Auf der Suche nach einem neuen Ankerplatz – Interview mit Jens Harbecke und Joachim Zweynert

Auf der Suche nach einem neuen Ankerplatz

Interview mit Jens Harbecke und Joachim Zweynert, Leiter des Masterstudiengangs Philosophy, Politics, and Economics an der Uni Witten/Herdecke

 

Ankerplatz

 

Als wir vor acht Jah­ren die agora42 grün­de­ten, frag­te man uns oft, wie Öko­no­mie und Phi­lo­so­phie zusam­men­pas­sen. Was ant­wor­ten Sie, wenn Sie gefragt wer­den, war­um man einen Mas­ter stu­die­ren soll, der bei­des ver­bin­det?
JZ: Wir leben in einer Welt der immer tie­fe­ren Arbeits­tei­lung. Das gilt auch für die geis­ti­ge Arbeit. Das wis­sen­schaft­li­che Wis­sen wird immer spe­zi­el­ler, die Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler tau­chen immer tie­fer in ihre dis­zi­pli­nä­ren Tun­nel­wel­ten ein. Der deut­sche Publi­zist, Unter­neh­mer und Öko­nom Fried­rich List hat ein­mal gesagt: Die Tei­lung der Arbeit führt nur dann zu mehr Pro­duk­ti­vi­tät, wenn auch die Kon­fö­de­ra­ti­on der Arbeit, in unse­rem Fall also das „Wie­der-Zusam­men-Den­ken“, gelingt. Die Pro­ble­me des 21. Jahr­hun­derts küm­mern sich nicht um die Gren­zen zwi­schen aka­de­mi­schen Dis­zi­pli­nen. Wer sie lösen will, muss in der Lage sein, die­se Pro­ble­me aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven zu beleuch­ten – und die­se Viel­falt an Per­spek­ti­ven mit einem Mehr an Erkennt­nis zu einem grö­ße­ren Bild zusam­men­füh­ren. Wir haben heu­te einen ekla­tan­ten Man­gel an sol­chen „Zusam­men-Den­kern“, und wir sehen bereits heu­te, wie sie über­all mehr und mehr gefragt sind – in der Wis­sen­schaft, in der Poli­tik und in den Unter­neh­men. Ich bin davon über­zeugt, dass die­se Nach­fra­ge in den nächs­ten Jah­ren und Jahr­zehn­ten wei­ter zuneh­men wird.

 

Mit der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 wagen wir die The­se, dass der Wider­spruch ein Zei­chen der Zeit ist, dass schein­bar Selbst­ver­ständ­li­ches zuneh­mend zur Dis­kus­si­on steht, gleich ob in Wirt­schaft, Poli­tik oder im pri­va­ten Bereich. Wie erle­ben Sie die Zeit? Gibt es noch kla­re Ori­en­tie­rung?
JH: Einer­seits wer­den wir durch die digi­ta­len und sozia­le Medi­en per­ma­nent mit neu­en Infor­ma­tio­nen, Ansich­ten und Fak­ten über oft ver­stö­ren­de Ereig­nis­se und ver­schie­dens­te Lebens­ent­wür­fe bom­bar­diert, was selbst reflek­tier­te Geis­ter mit­un­ter über­for­dert. Ande­rer­seits besteht heu­te die Mög­lich­keit, sich durch selek­ti­ve Infor­ma­ti­ons­aus­wahl und durch die Ver­net­zung vor­nehm­lich mit Gleich­ge­sinn­ten in den eige­nen Ansich­ten und den eige­nen Lebens­wel­ten stän­dig bestä­ti­gen zu las­sen. Das ist eine toxi­sche Mischung, die fast zwangs­läu­fig zu einer kul­tu­rel­len und welt­an­schau­li­chen Zer­split­te­rung der Gesell­schaft führt. Dar­aus resul­tiert ein all­ge­mei­nes Gefühl der Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit. Aus mei­ner Sicht ist dies eines der Haupt­merk­ma­le unse­rer Zeit.
JZ: Ich stim­me dem zu, fin­de aber auch einen zusätz­li­chen polit-öko­no­mi­schen Aspekt wich­tig:  Wir erle­ben der­zeit das Ende der soge­nann­ten neo-libe­ra­len Epo­che, die um 1980 begon­nen hat. Seit dem Ende der Finanz- und Wirt­schafts­kri­se ist die­ses Para­dig­ma dis­kre­di­tiert, ohne dass bis­her eine neue weit­hin geteil­te Welt­an­schau­ung an sei­ne Stel­le getre­ten ist. Sol­che Über­gangs­pha­sen sind genau des­halb wider­sprüch­lich, weil die alten Ant­wor­ten nicht mehr gel­ten, ohne dass wir bereits neue Ant­wor­ten haben. Die Anker­ket­ten, die uns an das bis­her domi­nan­te poli­ti­sche Para­dig­ma ban­den, sind gelöst, und der­zeit sind wir auf der Suche nach einem neu­en Anker­platz.

 

Ihr Anlie­gen ist es, die drei Dis­zi­pli­nen (Phi­lo­so­phy, Poli­tics, Eco­no­mics) nicht iso­liert von­ein­an­der unter­rich­tet wer­den, son­dern statt­des­sen das Ver­bin­den­de die­ser Dis­zi­pli­nen her­aus­ge­stellt wird. Was kann man sich dar­un­ter kon­kret vor­stel­len?
JZ: Wir bemü­hen uns dar­um, so oft wie mög­lich von rea­len Pro­ble­men aus­zu­ge­hen. Des­halb bezeich­nen wir das, was wir in Wit­ten machen, auch als Real World PPE. Neh­men wir das Bei­spiel der Nach­hal­tig­keit, das vie­le unse­rer Stu­die­ren­den beson­ders inter­es­siert. Wir schau­en dann: Wel­che phi­lo­so­phi­schen, wel­che öko­no­mi­schen, wel­che poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Per­spek­ti­ven auf die­ses Pro­blem gibt es? Hier las­sen wir also zunächst ein­mal – und zwar sehr bewusst – dis­zi­pli­nä­re Viel­falt  zu. Dann aber gehen wir wei­ter und fra­gen: War­um bestehen die­se Unter­schie­de? Las­sen sich Ansät­ze erken­nen, wie die Dis­zi­pli­nen von­ein­an­der ler­nen kön­nen? Als Vor­aus­set­zung dafür: Wie kann man zwi­schen den dis­zi­pli­nä­ren Per­spek­ti­ven und Spra­chen über­set­zen? Und schließ­lich: Kön­nen wir Ansatz­punk­te für punk­tu­el­le Syn­the­sen erken­nen?

 

Häu­fig beob­ach­tet man, dass Men­schen mit ihrer Lebens­si­tua­ti­on unzu­frie­den sind – der Job macht einen kaputt, der Part­ner nervt –, sie aber den­noch die­se Situa­ti­on nicht ändern. Wor­an liegt das?
JH: Dafür kann es unend­lich vie­le indi­vi­du­ell ver­schie­de­ne Grün­de geben, und sie lie­gen außer­halb des­sen, wozu ein Phi­lo­soph, ein Poli­tik­wis­sen­schaft­ler oder ein Öko­nom als Wis­sen­schaft­ler seri­ös etwas sagen kann. Und wozu man nichts sagen kann, dar­über soll man schwei­gen.

 

Was geben Sie Ihren Stu­den­ten mit auf den Weg, damit die­se sich für ein selbst­be­stimm­tes Leben und mit­hin gegen eine Aus­rich­tung an Sach­zwän­gen und schein­bar alter­na­tiv­lo­sen Bio­gra­phie­ent­wür­fen ent­schei­den?
JH: Zunächst ein­mal: Wer in Wit­ten stu­diert, hat sich bereits und sehr bewusst für ein selbst­be­stimm­tes Stu­di­um ent­schie­den, das es ihr oder ihm gestat­tet, der Ent­fal­tung der eige­nen Per­sön­lich­keit weit mehr Raum zu geben, als dies an einer staat­li­chen Uni der Fall wäre. Für uns ist das fas­zi­nie­rend zu beob­ach­ten: Ob in stu­den­ti­schen NGOs oder als Start-Up-Unter­neh­mer, im Rah­men eher wis­sen­schaft­li­cher oder eher politisch/gesellschaftlicher Akti­vi­tä­ten – prak­tisch alle unse­re  PPE-Stu­die­ren­den haben ihre eige­ne Nische inner­halb des Bio­tops der Uni Witten/Herdecke gefun­den. Das funk­tio­niert nicht zuletzt des­halb, weil wir wahr­schein­lich die ein­zi­ge Pri­vat­uni­ver­si­tät der Welt sind, an der man nicht pro Semes­ter, son­dern für den Stu­di­en­gang zahlt. Da ist es dann auch kein Dra­ma, wenn das Stu­di­um mal ein Semes­ter län­ger dau­ert.
JZ: Aber, um auch das klar zu sagen: PPE in Wit­ten ist kein Stu­die­ren im Wol­ken­ku­ckucks­heim, son­dern eines, das für sehr span­nen­de Berufs­eins­ti­ge qua­li­fi­ziert. Wir haben Absol­ven­ten im Deut­schen Bun­des­tag (als Mit­ar­bei­ter eines Abge­ord­ne­ten), in poli­ti­schen Stif­tun­gen, im uru­gu­ay­ischen Sozi­al­mi­nis­te­ri­um, in Ener­gie­un­ter­neh­men, wir haben unter ihnen auch Unter­neh­mens­grün­der. Die­se Qua­li­fi­zie­rungs­ebe­ne soll­te man nicht unter­schät­zen, denn was nützt ein tol­les Stu­di­um, wenn es einen hin­ter­her zwingt, einen lang­wei­li­gen Job zu machen, weil man nicht die nöti­ge Qua­li­fi­ka­ti­on mit­bringt, um sich erfolg­reich auf span­nen­de Stel­len zu bewer­ben?

 

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Prof. Dr. Joa­chim Zweynert  ist seit 2011 Pro­fes­sor für Inter­na­tio­na­le Poli­ti­sche Öko­no­mie an der Uni­ver­si­tät Witten/Herdecke. Von 2014–2017 war er Grün­dungs­di­rek­tor des Wit­te­ner Insti­tuts für Insti­tu­tio­nel­len Wan­del, das unter ande­rem jähr­lich einen Nach­wuchs­preis für Plu­ra­le Öko­no­mik ver­gibt. Er ist einer der Her­aus­ge­ber des Jour­nal of Con­tex­tu­al Eco­no­mics. Schmol­lers Jahr­buch. Zuletzt von ihm erschie­nen: When Ide­as Fail: Eco­no­mic Thought, the Fail­u­re of Tran­si­ti­on and the Rise of Insti­tu­tio­nal Insta­bi­li­ty in Post-Soviet Rus­sia (Rout­ledge 2017).

Prof. Dr. Jens Har­be­cke ist seit 2015 Pro­fes­sor für Theo­re­ti­sche Phi­lo­so­phie und Phi­lo­so­phie der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Witten/Herdecke. Er ist inter­na­tio­na­ler Koor­di­na­tor des insosci.eu-Projektes, in dem es um das Ver­hält­nis von Neu­ro­wis­sen­schaft und Sozi­al­wis­sen­schaft aus wis­sen­schafts­phi­lo­so­phi­scher Per­spek­ti­ve geht. In sei­ner For­schung befasst er sich ins­be­son­de­re mit Theo­ri­en der Erklä­rung in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und den Kogni­ti­ons­wis­sen­schaf­ten, mit Theo­ri­en der Kau­sa­li­tät und dem Ursa­che-Wir­kung-Begriff inner­halb der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten.