Interview mit Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski

Es gibt kein einfaches Leben im smarten System

Inter­view mit Anna-Vere­na Nost­hoff und Felix Maschew­ski

 

 

Anlässlich der neuen agora42 EINFACH LEBEN haben wir ausgewählten Personen zum Thema ein paar Fragen gestellt. Hier die Antworten von Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski. Sie sprechen über die Gefahren, die mit dem Wunsch nach Einfachheit verbunden sind, über die systembedingten Krisen und die Naivität in Bezug auf digitale Erlösungshoffnungen.

 

Kann man über­haupt ein­fach über Ein­fach­heit spre­chen, oder spricht man da nicht gleich über etwas ziem­lich Kom­pli­zier­tes?

Anna-Vere­na Nost­hoff ist freie Auto­rin, Phi­lo­so­phin und Poli­ti­sche Theo­re­ti­ke­rin. Der­zeit arbei­tet sie an einer Dis­ser­ta­ti­on über die Kyber­ne­ti­sie­rung des Poli­ti­schen.

Ja, Ein­fach­heit ist kom­pli­ziert. Schon bei ihrer Defi­ni­ti­on muss man fast zwin­gend auf die Kom­pli­ziert­heit, das Viel­ge­stal­ti­ge, Man­nig­fal­ti­ge, Mult­idi­men­sio­na­le etc. als Kon­tra­punkt zurück­grei­fen, und so hat schon das ein­fa­che Spre­chen schnell an schlich­ter Selbst­ver­ständ­lich­keit ein­ge­büßt. Wenn man dann noch auf die absur­de Idee kommt, sich die Ein­fach­heit, mehr noch, die heu­te all­zu häu­fig arti­ku­lier­te For­de­rung nach ihr, genau­er anzu­schau­en, wird aus dem simp­len Wort schnell ein dif­fi­zi­les Sprach­spiel. Mit­un­ter kann man in ihm gar ein Sym­bol einer Zeit der Umbrü­che, der Kri­se – ein Alarm­si­gnal erken­nen: Das 140-Zei­chen-Regie­rungs­sprech des aktu­el­len US-Prä­si­den­ten führt uns ja eigent­lich täg­lich vor, dass Ein­fach­heit nicht nur (poli­tisch) gefähr­lich ist, son­dern mehr Fra­gen als Ant­wor­ten pro­vo­ziert. Hier lässt sich anschlie­ßen: War­um asso­zi­ie­ren wir Ein­fach­heit trotz­dem so häu­fig mit etwas Posi­ti­vem, Beru­hi­gen­dem, Har­mo­ni­schem, fast Not­wen­di­gem? War­um hat die Idee vom ein­fa­chen Glück gera­de jetzt eine der­ar­ti­ge Kon­junk­tur – exem­pla­risch sei auf die Renais­sance eines selt­sam sim­pli­fi­zier­ten Stoi­zis­mus ver­wie­sen? War­um lässt man sich von der ein­fa­chen Rede – dem Guten, Wah­ren und Schö­nen von ges­tern – so trau­lich ver­füh­ren? War­um ist es so schwer, von den Illu­sio­nen der Ein­fach­heit zu las­sen, anzu­fan­gen, ihr zu miss­trau­en, d.h. akzep­tie­ren, dass das Leben weder ein­fach war noch ist, es vor allem nicht leich­ter wird? Viel­leicht wäre das zu ein­fach, wahr­schein­lich aber recht hilf­reich.

 

Ist unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on nicht erschre­ckend ein­fach? Denn auf­grund der dra­ma­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen des Kapi­ta­lis­mus – man den­ke nur an die gigan­ti­sche Spe­ku­la­ti­ons­bla­se, die in den letz­ten 40 Jah­ren auf­ge­pumpt wor­den ist – haben wir eigent­lich nur die Wahl zwi­schen einer öko­no­mi­schen Kata­stro­phe oder aber, soll­te irgend­wie das nöti­ge Wachs­tum gene­riert wer­den, einer öko­lo­gi­schen Kata­stro­phe.

