Grundformen der Digitalität | Felix Stalder

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Foto: Clem Onojeghuo | Unsplash

Grundformen der Digitalität

 Text: Felix Stalder

Digitalisierung steht nicht bloß für Phänomene wie Automatisierung oder digitale Massenkommunikation, sondern viel grundlegender für einen Wandel unserer Lebenswelt, der auch unser Selbstverständnis und das Verständnis von Gesellschaft insgesamt betrifft.

Der Jahrtausendwechsel erschien vielen Zeitgenossen, auch mir, als großes Nicht-Ereignis. Nicht nur blieb das angekündigte Chaos der Computersysteme weitgehend aus, sondern auch sonst war der 01.01.2000 kaum vom 31.12.1999 zu unterscheiden. Rückblickend kann man jedoch feststellen, dass um das Jahr 2000 tatsächlich ein Epochenwechsel stattgefunden hat – zwar nicht von einem Tag auf den anderen, aber doch in relativ kurzer Zeit. Denn mit Beginn des neuen Jahrtausends haben verschiedene, schon länger währende gesellschaftliche Prozesse an Wirksamkeit gewonnen und dadurch unsere Lebenswelt grundlegend verändert. Am besten lässt sich dieser Epochenwechsel anhand der rasanten Ausbreitung des Internets nachverfolgen. Das Internet wurde in seinen Grundzügen in den 1970er-Jahren entwickelt. Jedoch noch drei Jahre vor der Jahrtausendwende war es, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, ein eher unbedeutendes Phänomen. Nur etwa sechs Prozent aller Deutschen nutzten das Internet. Drei Jahre danach waren es bereits mehr als 53 Prozent. Seitdem ist der Anteil weiter gewachsen. Für die unter 40-Jährigen lag er 2014 bei über 97 Prozent. Parallel dazu stiegen die Datenübertragungsraten deutlich, mit Breitbandanschlüssen fiel das Einwählen per Modem weg, das Internet war nun „hier“ und nicht mehr „dort“. Mit der Ausbreitung mobiler Endgeräte ab 2007, dem Jahr der Einführung des ersten iPhone, wurde digitale Kommunikation flächendeckend und kontinuierlich verfügbar. Das Internet ist seither überall. Die Nutzungsdauer hat zugenommen, und seit soziale Massenmedien wie Facebook ihren Siegeszug angetreten haben, sind die Menschen in fast allen Lebenslagen und Situationen online. Inzwischen ist das Internet für viele eine Infrastruktur, die sie wie Wasser- oder Stromnetze als gegeben voraussetzen.

Die wachsende Bedeutung des Internets ist aber nicht die Ursache dieses Wandels, sondern wirkte eher wie ein Katalysator, der viele bereits laufende, vormals unabhängige Entwicklungen zusammenführte – etwa die seit den 1960er-Jahren zunehmende Vernetzung in und zwischen Unternehmen, die seit den 1970er-Jahren erstarkenden zivilgesellschaftlichen Bewegungen oder die rasante Weiterentwicklung internetfähiger Geräte. Sie konnten sich wechselseitig verschränken, was sie verstärkte und dazu führte, dass sie sich jenseits der ursprünglichen Kontexte, in denen sie entstanden waren, ausbreiten konnten. So rückten sie vom Rand ins Zentrum der Kultur, wurden dominant und verschärften die Krise der bisherigen kulturellen Formen und Institutionen, während gleichzeitig neue Formen und Institutionen entstanden und an Einfluss gewannen. In der Summe bilden diese nun eine neue, alle Lebensbereiche – und entsprechend auch Wirtschaftsbereiche – prägende Umgebung, das heißt ein neues Set von Möglichkeiten und Erwartungen.

