Wir tragen das Korsett nicht mehr auf der Haut, sondern darunter” – Interview mit Niklas Angebauer

Wir tragen das Korsett nicht mehr auf der Haut, sondern darunter”

Inter­view mit Niklas Ange­bau­er

Anlässlich der neuen agora42 zum Thema ORDNUNG haben wir Niklas Angebauer einige Fragen gestellt. Im Interview spricht er über alte und neue Korsetts, den anmaßenden Lebensstil der Moderne und den Kapitalismus als Sinnvernichter.

 

Einer zuneh­mend are­li­giö­sen Gesell­schaft wird häu­fig eine meta­phy­si­sche Obdach­lo­sig­keit dia­gnos­ti­ziert. Dadurch ent­ste­he Cha­os und Unsi­cher­heit. Herr Ange­bau­er, gibt es heu­te noch ord­nen­de Prin­zi­pi­en oder sind wir an einen heil­lo­sen Sub­jek­ti­vis­mus ver­lo­ren?

Eine ziem­lich sug­ges­ti­ve Fra­ge. Erst ein­mal: Ich wäre mir bei der Dia­gno­se „are­li­gi­ös“ bzw. „meta­phy­sisch obdach­los“ nicht so sicher. Bei Nietz­sche gibt es die­ses Bild, dass die Nach­richt vom Tod Got­tes ihre Zeit braucht, bis sie wirk­lich und mit vol­ler Wucht bei den Men­schen ankommt. Er stellt sich das wie ein Gewit­ter vor: Wir sehen den Blitz, und den­ken etwas selbst­ge­fäl­lig, das war’s schon, jetzt sind wir post­me­ta­phy­sisch! Aber der Don­ner kommt erst spä­ter. Das hat er um 1880 her­um geschrie­ben, aber ich glau­be, das Bild ist noch aktu­ell und wird es ver­mut­lich immer blei­ben – und zwar nicht zuletzt, weil wir den Don­ner gar nicht hören wol­len.

Das eigent­lich selt­sa­me ist doch: Unse­re Welt wird immer kom­ple­xer und kom­pli­zier­ter und dyna­mi­scher, und gleich­zei­tig lösen sich immer mehr alte Struk­tu­ren, Kon­ven­tio­nen und Regeln auf. Das wirk­lich erklä­rungs­be­dürf­ti­ge ist, dass es dabei nicht viel mehr „Cha­os und Unsi­cher­heit“ gibt!

Erklä­ren kann man das nur, wenn man sieht, dass die Alter­na­ti­ve „ord­nen­de Prin­zi­pi­en vs. Sub­jek­ti­vis­mus“ falsch ist. Es stimmt zwar, dass inner­halb von etwa sieb­zig Jah­ren aus einer stark regle­men­tier­ten und auto­ri­täts­hö­ri­gen Dis­zi­pli­nar­ge­sell­schaft eine Gesell­schafts­form her­vor­ge­gan­gen ist, in der die Auto­no­mie des oder der Ein­zel­nen das zen­tra­le Inte­gra­ti­ons­mo­ment dar­stellt – soviel ist dran an der Sub­jek­ti­vis­mus-Dia­gno­se. Aber das heißt gera­de nicht, dass damit die „ord­nen­den Prin­zi­pi­en“ außer Kraft gesetzt wur­den! Sie ver­län­gern sich viel­mehr ins Indi­vi­du­um hin­ein. Gott mag tot sein und ihm zu hul­di­gen obso­let, aber frem­den Mäch­ten unter­wer­fen wir uns nach wie vor, wenn auch in gewis­sem Sin­ne „frei­wil­lig“. Und die Kräf­te, die wir dann anbe­ten, sind weit weni­ger durch­schau­bar. Unser schlech­tes Gewis­sen bezieht sich viel­leicht nicht mehr auf unse­re Sün­den vor Ihm, son­dern dar­auf, dass wir nicht genug Sport trei­ben, nicht gut genug aus­se­hen, nicht genug Sexu­al­kon­tak­te haben, nicht hart genug arbei­ten, und so wei­ter. Der Mecha­nis­mus bleibt der glei­che. Frü­her waren wir vor Gott gleich, heu­te sind wir es vor dem Markt – angeb­lich.

 

Niklas Ange­bau­er ist Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Insti­tut für Phi­lo­so­phie der Uni Olden­burg. Der­zeit pro­mo­viert er zum The­ma Besitz­in­di­vi­dua­lis­mus.

