren hat­ten aus­schließ­lich gemisch­te Teams aus Mensch und Maschi­ne das Tur­nier gewon­nen. Für die mensch­li­che Psy­che war die­ser Umstand ver­mut­lich recht zuträg­lich, was auch erklär­te, war­um der Wett­be­werb sich in den letz­ten Jah­ren zum media­len Groß­ereig­nis ent­wi­ckelt hat­te. Ich war neu­gie­rig und so saß ich Frei­tag­abend neben Yong und Mito im Über­schall­flie­ger nach Abu Dha­bi. Die bei­den hat­ten sich bereits im Vor­jahr für die End­run­de qua­li­fi­ziert und rech­ne­ten sich für den anste­hen­den Wett­be­werb wie­der gute Chan­cen aus.

Ein Droh­nen­ta­xi brach­te uns vom Flug­ha­fen zum immer noch prunk­vol­len Emi­ra­tes Palace Hotel, dem sei­ner Zeit teu­ers­ten Hotel der Welt, wo wir eine Sui­te bezo­gen. In der weit­läu­fi­gen Ball­hal­le waren unzäh­li­ge Tische mit Schach­bret­tern auf­ge­baut. Am nächs­ten Mor­gen nach dem mehr als üppi­gen Früh­stück und der Kon­trol­le der Doping­mit­tel began­nen dort die Vor­run­den­spie­le. Ich hat­te noch nie ein Schach­tur­nier besucht und war über­rascht von dem Tru­bel. Über den Tischen waren Noi­se Cat­cher ange­bracht, aber die­se waren dem Geräusch­pe­gel kaum gewach­sen. Zuschau­er konn­ten sich wäh­rend der Vor­run­de frei zwi­schen den Tischen bewe­gen, kom­men­tier­ten Spiel­zü­ge und applau­dier­ten ihren Favo­ri­ten. Die Schach­spie­ler selbst dis­ku­tier­ten laut­stark, vor allem dort, wo in grö­ße­ren Teams gespielt wur­de. Die Teams waren sehr divers. Groß­meis­ter mit und ohne Brain Com­pu­ter Inter­face, mensch­li­che Spie­ler im Team mit huma­no­i­den Robo­tern oder mit Chess Engi­nes mit oder ohne Aug­men­ted-Rea­li­ty-Front­end. An einem Tisch spiel­te eine älte­re Dame im Team mit einer intel­li­gen­ten Arm­pro­the­se, mit der sie sich aber offen­sicht­lich über­haupt nicht einig wur­de. Das Spiel­ma­te­ri­al sah auch nicht mehr aus wie frü­her. Die Schach­bret­ter leuch­te­ten und vibrier­ten, sie regis­trier­ten, wel­che Figur ein Spie­ler berühr­te, und zeig­ten die mög­li­chen Züge an. Und sie doku­men­tier­ten das Gesche­hen für die Zuschau­er in der Cloud.

In der Rubrik GEDANKENSPIELE wirft Kai Jan­nek, Direc­tor Fore­sight Con­sul­ting bei Z_punkt, einen Blick in die Zukunft. Viel Spaß beim Wun­dern, Stau­nen und Lachen.

Schon in der Vor­run­de zog ein huma­noi­der Robo­ter die Auf­merk­sam­keit vie­ler Zuschau­er auf sich. Man hat­te ihm als Ein­zel­spie­ler kei­ne hohen Chan­cen zuge­schrie­ben, aber er besieg­te ein ums ande­re geg­ne­ri­sche Team. Bei dem Robo­ter han­del­te es sich um einen Erl­kö­nig, also um einen Pro­to­ty­pen aus irgend­ei­ner Manu­fak­tur; kei­ne Ahnung wel­cher, die Mar­ken­em­ble­me waren abge­klebt. Nicht nur dass er gewann, war unglaub­lich, auch die Art und Wei­se, wie er gewann. Er zitier­te in sei­nem Spiel his­to­ri­sche Schach­par­ti­en und Schach­zü­ge von Bob­by Fischer, Gar­ri Kas­parow, Magnus Carl­sen und ZackS, er ahm­te die Signa­tu­re Moves von spiel­star­ken Schach­pro­gram­men wie Deep Blue, Stock­fish und Deep Shred­der nach. Er wich punk­tu­ell von den Ori­gi­nal­par­ti­en ab und zeig­te so auf, wo die his­to­ri­schen Groß­meis­ter Feh­ler began­gen hat­ten. Eine immer grö­ße­re Zuschau­er­trau­be bil­de­te sich um den Erl­kö­nig. Vor allem Robo­ter dräng­ten sich um ihn. Und sie rede­ten auf ihn ein. Immer mehr. Immer lau­ter. In einer Spra­che, die ich noch nie gehört hat­te. Sie schie­nen ihn brem­sen zu wol­len. Oder beschwich­ti­gen. Ich ver­stand zunächst nicht den Grund dafür. Doch als ich in die Augen der mensch­li­chen Zuschau­er sah, als ich in mich selbst hin­ein­horch­te, bemerk­te ich, dass sich da neben der Fas­zi­na­ti­on für die Spiel­wei­se die­ses Robo­ters noch ein ande­res Gefühl breit­mach­te. Es war Angst.

Bis ges­tern hat­te ich dar­an geglaubt, dass die bes­ten Ent­schei­dun­gen in Teams aus Mensch und Maschi­ne ent­ste­hen wür­den. Jetzt zwei­fel­te ich. Vor mehr als 30 Jah­ren hat­te ein euro­päi­scher Zukunfts­for­scher in Anleh­nung an das Fer­mi-Para­dox das K3n­n4j-Para­dox for­mu­liert. Es lau­te­te: „Aus­ge­hend von der Ent­wick­lungs­ge­schwin­dig­keit Künst­li­cher Intel­li­genz soll­ten Maschi­nen die mensch­li­che Spe­zi­es als zen­tra­le Ent­schei­dungs­trä­ger und Gestal­ter in weni­gen Jah­ren ver­drängt haben. Wir wer­den es aller­dings nicht bemer­ken.“ Anschei­nend bemerk­ten wir es doch. Und die Robo­ter, die auf den Erl­kö­nig ein­re­de­ten, ver­such­ten den Lauf der Din­ge auf­zu­hal­ten. Dann kam das Fina­le. Der Erl­kö­nig spiel­te gegen Yong und Mito und der Aus­gang schien vor­her­seh­bar. Aber es kam anders. Der Erl­kö­nig spiel­te wie ein ganz gewöhn­li­cher Chess Engi­ne. Er bau­te eine Ber­lin-Defen­se auf, er mach­te Feh­ler und ver­lor. Zur Ent­täu­schung der einen. Zur Erleich­te­rung der ande­ren. Bei der anschlie­ßen­den Sie­ger­eh­rung herrsch­te eine selt­sa­me Stim­mung. Ich nahm mir vor, Mito auf dem Heim­flug zu dem Vor­fall zu befra­gen. Ich hof­fe, ich bekom­me mehr her­aus. Ich mel­de mich die Tage wie­der. Ver­spro­chen!

 


 

Die­ser Bei­trag ent­stammt der Aus­ga­be 1/2018 der agora42 WIRTSCHAFT IM WIDERSPRUCH, die Sie noch bis zum 29.03.18 ver­sand­kos­ten­frei bestel­len kön­nen.

wbernhardt