Schon Wal­ter Ben­ja­min wuss­te bekann­ter­ma­ßen, dass „[d]er Begriff des Fort­schritts (…) in der Idee der Kata­stro­phe zu fun­die­ren“ ist, und so muss man auch heu­te – lei­der – wis­sen, dass Kapi­ta­lis­mus- immer Kri­sen-, viel­leicht sogar Kata­stro­phen­theo­rie (hier lohnt es sich, die Defi­ni­tio­nen der Begrif­fe zu stu­die­ren) ist: Das Sys­tem scheint sei­ne Per­sis­tenz, viel­leicht sogar die Legi­ti­mi­tät, aus sei­nem bestän­di­gen Schei­tern zu zie­hen. Denn je mehr das Gan­ze aus dem Ruder läuft, je mehr Bla­sen es wirft, rat­tert, ruckelt und schockt, des­to bes­ser funk­tio­niert es. In die­sem Sin­ne wäre zunächst ein­mal weni­ger eine nahen­de Apo­ka­lyp­se zu befürch­ten, als viel­mehr, unmit­tel­bar, das Fort­be­stehen eines sys­te­ma­tisch kri­sen­haf­ten, für den Ein­zel­nen öko­no­misch oder öko­lo­gisch kata­stro­pha­len Sta­tus quo, der als alter­na­tiv­lo­ser Aus­nah­me­zu­stand sklero­ti­siert, das Pre­kä­re nor­ma­li­siert. Wie­der mit Ben­ja­min gespro­chen: „Dass es >so wei­ter< geht, ist die Kata­stro­phe.“

Unter sol­chen recht unfreund­li­chen Vor­aus­set­zun­gen gäl­te es aber, nicht in eine ohn­mäch­ti­ge Grund­satz­lar­mo­yanz oder eine zyni­sche Ver­nunft zu ver­fal­len; eher soll­te man damit begin­nen, den Kol­lek­tiv­sin­gu­lar Fort­schritt – ohne dabei reak­tio­när zu wer­den – gründ­lich zu hin­ter­fra­gen. Die­se Mög­lich­keit zu ver­pas­sen, wäre wohl die eigent­li­che Kata­stro­phe.

 

Ein­deu­ti­ge Ant­wor­ten sind immer unter­kom­plex, kla­re Hand­lun­gen den­noch not­wen­dig – wie soll man in Zukunft mit die­sem Para­dox umge­hen? Wie kön­nen wir ein­fach Han­deln?

Eine kla­re Hand­lung könn­te ja schon allein dar­in bestehen, zu ver­su­chen, die Kom­ple­xi­tät der Pro­zes­se auf­zu­zei­gen; d.h auch, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ein Sach­ver­halt ggfs. dia­lek­ti­scher, viel­di­men­sio­na­ler, hete­ro­ge­ner ist und nur mul­ti­per­spek­ti­visch zu durch­drin­gen wäre. Auf der ande­ren Sei­te gibt es For­men künst­lich pro­du­zier­ter Kom­ple­xi­tät, die zu einer Art Zer­streu­ungs­tak­tik avan­cie­ren und die Ver­hält­nis­se ein­fach undurch­sich­tig erschei­nen las­sen – man den­ke etwa an „kom­ple­xe“ Finanz­pro­duk­te, algo­rith­mi­sche „black boxes“ oder Schat­ten­ban­ken. Die Geheim­nis­krä­me­rei, die hier betrie­ben wird, lenkt letzt­lich von rea­len Macht­kon­stel­la­tio­nen, Ver­ant­wor­tungs­ver­hält­nis­sen und frag­wür­di­gen Prak­ti­ken ab, lässt Pro­zes­se dif­fus und ent­kop­pelt von Ein­zel­hand­lun­gen, mit­un­ter als unver­än­der­bar, aller­höchs­tens als mana­ge­bar, erschei­nen. Teil­wei­se ist Kom­ple­xi­tät auch ein Ver­wirr­spiel. Man scheint sich also per se auf einem schma­len Grat zu befin­den, wenn man fragt, wie man auf Kom­ple­xi­tät han­delnd zu ant­wor­ten hät­te: Viel­leicht gin­ge es eher dar­um, zu fra­gen, mit wel­cher Form von Kom­ple­xi­tät man es über­haupt zu tun hat.