 

Robert Men­as­se ver­gleicht in der aktu­el­len Aus­ga­be der agora42 die heu­ti­ge Zeit mit dem Jahr 1913: Auch damals gab es eine „radi­ka­le Ent­wick­lung der Tech­nik, rasan­tes Fort­schrei­ten der Glo­ba­li­sie­rung, rela­ti­ver Wohl­stand, lan­ge Frie­dens­zeit, in der Habs­bur­ger Mon­ar­chie etwa von 1848 bis 1913 – aber zugleich das Gefühl von begin­nen­der Unord­nung und eine Sehn­sucht, das alles zu zer­stö­ren, damit etwas Neu­es ent­ste­hen kann.“ Wie stark siehst du die Par­al­le­len von damals zu heu­te?

 

1913! Das war unter ande­rem ziem­lich genau die Zeit, in der das Kor­sett aus der Mode kam. Nicht zuletzt auf­grund der Frau­en­rechts­be­we­gung. Heu­te for­men wir unse­re Kör­per in Fit­ness­stu­di­os oder für die ganz eili­gen beim EMS-Trai­ning. Wir tra­gen das Kor­sett nicht mehr auf der Haut, son­dern dar­un­ter … Aber zur eigent­li­chen Fra­ge: Gibt es heu­te eine Sehn­sucht, alles zu zer­stö­ren?

Wenn wir als Heu­ris­tik mal anneh­men, dass man das, was Men­schen wol­len, von dem ablei­ten kann, was sie tat­säch­lich tun, dann lau­tet die trau­ri­ge Ant­wort wohl: Ja, wir leben in einer Zeit der Zer­stö­rungs­wut. Die Rück­sichts­lo­sig­keit vie­ler heu­ti­ger Gesell­schaf­ten ist frap­pie­rend. Und das ist jetzt abso­lut kein kul­tur­pes­si­mis­ti­sches „Früher-war-alles-besser“-Argument. Unser Lebens­stil ist nun ein­mal ein­fach anma­ßend – und zwar ziem­lich egal, wor­an man das bemisst: sei es der Effekt unse­rer Kon­sum­ge­sell­schaft auf ande­re Men­schen, beson­ders des glo­ba­len Südens – Ste­phan Les­se­nich dis­ku­tiert das als das Prin­zip „Neben uns die Sint­flut“; oder der Effekt auf nicht-mensch­li­che Tie­re und ande­re Arten – wir erle­ben und ver­ur­sa­chen gra­de immer­hin das größ­te Arten­ster­bens seit dem Ver­schwin­den der Dino­sau­ri­er; oder auf das Kli­ma ins­ge­samt; oder auf die Lebens­qua­li­tät zukünf­ti­ger Gene­ra­tio­nen … Dass sich all das nicht recht­fer­ti­gen lässt liegt ja auf der Hand. Des­we­gen the­ma­ti­sie­ren wir es auch lie­ber gar nicht erst und kau­fen statt­des­sen mit gro­ßer Ges­te bra­si­lia­ni­sche Bio-Avo­ca­dos beim Dis­coun­ter. Im Grun­de sind wir doch zutiefst dank­bar für das Green­wa­shing, das über­all betrie­ben wird. Die größ­te Par­al­le­le zu 1913 liegt also viel­leicht in den Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men, die es der Mehr­heit erlau­ben, ein­fach so wei­ter zu machen wie bis­her. Aber wie damals – den­ken wir an Freud, Kaf­ka, und so wei­ter – gibt es natür­lich auch Gegen­be­we­gun­gen bezie­hungs­wei­se Ver­su­che, die Gegen­wart zu pro­ble­ma­ti­sie­ren und die­se Mecha­nis­men sicht­bar zu machen.

Wie damals gibt es also auch heu­te Hoff­nung, und wie damals lohnt es sich, kri­tisch und selbst-kri­tisch zu sein. Aber dazu gehört eben, ein­zu­se­hen, dass wir längst dabei sind, alles zu zer­stö­ren. Die Kata­stro­phe, auf die wir zusteu­ern – und zwar gra­de auch durch die tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung und die Glo­ba­li­sie­rung – mag sub­ti­ler und weni­ger erup­tiv sein, als der Ver­gleich mit 1913 viel­leicht nahe­legt. Aber eine Kata­stro­phe ist es, dar­an kann über­haupt kein Zwei­fel bestehen. Alles ande­re ist Augen­wi­sche­rei, oder Schlim­me­res.

 

Gab es schon ein­mal eine gesell­schaft­li­che Ord­nung, die den Men­schen so wenig Sinn (in per­sön­li­cher, exis­ten­zi­el­ler Hin­sicht) für ihr Leben gab, wie die heu­ti­ge kapi­ta­lis­ti­sche?

