Man kann alles irgendwie auf Digitalisierung zurückführen. Muss man aber nicht. – Interview mit Mads Pankow

agora42_DigitalisierungAnläss­lich der neu­en agora42 DIGITALISIERUNG haben wir aus­ge­wähl­ten Per­so­nen zum The­ma ein paar Fra­gen gestellt. Hier die Ant­wor­ten vom Tech­nik­phi­lo­so­phen Mads Pan­kow:

 

Man kann alles irgendwie auf Digitalisierung zurückführen. Muss man aber nicht.

Mads Pankow im Interview

Mads Pankow

Mads Pan­kow über gesell­schaft­li­chen Wan­del, den Ein­fluss der Digi­ta­li­sie­rung und mensch­li­che Arbeit in einer voll­au­to­ma­ti­sier­ten Gesell­schaft. Foto: Ste­ven Haber­land.

 

Mit Auf­kom­men des Inter­nets wur­de das Ende des Print­jour­na­lis­mus pro­phe­zeit. War­um haben Sie sich allen Unken­ru­fen zum Trotz auf das Wag­nis ein­ge­las­sen ein Print­ma­ga­zin zu machen?
Ein Blick in die Geschich­te der Medi­en ver­rät, dass neue Medi­en die alten nie ganz abge­löst haben. Im Gegen­teil, häu­fig hat es die alten Medi­en von Auf­ga­ben befreit, für die die­se völ­lig unge­eig­net waren. Die Foto­gra­fie erlös­te die Male­rei bei­spiels­wei­se von der Last rea­lis­ti­sche Abbil­der schaf­fen zu müs­sen und ermög­lich­te ihr somit den Weg in die abs­trak­te, moder­ne Kunst. Print­me­di­en wer­den durch das Inter­net noch nicht zur Kunst, aber sie kön­nen sich end­lich auf ihre eigent­li­chen Qua­li­tä­ten zu besin­nen. Für aktu­el­le Infor­ma­ti­on war das trä­ge Papier schon immer schlecht geeig­net. Für gute Kura­ti­on und Redak­ti­on, also Aus­wahl und Schliff von Tex­ten sind Hef­te mit einer ers­ten und einer letz­ten Sei­te, mit wert­vol­lem Papier und auf­wän­di­ger Pro­duk­ti­on bis­her uner­setz­bar.

 

Die Epi­log bezeich­net sich als Zeit­schrift zur Gegen­warts­kul­tur. Gibt es noch eine rele­van­te Ent­wick­lung der Gegen­warts­kul­tur jen­seits der digi­ta­len Trans­for­ma­ti­on?
Als Medi­en­wis­sen­schaft­ler nei­ge ich dazu alle gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen mit­tel­fris­tig auf die jeweils kom­men­de oder domi­nie­ren­de Medi­en­tech­no­lo­gie zurück­zu­füh­ren. Man kann also alles irgend­wie auch an Digi­ta­li­sie­rung knüp­fen. Muss man aber nicht. Span­nend fin­de ich die Ver­än­de­rung von gesell­schaft­li­chen Hal­tun­gen. Gera­de glau­be ich, an vie­len Stel­len eine Ent­wick­lung weg zum Zynis­mus und Nihi­lis­mus der Jahr­tau­send­wen­de hin zu einer neu­en, iro­nisch-affir­ma­ti­ven Abge­klärt­heit zu erken­nen. Viel­leicht kommt nun das, was Richard Ror­ty schon Ende der 80er die libe­ra­le Iro­ni­ke­rin nann­te.

 

Big Data, Block­chain, KI und Co. geben kei­ne Ant­wort dar­auf, wie wir in Zukunft leben wol­len. Gesell­schaft­li­che Uto­pi­en sind im Ver­gleich zu Tech­ni­ku­to­pi­en gera­de Man­gel­wa­re. Wie möch­ten Sie im tech­nik­ge­präg­ten Zeit­al­ter leben?
Ich den­ke, der Man­gel an Uto­pi­en ist auch ein Pro­dukt der Abklä­rung. Die Lei­den­schaft mit der man noch vor weni­gen Jah­ren für naivs­te Ide­en auf die Stra­ßen gerannt ist, scheint ange­sichts der aktu­el­len Welt­la­ge unan­ge­mes­sen. Wir haben, gera­de in Deutsch­land, eine Ent­wick­lung zur Real­po­li­tik erlebt, die auf Uto­pi­en voll­stän­dig ver­zich­ten woll­te. Lei­der hat sie über­se­hen, das Poli­tik nicht nur die Ver­wal­tung eines Staats­ge­biets füh­ren muss, son­dern auch eine Bevöl­ke­rung inspi­rie­ren und zur Gemein­schaft moti­vie­ren soll­te. Ich wür­de mir für die Zukunft so eine inspi­rier­te Gemein­schaft wün­schen, eine euro­päi­sche zum Bei­spiel (oder Wenigs­tens). Die Netz­werk­tech­nik ist da nur Steig­bü­gel­hal­ter.

 

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Mads Pan­kow ist Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift für Gegen­warts­kul­tur DIE EPILOG. Er hat in Mar­burg, Mal­mö und Wei­mar Medi­en- und Orga­ni­sa­ti­ons­wis­sen­schaft stu­diert und sich auf tech­nik­phi­lo­so­phi­sche und -sozio­lo­gi­sche Fra­gen spe­zia­li­siert.

Wir ver­brin­gen mehr Zeit vor dem Com­pu­ter, als in der Natur, mehr Zeit mit vir­tu­el­lem Schrift­ver­kehr, als mit ech­ten Gesprä­chen – Wie ver­än­dert uns die­ses digi­ta­le Lebens­um­feld?
Wenig. Der Mensch ist schon immer ein Medi­en­tier. Er lebt spä­tes­tens seit er spre­chen kann in vir­tu­el­len Wel­ten. Natür­lich ertra­gen wir gera­de eine Zeit der Über­for­de­rung: wir haben uns die neue Tech­no­lo­gie noch nicht recht erschlos­sen und sind erschla­gen von ihren Mög­lich­kei­ten. Aber das war stets das Schick­sal der Avant­gar­den neu­er Medi­en, seit Anbe­ginn der Mensch­heit. Und bis­her haben wir immer einen guten und pro­duk­ti­ven — oder wenigs­tens unter­halt­sa­men — Umgang mit jedem neu­en Medi­um gefun­den.

 

Wel­che Fra­ge wird Ihrer Mei­nung nach viel zu sel­ten im Rah­men der Debat­te um die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on gestellt?
„Was ist eigent­lich Arbeit?“, höre ich viel zu sel­ten. Die Tech­nik-Dys­to­pi­en zeich­nen eine Zukunft, in der alle Pro­duk­tiv­ar­beit durch Maschi­nen erle­digt wird und Men­schen zu ambi­ti­ons­lo­sen Kon­su­men­ten ver­kom­men. Die­se Vor­stel­lung ver­nach­läs­si­gen zum Einen das anthro­po­lo­gi­sche Grund­be­dürf­nis nach Tätig­keit und Welt­ver­än­de­rung und zum zwei­ten klam­mert sie den Groß­teil mensch­li­cher Arbeit aus: Care­work. Denn auch in einer voll­au­to­ma­ti­sier­ten Gesell­schaft müs­sen Kin­der erzo­gen, Men­schen gebil­det und alte gepflegt wer­den. Die Arbeit geht nie aus, solan­ge es Pro­ble­me auf der Welt gibt. Und da bin ich opti­mis­tisch, davon wird es immer genug geben.

 
 
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