Frank Augustin und Wolfram Bernhardt im Interview

Die Pilgerin, das Trojanische Pferd, der Klebstoff und die Entdeckung der neuen Welt

 

Wolfram Bernhardt und Frank Augustin im Interview

 

 

 

Die­ses Inter­view ist erst­mals in der Jubi­lä­ums­aus­ga­be der agora42 DAS NEUE erschie­nen. Hier geht’s zur pdf-Ver­si­on.

Der eine pil­gert nach San­tia­go de Com­pos­te­la – die ande­re in unse­re Redak­ti­on im Stutt­gar­ter Wes­ten. Anna Poet­ter, Pil­ge­rin des Gel­des, besuch­te uns im Som­mer 2014 mit Fra­gen zum gro­ßen Mam­mon. Beglei­tet wur­de sie von Heinz Gubler, der die Pil­ger­rei­se fil­misch doku­men­tier­te. Ziel einer Pil­ger­rei­se wird man wohl nur ein Mal im Leben. Grund genug, etwas Neu­es zu ver­su­chen: agora42-Grün­der Frank Augus­tin und Wolf­ram Bern­hardt die­ses Mal nicht als Inter­view­er, son­dern als Inter­view­te.

 

 

 

AP: Als ich jeman­dem erzählt habe, dass die agora42 eine Sta­ti­on auf mei­ner Pil­ger­rei­se ist, war die ers­te Reak­ti­on: „Was? Ein phi­lo­so­phi­sches Wirt­schafts­ma­ga­zin? – Das passt doch gar nicht zusam­men!“ Was ist ein phi­lo­so­phi­sches Wirt­schafts­ma­ga­zin?

WBagora42 ent­stand, weil wir die Zeit ver­ste­hen woll­ten, in der wir leben. Wir grün­de­ten sie 2009, als alles, was bis dahin als ver­meint­lich sicher galt, ins Wan­ken geriet. Die Kri­se brach­te ja nicht nur die Finanz­märk­te durch­ein­an­der! Auch die gro­ßen Wirt­schafts­theo­ri­en waren nichts mehr wert, zumin­dest hat­ten sie das Cha­os nicht vor­aus­ge­se­hen. Die Wis­sen­schaft ver­such­te hän­de­rin­gend, Erklä­rungs­an­sät­ze für das Irra­tio­na­le in der Wirt­schaft zu fin­den, oder sie hielt an den öko­no­mi­schen Klas­si­kern fest in der Hoff­nung, dass das Tal der Kri­se bald durch­schrit­ten sei. Das genüg­te uns nicht. Um Wider­sprü­che unse­rer wirt­schaft­li­chen Denk­wei­se auf­zu­de­cken und in den Debat­ten zu neu­en Erkennt­nis­sen zu kom­men, muss man viel grund­le­gen­der vor­ge­hen. Also brauch­te es ein Medi­um, das wie­der das gro­ße Gan­ze der Wirt­schaft in den Blick nimmt – die agora42.

FA: In den Jah­ren 2007/2008 ist etwas Grund­le­gen­des pas­siert. Da hat nicht nur eine Kri­se begon­nen, son­dern da wur­de eine neue Epo­che ein­ge­lei­tet. Bis heu­te haben öko­no­mi­sche Argu­men­te „Letzt­be­grün­dungs­cha­rak­ter“. Die Öko­no­mie sagt uns, was wir tun und las­sen kön­nen. Mit der Kri­se begann die Glaub­wür­dig­keit der öko­no­mi­schen Leit­ord­nung aber zu zer­brö­seln – mit der Fol­ge, dass die gan­ze Gesell­schaft aus den Fugen geriet. Also: Der Rah­men wur­de gesprengt und wir haben noch kei­nen neu­en. Eigent­lich müss­ten sich jetzt alle, die noch fünf Minu­ten Zeit am Tag haben, hin­set­zen und fra­gen: „Moment mal, in was für Zustän­den lebe ich gera­de? Wie kann ich mich auf die Höhe die­ser Zeit brin­gen?“ Wenn man heu­te die Mög­lich­keit hat nach­zu­den­ken, dann muss man sie unbe­dingt nut­zen. Denn ich glau­be, wir kom­men in ziem­lich wil­de Zei­ten hin­ein.