In so einer Fra­ge scheint mir eine ziem­lich sozi­al­ro­man­ti­sche Vor­stel­lung mit­zu­schwin­gen: Frü­her war das Leben viel­leicht här­ter, aber auch irgend­wie authen­ti­scher! Des­we­gen: Zurück zu den Wur­zeln, und alles wird gut! Das läuft aber auf einen gefähr­li­chen Ana­chro­nis­mus hin­aus. Das Stre­ben nach Authen­ti­zi­tät, nach Sinn oder gar nach einem indi­vi­du­el­len „Sinn des Lebens“ im Sin­gu­lar, wie wir es heu­te ken­nen, ist gar nicht so alt, wie wir den­ken.

Inso­fern wür­de ich die Sozi­al­ro­man­tik mit einem Sozi­al­kon­struk­ti­vis­mus kon­tern. Das Bild, das dann ent­steht, ist kom­ple­xer: Wenn man über­haupt von „dem Kapi­ta­lis­mus“ reden will, dann ist einer­seits klar, dass er gigan­ti­sche Res­sour­cen frei­setzt, die über­haupt erst den Frei­raum schaf­fen, Sinn als etwas Indi­vi­du­el­les zu begrei­fen und zu ver­fol­gen. Zugleich befeu­ern kapi­ta­lis­ti­sche Struk­tu­ren sol­che Bedürf­nis­se nach einem indi­vi­du­el­len Lebens­sinn, einem eige­nen Stil, nach einem indi­vi­du­el­len Aus­druck des eige­nen Daseins – und zwar schlicht­weg, weil die Suche nach dem Sinn ein Motor für den Kon­sum ist. Adam Cur­tis hat die­se Ent­wick­lung in sei­ner Doku „The Cen­tu­ry of the Self“ herr­lich her­aus­ge­ar­bei­tet, unbe­dingt sehens­wert. In unser Sinn­be­dürf­nis ist also – und auch in die Fra­ge eben – immer schon etwas qua­si-kapi­ta­lis­ti­sches mit­ein­ge­schrie­ben!

Ande­rer­seits kann man den Kapi­ta­lis­mus aber schon auch als ein „Sinn­ver­nich­ter“ betrach­ten. Zunächst ein­mal begeg­net uns Sinn ja in Form des Ver­fol­gens und Errei­chens von intrin­sisch wert­vol­len Zie­len. Und es ist ja gera­de das bestim­men­de Merk­mal der kapi­ta­lis­ti­schen Ratio­na­li­tät, intrin­si­sche Wer­te durch instru­men­tel­le zu erset­zen. Das ist der Kern aller Ent­frem­dungs- und Kom­mo­di­fi­zie­rungs­kri­tik seit Marx: Wo ich Pro­duk­te nicht um der Pro­duk­te wil­len her­stel­le, son­dern um einen Pro­fit zu erzie­len; wo mir mei­ne eige­ne Arbeits­kraft als ein Frem­des gegen­über­tritt, inso­fern ich sie an ande­re ver­äu­ßern muss; und wo ich mei­ne Mit­men­schen nicht mehr pri­mär als Koope­ra­ti­ons­part­ner oder -part­ne­rin­nen, son­dern als Kon­kur­rie­ren­de betrach­te, da geht immer auch etwas intrin­si­sches ver­lo­ren. „Der“ Kapi­ta­lis­mus ist, wenn man so über­haupt reden will, also zugleich für das spe­zi­fisch moder­ne Gefühl des „Sinn­ver­lusts“ ver­ant­wort­lich.  Aber das, was da „ver­lo­ren“ gegan­gen ist, hat in  die­ser Form nie wirk­lich exis­tiert, son­dern ist immer auch nach­träg­li­che Pro­jek­ti­on unse­rer über­form­ten Bedürf­nis­se.

 

Wie ver­hal­ten sich ver­nünf­ti­ge Über­le­gun­gen zu Kata­stro­phen und Cha­os? Wel­chen Stel­len­wert haben sie für tat­säch­li­chen poli­ti­schen Wan­del?

Frei nach Scho­pen­hau­er: Ver­nünf­ti­ge Über­le­gun­gen sind zwar nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts. Trotz­dem dür­fen wir nicht ver­ges­sen, dass mensch­ge­mach­te Kata­stro­phen, ver­gan­ge­ne wie zukünf­ti­ge, immer auch Pro­dukt unse­rer Ratio­na­li­tät sind. Wir sind lei­der ver­flixt gut dar­in, das vor uns sel­ber zu ver­ste­cken.