Außer­dem gäl­te es zu begrei­fen, dass wir in einer Gesell­schaft leben, die Akti­vi­tät, das ‚Han­deln’ auf eine pro­ble­ma­ti­sche Art und Wei­se for­ciert: Im digi­ta­len oder kyber­ne­ti­schen Kapi­ta­lis­mus ist Akti­vi­tät – der Klick, der Like, der Sha­re, der Tweet – immer auch Infor­ma­ti­on, und Infor­ma­tio­nen – data­fi­zier­te Hand­lun­gen – sind öko­no­misch ver­wert­bar. „Man kann nicht nicht kom­mu­ni­zie­ren“ ist heu­te kein kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­ches Axi­om mehr, son­dern ein Impe­ra­tiv, eine bestän­di­ge Auf­for­de­rung zum Mit­ma­chen, Sich-Anschlie­ßen und Trans­pa­rent-Wer­den.

 

Felix Maschew­ski ist Lite­ra­tur- und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler, wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter im Insti­tut für Wirt­schafts­ge­stal­tung (Ber­lin) und Mit­glied des Gra­du­ier­ten­kol­legs (PhD-Nets) „Das Wis­sen der Lite­ra­tur“ der HU Ber­lin.

Ein­zig das Unsicht­ba­re – und dazu gehört vor allem auch das Den­ken – ist (noch) nicht rest­los nach­voll­zieh­bar, obgleich die schil­lern­den Figu­ren des Sili­con Val­leys ja auch dar­an mit Nach­druck und aller­lei Plug­ins arbei­ten, sie­he Kurz­weil, Zucker­berg, Musk & Co. In die­ser Hin­sicht ist es an der Zeit, das Den­ken viel­leicht als eine Art letz­te Bas­ti­on gegen den tech­no­lo­gi­schen Trans­pa­renz­ter­ror, die ver­träum­te „Data Love“ (Sima­now­ski) oder das all­ge­mei­ne „Dik­tat zur Inter­kon­nek­ti­vi­tät“ (Die­ter Mersch) in Stel­lung zu brin­gen. Dekon­stru­iert man mit Han­nah Arendt den Dua­lis­mus zwi­schen Den­ken und Han­deln, lässt sich Den­ken als Tätig­keit begrei­fen; als eine Form des Han­delns, die vor allem Phä­no­me­ne in ihrer Kom­ple­xi­tät – oder Ein­fach­heit, je nach­dem – zu durch­drin­gen sucht. Bes­ten­falls ergibt sich dar­aus eine Form des Wider­spruchs, die sich gegen das kata­stro­pha­le „so wei­ter“ sperrt; Gün­ther Anders etwa erklär­te in einer Zeit, in der Kri­tik noch nicht als blo­ßes Feed­back, son­dern eman­zi­pa­ti­ve Pra­xis ver­stan­den wur­de: „Es genügt […] nicht, die Welt zu ver­än­dern, wir haben die­se Ver­än­de­rung auch zu inter­pre­tie­ren, damit sich die Welt nicht ohne uns ver­än­dert“ – „in eine Welt ohne uns.“

 

Big Data und intel­li­gen­te Algo­rith­men sind gera­de in aller Mun­de. Die Hoff­nung ist, dass die Tech­nik in Zukunft „mit­denkt“ und das Leben ver­ein­fa­chen wird. Tei­len Sie die­se Hoff­nung?