 

AP: Man hat aller­dings nicht den Ein­druck, dass die Kri­se zu einem brei­ten Umden­ken geführt hat. Geht es im Prin­zip nicht wei­ter wie bis­her?

WB: Die Kri­se hät­te eine Chan­ce sein kön­nen, end­lich einen gesell­schaft­li­chen Wan­del hin­zu­be­kom­men – weg von Pro­fit­ma­xi­mie­rung, Geld­fe­ti­schis­mus und Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus. Bis­her wur­de sie nicht genutzt, von vie­len viel­leicht nicht ein­mal als sol­che erkannt. Lei­der theo­re­ti­siert auch die Wis­sen­schaft seit Jahr­zehn­ten fröh­lich an der Pra­xis vor­bei und der Homo oeco­no­mi­c­us lie­fer­te eine Steil­vor­la­ge für unsin­ni­ges Geldschef­feln. Dage­gen müss­te es doch Auf­ga­be der Öko­no­mie sein, die Wirk­lich­keit in all ihren Facet­ten zu begrei­fen, also bei­spiels­wei­se auch die Rol­le der Finanz­wirt­schaft in die öko­no­mi­schen Theo­ri­en zu inte­grie­ren, was bis heu­te in der Main­stream-Öko­no­mie nicht gesche­hen ist.
Erfreu­li­cher­wei­se ste­hen wir mit die­sen Über­le­gun­gen nicht allei­ne da. Über die letz­ten Jah­re ist auch die Zahl der Pro­fes­so­ren und Stu­den­ten, die ein Umden­ken for­dern, stark ange­wach­sen. So haben sich in dem Netz­werk „Inter­na­tio­nal Stu­dent Initia­ti­ve for Plu­ra­lism in Eco­no­mics“ Stu­den­ten­grup­pen aus über 30 Län­dern zusam­men­ge­schlos­sen, die sich für eine plu­ra­le Öko­no­mik ein­set­zen. So kann der Sinn und Zweck des Wirt­schaf­tens neu gestal­tet wer­den.

FA: Wir haben in Deutsch­land einen gro­ßen Schatz an Den­kern, der über­haupt nicht genutzt wird. Dabei sind die Grund­fra­gen der Öko­no­mie phi­lo­so­phi­sche Fra­gen: Mit wel­chem Ziel wirt­schaf­ten wir? Wel­che Bedürf­nis­se soll und kann die Wirt­schaft bedie­nen? Was ist Wohl­stand? Was ist gerecht? Und so wei­ter. Ich glau­be, die Phi­lo­so­phie hat heu­te die Mög­lich­keit, ihre gan­ze gesell­schaft­li­che Spreng­kraft zu offen­ba­ren.

 

AP: Dann ist die agora42 also ein Tro­ja­ni­sches Pferd? Sie nennt sich phi­lo­so­phi­sches Wirt­schafts­ma­ga­zin und schleust in Wirk­lich­keit heim­lich die Revo­lu­ti­on ein?

FA: Sagen wir es so: Es geht dar­um, Gewohn­hei­ten sicht­bar zu machen. Solan­ge bestimm­te öko­no­mi­sche Model­le oder Hand­lungs­prin­zi­pi­en gut funk­tio­nie­ren, ist es voll­kom­men okay, wenn man sich an sie hält. Wich­tig ist nur, dass man nicht aus Denk­faul­heit den Boden­kon­takt ver­liert. Wenn gewohn­te Denk- und Hand­lungs­wei­sen in den Rang höhe­rer Wahr­hei­ten erho­ben wer­den, begin­nen die Pro­ble­me. Dann wird es schnell abs­trakt. Man darf nicht ver­ges­sen: Wir sind „die Wirt­schaft“. Wir sind „das Sys­tem“. Es gibt kei­ne zusam­men­hän­gen­de Ord­nung namens „der Markt“, son­dern nur Leu­te, die irgend­wo irgend­was pla­nen, pro­du­zie­ren, ver­kau­fen, kon­su­mie­ren … Sobald wir unse­re Gewohn­hei­ten ändern, kön­nen wir das alles neu stri­cken. Ganz ohne gewohn­te Mus­ter und Ord­nun­gen geht es natür­lich nie, aber wir sind doch frei dar­in, unse­re Ord­nun­gen, Sys­te­me und Zwän­ge selbst zu wäh­len!

 

AP: Ich ken­ne vie­le Men­schen, die wür­den jetzt auf­schrei­en. Sie hän­gen an der Idee, Opfer zu sein und als sol­che eben nicht ihre Zwän­ge wäh­len zu kön­nen.

WB: Eine Idee, der wir lei­der täg­lich begeg­nen. Vie­le Zwän­ge ent­ste­hen erst dadurch, dass man nicht eigen­ver­ant­wort­lich han­deln will. Kein Mensch ist gezwun­gen, einen Kre­dit für ein Haus auf­zu­neh­men, den er dann drei­ßig Jah­re abbe­zah­len muss und der ihn an einen Job bin­det, mit dem er unglück­lich ist. Wen bestimm­te Zwän­ge stö­ren, der muss auch bereit sein, sein Leben zu ver­än­dern. Es ist an der Zeit, mehr vom Leben zu erwar­ten. Das ist doch eine fro­he Bot­schaft: Hey, du bist viel mäch­ti­ger, als du glaubst!

 

AP: Ihr Ansatz hat sich durch die Erfah­run­gen, die Sie in den letz­ten Jah­ren gemacht haben, sicher­lich ver­än­dert. Wel­che Bril­le hat­ten Sie am Anfang auf, wel­che jetzt?

Die Künst­le­rin Anna Poet­ter besuch­te die Redak­ti­on der agora42 in Stutt­gart.

WB: Wir haben die agora42 als Print­pro­dukt gestar­tet, weil uns die­se Form für unser Anlie­gen am bes­ten geeig­net erschien. Aller­dings sind uns mit der Zeit die Begren­zun­gen die­ses Medi­ums immer deut­li­cher gewor­den. Die Print­form stellt zwangs­läu­fig eine Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form dar, die haupt­säch­lich in eine Rich­tung funk­tio­niert: von uns zum Leser. Auf Dau­er ist uns das zu wenig. Die agora42 soll ja ein Markt­platz sein, auf dem man sich aus­tau­schen kann, und kein Fron­tal­un­ter­richt. Des­halb sind wir in den letz­ten Jah­ren immer mehr in den Kon­takt mit ande­ren Initia­ti­ven und vor allem auch mit Unter­neh­men getre­ten, die ja letzt­lich die Wirt­schaft aus­ma­chen. Schließ­lich muss sich die Theo­rie in der Pra­xis bewei­sen. Unser Ziel ist es, die agora42 zu einem ganz neu­en gesell­schaft­li­chen Medi­um zu machen – für das wir noch auf der Suche nach der rich­ti­gen Form sind. Da sind wir natür­lich auch für ver­rück­te Vor­schlä­ge und Ide­en offen. Der Wan­del kann kom­men.

FA: Viel­leicht waren wir am Anfang noch auf der Suche nach der einen, der bes­ten Bril­le. Nach und nach sind wir zu Pro­fis des Bril­len­wech­sels gewor­den – wenn man die Bril­le als die Per­spek­ti­ve ver­steht, aus der man ein bestimm­tes Pro­blem betrach­tet. Oft­mals dre­hen sich Dis­kus­sio­nen im Kreis, weil man sich nicht traut, aus sei­nem gewohn­ten Rah­men her­aus­zu­tre­ten. Wir sind der Über­zeu­gung, dass man sich gera­de in der heu­ti­gen Zeit mit Sze­na­ri­en kon­fron­tie­ren soll­te, die man gemein­hin für unwahr­schein­lich hält – die im Fall ihres Ein­tre­tens aber gera­de für Unter­neh­men von exis­ten­zi­el­ler Bedeu­tung sind. Wer hät­te noch 2007 gedacht, dass 2008 eini­ge der größ­ten Invest­ment­ban­ken der Welt plötz­lich ver­schwin­den wür­den?

 

AP: Sie wol­len eine Ver­än­de­rung in der Wirt­schaft. Dabei heißt es doch immer, dass es zur gän­gi­gen öko­no­mi­schen Pra­xis kei­ne Alter­na­ti­ven gebe. Inwie­fern hat Neu­es da noch eine Chan­ce?

FA: Wir wol­len die Ver­än­de­rung nicht nur – sie ist unaus­weich­lich. Schließ­lich haben Wachs­tum, Wohl­stand und Fort­schritt als öko­no­mi­sche Leit­be­grif­fe aus­ge­dient. Die Fra­ge ist nur, ob wir mutig oder ängst­lich ins Neue gehen. In sei­nen Anfän­gen war der Kapi­ta­lis­mus etwas Fas­zi­nie­ren­des und Revo­lu­tio­nä­res. Du konn­test es hier auf der Erde schaf­fen, warst dei­nes eige­nen Glü­ckes Schmied und muss­test nicht mehr dar­auf hof­fen, dass dei­ne Wün­sche erst im Jen­seits erfüllt wer­den. Du stan­dest plötz­lich vor jeder Men­ge Alter­na­ti­ven. Dadurch wur­de das gesam­te Sozi­al­ge­fü­ge revo­lu­tio­niert. Heu­te hat die­se „öko­no­mi­sche Reli­gi­on“ ihre Magie ver­lo­ren. Das führt zur tota­len Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit. Noch im letz­ten Jahr­hun­dert war alles ganz ein­fach: erst der Schwarz-Weiß-Fern­se­her, dann der Farb­fern­se­her, dann der Flach­bild­schirm; erst eine klei­ne Woh­nung, dann eine grö­ße­re, dann ein Haus im Grü­nen; erst der Cam­ping­ur­laub in Deutsch­land, dann die Fahrt nach Ita­li­en, dann der Flug nach Über­see … Man wuss­te ein­fach, wohin die Rei­se geht. Das war Ori­en­tie­rung pur! Das war Hei­mat. Bei der Angst vor Neu­em geht es nicht pri­mär um Geld, Sta­tus oder Lebens­qua­li­tät, son­dern um die Angst, sei­ne Hei­mat zu ver­lie­ren.

 

AP: Die Alter­na­ti­ve müss­te also dar­in bestehen, den Hei­mat­ver­lust hin­zu­neh­men. Aber sind die Men­schen dazu in der Lage?

Wir wol­len die Zeit ver­ste­hen, in der wir leben.” Frank Augus­tin und Wolf­ram Bern­hardt grün­de­ten 2009 das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin.

WB: Viel­leicht nicht alle Men­schen. Aber wir müs­sen uns auch von der nai­ven Vor­stel­lung ver­ab­schie­den, dass ein Tag kom­men wird, an dem alle Men­schen plötz­lich gemein­sam an einem Strang zie­hen wer­den. Viel­mehr geht es dar­um, ein­fach schon mal los­zu­le­gen. Als die Ber­li­ner Mau­er fiel, waren auch nicht alle Men­schen auf der Stra­ße. Es gab nur eini­ge weni­ge, die das dif­fu­se Gefühl des Unmuts zum Aus­druck brach­ten. Damit befrei­ten sie ein gan­zes Land von der Dik­ta­tur.
Ich glau­be, dass ein ähn­li­ches Gefühl des Unmuts sich auch heu­te breit macht. Umso mehr freue ich mich, dass es auch immer mehr Men­schen gibt, die von die­sem Gefühl nicht gelähmt wer­den oder in Kon­fron­ta­ti­ons­hal­tung gehen, son­dern kur­zer­hand eine Initia­ti­ve, eine Par­tei oder ein Unter­neh­men grün­den; die sich gar nicht mit dem Hei­mat­ver­lust auf­hal­ten, son­dern ganz selbst­be­wusst und freu­dig die ers­ten Schrit­te hin zu einer neu­en Gesell­schaft gehen. Bei­spiels­wei­se sind bei der letz­ten Gemein­de­rats­wahl in Stutt­gart so vie­le neu gegrün­de­te Wäh­ler­ver­ei­ni­gun­gen ange­tre­ten wie noch nie zuvor. Auch bei der Berufs­wahl kann man beob­ach­ten, dass vie­le ihr eige­nes Ding der klas­si­schen Kon­zern­kar­rie­re vor­zie­hen.

 

AP: Kann der Über­gang zu Neu­em nicht auch schlei­chend erfol­gen?

FA: Dar­auf hof­fen vie­le. Aber ich kann mir nicht vor­stel­len, dass er so gere­gelt ablau­fen wird, wie man dies gern hät­te. So nach dem Mot­to: Erst geht nur die­se oder jene Bran­che plei­te – das wird dann ander­wei­tig kom­pen­siert. Dann kommt der nächs­te Ban­ken­crash – der wird auch irgend­wie abge­fe­dert. Und die sozia­len Kon­flik­te eska­lie­ren immer nur dann, wenn es gera­de nichts ande­res zu tun gibt. Nein, vie­les wird gleich­zei­tig her­ein­rau­schen. Man darf nicht ver­ges­sen: Die Staa­ten haben schon ihre gan­zen Reser­ven ver­pul­vert, da gibt’s kei­nen Spiel­raum mehr für neue „Ret­tun­gen“. Die finan­zi­el­le Situa­ti­on ist viel pre­kä­rer gewor­den. Die Bür­ger haben phy­sisch und psy­chisch seit Aus­bruch der Kri­se eben­falls gelit­ten. Ihren Sinn- und Ori­en­tie­rungs­ver­lust haben sie durch emsi­ges Arbei­ten und über­kor­rek­tes Ver­hal­ten kom­pen­siert, immer mehr Leu­te bewe­gen sich kom­plett am Limit. Die Fol­gen sind Unzu­frie­den­heit, Stress und Streit.

 

AP: Die­sen Ein­druck hat­ten fast alle Leu­te, mit denen ich inten­si­ver gespro­chen habe – durch alle sozia­len Schich­ten und alle Alters­grup­pen hin­durch. Sie drü­cken es viel­leicht unter­schied­lich aus, aber wenn man sie alle an einen Tisch brin­gen wür­de, könn­te man fest­stel­len, dass jemand, der an der Bör­se arbei­tet, ähn­li­che Gedan­ken hat wie eine Eth­no­lo­gie-Stu­den­tin. Da lie­gen nicht immer nur sozia­le Wel­ten dazwi­schen, son­dern auch Jahr­zehn­te an Lebens­er­fah­rung.

WB: Das ver­blüfft mich auch immer wie­der: Fast jeder, den ich tref­fe, hat sei­ne Lebens­si­tua­ti­on ratio­nal durch­stie­gen und kann mir die Nach­tei­le und Zwän­ge sei­ner Lebens­wei­se auf­zäh­len. Aber die­se wich­ti­gen Erkennt­nis­se wer­den irgend­wie vom eige­nen Han­deln getrennt. Es heißt dann: „Ja, aber das macht doch jeder so“ oder „Ja, aber ande­re machen noch schlim­me­re Sachen“ oder „Tja, so ist lei­der die Rea­li­tät“. Ich fra­ge mich, was Erkennt­nis­se über­haupt brin­gen, wenn man sie nicht in die Tat umsetzt. Wie kommt es, dass vie­le den Unsinn ihres Tuns begrif­fen haben und den­noch ihre Erkennt­nis­se von ihrem per­sön­li­chen Leben abkop­peln?

FA: Man glaubt eben, dass man sich „dem Markt“ anpas­sen und sei­nen „Geset­zen“ Fol­ge leis­ten muss. Es ist so, wie Marx das in Bezug auf die Waren­pro­duk­ti­on gezeigt hat: Sobald ein bestimm­tes Ding nicht mehr nur Ding ist, son­dern zur Ware wird, kommt es in einen ziem­lich ver­rück­ten Kon­text hin­ein. Es wird qua­si selbst ver­rückt. So auch die Men­schen, deren Hand­lungs­wei­sen sich irgend­wann kom­plett ver­selbst­stän­di­gen: Man tut etwas, ohne zu wis­sen, dass und war­um man es tut. Und heu­te kommt erschwe­rend hin­zu, dass vie­le etwas tun, von dem sie ganz genau wis­sen, dass es ver­rückt ist, es zu tun. Den­noch fah­ren sie damit fort.

 

AP: Der Zug fährt noch, und solan­ge das so ist, fah­re ich halt noch mit, ansons­ten mache ich viel­leicht einen Ver­lust.

FA: Da wäre ein Ego­is­mus im guten Sin­ne ange­sagt. Gera­de ist es so: Der Zug fährt auf eine zer­stör­te Brü­cke zu und die Insas­sen strei­ten sich um die bes­ten Plät­ze. Also: Anhal­ten, und alle aus­stei­gen bit­te!

Anna Poet­ter ist Künst­le­rin. 2014 pil­ger­te sie „Auf den Spu­ren des Gel­des“. Dabei besuch­te sie so ziem­lich alle Geld­häu­ser zwi­schen Zürich und Frankfurt/Main. Mehr dazu hier.

 

AP: Ist Geld in die­sem Zusam­men­hang dann viel­leicht eines der größ­ten Hin­der­nis­se? Jene, die viel davon besit­zen, haben Angst, es zu ver­lie­ren – und alle ande­ren wol­len mehr davon.

FA: Geld ist eine sozia­le Medi­zin. Es kann vie­les im sozia­len Mit­ein­an­der erleich­tern. Man über­le­ge sich mal, wel­che Schwie­rig­kei­ten man hät­te, wenn man alle Din­ge gegen­ein­an­der tau­schen müss­te. Bei län­ge­rer Fehl­an­wen­dung wird es aber zur Bewusst­seins­dro­ge mit hohem Sucht­fak­tor. Das ist heu­te der Fall.

 

AP: Nicht umsonst mache ich die Pil­ger­rei­se auf den Spu­ren des Gel­des, weil ich her­aus­fin­den möch­te, was Geld eigent­lich ist. Das hät­te ich also ger­ne etwas genau­er: Inwie­fern ist Geld eine Dro­ge?

FA: Kurz gesagt: Geld ist etwas, was die Welt ein­fach macht – in dem Sin­ne, dass es die ver­schie­dens­ten Sachen auf eine Ebe­ne bringt: auf jene der Zah­len. Geld­mün­ze oder Geld­schein trans­por­tie­ren die­se Zah­len genau­so wie ein Preis­schild oder eine Preis­an­ga­be auf einer Web­site. Mit­tels die­ser Zah­len kann man unzäh­li­ge Ver­glei­che anstel­len. „Ver­glei­chen“ über Zah­len, also über eine abs­trak­te Grö­ße, heißt aber, dass die ver­gli­che­nen Din­ge in einen Kon­text ein­ge­bet­tet wer­den, der ihnen einen Teil ihrer Eigen­stän­dig­keit raubt. Sie wer­den selbst abs­trak­ter. Gleich­zei­tig wer­den sie durch ihre Ein­bet­tung in der abs­trak­ten Zah­len­ord­nung mit­ein­an­der ver­bun­den, „ver­klebt“. Das betrifft nicht nur Pro­duk­te, son­dern auch Men­schen. Zum Bei­spiel hat auch die Arbeit ihren Preis, also ihre Zahl. So ent­steht über das Medi­um Geld in der Vor­stel­lung das Bild von einem ein­zi­gen Ver­bund, einem gro­ßen Gan­zen – eine Ord­nung mit dem Namen „Markt“. Eine kras­se Abs­trak­ti­on, die macht rich­tig süch­tig: Alles scheint so ein­fach, die Welt wird zum gro­ßen Spiel­platz. Sehr reiz­voll und sehr gefähr­lich.

 

AP: War­um gefähr­lich?

FA: Der Mensch ist ein Ord­nungs­we­sen. Er schaut immer danach, dass sich die Din­ge in sei­nem Umfeld in einer bestimm­ten Ord­nung befin­den. Sei­ne Woh­nung ist zum Bei­spiel eine Ord­nung – der Räu­me, der Was­ser­lei­tun­gen, aller mög­li­chen Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de. Die­se stel­len selbst auch wie­der Ord­nun­gen dar: Ein Regal ist eine Ord­nung oder ein Schreib­tisch. Er hat auch eine eige­ne Klei­der­ord­nung, eine Ord­nung der Haa­re, was weiß ich. Auch eine Schu­le ist eine Ord­nung, ein Amt, ein Unter­neh­men, der Ver­kehr … Und für all die­se Ord­nun­gen fühlt er sich mehr oder weni­ger ver­ant­wort­lich. Beim Markt ist das anders. Den, so glaubt er, gibt es ein­fach. Gott und Markt, das sind Ord­nun­gen, die der Mensch ein­fach als gege­ben hin­nimmt. Und das ist sehr pro­ble­ma­tisch. Denn er nimmt sich damit aus der Ver­ant­wor­tung. Markt­gläu­bi­ge den­ken, ein­fach bloß mit­schwim­men zu kön­nen – oder gar zu müs­sen. Sie ver­lie­ren dabei die Frei­heit, selbst ord­nend tätig zu sein. Und damit ihre Mensch­lich­keit. Inso­fern führt der Glau­be an eine gro­ße Ord­nung, heu­te der Glau­be an die Markt­ord­nung, dazu, dass die klei­nen Ord­nun­gen implo­die­ren. Das läuft fast schon mit phy­si­ka­li­scher Not­wen­dig­keit ab.

Im Hin­ter­hof, in den ehe­ma­li­gen Räu­men einer alten Dru­cke­rei, ent­steht heu­te das Maga­zin agora42.

 

AP: Das sind kei­ne guten Vor­aus­set­zun­gen für das Neue …

FA: Nicht wirk­lich. Solan­ge jeden­falls nicht, wie das gro­ße Gan­ze eines ein­heit­lich vor­ge­stell­ten Mark­tes nicht radi­kal infra­ge gestellt wird. Die Geld-Ver­hält­nis­se, in denen wir heu­te fest­sit­zen, las­sen es nicht zu, dass die Fähig­kei­ten der Men­schen ent­wi­ckelt wer­den kön­nen. Weil sie eben zu kleb­rig sind. Ähn­lich wie bei Nietz­sches Befund, dass der Glau­be an Gott im Leben der Men­schen sei­ne ori­en­tie­ren­de Funk­ti­on ver­lo­ren hat, könn­te es aber auch ein­mal hei­ßen: „Der Markt ist tot“. Löst sich der Kle­ber, ver­än­dert das alle gesell­schaft­li­chen Kon­stel­la­tio­nen. Die Bedeu­tun­gen der ein­zel­nen – qua­si frei­ge­stell­ten – Din­ge und jene mensch­li­chen Tuns wür­den sich radi­kal ver­än­dern. Dann ent­stün­de tat­säch­lich eine neue Welt. Natür­lich wären die ein­zel­nen Din­ge immer noch phy­sisch vor­han­den, aber wir wür­den sie anders wahr­neh­men und bewer­ten. Vor allem wür­den neue Frei­räu­me ent­ste­hen.

WB: Da sind wir bei unse­rem Stutt­gar­ter Haus- und Hof-Phi­lo­so­phen ange­langt. Hegel sag­te: „Ist erst das Reich der Vor­stel­lung revo­lu­tio­niert, so hält die Wirk­lich­keit nicht aus.“ Und genau so ist es. Wenn eine ande­re Vor­stel­lung von Wirt­schaft und Gesell­schaft ent­wi­ckelt wird, dann kann die Wirk­lich­keit plötz­lich ganz anders aus­se­hen. Viel­leicht sind ja die Jün­ge­ren offe­ner für so etwas …

 

 

 

 

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agora42 ist das phi­lo­so­phi­sche Wirt­schafts­ma­ga­zin und erscheint seit 2009 im Eigen­ver­lag in Stutt­gart. Alle drei Mona­te ver­öf­fent­li­chen wir ein neu­es The­men­heft. Dabei wid­men wir uns den gro­ßen Fra­gen der Öko­no­mie, wie etwa Frei­heit, Wachs­tum, Fort­schritt, Gerech­tig­keit, Nach­hal­tig­keit u.v.m. Anspruchs­voll, aber trotz­dem ver­ständ­lich las­sen wir Den­ker und Prak­ti­ker zu Wort kom­men, die meist nur in ihren spe­zi­el­len Fach­krei­sen gele­sen wer­den – aber deren Erkennt­nis­se für alle Men­schen von Bedeu­tung sind.

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