Über die Freiheit – Interview mit Hans Ulrich Gumbrecht

Über die Freiheit

Interview mit Hans Ulrich Gumbrecht

Hans Ulrich Gum­brecht ist Inha­ber des Lehr­stuhls für Kom­pa­ra­tis­tik an der Stan­ford Uni­ver­si­ty und stän­di­ger Gast­pro­fes­sor an der Uni­ver­sité de Mon­tréal, am Col­lège de Fran­ce sowie an der Zep­pe­lin Uni­ver­si­tät Fried­richs­ha­fen.

 

Herr Gum­brecht, frei nach Kant ist es unse­re größ­te Frei­heit, uns selbst Geset­ze zu geben – gemein­hin ver­bin­det man aber das Feh­len von Vor­schrif­ten mit Frei­heit. Brau­chen wir in Zukunft mehr oder weni­ger staat­li­che Regle­men­tie­run­gen?

Ich bin unter ande­rem des­halb Ame­ri­ka­ner gewor­den, weil ich als deut­scher Beam­ter den manisch-depres­si­ven Hun­ger nach „staat­li­chen Lösun­gen“ uner­träg­lich fand – und dass ich mich mitt­ler­wei­le aus­ge­rech­net in Sili­con Val­ley wohl­füh­le, macht dies zu einer guten Ent­schei­dung für mich. Wir brau­chen weni­ger staat­li­che Regle­men­tie­rung jeden­falls, und vor allem weni­ger Dis­kus­sio­nen in Deutsch­land unter dem Vor­zei­chen des Begriffs „Ethik“. Natür­lich sind mir die Risi­ken sol­cher Frei­heit bewusst.

 

Robert Misik schreibt in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42: “Frei­heit hat die Sei­te gewech­selt. War sie frü­her eine Paro­le eman­zi­pa­to­ri­scher, meist lin­ker Bewe­gun­gen, haben in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren vor allem die Neo­kon­ser­va­ti­ven und Neo­li­be­ra­len die Frei­heit vor sich her­ge­tra­gen.” Was bedeu­tet das für die heu­ti­ge Zeit?

Ich sehe die Ant­wort, die sie sich wün­schen – und mir sug­ge­rie­ren. Es muss etwas falsch sein in der Welt, wenn die „Neo­li­be­ra­len“, die doch für alles Übel ver­ant­wort­lich sind, einen so posi­ti­ven Wert wie Frei­heit ver­tre­ten. Ande­rer­seits: Hat es je lin­ke Bewe­gun­gen gege­ben zwi­schen Mos­kau und La Haba­na, die im Moment des staat­lich-wer­dens die Frei­heit der Indi­vi­du­en ver­grö­ßert hat? Ich kann mich gut erin­nern an das Pro­blem: Als ich selbst noch ein typi­scher Lin­ker mei­ner Gene­ra­ti­on war, da fühl­te ich mich im Besitz aller („ethisch begrün­de­ten“ und natür­lich „all­ge­mein­ver­bind­li­chen“) Wahr­hei­ten.

 

Vie­le Men­schen füh­len sich heu­te zu etwas gezwun­gen, was sie nicht mögen: ob lan­ge Über­stun­den, sinn­lo­se Arbeit, stän­di­ger Kon­sum­zwang oder ein Leben in über­füll­ten Städ­ten – Unzu­frie­den­heit macht sich breit über die “Gesell­schaft” ohne genau zu ver­ste­hen, was damit gemeint ist und wie sie wirkt. Wie kann man als Teil von etwas leben, was man nicht ver­steht?

Ist das nicht die „Con­di­tio Huma­na“, in Zusam­men­hän­gen zu leben, die man – ins­ge­samt – nicht ver­steht. Und was hie­ße schon, sie wirk­lich zu „ver­ste­hen“? Erwüch­se dar­aus das ver­meint­li­che Glück einer voll­kom­me­nen Selbst­be­stim­mung? Gelas­sen­heit ange­sichts der Erfah­rung, dass „Leben“ immer auch ein „Gezwun­gen­sein” zu etwas ist, „das man nicht mag“, das wäre es doch! Das Leben kann wohl eher kein Mail­or­der Ser­vice, kein Ama­zon für die zuver­läs­si­ge Erfül­lung indi­vi­du­el­ler Wün­sche sein. Oder?

 

Wel­che poli­ti­sche Bewegung/Idee Euro­pas sind für Sie der­zeit am viel­ver­spre­chends­ten im Hin­blick auf eine lebens­wer­te Zukunft?

Macrons Ener­gie als Bewe­gung – weil er anschei­nend ver­stan­den hat, dass Euro­pas Wohl­fahrts­staa­ten eben Ener­gie und Inten­si­tät brau­chen – statt eine Ver­si­che­rung ihrer Ver­schla­fen­heit, über die sich auch noch alle bekla­gen.

 

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Mehr zum The­ma fin­den Sie in der aktu­el­len agora42. Wie immer ver­sand­kos­ten­frei: