Gesunder Besitz wird – wie gesunder Sex – genossen, nicht gezeigt.

Anlässlich der Ausgabe Besitz und Eigentum haben wir Anne-Sophie Moreau zum Thema ein paar Fragen gestellt. Die Herausgeberin der deutschsprachigen Ausgabe des Philosophie Magazins spricht mit uns über Genuss und Befriedigung, das Verhältnis von Besitz und Freiheit sowie die Sinnlosigkeit der modernen Freiheit.

 

 

 

 

Gesunder Besitz wird genossen, nicht gezeigt.”

Anne-Sophie Moreau im Inter­view

 

Mein Haus, mein Auto, mei­ne Yacht – viel zu besit­zen, wird heu­te über­wie­gend als etwas Posi­ti­ves ange­se­hen. Für den Phi­lo­so­phen Dio­ge­nes von Sino­pe bestand die rich­ti­ge Lebens­wei­se hin­ge­gen dar­in, allem Mate­ri­el­len zu ent­sa­gen. Er soll in einem Fass gewohnt und selbst noch sei­nen Becher weg­ge­wor­fen haben, als er ein Kind aus den Hän­den trin­ken sah. Frau Moreau, war er ein Spin­ner?

Dio­ge­nes soll auch in der Öffent­lich­keit ona­niert und sich dabei beklagt haben: “Wenn es doch nur so leicht wäre, den Hun­ger los­zu­wer­den, indem man sich den Bauch reibt!” Selbst der Kyni­ker war sich also der trau­ri­gen Not­wen­dig­keit bewusst, die eige­ne Exis­tenz zu sichern. Beim Besitz einer Yacht wird aller­dings die rein selbst­be­zo­ge­ne Selbst­be­frie­di­gung womög­lich über­schrit­ten und durch den Ehr­geiz ersetzt, sich den ande­ren über­le­gen zu füh­len. Rous­seau unter­schei­det zwi­schen der gesun­den Selbst­lie­be – dem natür­li­chen Selbst­er­hal­tungs­trieb, der uns dazu führt, ande­re eben­falls lie­ben zu kön­nen – und der nega­ti­ven Eigen­lie­be, die durch Kon­kur­renz und den stän­di­gen Ver­gleich mit ande­ren ent­steht und uns zu Ego­is­ten macht. Die letz­te­re erlangt „Vor­zü­ge, deren Genuss doch bloß nega­tiv ist, und wel­che ihre Befrie­di­gung nicht durch unser eige­nes Wohl, son­dern durch das Unglück ande­rer zu beför­dern sucht“. Mit ande­ren Wor­ten: Gesun­der Besitz wird genos­sen und nicht gezeigt. Wie guter Sex viel­leicht auch. Ob es Dio­ge­nes passt …

Anne-Sophie Moreau

Das Erstaun­li­che am Eigen­tum ist ja, dass es einer­seits frei macht – wenn ich ein Haus habe, muss ich mir um die Mie­te kei­ne Sor­gen machen –, aber ande­rer­seits auch Ver­lust­ängs­te mit sich bringt. Wel­chen Tipp geben Sie Men­schen, die sich von ihrem Besitz nicht befreit, son­dern gefan­gen genom­men füh­len?

Besitz soll nur eines bedeu­ten: Sicher­heit. Und Sicher­heit nur eines: Frei­heit. Sich vom Mate­ri­el­len emo­tio­nal zu tren­nen, ist ja schwie­rig, doch ein rich­tig ver­stan­de­ner Besitz soll mir neben dem all­täg­li­chen Genuss auch lang­fris­tig einen gewis­sen Lebens­stan­dard erlau­ben; er soll es mir ermög­li­chen, bei Bedarf genü­gend Bar­geld abru­fen zu kön­nen, um mich oder mei­ne Fami­lie fern von jeder uner­träg­li­chen Ver­pflich­tung zu hal­ten.
Statt die teu­ers­ten Smart­pho­nes und Autos zu erwer­ben, emp­feh­le ich, Erspar­nis­se ver­nünf­tig anzu­le­gen, so dass man irgend­wann die Mög­lich­keit hat, z. B. den Job hin­schmei­ßen oder die Stadt ver­las­sen und völ­lig neu star­ten zu kön­nen. Dies hat­ten Invest­ment­ban­ker der 90er-Jah­re ele­gant den „fuck you fund“ genannt. Viel­leicht wer­den Sie ihn nie benut­zen müs­sen. Viel­leicht aber doch.

 

Dem US-ame­ri­ka­ni­schen Öko­no­men Dani­el Roth­schild zufol­ge kann mit­tels der Sharing Eco­no­my (SE) totes Kapi­tal akti­viert und gegen­sei­ti­ge Hil­fe und Zusam­men­halt in eine Ein­nah­me­quel­le umge­wan­delt wer­den. Ist das „Nut­zen statt Besit­zen“ tat­säch­lich die Zukunft oder sehen Sie auch Gefah­ren, die mit dem Kon­zept der SE ein­her­ge­hen?

Statt die Kapi­ta­li­sie­rung sämt­li­cher Lebens­be­rei­che immer wie­der zu denun­zie­ren, soll­ten wir eher unse­re fal­schen Erwar­tun­gen gegen­über der soge­nann­ten “Sharing Eco­no­my” hin­ter­fra­gen. “Tei­len” kann ver­schie­de­nes bedeu­ten. Ein Kuchen wird im mathe­ma­ti­schen Sin­ne geteilt, d. h. in meh­re­re Ein­hei­ten gespal­tet. Wir mei­nen aller­dings etwas völ­lig ande­res, wenn wir z. B. eine Mei­nung oder sogar unser Leben mit unse­rem Part­ner “tei­len”. Mit die­sem Gefühl des gemein­sa­men Erleb­nis­ses hat das “Tei­len” bei Uber oder AirB­nB wenig zu tun: Im Gegen­satz zur alten Platt­form “Couch­sur­fing” ermög­li­chen die­se Anbie­ter es gera­de nicht, dass ein Lebens­raum gemein­sam bewohnt wird und dass dadurch Freund­schaf­ten oder irgend­ein Gemein­schafts­ge­fühl ent­ste­hen, son­dern sie ver­ein­fa­chen den rei­nen Ver­kauf von “Geteil­tem”, sprich hier von zeit­lich begrenz­ten Nut­zungs­rech­ten (z. B. einer Woh­nung von pri­va­ten Per­so­nen, die sich dadurch sekun­dä­re Ein­nah­me­quel­len sichern wol­len). Von sol­chen als „sharing“ gebran­de­ten, letzt­lich rein lukra­ti­ven Leis­tun­gen kann der moder­ne, sich nach Nähe und Gemein­schafts­sinn seh­nen­de Mensch nur ent­täuscht wer­den. Er fürch­tet das Ver­schwin­den der Gast­freund­schaft und des Tram­pens, pro­phe­zeit das Ende der unei­gen­nüt­zi­gen Gabe. Die­se Ängs­te tei­le ich nicht.
Es wird aller­dings eine grö­ße­re Her­aus­for­de­rung über­se­hen, und zwar die Ver­wand­lung unse­res Ver­hält­nis­ses zur Arbeit: Mit der Betreu­ung meh­re­rer Ein­nah­me­quel­len wer­den die soge­nann­ten „Mil­le­ni­als“ immer mehr dazu auf­ge­for­dert, sich als Klein­un­ter­neh­mer zu betrach­ten und ihren All­tag in unzäh­li­ge “Lohn­auf­ga­ben” auf­zu­tei­len. Mal ein Zim­mer ver­mie­ten, mal einen Kun­den zu sei­nem Ter­min fah­ren: Jeder wird zum Mäd­chen für alles – und bringt sein gan­zes Hab und Gut ein. Der Besitz einer Woh­nung oder eines Autos darf nicht mehr als Sicher­heit, son­dern muss als Invest­ment betrach­tet wer­den – ohne dass die Risi­ken die­ser viel­fäl­ti­gen Tätig­kei­ten, die frü­her im Rah­men der Lohn­ar­beit abge­deckt wor­den waren, berück­sich­tigt wür­den. Auf die­se Ver­wand­lung der Gesell­schaft in ein Volk von Fre­e­lan­cers ist der klas­si­sche Wohl­stands­staat unge­nü­gend vor­be­rei­tet.

 

Frü­her war es ganz nor­mal, dass man jeman­dem gehört hat – man den­ke an Leib­ei­gen­schaft, aber auch an die Vor­stel­lung, Gott oder in einen natür­li­chen Zusam­men­hang zu gehö­ren. Heu­te ist es für uns selbst­ver­ständ­lich, frei über unser Leben zu bestim­men. Den­noch beschleicht einen das Gefühl, dass der mit der Auf­klä­rung begon­ne­ne eman­zi­pa­to­ri­sche Pro­zess inzwi­schen ins Gegen­teil umge­schla­gen ist: in die Abschot­tung, Ver­ein­ze­lung, das Sich-Zurück­zie­hen. Hat die Auf­fas­sung, Herr sei­ner selbst und zual­ler­erst für sich selbst ver­ant­wort­lich zu sein, ihr befrei­en­des Moment ver­lo­ren?

Unser Ent­schei­dungs­spiel­raum hat sich ja über die letz­ten Jahr­hun­der­te erwei­tert. Mei­nen Wohn­ort, mei­nen Job, mei­nen Part­ner kann ich grund­sätz­lich frei bestim­men, was auch im Wes­ten noch vor Kur­zem unvor­stell­bar war. Aller­dings: Unser Leben wird uns irgend­wann aus der Hand genom­men und wir dür­fen – nach dem heu­ti­gen Stand der Geset­ze zur Ster­be­hil­fe – uns immer noch nicht selbst ohne viel Auf­wand davon befrei­en. Erst vor der Här­te des uner­bitt­li­chen Schick­sals, wenn z. B. eine unheil­ba­re Krank­heit uns erwischt oder eine gelieb­te Per­son ver­schwin­det, spü­ren wir die Sinn­lo­sig­keit unse­rer moder­nen Frei­heit, die wir fälsch­lich für unbe­grenzt hal­ten. Die Abschot­tung, das In-Sich-Zurück­zie­hen resul­tiert womög­lich aus der Angst, uns durch jeg­li­chen Kon­takt mit der Außen­welt mit den Gren­zen unse­rer Macht aus­ein­an­der­set­zen zu müs­sen. Das gilt auch auf der poli­ti­schen Ebe­ne: Wie Cand­i­de haben wir Euro­pä­er dar­auf ver­zich­tet, die Welt zu ver­bes­sern, und blei­ben lie­ber in unse­rem geschütz­ten Gar­ten, als uns von den Lei­den der ande­ren betrof­fen zu füh­len und dabei unse­re eige­ne Ohn­macht spü­ren zu müs­sen.

 

Frau Moreau, auf was wür­den Sie nicht ver­zich­ten wol­len?

Auf die unschätz­ba­re Frei­heit, einen wesent­li­chen Teil mei­nes Lebens mit See­len zu ver­brin­gen, die mir etwas bedeu­ten. Dar­un­ter zäh­len leben­de Men­schen sowie auch Ver­stor­be­ne.

wbernhardt