So fürchterlich kompliziert ist es im Grunde nicht …” – Interview mit Karen van den Berg

So fürchterlich kompliziert ist es im Grunde nicht …”

Inter­view mit Karen van den Berg

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Karen van den Berg, Inhaberin des Lehrstuhls für Kunsttheorie & inszenatorische Praxis an der Zeppelin Universität. Sie spricht über die unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes “einfach”, die Entstehung von Sinn, die Krise des Kapitalismus, des Liberalismus und der Demokratie sowie einen guten Vorsatz für das einfache Leben …

 

Frau van den Berg, kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­lich Kompliziertes?

So fürch­ter­lich kom­pli­ziert ist es im Grun­de nicht. Das deut­sche Wort „ein­fach“ hat aber in der Tat ganz unter­schied­li­che Bedeu­tun­gen. Es kann glei­cher­ma­ßen posi­tiv wie nega­tiv besetzt sein. Spricht man bei­spiels­wei­se von einer ein­fa­chen Tätig­keit, so kann das bedeu­ten, sie ist mühe­los und leicht zu bewäl­ti­gen. Aber es kann auch genau­so gut hei­ßen, dass die Tätig­keit anspruchs­los und beschränkt ist. Ist von einem ein­fa­chen Cha­rak­ter die Rede, kann damit im nega­ti­ven Sin­ne Derb­heit und unge­ho­bel­tes Auf­tre­ten gemeint sein. Im posi­ti­ven Sin­ne kann es bedeu­ten, dass jemand ehr­lich, echt, auf­rich­tig oder lau­ter ist. Im Bereich der Ästhe­tik besteht die „Kunst der Ein­fach­heit“ dar­in, etwas bestechend Kla­res her­zu­stel­len, etwas das schlicht wirkt, dem man aber ansieht, dass es ver­dich­te­te Kom­ple­xi­tät ist. Wenn das Redu­zie­ren nicht zugleich eine Ver­dich­tung von For­men und Bedeu­tun­gen ist, dann ist das Ein­fa­che eben lei­der nur banal.

 

Kann man ein­fach leben, ohne dem Leben irgend­ei­ne Struk­tur und Ord­nung zu geben? Kann man ein­fach nur In-Situa­ti­on-Sein, das heißt, in wech­seln­den Situa­tio­nen leben und Sinn fin­den, ohne einen „Gesamt­sinn“ zu unterstellen?

Sinn ist nichts, was uns Men­schen irgend­wie plötz­lich zustößt. Sinn ent­steht aus Tätig­kei­ten. Ich wür­de ihn als eine sozia­le Ange­le­gen­heit beschrei­ben, denn Sinn geht ein­her mit einer irgend­wie gear­te­ten Über­ein­stim­mungs­er­fah­rung mit der Welt. Sinn ent­steht, wenn wir Din­ge tun oder erle­ben und in ihnen dabei eine Ord­nung auf­scheint, die über das blo­ße Tun hin­aus­weist und zu einer Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Den­ken oder Han­deln führt. Auch das Nichts­tun kann als sinn­voll erlebt wer­den. Aber eben nur, wenn es Erfah­run­gen bie­tet, die über das Hier und Jetzt hinausweisen.

 

Ist unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on nicht erschre­ckend ein­fach? Denn auf­grund der dra­ma­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen des Kapi­ta­lis­mus – man den­ke nur an die gigan­ti­sche Spe­ku­la­ti­ons­bla­se, die in den letz­ten 40 Jah­ren auf­ge­pumpt wor­den ist – haben wir eigent­lich nur die Wahl zwi­schen einer öko­no­mi­schen Kata­stro­phe oder aber, soll­te irgend­wie das nöti­ge Wachs­tum gene­riert wer­den, einer öko­lo­gi­schen Katastrophe.

Nein, die­se Wahl haben wir natür­lich nicht. Und wir müs­sen uns hüten vor sol­chen fata­lis­ti­schen Welt­erklä­rungs­kurz­schlüs­sen, wenn wir nicht selbst zu Dem­ago­gen und Popu­lis­ten wer­den wol­len. Zwei­fel­los sehen wir uns mit extrem bedroh­li­chen glo­ba­len Ent­wick­lun­gen kon­fron­tiert. Dabei sind Kli­ma­wan­del und die wach­sen­de sozia­le Ungleich­heit kei­ne getrenn­ten Phä­no­me­ne. Auch wis­sen wir in Euro­pa, wie sehr wir selbst in die huma­ni­tä­ren Kri­sen im glo­ba­len Süden ver­strickt sind. Gera­de des­halb ste­cken nicht nur Kapi­ta­lis­mus, son­dern auch Libe­ra­lis­mus und Demo­kra­tie ja in einer so schwe­ren Kri­se. Sie gel­ten in ihrer der­zei­ti­gen Form immer weni­ger als durch­weg über­zeu­gen­de Sinn­an­ge­bo­te. Die Popu­la­ri­tät von Theo­re­ti­kern wie Tho­mas Piket­ty, Nou­riel Rou­bi­ni, David Graeber und Eva Ill­ouz, die sich alle mit dem Kapi­ta­lis­mus aus­ein­an­der­set­zen, etwa zeigt, dass hier neue Erklä­rungs­mo­del­le gesucht werden.

 

Was macht das Leben wirk­lich einfacher?

Pla­kat: Dell­brüg­ge & de Moll

Das Künst­ler­duo Dellbrügge/de Moll hat vor eini­gen Jah­ren eine Serie von Pla­ka­ten mit guten Vor­sät­zen ent­wor­fen. Einer lau­te­te: „Wir hören auf, neu­ro­ti­sche Arsch­lö­cher zu sein!“  Ich fin­de, dass ist ein wirk­lich extrem guter Vor­satz für das ein­fa­che Leben! Er wäre aber nur eine not­wen­di­ge und noch kei­ne hin­rei­chen­de Bedingung