Heu­te wird in die­sem Zusam­men­hang immer wie­der Höl­der­lin zitiert; in dem Glau­ben, dass neben der gan­zen Gefahr auch aller­lei Ret­ten­des wächst. Das ist nicht nur ein Ein­ge­ständ­nis der eige­nen Unauf­ge­klärt­heit, son­dern mehr noch ein Auf­ruf zur Pas­si­vi­tät. Im Kon­text der digi­ta­len Revo­lu­ti­on gäl­te es viel­mehr, tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen zu Ende zu den­ken, eine mora­li­sche Fan­ta­sie zu ent­wi­ckeln, die Zukunfts­aus­sich­ten nicht mit einer fal­schen Posi­ti­vi­tät zuklatscht, son­dern ihre Aus­wir­kun­gen – ohne „Angst vor der Nega­ti­vi­tät“ (Ador­no) – zu anti­zi­pie­ren ver­sucht. Vor die­sem Hin­ter­grund hie­ße es wohl: Algo­rith­men, so intel­li­gent und selbst­ler­nend sie auch sein mögen, den­ken nicht, es sind kon­troll­lo­gi­sche Hand­lungs­an­wei­sun­gen, Pro­blem­lö­ser – damit eher nütz­li­che Idio­ten, Hand­lan­ger. Gleich­wohl wäre es fatal, sie zu unter­schät­zen – schließ­lich affi­zie­ren die­se gar nicht neu­tra­len Wenn-Dann-For­meln unser Den­ken so nach­hal­tig, dass uns für sozia­le, öko­no­mi­sche oder poli­ti­sche Pro­ble­me nur noch tech­no­lo­gi­sche Lösun­gen ein­fal­len oder, um es mit einem Wahl­pla­kat der FDP zu sagen: „Digi­tal first, Beden­ken second.“ Die­ses Ver­trau­en in Tech­nik kann ver­füh­re­risch sein, ist aber auch gefähr­lich unter­kom­plex.

Die Ver­ken­nung liegt allein schon dar­in begrün­det, anzu­neh­men, dass sich das Leben durch smar­te Tech­no­lo­gi­en, dem Inter­net für alles und jeden über­haupt ver­ein­fa­chen lie­ße. Obgleich wohl nie­mand den Zugang zu der Fül­le an Wis­sen mis­sen möch­te, schei­nen unse­re Smart Pho­nes, Apple-Wat­ches und Self-Tra­cker den All­tag nicht wirk­lich ent­spann­ter zu gestal­ten – Acht­sam­keits-Apps hin oder her. Viel­mehr gilt: Es gibt kein ein­fa­ches Leben im smar­ten Sys­tem. Das Bestre­ben, Den­ken, Ent­schei­den und Han­deln an Maschi­nen out­zu­sour­cen, lässt sich schließ­lich als Hin­weis auf einen all­ge­mei­nen Über­for­de­rungs­zu­stand, als eine Art digi­ta­les Stock­holm-Syn­drom lesen. Die ver­meint­lich ein­deu­ti­ge Zahl scheint in Zei­ten gras­sie­ren­der Ideo­lo­gis­men und den gan­zen – gar nicht so – „neue[n] Unüber­sicht­lich­kei­ten“ als letzt­ver­blie­be­ner, „objek­ti­ver“ Bewer­tungs­mass­stab; sie gilt als „apo­li­ti­sche“ und „par­tei­lo­se“ Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­in­stanz. Doch gleicht die Data­fi­zie­rung, Infor­ma­ti­sie­rung und Kyber­ne­ti­sie­rung der Gesell­schaft nicht einer mathe­ma­ti­sier­ten Fort­set­zung von Ideo­lo­gie mit ande­ren Mit­teln? Lang­fris­tig eta­bliert die als bequem und ein­fach bewor­be­ne, digi­ta­le Lebens­form neue Abhän­gig­keits- und Kon­troll­ver­hält­nis­se – ob in sozio­po­li­ti­scher oder öko­no­mi­scher, psy­chi­scher oder phy­si­scher, Hin­sicht. Sie führt zu einer ganz neu­en Form selbst­ver­schul­de­ter Unmün­dig­keit, deren Aus­gang mehr als unge­wiss ist.

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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