„HERR, lass Hirn ra!“ agora42 im Gespräch mit Harry Waßmann

„HERR, lass Hirn ra!“

Im Gespräch mit Harry Waßmann

Anlässlich der aktuellen Ausgabe sprachen wir mit Pfarrer Harry Waßmann über die Angst vor der Katastrophe, die Möglichkeit der Veränderung, das richtige Maß im Leben und die Flucht auf neue Planeten.

 

 

Die Moderne galt lange Zeit als aufgeklärte Epoche der Vernunft und Mündigkeit. Heute hat man hingegen eher den Eindruck, dass der überforderte und orientierungslose Menschen leichte Beute für populistische Manipulationen ist – vernünftige Haltungen sind Mangelware. Sehen Sie noch eine andere Option als die Katastrophe?

Harry Waßmann ist Pfarrer in Tübingen. Er wurde 1956 in Köthen geboren. Außerdem schreibt er für die "Kirche im SWR" das Wort zum Tag.

Es gibt nicht d i e Katastrophe, das eine Unheil, den finalen Untergang humaner Zivilisation, ihr Verderben. Es gab menschheitsgeschichtlich schon etliche Katastrophen. Und es könnte eine besondere Hybris unserer Zeit und unsere Zivilisation sein – der sog. Moderne – , wir würden als letzte das Endspiel bestreiten und das Licht ausmachen. Es gab und gibt Neuanfänge. Nur unter wie viel Schrecken und Leiden und Verwerfungen … Da kommen mir im Blick auf Kinder und Kindeskinder die Tränen.

 

Einerseits sehen viele, dass ein "Weiter so" unmöglich ist, andererseits besteht nur eine sehr geringe Bereitschaft selber etwas am eigenen Lebensstil zu ändern. Wie kommen wir da raus?

Eine Katastrophe wäre es gewiss, wenn alles so weiter ginge, wie bisher. Mit anderen Worten: Es muss sich etwas ändern, bewegen, umorientieren. Es braucht im anderen Sinn von Kata-Strophe (griechisch für „Umkehr, Wendung, Drehung“) gleich mehrere Katastrophen. Mentale. In den Herzen. Deshalb bete ich für ein schleuniges und nachhaltiges Ausbreiten des Heiligen Geistes. Für Geistesblitze der Liebe und der Versöhnung. Schwäbisch: „HERR, lass Hirn ra!“ Dazu gehört ein gewinnendes und überzeugendes Verlocken weg von den kalten Süchten einer käuflichen Warenwelt. Bei uns und anderswo.

 

Lange Zeit galt das Mantra des „Höher, weiter, schneller“, das zu einer Gesellschaft geführt hat, „die sich nur dynamisch zu stabilisieren vermag“ (Hartmut Rosa). Es galt nicht, das richtige Maß zu finden, sondern die Grenzen immer weiter hinaus zu schieben. Was ist für Sie das richtige Maß und wie vermitteln Sie Menschen die Attraktivität des richtigen Maßes?

Das richtige Maß ist das, was einem Haushalten – einer „ökonomia“ – im Einklang mit den vorhandenen Ressourcen entspricht. Dazu gehören neben der Physis im Blick auf uns Menschen auch die geistigen und seelischen Ressourcen! Wo ausgepresst und ausgequetscht wird, entsteht nichts Gedeihliches. Das richtige Maß stellt sich da ein, wo alle Kreaturen – nicht nur die Menschen – ihren Raum zum Leben haben. Attraktiv wird das nur, wo ich das selber so lebe. Und Andere miterleben lasse, egal welchen Alters und welcher Herkunft.

 

Derzeit durchforsten technikbegeisterte Wissenschaftler äußerst kapital- und technikintensiv das Weltall, um einen Planeten zu finden, auf den die Menschheit im Katastrophenfall auswandern kann. Würden Sie – im Falle des Falles – gerne auf einem anderen Planeten neu anfangen?

Erstens scheue ich Überanstrengung. Zweitens bin ich gerne am Ort. Also „verhockt“. Flucht ist gar keine gute Erfahrung. Und schließlich kann ich mir keine schönere Lebenswelt vorstellen, als die Schöpfung, in der ich meine Zeit mit Anderen erleben kann: „What a wonderful world“. Louis Armstrong singt davon so wunder-voll.

 


 

In der aktuellen 42. Ausgabe der agora42 suchen wir die Antwort auf die Frage aller Fragen. Mit Richard David Precht, Thomas Vogel, Silke Helfrich, Ariadne von Schirach uvm.

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