Unübersichtliche Zeiten

Felix Stalder
Felix Stalder ist Professor für digitale Kultur an der Zürcher Hochschule der Künste und forscht am World-Information Institut in Wien. Von ihm zum Thema erschienen: Kultur der Digitalität (Suhrkamp Verlag, 2016). Seine Schriften, Vorträge und Interviews sind gesammelt auf seinem Blog: felix.openflows.com

Aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive ist der zentrale Aspekt dieser neuen (Informations-)Umgebung ihre grundsätzliche Unübersichtlichkeit. Die bisherige Ordnung wurde hergestellt durch Medien, die die Filterung von Informationen vor den Akt der Veröffentlichung setzten und so eine gewisse Übersichtlichkeit produzierten. In dieser Ordnung konnten viele rezipieren, aber nur wenige publizieren. In der neuen (Un-)Ordnung kann (und muss) jeder selbst publizieren. Facebook, als das offensichtlichste Beispiel, ist darauf aufgebaut, dass jeder seiner 1,6 Milliarden Nutzer über Informationen verfügt, die er gerne anderen mitteilen – also publizieren – möchte. Auf Facebook und anderswo geschieht das weitgehend ohne zentrale Filterung. Diese setzt erst nach der Veröffentlichung ein: mittels der konstanten Bewertung der publizierten Inhalte. Nur im Notfall werden die Dinge wieder gelöscht (so gut das geht). Diese neue Struktur von Öffentlichkeit ist in vielen Aspekten eine logische Entwicklung, die der Ausdifferenzierung der Gesellschaft in immer mehr Milieus und Nischen Rechnung trägt. Immer weniger Menschen wollen sich sagen lassen, dass ihre Anliegen irrelevant seien. Das Spektrum der Meinung und Orientierungen, die heute an die Öffentlichkeit gelangen, ist um ein Vielfaches größer, als es auch die beste Zeitungsredaktion hätte abbilden können. Selbstverständlich ist nicht jede dieser Meinungen konstruktiv oder begrüßenswert. Aber es käme niemand auf die Idee, wegen „fake news“ oder anderer problematischer Entwicklungen ein Redaktionssystem einzuführen, das darüber entscheidet, was online publiziert werden darf und was nicht. Alleine die Tatsache, dass das so ist, zeigt bereits, dass es kein Zurück mehr gibt.

Allerdings folgt aus der grundsätzlichen Unübersichtlichkeit, dass sich jeder selbst in der chaotischen Informationssphäre zurechtfinden muss. Die Aufgabe der Filterung der Informationen und damit der Orientierung prägt somit die Kultur der Digitalität als Ganzes. Trotz der verwirrenden Vielfalt an Bestrebungen, Konflikten und Widersprüchen sind dabei drei Formen des Ordnens entstanden, die dieser Kultur ihren spezifischen, einheitlichen Charakter verleihen: Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität.

Referentialität

Referentialität, also das Erstellen eines persönlichen Bezugssystems, ist zur allgegenwärtigen und allgemein zugänglichen Methode geworden, um all die vielen Dinge, die jedem Einzelnen begegnen, zu ordnen. Sie werden so in einen konkreten Bedeutungszusammenhang gebracht, der auch das eigene Verhältnis zur Welt und die subjektive Position in ihr (mit-)bestimmt. Zunächst geschieht dies einfach dadurch, dass Aufmerksamkeit auf gewisse Dinge gelenkt wird, von denen dadurch – zumindest implizit – behauptet wird, sie seien wichtig. Mit jedem hochgeladenen Bild auf Flickr, jeder Twitter-Nachricht, jedem Blogpost, jedem Forumseintrag, jedem Statusupdate macht ein User genau das; er teilt anderen mit: „Schaut her, das finde ich wichtig!“ Filtern und Bedeutungszuweisung sind an sich nichts Neues. Neu ist, dass beides nicht mehr primär von Spezialisten in Redaktionen, Museen oder Archiven durchgeführt wird, sondern zur Alltagsanforderung für große Teile der Bevölkerung geworden ist – unabhängig davon, ob diese über die materiellen und kulturellen Ressourcen verfügen, die nötig sind, um diese Aufgabe zu bewältigen.

Angesichts der Flut von Informationen, die uns heute tagtäglich umgibt, ist jegliche Form des Auswählens, jegliche Fokussierung von Aufmerksamkeit eine produktive Leistung – so unwichtig jede dieser Mikrohandlungen für sich genommen erscheinen mag. Der Nutzen dieser Handlungen liegt darin, dass sie Elemente aus dem gleichförmigen Strudel der Unübersichtlichkeit herausgreifen. Dies erfolgt durch den Einsatz einer Ressource, die sich nicht vervielfältigen lässt, die außerhalb der Welt der Informationen steht und die für jeden Einzelnen unabänderlich beschränkt ist: die eigene Lebenszeit. Jedes Statusupdate, das nicht durch eine Maschine erstellt wurde, bedeutet, dass jemand seine Zeit investiert hat (und sei es nur eine Sekunde), um auf ein bestimmtes Phänomen – und nicht auf ein anderes – hinzuweisen. Ihre Relevanz bekommen diese Bewertungen also durch die Verbindung des im Übermaß Vorhandenen (Informationen) mit dem ultimativ Knappen (der eigenen Lebenszeit).

Oft werden diese Bewertungen von Informationen nur beiläufig vorgenommen und haben nur eine geringe Halbwertszeit. Doch der Internetnutzer bewertet Informationen nicht nur einmalig, sondern immer wieder. Die Bewertungen addieren sich und stellen Verbindungen her zwischen den vielen Dingen, auf die die Aufmerksamkeit gelenkt wird. So werden Pfade durch die Unübersichtlichkeit gezogen. Phänomene, die potenziell in vielen Zusammenhängen stehen können, werden in einen einzigen, konkreten Zusammenhang gebracht. Auf diese Weise etablieren sich Aufmerksamkeitsfelder, Referenzsysteme und Sinnzusammenhänge.

Gemeinschaftlichkeit

Sich als Einzelner in einer komplexen Umwelt zu orientieren, ist unmöglich. Orientierung wie auch Handlungsfähigkeit können nur im Austausch mit anderen entstehen, innerhalb eines größeren Rahmens. Dieser Rahmen wiederum wird wesentlich von dem zusammengehalten, was ich „gemeinschaftliche Formationen“ nenne: Zusammenschlüsse von grundsätzlich gleichberechtigten Personen, die gemeinsame Ziele verfolgen wollen. Sie entstehen in einem bestimmten Praxisfeld, sind geprägt durch informellen, aber strukturierten Austausch, fokussiert auf die Ermöglichung neuen Wissens sowie neuer Formen des Handelns und werden zusammengehalten durch die gemeinsame Interpretation der eigenen Praxis. Speziell der letzte Punkt – das gemeinschaftliche Erstellen, Bewahren und Verändern eines Bezugssystems, in dem Handlungen, Prozesse und Objekte eine feste Bedeutung und Verbindlichkeit erlangen – macht die zentrale Rolle der gemeinschaftlichen Formationen aus. Diese Formationen, nicht die einzelnen Personen, sind die eigentlichen Subjekte, welche die Kultur, also geteilte Bedeutung, hervorbringen.

Auf der alltäglichen Ebene der kommunikativen Selbsterschaffung wie auch der Gestaltung eines persönlichen Bedeutungshorizonts – in unzähligen Streams, Updates und Timelines in den sozialen Massenmedien – ist die wichtigste Ressource die Aufmerksamkeit der anderen, deren Feedback und die daraus resultierende gegenseitige Anerkennung. Und sei diese Anerkennung nur in Form eines schnell dahingeklickten Likes, der kleinsten Einheit, die dem Sender versichert, dass es irgendwo einen Empfänger gibt.

Die Konstitution von Einzigartigkeit und die von Gemeinschaftlichkeit, in der ein Mensch als Person wahrnehmbar werden kann, erleben die Nutzer als gleichzeitige und sich gegenseitig bedingende Prozesse. Millionenfach und schon beinahe unbewusst (weil alltäglich) ablaufend, üben sie ein zwischenmenschliches Verhältnis ein, das so gar nicht mehr dem liberalen Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen persönlicher Identität und Gruppenidentität entspricht. Anstatt beides als einander ausschließend zu begreifen (entweder nachdrückliche Bejahung des Individuums oder seine Auflösung in der homogenen Gruppe), setzen die neuen Formationen voraus, dass die Produktion von Differenz (Ansage: Das hier ist neu!) und Gemeinsamkeit (Antwort: Das gefällt uns!) gleichzeitig geschieht.

Die Teilnahme an einer gemeinschaftlichen Formation ist freiwillig, aber sie ist nicht uneigennützig. Im Gegenteil: Eine wichtige Motivation besteht darin, Zugang zu dem durch eine Formation eröffneten Praxisfeld und den damit verbundenen Ressourcen zu gewinnen. Eine gemeinschaftliche Formation macht schließlich mehr, als nur die Aufmerksamkeit der einzelnen Mitglieder aufeinander zu lenken. Über die gemeinsame kulturelle Produktion strukturiert sie auch, wie die Mitglieder die Welt wahrnehmen und wie sie sich selbst und ihre Handlungsmöglichkeiten darin entwerfen können. Sie ist also ein kooperativer Filter-, Interpretations- und Konstitutionsmechanismus.

Algorithmizität

Algorithmizität bezeichnet jene Aspekte der kulturellen Prozesse, die von Maschinen (vor-)geordnet werden. Algorithmen transformieren die unüberschaubaren Daten und Informationsmengen, die heute viele Bereiche des Alltags prägen, in Dimensionen und Formate, welche durch die menschliche Wahrnehmung erfasst werden können. Es ist unmöglich – für jemanden alleine wie auch für eine noch so große Gemeinschaft – Milliarden Websites sinnerfassend zu lesen. Deshalb sind wir auf Angebote wie den Google-Suchalgorithmus angewiesen, die uns die Datenflut (Big Data) auf eine Menge reduzieren und in jene Formate übersetzen, die Menschen verstehen können (Small Data). Damit machen sie menschliches Verstehen und Handeln in der auf digitale Technologien aufbauenden Kultur überhaupt erst möglich und beeinflussen es in ambivalenter Weise: Sie schaffen einerseits neue Abhängigkeiten, indem sie die (informationelle) Welt vorsortieren und zugänglich machen, und sie sorgen andererseits für Autonomie, indem sie die Voraussetzungen der persönlichen Handlungsfähigkeit schaffen.

Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität sind Grundformen der Digitalität. Sie bilden ein neues Set an Möglichkeiten und Erwartungen, mittels dessen jeder Einzelne sich selbst und die Welt konstituieren und begreifen kann. Ihre Allgegenwärtigkeit stellt etablierte Institutionen in Kultur, Politik und Wirtschaft vor enorme Herausforderungen. Sie müssen ihre internen Strukturen und Abläufe so anpassen, dass sie die neuen Möglichkeiten für ihre jeweiligen Anliegen und Projekte nutzen können. Denn sonst können sie die Erwartungen der Menschen nicht erfüllen und werden schließlich von diesen als überflüssig angesehen. Nicht nur politische Parteien und Zeitungsredaktionen erfahren dies gerade auf schmerzliche Weise.

Vom Autor empfohlen:

SACH-/FACHBUCH
Cathy O’Neil: Weapons of Math Destruction: How Big Data Increases Inequality and Threatens Democracy (Crown, 2016)
ROMAN
Liu Cixin: The Three-Body Problem (Tor Books, 2014)
FILM
HyperNormalisation Adam Curtis (2016)

Der Text ist in Ausgabe 2/2017 der agora42 zum Thema DIGITALISIERUNG erschienen. Andere Beiträge zu diesem und ähnlichen Themen finden Sie hier: