Befreit werden sollten: Stille, Schweigsamkeit – Kurzinterview mit Joseph Vogl

Befreit werden sollten: Stille, Schweigsamkeit

Kurzinterview mit Joseph Vogl

 

Joseph Vogl

Joseph Vogl ist Pro­fes­sor für Neue­re deut­sche Lite­ra­tur, Lite­ra­tur- und Kulturwissenschaft/Medien an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin. U.a. von ihm erschie­nen: Das Gespenst des Kapi­tals (Dia­pha­nes Ver­lag, 2011). Foto: Dontworry/Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Herr Vogl, wel­chen Zwän­gen unter­lie­gen wir heu­te? Was soll­te Ihrer Ansicht nach befreit wer­den?

Man unter­liegt vor allem dem Zwang zur Dau­er­kom­mu­ni­ka­ti­on. Befreit wer­den soll­ten: Stil­le, Schweig­sam­keit.

 

Vie­le Men­schen haben heu­te das Gefühl, dass etwas falsch läuft in der Gesell­schaft, kön­nen kön­nen aber nicht genau in Wor­te fas­sen, was es ist. Fehlt uns die pas­sen­de Spra­che?

Nicht die Spra­che fehlt, son­dern die Anstren­gung, sie sach­lich, genau und inves­ti­ga­tiv zu ver­wen­den. Man begnügt sich mit dem schnel­len und schlag-fer­ti­gen Griff zu Mei­nung. Man scheut den län­ge­ren, unbe­que­men Weg, die Arbeit am Begriff.

 

Im All­tag hat die Befrei­ung ihren Platz: das Wochen­en­de befreit von den Werk­ta­gen, der Urlaub von der Arbeits­welt und die Fuß­ball-WM vom poli­ti­schen Tages­ge­sche­hen. Befrei­ung ist für die meis­ten nur eine Befrei­ung von etwas und ver­weilt damit in der Nega­ti­on. Ist dar­über hin­aus Frei­heit mög­lich?

Ja, ein Lob auf die All­tags­frei­heit der Kon­su­men­ten. Die Rest­sub­jek­te dage­gen pfei­fen auf Frei­hei­ten: Sie wün­schen sich dage­gen mehr Sicher­heit, mehr Vor­sor­ge, mehr Für­sor­ge, mehr Gren­zen, mehr Exklu­si­on, mehr Schutz, mehr Auto­ri­tät, mehr Gefah­ren­ab­wehr, mehr Poli­zei. Schlech­te Zei­ten für die Ver­fech­tung poli­ti­scher Frei­hei­ten.

 

Robert Misik schreibt in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42: “Frei­heit hat die Sei­te gewech­selt. War sie frü­her eine Paro­le eman­zi­pa­to­ri­scher, meist lin­ker Bewe­gun­gen, haben in den ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­ren vor allem die Neo­kon­ser­va­ti­ven und Neo­li­be­ra­len die Frei­heit vor sich her­ge­tra­gen.” Was bedeu­tet das für die heu­ti­ge Zeit?

Man arbei­tet an der Voll­endung von kapi­ta­lis­ti­schen Wett­be­werbs- und Prä­ven­ti­ons­ge­sell­schaf­ten: Freie Märk­te und Kon­kur­renz­lärm wer­den mit der Aus­lö­schung von Soli­darmi­lieus und der Ero­si­on zivi­ler Frei­heits­pro­gram­me kom­bi­niert.